5: »Hai-oh!«

Im Nu ist die Lethargie der ganzen Mannschaft abgeschüttelt, der Koch

bringt ein Stück gesalzenen Speck als Lockspeise für den Raubfisch, der

Steuermann kommt mit dem wohleingeölten und blankgehaltenen Haken, an

das der Erstere rasch den Speck befestigt -- der Wirbel am Haken muß

sich wohl drehen, denn wie ein Quirl schleudert sich das Unthier herum,

wenn es sich gefangen fühlt -- und das Eisen über Bord geworfen, drängt

Alles nach hinten, die Bewegungen des Fisches, wie er sich nähert oder

theilnahmlos an dem für ihn ausgehangenen Gericht vorbeitreibt, zu

beobachten.

Der Matrose haßt nun überhaupt einen Hai; es ist dieß sein angeborener

erbarmungsloser Feind, der mit den kaltblitzenden grünen Katzenaugen

fortwährend nach Beute ausschauend, faßt, was er eben erreichen kann,

und mit dieser ewigen Raubgier Schnelle und furchtbare Stärke verbindet.

Er beißt auch weniger, als daß er das mit den Zähnen erfaßte förmlich

_ausdreht_, wenn der Gegenstand zu groß ist, ihn gleich ganz zu

verschlingen, und wenn selbst nicht gleich getödtet, ist der unglückliche

Seemann, dem der Hai erst einmal Arm oder Bein gefaßt hat, auch meist

rettungslos verloren. Was Wunder also, daß der Fang eines solchen

Ungethüms stets mit Jubel, begrüßt wird, und selbst sonst ganz gutmüthige

Seeleute die sich wenigstens nie dazu verstehn würden, einen Hund oder

ein anderes Thier muthwillig zu quälen, mißhandeln mit wahrer Wonne

einen gefangenen Hai oder schneiden ihm wohl auch gar den Schwanz ab,

und werfen ihn wieder über Bord, wo er dann bald im Wasser elend

umkommen muß.

Die Seeleute haben Grund ihn zu hassen und thun es von ganzer Seele;

wunderbar aber war die Wuth, die der junge Spanier auf diese Fische

hatte; halbe Tage lang saß er im Mast, nach ihnen auszuspähen, und

war der Fang endlich geglückt, die das Deck peitschende Bestie an

Bord gezogen und hielten sich die Leute noch scheu zurück, von dem

schlagenden Schwanz nicht getroffen zu werden, sprang er, der Erste

hinzu, ihm sein Messer in die Kiemen zu stoßen, daß er dann, trotz dem

wüthenden Springen und Schnappen des gepeinigten Thieres, darin hin und

her wühlte, bis der Fisch, durch Blutverlust und Anstrengung erschöpft,

regungslos liegen blieb. Waren es junge Thiere, so wurden sie gewöhnlich

später gebraten, aber nie konnte Don Gaspar, wie wir ihn denn auch von

jetzt an nennen wollen, bewogen werden, das Fleisch auch nur zu kosten

-- und einen solchen Widerwillen fühlte er dagegen, daß er nicht einmal

in der Kajüte blieb, so lange es auf dem Tische stand.

In dieser Zeit war es, daß ein ungewöhnlich großer Hai von der Bramraae

angerufen wurde und nicht lange, so kam das Ungeheuer der Tiefe, ein

Bursche von fast achtzehn Fuß Länge und von ganz außergewöhnlicher

Stärke heran, den Haken einzuschnappen, den der Steuermann jetzt rasch

anfing einzuziehen, da gar keine Hoffnung da war, ein solch riesiges

Ungethüm selbst mit drei solchen Haken nur zu halten, viel weniger

an Bord zu holen. Kaum aber sah der Fisch den weißen Speck vor sich

hinschießen, den er jetzt wohl in der Eile für einen flüchtigen

Fisch halten mochte, als er einen Schlag in das Wasser that, mit

Pfeilschnelle hinter der vermeintlichen Beute herschoß und sie

verschlang.

Jetzt begann ein toller wilder Jubel am Bord, der aber auch wieder von

Lachen und Verwünschungen unterbrochen wurde, denn wenn der Hai nur im

mindesten seine Kraft gegen das, was ihn hielt, gewandt hätte, mußte

Haken oder Tau brechen und reißen; der gefangene Fisch begnügte sich

aber, sich herumzuwirbeln und dadurch dem Eisen zu entgehen, das ihm

anfing, unbequem zu werden und mehr und mehr zogen sie ihn indessen

dem Heck des Schiffes näher, wo der Capitain schon eine Harpune bereit

hielt, ihn zu werfen und dadurch vielleicht zu sichern.

Don Gaspar war außer sich, er sprang und jubelte, kletterte an den

Besahnwanten[6] hinauf und wieder hinunter und flog nur manchmal mit an

das Tau, das die ganze Mannschaft fest gepackt hielt, um zu fühlen, ob

der Fisch noch sicher daran sei. Endlich brachten sie ihn glücklich

in Wurfsnähe der Harpune, der Capitain, ein alter Wallfischfänger,

schleuderte das Eisen mit Kraft und Sicherheit und die scharfen

Widerhaken drangen selbst durch die horngleiche Haut des Ungethüms

tief in das Fleisch des Halses ein. Die nächsten Minuten hiernach war

Nichts zu sehn als Schaum, so peitschte das Ungethüm die Wogen, und der

Schwanz stieg manchmal wie der Kopf einer riesigen Schlange empor, und

schmetterte dann mit furchtbarer Kraft in die kochende Wassermasse

zurück. Aber das Eisen hielt und nur durch die entsetzlichen Anstrengungen

des zur tollsten Wuth gereizten und vom Schmerz gepeinigten Thieres,

arbeitete sich die Wunde größer und größer, und als sich das Wasser

etwas beruhigte, rief der alte Steuermann, sie würden ihn doch noch

verlieren, denn so bald er noch einmal anfange und hätte keine Schlinge

um den Schwanz, müsse er sich frei machen.

6: Besahnwanten, das stehende Tauwerk des hinteren Mastes, das

diesen hält und zugleich zur Strickleiter dient.

Der Koch schlug jetzt, um das Tau der Harpune selber herum, eine

Schlinge, diese auf den Kopf des Haies niederfallen zu lassen, und um

ihn herum zu bekommen. Der gefangene Fisch fing aber aufs Neue an zu

schlagen -- und wenn auch die Schlinge dabei schon über den Kiemen lag,

mußte sie doch wieder abrutschen, sobald aufgeholt wurde.

Don Gaspar zitterte während der Zeit am ganzen Körper von innerer

Aufregung, er schrie und lachte, wenn der Fisch ruhig blieb und der

Koch mehr mit der Schlinge nach rückwärts kam, und tobte und wüthete

förmlich, wenn das Unthier sich wieder zu befreien drohte. -- Alle

möglichen Anordnungen gab er dabei und der Koch, so vielen Respekt er

sonst vor dem Quarterdeck hatte, wurde endlich so ärgerlich, daß er

ausrief --

»Das Schwatzen soll der Teufel holen, geht hinunter und schiebt das Tau

über, und die Satansbestie soll bald hier oben liegen -- da -- da geht's

wieder an -- na, jetzt ist die Geschichte vorbei, diesmal haut er sich

frei.«

Don Gaspar war auf den Rand der Brüstung gesprungen und schaute lautlos

aber mit funkelnden, glühenden Augen in die Tiefe.

»Nehmen Sie sich in Acht, Herr!« rief ihm der Steuermann zu -- »wenn Sie

hinabfallen, kommen Sie in einen heißen Platz!«

Der Wahnsinnige: Eine Erzählung aus Südamerika · 第 3 / 7 题