erstaunten sie und fragten ihn: »Woher hast du das viele Geld?«
Er antwortete: »Wißt ihr das nicht? das ist ja das Geld für die
Kalbshaut.« Sie sagten: »Da wollen wir doch auch unsere Kühe schlachten
und die Häute verkaufen.« Dschuha sagte: »Schlachtet sie nur; ihr
werdet reich daran werden.« Sie schlachteten also ihre Kühe und zogen
ihnen die Häute ab. Dschuha hatte ihnen aber noch geraten: »Laßt die
Häute stinkend werden; salzt sie nicht ein.« Als nun diese Bauern
ihre Kühe geschlachtet, das Fleisch verzehrt und auch die Hunde damit
gefüttert hatten, ließen sie die Häute liegen, bis sie zu stinken
begannen. Nach drei oder vier Tagen sah Dschuha nach, und da fand er,
daß aus den stinkenden Häuten Würmer herauskrochen; er ging wieder
zu seinen Verwandten und sagte zu ihnen: »Nehmt jetzt die Häute und
verkauft sie.« Sie gingen in den Basar und boten die Häute aus. Es
kamen die Schuster und sahen sich die Häute an, und sie sahen, daß
Würmer herauskrochen und daß sie entsetzlich stanken. Da sagten sie
untereinander: »Sie wollen uns zum besten haben!« Damit nahmen sie die
unglückseligen Verkäufer her und versetzten ihnen Faustschläge; und
sie schrien: »Nehmt euer Aas wieder und werft es weg!« Die Verwandten
Dschuhas zogen ab und entwichen; und sie sagten: »Wenn wir Dschuha
nicht heute Nacht töten, so macht er uns noch ganz arm.«
389.
Sie gingen zu Dschuha, nahmen ihn fest und banden ihn und sagten zu
ihm: »Du hast uns also arm gemacht.« Dschuha sah sie an und sagte zu
ihnen: »Ihr habt es also geglaubt, daß man stinkende Kuhhäute kauft?
Ich habe euch ja nur zum besten gehabt.« Sie nahmen ihn also fest,
fesselten ihn und steckten ihn in einen Sack; den banden sie zu und
wollten also Dschuha ins Meer werfen. Als sie ans Ufer kamen, sahen
sie einen Schafhirten auf der Weide; nun sagten sie untereinander:
»Wir wollen den Sack einstweilen niederlegen und bei dem Hirten Milch
trinken.« Sie gingen zu dem Hirten und fragten ihn: »Hast du einen
Trunk Milch?« Er gab ihnen Milch in einem Schlauche und sie tranken
sie. Dann setzten sie sich zu dem Hirten, den Kopf auf die Ellbogen
gestützt; sie begannen schläfrig zu werden und schließlich übermannte
sie der Schlaf. Der Hirt ließ sie ruhig schlafen und ging seine Schafe
zurücktreiben; dabei sah er den zugebundenen Sack und er stieß mit
seinem Stabe daran. Dschuha sagte im Sacke: »Laß mich in Frieden.« Der
Hirt erschrak und sagte: »Ist das ein Mensch oder ein Geist? Was ists
mit dir in dem Sacke da?« Dschuha antwortete: »Man will mich zu meinem
Meister bringen, der mich unterrichten soll; und wen mein Meister
unterrichtet, der sieht das Schicksalsbuch, das Gott verwahrt.« Da
sagte der Hirt: »Ach, ich möchte gern an deiner statt hingehn.« Dschuha
sagte: »Nein, damit bin ich nicht einverstanden.« Er stellte sich
abgeneigt, obwohl er es gar zu gern gehabt hätte, wenn der andere seine
Stelle eingenommen hätte. Aber der Hirt ließ nicht ab, Dschuha um diese
Gunst zu bitten, bis Dschuha endlich nachgab und sagte: »Gut denn;
binde den Sack auf, damit ich heraus kann.« Der Hirt machte den Sack
auf und Dschuha kroch heraus; dann befahl er dem Hirten: »Zieh deine
Kleider aus.« Er zog die Kleider des Hirten an und gab ihm die seinigen
und die zog der Hirt alsbald an; dann steckte er ihn in den Sack und
band den zu. Dann trieb er die Schafe vor sich her, und kehrte so ins
Dorf zurück; vorher hatte er aber noch dem Hirten eingeschärft: »Wenn
man dich fortträgt, so verhalte dich still; denn wenn du sprichst,
wird man dich in die Tiefe des Meeres werfen.« Dschuhas Verwandte
standen nach einiger Zeit, als Dschuha schon mit seiner Herde weit
weg war, vom Schlafe auf, nahmen den Sack und warfen ihn ins Meer;
dann sagten sie untereinander: »Jetzt sind wir ihn los.« Nun gingen
sie heim, aber auf einem kürzern Wege als Dschuha, der erst in der
Nacht ins Dorf kam. Alle Frauen im Dorfe waren frohen Muts und riefen:
»Dschuha ist tot! wir sind ihn los!« Aber nach Sonnenuntergang, da
kommt auf einmal Dschuha mit einer Schafherde ins Dorf! und die Frauen
riefen: »Da ist ja Dschuha wieder! er lebt ja noch und ist gar noch
nicht tot! und ihr habt gesagt: ›Wir haben Dschuha ins Meer geworfen,
wir sind ihn los!‹«
390.
Nun wurde Dschuha gefragt: »Woher hast du denn die Schafherde?« Und
Dschuha antwortete: »Die habe ich aus dem Meere heraufgebracht:
das Meer hängt am Himmel, und unterm Meere weiden die Schafe.« Sie
sagten: »Rate uns, Dschuha, wie wir es anstellen sollen.« Dschuha
sagte: »Bindet euere Kinder, fesselt sie, wie ihr mich gefesselt
habt, steckt sie in Säcke und werft sie ins Meer; dann werden auch
sie gegen Sonnenuntergang Schafe bringen wie ich.« Da nahm ein jeder
sein Kind und steckte es in einen Sack; und sie trugen die Kinder zum
Meere und warfen sie hinein. Nun war in dem Dorfe auch eine Witwe;
die wandte sich an Dschuha und sagte zu ihm: »Ich habe keine Kinder.«
Dschuha sagte: »Nimm deinen Hund und wirf ihn den Kindern nach; er
wird dir schon gegen Sonnenuntergang Schafe bringen.« Die Witwe warf
den Hund ins Meer; aber er schwamm natürlich wieder heraus. Dschuha
saß versteckt auf der Spitze eines Hügels, besah sich die Sache und
lachte für sich und rief dem Hunde zu: »Bring nur deiner Herrin schöne
Hammel und Lämmer!« Der Hund schwamm aber immer wieder zurück ans
Ufer zu seiner Herrin, ohne Schafe oder sonst etwas mitzubringen. Da
rief die Frau Dschuha herbei und sagte: »Mein Hund da hat mir keine
Schafe gebracht.« Dschuha antwortete: »Weil er nicht untergetaucht ist;
hätte er getaucht, so hätte er dir welche gebracht. Die andern werden,
weil sie untergetaucht sind, gegen Abend Schafe bringen; binde ihm
doch einen Stein an den Hals, damit er ordentlich untertaucht.« Als
die Sonne unterging und die Kinder noch nicht kamen, sahen sich die
Leute an und sagten zu ihm: »Dschuha, die Kinder sind nicht gekommen.«
Dschuha antwortete: »Bis die Dunkelheit einbricht.« Es wurde dunkel,
aber die Kinder kamen nicht wieder. Die Leute wurden unruhig und sagten
zu Dschuha: »Die Kinder sind noch immer nicht gekommen.« Dschuha sagte:
»Ja, habt ihr denn wirklich geglaubt, daß es in der See Schafe gibt? an
euern Kindern haben sich heute die Fische gütlich getan.« Da begannen
sie über ihre Kinder zu wehklagen und zu weinen; dann aber nahmen sie
Dschuha fest, fesselten ihn und sagten: »Für den gibt es nur das eine,
daß wir ihn in die gefährliche Einöde bringen und an eine Olive binden,
damit ein Löwe kommt und ihn frißt.«
391.
Sie nahmen Dschuha und brachten ihn in die Einöde; sie banden ihn nahe
der Straße an eine Olive und verließen ihn. So an den Baum gefesselt,
sah er einen Reiter kommen, einen Kaid, der beim Bei in Tunis gewesen
war. Der Reiter kam heran und sagte: »Friede sei über dir.« Dschuha
antwortete, als wäre er gar nicht geneigt gewesen, zu sprechen: »Über
dir sei der Friede.« Der Reiter fragte ihn: »Warum bist du gefesselt?«
Dschuha antwortete: »Geh, laß mich in Ruh! was fragst du mich?« Der
Greis sagte: »Ist denn Fragen ein Verbrechen oder etwas unrechtes?«
Dschuha antwortete: »Du wirst mich sicher wieder zu dem machen, was
ich früher war.« Der Greis fragte ihn: »Was warst du denn früher?«
Dschuha antwortete: »Ich war früher hundert Jahre alt: da man mich aber
gefesselt und an den Baum Sidi Abd Elkaders gebunden hat, bin ich zu
einem Dreißigjährigen geworden; denn jeder alte Mann, den man an diesen
Baum fesselt und der sich still und stumm verhält, wird wieder jung.«
Da sagte der Greis: »Freund, bei Gott, ist das so?« Dschuha antwortete:
»Bei Gott.« Nun bat ihn der Greis: »Laß mich an deinen Platz«, und
schließlich sagte Dschuha: »So binde mich denn los.« Der Greis band
Dschuha los und der befahl ihm: »Leg deine Kleider ab; denn ich kann
dir nur das Hemd auf dem Leibe lassen.« Der Greis zog seine Sachen
aus und legte die Burnusse ab, die Seidenschale und das Turbantuch;
und Dschuha zog, nachdem er ihn an seiner statt an die Olive gebunden
hatte, seine Kleider an und bestieg seine Stute und ritt hinein ins
Dorf. Nichts ahnend saßen die Leute da, als auf einmal Dschuha
herangesprengt kam auf einer schönen Stute und in kostbaren Kleidern;
sie fragten ihn: »Dschuha, woher hast du die Stute?« Er antwortete: »In
der Schlucht dort laufen überall Pferde umher.« Sie sagten zu ihm: »Bei
Gott, du lügst, du Taugenichts! wen hast du wieder zum besten gehabt?«
III.
Berberische Überlieferungen
392.
Dschuha hatte einen Esel; den fütterte er, bis er hübsch dick wurde.
Seine Stadtviertelsgenossen sagten zu ihm: »Verkauf uns den Esel.«
»Der ist zu teuer für euch,« antwortete Dschuha. Sie sagten: »Sage uns
du, wie hoch sein Preis sein soll; wir werden ihn dir schon bezahlen.«
Dschuha antwortete: »Ich werde es nicht sagen; aber wir wollen ihn auf
den Eselsmarkt bringen, und für das, was er dort gilt, verkaufe ich ihn
euch.« »Gut,« sagten sie. Am nächsten Morgen ging er mit dem Esel früh
auf den Markt, stopfte ihm den Hintern mit Goldstücken voll und übergab
ihn dem Ausrufer.
Die, die den Esel kaufen wollten, kamen herbei und musterten ihn, ob
er ihnen wohl gefalle und sie auf ihn bieten sollten. Der Ausrufer
bestieg ihn und ließ ihn lustig galoppieren, und der Esel lief hurtig
dahin und blies seinen Wind, während ihm die Goldstücke aus dem Hintern
fielen. Die Leute, die zusahen, hoben die Goldstücke auf und begannen
einander zuzuraunen: »Der Esel Dschuhas mistet Gold.« So kam es,
daß auch die, die ihn eigentlich nicht hatten kaufen wollen, darauf
loszubieten begannen. Man überbot sich gegenseitig, bis der Esel auf
zehntausend Franken kam. Da verkaufte ihn Dschuha und nahm das Geld
in Empfang. Er trat zu dem, der den Esel gekauft hatte, und sagte zu
ihm: »Ich habe dir etwas verkauft, das der verkörperte Reichtum ist.«
Der Käufer antwortete: »Sage mir, worin sein Futter besteht.« Dschuha
antwortete: »Du mußt ihm genügend Gerste und Gras geben und ihn auch
täglich zweimal tränken; und wenn du ihn in den Stall schließt, so
laß ihn dort nicht so ohne weiteres: wenn du vielmehr willst, daß er
gehörig viele Goldstücke zur Welt befördert, so bring ihn auf deinem
eigenen Lager unter, decke ein Moskitonetz über ihn und feßle ihm die
Füße, damit ihm bis Tagesanbruch nichts vom Lager heruntergleitet. Mit
Tagesanbruch aber geh zu seinem Lager; da wirst du zwei Körbe voll
Goldstücke finden.«
Der Käufer des Esels wachte die ganze Nacht in froher Hoffnung, daß es
Tag werde. Früh ging er zum Zimmer und öffnete es; und freudig sprach
er bei sich: »Heute werde ich durch Dschuhas Esel ein reicher Mann.«
Er hob das Netz auf, und nun fand er, daß der Esel zwei ganze Körbe
Mist ins Bett gemacht hatte, während sein Urin auf dem Boden unter dem
Bette eine lustige Pfütze bildet. Er warf den Esel vom Bette herunter
und begann den Mist zu durchwühlen, fand aber auch nicht ein Goldstück.
Nun ging er mit dem Esel zu Dschuha und sagte zu ihm: »Ich habe mit
dem Esel alles so gemacht, wie du mir gesagt hast, habe aber nicht
entdeckt, daß er mir etwas andres verschafft hätte als zwei Körbe Mist;
und das Bett hat er mir in einen netten Zustand versetzt. Und nicht ein
einziges Goldstück habe ich gefunden.« Dschuha antwortete: »Wie? Habe
ich dir denn gesagt, du solltest ihn in dein Bett legen?« Der Käufer
antwortete: »In mein Bett habe ich ihn genommen, weil ich Angst hatte,
die Nachbarn könnten mir die Goldstücke stehlen, die er misten werde;
deshalb habe ich ihn in das Bett gelegt.« Dschuha antwortete: »Darum
hat er dir auch keine Goldstücke gemistet. Deine Gesinnung gegen die
Nachbarn war nicht edel; darum hat dir Gott nichts schenken wollen.«
Nun sagte der Mann: »Gib mir mein Geld zurück und nimm deinen Esel.«
Dschuha antwortete: »Nein, ich gebe dir nichts zurück; du hast den Esel
auf dem Basar gekauft, wo Recht und Gesetz gilt.«
Darauf sagte der Käufer: »Wohlan, wir wollen zum Richter gehn.« Dschuha
antwortete: »Ich gehe nicht mit dir; verklage nur erst den Esel, und
ich werde dann schon kommen.« Der Mann ging hin und verklagte Dschuha;
dann nahm er einen Schergen mit zu Dschuha. Sie kamen zu ihm und
der Scherge sagte: »Steh auf, der Richter läßt dich rufen.« »Gut,«
antwortete Dschuha und ging mit ihm. Als er und sein Gegner vor den
Richter traten, gebot ihnen der, zu sprechen. Der Käufer begann: »Ich
habe von Dschuha einen Esel gekauft, der Goldstücke misten sollte. Als
ich ihn kaufte, fragte ich Dschuha: ›Was gibst du ihm zu fressen?‹
Er antwortete mir: ›Gib ihm genügend Gerste und Gras und tränke ihn
zweimal des Tages. Laß ihn auch in dein Bett steigen und feßle ihm die
Füße, damit du am Morgen neben ihm findest, was er setzen soll.‹ Ich
tat so, wie er mich geheißen hatte. Am Morgen ging ich zum Esel, fand
aber dort nichts als einen Haufen Mistbatzen.« Da sagte der Richter
zu ihm: »Du bist verrückt; gibt es denn auf der Welt einen Esel, der
Goldstücke mistet? Dschuha ist ganz in seinem Rechte; dir jedoch fehlt
es am Verstande.«
Nun wurde der Mann sehr zornig. Er ging mit seinem Esel heim und
prügelte ihn zu Tode.
393.
Einst sagten Männer zu Schaha, daß er heiraten solle; er antwortete
ihnen, er werde nicht heiraten, bis der Fluß eine Frau bringe. Sie
sagten: »Wie wäre es möglich, daß der Fluß eine Frau brächte?« Schaha
antwortet kurz: »So sage ich euch.«
Als dann eine Zeit verstrichen war, sah Schaha eines Tages am Stadttore
eine Frau aus der Fremde; er fragte sie: »Wer bist du?« Sie antwortete
ihm: »Ich bin aus dem und dem Lande.« »Wohin gehst du?« »In diese
Stadt.« »Was willst du da tun?« »Ich will dableiben.« Er fragte weiter:
»Hast du Kinder?« Sie antwortete: »Ich habe eines geboren, aber es ist
gestorben, als es noch ganz klein war.« Er sagte: »Ich fürchte, daß mir
seine Krankheit Schaden bringen wird.« Sie antwortete: »Aber wie sollte
dir denn die Krankheit, woran der Knabe gestorben ist, als er noch
klein war, Schaden bringen können?« Er sagte zu ihr: »Liebst du mich?
willst du, daß ich dich heirate?« Sie antwortete: »Ich liebe dich.«
Darauf gingen sie in die Stadt, um sich von einem Priester trauen zu
lassen, und nachdem sie geheiratet hatten, blieb er daheim bis zur
Regenzeit. Als dann alle Leute hinausgingen, um das Feld zu bestellen,
ging auch er zur Arbeit; dabei fand er einen Schatz, einen Topf voll
Gold. Diesen Topf grub er aus; für einen Teil des Goldes kaufte er
Weizen, Datteln und Butter, und den Rest versteckte er in einem alten
Wasserschlauche.
Darauf lebte er mit seiner Frau bis zu der Zeit, wo die Pilger kamen.
Von diesen kam ein armer zu seiner Frau und bat sie um einen alten
Schlauch, um darin Wasser aufzubewahren. Sie sagte, sie habe keinen,
aber eine Nachbarin machte sie darauf aufmerksam, daß im obern Teile
des Hauses ein alter Schlauch sei. Nun stieg sie hinauf, holte ihn und
gab ihn dem Armen. Der sagte: »Gott möge dich noch in deinen Kindern
segnen.« Sie antwortete: »Ich habe keine; ich habe nur eines geboren,
und das ist gestorben, als es noch klein war.« Er sagte: »Möge Gott mit
ihm Erbarmen haben.«
Eines Tages stieg Schaha, der in der Stadt geblieben war, in den obern
Teil des Hauses, um den alten Schlauch mit dem Golde zu suchen; der
war aber nicht da. Er fragte seine Frau, wo der Schlauch sei, der oben
gewesen sei, und sie sagte: »Ein armer Mann ist zu mir gekommen und hat
ihn verlangt. Er hat Gott um Barmherzigkeit für mein Kind angefleht,
und ich bin hinaufgestiegen, habe ihn geholt und habe ihn ihm gegeben.«
Schaha sagte: »Habe ich es dir nicht gesagt gehabt, daß mir die
Krankheit deines Kindes, obwohl es tot ist, Schaden bringen werde? Und
du hast mir erwidert: ›Wie soll dir die Krankheit des verstorbenen
Kindes Schaden bringen können?‹«
Schaha ging weg und kaufte einen großen schönen Schlauch; damit ging
er in den Straßen umher und fragte: »Wer tauscht einen neuen Schlauch
gegen einen alten um?« Da sagte ein Armer zu ihm: »Nimm meinen alten
Schlauch und gib mir den neuen.« Und er gab ihm den, der das Gold
enthielt. Schaha nahm den Schlauch, wo das Gold war, von dem der Arme
nichts wußte.
Dann ging Schaha nach Hause und schied sich von seiner Frau.
394.
Eines Tages ging Si Dscheha auf den Markt, um einen Esel zu kaufen. Ihm
begegnete einer und der sagte zu ihm: »Wohin, Si Dscheha?« »Auf den
Markt, einen Esel kaufen.« Der Mann erwiderte: »Sag: ›So Gott will‹, Si
Dscheha.« Dscheha antwortete: »Warum sollte ich sagen: ›So Gott will‹?
ich habe Geld bei mir und auf dem Markte sind Esel.« Damit ging er
weiter.
Als er auf dem Markte angelangt war, kam ein Mann daher; der benützte
einen Augenblick der Unaufmerksamkeit Dschehas und stahl ihm sein Geld.
Si Dscheha machte sich auf den Heimweg, ohne einen Esel gekauft zu
haben. Der besagte Freund begegnete ihm wieder und sagte zu ihm: »Was
hast du gekauft, Si Dscheha?« Dscheha antwortete: »Mein Geld ist mir
gestohlen worden, so Gott will; dein Vater sei verflucht, so Gott will.«
395.
Eines Tages ging Si Dscheha zu einem andern essen, und der setzte ihm
ein gebratenes Zicklein vor. Dscheha packte das Zicklein und begann es
zu verschlingen wie ein Wolf. Da sagte sein Wirt: »Weshalb hast du denn
eine solche Wut auf das Zicklein? seine Mutter hat dich wohl einmal mit
den Hörnern gestoßen?«
»Und du,« versetzte Dscheha, »du bist so mitleidig mit ihm, als ob
seine Mutter deine Amme gewesen wäre.«
396.
Seine Freunde hatten gehört, daß er krank sei, und kamen ihn besuchen.
Er lag im Bette. Sie schwatzten alles mögliche und ließen ihn nicht
schlafen. Da stand er auf, nahm sein Kissen und sagte zu ihnen: »Ihr
könnt jetzt gehn; ich bin gesund: Gott selber ists, der mich gesund
gemacht hat.«
397.
Eines Tages kam er bei etlichen Leuten vorbei, die gerade beim Essen
waren. Er sagte zu ihnen: »Das Heil sei mit euch, ihr Geizigen!«
Sie antworteten: »Bei Gott, wir sind nicht geizig.«
»Ach Herrgott,« schrie Dscheha, »gib, daß sie nicht lügen; gib, daß ich
es bin, der gelogen hat.«
398.
Si Dscheha kochte Fleisch und es kamen zwei Freunde zu ihm. Der eine
nahm ein Stück Fleisch und sagte: »Dieses Fleisch braucht Salz.«
Der andere nahm auch ein Stück und sagte: »Dieses Fleisch braucht
Essig.«
Si Dscheha packte alles, was noch übrig war, und sagte: »Der Topf da
braucht Fleisch.«
399.
Einmal trieben Dscheha und zwei Freunde von ihm zwei Schafe und einen
Hammel heim, die sie auf dem Markte gekauft hatten. Als sie zu Hause
angelangt waren, sagten seine Freunde zu ihm: »Si Dscheha, wie teilen
wir sie?«
»Ihr zwei«, antwortete Dscheha, »nehmt das eine Schaf; ich und der
Hammel nehmen das andere.«
400.
Eines Tages verkaufte Dscheha sein Haus, und er sagte zu dem Käufer:
»Freund, das Haus habe ich dir verkauft; den Nagel aber, der in der
Wand steckt, habe ich dir nicht verkauft. Daß du mir nicht morgen
sagst: ›Du hast mir auch den Nagel verkauft.‹ Ich habe ihn dir nicht
verkauft; ich habe dir nichts verkauft als das Haus.«
»Es ist gut,« antwortete der Käufer. »Ich habe dir das Haus abgekauft;
den Nagel, der in der Mauer steckt, habe ich dir nicht abgekauft.«
Der Käufer dachte: Der Nagel ist mir gleichgültig. Ich habe das Haus
gekauft; an dem Nagel liegt wenig.
Si Dscheha suchte seine Mutter auf und sagte zu ihr: »Mutter, wie lange
leiden wir schon Hunger! Heute habe ich das Haus verkauft.«
»Was?« sagte sie, »du hast das Haus verkauft? wo wollen wir wohnen?
Außer Hunger zu leiden, werden wir jetzt auch noch unter freiem Himmel
schlafen müssen.«
»Hab keine Angst, Mutter,« antwortete Dscheha. »Ich habe ihm das Haus
verkauft, habe mir aber einen Nagel vorbehalten, den ich in die Wand
geschlagen habe; den habe ich ihm nicht verkauft. Und mit diesem Nagel
will ich ihm das Haus wieder abnehmen. Wir sterben vor Hunger; darum
habe ich mir diese List ausgedacht, damit uns der Käufer Geld gibt und
wir essen können. Was das Haus betrifft, so wird er bald draußen sein.«
»Was?« sagte sie; »du hast ihm das Haus verkauft und sagst, daß er
wieder herausgehn wird? Wie sollte er denn wieder herausgehn, wo er
dir doch sicherlich das Geld vor Zeugen gegeben hat?«
»Sei nur ruhig,« antwortete Dscheha. »Ich werde schon einen Plan
aushecken, damit er herausgehn muß.«
Und sie sagte: »Tu, was du willst.«
Si Dscheha ging Tierhäute kaufen; die trug er hin und hing sie an
den Nagel. Auch Därme hängte er hin. Und da die Häute und Därme dort
blieben, begannen sie nach einem oder zwei Tagen zu stinken. Dscheha
kam hin, ließ sie aber, wie sie waren.
Der, der das Haus gekauft hatte, kam zu ihm und sagte: »Was ist das für
ein Handel, Si Dscheha? Du hast Häute und Därme gebracht und sie im
Hause aufgehängt! Sie stinken. Wie kann ich denn da wohnen?«
»Freund,« antwortete Dscheha, »ich habe dir nur das Haus verkauft,
nicht wahr? Den Nagel habe ich mir behalten, und ich habe dir gesagt,
daß ich ihn dir nicht verkaufe. Du hast jetzt nichts mehr zu sagen.«
Nun sagte der Käufer zu ihm: »Geh in dein Haus. Ich verlasse es. Ich
lasse dir das Geld und das Haus. Ich kann nicht länger drinnen wohnen.
Es ist ein fürchterlicher Gestank, und das Haus selber ist vergiftet.«
»Gut,« sagte Dscheha; »wenn du ausziehen willst, so zieh. Das Geld, das
habe ich ausgegeben, und du bekommst keinen Heller zurück.«
»Ich schenke dir das Haus und das Geld,« sagte der Käufer.
Si Dscheha verließ ihn und zog wieder in sein Haus; und der andere
machte sich auf die Suche nach einer neuen Wohnung.
401.
Si Dscheha ging im Felde und hatte Hunger. Da sah er einen Araber, der
aß. In der Meinung, daß ihn der einladen werde, mitzuessen, ging er
hin; aber er wurde keineswegs eingeladen, sondern der Araber fragte ihn
nur: »Woher bist du, Bruder?«
»Aus deinem Dorfe,« antwortete Dscheha.
»Dann bringst du uns gute Nachrichten.«
»Ich bringe dir alle guten Nachrichten, die du willst.«
»Hast du Nachrichten von unserm Dorfe?«
»Ja.«
»Hast du Nachrichten von Omm Othman?« — Das war die Frau des Arabers. —
»Oh,« sagte Dscheha, »sie wiegt sich wie ein Pfau.«
»Und wie geht’s meinem Sohne Othman?«
»Gewöhnlich spielt er Ball mit seinen Kameraden.«
»Wie geht es dem Kamel?«
»Das wird bald zerplatzen, so feist ist es.«
»Und was ists mit unserm Hunde Titu?«
»Er ist sehr scharf, und das will etwas heißen. Die Diebe fürchten ihn,
so daß der Pferch vor ihnen sicher ist.«
»Und unser Haus, wie steht es damit?«
»Es ist wie eine Festung.«
Nun schwieg der Araber. Er aß, ohne Si Dscheha einzuladen, und der
stand auf, um wegzugehn. Der Araber fragte ihn: »Wohin, Bruder?«
»Ins Dorf,« antwortete Dscheha. »Seid Titus Tod wimmelts dort von
Dieben.«
»Titu ist tot?«
»Ja.«
»Woran ist er gestorben?«
»Er hat von dem Fleische des Kamels zu viel gefressen, und daran ist er
gestorben.«
»Das Kamel ist also auch tot?«
»Ja.«
»Woran ist es gestorben?«
»Es ist über das Grab Omm Othmans gestolpert.«
»Omm Othman ist gestorben?«
»Ja.«
»Woran?«
»An dem Kummer über den Tod Othmans.«
»Othman ist gestorben?«
»Ja.«
»Wieso?«
»Das Haus hat ihn erschlagen, als es einstürzte.«
Bei diesen Worten sprang der Araber wie ein Narr auf und lief in der
Richtung seines Dorfes davon, sein Essen im Stiche lassend. Si Dscheha
aß alles, was noch da war.
402.
Der Kaid von Dschehas Stamm liebte die Frauen leidenschaftlich, und
Dscheha, der ihn oft besuchte, machte ihm Vorstellungen. »Wie kannst du
denn,« sagte er zu ihm, »du, ein Kaid, gar so in die Frauen vernarrt
sein? Nimm doch ein wenig Vernunft an. Fürchte den Herrn. Es ist eine
Schande für dich.« Diese Worte drangen dem Kaid bis auf den Grund
seines Herzens.
Nun hatte der Kaid eine Magd, die eine Frau von großer Schönheit war,
und die sagte zu ihm, als sie seine Niedergeschlagenheit bemerkte: »Was
drückt dich, Herr?«
Der Kaid antwortete: »Dscheha hat mir dasunddas gesagt.«
»Sonst nichts?« sagte sie. »Nun, gib mir die Erlaubnis zu ihm zu gehn.
Du bleibst noch eine Weile hier, und kommst dann unversehens zu Dscheha
nach. Du wirst schauen, was ich tun werde, und wirst dich wundern, in
was für einer Verfassung du ihn finden wirst.«
»Geh,« sagte der Kaid zu ihr, und sie ging. Sie kam zu Dscheha und
setzte sich mit ihm in seinem Hause nieder. Als Dscheha sie sah, wurde
er sterblich verliebt in sie. Er rückte näher zu ihr, aber sie schlug
ihn zurück; er verfolgte sie, und wohin immer sie sich setzte, er kam
zu ihr. »Bleib auf deinem Platze, Si Dscheha,« sagte sie zu ihm, »und
komm mir nicht zu nahe. Wenn du aber herankommen willst, so laß mich
auf dir reiten; du wirst mit mir auf dem Rücken auf allen vieren gehn.«