er vor sich einen Herrn, der keine Anstalten machte, ihm auszuweichen.
Dschahan rief etliche Male laut: »Geh aus dem Wege!«; aber der Herr
rührte sich nicht, und Dschahan konnte nicht mit seinem Gefährte
ausweichen, da der Weg abschüssig und schmal war. Drum warf Dschahans
Karren den Herrn um, und so kam es, daß Dschahan eines Tages zum
Gerichte vorgeladen wurde. Dort antwortete er nun auf keine Frage der
Richter, und diese sagten zu dem Kläger: »Der Angeklagte ist ja stumm;
gegen einen Stummen gehn wir nicht vor.« Doch der Ankläger entgegnete:
»Das ist doch wohl eine Finte dieses boshaften Menschen, da ich ganz
genau weiß, daß er sprechen kann. Er rief mir ja damals, bevor er mich
überfuhr, zu: ›Geh aus dem Wege!‹ und nicht nur einmal, sondern mehrere
Male.« Aber da stand der Richter auf und schrie den Kläger an: »Was
suchst du uns dann auf? wir haben andere Sachen zu tun, als Leuten wie
dir zu helfen! Warum bist du nicht ausgewichen, als er dich angerufen
hat? Jetzt mußt du die Gerichtskosten bezahlen.« Dschahan aber ging
straflos heim.
V.
Sizilianische Überlieferungen
426.
Es wird erzählt, daß einmal eine Mutter war, die einen Sohn hatte,
Giufà mit Namen, und sie war sehr arm; dieser Giufà war ein Tölpel und
ein fauler Lümmel und ein Schelm. Seine Mutter hatte etwas Leinwand und
da sagte sie zu Giufà: »Wir nehmen etwas Leinwand, und du gehst sie
in einem weit entfernten Dorfe verkaufen; sie darf aber nur an Leute
verkauft werden, die wenig reden.« Giufà warf sich die Leinwand über
die Schulter und ging sie verkaufen.
In einem Dorfe angelangt, begann er zu schreien: »Wer will die
Leinwand?« Die Leute riefen ihn und fingen viel zu reden an; der eine
meinte, sie sei zu grob, der andere, zu teuer. Giufà meinte, sie
redeten zu viel, und wollte sie ihnen nicht geben. Wie er nun dahin
und dorthin ging, kam er in einen Hof; dort war kein Mensch, aber eine
gipserne Statue sah er, und zu der sagte er: »Wollt Ihr die Leinwand
kaufen?« Die Statue sagte kein Wort, und so sah er, daß sie wenig
redete. »Da muß ich die Leinwand also Euch verkaufen, weil Ihr wenig
redet.« Er nahm die Leinwand und hängte ihr sie um: »Morgen komme ich
dann um das Geld.« Und damit ging er.
Als es tagte, ging er um das Geld; die Leinwand war nicht mehr da, und
er sagte: »Gib mir das Geld für die Leinwand.« Die Statue antwortete
nichts. »Da du mir das Geld nicht geben willst, werde ich dir zeigen,
wer ich bin.« Er holte sich ein Beil und schlug auf die Statue los,
bis sie zusammenstürzte; und in ihrem Bauche fand er einen Krug voll
Geld. Er steckte das Geld in den Sack und ging heim zu seiner Mutter;
angekommen, sagte er zu ihr: »Ich habe die Leinwand einem verkauft, der
nichts redete, und am Abende hat er mir kein Geld gegeben; da bin ich
am Morgen mit einem Beile hingegangen und habe ihn erschlagen und zur
Erde geworfen, und da hat er mir dieses Geld gegeben.« Die Mutter, die
eine kluge Frau war, sagte zu ihm: »Sag niemand etwas; das Geld wollen
wir langsam verzehren.«
427.
Ein andermal sagte die Mutter zu ihm: »Giufà, ich habe da ein Stück
Leinwand, das muß ich färben lassen; geh damit zum Färber und laß es
ihm dort, er soll es dunkelgrün färben.« Giufà warf die Leinwand über
die Schulter und ging. Unterwegs sah er eine schöne, große Eidechse;
da er sah, daß sie grün war, sagte er: »Meine Mutter schickt mich und
sie will diese Leinwand gefärbt haben.« Und dabei legte er sie nieder.
»Morgen komme ich sie holen.«
Als er heimkam und seine Mutter die Geschichte hörte, begann sie sich
die Haare auszuraufen und zu jammern: »Du elender Kerl! was für einen
Schaden machst du mir! Lauf, und schau, ob sie noch dort ist!« Giufà
ging zurück, aber die Leinwand war verschwunden.
428.
Man erzählt, daß Giufà eines Morgens Kräuter sammeln gegangen ist, und
dabei hat ihn die Nacht im Freien überrascht; wie er so dahinschritt,
war da der Mond, und der war umwölkt und kam zum Vorschein und
verschwand wieder. Giufà setzte sich auf einen Felsen und schaute zu,
wie der Mond kam und ging; und wann er kam, sagte er: »Komm! komm!«
und wann er ging: »Geh! geh!« Und er hörte nicht auf, zu sagen: »Komm!
komm! Geh! geh!«
Nun waren unten am Wege zwei Diebe, die ein Kalb häuteten, das sie
gestohlen hatten. Da die sagen hörten: »Komm! Geh!«, befiel sie die
Angst, daß die Häscher kämen; sie nahmen Reißaus und ließen das Fleisch
liegen. Als Giufà die zwei Diebe laufen sah, ging er nachsehn, was es
gebe, und da fand er das gehäutete Kalb; er nahm das Messer, schnitt
tüchtig Fleisch herunter, füllte damit seinen Sack und ging. Zu Hause
angekommen, sagte er: »Mutter, macht auf!« Seine Mutter sagte zu
ihm: »Warum kommst du so spät in der Nacht?« »Ich bin in der Nacht
gekommen, weil ich Fleisch gebracht habe, und das müßt Ihr morgen alles
verkaufen; das Geld wird mir trefflich zustatten kommen.« Seine Mutter
sagte zu ihm: »Morgen gehst du wieder hinaus, und ich verkaufe das
Fleisch.« Als es Tag geworden war, ging Giufà hinaus, und seine Mutter
verkaufte das ganze Fleisch.
Am Abende kam Giufà und sagte zu ihr: »Mutter, habt Ihr das Fleisch
verkauft?« »Ja, ich habe es den Fliegen auf Kredit verkauft.« »Und wann
sollen sie Euch das Geld geben?« »Wann sie es haben.« Es vergingen
acht Tage und die Fliegen brachten kein Geld; da machte sich Giufà
auf und ging zum Richter und sagte zu ihm: »Herr Richter, ich will
Gerechtigkeit haben; ich habe das Fleisch den Fliegen auf Kredit
verkauft, und sie sind mich nicht bezahlen gekommen.« Der Richter sagte
zu ihm: »Ich gebe dir den Spruch, daß du jede, die du nur siehst,
töten darfst.« Just in diesem Augenblicke setzte sich eine Fliege
auf des Richters Kopf; Giufà schlug mit der Faust auf sie los und
zertrümmerte dem Richter den Schädel.
429.
Von der Arbeit wollte Giufà nichts wissen, aber essen, trinken und
nichtstun gefiel ihm. Er aß, und dann ging er weg und trieb sich hier
und dort herum. Seine Mutter war darüber ärgerlich, und immer sagte
sie zu ihm: »Giufà, was für ein Lebenswandel ist das? Du machst ja
keine Anstalt, ein Handwerk zu ergreifen: du ißt, du lebst, und was aus
dir wird, das ist die Frage.... Jetzt dulde ich das aber nicht mehr:
entweder du gehst dir dein Brot verdienen, oder ich werfe dich auf die
Straße.«
Nun ging Giufà einmal in die Cassarustraße[9], um sich Kleider zu
verschaffen. Bei dem einen Händler nahm er das eine, das andere bei dem
andern, bis er ganz neu gekleidet war, sogar auch mit einer schönen
roten Mütze — damals gingen alle mit Mützen; jetzt geht der schäbigste
Handwerker mit einem Seidenhut oder wenigstens mit einem Filzhut.
Aber Giufà bezahlte die Sachen nicht, weil er kein Geld hatte; er
sagte: »Borg mir; dieser Tage komme ich zahlen.« Und so sagte er allen
Händlern.
Als er sich ordentlich herausstaffiert hatte, sagte er: »Nun also,
jetzt wären wir so weit; jetzt kann meine Mutter nicht mehr sagen, ich
sei ein Taugenichts! Aber wie soll ich es mit der Bezahlung der Händler
machen? .... Ich werde mich tot stellen, und wir werden sehn, wie es
ausgeht ...« Er warf sich aufs Bett: »Ich sterbe! ich sterbe! .... Ich
bin gestorben!« Und er kreuzte die Hände und streckte die Beine. »Sohn,
Sohn! was für ein Unglück!« Seine Mutter raufte sich vor Schmerz die
Haare aus. »Wie ist denn das Unglück geschehn? O mein Sohn!« Als die
Leute diesen Lärm hörten, liefen sie herbei, und alle bemitleideten
die arme Mutter. Die Kunde verbreitete sich, und die Kaufleute kamen
nachsehn, und die sagten, als sie ihn tot sahen: »Armer Giufà! Er war
mir — sagen wir — sechs Tari schuldig, weil ich ihm ein Paar Schuhe
verkauft habe .... Aber ich schenke sie ihm!« Und alle gingen und
schenkten ihm ihre Guthaben, so daß Giufà aller seiner Schulden ledig
war. Der von der roten Mütze jedoch hatte, ich weiß nicht, was für
einen Ärger; er sagte: »Ich aber lasse ihm die Mütze nicht.« Er ging
hin und fand die Mütze nagelneu auf seinem Kopfe. Und was hat er getan?
Am Abende, als die Leichenknechte Giufà nahmen und ihn in die Kirche
trugen, um ihn dann zu begraben, ging er hinterdrein und ging, ohne von
jemand bemerkt zu werden, in die Kirche. Nach einer Weile, es mochte so
gegen Mitternacht gewesen sein, schlichen etliche Diebe in die Kirche;
sie kamen, um einen Sack Geld zu teilen, den sie gestohlen hatten.
Giufà rührte sich nicht von seiner Bahre, und der von der Mütze verbarg
sich hinter einer Tür und wagte kaum zu atmen. Die Diebe leerten das
Geld auf einen Tisch, so daß er ganz voll wurde von Gold und Silber
— denn zu jener Zeit lief das Silber wie das Wasser — und machten so
viel Häufchen, wie sie Leute waren. Ein Dutzend Tari blieb über, und
nun wußten sie nicht, wer es sich nehmen sollte. »Um einen Streit zu
vermeiden,« sagte einer, »wollen wir es so machen: da ist ein Toter,
und auf den wollen wir schießen, und wer ihn auf den Mund trifft, soll
die zwölf Tari haben.« Alle billigten diesen Vorschlag: »Sehr gut! sehr
gut!«; und schon hatten sie sich vorbereitet, um auf Giufà zu schießen.
Als das Giufà sah, erhob er sich auf der Bahre und stieß ein Gebrüll
aus: »Auf, ihr Toten, allesamt!« Was brauchte es bei den Dieben mehr?
Sie ließen alles im Stich, und hilf mir, heiliger Reißaus, sie laufen
noch immer. Als sich Giufà allein sah, stand er auf und eilte, um sich
der Häufchen zu bemächtigen. Da kam aber auch schon der von der Mütze
hervor, der sich, ohne sich zu mucksen, verkrochen gehabt hatte, und
lief zu dem Tische hin, um das Geld zu packen. Genug: auf jeden kam die
Hälfte und sie teilten das Geld. Ein Fünfgranistück blieb übrig; Giufà
rief: »Das nehme ich mir!« »Nein, der Fünfer gehört mir.« »Mir gehört
er.« »Pack dich, das ist nichts für dich; die fünf Grani sind mein.«
Giufà erwischte eine Stange und stellte sich, um sie dem von der Mütze
um den Schädel zu schlagen; er sagte: »Her mit den fünf Grani! die fünf
Grani will ich!« In diesem Augenblicke kamen die Räuber zurück, um zu
sehn, was die Toten machten; denn es däuchte sie allzu schmerzlich, das
ganze Geld einzubüßen. Sie stellten sich hinter die Kirchentür, und da
hörten sie diesen Wortwechsel und mächtigen Lärm wegen der fünf Grani.
Sie sagten: »Dummköpfe! fünf Grani kommen auf einen, und dazu reicht
das Geld nicht aus. Wer weiß, wie viel Tote aus dem Grabe gekommen
sind!« Damit nahmen sie die Beine in die Hand und entflohen.
Giufà nahm die fünf Grani, lud sich seinen Geldsack auf und ging nach
Hause.
430.
Giufà hörte einmal am Morgen, als es dämmerte und er im Bette lag,
die Pfeife blasen, und da fragte er seine Mutter: »Mutter, wer ist
denn der, der vorbeigeht?« Seine Mutter sagte zu ihm: »Das ist der
Morgensänger.« Dieser Morgensänger kam allmorgendlich vorbei. Eines
Morgens stand nun Giufà auf und ging und tötete den Morgensänger, der
ein Mann war, der die Pfeife blies; dann ging er zu seiner Mutter
und sagte zu ihr: »Mutter, den Morgensänger habe ich getötet.« Seine
Mutter, die begriff, daß er den Mann getötet hatte, der die Pfeife
geblasen hatte, nahm den Toten, trug ihn ins Haus und warf ihn in den
Brunnen, der gerade ohne Wasser war.
Als Giufà den Mann tötete, war er von einem beobachtet worden, und der
ging hin und erzählte es dessen Verwandten; alsbald machten sich die
auf und führten bei Gericht Klage, daß Giufà den Morgensänger getötet
habe.
Der Mutter Giufàs, die klug war, fiel es ein, daß sie einen Hammel
hatte; den tötete sie und warf ihn in den Brunnen. Das Gericht kam zu
Giufà, um den Totschlag zu bewähren, und die Verwandten des Toten kamen
allesamt mit. Der Richter sagte zu Giufà: »Wohin hast du den Toten
gebracht?« Giufà antwortete in seiner Dummheit: »In den Brunnen habe
ich ihn geworfen.« Sie banden Giufà an einen Strick und ließen ihn in
den Brunnen hinab; auf dem Boden angekommen, machte er sich ans Suchen.
Er stieß und tappte auf Wolle, und da sagte er zu den Söhnen des Toten:
»Hatte dein Vater Wolle?« »Mein Vater hatte keine Wolle.« »Der da hat
Wolle; es ist dein Vater nicht.« Dann traf er auf den Schwanz: »Hatte
dein Vater einen Schwanz?« »Mein Vater hatte keinen Schwanz.« »Dann
ist das nicht dein Vater.« Dann fand er, daß der im Brunnen vier Füße
hatte, und sagte: »Wie viel Füße hatte dein Vater?« »Mein Vater hatte
zwei Füße.« Giufà antwortete: »Der da hat vier Füße; er ist dein Vater
nicht.« Dann tastete er an den Kopf: »Hatte dein Vater Hörner?« Die
Söhne antworteten: »Mein Vater hatte keine Hörner.« Giufà antwortete:
»Der da hat Hörner; er ist dein Vater nicht.« Der Richter antwortete:
»Giufà, ob mit den Hörnern, ob mit der Wolle, bring ihn herauf.« Sie
zogen Giufà herauf und er hatte den Hammel auf der Schulter; das
Gericht sah, daß es wirklich ein Hammel war, und sprach Giufà frei.
431.
Die Mutter Giufàs hatte ein kleines Mädchen, und das hütete sie wie
ihren Augapfel. Als sie nun eines Tages zur Messe gehn mußte, sagte sie
zu ihrem Sohne: »Giufà, schau, ich gehe zur Messe: die Kleine schläft;
koch ihr den Griesbrei und gib ihn ihr zu essen.« Giufà kochte einen
großen Topf Griesbrei, und als der gekocht war, nahm er einen großen
Löffel voll und stopfte ihn der Kleinen in den Mund. Das Kind fing
mächtig zu schreien an, weil es sich arg verbrannt hatte, und nach zwei
Tagen starb es, da der Mund brandig wurde. Die Mutter wußte sich keinen
Rat mehr mit diesem Sohne; sie nahm einen Stock und verprügelte ihn
tüchtig.
432.
Da Giufà ein halber Tölpel war, tat ihm niemand etwas zuliebe, wie
ihn einzuladen oder ihm einen Bissen zukommen zu lassen. Einmal kam
er in ein Pächterhaus, wo er etwas zu erhalten hoffte. Aber als ihn
die Pächtersleute so zerlumpt sahen, so fehlte wenig und sie hätten
die Hunde auf ihn gehetzt; und sie behandelten ihn so, daß er mehr
krumm als gerade von dannen ging. Seine Mutter begriff die Sache und
besorgte ihm schöne Hosen, ein Paar Strümpfe und eine Samtweste. Nun
ging Giufà als Bauer gekleidet in dasselbe Pächterhaus; da hättet ihr
Ehrenbezeigungen sehn können! Sie luden ihn zu Tische und überhäuften
ihn alle mit Aufmerksamkeiten. Obwohl aber Giufà sonst nicht bis fünf
zählen konnte, war er doch schlau genug, sich mit einer Hand den Wanst
zu füllen und mit der andern das, was übrig blieb, in die Taschen zu
stecken; und sooft er etwas einsteckte, sagte er: »Eßt nur, meine
lieben Kleider; ihr seid es ja, die eingeladen worden sind.«
433.
Es war einmal ein gewisser Giufà; zu dem sagte seine Mutter, als sie
zur Messe ging: »Giufà, schau, ich gehe jetzt zur Messe: schau, da ist
die Henne, die muß die Eier ausbrüten; nimm sie, füttere sie mit dem
Mansch und setze sie dann wieder auf die Eier, damit sie nicht kalt
werden.« Giufà bereitete also den Mansch aus Brot und Wein, nahm die
Henne und fütterte sie, und fütterte sie auf die Weise, daß er ihr
den Mansch mit dem Finger hineinstopfte; und dabei erstickte er sie
und sie verendete. Als er sah, daß es mit ihr aus war, sagte er: »Wie
soll ich es denn nun anstellen, daß die Eier nicht kalt werden? jetzt
setze ich mich selber drauf.« Er zog sich Hosen und Hemd aus und setzte
sich auf die Eier. Als dann seine Mutter heimkam, rief sie: »Giufà!
Giufà!« Giufà antwortete: »Gluck, gluck, ich kann nicht kommen; ich
bin jetzt die Henne und sitze auf den Eiern.« Seine Mutter schrie: »Du
Nichtsnutz, du Nichtsnutz! du hast mir ja alle Eier zerdrückt.« Giufà
stand auf, und die Eier waren ein Brei.
434.
Es war einmal ein großer Herr, und der hatte einen seltsamen Einfall.
Er sagte zur Winterszeit zu einem armen Teufel: »Wenn du dich getraust,
es eine Nacht lang, so wie du aus dem Leibe deiner Mutter gekommen
bist, am Ufer des Meeres auszuhalten, so gebe ich dir, wenn du am
Morgen noch lebst, hundert Unzen; bist du am Morgen tot, so hast du die
Wette verloren.« Dieserhalb wurden Wachen aufgestellt: »Gebt acht auf
den da!«
In der Nacht fuhr nun ein Schiff vorüber. Der arme Wicht, der am
Strande war, streckte die Hände aus, als ob er sich hätte an dem Lichte
des Schiffes wärmen wollen. Der Morgen brach an, und die Wächter
meldeten dem Herrn: »Herr, er hat die ganze Nacht nackt verbracht; um
Mitternacht aber kam in einer Entfernung von hundert Meilen im Meere
ein Schiff mit dem Lichte vorbei, und daran hat er sich gewärmt.« Da
sagte der Herr zu dem, mit dem er gewettet hatte: »Ihr habt verloren;
Ihr habt Euch gewärmt, und damit habt Ihr die Wette verloren.«
Der, der die Wette verloren hatte, ging zu Giucà. Giucà sagte: »Warum
weinst du denn?« Er antwortete: »Heute Nacht bin ich demunddem auf
seinen seltsamen Einfall eingegangen; und weil ich, als ein Schiff
vorübergefahren ist, mit den Händen so gemacht habe, sagte er, ich
hätte mich gewärmt. Wie wäre das möglich? ... Und jetzt habe ich die
Wette verloren.« Giucà antwortete: »Hab keine Angst; bin ja ich da!
Aber sag mir, teilen wir das Geld, wenn ich dir den Sieg verschaffe?«
»Ja.« Nun versah sich Giucà mit einem Sack Kohlen und einem Hammel und
zündete die Kohlen an dem einen Ende von Trapani bei den Kapuzinern
an; dann nahm er einen Rost und stellte ihn in der Richtung über das
Kloster bei der Loggia auf. Er nahm den Hammel und legte ihn auf den
Rost, und das Feuer hatte er bei den Kapuzinern; und also begann er den
Hammel ohne Feuer zu braten. Alle Leute, die dieses törichte Treiben
sahen, den Hammel bei der Loggia und das Feuer bei den Kapuzinern,
fragten ihn, was er tue; und Giucà sagte zu ihnen: »Ich brate diesen
Hammel.«
Da kam auf einmal auch der von der Wette vorbei, und der sagte: »Was
tust du, Giucà?« »Ich brate diesen Hammel.« »Ja wo ist denn das Feuer?«
»Bei den Kapuzinern.« »Was soll das heißen? wie dumm!« »Verrückt
freilich und dumm,« sagte Giucà; »wie hat sich aber dann der da an dem
Lichte des Schiffes wärmen können, das doch hundert Meilen entfernt
war? Wie man den Hammel hier nicht braten kann, so hat sich auch der da
dort nicht wärmen können.«
Und nun erzählte Giucà den Leuten die ganze Geschichte, und der Herr
mußte die Wette bezahlen.
VI.
Kalabrische Überlieferungen
435.
Es war also einmal ein gewisser Hiohà. Der Vater und die Mutter wollten
ihm gut: sie hielten ihn für etwas ganz besonders; aber Hiohà war ein
Dummkopf. Was hat er nicht alles getan, dieser Hiohà!
Einmal schickten ihn der Vater und die Mutter, die sehr arm waren,
Kutteln waschen. »Gib acht,« sagte die Mutter, als er wegging, »gib
acht, daß du sie dort wäschst, wo viel Wasser ist.«
Nun begann Hiohà zu wandern. Er wanderte und wanderte, sah einen Bach
und machte nicht halt. Er wanderte und wanderte, sah einen Fluß und
machte noch immer nicht halt. Erratet ihr, wo er halt gemacht hat? Er
ist bis ans Meer gegangen. Dort begann er die Kutteln zu waschen und
abzureiben. Nachdem er sie eine Stunde abgerieben und gewaschen hatte,
wußte er nicht, ob sie gut gewaschen seien.
Wen hätte er fragen sollen? Wen hätte er nur fragen sollen? Er sah in
der Ferne ein Schiff mit Seeleuten drinnen. Da begann er zu pfeifen und
mit den Händen Zeichen zu machen. Als die Seeleute diese Bewegungen
sahen, kamen sie, weil sie nicht wußten, was es gebe, mit dem Schiffe
zum Ufer. »Was willst du?« sagten sie zu ihm, und Hiohà sagte zu ihnen:
»Sind diese Kutteln gut gewaschen oder nicht?«
»Der Teufel soll dich holen!« begannen die Seeleute; »der und jener
soll dich holen! Und wegen so etwas hast du uns gerufen? Der Teufel
soll dich holen!« Und damit gaben sie ihm eine Tracht Prügel, wirklich
eine ordentliche Tracht.
Nun begann Hiohà zu weinen und sagte: »Was habe ich euch getan, daß
ihr mich schlagt? Wie hätte ich denn sagen sollen, als ich das Schiff
gesehn habe?«
»Du hättest sagen sollen,« sagten die Seeleute zu ihm: »Guten Wind!
Guten Wind!«
Und so machte sich Hiohà davon.
436.
Eines Tages sagte Juvadi zur Mutter: »Geh du aufs Feld arbeiten; ich
bleibe zu Hause.« Und die Mutter antwortete: »Verrichte du alles; ich
gehe aufs Feld. Laß die Katze nicht zu den Speisen, bring das Bett in
Ordnung, gib acht auf die Gluckhenne und geh zum Flusse und besorge die
Wäsche.« Juvadi antwortete: »Ja, ja, Mutter.«
Und so ging sie aufs Feld. Aber anstatt das Bett in Ordnung zu bringen,
riß es Juvadi auseinander, nahm Polster und Strohsäcke und warf sie
mitten ins Haus; und er füllte eine Schwinge mit Mist und beutelte ihn
im Hause aus. Dann sagte er: »Ich bin hungrig.« Und er nahm und aß alle
Speisen; hierauf nahm er einen Kessel und sott die Gluckhenne samt den
Küchlein und aß sie. Dann tat er die Wäsche in einen Tragkorb und ging
damit zum Flusse; er warf sie ins Wasser und ging.
Wie er so dahinging, traf er einen Esel, und den packte er beim
Schwanz; der Esel schlug aus und verletzte ihn am Bein. Unter
bitterlichen Tränen ging Juvadi nach Hause; er verschloß die Tür und
setzte sich auf den Herd.
Am Abende kam die Mutter heim und rief an der Tür: »Juva’, mach mir
auf.« Er antwortete: »Nein.« »Ist dir etwas geschehn?« »Ja.« »Und
was ist dir denn geschehn?« »Die Katze hat die Speisen gefressen.«
»Das macht weiter nichts; wir kaufen andere. Mach mir auf, Juva’.«
»Nein.« »Warum denn? ist dir noch etwas geschehn?« »Ja.« »Und was
denn?« »Die Gluckhenne und die Küchlein sind weg.« »Das macht weiter
nichts; mach mir nur auf.« »Nein.« »Und warum denn nicht? ist dir noch
etwas geschehn?« »Ja.« »Und was ist dir denn geschehn?« »Ich bin zum
Flusse waschen gegangen, und das Wasser hat die Wäsche weggeschwemmt.«
»Ach das macht weiter nichts; öffne mir.« »Nein.« »Was ist dir denn
geschehn?« »Ein Esel hat mich am Beine verletzt.«
Nun erbrach die Mutter die Tür, und da fand sie das ganze Haus
verwüstet. Sie wäre bald vor Schreck gestorben; aber dann nahm sie
einen Stock, prügelte Juvadi tüchtig durch und jagte ihn aus dem Hause.
437.
Juvadi sagte zur Mutter: »Ich gehe auf den Markt.« Die Mutter
antwortete: »Kaufe einen Farren.« Sie gab ihm das Geld und Juvadi ging
auf den Markt. Er kaufte einen schönen Farren und ging mit ihm nach
Hause. Er kam bei den Mönchen vorbei und traf sie auf der Straße; kaum
hatten sie ihn gesehn, so sagten sie: »Juva’, wo bist du gewesen?«
Und Juvadi antwortete: »Ich bin auf dem Markte gewesen und habe einen
Farren gekauft.« Die Mönche antworteten einer nach dem andern: »Ist es
ein Farre oder ein Bock?« »Es ist ein Farre.« Es kam ein anderer Mönch
dazu: »Juva’, was ist das?« »Es ist ein Farre.« »Ist es ein Farre oder
ein Bock?« »Es ist ein Farre und kein Bock; ich habe ihn mit zwanzig
Dukaten bezahlt.« Der Guardian sagte: »Willst du ihn mir verkaufen?
ich gebe dir zehn Dukaten.« »Wenn es ein Bock ist, so nehmt ihn.« So
gab ihm der Guardian zehn Dukaten und er ging nach Hause. Die Mutter
sagte: »Was hast du gemacht?« »Ich habe das gemacht: Ich habe einen
schönen Farren gekauft, bin bei den Mönchen vorbeigekommen und sie
haben mir gesagt, es sei ein Bock; sie haben mir ihn abgekauft und mir
zehn Dukaten gegeben.« Die Mutter nahm einen Stock, prügelte Juvadi
durch und sagte: »Der Teufel soll dich holen! du hast dich also von den
Mönchen beschwatzen lassen?«
Nun verkleidete sich Juvadi als Frau, mit einem Rosenkranze in der
Hand, und ging in die Kapuzinerkirche und blieb dort. Als es Nacht
geworden war, kam der Sakristan und sagte: »Geh jetzt; ich muß die
Kirche schließen.« Er antwortete: »Laß mich aus Barmherzigkeit da
schlafen.« »Ich gehe es dem Guardian sagen.« Er ging und der Guardian
sagte: »Ja, ja, laß sie da schlafen.« Als es Mitternacht geworden war,
ging er sachte, sachte in die Zelle des Guardians, stellte sich vor
das Bett, zog einen Knüttel, den er unter dem Kleide verborgen hatte,
hervor und begann den Guardian zu verprügeln, indem er sagte: »Ist es
ein Farre oder ein Bock? ha? ist es ein Farre oder ein Bock? ha?« Und
dabei schlug er tüchtig zu, bis der Guardian halbtot dalag; dann ging
er. Am Morgen kamen die Mönche und da fanden sie den Guardian totelend.
Alsbald liefen sie um Ärzte, um zu sehn, was es sei.
Juvadi ging nach Hause, kleidete sich als Arzt und ging weg, um vor
den Kapuzinern herumzuschlendern. Ein Laienbruder kam heraus und sagte
zu ihm: »Wer ist Euere Herrlichkeit?« Juvadi antwortete: »Ich bin ein
fremder Arzt; ist hier jemand krank?« Der Mönch ging augenblicklich
hinein, es seinen Brüdern sagen, und die ließen ihn hereinkommen. Als
er drinnen war und seinen Kranken betrachtet hatte, sagte er: »Der hat
Schläge bekommen.«