Zaum an und setzte sich rittlings auf ihn; er begann auf allen vieren
zu kriechen.
Unversehens kam der Kaid, und der sagte zu ihm: »Si Dscheha, mir hast
du verboten, die Frauen zu lieben, und du, sieh nur, in was für einer
Verfassung du bist!«
»Herr,« antwortete Si Dscheha, »ich hatte Angst, dich zu einem solchen
Esel werden zu sehn, wie ich einer bin.«
Der Kaid begann zu lachen und machte ihm ein Geschenk.
403.
Es war ein Jude, der täglich also zum Herrgott betete: »O mein Gott,
zeige dich mir«; und er betete unter einem Baume. Eines Tages hörte
ihn Dscheha, als er lustwandelte. Am nächsten Tage ging er hin und war
noch vor dem Juden dort; er stieg auf den Baum und verbarg sich im
Laube. Der Jude kam und betete wie gewöhnlich. Si Dscheha rief ihn an
und sagte: »O mein Anbeter, nimm hundert Dinar und gib sie der Frau
Dschehas. Dann komm sofort hieher zurück, und du wirst mich sehn.«
Als der Jude diese Worte hörte, war er auf dem Gipfel der Freude.
Er ging nach Hause, holte hundert Goldstücke und gab sie der Frau
Dschehas. Dann kam er zum Baume zurück und sagte: »O mein Gott,
ich habe getan, was du mir gesagt hast.« Si Dscheha warf ihm einen
Strick zu, indem er sagte: »Fasse diesen Strick und du wirst zu mir
emporsteigen.« Der Jude ergriff den Strick und Si Dscheha zog ihn
herauf; als er ihn aber einigermaßen in der Höhe hatte, ließ er den
Strick los. Der Jude fiel herunter und schlug sich ein Loch in den
Kopf. »O mein Gott,« sagte er, »du bist unersättlich! Du nimmst mein
Geld und schlägst mir überdies ein Loch in den Kopf!«
404.
Man wußte sich keinen Rat mehr, um Dscheha sein Schmarotzerhandwerk zu
legen. Als nun eines Tages die vornehmen Leute zu einem Manne essen
gingen, der einen Festschmaus vorbereitet hatte, schloß sich ihnen
Dscheha an; da sagten sie untereinander: »Was machen wir nur mit Si
Dscheha?« Und einige sagten: »Wann die Schüsseln aufgetragen werden,
wollen wir zu ihm sagen: ›Si Dscheha, in deinem Dorfe brennt es‹, damit
er nichts ißt. Unsere Worte werden ihn so beschäftigen, daß er nichts
ißt.«
Als die Speise kam, sagten sie zu ihm: »Si Dscheha, in deinem Dorfe
brennt es.«
»Unser Haus ist davor bewahrt geblieben?« fragte Dscheha.
Während sie sich darauf beschränkten, zu sprechen, aß Dscheha. Sie
sagten: »Das Feuer ist schon bei deinem Hause.«
»Nun, mich hat es noch nicht erreicht.«
»Jetzt hat es deine Kleider erfaßt.«
»Mein Kopf brennt noch nicht, nicht wahr?« antwortete Dscheha. »Meine
Füße mag es verschlingen, wenn es mir nur den Kopf in Ruhe läßt.«
Und er aß immerzu. Als dann die andern desgleichen tun wollten, stellte
es sich heraus, daß Dscheha alles aufgegessen hatte; und sie sagten
untereinander: »Si Dscheha hat uns zum besten gehabt.«
405.
Si Dscheha kaufte auf dem Markte eine Ziege um zehn Duro. Er trieb sie
heim, schlachtete sie und häutete sie. »Diese Ziege kostet uns viel
Geld,« sagte er zu seiner Mutter, und sie erwiderte: »Was willst du
tun, mein Sohn?«
»Für den Augenblick das Fleisch kochen; späterhin werden wir sehn, was
zu tun ist. Am nächsten Markttage werde ich die Haut auf den Markt
bringen; du wirst hingehn und sie in der Hand halten. Ich werde immer
um dich herum sein, und du wirst tun, als ob du mich nicht kenntest;
ebenso werde ich tun, als ob ich dich nicht kennte. Ich werde um die
Haut handeln, und welchen Preis immer ich dir biete, weigerst du dich,
sie mir zu verkaufen. Ich werde sie spannenweise messen. Du sagst zu
mir: ›Ich verkaufe sie nicht.‹ Ich werde dir zwanzig, dreißig, vierzig,
fünfzig Duro bis zu hundert Duro bieten. Unter den Fremden, die
dazukommen werden, wird einer sein, der dir mehr bieten wird, und dem
verkaufst du sie. Gib acht jetzt! Merk dir wohl, wie ich dich empfehlen
will!«
Sie machten sich auf den Weg und kamen auf den Markt. Si Dscheha ging
abseits, und seine Mutter hielt die Ziegenhaut. Si Dscheha kam und
sagte zu ihr: »Wie viel hat man dir für die Haut da geboten?« Und auf
ihre Antwort: »Zehn Duro« begann er sie spannenweise zu messen. Alle
Welt sammelte sich um sie. »Die Haut, die du da mißt,« sagte einer zu
ihm, »wozu kann sie dir dienen?«
»Sie wird gut zu verwenden sein,« antwortete Dscheha; »sie gibt eine
große Trommel oder eine kleine.«
Er zog sich zurück, kam aber einen Augenblick später wieder, ging
wieder zu seiner Mutter und sagte zu ihr: »Nun, altes Frauchen, was
ists mit der Haut?«
»Mein Sohn,« antwortete die Alte, »man hat mir zwanzig Duro gegeben.«
»Verkaufst du sie um fünfzig?«
»Nein.«
Si Dscheha maß die Haut noch einmal und ging weg. Die Leute liefen
zusammen und sagten einander: »Si Dscheha ist verrückt. Wie geht es zu,
daß er, der sonst so durchtrieben ist, sich so täuschen läßt?«
Dscheha kam zurück und sagte zu seiner Mutter: »Mutter, wie viel hat
man dir für die Haut geboten?«
»Sie ist noch auf fünfzig Duro, mein Sohn.«
»Ich will sie messen, ob sie zu meinem Zwecke taugt oder nicht.« Er maß
sie, und als er damit fertig war, sagte er zu seiner Mutter: »Wenn du
sie verkaufen willst, so gebe ich dir hundert Duro.«
»Ich verkaufe sie nicht,« antwortete sie, und Dscheha entfernte sich
und beobachtete sie von weitem.
Ein Mann, der auf den Markt gekommen war, kam und sagte zu der Mutter
Dschehas: »Altes Frauchen, verkaufe sie mir. Ich gebe dir um zehn Duro
mehr als der Mann.«
»Gib das Geld her, bevor er kommt; er könnte mir sonst Vorwürfe machen,
daß ich einem andern den Vorzug gegeben habe.«
Er gab der Alten das Geld, und die machte sich auf den Heimweg und Si
Dscheha gesellte sich zu ihr; sie gingen, bis sie dorthin kamen, wo sie
wohnten, und dort blieben sie.
Die Alte hatte aber dem Käufer der Haut gesagt: »Diese Haut ist gar
kostbar; lege sie in die Sonne: sie wird trocknen, und du wirst sehn,
was für einen Nutzen du finden wirst.«
Er breitete also die Haut an der Sonne aus. Zwei oder drei Tage darauf
ging er nachsehn und fand sie vollständig ausgetrocknet. Er nahm sie
zwischen die Hände und rieb sie; da zerfiel sie. Nun ging er die Frau
suchen, die sie ihm verkauft hatte. Er traf die Mutter Dschehas und
sagte zu ihr: »Altes Frauchen, bist du nicht die, die mir die Haut
verkauft hat?«
»Sag so etwas nicht noch einmal,« sagte die Alte. »Ich, Häute
verkaufen! ich bin die Mutter Si Dschehas.«
»Schon recht,« sagte der Mann; »sieh nur selber, wer mich betrogen
haben kann, wenn du es nicht bist.«
»Mein Sohn,« erwiderte die Alte, »das habe ich nie getan.«
Der Mann ging heim, ohne sie erkannt zu haben. Die Ziegenhaut verblieb
ihm und er warf sie den Hunden hin.
406.
Eines Tages sagte die Mutter zu Si Dscheha: »Ich gehe Holz machen.« Er
bildete sich ein, das sei wahr; sie ging aber irgendwohin, setzte sich
nieder und legte einen Fuß über den andern. Dscheha kam und sah, daß
sie die Füße übereinander geschlagen hatte.
Am nächsten Tage sagte sie zu ihm: »Sohn, das Barfußgehn bringt mich
um; kaufe mir doch Schuhe.«
Dscheha holte Baumwolle und machte ihr daraus Schuhe; »da, Mutter,«
sagte er, »da sind deine Schuhe.«
»Aber,« sagte sie, »wie lange werden die denn halten?«
»Mutter,« antwortete Dscheha, »wenn du immer so viel gehst wie
gestern, werden sie halten, bis du stirbst.«
407.
Als Si Dscheha noch klein war, war er ein wenig dumm und unwissend;
erst als er ein wenig größer war, erwachte sein Geist.
Eines Tages, es war der Tag, wo sein Vater starb, war er allein auf der
Welt; er hatte niemand mehr als seine Mutter. Nun nahm er einmal einen
Ochsen, um ihn zu verkaufen. Auf dem Wege traf er eine Eule, und er
sagte zu ihr: »Kaufst du meinen Ochsen?«
Die Eule schrie: »Imiaruf.«
»Gibst du mir fünfzehn Realen?« fuhr Dscheha fort.
»Imiaruf,« wiederholte die Eule.
»Du gibst mir zwanzig?«
»Imiaruf.«
»Du gibst mir fünfundzwanzig?«
»Imiaruf.«
»Da hast du deinen Ochsen.« Und er fügte bei: »Und das Geld?«
»Imiaruf.«
»Beim nächsten Markte?«
»Imiaruf,« sang die Eule.
»Gut; da ist der Ochse. Das Geld werde ich am nächsten Markttage holen.«
»Imiaruf.«
Dscheha ließ den Ochsen dort und ging. Als er daheim angelangt war,
sagte seine Mutter zu ihm: »Und der Ochse, mein Sohn?«
»Den habe ich verkauft,« antwortete er; »um fünfundzwanzig Realen. Was
das Geld betrifft, so warte ich darauf bis zum nächsten Markte.«
Als der nächste Markttag gekommen war, ging er an den Ort, wo er den
Ochsen gelassen hatte; dort traf er die Eule und die sang wie am ersten
Tage. »Und das Geld?« sagte er.
»Imiaruf.«
»Heute will ich mein Geld haben.«
»Imiaruf.«
Dscheha ging auf sie zu, indem er sagte: »Ich muß heute mein Geld
haben.« Die Eule flog gegen ein altes Gemäuer hin; Dscheha folgte ihr
und sagte: »Du mußt mir mein Geld geben.«
»Imiaruf,« schrie die Eule.
Dscheha verfolgte sie immer weiter, bis er sie in dem Gemäuer vor sich
hatte. Sie entwischte ihm wieder; aber Dscheha fand in dem Gemäuer
einen Schatz.
»Du glaubst,« sagte er nun zu der Eule, »daß ich ein Dieb bin wie du?
ich, ich stehle nicht; ich werde nur nehmen, was mir gebührt.« Und er
zählte seine fünfundzwanzig Realen ab und steckte sie zu sich; dann
ging er heim.
Als er zu Hause angelangt war, sagte er zu seiner Mutter: »Mutter, das
ist das Geld von dem, dem ich den Ochsen verkauft habe.« Und er fügte
bei: »Ich selber habe mit meinen eigenen Händen die fünfundzwanzig
Realen aus dem Schatze genommen.«
»Mein Sohn,« sagte die Mutter, »gehn wir zu ihm.«
»Mutter, wenn du willst, so gehn wir hin; ich fürchte aber, daß du ihn
bestehlen wirst.«
»Pfui, mein Sohn! Deinem Freunde, zu dem wir als Gäste kommen, dem
werde ich etwas stehlen!«
»Also gut; komm, gehn wir.«
In aller Eile kochte sie nun Bohnen und Eier und buk Kuchen. Als sie
dann das Dörfchen verließen, warf sie die Bohnen über Dscheha; er las
sie auf und sagte: »Mutter, es regnet Bohnen.«
»Lies sie auf, mein Sohn.« Dscheha las sie auf und aß sie. Seine Mutter
ging immer weiter; und als sie an dem bewußten Orte angekommen waren,
sagte sie zu ihm: »Nun, mein Sohn, wo ist das Haus deines Freundes?«
»Da,« antwortete Dscheha.
»Zeig es mir doch.«
»Nun hier.«
»Das da?«
»Komm, ich werde es dir zeigen.«
Als er sie hingeführt hatte und sie den Schatz sah, warf sie Kuchen
in die Höhe, so daß sie auf Dscheha niederfielen; und er sagte: »Ach,
Mutter, es regnet Kuchen.« Er begann sie aufzulesen und sie zu essen.
Seine Mutter bemächtigte sich des Schatzes und er sagte zu ihr: »Hüte
dich, Mutter, etwas zu nehmen.«
»Ich nehme nichts, mein Sohn.« Aber sie hob den Schatz und wickelte ihn
in ein großes Baumwolltuch, um ihn wegzutragen; und zu Dscheha sagte
sie: »Komm, mein Kind, gehn wir.«
Sie gingen. Als sie ins Dörfchen kamen, warf sie die Eier über ihn.
»Mutter,« sagte er, »es regnet Eier.« Er las sie auf und aß sie, und
sie kamen nach Hause.
An diesem Abende ging Dscheha dorthin, wo die Leute zusammenkamen,
und sagte zu ihnen: »Heute haben meine Mutter und ich einen Schatz
heimgetragen.«
Sie fragten ihn: »Wann?«
»Wir sind weggegangen,« antwortete Dscheha, »als es Bohnen regnete.
Als dann der Kuchenregen gekommen ist, sind wir bei dem Schatze
eingetroffen, den meine Mutter weggetragen hat. Ins Dorf sind wir
zurückgekommen in dem Augenblicke, wo es Eier regnete.«
»Bah,« sagten sie untereinander, »der Junge ist ein Tölpel; nehmt seine
Worte doch nicht ernst.«
Warum hatte nun die Mutter Dschehas die Bohnen und die Eier gesotten
und die Kuchen gebacken? Weil sie nicht zweifelte, daß der Dummkopf von
ihrem Sohne alles ausplaudern werde; darum hat sie ihm die Bohnen und
die Eier gesotten und die Kuchen gebacken. Sie hatte es sich an den
Fingern abgezählt, daß Dscheha, wenn er den andern sagen werde: »Wir
haben einen Schatz heimgebracht«, beifügen werde: »als es Bohnen und
dann Kuchen und dann Eier regnete«; und sie wußte, daß also niemand
seine Worte ernst nehmen werde.
408.
Si Dscheha konnte kein Pferd besteigen, aber ein guter Fußgänger war
er. Eines Tages ließ ihn nun der Kaid des Dorfes rufen und sagte zu
ihm: »Si Dscheha, du mußt mir diesen Brief zum Bei von Algier bringen;
steig auf mein Pferd und spute dich.«
Das Pferd des Kaids war aber ein hitziges Tier, das niemand besteigen
konnte außer seinem Herrn. Si Dscheha, der das wußte, zog sich mit
einem einzigen Worte aus dem Handel; er fragte: »Ist es eilig, Herr
Kaid?«
»Sehr eilig,« antwortete der Kaid.
»Dann«, sagte Dscheha, »geh ich zu Fuß; ich werde so viel schneller
dort sein, als wenn ich zu Pferde stiege.«
Alle schüttelten sich vor Lachen, als sie ihn so reden hörten. Der
Kaid, der Si Dscheha nur einen Streich hatte spielen wollen, sagte:
»Bleib da; du wirst mit mir essen.«
409.
Si Dscheha hatte einen Feind, der ein Eierhändler war. Den traf er
eines Tages, als er auf den Markt ging; er trat auf ihn zu und sagte:
»Du hast da wirklich schöne Eier.«
»Laß den Spott,« sagte der Händler. »Willst du welche kaufen, so kauf;
wenn nicht, so geh deines Weges.«
Dscheha kaufte zwei Eier und steckte geschickt in jedes ein Goldstück.
Dann sagte er zu seinem Feinde: »Höre; ich will jetzt Frieden machen
mit dir, und darum will ich dir einen guten Rat geben.«
»Wir werden sehn,« sagte der Händler; »sprich.«
Nun sagte ihm Dscheha ins Ohr: »Verkaufe diese Eier nicht; alle
enthalten sie Goldstücke!«
»Pack dich,« schrie der Händler; »du lügst.«
»Ich lüge?« sagte Dscheha; »also gut: sieh her.« Und er schlug vor
ihm die zwei Eier auf, die er gekauft hatte. Der Händler stand ganz
verdutzt da, als er die zwei Goldstücke sah, die zum Vorscheine kamen.
Dscheha las sie auf, schob sie in seine Tasche und ging heim.
Alsbald nahm der Händler seine Eier und schlug sie alle ohne Ausnahme
auf. Goldstücke aber fand er nicht ein einziges, und er schrie: »Gott
verderbe die Augen Si Dschehas, so wie ich alle meine Eier verdorben
habe!«
410.
Si Dscheha hatte in einem Hause, das auch der Eigentümer bewohnte,
eine Kammer gemietet. Er bezahlte nie die Miete und lärmte die ganze
Nacht in seiner Kammer. Der Eigentümer, der dieses Lärms halber
nicht schlafen konnte, sagte eines Tages zu ihm: »Warum verübst du
allnächtlich einen solchen Lärm in deiner Kammer?«
»Mein Sohn,« antwortete Dscheha, »ich richte Schlangen ab, um sie den
Aissawa[6] zu verkaufen.«
»Du züchtest Schlangen in meinem Hause?« schrie der Eigentümer. »Gut
also; du kannst jetzt ziehen. Die Miete schenke ich dir, aber räume das
Haus noch heute.«
»Das ists ja, was ich wollte,« dachte Dscheha. »Auf diese Weise brauche
ich keine Miete zu zahlen.«
411.
Eines Tages war Si Dscheha bei seiner Mutter zu Hause geblieben. Da
sie nichts zu essen hatten, sagte er zu ihr: »Warte, ich hole etwas zu
essen.«
Er ging zu den Schülern, die er alle beisammen fand, und sagte zu
ihnen: »Kommt, ihr sollt heute bei mir essen.« Er war nämlich ihr
Mitschüler, war aber an diesem Morgen nicht zur Schule gegangen. Als
er ihnen nun sagte: »Kommt heute zu mir essen«, antworteten sie: »Si
Dscheha, du bist arm.«
Er antwortete: »Das ist Brauch bei uns: wenn ein Schüler den ganzen
Koran auswendig kann, muß er seinen Mitschülern zu essen geben.«
»Gut ists,« sagten sie. »Geh und richte das Mahl her; wir werden
kommen.«
»Steht auf und kommt mit,« sagte Dscheha; »das Mahl ist schon kalt.«
Sie standen auf und gingen mit ihm. Als sie in seinem Hause angelangt
waren, ließ er sie in eine Kammer treten. Dann nahm er ihre Schuhe, die
sie an der Tür gelassen hatten, und steckte sie in einen Sack; hierauf
ging er zu den Schülern zurück und sagte zu ihnen: »Wartet ein bißchen;
ich komme sofort wieder.« Er ging aber weg und nahm den Sack mit ihren
Schuhen mit; er kam zu einem Garkoch.
»Gib mir etwas um zwei Franken,« sagte er zu ihm, »und nimm dafür dies
Paar Schuhe.«
Dann ging er zu einem Fleischer und hielt ihm dieselbe Rede, dann zu
dem Kuskussuverkäufer; und als er so alle Schuhe der Schüler verteilt
hatte, ging er, mit köstlichen Mundvorräten beladen, nach Hause. Sofort
nach seiner Heimkehr setzte er alles den Schülern vor, und sie ließen
es sich trefflich schmecken. Dann erhoben sie sich, um in ihre Schule
zu gehn. Als sie ihre Schuhe suchten, sagte Dscheha zu ihnen: »Kommt
mit mir; ich habe sie versteckt.«
Sie gingen mit ihm. Einen führte er zum Garkoch und sagte zu ihm:
»Gib ihm zwei Franken; er wird dir deine Schuhe geben.« So zeigte er
schließlich allen, wo er ihre Schuhe verpfändet hatte, und die armen
Schüler gaben Geld her, um sie wiederzubekommen. Er blieb bei seiner
Mutter; und von den Speisen hatten sie noch zwei Tage zu essen.
412.
Als sein Vater starb, trug ihn Dscheha auf den Markt und beerdigte
ihn dort; aber einen Fuß des Toten ließ er außerhalb der Erde. Die
Leute sagten zu ihm: »Was, Si Dscheha? du läßt den Fuß deines Vaters
außerhalb der Erde? was ist das für ein Begräbnis?«
»Nun,« antwortete er, »jedermann weiß, wie er seinen Vater zu begraben
hat. Dieser Platz ist das Grab meines Vaters, nicht wahr? Wenn ich also
auf den Markt komme, werde ich meinen Esel an den Fuß meines Vaters
binden, und niemand wird mir etwas sagen dürfen.«
Eines Tages ging Dscheha auf den Markt; er band seinen Esel an den Fuß
seines Vaters und ging dann einen Fleischhandel anfangen. Er kaufte
einen magern Ochsen, tötete ihn, deckte ihn ab, zerstückelte ihn und
legte die Fleischstücke auf einen großen Stein. Alle andern Fleischer
töteten fette Tiere. Sie verkauften und gingen weg; Dscheha blieb
zurück. Alle, die bei ihm vorbeikamen, spien aus und setzten ihren Weg
fort.
Als es Abend wurde, war er allein noch da. Die Hunde umgaben ihn und er
sagte zu ihnen: »Wollt ihr es kaufen?«
Sie begannen alle zu knurren. Dscheha wandte sich zu dem größten im
Rudel: »Wenn du für sie bürgst, so verkaufe ich ihnen meinen Ochsen.«
Der Hund knurrte. »Ich weiß,« sagte Dscheha, »daß du mir für mein Geld
gut bist«, und überließ den Hunden das Feld. Sie fraßen das Fleisch des
Ochsen und Dscheha ging.
Am nächsten Markttage kam er wieder und ging sofort zum Grabe seines
Vaters. Er sah, daß dort einer sein Maultier angebunden hatte; er
fragte: »Wer ist das, der sein Maultier hier angebunden hat?«
Der Herr des Maultiers erhob sich und antwortete: »Ich bins.«
»Was?« sagte Dscheha. »Das ist das Grab meines Vaters. Ich habe seinen
Fuß heraußen gelassen, damit alle Welt weiß, daß der Platz mein ist;
denn man sieht sehr wohl, daß das das Grab meines Vaters ist, und alle,
die herkommen, sollten sich sagen: ›Der Platz gehört Si Dscheha.‹ Hier
hat niemand etwas zu suchen.«
Der Eigentümer des Maultiers sagte zu ihm: »Ich habe nicht gewußt,
Freund, daß das der Fuß deines Vaters ist; ich habe ihn für ein Stück
Holz gehalten.«
Dscheha antwortete: »Von heute an gib acht, nicht wieder hieher zu
kommen.«
Von diesem Tage an wurde der Platz Eigentum Dschehas.
413.
Als der Eigentümer des Maultiers und Dscheha auseinander gegangen
waren, begann Dscheha den Hund zu suchen, der die Bürgschaft für die
andern Hunde übernommen hatte. Als er ihn gefunden hatte, sagte er zu
ihm: »Jetzt will ich mein Geld von dir haben.« Der Hund riß aus, aber
Dscheha verfolgte ihn, indem er sagte: »Die Flucht wird dir nichts
nützen.«
Er hatte die Absicht, mit diesen Hunden eine gewisse List ins Werk zu
setzen; er hatte nämlich sagen hören, die Tochter des Sultans habe seit
dem Tage ihrer Geburt weder gelacht, noch gesprochen, und hatte sagen
hören, der Sultan habe gesagt: »Ich werde meine Tochter dem geben, der
sie zum sprechen bringt.«
Dscheha ging einen Strick kaufen, und den knüpfte er an einen Baum.
Dann lief er, um die Hunde zusammenzufangen. Alle, deren er habhaft
werden konnte, band er an diesen Strick; und als er sie alle angebunden
hatte, ging er mit einem Stocke auf sie los, wobei er in einem fort
sagte: »Gebt mir mein Geld.«
Das Haus des Sultans war gegenüber von dem Baume, woran er die Hunde
gebunden hatte, und die Tochter des Sultans betrachtete das Schauspiel
von ihrem Fenster aus. Dscheha verfolgte die Hunde ununterbrochen; wenn
er von der einen Seite her auf sie eindrang, retteten sie sich auf die
andere, und wenn er sie verfolgte, liefen sie in einer andern Richtung.
Darob begann die Tochter des Sultans zu lachen. Das hörte die Negerin
und ging zum Sultan und sagte: »Herr, meine Gebieterin lacht.« Hastig
lief der Sultan hin, und als er bei seiner Tochter war, fragte er
sie: »Tochter, warum lachst du? Zeit deines Lebens hast du noch nicht
gelacht. Heute hat Gott dein Herz erschlossen.«
»Vater,« antwortete sie, »du siehst, was der Mann dort mit den Hunden
treibt; das ist der einzige Grund, daß ich lache.«
Der Sultan sagte zu seinem Sklaven: »Geh zu dem Manne dort, der die
Hunde gefangen hat, und sag ihm: ›Wohlan, schenke den Hunden die
Freiheit; der Sultan sagt dir: komm.‹« Der Neger ging. Als er bei
Dscheha war, wiederholte er ihm die Worte des Sultans.
»Ich werde sie nicht freilassen,« erklärte Dscheha; »ich habe ihnen
auf dem letzten Markt einen Ochsen verkauft, und heute haben sie sich
geweigert, mich zu bezahlen.«
»Komm doch zum Sultan, Narr, der du bist,« sagte wieder der Neger.
»Er wird dich, so Gott will, reich machen. Er selber hat mir gesagt:
,Sag ihm, er soll kommen und die Hunde laufen lassen; ich will ihn
bezahlen.‹«
Dscheha ließ die Hunde laufen, sagte aber zu dem Neger: »Vielleicht
hast du mich zum besten, und dann habe ichs.«
Dscheha ging also mit ihm, und als er vor dem Sultan stand, sagte
dieser zu ihm: »Was hast du mit den Hunden gehabt?«
»Am letzten Markte«, antwortete Dscheha, »habe ich ihnen einen ganzen
Ochsen verkauft, und sie haben ihn gefressen. Heute habe ich zu ihnen
gesagt: ›Gebt mir mein Geld.‹ Sie haben sich geweigert. Dann habe ich
sie gefangen.«
»Wie viel forderst du?«
»Zwanzig Duro.«
»Komm,« sagte der Sultan und ließ Dscheha in ein Zimmer treten. Dscheha
sah, daß es voll Gold war.
»Also,« sagte der Herrscher, »nimm dir, was du willst.«
»Das ist es nicht, was ich will,« sagte Dscheha. »Laß mich nur gehn und
meine Schuldner wieder fangen.«
Die Tochter des Sultans war dabei; da sie zu lachen begann, sagte
Dscheha zu ihr: »Du hast recht, dich über mich lustig zu machen; denn
nachdem ich alle beisammen gehabt habe, die mir Geld schuldig sind,
bin ich von euch zum Narren gehalten worden. Dein Vater hat den Schwur
vergessen, den er deinetwegen geschworen hat. Laß mich jetzt wenigstens
gehn, um meine Widersacher zu verfolgen.«
Da der Sultan gesehn hatte, daß Dscheha ein sehr schmutziger Mensch
war, hatte er nicht vom Anfang an zu ihm sagen wollen: »Ich gebe dir
meine Tochter«; indem aber Dscheha das Wort Schwur aussprach, rief er
dem Sultan die Sache ins Gedächtnis, und nun sagte dieser: »Wohlan, so
heirate meine Tochter.«
»Ich werde sie nicht heiraten,« antwortete Dscheha, und das zu dem
Zwecke, für einen gewichtigen Mann angesehn zu werden.
»Warum willst du sie nicht heiraten?«
»Weil ich, wenn ihr mich auch jetzt sehr schmutzig seht, immerhin der
Sohn eines Sultans bin; gebt acht, daß ihr euch nicht in mir täuscht.«
»Das ist gerade das,« sagte der Sultan, »was auch mein Wunsch war; es
war mir darum zu tun, daß meine Tochter einen Sultanssohn und nicht
irgendeinen schmutzigen Bauer heirate.«
Er gab ihm seine Tochter und Dscheha heiratete sie. Und der Sultan
sagte zu ihm: »Nun, mein Schwiegersohn, wirst du bei mir wohnen oder
in deinem Hause?«
»Bei dir will ich nicht wohnen,« antwortete Dscheha; »ich habe ein
Haus.«
»Also, da ist deine Frau, nimm sie; nimm auch alles Geld, alle Kamele,
alle Pferde und alle Maultiere, die du willst.«
Dscheha führte seine Frau weg und nahm überdies diese unendlichen
Reichtümer mit.
414.
Dscheha führte also seine Frau heim; aber als sie ankam, gefiel ihr das
Haus gar nicht, weil sie es voller Schmutz fand. »Was?« sagte sie sich;
»dieser Mensch hat mich zum besten gehabt. Er hat mir gesagt: ›Ich bin
ein Sultanssohn, ich bin aus einem großen Hause‹; jetzt sieht man, wie
schlecht es mit seinem Hause bestellt ist.« Aber sie verschloß diese
Gedanken in ihrem Herzen und wollte sie niemand kundtun.
Es kam das Fest heran, und sie sah Dscheha zur Arbeit gehn, obwohl alle
Welt dem Feste zu Ehren feierte. »Si Dscheha,« sagte sie zu ihm, »was
tust du? alle Welt feiert des Festes halber, und du gehst arbeiten!
Hast du mir nicht seinerzeit gesagt: ›Mein Vater ist Sultan‹, und
wieder: ›Ich habe ein schönes Haus, ich bin aus einem großen Hause‹?«
»Meine Liebe,« antwortete Dscheha, »es ist wahr, ich habe das gesagt,
und ich habe nicht gelogen; ich will jetzt nur eine kleine Arbeit
verrichten.«
»Kein Mensch verrichtet in der Festzeit eine Arbeit, weder eine kleine,
noch eine große; man arbeitet an den andern Tagen genug.«