»Das ist wahr, meine Liebe. Aber wenn mich die Dorfleute feiern sehn,

feiern sie; sehn sie mich zur Arbeit gehn, gehn auch sie. Ich, ich bin

wohl in der Lage, nichts zu tun; mir wird es an nichts mangeln. Daß ich

öffentlich so tue, geschieht nur, damit nicht die Kinder des Volkes

unaufhörlich im Hunger leben.«

Ein andermal sagte sie zu ihm: »Si Dscheha, wie ist nur das Kleid,

das du trägst, zugeschnitten? warum kleidest du dich nicht wie die

Sultanssöhne?«

»Meine Liebe,« antwortete er, »auf schöne Kleider gebe ich nichts

der Leute halber; sie machen alles, was ich mache: gehe ich ihnen im

Müßiggang voran, so arbeiten sie auch nichts mehr; gebe ich ihnen ein

Beispiel mit schönen Kleidern, so werden auch sie sich, wenn sie ein

paar Groschen haben, solche kaufen, und die ganze Familie wird Hunger

leiden.«

»Wieso ist es möglich gewesen, Si Dscheha, daß du mir gesagt hast:

›Ich bin Sultan‹? Ich sehe dich doch niemals das Herrscheramt ausüben.

Niemand im Volke nennt dich Sultan oder Sultanssohn. Du hast mich

belogen; du bist sicherlich nichts sonst als ein Bettler und legst dir

die Eigenschaft eines Sultans fälschlich bei.«

»Ich frage dich,« antwortete Dscheha, »was deine Absicht ist. Hast

du die Absicht, hier zu bleiben, so mach nicht die Närrin und bleib

in deinem Hause. Wenn du merkst, daß du den Verstand verloren hast

und meiner vielleicht überdrüssig bist, so geh wieder heim zu deinem

Vater. Ich liebe keine Leute, die sich, obwohl von geringem Stande,

doch besser dünken als die andern. Ich für meine Person bin der Sultan

meiner Brüder, und es ist mir unmöglich, jemand unrecht zu tun, wer

immer es sei.«

»Ich glaube es nicht eher, daß du Sultan bist, als bis du den Muezzin

getötet hast, der mich jeden Morgen so zeitlich früh weckt.«

»Morgen werde ich ihn töten,« sagte Dscheha. »Ich werde dir seinen

Kopf bringen, und du wirst so erkennen, ob ich ein Sultan bin oder ein

Betrüger.«

415.

Am nächsten Morgen ließ Dscheha den Muezzin bis auf die Spitze des

Minarets steigen; dann ging er ihm nach und schlug ihm den Kopf ab. Den

gab er seiner Frau mit den Worten: »Da hast du den Kopf des Menschen,

der dich alle Morgen früh geweckt hat.«

Und sie sagte: »Nun sehe ich, daß du Sultan bist.«

Dscheha ging einen Hammel kaufen, und den kehlte er ab. Den Kopf des

Muezzins warf er in den Brunnen; den Kopf des Hammels, den er getötet

hatte, versteckte er und legte ihn unter eine große Holzschüssel.

Gegen Mittag begannen die Leute den Muezzin zu suchen, konnten ihn aber

nicht finden. Endlich stiegen sie aufs Minaret, und dort fanden sie ihn

tot mit abgeschlagenem Kopfe. Und sie sagten: »Wer hat unsern Muezzin

getötet?« Einer nahm das Wort und sagte: »Si Dscheha habe ich heute

zeitlich früh hier heraufsteigen sehn; der hat ihn vielleicht getötet.«

Sie gingen zu Si Dscheha und sagten zu ihm: »Si Dscheha, hast du den

Muezzin getötet?«

»Nein,« antwortete er. »Was hat er mir getan, daß ich ihn hätte töten

sollen? Seht nach, wer mit ihm auf schlechtem Fuße gestanden ist; der

hat ihn auch getötet. Ich war es nicht.«

»Der Mann, der dich hat aufs Minaret steigen sehn, hat gesagt, du hast

ihn getötet. Du belügst uns. Wir wollen dein Haus durchsuchen, ob wir

nicht seinen Kopf finden.«

»Kommt und sucht,« sagte Dscheha.

Sie traten ein und begannen zu suchen; sie stöberten das ganze Haus

durch, fanden aber nichts. Da fiel einem die große Holzschüssel auf,

die verkehrt dalag, und er ging hin, und hob sie auf; und er fand

darunter den Hammelkopf. Nun sagte er zu seinen Gesellen: »An dieser

Stelle, die uns verdächtig war, finde ich einen Hammelkopf. Es ist also

wahrscheinlich, daß es nicht Dscheha war, der den Muezzin getötet hat.«

Darauf gingen sie alle nach Hause, und Dscheha war gerettet.

416.

Dscheha traf im Walde einen Schakal und zu dem sagte er: »Du Schakal,

wie bist du denn eigentlich geartet? Du tust Tag und Nacht nichts

andres, als im Walde herumzulaufen. Komm, geh mit mir nach Hause, und

wir werden miteinander wohnen; was ich esse, wirst du essen, und wenn

ich nichts tue, wirst du nicht mehr tun.«

»Gott hat mich erschaffen,« antwortete der Schakal, »damit ich im

Busche herumlaufe, und es ist mir unmöglich, in einem Hause zu

verweilen.«

»Meine Absicht ist,« erwiderte Dscheha, »dir gutes zu tun.«

»Du bist listig,« sagte der Schakal; »aber wenn du eine List hast, so

habe ich ihrer zehn. Darum wird es dir nie gelingen, mich zu foppen.«

»Mein lieber Freund, ich habe auch nicht eine einzige List; du bist

eben mißtrauisch. Ich will nur, daß du mit mir nach Hause essen und

trinken kommst. Das ist besser, als so durch den Wald zu schweifen,

ausgesetzt den Dörnern, der Kälte und dem Hunger.«

»Ich wiederhole dir,« sagte der Schakal, »daß du ein großer Schurke

bist; ich bin es auch. Wir werden also niemals zusammenkommen.«

»Und warum nicht?« sagte Dscheha; »sind wir nicht Brüder? Ich bin von

Mitleid für dich bewegt gewesen; sonst hätte ich nicht so mit dir

gesprochen.«

»Ich habe es dir gesagt und ich wiederhole es dir, daß ich nicht

mitgehn werde; sobald du aber darauf bestehst, gut, so gehe ich mit.«

Der Schakal begleitete also Dscheha. Und als sie dann zu Hause

angelangt waren, sagte er: »Ins Haus gehe ich nicht; ich werde vor der

Tür schlafen.«

»Warum willst du nicht im Hause schlafen?« fragte ihn Dscheha; »da

heraußen ist es ja kalt.«

»Ich will hier bleiben; ich bin an die Kälte gewöhnt. Ins Haus gehe ich

nicht.«

»Meinetwegen,« sagte Dscheha; »bleib also da.«

Der Schakal hielt sich nun gewöhnlich draußen auf und Dscheha im Hause.

Zu Mittag brachte ihm Dscheha das Mittagessen, am Abende das Nachtmahl.

Schließlich mußte aber Dscheha einmal weggehn, und da gab er seiner

Frau folgende Aufträge und sagte zu ihr: »Gib acht; laß deinen Sohn

nicht heraus.« Er wußte, daß man vor dem Schakal auf der Hut sein

mußte. Dann entfernte er sich, und seine Frau ging ihren gewöhnlichen

Beschäftigungen nach. Der kleine Knabe trat vor die Tür. Als ihn der

Schakal sah, stürzte er sich auf ihn und fraß ihn. Dann leckte er alles

Blut auf und ließ nichts übrig, was ihn hätte verraten können.

Die Mutter des Knaben kam heraus, um ihn zu suchen. Als sie ihn nicht

fand, ging sie zum Schakal und sagte zu ihm: »Hast du vielleicht mein

Kind gefressen?«

»Das ist sehr gut,« sagte der Schakal; »so also steht es? Warum hat

mich denn dein Mann hergebracht? Vielleicht deswegen, damit ich mich

heute über dein Gezeter ärgern soll?«

Dscheha, der in diesem Augenblicke zurückkam, blieb auf der Straße

stehn; als er seine Frau weinen hörte, lief er herbei und sagte: »Was

hast du?«

»Der Schakal, den du hergebracht hast, hat deinen Sohn gefressen.«

Der Schakal tat, als ob er zornig wäre, und sagte zu Dscheha: »Ich

habe es dir am ersten Tage gesagt: laß mich, ich gehe nicht her. Dann

hast du mich aber gezwungen zu kommen. Jetzt segne dich Gott! So also

handeln Freunde an ihren Freunden? Laß mich augenblicklich gehn.«

»Bleib nur,« sagte Dscheha, »und mache dir nichts aus den Reden einer

Frau.«

Er ging zu seiner Frau und sagte zu ihr: »Schweig, sage ich dir, damit

er bleibt und nicht geht. Daß er meinen Sohn gefressen hat, bezweifle

ich nicht; vorderhand aber wollen wir ihn dabehalten, damit ich ihn

töte, ihn, der mein Kind gefressen hat.«

Der Schakal erriet alles. Si Dscheha dachte bei sich, daß er auf den

Schakal, nachdem er ihn habe einschlafen lassen, losgehn und ihn

abkehlen werde; aber der Schakal, der voraussah, was ihm geschehn

sollte, ließ seine Wirte einschlafen, sprang über die Mauer und suchte

das Weite.

Si Dscheha und seine Frau standen auf und er ging an den Ort des

Schakals; aber er fand, daß der Schakal nicht mehr da war. Er kehrte

zu seiner Frau zurück und sagte zu ihr: »Du bist schuld daran, daß er

gegangen ist. Hättest du nicht mit ihm gesprochen, so hätte er sich

nicht geflüchtet und wir hätten ihn getötet; nach dem Auftritte aber,

den du ihm gemacht hast, hat er fortgehn müssen.«

417.

Als Dscheha alt wurde, ließ sein Gesicht nach, und er sah nicht mehr

so gut wie in seinen jungen Jahren: einst hatte er ein Rebhuhn oder

einen Hasen auf fünfhundert Schritt gesehn und mit jedem Pfeil, den

er abschoß, sein Ziel getroffen; jetzt aber zitterten seine Hände

und er sah nicht mehr so gut. Als seine Freunde diese Zeichen des

Greisenalters bemerkten, machten sie sich lustig über ihn. Um ihnen nun

den Mund zu stopfen, dachte er sich eine List aus, die wir erzählen

wollen.

Er kaufte einen jungen Hund, den er Packan nannte, und richtete ihn auf

jede Jagd ab; und er lehrte ihn alles bringen, was er ihm angab. Oft

versteckte er am Morgen einen toten Hasen im Gebirge; er zeigte dem

Hunde den Ort, wo er ihn hinlegte, und ging mit ihm zurück nach Hause.

Gegen Mittag sagte er dann dem Hunde: »Such.« Packan lief ins Gebirge

und kam im Nu mit dem Hasen im Maule zurück. Schließlich war der Hund

ausgezeichnet abgerichtet. Dscheha wartete den Tag des großen Festes

ab, um die Dorfleute zu verblüffen.

An diesem Tage legte er am Morgen einen toten Hasen neben einen Baum,

der mehr als fünfhundert Schritt vom Dorfe entfernt war, und zeigte

ihn seinem Hunde. Zu Mittag lud er seine Nachbarn ein, den Kaffee vor

seiner Tür zu nehmen. Es kamen Leute von allen Seiten, und es war eine

große Menge da, als sich Si Dscheha plötzlich erhob und schrie: »He,

Freunde! seht ihr dort unten den Hasen neben dem Baume?« Alle machte

große Augen und blickten angestrengt hin; da sie nichts sahen, sagten

sie zu Dscheha: »Du bist ein Narr; wieso könntest du denn einen Hasen

auf diese Entfernung sehn?«

»Ich begreife,« antwortete Dscheha, »daß ihr ihn mit euerm schwachen

Gesichte nicht bemerken könnt; aber ich sehe ihn.« Dann wandte er sich

an seine Frau: »Bring mir meinen Bogen und meine Pfeile. Ich will

einmal diesen jungen Leuten zeigen, daß weder mein Auge, noch mein Arm

schwach geworden ist.« Er nahm einen Pfeil und schoß ihn ins Blaue

ab. »Ich habe ihn getroffen!« schrie er. Und zu seinem Hunde: »Lauf,

Packan, und bring den Hasen; heute Abend wollen wir ihn essen.« Der

Hund sprang auf und lief davon. Einen Augenblick später kam er zurück,

im Maule einen bluttriefenden Hasen.

Alle Welt war verdutzt. Von nun an machte man sich nicht mehr über Si

Dscheha lustig, der das Stückchen noch drei- oder viermal aufführte.

Ausnahmslos waren alle überzeugt, daß Dschehas Schießfertigkeit und

Sehschärfe verblüffend waren. Und von diesem Tage an ehrte ihn das Volk

noch mehr als früher.

418.

Dscheha hatte einen Freund, und das war der einzige Mensch auf der

Welt, zu dem er ein volles Vertrauen hatte; er aß und trank sehr häufig

bei ihm. Allen andern Menschen mißtraute er.

Eines Tages kam nun sein Freund und sagte zu ihm: »Komm mit mir

spazieren gehn.«

»Mein Freund,« antwortete Dscheha, »ich bin nicht frei. Da du jedoch

selber gekommen bist, so lasse ich meine Geschäfte und begleite dich.

Wäre ein anderer zu mir gekommen, und hätte er mir alle Güter der Erde

gegeben, ich hätte ihn nicht begleitet. Da aber du es bist, so kann ich

dich nicht also verabschieden.«

Er ging und begleitete seinen Freund, und der sagte, als sie bei seinem

Hause waren: »Komm mit hinein, Si Dscheha.«

»Mein Freund,« sagte Dscheha, »das sind die Gemächer der Frauen; zu

den Frauen uns zu setzen, schickt sich nicht. Gehn wir lieber in ein

Zimmer, wo wir allein sind.«

Nun hatte dieser Freund für Si Dscheha in den Frauengemächern eine

Grube gegraben; Dscheha wußte davon nichts. Als Dscheha geantwortet

hatte: »Gehn wir zwei ganz allein ins Zimmer,« sagte der andere zu

ihm: »Warum sollen wir uns nicht im Hause einrichten? es ist leer.

Das Zimmer ist klein, und nicht einmal ein einzelner Mann hätte genug

Platz, sich zu setzen.«

»Gut,« sagte Dscheha, »gehn wir, wohin du willst.«

Dieser Freund, auf den Dscheha so viel Vertrauen setzte, hatte ihn

verraten und Geld von Leuten genommen, denen Dscheha geschadet hatte.

Er führte also Dscheha ins Haus. Dscheha versah sich keineswegs von

diesem Manne, daß er ihn töten würde, da er sein vertrauter Freund war;

darum eben kam ihm der Gedanke nicht, als er ins Haus trat. Der Freund

hatte über die Grube eine Matte gespannt und darüber noch einen Teppich

gebreitet.

Als Dscheha beim Eintritte den Teppich sah, dachte er, das sei eine

Aufmerksamkeit, die ihm sein Freund erweise; er ging vorwärts, um auf

dem Teppich Platz zu nehmen, und fiel in die Grube.

Augenblicklich lief der Verräter zu denen, die ihm Geld gegeben und

zu ihm gesagt hatten: »Du wirst Si Dscheha töten; denn er hat uns

viel geschädigt.« An diesem Tage kam er nun ihnen sagen: »Ich habe Si

Dscheha getötet.«

»Wir gehn mit dir,« sagten sie, »um zu sehn, wie du ihn getötet hast.«

Und sie gingen mit ihm.

Im Hause angelangt, beugten sie sich über die Grube und sahen auf ihrem

Grunde Si Dscheha. »Si Dscheha,« sagten sie zu ihm, »hast du es nun

satt, alles nur nach deinem Kopfe machen zu wollen? Jetzt, nicht wahr,

wirst du uns keinen Schaden mehr zufügen.«

»Wahrhaftig,« sagte Dscheha, »ihr seid es nicht, die meinen Untergang

herbeigeführt haben; mein Freund ist es, mit dem ich oft Brot und Salz

gegessen habe; sooft er mit mir aß, sooft aß ich mit ihm. Bis jetzt

habe ich ihm nie etwas böses getan; er hat es mir zuerst getan, Gott

Lob!«

Die Männer kehrten sich zu dem, der ihn also in die Grube gestürzt

hatte, und sagten zu ihm: »Er ist nicht tot. Es ist möglich, daß er

wieder herauskommt. Ist er nicht der schlaueste von allen Menschen?

Er wird die Wände untergraben, bis so viel Erde herunterfällt, daß er

heraufkommen kann; dann wird er uns alle töten, dich so wie uns.«

»Da ist eine Flinte,« sagte der Mann; »einer von euch soll auf ihn

schießen.« Er gab ihnen die Flinte.

Der eine trat vor, um zu schießen, aber Si Dscheha stieß einen

mächtigen Schrei wider ihn aus. Von Schrecken gepackt, fiel der Mann zu

Dscheha in die Grube und fiel sich zu Tode. Die Flinte ging von selber

los und die Kugel durchbohrte Si Dscheha.

Der Freund dessen, der, als er auf Dscheha feuern wollte, in die Grube

gefallen war, sagte nun zu dem Manne, der Dscheha hinuntergestürzt

hatte: »Dscheha, ists nicht wahr, hat einen Streich geführt und den

einen von uns getroffen.«[7]

Der Verräter blieb daheim und der andere ging nach Hause; Si Dscheha

und sein Gesell lagen beide tot auf dem Grunde der Grube.

IV.

Maltesische Überlieferungen

419.

Als die Mutter Dschahans eines Tages krank war, befahl ihm der Arzt,

etwas Urin von ihr aufzuheben; am nächsten Tage werde er kommen und den

Urin untersuchen. Der Arzt kam auch, und Dschahan beeilte sich, ihm

das Gefäß zu zeigen. Der Arzt wunderte sich, es bis zum Rande voll zu

finden, aber Dschahan erklärte ihm die Sache, indem er sagte: »Meiner

ist auch dabei; der meinige ist oben.«

420.

Dschahan war einmal mit einer Henne in der Hand auf dem Wege zu seinem

Herrn, um sie ihm zu schenken; aber etliche Räuber rissen sie ihm aus

der Hand und entflohen. Dschahan nahm sich vor, sich zu rächen. Nachdem

er den Ort, wo sie wohnten, ausfindig gemacht hatte, ging er, als

Mädchen verkleidet, hin, und es gelang ihm, in ihrem Hause als Magd

Aufnahme zu finden.

Als nun die Räuber eines Tages ausgegangen waren, stieg er auf das

flache Dach, stellte dort eine Strohpuppe auf, die ihm ähnlich war,

bestrich die Stufen der Stiege, die zum Dache führte, bis hinunter

mit Seife, belud sich mit einer Menge kostbarer Dinge, die die Räuber

besaßen, verließ das Haus, schloß die Tür ab und lief heim.

Nachdem die Räuber bei ihrer Rückkehr vergebens gerufen hatten, daß

ihnen geöffnet werden solle, traten sie die Tür ein und stürzten

blindlings die Stiege hinauf, entschlossen, sich an der frechen Dirne

zu rächen, die noch immer auf dem Dache stand, als ob sie sich über sie

lustig machen wollte; aber sie glitten allesamt aus und fielen einer

auf den andern, und so war die Rache Dschahans erfüllt.[8]

421.

Es war einmal ein Junge, der Dschahan hieß, und der sagte zu seiner

Mutter: »Gib mir einen Centime.« Sie antwortete: »Wozu?« »Damit ich

mir Bohnen kaufe.« »Bohnen haben Schalen.« »Dann werde ich mir Nüsse

kaufen.« »Die haben auch Schalen.« »Dann werde ich mir Erbsen kaufen.«

»Gut,« sagte die Mutter und gab ihrem Dschahan drei Centimes; und er

ging hin und kaufte sich Erbsen.

Nun aß er darauf los, bis er nur noch eine Erbse hatte. Diese gab er,

da er noch keine Messe gehört hatte, einer Frau und bat sie: »Heb sie

mir auf; ich will zur Messe gehn.« Die Frau antwortete: »Leg sie nur

auf den Sims.« Aber ein Huhn fraß die Erbse, und als Dschahan zurückkam

und sagte: »Ich komme um die Erbse«, antwortete die Frau: »Deine Erbse

hat die Henne gefressen.« Da begann Dschahan zu schreien: »Entweder die

Erbse oder die Henne!« Und die Frau sagte: »Nimm die Henne«, und gab

sie ihm.

Wieder hörte Dschahan zur Messe läuten; er sah eine alte Großmutter,

die spann, und zu der sagte er: »Großmutter, erlaube, daß ich die Henne

dalasse; ich werde sie bald wieder abholen.« Als dann die Messe zu Ende

war, wollte er sie abholen, aber die Frau sagte zu ihm: »Geh dorthin

zu den Truthühnern; dort ist sie.« Dschahan schrie: »Aber sie ist ja

tot! Die Truthenne hat sie getötet!« Und weiter schrie er: »Entweder

die Henne oder die Truthenne!« Da gab ihm die alte Frau die Truthenne.

Wieder hörte Dschahan zur Messe läuten; er sah unter einer Haustür eine

Frau, und zu der sagte er: »Darf ich die Truthenne dalassen?« Die Frau

antwortete: »Geh und laß sie bei den Schweinen.« Als er dann von der

Messe zurückkam, wollte er die Truthenne wieder haben, aber die Frau

sagte zu ihm: »Die Sau hat sie dir getötet.« Da begann er zu schreien:

»Mir ist alles einerlei! entweder die Truthenne oder die Sau!« Und die

Frau gab ihm die Sau.

Wieder hörte Dschahan zur Messe läuten, und als er eine Frau unter

ihrer Haustür sah, sagte er zu ihr: »Darf ich die Sau für einen

Augenblick dalassen?« Die Frau sagte: »Steck sie zur Stute.« Als er

dann von der Messe zurückkam und zu der Frau sagte: »Gib mir meine

Sau«, antwortete sie ihm: »Die hat die Stute getötet.« Da sagte

Dschahan: »Das ist mir einerlei! entweder die Sau oder die Stute!« Und

die Frau sagte zu ihm: »Nimm dir die Stute.«

Dschahan ging zu einer andern Frau und bat sie: »Laß mich die Stute

dalassen.« Die Frau sagte: »Ja; laß sie da.« Nun mistete die Stute auf

den Boden; die Frau hatte aber eine junge Tochter und die sagte zu ihr:

»Was hast du denn da hereingebracht?«, und begann mit ihr zu zanken,

weil sie den Boden eben gewaschen hatte. Und da sie ihn so beschmutzt

sah, nahm sie eine Stange und begann die Stute zu prügeln, bis sie tot

war. Da kam Dschahan um seine Stute und fragte: »Wo ist sie?« Die Frau

antwortete: »Das Mädchen hat sie getötet.« Und die Frau schenkte ihm

die Tochter und Dschahan steckte sie in einen Sack und ging damit weg.

Wieder hörte er zur Messe läuten; er sah eine alte Großmutter und zu

der sagte er: »Erlaube mir, daß ich den Sack für ein wenig dalasse.«

Die Alte antwortete: »Leg ihn auf den Sims da«, und Dschahan legte ihn

hin. Da aber die Alte sah, daß sich der Sack bewegte, öffnete sie ihn;

und sie fand das Mädchen darinnen. Sie nahm es und versteckte es, und

den Sack füllte sie mit Scherben. Und damit ist die Geschichte aus.

422.

Dschahan wollte einmal Matrose werden; darum ging er auf ein Schiff.

Der Kapitän sprach zu ihm: »Dschahan, was kannst du leisten?« »Herr

Kapitän, ich kann von unten nach oben steigen und von oben nach unten.«

Da sagte der Kapitän: »Gut; klettere den Mastbaum hinauf.« »Nein, Herr

Kapitän; der ist mir zu hoch. Ich kann nicht hinaufsteigen; aber ich

werde dir zeigen, wie man etwas im Hinuntersteigen leistet. Laß mir

einen Kessel Suppe holen.« Man brachte den Kessel, und Dschahan, der

ein Vielfraß war, aß alles auf. Als der Boden des Kessels sichtbar

wurde, rief er: »Seht ihrs nun? Auch das Hinuntersteigen — mit dem

Löffel — ist eine Leistung.«

423.

Dschahan hatte schon öfters darüber nachgedacht, wo wohl die Schweine

wüchsen, und auf welchen Bäumen. Und gar zu gern hätte er so einen

mit kleinen Schweinchen behangenen Baum gesehn: vielleicht könnte er

dann auch ein kleines Zweiglein erhaschen, das, in die Erde gesteckt,

mit der Zeit zu einem großen Schweinchenbaum wachsen würde. Aber nie

gelang es ihm, einen solchen Baum zu sehn, und darum ersann er ein

andres Mittel. Er fragte einen alten Mann: »Großvater, was tut ihr

mit dem geschlachteten Schweine?« »Junge, wir salzen es ein und tun

das Fleisch in einen Kübel.« »Ach, dann macht ihr es also wie mit den

Oleanderbäumen?« »Du Lamm, sei so gut und laß mich in Ruhe; ich muß

arbeiten.« Dschahan entfernte sich und dachte: »Also, wie mit den

Oleanderbäumen muß es gemacht werden, um die Schweine fortzupflanzen;

ich werde mir einen solchen Schweinebaumsetzling verschaffen.«

Hierauf lief er heim, und da seine Mutter auf dem Felde arbeitete,

so war er ganz ungestört: er ging in den Stall, nahm das alte fette

Schwein heraus, schlachtete es, rieb es mit Salz ein, steckte es

in einen alten Kübel, tat Erde darüber und stellte ihn in den Hof.

Dschahans Mutter kam alsbald nach Hause; da sie das Tier vermißte, so

fragte sie Dschahan nach seinem Verbleibe. Er erwiderte: »Mutter, hab

keine Sorge; diesmal habe ich sicher nichts unrechtes getan. Für das

eine Schwein wirst du eine Unmenge von kleinen Schweinchen erhalten.

Die kannst du dann verkaufen; und einen Teil von ihnen ziehst du auf,

und wir werden fürderhin keinen Mangel an Schweinefleisch haben.« Da

gab sich die Mutter zufrieden und forschte nicht weiter nach.

Aber es vergingen Tage, Wochen, Monate, und das Schwein im Kübel

wollte keine Schößlinge treiben. Es zeigten sich noch immer keine

grünen Spitzen. Der arme Dschahan wurde immer betrübter, umsomehr

als die Mutter täglich nach dem alten Schwein und den versprochenen

Ferkelchen fragte. Als sie endlich die volle Wahrheit darüber

wissen wollte, was mit dem alten Schweine geschehn sei, da rief

Dschahan verzweifelt aus: »Das dumme Schwein will keine Schößlinge

treiben.« »Was? Schößlinge treiben?« »Es will nicht keimen und

keinen Schweinebaum sprossen lassen, von dem wir Ferkelchen pflücken

könnten! Mein Gott, schon seit vier Monaten liegt das dumme Tier im

Oleanderkübel; vielleicht war es nicht genug eingesalzen.« Da begriff

die Mutter. Tobend und fluchend zerrte sie den armen Dschahan hin,

wo der Kübel stand, und hieß ihn die Erde herausnehmen. Aber kaum

entfernte Dschahan die oberen Erdschollen, als sich ein unausstehlicher

Geruch bemerkbar machte: das Schwein war in Fäulnis übergegangen und

stank wie Pestilenz. Daß der arme Dschahan diesmal mehr Prügel erhielt

als gewöhnlich, brauchen wir nicht erst zu sagen.

424.

Die Mutter Dschahans hatte ein mageres Schweinchen; Dschahan aber

hatte großen Appetit auf Schweinfleisch und fragte beständig: »Mutter,

wann schlachten wir denn eigentlich das Tier, das Borsten hat und

grunzt?« Da antwortete die Mutter immer: »Sobald ihm das Fett vom

Hintern tropft.« Da aber Dschahan dies nie sah, ärgerte er sich über

das faule Tier; er ging hin, kaufte Fett und bestrich das Schwein in

einer Weise, daß das Fett hinten abtropfen mußte. Als er diese Arbeit

verrichtet hatte, lief er hin zur Mutter und teilte ihr mit, daß das

Fett anfange, hinten am Schweinchen abzutropfen. Die Mutter überzeugte

sich davon und schlachtete das Tier. Dschahan fragte jetzt: »Mutter,

wie wird das Fleisch nun zubereitet?« Die Mutter antwortete: »Im Acker

stehen Kohlköpfe: auf jeden Kohlkopf eine Schnitte Fleisch.« Als nun

Dschahan einmal allein im Hause war, nahm er den Steintopf, in dem das

Fleisch eingesalzen lag, und trug ihn hinaus auf den Krautacker. Dort

steckte er in jeden Kohlkopf eine Schnitte Fleisch und sah zu, wie die

Hunde, Katzen und Feldmäuse davon fraßen. Den nächsten Tag wollte die

Mutter von dem Schweinefleische kochen, konnte aber den Topf nicht

finden. Als sie nun Dschahan befragte, antwortete dieser: »Ach, du

hättest nur sehen sollen, wie sich die Hunde, die Katzen und die Mäuse

satt gefressen haben! kein Schnittchen ist übrig geblieben; und jeder

Krautkopf hat seine Fleischschnitte gehabt! Wie sie herumrasten, diese

Fresser, wenn sie einander herumbissen!« Da rief die Mutter: »Also bist

du wirklich ein Dschahan! Und darum müssen alle Leute sagen: ›Dumm ist

Dschahan, ein Esel ist er, Verstand hat er keinen, ein Tropf ist er!‹«

425.

Der Hodscha Nasreddin II. Band Türkische, arabische, berberische, maltesische, sizilianische, kalabrische, kroatische, serbische und griechische Märlein und Schwänke · 第 4 / 14 段