Ein andermal war Dschoha mit einer Karawane ausgezogen und d

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Transcriber’s note:

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NARREN, GAUKLER UND VOLKSLIEBLINGE

HERAUSGEGEBEN VON ALBERT WESSELSKI

VIERTER BAND: DER HODSCHA NASREDDIN II

[Illustration]

DER HODSCHA

NASREDDIN

Türkische, arabische, berberische,

maltesische, sizilianische, kalabrische,

kroatische, serbische und griechische

Märlein und Schwänke

Gesammelt und herausgegeben von

Albert Wesselski

II. Band

Alexander Duncker Verlag

Weimar MCMXI

Alle Rechte vorbehalten.

Inhalt des II. Bandes

Seite

II. Arabische Überlieferungen 1

1. Aus dem Nawadir el chodscha nasr ed-din

effendi dschoha 3

2. Aus der von Mardrus besorgten Ausgabe von

Tausend und einer Nacht 19

3. Volkserzählungen aus Tripolis und Tunis 25

III. Berberische Überlieferungen 49

IV. Maltesische Überlieferungen 91

V. Sizilianische Überlieferungen 101

VI. Kalabrische Überlieferungen 115

VII. Kroatische Überlieferungen 131

VIII. Serbische Überlieferungen 139

IX. Griechische Überlieferungen 159

Anmerkungen literatur- und stoffgeschichtlichen Inhalts 179

Tür hüten 182

Verscheuchung von Dieben 183, 211 und 215

Vertauschung eines Toten gegen einen Hammel 183

Regen eßbarer Dinge 184, 195 und 204

Prangerritt der Ehebrecherin 185

Esel (Kalb) an der Stelle des Ehebrechers 187

Nur miteinander verkaufen 188

»Wenn der Berg nicht zum Propheten kommen

will« usw. 190

Zoll auf verschiedene Gebrechen 194

Die drei Dummen (Braut und ihre Eltern) 194

Heller in fremdes Geld geworfen 197

Unibosmärchen 197, 199 und 201

Brandmarkung 198

Der Schuldner stellt sich tot 199

Goldmistende Tiere 201

Verschleuderung wertvoller Dinge durch einen

Dummkopf 201

Seltsame Teilung 202

Aristoteles und die Königin 203

Mitbieten eines falschen Käufers 204

Verkauf an einen Vogel (einen Baum, eine

Statue usw.) 204

Fleischverkauf an Hunde 206 und 211

Die Königstochter lachen gemacht 206

Der Schakal (Fuchs) hat zehn Listen 207

Anbauen von Salz, Geld, Kuhschwänzen usw. 209

Nur an Leute verkaufen, die wenig reden 211

Fleischverkauf an Fliegen 211

Verkehrte Ansprache oder Begrüßung 213

Herauslockung eines Tieres 213

Mehrfache Ausnützung eines Leichnams 214

Heilung durch Lachen 214

Bestreichung der Erde mit Butter 215

Unkenntnis vom Wesen des Kindsschädels 215

Entweder ...., oder ....! 217

Ist das Ernst oder Spaß? 219

Lügenschnurren 219 und 220

Zwecklosigkeit der Strafe nach dem Vergehn 231

Anhang 235

Für die Nachkommen pflanzen 235

Drei Fragen (Kaiser und Abt) 238

Prediger mit der Eselsstimme 243

Traumbrot 243

Asinus vulgi 244

Dit de perdriz 245

Einen Esel reden (lesen) lehren 247

Einem Esel das Essen abgewöhnen 249

Index 255

II.

Arabische Überlieferungen

1. Aus dem Nawadir el chodscha nasr ed-din effendi dschoha

339.

Man fragte Nasreddin: »Kannst du rechnen?« »Freilich,« antwortete er;

»darüber gibts keinen Zweifel.« »Wie würdest du also vier Dirhem unter

drei Personen gleichmäßig verteilen?« »Zweien von ihnen gäbe ich jedem

zwei Dirhem, der dritte bekäme nichts und müßte warten, bis noch zwei

Dirhem dawären; dann nähme er diese und so hätten alle drei gleich

viel.«

340.

Nasreddin, der Pfirsiche in der Tasche hatte, kam bei etlichen Leuten

vorbei und sagte zu ihnen: »Wer es errät, was ich in der Tasche

habe, bekommt den größten Pfirsich.« Sie antworteten ihm: »Es sind

Pfirsiche.« Er sagte: »Ja, wer hat euch denn das gesagt? das muß ein

rechter Hurensohn sein.«

341.

Eines Tages ging Nasreddin mit einer Flasche zum Bache, um Wasser zu

holen; sie fiel ihm aus der Hand und sank unter. Da setzte er sich am

Ufer nieder. Ein Freund von ihm kam vorbei und sagte: »Was sitzst du

da, Dschoha?«

»Eine meinige Flasche ist ertrunken; ich warte, bis sie aufquillt und

an die Oberfläche kommt.«

342.

Eines Tages brachte Nasreddin Korn in die Mühle; dort begann er dann

das Korn aus den Körben der andern Leute zu nehmen und es in den

seinigen zu tun. Endlich sagte der Müller zu ihm: »Was machst du da?«

»Ich bin ein Narr.« »Warum nimmst du dann nicht das Korn aus deinem

Korbe und tust es in die der andern?« »Ich bin ein einfacher Narr;

täte ich das, was du sagst, wäre ich ein doppelter Narr.«

Der Müller begann zu lachen und ließ ihn laufen.

343.

Das Maultier Nasreddin Dschohas nahm einmal einen andern Weg, als er

gewollt hätte. Einer seiner Freunde, der ihm begegnete, fragte ihn:

»Wohin, Dschoha?« »Wohin mein Maultier will.«

344.

Dschoha brachte eines Tages einen löcherigen Kessel auf den Markt, um

ihn zu verkaufen; aber man sagte ihm: »Er hat ein Loch, er ist nichts

wert.« Er antwortete: »Bei Gott, das ist nicht wahr, er hat kein Loch;

meine Mutter hatte Baumwolle drinnen, und er hat nicht geronnen.«

345.

Einmal ging die Mutter Si Dschohas zu einer Lustbarkeit und sagte zu

ihm: »Hüte die Tür.« Da setzte er sich nieder, mit dem Rücken an die

Tür gelehnt. Als es ihm dann langweilig wurde, stand er auf und ging

weg, trug aber dabei die Tür auf dem Kopfe. Einer seiner Freunde sah

ihn und sagte: »Was soll das heißen?« Er antwortete: »Meine Mutter hat

mir gesagt, ich soll die Tür hüten.«

346.

Eines Tages knackte Dschoha eine Mandel auf und der Kern entschlüpfte

ihm; da sagte er: »Wie wunderbar! alles flieht vor dem Tode, sogar die

unvernünftigen Wesen.«

347.

Einmal ging Dschoha in den Vorraum seines Hauses hinaus und fand dort

einen Ermordeten. Er warf ihn in den Brunnen und sagte es seinem Vater.

Der nahm den Leichnam wieder heraus und begrub ihn; dann erwürgte er

einen Hammel und warf ihn in den Brunnen. Die Verwandten des Toten

durchliefen alle Straßen und fragten um den Leichnam; Dschoha begegnete

ihnen und sagte zu ihnen: »Bei uns ist ein Ermordeter; kommt nachsehn,

ob es euer Mann ist.« Sie gingen zu ihm und ließen ihn in den Brunnen

steigen; als er den Hammel sah, rief er zu ihnen hinauf: »Hat euer Mann

Hörner gehabt?«

348.

Dschoha hatte drei Pfund Fleisch gekauft und sagte zu seiner Frau:

»Koch uns ein wenig Fleisch.« Sie kochte es, aß es aber mit ihrem

Geliebten. Dschoha kam heim und fragte: »Wo ist das Fleisch?« Die Frau

antwortete: »Ich war in der Küche beschäftigt; unterdessen hat es die

Katze gefressen.«

Dschoha stand auf, nahm die Katze und wog sie; da hatte sie gerade drei

Pfund. Und er schrie: »Du Metze, wenn das die Katze ist, wo ist das

Fleisch? und wenn das das Fleisch ist, wo ist die Katze?«

349.

Dschoha gab seiner Frau drei Dirhem und sagte zu ihr: »Kauf dafür

Fleisch, laß es aber nicht wieder die Katze fressen wie neulich.« Sie

ging es kaufen und traf einen von ihren Liebhabern; den nahm sie mit

sich nach Hause. Die Nachbarn sahen das und führten beide vor den

Richter. Der Richter befahl, die Frau auf einen Bullen zu setzen und

sie also durch die Stadt zu führen. Als Dschoha die Zeit lang wurde,

ging er sie suchen; da sah er sie in dieser Verfassung und sagte zu

ihr: »Du Metze, was heißt das?«

Sie antwortete: »Nun, nun, was denn? Geh nur nach Hause; ich habe nur

noch den Markt der Essenzenverkäufer und der Tuchhändler, dann gehe ich

das Fleisch kaufen und komme heim.«

350.

Die Frau Dschohas pflegte in der Nacht wegzulaufen und sich mit ihrem

Geliebten zu treffen; deswegen wurde Dschoha von seinen Nachbarn

gehänselt. Da hielt er sich einmal wach, bis sie wegging; dann stand

er auf, verschloß die Tür und setzte sich dahinter. Als die Frau

zurückkam, fand sie die Tür versperrt. Sie begann ihn zu bitten,

er möge sich ihrer erbarmen, aber er beschimpfte sie. Als sie jede

Hoffnung auf einen günstigen Ausgang aufgegeben hatte, sagte sie zu

ihm: »Wenn du mir nicht öffnest, springe ich in den Brunnen.« Dann nahm

sie einen großen Stein und warf ihn hinein. Voll Reue lief er hinaus,

um zu sehn, was es gebe. Augenblicklich schlüpfte die Frau ins Haus und

verschloß die Tür. Er gab sich alle Mühe, sie zur Nachgiebigkeit zu

bestimmen, aber sie hörte nicht auf, ihn zu beschimpfen und zu ihm zu

sagen: »Da hat mans, wie du dich aufführst; die ganze Nacht steckst du

bei den Trunkenbolden.« So gelang es ihr denn, ihn vor den Nachbarn mit

Schande zu bedecken.

351.

Einer, der die Frau Dschohas liebte, sagte eines Tages zu seinem

Diener, einem bartlosen und wohlgewachsenen Knaben: »Geh zu ihr und sag

ihr, daß ich sie bald besuchen werde.« Der Knabe ging hin. Sie konnte

sich nicht enthalten, ihn zu umarmen und ihn an ihre Brust zu drücken,

bis sie schließlich ihre Gelüste stillte. Der Herr des Knaben fand, daß

der zu lange ausblieb; er machte sich also selber auf den Weg zum Hause

Dschohas. Als ihn die Frau kommen hörte, verbarg sie den Knaben unter

dem Bette, und ihn empfing sie wie gewöhnlich. In diesem Augenblicke

klopfte Dschoha an die Tür. Da sagte sie zu ihrem Geliebten: »Steh

auf, lauf mit blankem Schwerte in den Hof und stoße Schmähungen gegen

mich aus.« Er tat es. Dschoha trat ein und fragte seine Frau: »Was

will der Mensch?« »Ach, Mann,« sagte sie, »das ist unser Nachbar: sein

Diener ist ihm entlaufen und hat sich zu uns geflüchtet; er wollte auf

ihn los, um ihn zu töten, aber ich habe ihn unter das Bett gesteckt.«

Dschoha sagte zu dem Knaben: »Komm nur hervor, mein Kind, und bete zu

Gott für diese ehrsame Frau, die dir diesen großen Dienst geleistet

hat; Gott möge ihn ihr lohnen.«

352.

Die Frau Dschohas ging mitten in der Nacht weg. Es begegnete ihr einer

und der sagte zu ihr: »Du gehst um diese Stunde aus?« »Das kümmert mich

nichts,« antwortete sie: »treffe ich einen Mann, so ist das das, was

ich suche; begegnet mir ein Teufel, so werde ich ihm gehorchen.«

353.

Man sagte zu Dschoha: »Nun bist du alt geworden und weißt von der

ganzen Überlieferung nichts auswendig.« Er antwortete: »Niemand von

euch hat von Ikrimah das sagen hören, was ich von ihm gehört habe.«

»Sag es uns.« »Ich habe gehört, wie Ikrimah nach ibn Abbas[1], der

es von dem Propheten hatte, folgendes verkündete: ›Es gibt zwei

Eigenschaften, die bei niemand sonst als bei den Gläubigen vereint

sind.‹ Aber Ikrimah hat die eine vergessen gehabt und ich habe die

andere vergessen.«

354.

Dschoha war gerade beim Essen, als ein Bettler vor seiner Tür stehn

blieb und sagte: »Muselmanen, Brüder!« Dschoha sagte: »Es soll keine

Verwandtschaft unter ihnen gelten und sie sollen sich nicht aneinander

mit Bitten wenden.[2]« Der Bettler antwortete: »Hab Mitleid mit mir!«

Dschoha sagte: »Eher brauchte ich dein Mitleid.« Der Bettler: »Höre

mich doch an!« Dschoha: »Ich hätte dich angehört, wenn du dich an einen

Lebenden gewandt hättest.« Der Bettler: »Wie weitschweifig sind deine

Worte, und wie trügerisch deine Handlungen! Möge Gott deine Hoffnungen

zu Schanden machen!«

355.

Dschoha brachte seiner Frau ein Stück Fleisch und fragte sie: »Was kann

man daraus machen?« Sie antwortete: »Mit gutem Fleische lassen sich

alle möglichen guten Sachen kochen.« »Gut,« sagte Dschoha, »koch mir

alle möglichen guten Sachen.«

356.

Dschoha hatte einen Kamelhengst bestiegen; auf dem Wege warf ihn der

ab und entwich. Dschoha verfolgte ihn, bis er ihn schließlich in einer

Stadt einholte; und er sagte zu den Einwohnern der Stadt: »Habt ihr den

Schuft gesehn, der mich hat umbringen wollen? Bringt den Metzger her,

damit er den Verfluchten schlachte.« Der Metzger schlachtete das Kamel

und Dschoha verteilte das Fleisch an die Einwohner der Stadt.

357.

Einer lud Dschoha zu Tische und sagte zu seiner Sklavin: »Bereite uns

Feigen.« Aber sie vergaß es und er ebenso. Später sagte er zu Dschoha:

»Lies uns einen Abschnitt aus dem Koran.« Dschoha willigte ein und

begann: »Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen! Bei dem

Ölbaume und dem Berge Sinaï ....«[3] Der Gastgeber sagte: »Wo bleibt

die Feige?« Dschoha antwortete: »Die habt ihr, du und deine Sklavin,

seit Anbruch der Nacht vergessen.«

358.

Dschoha heiratete eine Frau, die schielte. Um die Essensstunde

brachte er zwei Brote; sie sah vier. Dann brachte er eine Schüssel

mit Speise; sie sah zwei und sagte zu ihm: »Was sollen wir mit zwei

Schüsseln machen? eine ist genug.« Er sagte bei sich: »Was für eine

ausgezeichnete Frau, die alles doppelt sieht!« Als er sich dann mit

ihr zu Tische setzte, warf sie ihm die Schüssel an den Kopf und sagte:

»Bin ich denn eine Dirne, daß du einen andern Mann zu mir führst?«

»Liebste,« sagte Dschoha, »bitte, sieh alles doppelt, nur deinen Mann

nicht!«

359.

Dschoha war bei einem großen Herrn zu Tische und es gab Nugat. Da

fragte ihn einer: »Was ist das?« Er antwortete: »Ich weiß es nicht;

aber ich habe sagen hören, das Bad sei eines der köstlichsten irdischen

Dinge, und so denke ich, daß das ein Bad ist.«

360.

Dschoha sah auf dem Tische eines Geizigen ein Huhn, das niemand

anrührte; man hatte es zugleich mit dem Kuskussu[4] gebracht und nach

dem Essen wurde es wieder zurückgetragen. Da sagte er: »Bei Gott,

dieses Huhn hat nach seinem Tode ein längers Dasein als zu seinen

Lebzeiten.«

361.

Dschoha aß bei einem großen Herrn; es gab eine Fleischpastete und

die verschlang er mit vollem Munde. Einer sagte zu ihm: »Dschoha, iß

nicht zu viel; wer sich daran übernimmt, muß sterben.« Er hielt einen

Augenblick inne, dann klatschte er seine fünf Finger zusammen und

sagte: »Nehmt euch meiner Familie an; ich befehle sie euch.«

362.

Dschoha traf einen Christen, der in der christlichen Fastenzeit

Fleisch aß; da setzte er sich zu ihm, um an seinem Mahle teilzunehmen.

Der Christ sagte zu ihm: »Dschoha, das Fleisch von Tieren, die wir

geschlachtet haben, ist euch Muselmanen nicht erlaubt.« Dschoha

antwortete: »Ich bin unter den Muselmanen das, was du unter den

Christen bist.«

363.

Die Frau Dschohas erzählt: Mein Geliebter hatte Lust nach einer

Schüssel gedünstetes Fleisch, und ich verlangte die Sachen dazu von

meinem Manne. Als alles nötige bereit war, kochte ich das Gericht

und aß es mit meinem Geliebten und tat eine Gurke in den Topf. Mein

Mann kam heim und ich setzte ihm diese vor; er kostete sie und sagte:

»Das schmeckt ja wie eine Gurke.« Ich stellte sie noch einmal zu, bis

sie eingetrocknet war. Er aß sie und ging weg. Mein Geliebter kam

zum zweiten Male, aber er war noch kaum recht eingetreten, als ihn

mein Mann ertappte; er packte ihn und steckte ihn in eine Truhe und

verschloß sie. Dann ging er meine Verwandten holen. Sofort, als er

draußen war, machte ich mich an das Schloß, öffnete es und ließ meinen

Geliebten heraus. Unser Nachbar hatte einen Esel; den nahm ich und

steckte ihn in die Truhe. Da trat auch schon mein Mann mit meinem Vater

und meinem Bruder ein. Sie öffneten die Truhe und fanden einen Esel.

Und sie sagten zu Dschoha: »Bist du närrisch?« Er sah mich an und

sagte: »Dirne! du hast eine Gurke in Fleisch verwandelt; kein Wunder,

daß du einen Menschen in einen Esel verwandelst.«

364.

Die Frau Dschohas erzählt weiter: Eines Tages kam mein Mann nach

Hause und mein Geliebter war da; ich versteckte ihn im Keller. Mein

Mann brachte dreißig Eieräpfel mit und legte sie in den Keller.

Mein Geliebter aß einen. Dann ging mein Mann die Äpfel zählen; mein

Geliebter gab sie ihm einzeln, und er bildete sich ein, es sei seine

eigene Hand, die sie ihm von innen reichte. Als er fand, daß einer

fehlte, ging er hinein; da traf er meinen Geliebten. Er fragte ihn:

»Wer bist du?« Und mein Geliebter antwortete: »Ich bin ein Eierapfel.«

Nun sagte mein Mann zu mir: »Schau, was für ein Spitzbube der Händler

ist! er hat mir den da für einen Apfel zugezählt, und dabei habe ich

zu ihm gesagt: ›Welcher ists denn, wenn nicht der da, der den Korb so

schwer macht?‹« Dann führte er ihn zu dem Apfelhändler und sagte zu

ihm: »Hast du denn keine Furcht vor Gott? wie kannst du mir den zu den

Äpfeln zuwägen?« Der Händler, der ein Schalk war, nahm meinen Geliebten

beim Ohre und sagte zu ihm: »Wie oft habe ich dir schon gesagt: ›Bleib

bei den Rüben und komme nicht immer unter die Eieräpfel!‹« Dann gab er

meinem Manne an seiner statt einen Eierapfel.

365.

Dschoha erhielt von seinem Vater einen Dirhem, um dafür einen

Hammelkopf zu kaufen. Er kaufte ihn, aß aber alles Fleisch herunter

und brachte seinem Vater den nackten Schädel. Der Vater sagte: »Schuft,

was ist das?« »Ein Hammelkopf.« »Wo sind die Ohren?« »Er war taub.«

»Und die Zunge?« »Er war stumm.« »Und das Fleisch am Kopfe?« »Er war

kahl.«

366.

Einer lud eines Tages Dschoha ein, um ihn zu hänseln, und als Dschoha

zu Tische kam, war nur ein Brot da; Dschoha stand auf und lief eiligst

weg. Der andere sagte: »Wohin denn, Dschoha?« Dschoha antwortete: »Ich

werde am Opfertage wiederkommen; vielleicht gibts dann bei dir Fleisch.«

367.

Dschoha war gerade dabei, ein Huhn mit Brot zu essen, als einer bei

ihm vorbeikam; der sagte zu ihm: »Gib mir ein Stückchen.« Aber Dschoha

sagte: »Bei Gott, Bruder, das Huhn gehört nicht mir; es gehört meiner

Frau und sie hat es mir gegeben, damit ich es esse.«

368.

Dschoha fragte einen Geizhals: »Warum lädst du mich nicht ein?« »Weil

du große Bissen nimmst und sie gierig verschlingst; während du den

einen ißt, bereitest du dir schon den andern vor.« »Aber Bruder,«

entgegnete Dschoha, »möchtest du denn, daß ich jedesmal zwischen zwei

Bissen zwei Kniebeugungen machte?«

369.

Eines Tages sagte Dschoha zu seiner Frau, als er mit ihr aß: »Nichts

könnte lieblicher sein als diese Speise, wenn sie nur nicht so knapp

wäre.« »Wieso denn knapp?« sagte sie; »wir sind doch allein, du und

ich.« »Mir wäre es am liebsten,« sagte er, »wenn nur der Topf und ich

dawären, und sonst niemand.«

370.

Dschohas Esel hatte sich verlaufen; da schwur Dschoha, ihn, wenn er ihn

finden werde, für einen Dinar zu verkaufen. Als er ihn aber gefunden

hatte, nahm er eine Katze, setzte sie dem Esel auf den Hals und führte

beide Tiere auf den Markt und schrie: »Wer will einen Esel um einen

Dinar und eine Katze um hundert Dinar? eines ohne das andere verkaufe

ich aber nicht.«

371.

Eines Tages war Dschoha in dem neugebauten Hause eines Freundes; er

setzte sich einen Augenblick nieder, bekam aber nichts zu essen. Da

stand er auf und begann das Haus von einer Ecke zur andern mit seinem

Fuße auszumessen. Der Eigentümer sagte: »Was machst du da, Dschoha?«

»Ich will mir ein Haus bauen lassen wie dieses da; ein Haus, wo nichts

zu trinken und nichts zu essen ist, muß ja leicht zu bauen sein.«

372.

Dschoha wollte für heilig gelten. Er wurde gefragt: »Wo sind deine

Wunder?« und er sagte: »Ich werde einem Baume, gleichgültig welchem,

befehlen, zu mir zu kommen, und er wird mir gehorchen.« »Sag es dem

Palmbaum da.« »Komm,« sagte Dschoha; aber der Palmbaum rührte sich

nicht, auch nicht, als er ihn dreimal angerufen hatte. Nun stand

Dschoha auf; man fragte ihn: »Wohin, Dschoha?« Er sagte: »Die Propheten

Gottes und die Heiligen kennen weder Hochmut, noch Verblendung; da der

Palmbaum nicht zu mir kommt, werde ich zum Palmbaum gehn.«

373.

Eines Tages stieg Dschoha auf das Minaret der Moschee und rief zum

Gebete; und er verwunderte sich über seine Stimme. Alsbald stieg er

hinunter und begann hastig davonzulaufen. Man fragte ihn: »Wohin,

Dschoha?« Und er antwortete: »Ich will wissen, bis wohin meine Stimme

reicht.«

374.

Eines Tages ging der Hodscha mit einem seiner Freunde auf die Jagd. Sie

sahen einen Wolf, und den wollten sie fangen; sie verfolgten ihn, bis

er sich unter einen Felsen verkroch. Der Gesell Dschohas steckte seinen

Kopf hinein, um ihn zu packen, aber der Wolf riß ihm ihn ab. Dschoha

wartete länger als eine Stunde; als er schließlich sah, daß sich sein

Gesell nicht wieder erhob, zog er ihn heraus, und da sah er, daß er

keinen Kopf hatte. Er fragte sich, ob er einen gehabt habe oder nicht;

dann ging er in die Stadt und fragte die Frau seines Freundes: »Hat

dein Mann, als er heute weggegangen ist, seinen Kopf bei sich gehabt

oder nicht?«

375.

Eines Tages trug Dschoha einen Sack Korn in die Mühle. Auf dem Wege

dachte er, wie schön es wäre, wenn Gott das Korn in seinem Sacke in

Gold verwandeln möchte, und schließlich glaubte er, daß sein Wunsch

erhört sei. Er streckte die Hand aus, um zu sehn, ob es Gold geworden

sei oder nicht, aber der Sack legte sich um. Da wandte er den Blick

gen Himmel und sagte: »Herr, du hast mich betrogen.«

376.

Einer lud Dschoha ein in der Absicht, ihn zu hänseln; er brachte

Rosinen in einer zugedeckten Schüssel, worein er auch Mistkäfer getan

hatte. Als der Deckel abgenommen wurde, liefen die Käfer davon; aber

Dschoha machte sich daran, sie aufzulesen und zu essen. Der Hausherr

fragte ihn: »Was tust du denn?« Und Dschoha antwortete: »Ich fange

vorerst die Ausreißer; die Rosinen rühren sich ja nicht von der

Stelle.«

2. Aus der von Mardrus besorgten Ausgabe von Tausend und einer Nacht

377.

In den Jahrbüchern der alten Weisen, o König der Zeit, und in den

Schriften der Gelehrten wird erzählt und durch die Überlieferung

ist auf uns gekommen, daß in der Stadt Kairo, diesem Sitze des

Frohsinns und des Geistes, ein Mann gewesen ist, der wie ein

Dummkopf aussah, aber unter dem Äußern eines ungewöhnlichen Narren

einen unvergleichlichen Kern von Verschlagenheit, Scharfsinn, Witz

und Weisheit verbarg, ganz zu geschweigen, daß er sicherlich der

vergnüglichste, unterrichtetste und geistreichste Mensch seiner Zeit

war; mit seinem Namen hieß er Dschoha, und von Beruf war er nichts,

gar nichts, wenn er auch gelegentlich in den Moscheen das Predigeramt

ausübte.

Eines Tages sagten nun seine Freunde zu ihm: »Schämst du dich denn

nicht, Dschoha, daß du dein Leben im Müßiggange verbringst und deine

Hände samt den zehn Fingern zu nichts anderm brauchst, als um sie voll

zum Munde zu führen? Und denkst du nicht, daß es die höchste Zeit wäre,

dein Luderleben aufzugeben und dich den Sitten aller Welt zu fügen?«

Dschoha antwortete darauf nichts. Aber eines Tages fing er einen

großen, schönen Storch mit herrlichen Flügeln, die ihn hoch in den

Himmel trugen, mit einem wunderbaren Schnabel, dem Schrecken der Vögel,

und mit zwei Lilienstengeln als Beinen. Und nachdem er ihn gefangen

hatte, stieg er mit denen, die ihm Vorwürfe gemacht hatten, auf das

Dach seines Hauses, und dort schnitt er dem Storche mit einem Messer

die herrlichen Federn der Flügel und den wunderbaren langen Schnabel

und die hübschen, so zierlichen Beine ab, stieß ihn mit dem Fuße

hinaus und sagte: »Fliege! fliege!«

Entrüstet schrien ihn seine Freunde an: »Daß dich Allah verfluche,

Dschoha! Warum diese Verrücktheit?«

Und er antwortete ihnen: »Dieser Storch hat mich geärgert und hat meine

Augen verdrossen, weil er nicht so war wie die andern Vögel; jetzt aber

habe ich ihn den andern ähnlich gemacht.«

378.

Und einmal kam sein Nachbar zu Dschoha, um ihn zu einem Mahle

einzuladen, und sagte zu ihm: »Komm zu mir essen, Dschoha.« Und Dschoha

nahm die Einladung an. Und als sie alle beide vor dem Eßbrette saßen,

wurde ihnen eine Henne aufgetragen. Und Dschoha gab es nach mehrern

Kauversuchen auf, sich mit dieser Henne zu befassen, die eine alte war

unter den allerältesten Hennen, und deren Fleisch zäh war wie Leder;

und er begnügte sich, ein wenig von der Suppe, worin sie gekocht war,

zu sich zu nehmen. Dann stand er auf, nahm die Henne, stellte sie in

die Richtung nach Mekka und schickte sich an, sein Gebet über ihr

zu sprechen. Und sein Wirt sagte betreten zu ihm: »Was willst du,

Ungläubiger? Seit wann beten die Muselmanen über den Hühnern?«

Und Dschoha antwortete: »Du täuschest dich, Oheim. Diese Henne, über

der ich beten will, ist keine Henne: sie hat nur die Gestalt einer

Henne; denn in Wirklichkeit ist sie eine alte heilige Frau, die in

eine Henne verwandelt worden ist, oder ein verehrungswürdiger frommer

Mönch! denn sie war im Feuer, und das Feuer hat sie verschont.«

379.

Ein andermal war Dschoha mit einer Karawane ausgezogen und der

Mundvorrat war gar spärlich und der Hunger der Reisenden war

beträchtlich; und er wurde von seinem Magen so gepeinigt, daß er gern

das Futter der Kamele verschlungen hätte. Als sie sich nun beim ersten

Halt alle niedergesetzt hatten, um zu essen, zeigte Dschoha so viel

Zurückhaltung und Bescheidenheit, daß sich seine Gefährten nicht genug

wundern konnten. Sie drangen in ihn, das Brot und das harte Ei, das ihm

zukam, zu nehmen, aber er antwortete: »Nein, bei Allah! eßt nur und

seid zufrieden; ich wäre nicht imstande, ein ganzes Brot und ein Ei

aufzuessen. Nehmt nur jeder euer Brot und euer Ei; mir gebt dann, wenn

es euch beliebt, jeder die Hälfte von seinem Brot und seinem Ei: mehr

verträgt mein Magen nicht, der ziemlich schwach ist.«

380.

Ein andermal, an einem sehr heißen Tage, hatte sich Dschoha in der

ärgsten Sonnenglut auf den Weg gelegt und hielt seinen Freudenstifter

entblößt in der Hand. Da kam einer vorbei, und der sagte zu ihm:

»Schande über dich, Dschoha! was machst du da?«

Und Dschoha antwortete: »Schweige, Mann, und geh mir aus meinem Winde!

siehst du nicht, daß ich meinen Kleinen Luft schöpfen lasse zu seiner

Erfrischung?«

3. Volkserzählungen aus Tripolis und Tunis

381.

Einmal kam ein Mann zu Dschuha und sprach zu ihm: »Ich habe eine Kuh

und möchte sie verkaufen, aber niemand will sie mir abkaufen.« Dschuha

antwortete: »Ich werde den Verkauf besorgen. Bring sie morgen auf den

Markt; da will ich sie an den Mann bringen.« Dschuha ging zu seiner

Mutter und erzählte es ihr, und sie sagte zu ihm: »Weißt du auch, mein

Sohn, wie du die Kuh teuer verkaufen kannst?« »Sag mirs.« »Sag: ›Das

ist eine sehr schöne Kuh; sie ist noch jung, ist aber schon im sechsten

Monate trächtig.‹« »Schön,« antwortete Dschuha.

Am nächsten Morgen brachte ihm der Mann die Kuh; Dschuha trieb sie auf

den Markt und begann sie auszurufen. Man fragte ihn: »Dschuha, ist

das eine gute Kuh?« Er antwortete: »Eine sehr gute; ich weiß, daß sie

sehr gut ist.« »Wieso weißt du das?« »Sie ist noch jung und ist schon

trächtig im sechsten Monate.« »Ja dann ist sie gut.« Dschuha verkaufte

sie in der Tat sehr teuer. Dann ging er nach Hause.

Nun hatte er eine junge Tochter, und um die warben eben Leute, als er

nach Hause kam. Und ihre Mutter sagte zu den Leuten: »Da kommt ihr

Vater. Bittet ihn um sie; er wird sie euch schon geben.« »Was wollt

ihr?« fragte Dschuha. »Wir wollen deine Tochter haben.« Er sagte: »Ja

die ist gut: ihr Verstand ist gut entwickelt, ihre Augen sind hübsch,

ihre Augenbrauen sind zierlich, ihr Haar ist schön genug, und überdies

ist sie im sechsten Monate schwanger.« Die Leute begannen zu lachen,

wandten sich zur Tür und gingen weg.

Nun sagte die Frau zu Dschuha: »Schämst du dich nicht?« »Warum denn?«

»Wie kannst du zu Leuten, die um deine Tochter werben kommen, sagen,

sie sei im sechsten Monate schwanger?« »Nun, bei der Kuh war es doch

heute gut, die gar nichts wert war. Niemand hat sie mir abnehmen

wollen, bis ich den Leuten gesagt habe, sie sei im sechsten Monate

trächtig; da haben sie sie sofort genommen. Na, und wenn einer etwas

kaufen will, ists da besser, er erhält ein Ding oder gleich zwei?«

Dschuha ging nun weg von seiner Frau. Auf der Straße kam er wieder mit

den Leuten zusammen, die bei ihm um seine Tochter geworben hatten, und

die sagten zu ihm: »Wie hast du uns nur sagen können, deine Tochter

sei eine Jungfrau, und dann behaupten, sie sei im sechsten Monate

schwanger?« Dschuha antwortete: »Das will ich euch erklären. Wenn du

zum Beispiel reisest und irgendwohin willst, ist es da besser, wenn

du in neun Stunden hinkommst oder in drei?« »Natürlich ist es in drei

Stunden besser.« »Nun, das trifft auch bei meiner Tochter zu; ist es

besser, wenn sie ihrem Gatten in drei Monaten ein Kind schenken kann,

oder wenn das erst in neun Monaten möglich ist?« Da lachten die Leute

und gingen weg.

382.

Dschuha kam einst zu König Jachja; der mochte ihn gut leiden und sagte

zu ihm: »Verlange, was du willst.« Dschuha antwortete: »Wer Jachja

heißt, soll mir einen Piaster geben, wer am frühen Morgen ausgeht,

desgleichen, wer auf seine Frau hört, desgleichen, ebenso wer einen

langen Bart hat, und schließlich wer grindig ist.« Der König befahl:

»Fertigt ihm die Gewährung seiner Bitte schriftlich aus.« Dschuha nahm

den Bescheid und ging.

Eines Tages ging er früh ums Morgengrauen zu einem Stadttore und setzte

sich dort nieder. Da kam ein Beduine vorbei, der Brennreisig in die

Stadt bringen wollte. Dschuha hielt ihn an und sagte zu ihm: »Gib

mir einen Piaster.« Der Beduine fragte: »Warum?« Dschuha antwortete:

»Weil du am frühen Morgen ausgehst.« Der Beduine blickte auf und

sagte: »Hätte ich nicht auf meine Frau gehört, wäre ich nicht früh

aufgestanden.« Da sagte Dschuha: »Jetzt mußt du mir zwei Piaster

geben.« Der Beduine wurde zornig und sagte: »Weg! laß mich in Ruh;

sonst kannst du den Stock da von der Hand Hadsch Jachjas zu kosten

bekommen!« Da sagte Dschuha: »Jetzt machts drei Piaster.« Sie begannen

zu streiten: der eine sagte: »Gib her,« und der andere: »Ich gebe

dir nichts,« bis sie sich zu prügeln anfingen. Da wurde der Bart des

Beduinen sichtbar, und Dschuha sah, daß er lang war; da sagte er: »Vier

Piaster.« Sie prügelten sich weiter, und da wurde auch der Kopf des

Beduinen bloß; Dschuha sah, daß er grindig war, und so sagte er sofort:

»Fünf Piaster.« Der Streit wurde immer heftiger und schließlich wurden

sie vor den Sultan geführt.

Der Sultan antwortete: »Was soll das heißen, Dschuha?« Dschuha

antwortete: »Hier ist der treffliche Bescheid, den du mir gegeben hast.

Bei diesem Manne habe ich die fünf Eigenschaften getroffen, die in dem

Bescheide verzeichnet sind: er heißt Jachja, geht am frühen Morgen aus,

hört auf den Rat seiner Frau, hat einen langen Bart und ist grindig.«

Der Sultan sagte zu dem Beduinen: »Geh nur ruhig nach Hause; du bist

ein armer Mann und bist hergekommen, um dir etwas zu verdienen, und

Dschuha hat dich abgehalten.« Und er gab ihm ein Geschenk und sagte:

»Geh jetzt.« Dschuha sah König Jachja an und sagte: »Es mangelt doch

einem jeden, der Jachja heißt, am Verstande.« Darüber erboste sich

König Jachja und ereiferte sich immer mehr; endlich rief er: »Bei Gott,

wenn du mir niemand ausfindig machst, der Jachja heißt und dem es am

Verstande mangelt, so lasse ich dir den Kopf abschlagen.« Dschuha

antwortete: »Gib mir hundert Piaster und gewähre mir neun Tage Frist.«

Der König ließ ihm das Geld geben und gewährte ihm die gewünschte

Frist, erklärte aber nochmals: »Wenn du mir nicht binnen neun Tagen

einen Menschen, wie beschrieben, bringst, so lasse ich dir den Kopf

abschlagen.«

Dschuha verließ den Palast und ging auf den Schafmarkt; dort kaufte

er einen hübschen Hammel. Den trieb er in den Basar der Gewürzkrämer.

Er fragte einen Mann: »Ist vielleicht in dem Basar da ein Mann, der

Jachja heißt?« Der Mann sagte: »Der in dem Laden dort heißt Jachja.«

Dschuha ging zu dem ihm bezeichneten und sagte zu ihm: »Friede sei

über dir!« Der Gewürzkrämer antwortete: »Über dir sei der Friede,«

und bewillkommnete Dschuha. Der sagte: »Du heißt Jachja?« Der Krämer

antwortete: »Jawohl.« Dschuha sagte: »Ich habe dir ein Geschenk

gebracht.« Der Krämer fragte: »Von wem denn?« Dschuha antwortete:

»Diesen Hammel hat dir der Erzengel Gabriel geschickt.« Der Alte

freute sich und rief: »Lob sei Gott, der sich meiner erinnert und mir

durch den Engel Gabriel einen Hammel geschickt hat.[5]« Dschuha sagte

ihm noch: »Ich warne dich aber vor einem: dieser Hammel erzählt alles

weiter, was er zu hören und zu sehn bekommt; er ist ein Plauderer.« Der

alte Jachja nahm den Hammel mit nach Hause und band ihn in der Küche an.

Nun hatte der Alte einen Sohn, der eben geheiratet hatte. Die junge

Frau mußte auf einmal auf den Abtritt gehn, und dort ließ sie einen

fahren; ach, da sah sie, daß der Hammel herguckte. Sie schämte sich

heftig und sprach bei sich: »Der sagt es jetzt meinem Manne und stellt

mich vor ihm bloß.« Drum sagte sie zu dem Hammel: »Bitte, sag nichts.«

»Bäh, bäh.« »Versprich mir, daß du nichts sagen wirst.« »Määh.« Da

zog sie ihr Leibchen aus und bat den Hammel: »Nimm es, aber sage

meinem Manne nichts.« Und so zog sie sich ein Kleidungsstück nach dem

andern aus, um es dem Hammel hinzugeben, bis sie splitternackt auf

dem Abtritte dasaß. Ihre Mutter vermißte sie und fand sie endlich auf

dem Abtritte; da sie sah, daß sie nackt und bloß war, fragte sie sie:

»Dir fehlt doch nichts?« »Ach, Mütterchen, ich habe einen streichen

lassen, und der Hammel hat es gehört, und ich ängstige mich, daß ers

weitererzählt; und er will mir nichts versprechen.« Da zog sich die

Alte auch aus und saß schließlich auch nackt auf dem Abtritte. Die

Mutter des jungen Gatten vermißte die beiden und ging ihnen nach; und

sie sagte zu ihnen: »Warum sitzt ihr denn nackt und bloß da?« Die

Mutter der jungen Frau begann: »Mein Töchterchen hat einen streichen

lassen, und wir haben Angst, der Hammel erzählts ihrem Manne.« Da zog

sich die Mutter des jungen Gatten auch aus und gab auch alle ihre

Kleider dem Hammel und sagte zu ihm: »Mein Söhnchen, bitte, sags nicht

weiter.«

So standen die Dinge, als der alte Jachja sein Haus betrat. Er rief

hinein: »Chaddidscha! Fatima!«, aber niemand antwortete ihm. Da suchte

er das ganze Haus ab, bis er auf den Abtritt kam und die drei Frauen

sah; er fragte sie: »Was ists mit euch?« Sie schwiegen; denn sie

schämten sich. Er sagte: »Sagt es mir nur.« Nun sagten sie: »Die junge

Frau hat früher einen streichen lassen, und wir haben uns geängstigt,

daß es der Hammel ihrem Manne erzählen werde.« Da begann sich der alte

Jachja auch zu entkleiden: er gab dem Hammel Turban, Rock und Kaftan

und saß schließlich nackt wie die drei Frauen auf dem Abtritte.

Endlich kam der junge Ehemann, der Sohn des alten Jachja, heim; er

fand das Haus öde und leer. Er rief: »Mutter! Frau!«, aber niemand

antwortete ihm. Als er dann vom Abtritte her ein Geräusch hörte, ging

er hin, und dort fand er die ganze Gesellschaft nackt: Vater, Mutter,

Frau und Schwiegermutter. »Gottes Wunder!« sagte er; »was ist denn los

mit euch?« Sie schwiegen und schlugen ihre Augen zu Boden; dann trat

sein Vater vor und sagte zu ihm: »Deine junge Frau, mein Sohn, hat

einen fahren lassen, und wir hatten Angst, der Hammel könnte es dir

erzählen.«

Lassen wir jetzt diese Leute und ihre Sachen und wenden wir uns wieder

zu Dschuha. Was tat also Dschuha? Dschuha hielt sich eine Woche lang

fern vom alten Jachja; dann aber ging er wieder in seinen Laden. Der

Alte bewillkommnete ihn freudig und sagte: »Sei gegrüßt!« Dschuha

sagte: »Komm her! ich will dir etwas anvertrauen, was ein Geheimnis

zwischen uns bleiben soll.« Jachja sagte: »Sag es.« Dschuha sagte: »Ich

bin der Engel Asrael und heute Nacht wird mich Gott zu dir senden,

um deinen Geist zu holen.« Jachja sagte: »Freund, was habe ich denn

verbrochen?« Dschuha antwortete: »Du magst etwas verbrochen haben

oder nicht: wer vor seinem Ende steht, muß den Fuß langstrecken. Geh

hin und nimm von allen deinen Angehörigen, Verwandten und Bekannten

Abschied.« Der alte Jachja erwiderte: »Ich will aber nicht sterben.«

Dschuha sagte: »Was soll das heißen? Das Geschenk ist dir recht, aber

vom Sterben willst du nichts hören? Nimm nur dein Leichentuch und geh

nach Hause. Ich werde gegen Abend zu dir kommen und zwar mit zwei

andern Engeln, nämlich Michael und Gabriel.« Damit verließ er den

alten Jachja. Der dachte nun: »Heute Nacht muß ich also sterben.« Dann

nahm er sein Leichentuch und ging nach Hause. Er wusch sich und betete

zwei Abschnitte; und zu den seinigen sagte er: »Niemand soll das Haus

verlassen.« Hierauf ging er zu seinen Freunden und Verwandten und sagte

zu ihnen: »Verzeiht mir alles schlechte.« Sie fragten ihn: »Was ists

mit dir?« und er antwortete: »Heute Nacht muß ich sterben.« Der eine

sagte: »Jachja ist verrückt geworden«, der andere: »Vielleicht hat er

seinen Tod vorausgesehn.« Dann ging Jachja wieder nach Hause. Seine

Frau und seine Schwiegertochter kamen ihm entgegen und sagten zu ihm:

»Sei gegrüßt!«; er aber entgegnete: »Weder gegrüßt, noch sonst etwas.

Verzeihet mir alles; denn heute Nacht muß ich sterben.«

Dschuha ging wieder zum Könige und sagte zu ihm: »Nun habe ich einen

ausfindig gemacht, der Jachja heißt wie du und dem es am Verstande

fehlt.« Er brachte zwei Kapuzenmäntel und der König und der Wesir zogen

sie an; er tat das gleiche. Und um die Zeit des Abendgebetes ging er

mit ihnen zu dem alten Jachja; sie fanden die Haustür offen. Als sie

eintraten, flohen die weiblichen Familienmitglieder, indem sie riefen:

»Das ist der König Tod; er will vielleicht auch uns töten.« Die drei

traten ein und sagten zum alten Jachja: »Friede sei über dir.« Er

antwortete ihnen mit matter Stimme: »Über euch sei der Friede.« Nun

befahl ihm Dschuha: »Lege dich hin und strecke dich lang.« Jachja legte

sich hin und streckte sich lang. Dschuha befahl ihm weiter: »Sag dein

Glaubensbekenntnis.« Dann begann er den Alten von unten an zu quetschen

und zu zwicken: mit dem Beine fing er an und zwar mit der großen Zehe;

dann kam er ihm an den Bauch, an die Brust und schließlich an den Hals.

Als er ihm tüchtig an den Hals griff, wurde Jachja ohnmächtig. Drauf

deckte ihm Dschuha das Gesicht zu und sagte zum Sultan und zum Vesir:

»Laßt uns wieder gehn.« Und als er das Haus verließ, sagte er zu den

Angehörigen des alten Jachja: »Wer sich muckst oder gar schreit, dessen

Geist hole ich.« Zum Sultan aber und zum Wesir sagte er: »Morgen sollt

ihr mit mir dem Begräbnisse beiwohnen.«

Am nächsten Morgen ging der Sohn des alten Jachja aus und holte die

Sänger und die Bahre. Man wusch den Alten und hüllte ihn in das

Leichentuch, legte ihn, ohnmächtig, wie er noch immer war, auf die

Bahre und zog zum Friedhofe. Unter den Leuten, die dem Begräbnisse

beiwohnten, waren der Sultan und der Wesir und auch Dschuha. Dem

begegnete ein altes Weib und er sagte zu ihr: »Komm her; da ist ein

Goldstück. Geh an die Bahre, tritt zu den Trägern und sage zu ihnen,

was ich dir sagen werde.« Und er sagte ihr, was sie zu sagen haben

werde. Sie trat auf die Träger zu und sagte zu ihnen nach dem Wortlaute

Dschuhas: »Wer ist der Tote?« Man antwortete ihr: »Der alte Jachja vom

Basar der Gewürzkrämer.« Sie sagte: »Gott sei ihm nicht gnädig! Ich

habe bei ihm, als ich meine Tochter verheiraten wollte, ein Pfündchen

Ambra gekauft; da hat er mich um vier Unzen betrogen.« Als das der alte

Jachja hörte, richtete er sich auf der Bahre auf und rief: »Ich bin ein

Betrüger, du schlechtes Weib? Mich kennt man als einen Dieb?« Da warfen

die Träger die Bahre zu Boden und entflohen; alle Leute aber begannen

zu lachen und der Sultan und der Wesir stimmten mit ein. Nun wandte

sich Dschuha an den Sultan und sagte zu ihm: »Habe ich dir nicht

gesagt, daß es jedem, der Jachja heißt, am Verstande fehlt?« Der Sultan

antwortete: »Ich verzeihe dir; verlange von mir, was du willst.«

383.

Dschuha pflegte mit seiner Mutter unter einem Tuche zu schlafen, und

allmorgendlich, wann der Muezzin auf das Minaret stieg, um zum Gebete

zu rufen, stand seine Mutter auf und nahm das Tuch um, so daß Dschuha

in der Kälte bloß liegen mußte. Eines Tages sprach er bei sich: »Dieser

Muezzin ist doch ein nichtswürdiger Mensch; jede Nacht stört er mich.«

Er ging zu ihm hinauf aufs Minaret; und während der Muezzin zum Gebete

rief, erschlug er ihn. Und er schnitt ihm den Kopf ab und warf ihn in

den Brunnen seines Hauses. Dann ging er zu seiner Mutter und sagte zu

ihr: »Jetzt habe ich dir glücklich Ruhe vor dem Muezzin verschafft; ich

habe ihn getötet und ihm den Kopf abgeschnitten.« Die Mutter fragte

ihn: »Wo ist denn der Kopf?« Dschuha antwortete: »Ich habe ihn in

unsern Brunnen geworfen.« Nun sagte die Mutter: »Geh jetzt hinein und

leg dich schlafen; sonst wird man kommen und dich festnehmen.« Dschuha

ging ins Zimmer und legte sich schlafen und die Mutter deckte ihn zu.

Sie schlachtete ein Hämmelchen, das sie hatte, und warf den Kopf in den

Brunnen; das Netz und den Magen nahm sie her und machte Würste daraus.

Die kochte sie, ging damit zu Dschuha und warf sie auf den Boden; dann

sagte sie zu ihm: »Steh auf, Dschuha, es hat Würste geregnet.« Dschuha

erhob sich, las die Würste auf und aß sie. Hierauf ging er aus; er

fand die Moschee voller Menschen und die fragten einander: »Was ist

das? der Muezzin hat keinen Kopf; wer hat ihn getötet?« Dschuha sagte

zu ihnen: »Ich habe ihn getötet.« Sie fragten ihn: »Wo ist sein Kopf?«

Er sagte: »Den habe ich in unsern Brunnen geworfen.« Nun hieß es: »Wir

müssen zu Dschuha gehn, damit wir sehn, ob das wahr oder gelogen ist.«

Man ließ Dschuha in den Brunnen hinab, damit er den Kopf des Muezzins

heraufhole. Als er nun im Wasser herumtastete, kamen ihm die Hörner des

Hammels in die Hand; da sah er hinauf und rief denen oben zu: »Hat euer

Muezzin Hörner gehabt oder nicht?« Sie sagten: »Was soll das heißen?

Wann hast du ihn übrigens getötet?« Dschuha antwortete: »In der Nacht,

wo es Würste geregnet hat.« Da sahen sich die Leute an und sagten:

»Ach, das ist ja der verrückte Dschuha!«

384.

Dschuha hatte einen Oheim von Vaters Seite, und in dessen Frau war er

verliebt und sie gewährte ihm auch ihre Gunst; da verstieß sie der

Oheim und nahm eine andere Frau und die warnte er mit den Worten:

»Dschuha ist ein Taugenichts; hüte dich ja, daß er dir zu nahe kommt

und du ihm irgendeine Gunst gewährst.« Dschuha war der Schafhirt seines

Oheims; und wenn er abends heimkam und die Frau anzureden versuchte,

so wies sie ihn allemal schnöde ab. Als er aber einmal die Schafe

weidete, kam er zu einem unterirdischen Gewölbe; dahinein trieb er

die Schafherde, und den Eingang verrammelte er. Er ging zu seinem

Onkel und sagte zu ihm: »Die Schafe sind weg.« Sein Oheim, der Ärmste,

machte sich auf und suchte mit seiner Frau die Schafe; die waren in

dem Gewölbe. Als die Suchenden dort in die Nähe kamen, begann auf

einmal Dschuha für sich zu sprechen. Sein Oheim sagte: »Was redest und

sprichst du da?« Dschuha antwortete: »Die Vögel sprechen mit mir.« Der

Oheim fragte weiter: »Was sagen sie dir denn?« Dschuha antwortete:

»Was mir die Vögel sagen, kann ich dir nicht wiedersagen; es schickt

sich nicht.« Der Oheim dachte eine Weile nach; dann sagte er: »Sag es

mir; es tut weiter nichts.« Dschuha antwortete: »Die Vögel haben zu

mir gesagt: ›Wenn du die Frau deines Oheims wirst küssen, wirst du

die Schafe finden müssen.‹« Da sagte der Oheim: »Also, Dschuha, ich

soll die Schafe finden, wenn ich dir meine Frau überlasse?« Dschuha

antwortete: »Ja, bei Gott. Wahrhaftig.« Nun sagte der Oheim: »Wohlan

denn, nimm sie dort ins Gebüsch und küsse dich satt an ihr.« Dschuha

nahm sie ins Gebüsch und küßte sich satt an ihr. Dann kam er aus

dem Gebüsche hervor und begann wieder ein Selbstgespräch. Der Oheim

fragte ihn: »Was hat dir der Vogel jetzt gesagt?« »Er hat mir gesagt,

wo die Schafherde ist, nämlich dort in dem unterirdischen Gewölbe.«

Der Oheim fragte ihn wieder: »Wirklich? oder lügst du mir etwas vor?«

Bald waren sie bei dem Gewölbe und Dschuha öffnete es und ließ die

Schafe heraus; und er sagte: »Nun, Oheim, da haben wir also die Schafe

wiedergefunden.« Als sie dann zu Hause waren, sagte Dschuhas Oheim zu

seiner Frau: »Dieser Dschuha ist ein Taugenichts; er verspottet uns

und macht sich über uns lustig.« Und damit jagte er Dschuha weg.

385.

Dschuha hatte einen kleinen Esel. Den entdeckten etliche lose Buben und

nahmen ihn weg; und als sie ihn gestohlen und verkauft hatten, kamen

sie wieder zu Dschuha und sagten zu ihm: »Dschuha, dein Esel ist Kadi

geworden.« Dschuha antwortete: »Wahrhaftig?« Sie beteuerten es: »Wir

haben ein Buch vor uns hingelegt und zu lesen begonnen, und da hat er

uns zugehört.« Dschuha nahm einen Futtersack und ging damit zum Kadi.

Der Kadi sprach gerade Recht; da hielt ihm Dschuha den Futtersack hin

und sagte zu ihm: »Komm, friß Gerste; du bist doch ein Esel.« Der Kadi

blickte auf und sagte: »Was soll das heißen? du machst mich zu einem

Esel, verfluchter Junge? Greift ihn und verabreicht ihm zweihundert

Hiebe.« Dschuha erhielt also von den Dienern die Hiebe; aber er schrie:

»Ach, ich werde dir keine Gerste und kein Stroh mehr geben; wann ich

aber wieder frei bin, werde ich dirs schon zeigen.« Der Kadi blickte

auf und sagte: »Der Mensch ist verrückt; was war dein Esel wert, mein

Junge?« Dschuha antwortete: »Hundert Piaster.« Der Kadi befahl: »Gebt

ihm hundert Piaster und jagt ihn weg.« Aber Dschuha begann wieder:

»Wenn du nun nicht mein Esel bist, wo ist denn dann mein Esel?« Der

Kadi fragte ihn: »Was war es mit deinem Esel?« Dschuha sagte: »Ich

suchte ihn, konnte ihn aber nicht finden. Da sind mir etliche Leute

begegnet und die haben zu mir gesagt: ›Dein Esel ist Kadi geworden.‹

Da bin ich zu dir gekommen und du hast mir zu dem nötigen verholfen.

Drum bist du wirklich ein Kadi und kein Esel.« Der Kadi ließ die Leute

holen, die diese Geschichte angestiftet hatten; man brachte sie und

der Kadi befahl: »Gebt jedem zweihundert Hiebe.« Und dann sagte er zu

ihnen: »Ihr müßt Dschuha seinen Esel wieder verschaffen.«

386.

Dschuhas Familie hatte als Nachbarn in der Gasse sehr angesehne Leute,

und in dem Nachbarhause war eine Frau, die einen Einäugigen zum

Liebhaber hatte; den sah Dschuha täglich das Haus betreten. Was tat nun

Dschuha? Er kaufte sich eine ganz magere Ziege und die schlachtete er;

dann versammelte er die Hunde des Stadtviertels um sich und schnitt

ihnen das Fleisch der Ziege zurecht und gab es ihnen zu fressen. So

kam auch ein einäugiger Hund dazu. Die andern Hunde hatte er schon

alle satt gemacht und sie waren wieder weggelaufen; nun nahm er den

einäugigen Hund her, der darauf wartete, daß er ihm zu fressen gebe:

er jagte ihn in die enge Gasse hinein und schlug auf ihn los, bis

schließlich der Hund in das Haus floh, wo die Frau mit ihrem einäugigen

Liebhaber war. Der Hund lief also in die Tür und verkroch sich im

Hausflur. Dschuha trat nun auch ins Haus, ging in den Hausflur und

rief: »Hinaus mit dir, Einäugiger! Du frißt die Sachen der Leute und

nimmst Reißaus und versteckst dich bei Fremden im Hausflur.« Die Frau

hörte das, die Ärmste, kam von innen heraus und fragte: »Was gibts mit

dem Einäugigen?« Dschuha antwortete: »Ich habe ihn mit eigenem Auge

hineingehn sehn; er ist ein Hund und Hundesohn.« Da sagte die Frau

bittend: »Da sind hundert Piaster; geh aber weg: du verursachst mir

einen Lärm vor der Haustür.« Dschuha handelte mit ihr um den Betrag,

bis sie ihm schließlich fünfhundert gab. Als er dann das Geld in der

Hand hatte, sagte er zu ihr: »Dort im Hausflur steckt der Hund; jag

mir ihn heraus.« Da blickte sie hin und sah den Hund, und sie sah,

daß er einäugig war wie ihr Geliebter; und sie rief: »Ach, dieser

nichtsnutzige Dschuha hat mich angeführt!« Damit jagte sie den Hund

hinaus und Dschuha ging mit ihm weg.

387.

Dschuha pflegte die Kühe seiner Verwandten von Mutterseite auf die

Weide zu treiben; ihm selber gehörte von der Herde nur ein Kalb. Die

Kühe waren alle mager, Dschuhas Kalb hingegen fett; als er nun einmal

auf das Kalb nicht achtgab, ersahen seine Verwandten die Gelegenheit

und schlachteten es. Sie waren gerade dabei, es zu verzehren, als

Dschuha heimkam; da sagten sie einfach zu ihm: »Dein Kalb hat uns so

gefallen, daß wir es geschlachtet haben; jetzt essen wir es.« Dschuha

bat sie und sagte: »Gebt mir wenigstens die Haut.« Sie gaben sie ihm.

Er ging damit weg und bot sie im Basar zum Verkaufe aus. Den ganzen

Tag bot er sie aus; schließlich verkaufte er sie um einen Heller. Er

überlegte und sagte sich: »Was tu ich mit dem Heller?« Dann machte

er ein Loch in den Heller, zog einen Faden durch und wickelte sich

den Faden um den Finger und machte sich auf den Weg nach Hause. Da

sah er vor sich zwei Männer auf der Straße; die hatten einen Kasten

voll Goldstücke gefunden und waren eben dabei, sie mit einem Maße

zu messen und sie zu teilen. Dschuha schlich sich von hinten an sie

heran und warf seinen Heller mitten unter die Goldstücke; und er

sagte zu ihnen: »Seid gegrüßt!« Sie fragten ihn: »Was ists mit dir?«

Er antwortete: »Und was ists mit euch? Teilt ihr das Geld anderer

Leute?« Sie antworteten: »Diesen Schatz hat uns Gott geschenkt; wir

haben ihn regelrecht durch Zauberei gehoben.« Dschuha aber sagte: »Der

Schatz gehört mir.« Sie fragten: »Wieso denn?« Dschuha antwortete:

»Ich habe ihn gekennzeichnet, und zwar mit einem Heller, durch den

ein roter Faden gezogen ist.« Sie suchten nach und fanden den Heller

wirklich; nun sagten sie zu Dschuha: »Du hast recht; da müssen wir ihn

unter uns drei teilen.« Dschuha aber erwiderte: »Nein; nehmt ihr eine

Hälfte, und ich will die andere nehmen.« Und er nahm die Hälfte von den

Goldstücken, und die andern nahmen die Hälfte. Er steckte sein Geld in

den Bausch seines Burnus und ging heim.

388.

Der Hodscha Nasreddin II. Band Türkische, arabische, berberische, maltesische, sizilianische, kalabrische, kroatische, serbische und griechische Märlein und Schwänke · 第 1 / 14 段