»#Mueran los salvajes Unitarios,#[4]« antwortete der im Haus Befindliche,
und zwei zurückgeschobene Riegel kündeten gleich darauf, wie er das
Feldgeschrei seiner Parthei für eine hinlängliche Bürgschaft des guten
Charakters seines nächtlichen Besuches halte, ihm selbst in dieser
späten Stunde Einlaß zu gönnen. Gleich darauf wurde ein Schlüssel im
Schloß umgedreht und die Thür öffnete sich nach Innen, während das
Licht der Lampe, die der Aufschließende in der Hand hielt, voll auf
das Antlitz seines späten und ungekannten Besuchers fiel.
4: »Es sterben die wilden Unitarier.« Beides das Motto der
Argentinischen Republik unter Rosas.
»#Ave Maria!#« sagte der Alte aber fast unwillkürlich, als er das
todtenbleiche Gesicht und die dunkelglühenden Augen gewahrte, die auf
ihn geheftet waren -- »was wünscht Ihr, Señor, zu so später Zeit?«
Der Fremde strich sich mit der Linken das feuchte rabenschwarze Haar aus
der Stirn und sagte dann mit ruhiger Stimme, die der unruhige Ausdruck
seiner Züge freilich Lügen strafte.
»Ich muß um Entschuldigung bitten, Sie so spät zu stören, aber ein
wichtiger Auftrag zwang mich dazu -- ist Don Luis de Gomez noch zu
sprechen?«
»Don Luis ist nicht zu Hause,« erwiderte der Alte, und musterte jetzt
zum ersten Mal, und wie es schien, etwas erstaunt den verstörten und
schlammbespritzten Anzug des Fremden, »Ihr kommt wohl aus dem Inneren,
Señor?« setzte er dann fragend hinzu. --
»Nicht zu Hause?« wiederholte aber der Fremde rasch und wie es schien
ungläubig -- »sagt ihm, guter Freund, daß ich ihm wichtige Depeschen
bringe, deren Verschieben Unheil über viele Menschen bringen könnte.«
»Aber Don Luis hat Buenos-Ayres schon vor drei Monaten verlassen,«
bekräftigte der Alte seine frühere Aussage, »und ist nach Valparaiso im
Auftrag Sr. Excellenz des Gouverneurs gegangen -- den Gott beschützen
möge.«
»Nicht in Buenos-Ayres?« rief der Fremde, erschreckt einen Schritt
zurücktretend -- »nach Chile? -- und Donna Constancia? --«
Ehe der Alte diese zweite Frage noch beantworten konnte, öffnete sich
die Seitenthür, und eine alte Dame, den Kopf sorgfältig in ihre Mantille
eingeschlagen, die sie unter dem Kinn durchgezogen und über die linke
Schulter zurückgeworfen hatte, schaute heraus, hatte aber kaum das
bleiche Antlitz des Fremden erkannt, auf das in diesem Augenblick das
volle flackernde Licht der Lampe fiel und ihm einen noch viel wilderen
unheimlicheren Ausdruck gab, als sie einen gellenden Schreckens- und
Hülfeschrei ausstieß und die Thüre wieder ins Schloß werfend, vor der
sie ihren Gatten oder was er sonst sein mochte, total und unbekümmert
seinem Schicksal überließ, riß sie das Fenster ihrer Stube auf und rief
mit einer Stimme, die Todte hätte erwecken können »Hülfe« und »Mord« in
die stille Nacht hinaus.
Der Alte erschrak natürlich nicht wenig über den unerwarteten, und für
jetzt allerdings noch total unbegründeten Nothschrei, riß aber doch das
Messer, das er wie jeder Argentiner bei sich trug, aus der Scheide, und
sah den bleichen Fremden verdutzt und unentschlossen an. Dieser war
bei dem ersten Schrei der Frau wild emporgezuckt, und auch seine Hand
griff wohl unwillkürlich nach der, unter dem Pancho verborgenen Waffe,
wie er aber das Hülfegeschrei der Frau nach der Straße zu hörte, stutzte
und horchte er erst einige Secunden und stieß dann plötzlich ein so
wildes fürchterliches Gelächter aus, daß der Alte entsetzt zurücktaumelte.
In dem nämlichen Augenblick war aber dieser wilde unheimliche Besuch
durch die noch offene Hausthür wieder hinaus auf die Straße geschlüpft,
und während der Alte mit vor förmlicher Todesfurcht zitternden Händen,
die Riegel wieder vorschob und seiner Frau, lange vergeblich durch die
verschlossene und von Innen förmlich verbarrikadirte Thür zurief, daß
jede Gefahr -- wenn überhaupt irgend eine vorhanden gewesen, vorüber
sei, floh Morelos mit lautem, schallendem Gelächter die menschenleere
Straße hinab und das Hülfegeschrei der alten Dame tönte gellend hinter
ihm drein.
Keine Thür, kein Fenster öffnete sich dabei. -- Anfälle auf offener
Straße gehörten in gegenwärtiger Zeit, und unter Rosas strenger Polizei,
allerdings zu den Seltenheiten, fielen aber doch dann und wann vor, und
Privatleute hüteten sich wohl, sich in derlei Streitigkeiten zu mischen;
ja wer sich gerade zufällig in der Nähe auf der Straße fand, floh, so
rasch er konnte, solcher Nachbarschaft zu entgehen, die oft in ihren
Folgen selbst für die Zeugen lange Verhöre und selbst für Einkerkerungen
mit sich brachten -- hatte sich endlich die Polizei wirklich einmal in's
Mittel geschlagen.
Als der Lärm verhallt war, marschirte auch heute eine kleine
Militärpatrouille von sechs Negersoldaten und einem Mulatten als
Unterofficier, langsam durch die Straße -- an den Ecken hielt sie still,
die Straße auf und ab zu horchen, ob sich noch etwas vernehmen lasse,
und schickte hie und da einen Mann nach rechts oder links ab, zu sehen,
ob der dunkle Gegenstand an der anderen Seite der Straße vielleicht
die Leiche irgend eines Ermordeten wäre, als sie aber nichts weiter
Verdächtiges fand, zog sie sich, sehr zufrieden mit dem Resultat, in
ihre Quartiere zurück.
* * * * *
Am Ufer des La Plata und überhalb der sogenannten Bootlandung läuft
eine einzelne Reihe von Ombubäumen hinauf, die dort enden, wo die Stadt
eigentlich, trotz dem ausgelegten Plan noch nicht begonnen hat, und eine
hohe Plankenwand weiter keinen Zweck zu haben scheint, als das Ufer
gegen das Anstürmen der Wellen zu schützen, die hier, bei einem tüchtigen
Südosten oft in rasender Gewalt gegen die Küste auftoben können, während
der fast seegleiche Strom mit jedem anderen Winde diese Bucht in
Spiegelglätte hält.
Auf dem Platz lag Bauholz zerstreut umher, und unter dem letzten
Ombubaum, der mit seinen breiten, dichten Ästen seinen Stamm in völlige
Dunkelheit hüllte, stand Stierna in peinlicher Ungeduld und harrte
Stunde nach Stunde vergebens des Freundes. Was war aus ihm geworden,
konnte ihm ein Unglück zugestoßen -- konnte er erkannt und wieder
eingefangen sein? Das Herz schlug dem jungen Schweden in quälender
Angst um den Unglücklichen, denn nicht retten hätte er ihn dann wieder
können, und er selber durfte sich, war ihm sein Leben lieb, wahrlich
nicht wieder in der Stadt zeigen, wo er, ein öffentlich Angestellter des
mächtigen Gouverneurs, diesem selbst in seinen Plänen entgegengewirkt.
Schon hatte er eine Zeit lang von den Thürmen zehn Uhr schlagen hören,
als sich plötzlich Schritte nahten -- es war das regelmäßige Auftreten
einer Wache, die den breiten Fahrweg niederkam und auch dicht an dem
Baum, an dessen Stamm geschmiegt der Doktor stand, vorbeimarschirte.
»Bei dem Wetter soll man nun recognosciren,« sagte der eine der
Soldaten, die sich höchst unbefangen mit einander unterhielten, zu dem
anderen -- »und man weiß gar nicht, wo der Lärm gewesen ist.« --
»Bei Don Gomez -- meint die eine Wache,« erwiederte ein anderer, »aber
noch ist nichts Bestimmtes bekannt -- wie wir vorbeimarschirten war ja
auch Alles still und ruhig dort.« --
Die Worte verklangen in der Ferne, und Stierna zerbrach sich eben
den Kopf, was man mit dieser Patrouille hier eigentlich zu so
außergewöhnlicher Zeit wollte, wenn nicht die Flucht des Gefangenen
schon bekannt geworden wäre, als ihn plötzlich ein leiser Pfiff, dicht
von den Häusern kommend, aufstörte, und freudig emporfahrend, erkannte
er eine dunkle Gestalt, die rasch über die Straße glitt und in seine
ausgebreiteten Arme sank. Es war Don Morelos.
»Aber wo um Gottes Willen sind Sie so lange geblieben?« rief Stierna
ängstlich, seinen Arm ergreifend und haltend -- »ich fürchtete schon
--«
»Pst -- wir müssen fort,« unterbrach ihn aber der junge Spanier -- »die
Patrouillen scheinen schon mehr zu wissen, als uns gut sein möchte.
-- Wie aber kommen wir an Bord?« --
»Ein Canoe liegt hier zwischen den Felsen, das uns --«
»Gut, gut, fort nur, das Wetter ist herrlich -- hurrah, nach Chile, und
wie sie schauen werden, hahahahaha!« --
»Um Gottes Willen nicht so laut,« bat ihn ängstlich der Schwede, »die
Patrouille kann dort oben wahrscheinlich nicht hinaus, und muß hier bei
uns wieder vorbei -- wir dürfen uns deshalb auch nicht auf's Wasser
wagen, bis sie passirt ist.«
Das scharfe Ohr des Spaniers hatte indessen schon wieder die
rückkehrenden Schritte der Soldaten vernommen, und sich dicht an den
Stamm des Baumes schmiegend, dessen ungleiche und hohe Wurzeln ihnen
ungemein günstig waren, drückten sie sich lautlos zwischen diese hinein,
bis die Gefahr vorüber war. Die Patrouille zog indessen mürrisch und
schweigend vorbei; es regnete jetzt, was vom Himmel herunter wollte,
und die armen Teufel von Soldaten dachten in ihren dünnen nassen Jacken
an den feuchten, kalten Raum, der sie erwartete, wenn sie nach ihrer
Hauptwache jetzt zurückkehrten. Wer konnte in solcher Nacht hoffen,
irgend Jemanden einzufangen, dem nicht selber daran lag, arretirt zu
werden.
Eine Viertelstunde später glitt das kleine Canoe, von Stiernas Hand
gerudert, und die Fahrzeuge der Binnenrhede vermeidend, auf die
Außenrhede hinaus. Vom Bug des kleinen Schuners »Oporto« hing eine
Laterne, deren Licht durch die geschliffenen Scheiben wie ein Stern
durch die Nacht funkelte. Zu Starboard vom Bord hing die Fallreepstreppe
nieder, und das Canoe treiben lassend, um morgen irgendwo am Ufer des
La Plata von einem Fischer aufgefangen zu werden, betraten sie das
Fahrzeug, das sie mit Tagesanbruch der gefährlichen Nähe des Diktators
und seiner Häscher entführen sollte.
Der Capitain selber hatte nicht die mindeste Lust in irgend eine
Schwierigkeit mit dem Gesetz zu gerathen, und mit einer ziemlich
günstigen Brise lichtete er noch vor Tagesanbruch den Anker und ging
stromab. Selbst der Lootse erfuhr Nichts von der Anwesenheit der
beiden Passagiere, die bis Monte-Video im »Logis« vorn -- wie der
Aufenthaltsort der Matrosen an Bord eines Schiffes genannt wird
-- untergebracht wurden.
Schon am nächsten Morgen erreichten sie Monte-Video. Stierna erstaunte
aber hier nicht wenig, als Don Morelos ihm plötzlich erklärte, er wolle
mit dem Schiff nach Valparaiso gehn. Monte-Video sei allerdings sicher
genug für ihn, aber das wenige Geld, was er jetzt noch sein eigen
nannte, konnte nicht ewig ausreichen, während er in Valparaiso, weit
eher Gelegenheit fand, auf seine Familie in Spanien zu ziehen. Stierna
konnte dagegen nicht gut etwas einwenden, auch er hatte in dem, überall
vom Feind bedrängten Monte-Video wenig Aussichten, sein Fortkommen
leicht zu gründen, während Valparaiso ihm einen weit freieren Spielraum
für seine Thätigkeit bot, und ihn freute deshalb eher der Entschluß des
Geretteten.
Auffallend war ihm aber dennoch die schnelle Sinnesänderung Don Morelos,
der früher auch nicht eine Sylbe von Chile erwähnt hatte, ja in der That
ganz gleichgültig schien, wohin sie sich wenden würden, nach Osten oder
Westen, nach Norden oder Süden, wenn er nur den »Schauplatz seiner
Qualen« fliehen konnte. Nichts destoweniger sprach er augenblicklich mit
dem Capitain, der sich auch gern bereit zeigte, sie mitzunehmen; über
das Passagiergeld wurden sie bald einig, und da der Capitain selber die
noch immer günstige Brise nicht versäumen wollte, diesem, besonders in
Winterszeit gefährlichen Wasser zu entgehen, wo die tückischen Stürme
dieser Breite, die sogenannten Pamperos fast mit jedem Mondwechsel
mehr oder weniger stark einsetzen, beeilte er seine Geschäfte in der
Hauptstadt der »Unitarier« so rasch ihm das irgend möglich war, und als
der nächste Pampero, einige Tage später wirklich über die weiten Steppen
des Binnenlandes daherwehte, schwammen sie schon draußen im freien Wasser
und hatten Seeraum genug und nicht mehr die niederen gefährlichen Ufer
und Sandbänke des La Platastromes um sich her.
Jeder weiteren Gefahr entdeckt zu werden übrigens auszuweichen, hatten
die beiden Freunde schon mit dem Betreten des Fahrzeugs und den
Seeleuten gegenüber andere Namen angenommen, und Stierna nannte sich
_Leifeldt_ und gab sich für einen _deutschen_ Arzt aus, da er diese
Sprache flüssig redete, während Don Morelos den Namen Don Gaspar de
Monte Silva, einer Familie, mit der er nahe verwandt sein wollte,
angenommen hatte. Auf dem Schiff schon kannte man sie unter keiner
anderen Benennung.
3.
Die Reise und ihre Abenteuer.
Die Reise selber ging rasch und glücklich genug vorüber, Cap Horn
doublirten sie, von einer herrlichen Brise begünstigt, mit Leichtigkeit,
und flogen mit schwellenden Segeln wieder einem milderen, freundlicheren
Klima entgegen.
Don Morelos war den ersten Theil der Reise sehr leidend; kaum aus der
Mündung des La Plata heraus und in offener See, bekamen sie einen
tüchtigen Pampero, der ihn todtseekrank in seine Coje bannte, und
die am Cap Horn fast stets ziemlich hoch gehende See mit der kalten
unfreundlichen Witterung konnte nicht dazu dienen, ihn rasch wieder
herzustellen. Zu diesem Zustand gesellte sich noch ein ziemlich
bösartiges Fieber, das mehrere Tage lang sogar sein Leben bedrohte,
und Stierna wich in dieser Zeit nicht von seinem Lager.
Der Kranke lag indessen in den wildesten Phantasien, in denen die Namen
Constancia und Gomez einem festen Ideengang anzugehören schienen,
während sein oft dazwischen tönendes Lachen förmlich unheimlich klang.
Der Freund allein durfte in dieser Zeit an seiner Seite sein, und er
rief die Anderen, wenn sich Capitain oder Steuermann einmal nach ihm
erkundigen wollten, mit dem Namen seiner früheren Wärter oder Schließer,
und drohte gegen sie anzuspringen.
Seine kräftige Natur überwand aber auch diese Krisis -- wenn auch
langsam, erholte er sich doch allmählig und noch ehe sie die warmen
Breiten der südlichen Zone wieder erreichten, war er vollkommen
hergestellt, wieder im Stande an Deck zu sein und seinen Körper durch
die frische, balsamische Seeluft zu kräftigen. Eigenthümlicher Weise
wußte er dabei Alles, was während seiner Krankheit vorgefallen, was er
phantasirt und wie er sich betragen, entschuldigte sich auch gegen die
Seeleute auf das herzlichste, daß er solch tolles ungereimtes Zeug gegen
sie ausgestoßen und versicherte sie, er habe in demselben Augenblick
gefühlt, was er thue, und sei doch nicht im Stande gewesen, seine Zunge
zurückzuhalten. Viel wurde dabei über die verschiedenen Namen gelacht,
die besonders der Steuermann abwechselnd erhalten hatte, und die kleine
Gesellschaft in der Cajüte des »Oporto« amüsirte sich vortrefflich.
In der Höhe von Chiloe bekamen sie plötzlich eine längere Windstille,
die See lag still und regungslos, nur in ihren ewigen, nie unterbrochenen
Schwellungen, und die Segel flaggten schwerfällig gegen den Mast und das
stehende Takelwerk des Schiffes an. Die Seeleute sagen in solchem Fall
»Reepschläger und Segelmacher (Reepschläger: der Seiler oder Taumacher)
prügeln sich« und sind schrecklicher Laune, und so große Erholung ein
solcher Zustand gewöhnlich den früher von der Seekrankheit schwer
Heimgesuchten gewähren mag, so entsetzlich wird er auf die Länge der
Zeit für den Gesunden, der mit einer förmlich verzweifelten Sehnsucht
nach Ost und West, nach Nord und Süd ausschaut, nur von irgend einer
Seite her, gleichviel von welcher, das Wasser dunklen und die Brise
ankommen zu sehen. Selbst der schlechteste Wind wird in einer solchen
Zeit einer totalen Stille vorgezogen; man will nur _Bewegung_ im Wasser,
nur _Leben_ und gerade das Gefühl vielleicht, so ganz machtlos dem
schläfrigen Element zum Spiel zu dienen, sogar Nichts thun zu können,
einem derartigen Zustand zu entgehen, ist es, das den Körper zuletzt
förmlich aufreibt.
Es läßt sich denken, daß in einem solchen Fall auch das geringste
Außergewöhnliche, was die traurige Monotonie der See unterbricht,
freudig bewillkommt wird -- der ferne Strahl eines Wallfisches wird ein
Moment, eine andere Art von Möve, Albatroß oder Schwalbe sind froh
begrüßte Gäste. -- Springer, jene große Art von Fischen, die der
deutsche Matrose etwas prosaisch nach dem Schweine nennt, weil sie
einen ähnlichen scharfen Rüssel haben -- zeigen sich in weiter Ferne,
und selbst der Streifen wird betrachtet, den sie im Wasser ziehen
-- kräuseln sie doch die Oberfläche des Meeres und das Auge täuschte
sich sogern mit einer kommenden Brise.
Das wichtigste Ereigniß in einer solchen Zeit ist aber das Erscheinen
eines Haifisches, dieses gefräßigen Piraten der Tiefe, und der Mann am
Steuer, der schläfrig am Rade lehnt und das Ruder bald auf diese bald
auf jene Seite legt, das Schiff demselben gehorchen zu lassen und sich
dann zu ärgern, wenn es sich nur faul und langsam eben um den ganzen
Kompaß herum treibt, dreht fortwährend den Kopf nach allen Richtungen
hin, und beobachtet die blanke Spiegelfläche des Wassers, irgend einen
dunklen Punkt zu erkennen, der der Flosse eines anschwimmenden Haies
gleiche. Der Schatten irgend einer sich etwas höher hebenden Schwellung,
das Aufschlagen eines kleinen Fisches, ein müder Wasservogel, der seine
Schwingen auf der glatten Fläche gefaltet hat, und mit dieser steigt und
sinkt, faßt und hält dabei der rasche Blick -- höher richtet er sich
auf, und die Augen mit dem ausgestreckten Arm gegen das blendende Licht
des blitzenden Strahles schützend, den die Sonne auf die Silberhaut des
Meeres wirft, schaut er lange und forschend nach dem verdächtigen Punkt
hinüber. Wieder und wieder getäuscht, läßt er endlich sogar sein Ruder
eine Weile im Stich -- bei Windstille kommt's nicht so genau darauf
an, und der Mann steht wirklich manchmal Tage lang nur zum Staat dabei
-- geht an den Heck und schaut, soweit er möglicher Weise sich kann
hinüberbiegen, nach dem von crystallreinem Wasser umspielten Ruder, das
sich nach unten zum schönsten herrlichsten Dunkelblau schattirt, und
beobachtet kurze Zeit den deutlich sichtbaren Kiel des Schiffes, denn
der Hai treibt sich oft tief unter dem Schiff herum, auf Beute lauernd,
die vom Bord zu ihm herausfallen möchte. Das schwarzlackirte, von der
Sonne gedörrte Holz der Schanzkleidung, auf die er sich gelehnt, brennt
aber zu sehr -- er hält es nicht lange aus und tritt wieder an sein
Ruder zurück -- ein frisches Priemchen seine einzige Erholung.
»#Shark-oh#!«[5] ruft da eine Stimme von der Bramraae herunter; Einer
der Leute hatte etwas an dem oberen Tauwerk auszubessern gehabt und
sein Arm deutet, während er spricht, den zu ihm rasch Aufschauenden die
Richtung an, in der sich das Unthier faul und wohlgefällig in der warmen
Fluth wälzt und schaukelt.