»Lockert das Tau mit dem Haken, Leute!« -- schrie da der Kapitain
-- »verdamm es, Ihr zieht zu fest -- die Bestie bricht -- da -- da habt
Ihr's -- der Haken ist ausgerissen -- holla, was ist das -- Don Gaspar
-- was in des Teufels Namen!«
Sein Ausruf erstarb in einem Schrei des Erstaunens der ganzen
Mannschaft, denn ehe Leifeldt, der auf der anderen Seite des Schiffes
stand, und ebenfalls mit gespannter Aufmerksamkeit die furchtbaren
Kraftanstrengungen des gefangenen und zur grimmigsten Wuth getriebenen
Fisches beobachtet hatte, es verhindern konnte, faßte der junge Spanier,
den Hut zurück an Deck werfend, das Tau, an dem die Harpune befestigt
saß, und glitt an diesem nieder in die jetzt wieder aufkochende,
spritzende See, in der sich das tödtlich getroffene Unthier, nur noch
von der Harpune allein gehalten, wälzte. --
»Halten Sie sich am Tau fest, -- um Gottes Willen nicht tiefer! -- er
schlägt Ihnen ein Bein entzwei -- biegen Sie sich das Tau unter den
Ellbogen!« Das waren die Rufe oder Schreie vielmehr, die von allen
Seiten gleichzeitig ausbrachen, und Leifeldt selber rief entsetzt den
Tollkühnen bei Namen und beschwor ihn bei allem, was ihm heilig sei,
zurückzukehren. Hörte es aber schon nicht mehr, in der furchtbaren
Erregung des Augenblicks, was um ihn her vorging, oder wollte er den
Warnungsruf nicht beachten, denn ohne auch nur abzuwarten, bis sich das
Ungeheuer der Tiefe, jetzt dicht unter ihm, in etwas wieder beruhigt
hätte, glitt er nieder, und verschwand im nächsten Augenblick fast unter
dem aufkochenden Schaum. --
»Nieder mit dem Boot!« übertönte des Kapitains ruhige Stimme in dem
Augenblick den Lärm -- »nach vorn, Ihr Leute, nach vorn und hinunter mit
dem Boot, so rasch Ihr könnt -- halt, Koch, Ihr bleibt hier -- da, macht
eine andere Schlinge aus dem Bramfall dort -- vielleicht können wir ihn
hier wieder zu halten bekommen -- wenn ihn der Hai nicht mitnimmt,« und
mit einem leise gemurmelten Fluch über die kecke Tollheit eines solchen
Wagnisses, bog er sich wieder hinten über, das Resultat desselben mit
anzusehen.
Don Gaspar war indessen einer solchen Gefahr keineswegs unbefähigt
in die Arme gesprungen; so exaltirt er sich oben an Deck gezeigt, so
ruhig und umsichtig bewies er sich hier unten, und während er für einen
Augenblick festen Fuß auf dem Fisch selber zu fassen suchte, ließ er mit
der linken Hand das Harpunentau keineswegs los, das ihn auch, vorn am
Kopf des Haies hielt und vor den furchtbaren Schlägen des Schwanzes
sicherte. Trotzdem aber, daß ihm die Füße abglitten auf dem schlüpfrigen
Hals, schien er nur das eine Ziel im Auge zu haben, die Schlinge zu
festigen und unbekümmert um jede Folge, ließ er sich vollkommen auf den
Hai hinunter, faßte das Tau und unter dem Kopf der wüthenden Bestie mit
der Hand niederfahrend, hatte er die Schlinge schon erreicht, als die
Harpune ausriß und diese sich, von oben natürlich gehalten, plötzlich
anstraffte.
Die Männer an Bord standen starr vor Schrecken, und wußten nicht, ob
sie anziehen oder loslassen sollten, denn jetzt hatten sie noch das
Unthier in ihrer Gewalt, glitt es aber aus dem Knoten heraus, so war
der tollkühne Passagier ihm rettungslos anheim gegeben.
Der Hai selber machte diesem peinlichen Moment ein Ende -- vorwärts
schießend, fühlte er sich durch das Tau gehemmt, das ihn auch um die
Kiemen preßte, und während Don Gaspar, durch die rasche Bewegung das
Gleichgewicht verlierend, ihn mit beiden Armen umschlang, fuhr er
zurück, wirbelte sich ein paar Mal um sich selbst herum -- und war
_frei_.
Der Spanier wäre jetzt verloren gewesen, denn das gereizte Thier schoß,
den Druck auf sich noch immer fühlend, nach vorn, so daß der kecke Jäger
natürlich der gegen ihn anpressenden Wassermassen nicht widerstehen
konnte, loslassen mußte. Im Anfang schien es auch, als ob es gegen
die Gewalt, die ihm geschehen, ankämpfen wollte, denn kaum von dem
Gewicht befreit, wandte es sich scharf gegen seinen vorherigen Reiter
um, ohne diesen aber auch nur im mindesten zu schrecken, oder seine
Geistesgegenwart zu berauben. -- Im Begriff, von dem Ungethüm
fortzuschwimmen, wandte Don Gaspar nämlich den Kopf nach ihm um, und sah
kaum die drohende Bewegung, als er ebenfalls Front gegen den Hai machte,
das einzige zu versuchen, was ihm übrig blieb -- drohend gegen den
Ankommenden anzuschlagen, und ihn so zurückzuschrecken. Zu seinem Glück
sollte er aber nicht zu einem solchen und in der That verzweifelten
Kampf gezwungen sein, denn den Hai selber verließen die Kräfte. Der Wurf
der Harpune war tödtlich gewesen, und plötzlich, als Alle an Bord auch
schon in peinlicher Angst und Spannung den ersten Anprall des Thieres
gegen sein Opfer zu sehn erwarteten, bog der Hai seitwärts ab, und fing
an, sich, ohne den Ort zu verlassen, auf dem er stand, wenige Minuten
förmlich im Kreis herumzudrehen. --
Zu derselben Zeit war das Boot auch endlich niedergelassen und schoß,
von vier Riemen (Ruder) getrieben, rasch herbei. Don Gaspar aber,
anstatt ihm entgegenzuschwimmen und der furchtbaren Gefahr zu entgehen,
der er bis dahin ausgesetzt gewesen, strich aus und zwar gerade der
Stelle zu, wo der Hai blutige Kreise in der klaren blitzenden Fluth zog.
Zwei Lootsenfische, die sich bis jetzt, trotz des tollen Kampfes, in der
Nähe ihres früheren Beschützers muthig gehalten, schossen vor und rasch
wieder zurück, einer Gefahr zu entgehen oder auch, wie man ja behaupten
will, dem Hai die Nähe leicht zu gewinnender Beute zu melden; aber
dieser fühlte und sah nicht mehr, was um ihn her vorging -- tiefer
und tiefer senkte er sich in seinem Ringen, immer langsamer wurde der
Flossenschlag, und als Don Gaspar, von dem Boot jetzt fast erreicht,
über der Stelle hielt, und nieder schaute, sah er eben noch, wie sich
der weiße Bauch des _todten_ Fisches aufdrehte und langsam, langsam in
blauer Tiefe verschwand.
Gleich darauf faßte der Steuermann den Kragen des Spaniers und zog ihn
mit einem herzlichen »Ich will verdammt sein, wenn mir so ein Mensch
schon vorgekommen ist,« in das Boot hinein, rasch dann zum Schiff
zurückrudernd, als ob er wirklich fürchtete, daß ihm das tollkühne
Menschenkind noch einmal über Bord springen könne.
Don Gaspar war zum Tode erschöpft, als er das Schiff wieder erreichte,
und Leifeldt machte ihm wirklich ernstliche Vorwürfe, sein Leben in so
rasender, unüberlegter Weise, einem Fisch gegenüber, auf's Spiel gesetzt
zu haben, wo ihn wirklich nur ein Wunder erhalten haben mußte. Don
Gaspar versicherte ihm aber so hoch und theuer, daß er, in der Erregung
des Augenblicks wirklich gar nicht gewußt habe, was er thue, und
versprach ihm so heilig, solche tolle Streiche nicht wieder zu machen,
daß er sich endlich beruhigte und der Kapitain mit einer tüchtigen Bowle
Grog den Frost des Gebadeten wie den Schreck der Übrigen vergessen
machte.
Den Abend schon erhob sich aber eine leichte Brise, die während der
Nacht schärfer und schärfer anwuchs und zuletzt in einen tüchtigen
Südosten ausartete, mit dem sie rasch ihrem Ziele entgegenhielten.
4.
Ankunft in Valparaiso. -- Hülfe in der Noth.
Der »_Oporto_« erreichte am 42. Tag nach seiner Ausfahrt von
Buenos-Ayres den Hafen von Valparaiso und Leifeldt und Don Gaspar
mietheten sich im Hotel de Chile ein. Der Letztere hatte aber kaum seine
nöthigen Einkäufe an Kleidern und Wäsche besorgt, da er sich bis dahin
nur mit dem Nothwendigsten begnügen mußte, das Leifeldt noch in der
letzten Zeit in Buenos-Ayres für ihn eingekauft, als er auch ausging,
um, wie er sagte, ein paar Verwandte, ein paar Freunde aufzusuchen oder
ihnen wenigstens nachzuforschen, die sich vor Jahren nach Valparaiso
gewandt hatten und hier doch vielleicht noch aufzufinden waren. Der
junge Arzt blieb zurück, die eigene Wohnung ein wenig behaglich
einzurichten.
An dem nämlichen Morgen, etwa um elf Uhr, ließ sich ein junger Mann
unter dem Namen de Monte Sylva bei dem Consul der Argentinischen
Republik anmelden, und wurde von diesem auf das Zuvorkommenste
empfangen.
»Es ist ein Fest für uns hier,« sagte der Consul nach den einleitenden
Redensarten und Begrüßungen, mit einer freundlichen Verneigung gegen
seinen Besuch, »wenn wir Buenos-Ayres-Leute an der Westseite der
Cordilleren im Winter einmal Nachricht vom Mutterlande bekommen. Der
Correo[7] wagt sich nur selten über den Schnee, und muß diese Kühnheit
noch dazu manchmal theuer genug büßen, und Schiffe von dorther sind
auch in dieser letzten Zeit ziemlich selten gewesen; Buenos-Ayres bietet
wenig oder gar Nichts, was wir von dort hieher führen könnten, die
Passage nach dem Norden ist auch schwach, und all die Wallfischfänger
die wir vom Atlantischen Meer herüberkriegen, denken natürlich gar nicht
daran, Zeit und Schiff zu wagen, besonders in dieser Jahreszeit in den
von Sandbänken und Pamperos so sehr gefährdeten La Plata einzulaufen.
Bringen Sie uns Neuigkeiten von Buenos-Ayres?«
7: #Correo#, der Postcourier.
»Gar Nichts von Bedeutung« erwiderte Don Gaspar de Monte Silva
achselzuckend. -- »Se. Excellenz führt den trostlosen Krieg gegen
Monte-Video fort, nur, wie es scheint, die Einwohner jener Districkte in
Bewegung zu halten, -- Engländer und Franzosen protestiren fortwährend,
und die Sache bleibt eben beim Alten. Man sprach allerdings in
Buenos-Ayres von einem erhofften Friedensabschluß, so viel ich aber habe
erfahren können, scheint mir die Sache noch in weitem Felde. -- Haben
Sie viele Bewohner von Buenos-Ayres hier?«
»Nein -- und doch ja, sie sind hie und da ziemlich durch die ganze Stadt
zerstreut, aber wenn nicht auf der Börse, bekommen wir einander wenig
genug zu sehen. -- Haben Sie Bekannte hier?« --
»Sehr wenige, -- lebt noch ein Kaufmann Don Rodriguez hier, der vor etwa
drei Jahren herüber zog?« --
»Nein,« erwiederte der Konsul, nach einigem Besinnen -- »wenn ich nicht
irre, ist derselbe, aber schon vor längerer Zeit, nach Lima gegangen
-- er soll dort in eine andere Geschäftsverbindung getreten sein.«
»Vor kurzer Zeit ist ja wohl auch, im Auftrag der Föderation ein Señor
-- Señor -- wie war doch gleich sein Name?« --
»Don Luis de Gomez?« sagte der Konsul, »nicht wahr, Sie meinen Don Luis,
-- fehlt Ihnen etwas, Señor?« unterbrach er sich plötzlich selbst und
sprang auf, denn das Antlitz des jungen Mannes überflog Leichenblässe.
»Ich darf Sie wohl um ein Glas Wasser bitten, Señor,« sagte Don
Gaspar, rasch aufstehend und zum Fenster tretend, »es ist das eine Art
Herzbeklemmung bei mir, der ich allerdings manchmal unterworfen bin, die
aber auch so rasch vorüber geht, wie sie gekommen.«
»Ist Ihnen nicht lieber ein Glas Wein gefällig?« bat der Argentiner,
eine Caraffe und ein Glas von einem Ecktisch nehmend und rasch
einschenkend, »es wird Ihnen weit besser bekommen.« --
Don Gaspar leerte das ihm gebotene Glas mit einer dankenden Verbeugung
auf einen Zug, und sagte dann lächelnd:
»Es ist schon vorüber -- der rasche Wechsel von See- und Landluft
bringt bei mir sehr häufig solche Wirkung hervor, die sich sogar schon
einige Mal bis zur Ohnmacht gesteigert hat, ohne jedoch auch nur die
geringsten Nachwehen zu hinterlassen -- aber von was sprachen wir
doch? --«
»Ich weiß es jetzt wahrhaftig selber nicht mehr,« lachte der Konsul,
»doch ja -- von unseren Landsleuten -- von Don Luis de Gomez -- kennen
Sie ihn?« --
»Nur oberflächlich,« erwiederte Don Gaspar gleichgültig, aber die Hand,
mit der er seine Stuhllehne gefaßt hielt, wurde todtenweiß. »Er soll
hierher gegangen sein.«
»Allerdings,« erwiederte der Konsul, »wenn auch nicht für den Augenblick
--«
»So ist er gegenwärtig nicht in Valparaiso?« -- frug Don Gaspar rascher
und lebendiger als vorher.
»Nein -- wünschten Sie ihn zu sprechen?«
»Das gerade nicht -- aber ich glaubte nur --«
»Er ist nach Lima gegangen,« sagte der Konsul, »aber ich erwarte ihn
fast mit jedem Schiff zurück, das von dort her kommt. Es war gar nicht
seine Absicht, so lange dortzubleiben, aber wenn ich nicht irre, war ihm
seine Frau dort erkrankt, was seine Abreise verzögerte. Sein letzter
Brief meldet ihn übrigens bestimmt auf Mitte dieses Monats an.«
Don Gaspar war ans Fenster gesprungen, nach einem rasch vorbei
galoppirenden Reiter zu sehen -- er faßte die Fensterbrüstung, sich
gewaltsam zu sammeln. --
»Nicht wahr, die Namen der ankommenden Passagiere werden in den
Zeitungen veröffentlicht?« frug er nach einer kleinen Weile, indem er
seinen Hut ergriff, sich wieder zu empfehlen.
»Allerdings,« erwiederte der Konsul, »wenn auch nicht gerade so ungemein
pünktlich, denn oft werden Namen ausgelassen, noch öfter falsch
gedruckt -- aber wenn es Sie interessiren sollte --«
»Ich danke Ihnen herzlich,« unterbrach ihn jedoch der junge Mann rasch;
»es ist eigentlich bei mir nur Neugierde, oder vielleicht doch ein etwas
edleres Gefühl, das nämlich, sich in einer fremden Stadt, fern von der
eigenen Heimath, nach solchen zu sehnen, die einst in einem, jetzt
leider fern gelegenen Land dieselbe Luft mit uns geathmet haben.«
»So wiederholen Sie dann wenigstens bald Ihren Besuch,« sagte der
Konsul, ihm freundlich die Hand reichend, »Sie werden mir immer
willkommen sein, das schöne Wetter jetzt bringt uns auch vielleicht den
Correo über die Gebirge, und dann bekommen wir frische Nachrichten von
der »Hauptstadt«.«
Don Gaspar dankte ihm herzlich, aber es war fast, als ob ihn eine
merkwürdige Unruhe erfaßt habe, er suchte augenscheinlich rasch ins
Freie zu kommen und hatte kaum die Thüre hinter sich ins Schloß
gedrückt, als er auch die Straße schnell hinunterschritt und um die
erste Ecke rechts dem Wasser zu niederbiegend, den Weg hinaus, der zu
dem Leuchtthurm führte, und von wo man die See weit überschauen konnte,
mehr lief als ging. Der Konsul blieb aber, als jener die Stube schon
verlassen, noch eine ganze Weile im Zimmer stehen, und sah nachdenklich
vor sich nieder, endlich aber, den Kopf schüttelnd und aus seiner Tasche
eine silberne Dose nehmend, setzte er sich lächelnd nieder an seinen
Schreibtisch, und murmelte nur leise vor sich hin:
»Ein wunderlicher Kauz!«
Don Gaspar nahm sich nicht einmal Zeit Athem zu schöpfen, bis er die
Höhe erreicht hatte, auf welcher der Leuchtthurm stand, und von wo aus
man die weite See nach Norden, Westen und Süden trefflich überschauen
konnte. Hie und da waren einzelne Segel -- glänzend weiße Punkte auf dem
dunkelblauen Grunde -- am Horizont sichtbar; eine Brigg arbeitete sich
aus dem Hafen heraus und suchte das Weite, und ein kleiner Schuner kam
mit geblähter Leinwand von Westen herüber, wahrscheinlich von den Inseln
Cocosnußöl und Perlmutterschalen gegen Kattune, Messer, Beile und
Glaskorallen umzutauschen.
Der junge Spanier blieb wohl eine Stunde lang auf diesem, Nachmittags
von der schönen Welt Valparaisos so gern besuchten Ort, dann aber, als
ob dem ersten Drängen seines Herzens, das ihn hier hinauf trieb, nach
nahenden Segeln auszuspähen, Genüge geleistet wäre, stieg er langsam die
nächste Quebrada oder Schlucht nach der Stadt zu wieder nieder. Durch
die Calle San Francisco die Marktstraße erreichend, wollte er dieser
aufwärts folgen, als er angerufen wurde und Leifeldt erkannte, der,
ebenfalls in der Stadt ohne besonderen Zweck herumschlendernd, ihn bat,
mit ihm die Almendral[8] nieder zu gehen, an deren unterem Ende ein erst
kürzlich hier angekommener englischer Arzt wohnen solle, den er zu
sprechen wünschte.
8: #Almendral#, ein bedeutender Stadttheil Valparaisos.
Die Hauptstraße der Stadt zieht sich hier dicht unter dem felsigen
Fuß eines Hügels hin, auf dessen Kuppe der katholische Gottesacker
Valparaisos, Stadt und Hafen weit überschauend, liegt, und so schmal
für die Passage dem Berge abgewonnen ist, daß dem Strand gegenüber nicht
einmal eine Reihe Häuser oder Hütten gebaut werden konnte, sondern der
nackte Fels den schmalen Fahrweg schroff und scharf begrenzte.
Es war indessen schon weit im Tag vorgerückt und Mittag längst vorüber;
die Straße hier belebte sich auch mehr und mehr; viele Reiter, mit
ihrem wunderlichen chilenischen Reitzeug, den kolossalen hölzernen
Steigbügeln, riesigen Sporen und hochaufgepolsterten Sattel, von blauen
und grünen Panchos umflattert, trabten daher, denn der Galopp ist in
der Stadt verboten, zweispännige offene Droschken oder Fiakre, das eine
Pferd in der Gabel gehend, das andere am festgeschnürten Gurt befestigt,
rasselten vorüber, und eine Menge Fußgänger schlenderten langsam meist
alle dem Leuchtthurm-Plateau zu, dort einen Blick über die See zu haben,
auch wohl kleine Picknicks zu arrangiren und mit der Abendkühle ihren
Häusern wieder zuzuwandern.
Die beiden Freunde schritten langsam das Trottoir nieder, die
verschiedenen Gruppen beobachtend, die ihnen begegneten, und so finster
und selbst niedergeschlagen Don Gaspar im Anfang gewesen war, als ihn
Leifeldt zuerst traf, so schien der düstere Sinn in dem lebendigen
Treiben, das sie hier umgab, bald wie eine Sommerwolke an der Sonne
vorüber von seiner Stirn zu fliehen.
Leifeldt hatte diesen raschen Wechsel seines Temperaments übrigens schon
so häufig Gelegenheit gehabt zu beobachten, und selbst Don Gaspar,
darauf aufmerksam gemacht, gestand das ein, behauptete aber auch, der
Aufenthalt in seinem früheren Gefängnisse trage dabei viele, wenn
nicht die einzige Schuld; es überkomme ihn noch manchmal ein wildes,
beängstigendes Gefühl, das er nicht abzuschütteln vermöge, wie mit einem
Centnergewicht läge es dann auf ihm, und er könne kaum athmen unter der
Last. Wie ein kräftiger Windstoß aber die düsteren Schranken der Gebirge
mit _einem_ kräftigen Zuge aus den Schluchten drängt, und über die Ebene
weht, so sei ein Sonnenblick, ein freundliches Gesicht, das fröhliche
Lachen eines Menschen oft im Stande, all diese düstere Schwermuth zu
zerstreuen, und Tage lang fühle er sich dann so wohl, als ob er wieder
einmal von einer recht schweren Krankheit genesen wäre.
»Und wie gefällt Ihnen die schöne Welt in Valparaiso, Gaspar?« frug
Leifeldt den jungen Mann, als gerade ein ganzer Zug von Damen lachend
und scherzend an ihnen vorüber schritt.
»Gut!« sagte der junge Mann freundlich, »es sind liebe, gutmüthige
Gesichter darunter, und das rege Feuer, das all unseren südlichen
Stämmen eigen ist, verleiht ihnen noch einen weit besonderen Reiz.
-- Ich weiß nicht, ich habe mich nie viel mit den kalten Nordländerinnen
befreunden können; sie sind schön und tugendhaft, ich zweifle nicht
daran, aber mir scheint es fast, als ob ihnen ein Herz fehle, ihren
Augen Leben, ihren Lippen Farbe zu geben, und mir selber ist es, einer
der nordischen Schönheiten gegenüber, fast stets zu Muthe, als ob ich
vor einer wundervollen Statue stehe, die mein Auge fesselt, mein Herz
aber kalt läßt, wie der Marmor selber, aus der sie besteht.«
»Das aber dürfen Sie nicht von _Allen_ sagen,« lachte Leifeldt,
»sehen Sie z. B. das reizende Wesen, das uns hier gerade mit dem
kleinen Knaben, vielleicht einem Bruder, entgegenkommt -- das müssen
Engländerinnen sein, aber ich habe wahrlich nie im Leben ein schöneres
Mädchen gesehen.«
Don Gaspar folgte mit seinen Augen der ihm von Leifeldt angegebenen
Richtung und sah ein wirklich reizendes junges Mädchen die Straße herauf
und ihnen entgegenkommen. Sie hatte eine alte, wie es schien kränkliche
Dame, die sie sorgsam leitete, am Arme, und ein kleiner, vielleicht
dreijähriger Knabe lief vor ihnen her.
»Sieh, Jenny, liebe Hündchen da drüben,« sagte der Kleine plötzlich in
seinem noch halbgebrochenen Dialekt zu der Jungfrau, und zeigte mit dem
einen dicken Patschchen nach der Straße hinüber, auf der ein schwarzes
Wachtelhündchen nach einem eben landenden Boot laut hinunterkläffte und
sprang, und mit dem Schwanze wedelte -- »das hol ich mir.«
Die Freunde waren indessen bis dicht vor die beiden Damen gekommen, und
als sie, ihnen Raum machend, vorüber schritten, sagte Jenny, wie sie von
dem kleinen Burschen angeredet worden, ermahnend:
»Laß das Hündchen, Bill, es könnte Dich beißen -- und Du darfst auch
nicht allein auf den Fahrweg gehen -- komm her zu mir.«
Es ist unbestimmt, ob Bill die Warnung hörte, oder nicht, aber darauf
achten that er keineswegs, denn das Hündchen war gar zu lieb und herzig,
und Bill mochte das Langsamgehen hinter der alten, kranken Großmutter
her auch schon herzlich satt bekommen haben; so unter den Händen fort,
mit den kleinen unbehülflichen Beinchen lief er hinaus, den lebhaften
schwarzen Burschen da vorn zu sich heran zu holen.
»#Guardar se -- guardar se!#«[9] schrie es in dem Augenblick die Straße
nieder und lautes Wagengerassel wurde hörbar.
9: Vorsehen.
»Bill!« rief die Stimme des jungen Mädchens in Todesangst, als sich
dieses umschaute, und das Kind auf der Straße sah, ohne im Stande zu
sein die Mutter loszulassen, »Bill, #for God's sake#.«[10]
10: Um Gottes Willen.
Leifeldt und Don Gaspar waren bei dem Schreckensruf rasch stehen
geblieben, und der letztere machte sich von Leifeldts Arme los, die
Straße freier überschauen zu können. Aber sie brauchten nicht lange
auf die Ursache des Tumultes zu warten, denn fast in dem nämlichen
Augenblick donnerte auch schon eine der gewöhnlichen Droschken, von
den rasend gewordenen Pferden in vollem Carrière mit fortgerissen,
die Straße hinauf und Leifeldt erkannte mit Entsetzen, wie der nächste
Moment hier an dem engsten Paß des ganzen Weges, das Kind unter den Hufen
der wild aushauenden Renner zerschmettern müsse. Ehe auch nur Jemand im
Stande gewesen wäre, hinauszuspringen, das Kind der Gefahr zu entreißen,
brausten die wüthenden Thiere heran, und ein allgemeiner Schrei des
Entsetzens rang sich schon aus der Brust der zitternden Zuschauer,
die wirklich ganz die eigene Gefahr in dem gewiß vorauszusehenden
Untergang des Kindes vergaßen, als sich Don Gaspar, ohne Laut, ohne
Ruf, die Gefahr nicht kennend, der er sich aussetzte, oder sie total
verachtend, von dem Trottoir hinüber und schräg an gegen den Kopf des
Sattelpferdes warf, daß dieses im Ansprung hoch auffuhr und nach ihm
niederhieb. Hatte aber das andere Pferd den ausgestreckten linken Arm
des Anspringenden gesehen, oder fühlte es den plötzlichen Druck des
gegengeworfenen Gewichts, aber es fuhr rechts hinüber, und während Don
Gaspar den Zügel des Thieres in der Aufregung des Moments viel zu fest
ergriffen hatte, so rasch wieder loslassen zu können, rissen ihn die
wüthenden Thiere mit über die niedere hölzerne Barrière hinüber, die
vor ihrem Anprall zusammenbrach, der Wagen schmetterte und bröckelte
hinterdrein, und während das wüthende Gespann über die rauhen, hier
aufgeworfenen Steinmassen setzte, und vergebens versuchte, das zwischen
den Steinen hängenbleibende Vordertheil des zerstückelten Wagens rasch
genug herumzubringen, dem jetzt so unverhofft vor ihnen ausdehnenden
Wasser zu entgehen, in das sie gleich darauf mehr hinein stürzten, als
sprangen, sank auch Don Gaspar, blutend und ohnmächtig auf dem Damme
nieder, -- aber das Kind war gerettet.
So rasch war aber das Ganze, hier eben Beschriebene geschehen, so
plötzlich hatte das Einspringen des jungen Mannes die Tod drohenden
Thiere zur Seite geworfen, daß die Gefahr schon längst vorüber war,
als noch die Zuschauer starr und ängstlich nach dem jetzt selbst
erschreckten Kind hinüber schauten, und erst als Leifeldt zusprang, den
Knaben aufgriff und seiner jungen Schützerin brachte, erst als diese,
neben der Mutter auf die Knie fiel, und den geretteten Liebling mit
einem heißen Dankgebet an das Herz schloß, da erst war es, als ob sich
der Zauber löse, der wie ein entsetzlicher Bann auf der Menge gelegen,
und ein förmlicher Jubelschrei dankte der kühnen That.
Während einzelne der Männer jetzt hinüber sprangen, den Verwundeten
aufzuheben, zu dem sich Leifeldt ebenfalls wenden wollte, wurde er durch
einen Ausruf der Angst, von der Jungfrau Lippen aufgehalten, und hatte
eben noch Zeit zuzuspringen, und mit dieser die alte Dame aufzufangen
und vor schwerem Fall zu bewahren, die, starr vor Schreck, als sie die
Gefahr des Enkels bemerkte, jetzt, als die furchtbare Erregung des
ersten Augenblicks vorüber war, bewußtlos zusammenbrach.
Der junge Arzt hob die Ohnmächtige leicht auf seinen Arm, stand aber
einen Augenblick wirklich unschlüssig da, denn wie konnte er den Freund
hier, blutend und ohnmächtig zurücklassen, und was indessen mit der
alten Dame anfangen? --
»Dort hinauf!« flüsterte da die leise, bittende Stimme des Mädchens,
»nur wenige Häuser von hier entfernt wohnen wir, und Ihr Freund, unser
Schutzengel, kann dort Pflege und Beistand finden.«
»Gott sei Dank,« sagte Leifeldt wirklich aus tiefstem Herzen, und den
Peons[11], die den Ohnmächtigen aufgehoben hatten und über die Straße
trugen, zurufend, ihm rasch damit zu folgen, eilte er, so schnell es
seine Last erlaubte, dem bezeichneten und gar nicht fernen Hause zu.
11: Die niedere Klasse der Chilenischen Bürger, die Arbeiter und
Diener.
5.
Die Englische Familie.
Während der junge Arzt nun die alte Dame rasch die Treppe hinauftrug und
die nöthigsten Anordnungen traf, sie wieder ins Leben zurückzurufen,
wurde der Verwundete unten im Haus, in ein kleines, freundliches
Stübchen gelegt, und die Ohnmächtige jetzt der Sorgfalt der Tochter und
einiger Dienstleute überlassend, eilte er wieder hinunter zu dem Freund,
nach dessen Wunden zu sehen.
Diese waren jedoch nicht im mindesten gefährlich; nur ein Schlag des
Pferdes wahrscheinlich, hatte ihn am Kopf getroffen und betäubt, und
einzelne andere, aber ebenfalls unbedeutende Quetschungen rührten
jedenfalls von dem letzten Sturz auf die rauhen scharfkantigen Sandsteine
des Strandes her. Schon nach den einfachsten Belebungsversuchen schlug
auch Don Gaspar die Augen wieder auf, und schien nur im Anfang erstaunt
und überrascht, ja fast bestürzt von seiner Umgebung. Erst schloß er die
Augen wieder, dann aber, sich rasch emporrichtend, warf er den Blick
scheu und forschend im Zimmer umher, und ließ ihn endlich mit einem
wilden, fast unheimlichen Ausdruck auf dem Fenster haften, das, nach
der gewöhnlichen Art der spanischen Wohnungen, mit starken Eisengittern
versehen war, den Bewohnern der Parterrelokale in der heißen Jahreszeit
besonders zu erlauben, auch die Nacht über ihre Fenster offen zu halten,
ohne einen Einbruch fürchten zu müssen.
»Was ist dies für ein Haus? -- was für ein Zimmer?« rief er endlich,
und preßte seine Hände gegen die Schläfe, -- »bin ich denn nicht?
-- Stierna, Sie hier? -- wie ist mir denn, waren denn nicht die Pferde
mit uns durchgegangen, und jetzt -- hier wieder?« --
»Wo Sie sind?« lachte aber Leifeldt, der des holden Kindes gedachte, das
er eben an der Mutter Bett verlassen -- »in der Wohnung eines Engels und
aufgehoben wie in Abrahams Schooß -- aber das nehmen Sie mir nicht übel,
Gaspar,« setzte er dann etwas ernster und mit freundlichem Vorwurf hinzu,
»Sie gehen mit Ihrem Leben ungefähr gerade so um, als ob Sie jeden Monat
ein anderes bekommen könnten, und dieses schon drei Tage über die Zeit
getragen hätten. Wenn nicht Gottes Hand an diesem Nachmittag auf Ihnen
lag, so mußten die wüthenden Pferde heute ausführen, wozu sich der Hai
neulich nicht mehr hergeben wollte.«
»Die Pferde -- ja, ja -- Sie haben recht -- Pferde waren es gewesen und
ein junges Mädchen glaub' ich -- oder ein Kind -- Pest noch einmal, mich
schmerzt die Stirn -- ich fange jetzt an, mich auf die ganze Geschichte
zu besinnen -- und ist das Kind gerettet? -- aber nehmen Sie mir doch
den Verband wieder ab -- ich kann doch nicht mit dem Tuch um den Kopf
über die Straße gehen.«
»Das sollen Sie auch nicht,« erwiederte Leifeldt, »das Kind ist
allerdings gerettet, denn Ihr toller Sprung war wie der Arm eines
Engels, der den herzigen Knaben vom sicheren Abgrund fortriß, aber jetzt
müssen Sie sich ebenfalls ein wenig schonen, wenigstens eine Zeit lang
Ruhe gönnen, so bleiben Sie deshalb nur ruhig auf dem Bette liegen,
es läßt sich hier aushalten, und ich will indessen wieder einmal
hinaufgehen und nach der alten Dame sehen.«
»Ist noch Jemand beschädigt worden?« frug Don Gaspar rasch.
»Nein,« sagte Leifeldt, »nur ohnmächtig vom Schreck und der Aufregung
-- aber schlafen Sie selber ein wenig, es kann Ihnen nur gut thun, und in
einem kleinen Stündchen komme ich herein und wecke Sie. Fühlen Sie sich
dann stark genug, so können wir den Damen oben guten Abend sagen, und
gehen dann zusammen zu Hause -- sie werden es sicherlich nicht erwarten
können, dem Retter des Kindes selber zu danken. Ruhig -- keine Einrede,«
sagte er lächelnd, als er sah, daß Gaspar dagegen protestiren wollte,
»ich bin jetzt Ihr Arzt und Sie müssen mir gehorchen, also folgen Sie
brav, und ich hoffe, daß ich Sie morgen wieder in bester Ordnung auf
Ihren Füßen habe.«
Er nickte Don Gaspar noch freundlich zu und eilte, ohne weiter eine
Antwort von ihm abzuwarten, rasch die Treppe hinauf, nach seinem andern
Patienten zu sehen -- und das süße Gift jener seelenvollen blauen Augen
einzusaugen, die ihn schon jetzt, nach kaum einer ersten, flüchtigen
Bekanntschaft ahnen ließen, welche Seligkeit, aber auch welch tiefes
bitteres Weh das arme Menschenherz fähig sei in sich aufzunehmen -- je
nachdem nun gerade die Würfel fielen, die das Loos uns armer Sterblichen
bestimmen.
Don Gaspar warf sich indessen auf sein Lager zurück, aber es ließ ihm
dort nicht lange Ruhe, und wie von irgend einem peinlichen Gedanken
gequält, stand er auf, zog sich an, und ging mit raschen Schritten in
dem zwar etwas niedrigen, aber unendlich freundlichen Gemach auf und ab.
Mehrmals versuchte er es, sich wieder niederzusetzen, aber ein flüchtig
aufgeschlagener Blick trieb ihn wieder empor, und nach und nach ward es
fast, als ob ihm das Zimmer hier zu enge werde, und die Brust nicht mehr
athmen könne in dem eingepreßten Raum.
Das Gitter beunruhigte ihn.
Er sprang wieder auf und schritt, die Augen mit der Hand bedeckt, in dem
Gemach auf und ab, wie ein gefangener Panther den Käfig mißt, der ihn
hält; aber lange vermochte er nicht gegen dieß Gefühl anzukämpfen. Er
ging nach der Thür und drückte vorsichtig auf das Schloß, als ob er
fürchte, daß es verschlossen sein könne, und ein Ausdruck von wilder
Freude zuckte blitzschnell durch seine Züge, als das Schloß dem leisen
Drucke nachgab. Einen Augenblick horchte er hinaus auf den Gang -- es
ließ sich Niemand hören -- die Leute waren alle oben beschäftigt,
theils die nöthige Hülfe zu leisten, theils herauszubekommen aus der
»Herrschaft,« wie denn die ganze Sache eigentlich gelaufen, damit sie
auch den Zusammenhang der Geschichte fänden -- dann griff er seinen
Hut vom Tisch auf, schlich hinaus und verließ das Haus, als ob er ein
Verbrechen begangen und nicht durch eine kühne That eine ganze Familie
glücklich gemacht hätte, die gerade in diesem lieben Kind fast die
einzige Freude fand, und durch den Verlust desselben, besonders in
solch furchtbarer Art, entsetzlich elend geworden wäre.
Als Leifeldt schon nach Dunkelwerden das Zimmer wieder betrat, den
Schlummernden, den er nicht hatte früher stören wollen, zu wecken und
seinen neugewonnenen Freunden vorzustellen, fand er zu seinem Erstaunen
den Vogel ausgeflogen und das Nest kalt.
Wenn er nun auch dies wunderliche Betragen nicht begriff, entschuldigte
er doch oben den Freund, und versprach, ihn morgen früh, wenn er sich
von dem kleinen Unfall vollkommen erholt haben werde, mitzubringen. --
»Aber weshalb war er nicht wenigstens einen Augenblick zu ihnen herauf
gekommen?« -- selbst die alte Dame frug nach ihm und wünschte ihn kennen
zu lernen. Sie hatte sich vollkommen wieder erholt, hielt den Knaben auf
ihrem Knie, und weinte und lachte, wenn sie an die furchtbare Gefahr
dachte, der er, auf fast wunderbare Weise so glücklich entgangen.
Jedenfalls mochte er sich genirt haben, in dem Aufzug, mit durch den
Sturz vielleicht zerrissenen Kleidern, mit verbundenem Kopf, sich ihnen
zu zeigen -- aber war das recht? -- hatten sie nicht gerade das erste
Anrecht ihn so zu sehen, und hieß das nicht die Bescheidenheit zu weit
getrieben?
Leifeldt, der von den guten Menschen schon fast wie zum Hause selber
gehörend, behandelt wurde, versprach ihn gleich nächsten Morgen
einzuliefern, damit er Abbitte thun könne, verabschiedete sich dann aber
auch selber, nach dem Freund, der jedenfalls zu Hause gegangen war, zu
sehen, ob er vielleicht noch irgend etwas heute Abend bedürfe.
Leifeldt wurde übrigens keineswegs angenehm überrascht, als er in sein
Hotel zurückkehrte, und den Freund, vollkommen wider Erwarten, _nicht_
vorfand. Niemand hatte etwas von ihm gesehen -- Niemand wußte von ihm,
und vergebens durchlief er, bis spät in die Nacht, alle Straßen, die
jener möglicher Weise berührt haben könnte, von den Wächtern vielleicht
hie oder da etwas zu erfahren, das ihn wenigstens auf die Spur führen
konnte -- er blieb verschwunden -- und selbst der nächste Morgen, der
nächste Abend brachte den so räthselhaft Entwichenen nicht wieder
zurück. Was in aller Welt konnte ihn bewogen haben, sich gerade
heute, und in so wunderlicher Weise zu entfernen und war er nicht doch
vielleicht etwa, von der Aufregung der letzten Stunden betrübt, irgend
wo zusammengebrochen? --
Die Familie Newland, der Name der Frauen, denen die beiden Freunde am
vorigen Tag so wesentliche Dienste geleistet, fühlten sich besonders
geängstigt durch dies Verschwinden eines Mannes, dem sie so gern ihre
Dankbarkeit bezeugt hätten, und Mr. Newland, ein Greis von einigen
siebzig Jahren, ließ es sich nicht nehmen, selber auf die Polizei zu
gehen, und dort die genauesten Nachforschungen nach dem Fremden
anzustellen. Nichts destoweniger blieben alle derartige Versuche
erfolglos, und eine volle Woche war schon vergangen, ohne auch nur
eine Spur von Don Gaspar gebracht zu haben.
Leifeldt war indessen ein täglicher Besucher der Newland'schen Familie
geworden und dachte, von diesen selbst dazu aufgemuntert, ernstlich
daran, seinen bleibenden Wohnsitz in Valparaiso zu nehmen. Leifeldt
war ein vorzüglicher Kinderarzt, und da ihn sein gutes Glück selbst in
diesen ersten Tagen zwei sehr schwierige und gefährliche Fälle unter
die Hände brachte, denen er sich natürlich mit Aufopferung all seiner
Zeit und Kräfte hingab und die Kleinen auch, trotzdem daß sie von dem
spanischen Arzte schon aufgegeben worden, dem Leben erhielt, schien der
auf so eigenthümliche Weise eingeführte »deutsche Doctor« einen
förmlichen Ruf zu bekommen.
Gegen das Ende der Woche erkrankte aber auch der kleine Bill, ein sonst
kräftiger und derber Junge, und trotz jeder angewandten Vorsicht, artete
das erst leichte Unwohlsein bald in so ein bösartiges hitziges Fieber
aus, daß es selbst Grund zu den schlimmsten Befürchtungen gab.
Leifeldt verließ jetzt fast das Haus nicht mehr; Morgens nur besuchte
er die wenigen Kranken, die sich ihm schon in der kurzen Zeit seines
Aufenthaltes anvertraut hatten und wachte dann selbst die Nächte an dem
Bett des armen kleinen Burschen, der in Fieberphantasien lag und die
Händchen oft, wie Hülfe flehend, nach ihm ausstreckte. Jenny leistete
ihm hier fast ununterbrochen Gesellschaft, selbst die halben Nächte
wachte sie, mit einer alten Dienerin gemeinsam, neben dem Bett des
Lieblings und ach, welch' glückliche Zeit war das für den jungen
Arzt, dem die Stunden da wie Minuten entflogen und dem hier, von der
gemeinsamen Sorge für das arme kleine Wesen begünstigt, mehr Gelegenheit
ward, das gute Herz und tiefe Gemüth der Jungfrau zu ergründen, als er
durch Jahre lange einfache Bekanntschaft gewonnen haben würde.
Bill war der Sohn ihres Bruders, eines Offiziers der chilenischen
Marine, die Mutter des Knaben aber, eine junge Chilenerin, bald nach
der Geburt des Kindes gestorben, das so, allein der Sorge des jungen
Mädchens übergeben und von diesem aufgezogen, auch mit unendlicher
Zärtlichkeit von ihm geliebt wurde. Der Vater des Kleinen war weit in
See und zu der Liebe für das Kind selber steigerte sich jetzt die Angst,
dem theuren Bruder, bei dessen Rückkehr den Knaben nicht wieder, wie
früher, entgegenführen zu können, und in dem einen, seligen Moment
Belohnung, o so reichliche Belohnung für all diese Aufopferung und Liebe
zu finden.
In den ersten Tagen schien sie in der That nur von dem einen entsetzlichen
Gefühl der Angst für das Leben des Kindes fast betäubt, als aber die
Krisis glücklich überstanden, und der Kleine ihr in dem kurzen Raum
weniger Wochen gewissermaßen zum zweiten Mal wiedergeschenkt war, da
kannte ihr Glück auch keine Grenzen, und Leifeldt las in den treublauen,
Freude und Seligkeit strahlenden Augen auch die süße Hoffnung seines
eigenen Lebens.
Was für frohe, lustige Pläne das arme Menschenherz doch aufbaut in solch
schöner Zeit; wie sich die Schlösser da blitzesschnell aus dem Boden
heben und freundlich lachende Gefilde das Glück zurückstrahlen, das
unsere eigenen glücklichen Träume ihm erst verliehen. Wo sind all die
dunklen Schatten, die noch vor so wenigen Monden unser ganzes Leben
umnachten wollten, wo die giftigen Schwaden der Sorge und des Leids, die
sich auf die Blüthen unserer Jugend legten und ihre Keime zu ersticken
drohten? -- eine einzige Sonnenwolke hat sie -- nicht verscheucht, denn
der nächste Augenblick kann sie finsterer, vernichtender emporheben als
je vorher -- nur mit ihrem lichten, goldenen Schimmer überhaucht und
während unser schwaches Auge, das in eine Ewigkeit blicken will, und
nicht einmal im Stande ist, den dünnen Glanz dieses Schimmers zu
durchschauen, entzückt und selig an dem bunten Farbenschmelz hängt und
den glühenden Tinten mit seinen eigenen Bildern Leben giebt, zerstört
ein Windhauch oft den ganzen trügerischen Bau, und das Herz möchte mit
seinen Schlössern zusammenbrechen und sterben, so weh ist ihm nachher.
Zehn Tage nach dem ersten Ausbruch der Krankheit des Kindes, war jede
Gefahr beseitigt, ja es bedurfte nur noch geringer Pflege, den kleinen,
aber sonst kräftigen Körper vollkommen wieder herzustellen. So waren
denn die Wachen am Bett des leidenden Knaben natürlich eingestellt, aber
nichts destoweniger fand sich Leifeldt noch fast an jedem Abend, wie
früher, ein, und im Gespräch mit den wackeren alten Leuten, die nur von
einer kleinen Pension schlicht und einfach, mehr ihren Kindern und dem
kleinen Enkel zu leben schienen, der Jungfrau gegenüber, die dann an
ihrer Arbeit saß und wie ein frohes Kind mit ihnen lachte und scherzte,
oder auch gar ernst und sittsam die Theemaschine überwachte, die auf dem
reinlich gedeckten Tisch brodelte, oder den Eltern das Brod röstete zu
dem frugalen Nachtmahl, vergingen ihm jene Abende wie im Flug, und er
mußte sich wahrlich oft fragen, ob er das Glück, welches ihm jetzt
das ganze Herz füllte, nicht etwa nur träume, und ob das in der That
Wirklichkeit sei, welches ihm die Erde schon in diesem Leben zum
Himmel mache. O wie lieb, wie heilig sie aussah in diesem geschäftigen
Stillleben züchtiger Häuslichkeit, und das Herz wollte ihm manchmal
ordentlich verzagen, wenn er nur der Möglichkeit dachte, ein solches
Wesen einst sein zu nennen.
Jenny dagegen blieb sich immer gleich gegen den jungen Mann; sie war vom
ersten Augenblick an, als er sich der Mutter so annahm, so ungezwungen
freundlich gewesen, als ob sie sich von Kindheit auf schon gekannt,
und hier nicht fremd, im fremden Lande einander zufällig nur getroffen
hätten; nach des Kindes Krankheit aber, in der sich der junge Fremde ihr
als ein wirklich treuer Freund bewährt, hatte ihr Betragen gegen ihn
weit mehr Herzlichkeit gewonnen; wenn er kam, ging sie ihm bis zur Thür
entgegen, und reichte ihm die Hand, plauderte und lachte mit ihm, und
freute sich seiner wachsenden Aussichten in der Stadt, die ihnen ja auch
die Hoffnung ließen, daß er in Valparaiso bleiben und ihnen nicht wieder
so bald genommen würde. Er war ein wirklicher Freund der Familie
geworden.
6.
Don Gaspar.
Und was konnte indessen mit Don Gaspar, dem Verschwundenen geschehen
sein? -- Umsonst waren bis dahin Leifeldt's sämmtliche Anstrengungen
gewesen, auch nur seine Spur zu finden; -- wie von der Erde fort, blieb
ihnen schon fast nichts übrig, als zu glauben, die gierige Fluth, die
auf dieser stillen Bai schon so manches Opfer gefordert, habe ihn
verschlungen. Leifeldt selbst, der bis dahin viel auf sein überhaupt
etwas excentrisches Wesen gebaut und immer noch gehofft hatte, plötzlich
einmal aus irgend einer anderen Provinz einen Brief von ihm zu bekommen
und dann auch die Ursache zu erfahren, weshalb er ihn, den Freund, so
rasch und heimlich verlassen habe, fing an, diese Hoffnung aufzugeben
und an den Tod des unglücklichen Freundes zu glauben, als er eines Tages
von San Jago und zwar von einem jungen Manne Nachricht erhielt, den er
hier in Valparaiso hatte kennen lernen. Dieser versicherte ihn, es
lebe dort ein junger Spanier, der seiner Beschreibung fast vollständig
entspräche, still und zurückgezogen in einem ganz abgelegenen Theile
der Stadt und verkehre fast mit Niemandem. Leifeldt setzte sich
augenblicklich auf die Post, die zwischen Valparaiso und der Hauptstadt
Chile's läuft, suchte und fand die bezeichnete Gegend, das ihm genau
beschriebene Haus und lag, wenige Minuten später in den Armen des
Wiedergefundenen, der bei seinem Anblick zuerst fast eine Bewegung
machte, als ob er wieder fliehen wolle, dann aber sich an die Brust des
Freundes warf und dort weinte, als ob er vergehen wolle vor innerem
Schmerz und Weh.
Trotzdem weigerte er sich im Anfang entschieden, wieder mit ihm nach
Valparaiso zurückzukehren, jede Ausflucht suchte er vor, die ihn
dabei entschuldigen konnte, und war doch auch nicht zu bewegen, einen
wirklichen Grund anzugeben. Leifeldt glaubte diesen endlich in einem zu
großen Zartgefühl des jungen Spaniers zu finden, der sich vielleicht
hier in seinen Erwartungen, Geld zu erheben, getäuscht sah, und nun ihm,
der seinetwegen die sichere Stellung aufgegeben, die kleine noch übrige
Summe unverkümmert lassen wollte. Froh in dem Gefühl, ihn hierüber
wenigstens beruhigen zu können, versicherte er dem Freund, wie er, ganz
wider Erwarten, in Valparaiso, in der kurzen Zeit seines Aufenthaltes
sich schon ein förmliches kleines Capital verdient habe, und nicht
allein einer sorgenfreien, sondern auch frohen Zukunft entgegenzugehen
hoffe -- Gaspar werde dem _Freund_ nicht versagen, das mit ihm zu
theilen, bis er selber seine eigenen Hoffnungen realisirt habe.
Don Gaspar mußte zuletzt wohl oder übel nachgeben, aber so herzlich er
dem treuen Freunde dankte, so froh er sich selber zu zeigen suchte, war
es doch augenscheinlich, daß noch irgend ein schwerer Schmerz auf ihm
lasten mußte, den er, trotz allen Bitten Leifeldts, nur in seinem
eigenen inneren Herzen barg.
Fast mit Gewalt bewog ihn Leifeldt endlich, seine wenigen Sachen
zusammen zu packen und mit ihm, noch an dem nämlichen Abend nach
Valparaiso zurück, aufzubrechen; er that es endlich, und Leifeldt
vergaß dann bald in seinem eigenen Glück die gefurchte Stirn des
Freundes, dem er jetzt einen getreuen Bericht der vergangenen Tage,
seit dieser Flucht, zu geben anfing, und nicht aufhören konnte, die
Liebenswürdigkeit der kleinen Familie zu rühmen, in die ihn sein gutes
Glück geführt, oder in die er eigentlich besser durch Don Gaspars tollen
Sprung förmlich hineingeworfen worden.
Don Gaspar hörte ihm dabei lächelnd zu und strich sich wohl manchmal,
wenn jener immer wieder auf seine frohen Hoffnungen und Aussichten
zurückkam, leicht aufseufzend, mit der flachen Hand über die Stirn. Erst
als sie am anderen Tag die letzten Hügel erreichten, die nach der Stadt
hinunterführten, und wieder in Sicht des Meeres kamen, war es auch fast,
als ob ein neuer Geist in dem jungen Spanier erwache. Er richtete sich
hoch in dem Wagen auf und mit leuchtenden Blicken nach den einzelnen
schneeigen Segeln deutend, die hie und da von dem dunklen Hintergrund
des Meeres herüberblitzten, rief er aus:
»Das Meer! -- das weite fröhliche Meer -- sieh wie es da liegt und wogt
und brandet und sich einwühlt in seine eigenen Arme. -- Wie ein Becher
schäumenden Weines breitet sich's aus -- und oh, wer doch, eine Perle in
seinem Grunde läge.«
»Unsinn,« lachte aber Leifeldt, jetzt mit der Stadt vor sich ausgebreitet,
die Alles in sich barg, was ihm lieb und theuer auf dieser Welt war, in
aufsprudelnder Lust -- »wie eine Perle? -- sag lieber wie eine todte
Fliege, wenn Du das Meer denn doch mit einem Glase vergleichst -- eine
Fliege, Freund, die an's Ufer treibt und wieder ausgeschieden wird.
Nein, fort mit den traurigen Gedanken -- sieh, Dein Auge hat sich schon
ordentlich belebt, und Du fängst an, wieder wie ein vernünftiger Mensch
auszusehn. Jetzt weiß ich auch, was Dir bis dahin in den Knochen gelegen
-- die engen Hügel waren es, die Dich umschlossen, die schwere Luft, die
in das schmale Thal herniederpreßte -- hier ist der Himmel frei, hier
dehnt sich die See wieder in unbegrenzter Breite vor uns aus, und das
Herz wird weit und athmet voll, und es ist ordentlich, als ob das Blut
in unseren Adern flüssiger, lebendiger geworden wäre. Ich möchte nicht
mehr im inneren Lande leben, seit ich erst einmal Seeluft gekostet, und
ich kann mir wahrlich nicht denken, daß man sich wieder da wohl fühlen
könne, wo man schon einmal den vollen Genuß eines solchen Anblicks, wie
wir ihn jetzt feiern, kennen gelernt und mit der Zeit unentbehrlich
gefunden hat.«
»Und wenn Deine Jenny nun nach San Jago zöge?« sagte Don Gaspar,
lächelnd zu ihm aufschauend, »wie wär es dann mit der See?«
Leifeldt schoß das Blut wie mit einem plötzlichen Strahl in die Schläfe,
und er erwiederte, aber mit etwas gezwungener Gleichgültigkeit. »Unsinn,
Gaspar -- wenn mir das Mädchen wirklich nicht gleichgültig wäre, wie
dürfte ich jetzt auch nur daran denken, um sie zu werben, wo ich eben
erst angefangen habe, festen Fuß zu fassen. Valparaiso ist ein theurer
Ort, und wer hier eine Familie haben und sie anständig durchbringen
will, darf eben nicht nur ein junger Arzt und Anfänger sein -- und in
späteren Jahren -- lieber Gott, wir wissen nicht, was die nächste Stunde
bringt, wär' es nicht Thorheit, wollten wir uns Pläne auf lange Jahre
hinaus machen.«
»Und vielleicht helf ich Dir doch,« sagte freundlich Don Gaspar, ihm die
Hand hinüber reichend -- »hier in Valparaiso bin ich allerdings nicht im
Stande gewesen, Geld zu erheben, auf das ich bestimmt gerechnet hatte,
aber ich habe mit der letzten Post nach Madrid geschrieben, und kann
schon etwa die Tage berechnen, wo ich nicht mehr der arme Don Gaspar
sein werde, wegen dem der Freund Existenz und Brod verläßt, ja seine
Freiheit und sein Leben auf's Spiel setzt, ihn zu retten.«
»Unsinn, Unsinn,« lachte Leifeldt, Don Gaspar hatte aber seine Hand
ergriffen, schaute ihm ein paar Sekunden, nur gewaltsam eine innere
Aufregung bekämpfend, ins Auge und fuhr dann mit leiserer aber fester
Stimme fort:
»Es könnte sein, Federigo, daß ich -- wir sind Alle Menschen und wissen
nicht, wann uns Gott abruft -- daß ich plötzlich sterben könnte -- ich
habe deshalb den erwarteten Wechsel an Dich adressirt, und ich möchte
Dich bitten« --
»Gaspar!« rief aber Leifeldt bittend, und jetzt wirklich beunruhigt,
»was zum Henker giebst Du Dich plötzlich so trüben Gedanken hin. -- Wir
sind allerdings sterblich, und jeder Moment kann unserer Laufbahn ein
rasches, gewaltsames Ziel stecken, Du vor allen Anderen darfst aber
nicht fürchten, daß Dich das Schicksal einem schnellen Tode bestimmt
habe, denn wahrhaftig, Du hast ihm Gelegenheit genug gegeben, in
solchem Fall zuzulangen. Aber allerdings möchte ich nicht für Dich
einstehn, wenn Du so fortfährst, Dein Leben wirklich zum Fenster
hinauszuwerfen -- einmal findest Du es doch nicht wieder. Mensch,
wenn ich nur an die beiden Fälle zurückdenke, wie Du auf den Hai
hinuntersprangst, oder Dich den herandonnernden Pferden entgegenwarfst,
so weiß ich wahrlich jetzt selber nicht, wie es überhaupt möglich war,
nicht einer Gefahr -- denn das kann man schon nicht einmal mehr Gefahr
nennen -- sondern dem wirklichen Tode so durch ein Wunder zwei mal zu
entgehen. Die Götter droben können Dich also jedenfalls noch nicht
gebrauchen, und Du magst völlig ruhig und unbekümmert in die Zukunft
blicken.«
»Und es ist merkwürdig,« sagte Don Gaspar kopfschüttelnd, »ich kann mich
auf die Einzelheiten der beiden Fälle gar nicht mehr besinnen -- aber
sieh da,« unterbrach er sich plötzlich, als der Wagen, von den raschen
Pferden wie im Fluge dahin geführt, die äußerste Grenze der Vorstadt
berührte -- »wir sind an Ort und Stelle, wie es scheint, und die Pferde
wittern den Stall. -- Wetter noch einmal, wie sie ausgreifen, und dort«
-- Leifeldt machte plötzlich eine Bewegung, als ob er hinausspringen
wollte, und mehrere Damen gingen, ohne jedoch nach dem Wagen selber
herüberzusehen, auf den Trottoirs der Straße hin, Don Gaspar ergriff
aber seinen Arm und sagte lachend:
»Halt, Señor -- machst Du _mir_ Vorwürfe, daß ich mein Leben thörichter
Weise auf's Spiel setze und willst gleich hinterher Deine eigenen
Gliedmaßen in Gefahr bringen? War das Deine Dulcinea, wie ich keinen
Augenblick mehr zweifle, so werden wir sie heute Abend schon auf eine
weniger halsbrecherische Weise zu sehn bekommen, und jetzt vorwärts
Kutscher, vorwärts, was zügelst Du die Pferde ein, wir sind noch lange
nicht am Ziel!«
»Darf hier nicht galoppiren mit den Thieren, Señor,« erwiederte aber
dieser -- »Polizei will's nicht haben.« --
»Ja so, die Polizei will's nicht haben,« sagte Don Gaspar plötzlich ganz
ruhig, und während sich Leifeldt so weit er konnte aus dem Wagen bog,
den Damen nachzuschauen, lehnte sich der junge Spanier in die Ecke
zurück, und schaute still vor sich nieder.
Im Hotel wieder angekommen, wo Leifeldt, unnützen Fragen zu begegnen,
das anscheinende Verschwinden des Freundes einem von diesem abgesandten,
aber verloren gegangenen Brief zuschrieb, machte sich der junge Deutsche
vor allen Dingen auf, Mr. Newland zu besuchen und der Familie die
fröhliche Nachricht von dem Wiederauffinden und Zurückkehren des
Freundes zu bringen, um diesen dann, wie ihn auch die alten Leute
dringend baten, heute Abend noch dort einführen zu können.
Don Gaspar war an diesem Abend so heiter, wie ihn Leifeldt noch nie
gesehen -- er schien sich selber auf den Besuch zu freuen, kleidete sich
mit besonderer Sorgfalt und erkundigte sich, was er bis dahin noch nicht
gethan, genau nach den verschiedenen Gliedern der Familie; ihrem Alter,
ihren Beschäftigungen, selbst ihrem Äußeren, und Leifeldt wurde nicht
müde, ihm zu erzählen.
Der Empfang, der ihm dort wurde, war auch so herzlich, als ob er ein
eigener Sohn der alten Leute gewesen wäre; der Greis nur machte ihm
Vorwürfe, daß er sich ihrem Dank so lange entzogen und Leifeldts Hand
ebenfalls ergreifend, sagte er mit vor innerer Rührung tief bewegter
Stimme:
»Mir und uns Allen hier gewiß zum Heil, hat Sie Gott Beide an diese
entlegene Küste geführt, denn Ihnen Beiden danken wir das liebe Kind
hier, das -- ich darf den Gedanken gar nicht ausdenken -- auf wie
furchtbare Weise ohne Sie hätte umkommen oder an langwieriger Krankheit
vielleicht dahin siechen müssen. Betrachten Sie sich aber auch Beide
deshalb wie mit zur Familie gehörig und mehr noch wird Ihnen mein Sohn
für diesen, besonders ihm erwiesenen Liebesdienst dankbar sein, denn mit
Gottes Hülfe hoffe ich sein Fahrzeug doch in den nächsten Tagen wieder
hier einlaufen zu sehn. -- Aber Jenny, Kind, was stehst Du da in der
Ecke, hast unserem lieben Gast noch nicht einmal guten Abend gesagt, und
Dich doch so darauf gefreut, ihn begrüßen zu können. Es ist wahr, Don
Gaspar, Sie haben uns das Vergnügen recht, recht lang entzogen, und Sie
werden _sehr_ oft kommen müssen, nur einen Theil davon wieder gut machen
zu können.«
Don Gaspar wandte sich, die Jungfrau ebenfalls zu begrüßen, und Jenny
trat in diesem Augenblick auf ihn zu, reichte ihm, wie einem alten
Freund, die Hand und sagte herzlich:
»Sie sind willkommen, Don Gaspar, wie die Blumen im Mai, und es hat uns
nur Allen so leid gethan, Ihnen das nicht früher sagen zu können -- doch
es war Ihre eigene Schuld -- kommen Sie jetzt nur recht oft, und Sie
werden sich wohl bei uns fühlen. -- Aber hier, Bill« -- wandte sie sich
dann plötzlich zu dem kleinen Burschen, der schüchtern hinter ihr stand
und an ihrem Kleide zupfte »hier, Bill, das ist der Gentleman, der Bill
damals gerettet hat, als #little boy# so sehr unartig war und auf die
Straße hinaus lief, daß #grandmama# krank wurde und nicht mehr gehen
konnte -- weißt Du das noch -- und giebst Du ihm kein Händchen?«
Bill, die kleinen Finger seiner linken Hand, die ihm Jenny drei- oder
viermal herunter bog, immer unverdrossen wieder in das rosige Mündchen
schiebend, kam langsam, das Köpfchen niedergedrückt und nur schüchtern
zu dem Fremden hinaufschielend, näher, und reichte ihm verschämt das
rechte Händchen hin.
Wunderbar war der Eindruck, den Jennys Anblick auf den jungen Spanier
machte, und Leifeldt lächelte mit einer Art freudigen Stolz sogar,
als er sah, wie sich der Freund dem holden lieblichen Kinde gegenüber
förmlich befangen fühlte.
Don Gaspar stand in der That im ersten Moment da, als ob er eine
Erscheinung gesehen, und nur wie bewußtlos ergriff er die dargebotene
Hand in seinen beiden Händen, und hielt sie sogar noch fest geschlossen,
als Jenny sich schon leise von ihm losmachen wollte, ihm den Knaben
zuzuführen. Erst dann, als er fühlte, daß sich ihm die Jungfrau zu
entziehen suchte, ließ er sie erschrocken frei, und das Kind aufnehmend,
das ihn im Augenblick vertraut, mit den großen hellblauen Augen
freundlich anlachte, und in seinem kraußen Bart spielte, küßte er
den Kleinen auf Wangen und Mund und nannte ihn einen braven kleinen
Burschen, der nicht wieder auf die Straße hinauslaufen und seiner guten
Großmutter und Schwester Schmerz bereiten würde.
An dem Abend war Don Gaspar ein ganz anderer Mensch geworden; es schien
ordentlich, als ob die sonst manchmal eisige Rinde seines Herzens
aufthaue in der Gesellschaft der lieben Menschen. Besonders wurde es
Jennys lebendige Unterhaltung, die ihn anzog, Geist und Gemüth fanden
dabei gleiche Nahrung, und fortgerissen von dem lieblichen Feuer des
schönen Mädchens, vergaß er bald seine ganze Umgebung, und ließ sich
mehr und mehr hinreißen in bunter und glühender werdenden Schilderungen
und Bildern. Die Pyrenäen und Felsengebirge, der Amazonenstrom wie der
Ganges waren, so jung er noch schien, schon der Schauplatz seiner Thaten
gewesen -- auf der Jagd bald, bald im Kampf mit den Eingeborenen,
hatte es den Knaben fast von Land zu Land getrieben. Nach Spanien
zurückgekehrt, fand der thätige Geist keine Nahrung für sein Streben,
seine Pläne, und der Krieg der Argentinischen Republik mit Monte-Video,
schon die Schilderung jener wilden Reiter der Pampas ließ ihm bald
daheim den Boden unter den Füßen brennen. Noch ein Jüngling fast, hatte
er schon die Thaten und Erfahrungen eines Menschenalters auf sein Haupt
gesammelt, und er konnte nicht still stehn an der Grenze des Begonnenen.
»Mehr aber fast noch als der Drang, dieses neue wilde Treiben mit
eigenen Augen zu schauen« -- fuhr er endlich in der Schilderung seines
eigenen Lebens, in die er wie unbewußt hinein gerathen war, und der
Alle, besonders Leifeldt, mit gespannter Aufmerksamkeit folgten, fort
-- »zog mich die Sehnsucht herüber, einen Bruder hier zu finden -- einen
_Zwillings_bruder, den ich seit meinem zwölften Jahre nicht gesehen und
an dem mein Herz mit all jener fast wunderbaren, geheimen Sympathie
hing, die das Herz zweier solcher Wesen bis zum -- -- ja vielleicht
noch _nach_ dem Tode umschlingt. Leider wußte ich nur, daß er seinen
letzten Aufenthalt in Buenos-Ayres selber gehabt, und konnte keine
nähere Adresse von ihm bekommen, dort angelangt, blieben auch eine
Zeit lang alle meine Nachforschungen nach ihm vergeblich, und während
Einzelne den Namen wollten in Monte-Video gehört haben, behaupteten
Andere, er sei in eigenen oder Regierungsangelegenheiten nach Mendoza,
der fernen Grenzstadt der Republik gesandt worden. Nach allen diesen
Orten schickte ich jetzt Briefe aus, in der Hoffnung, daß einer von
ihnen den Bruder doch erreichen und ihm meine Nähe melden möge -- und
-- hahaha -- es ist eigentlich zu komisch, wenn man bedenkt, wie das
Schicksal die Leute manchmal zusammenwürfelt, und welch entsetzliche
fürchterliche Folgen aus einer einzigen Idee, einem Wunsch, einem Brief
-- einem _Wort_ entstehen können.«
Don Gaspar lachte halb, als er die Worte sprach, aber die Todtenblässe,
die jetzt seine Züge bedeckte, der starre, kalte Blick, die zitternden
Lippen straften sein Lachen gar furchtbar Lügen. Er hatte auch, wie es
schien, ganz seine Umgebung vergessen, und die Stirn jetzt eine ganze
Weile in den Händen bergend, preßten sich einzelne klare perlende
Tropfen zwischen den fast mädchenhaft zarten Fingern durch.
Die kleine Gesellschaft saß indeß in schmerzlicher, fast peinlicher
Spannung, und Leifeldt besonders, denn selbst ihm hatte der Freund bis
dahin hartnäckig die frühere Geschichte seines Lebens verschlossen
gehalten, empfand eine unnennbare, ihm selbst unerklärliche Angst, die
Schicksale des Unglücklichen zu hören, die wirklich furchtbarer Art
sein mußten, wenn nur die Erinnerung daran das sonst so eiserne,
unerschrockene Herz des Mannes in solcher Art zu erschüttern vermochte.
Keiner wagte ihn indeß zu stören, und selbst Bill schmiegte sich,
die großen, blauen Augen ängstlich und bestürzt auf den fremden Mann
geheftet, an das Knie der Tante, und sein kleines Herz schlug schneller
in dem Mitgefühl um die fallenden Thränen.
Endlich, wohl nach fünf Minuten, in denen nur das monotone Ticken der
großen Wanduhr die fast feierliche Stille unterbrochen, fuhr der
Erzähler, die Hände langsam senkend und stier dabei vor sich nieder
sehend, mit leiserer Stimme, die aber in der Erzählung selber bald
wieder zu der frühern Lebendigkeit anwuchs, fort:
»Drei Monate später erhielt ich endlich Antwort auf eines meiner
Schreiben, und zwar von Cordova aus, wohin der nach Mendoza von mir
gesandte Brief befördert worden war. -- Felipe hatte in einem Jubel
an mich geschrieben, daß wir uns endlich wieder sehen sollten. Er war
glücklich -- in Cordova war ihm Alles geworden, was das Herz nur an
diese Erde zu fesseln vermag: ein treues Weib, ein liebes Kind, und
nicht Worte konnte er finden, mir die Seligkeit zu schildern, in der er
lebe. Nichts destoweniger wollte er Alles dort verlassen, was ihm lieb
und theuer war, den Bruder nach so langen Jahren der Trennung wieder an
sein Herz zu drücken, und den Tag hatte er mir schon bestimmt, an dem er
in Buenos-Ayres eintreffen würde.«
»-- Auch ich hatte indessen,« fuhr Don Gaspar nach einer längeren Pause,
in der er seine innere Bewegung gewaltsam niederkämpfte, fort: »ein
Wesen gefunden, dessen Besitz mich, wie ich damals glaubte, zum
Glücklichsten der Sterblichen machen mußte. -- Der Tag des Wiedersehns
mit meinem Bruder sollte auch am Altar _ihre_ Hand in die meine legen
-- der Tag kam -- aber wie sollte er enden.«
»Schon in der letzten Zeit hatte ich in dem Hause meiner künftigen
Schwiegereltern einen Cavallero aus- und eingehen sehen, dessen Betragen
gegen meine Braut mir nicht gefiel -- mich selber behandelte er dabei
ganz mit dem Eigendünkel der südamerikanischen Raçe dem spanischen Blut
gegenüber, und nur die Gegenwart meiner Schwiegereltern hatte schon
zweimal verhindert, daß es zu harten Worten und vielleicht härteren
Thaten zwischen uns gekommen.«
»So brach der Morgen vor meinem Hochzeittag an, und mancherlei
Geschäfte, die mich an dem Tag auf der Straße hielten, Einkäufe und
Besorgungen, veranlaßten mich, in eine Pulperia[12] zu treten, und ein
Glas Wein zu trinken -- ich wollte eine Erfrischung finden -- und fand
den Tod.«
12: Schenkwirthschaft.
»In der Pulperia stand, ohne daß ich ihn anfangs bemerkte, ich hätte ihn
sonst an _diesem_ Tage vermieden, jener Argentiner im eifrigen Gespräch
mit einem anderen -- einem anerkannt schlechten Subjekt, das als
Werkzeug schon zu manchem schlechten Streich sollte benutzt sein. Was
der Inhalt ihres Gesprächs gewesen, weiß ich nicht, soviel ist gewiß,
ich hatte kaum Platz an einem der Tische genommen, als sich ihre
Aufmerksamkeit auf mich lenkte und sie mit meinen nächsten Nachbarn ein
lautgeführtes Gespräch begannen, das mich nicht gleichgültig lassen
_konnte_. Es galt mein _Vaterland_, und so fest ich auch gewillt war,
gleich im Anfang, als ich den ziemlich grob angelegten Plan, mich zu
reizen, errieth, den Saal zu verlassen, fielen doch bald Äußerungen,
die es mir unmöglich machten, sie unerwiedert zu lassen. Die beiden
Argentiner besonders, beides wenigstens äußerlich fanatische Anhänger
des Diktators, schmähten meine Nation auf eine so nichtswürdige und
perfide Weise, daß ich endlich gar nicht mehr umhin konnte, ihnen zu
antworten -- ich hätte Fischblut in den Adern haben müssen. Ein Wort
aber gab das andere, im vollsten Übermuth trieben es meine Gegner mit
Gewalt zum Äußersten, und der nächste Morgen -- mein Hochzeittag
-- wurde dazu bestimmt, unseren Streit auszugleichen. Noch an dem
nämlichen Nachmittag aber überfielen mich die beiden Schurken
meuchlerischer Weise, und nur meinem guten Glück hatte ich es zu danken,
daß der erste nach mir geführte und jedenfalls tödtlich gewesene Stoß an
meiner Uhr abglitt, während der Mörder von meiner Hand fiel. Der andere,
der mich rasch wieder gerüstet und seinen teuflischen Plan vereitelt
sah, wollte jetzt entfliehen -- aber ich war flüchtiger als er. Das Blut
zum Sieden getrieben -- die blanke Waffe in der Faust, verfolgte ich ihn
durch mehrere Straßen, mehr und mehr ihm nahekommend. -- Vergebens war
sein Hülferuf, die Leute wagten nicht, dem bewaffneten Verfolger in den
Weg zu treten, und in demselben Augenblick, als er an der einen Ecke
erschöpft und matt zusammensank« -- Don Gaspar schwieg einen Augenblick,
und setzte dann tonlos hinzu -- »traf mein Stahl sein Herz!«
»Erst als ich ihn blutend vor mir liegen sah, wußte ich, was ich gethan,
begriff aber auch zugleich die Gefahr, in die ich mich selber dadurch
gebracht; die Henkersknechte des Diktators waren schnell in der
Vollziehung rascher gegebener Urtheile, und nicht eine Stunde durfte ich
mich länger sicher wähnen, denn ich war in der Verfolgung sowohl, wie
in der That selber erkannt und auch schon umstellt worden. Meine Waffe
brach mir aber auch hier Bahn, und in und durch ein mir bekanntes Haus
flüchtend, brachte ich meine Verfolger auf die falsche Fährte.«
Die bald einbrechende Nacht konnte mich dabei leicht aus dem Bereich
jeder Gefahr bringen; oben in der Boca[13] lag ein kleiner Nachen -- ich
kannte die Stelle genau, und auf der Außenrhede ankerte ein spanisches
Kriegsschiff -- einmal dort an Bord, und Rosas sämmtliche Macht hätte
mir kein Haar meines Hauptes krümmen können. Vorher aber mußte ich
meinem Bruder Nachricht von mir geben; was kümmerte mich die Gefahr,
der ich mich dabei aussetzte, und meinen Versteck wieder verlassend,
wanderte ich, in meinen Pancho dicht eingehüllt, langsam, um keinen
Verdacht zu erregen, dem Mittelpunkte der Stadt zu, wo man mich jetzt,
da ich vor mehreren Stunden gerade in einer entgegengesetzten Richtung
geflohen, auch schwerlich vermuthen durfte. Nichts destoweniger waren
die Straßen heut Abend belebter, als ich sie noch je gesehen, irgend
etwas Besonderes schien hier vorgefallen, und um die eine Ecke biegend,
hörte ich, wie ein Gaucho zum anderen lachend sagte:
13: Ein kleiner Fluß, der in den La Plata dicht unter Buenos-Ayres
mündet.
»Sie haben ihn, #amigo# -- #caramba#, er wollte sich noch verantworten,
aber die gnädigen Mashorqueros lassen sich nicht auf Erklärungen ein --
er sieht jetzt aus, als ob er sich beim Rasiren geschnitten hätte.«
»Mir stockte das Blut in den Adern, ich wußte nicht weshalb, aber wie
ein elektrischer Schlag rührte mich das flüchtige Wort, und anstatt
jeder Beobachtung so rasch als möglich zu entgehn, und das nur kaum noch
fünfzig Schritt entfernte Haus, durch dessen Hinterpforte ich leicht
wieder einen Ausgang finden konnte, zu erreichen, frug ich, mein Gesicht
nur soviel als thunlich mit dem Pancho und breitrandigem Hut verdeckt,
den mir nächsten Burschen, _wen_ sie gefangen und ermordet hätten?«
»Wen? -- #caracho#,« sagte der grimmige Gaucho lachend, »wen anders, als
den Hund von Spanier, der heute Morgen zwei wackere Männer der Föderation
meuchlings überfallen und ermordet oder doch bös getroffen hat.« -- »Und
sein Name?« -- mein eigener donnerte mir ins Ohr, und während sich
die Straße mit mir zu drehen begann, weiß ich nur, daß ich dem Orte
zustürmte, wo die Leiche lag.
»Und dort?« -- frugen die Zuhörer in tödtlichster Spannung wie aus einem
Munde -- denn der Erzähler saß mit stieren Blicken, den rechten Arm
vorgestreckt, als ob er das Schreckensbild aus dem Boden steigen sähe,
regungslos da, und die Augen gewannen einen wilden, fast unheimlichen
Glanz. Plötzlich aber, als ob er fühle, daß aller Augen angst- und
erwartungsvoll auf ihn gerichtet seien, fuhr er empor, und den Blick
rasch und forschend im Kreis umherwerfend, haftete dieser auf dem
Thränenglanz in der Jungfrau Auge, die ihm mit bleichen Wangen und
hochklopfendem Herzen gegenüber saß und jedes Wort von seinen Lippen
in peinlicher Spannung aufgesogen hatte. Erst seinem Blick begegnend,
senkte sie den ihren, und Don Gaspar, der jetzt eine ganze Zeit lang
wie träumend zu ihr hinüberschaute, strich sich plötzlich die schwarzen
krausen Locken von der Stirn, und hochaufathmend war es fast, als ob er
ein schweres, furchtbares Gewicht von seiner Brust gewälzt hätte.
»Und dort? -- wen fanden Sie dort?« rief aber jetzt noch einmal die
alte Mrs. Newland und auch Leifeldt, der hinzutrat und die Hand auf des
Freundes Schulter legte, wiederholte leise die Frage.
»Dort?« lachte aber Don Gaspar, dem in diesem Moment schon wieder der
alte kecke Übermuth aus den Augen blitzte, »dort? -- wie mir scheint
hätte ich Schauspieler werden sollen -- hahaha -- habe ich mir doch nie
im Leben solch ein Talent zum Erzählen zugetraut -- wahrhaftig, Señora,
Sie sind ja ganz davon ergriffen, und die Señorita hat Thränen in den
Augen.«
Er sprang auf und Mrs. Jennys Hand ergreifend, sagte er mit leiserem,
fast bittendem Ton:
»Zürnen Sie mir nicht, Señorita, ich wollte weder Sie noch die lieben
Ihrigen betrüben -- nur zerstreuen, habe es aber, wie ich sehe, ganz
falsch angefangen. Nicht wahr, ich wäre alt genug, vernünftig zu
sein, und doch plagt mich ein kleiner Teufel, den ich, zu größerer
Bequemlichkeit mit mir herumtrage, manchmal wahrhaftig bis aufs Blut
solch närrische Streiche zu spielen -- aber ich muß nachher dafür büßen,
wenn ich sehe, welch Unheil ich angerichtet habe« -- setzte er weicher
hinzu.
Jenny war so vollkommen durch diese Wendung des Ganzen überrascht, daß
sie im ersten Moment in der That gar nicht wußte, ob sie weinen oder
lachen solle, ein Blick in die Augen des Fremden aber machte sie auch
wieder stutzen -- dort lag mehr als ein einfach kecker Leichtsinn,
gräßliche Geschichten zu erzählen und das Blut seiner Hörer erstarren zu
machen -- ein furchtbares Geheimniß schlummerte hinter diesen dunklen
Sternen, und welchen gewaltigen Kampf mußte es ihm kosten, das jetzt mit
solcher Macht und Ruhe niederzuhalten.
Das schöne Mädchen ließ ihre Hand in der des Bittenden länger, als sie
selbst wohl wußte, und als sie ihm dieselbe endlich, und nur langsam
entzog, begegnete Don Gaspar dem Blick des Freundes, der halb forschend,
halb zweifelnd auf ihm haftete. Er wich dem Blick aus, lächelte aber,
als er ihm, mit abgewandtem Antlitz die Hand reichte und fest drückte.
»Nein, so 'was!« rief aber jetzt die alte Dame in größtem Erstaunen,
-- »segne meine Seele Herr -- und das war eine bloße _Geschichte_, und
so natürlich, daß Einem das Herz ordentlich zu klopfen aufhörte und der
Athem still stand in der Brust -- aber Mr. Gaspar, das müssen Sie uns
künftig vorher sagen, daß Sie's nicht so ernsthaft meinen; man weiß ja
wahrhaftig sonst gar nicht mehr, woran man ist.«
Don Gaspar hielt indessen noch immer Leifeldts rechte Hand mit seiner
linken, und dessen Arm mit seiner rechten Hand gefaßt -- es war fast,
als ob er ihm noch etwas sagen wollte vor allen Andern -- als ob er
sich gerade bei ihm rechtfertigen müsse, aber er machte sich auch von
ihm endlich los, und sich rasch zu dem alten Herrn wendend, der ihm
entgegentrat, schüttelte er ihm herzlich die Hand und sagte, leicht mit
dem einen Auge dabei blinzend: -- »nicht wahr, Sir, Sie wußten, wo ich
hinaus wollte.«
»#I'll be damned if I did,#«[14] rief aber der alte Herr treuherzig, die
ihm dargebotene Hand aus Leibeskräften schüttelnd -- »nicht die Probe
davon, so wahr mein Name Newland ist -- hielt die ganze Geschichte für
baare Münze und meine Seele dachte nicht daran, daß Sie Spaß machen
könnten -- haben aber ein famoses Talent, und wenn Sie das so auf dem
Theater von sich geben könnten wie hier, Sie müßten reich dabei werden.«
14: Will verdammt sein, wenn ich's gethan habe.
»Ach, das ist ja gerade unser Unglück auf dieser Erde,« lachte Don
Gaspar dagegen, »daß wir eben in der Jugend noch nicht selbstständig
handeln können, oder _wenn_ wir es könnten, doch nicht im Stande
wären, der Bahn mit den Blicken zu folgen, die anscheinend glatt und
weitdehnend vor uns ausgebreitet liegt -- hat aber die _Erfahrung_ erst
ihre Furchen in unsere Stirn gegraben, dann ist es gewöhnlich zu spät,
noch einen neuen Lebensweg zu wählen, und wir mühen uns verstimmt und
unmuthig auf der, freilich selbst betretenen, breiten und staubigen
Heerstraße hin, während links und rechts abzweigend, und doch alle
demselben Ziel entgegenführend, die schattigsten, blumenreichsten Gänge
und Pfade liegen -- wenn die Chausseegräben nur nicht so verwünscht
breit wären.«
Mit rascher Wendung führte er seine ihn noch immer halberstaunt halb
mißtrauisch betrachtenden Zuhörer wieder auf das erste Feld der
Unterhaltung zurück; kleine interessante Züge aus seinem Leben, mit
einer ganz eigenthümlichen Mischung von Humor und Ernst vorgetragen,
weckten dabei bald wieder ähnliche Erinnerungen bei den Freunden, und
ehe eine halbe Stunde verflossen, war das Gespräch wieder allgemein und
lebendig geworden, und man lachte und erzählte sich noch bis spät in die
Nacht hinein.
Auf dem Heimweg suchte nun zwar Leifeldt den Freund wieder auf die
Geschichte seines Lebens zurückzubringen, aber der hielt ihm nicht
Stand, sprang rechts und links ab, und war gerade heute so voll von
tollen, lustigen Einfällen, daß es unmöglich schien, noch ein ernstes
Wort mit ihm zu reden.
7.
Der Verdacht.
Die nächsten drei Tage war Don Gaspar übrigens nicht zu bewegen, seinen
Besuch bei Newlands zu wiederholen, trotzdem sogar, daß ihm Leifeldt
eine förmliche Einladung dorthin brachte -- er entschuldigte sich mit
einem peinlichen Kopfschmerz und trieb sich fast den ganzen Tag am
Seestrand herum, einkommende Schiffe zu beobachten. Er war auch still
und schweigsam dabei, und es schien fast, als ob nach einer zu starken
Aufregung jenes Abends eine Abspannung gefolgt sei, die er sich nicht
einmal die Mühe geben wollte, von sich abzuschütteln. Bei Newlands
dagegen, bildete er fast den einzigen Punkt, um den sich die Unterhaltung
drehte, und mochte das Gespräch, nach welcher Richtung es wollte, sich
gewandt haben, der erste Schritt im Hause unten, das zufällige Öffnen
oder Schließen einer Thür, brachte fast stets die Worte: »Sollte das Don
Gaspar sein?« -- Leifeldt war auch schon mehrfach gefragt worden, wie
und wo er den Freund kennen gelernt habe, wußte aber die Frage immer
zu umgehen und suchte nun auch seinerseits die alten Leute darin zu
bestärken, Don Gaspar habe sich an jenem Abend mit der gräßlichen
Geschichte -- wo sie ja nicht anders denken konnten, als sein
Zwillingsbruder sei für ihn erschlagen worden -- einen freilich etwas
entsetzlichen Spaß gemacht, während Jenny dagegen eben so bestimmt
behauptete -- und Leifeldt pflichtete ihr im Herzen schon fast bei
-- der Schluß des _wahren_ Vorfalls sei ihm selber so furchtbar
vorgekommen, daß er sich gescheut habe, sie mehr zu ängstigen, und
lieber Alles das gewaltsam niederkämpfte, was ihm in dem Augenblicke
sicher drohte die Brust zu zersprengen. -- Der arme Mann, was mußte er
seit der Zeit heimlich gelitten und mit sich herum getragen haben.
Erst am dritten Abend betrat Don Gaspar wieder das Haus der Newlandschen
Familie, und dießmal bat er sich Leifeldt selber zur Begleitung an.
Wenn die alten Leute aber auch oft und oft versuchten, wieder auf
seine frühere Erzählung -- bei der sie ihn versicherten, wie sie ihn
vertheidigt hätten, zurückkamen, wußte er ihnen doch immer geschickt
auszuweichen, und es war so augenscheinlich, daß ihm selbst eine
Berührung jenes Abends wehe that, und Leifeldt wie Jenny suchten
daher das Gespräch in anderer Richtung zu leiten und zu halten.
Von da an war Don Gaspar ein täglicher Gast in Newlands Haus, und
während Leifeldt jetzt mehr und mehr Beschäftigung bekam, wie das
Zutrauen in der Stadt zu ihm wuchs und seine Kenntnisse sich entwickeln
und Bahn brechen konnten, saß er oft stundenlang mit Jenny am Schachbret,
las irgend ein Buch mit ihr, oder erzählte den alten Leuten Abentheuer
und Scenen aus seinem wunderbar bewegten Leben.
Er war von der Zeit an fast ein anderer Mensch geworden. -- Ruhe und
Friede schien in sein Herz eingekehrt, und was er auch früher gelitten
und ertragen haben mochte, eine freundliche Gegenwart glättete
die schmerzgefurchte Stirn, und das Auge lachte wieder, nicht in
erkünsteltem, sondern in wirklichem Glück. Er zeichnete dabei kein
einziges Glied des kleinen Familienkreises aus -- fand er den alten
Herrn allein, so saß er stundenlang mit ihm da und plauderte von Jagd
und Ackerbau, von Viehzucht und Weinbau, für den sich der alte Gentleman
besonders interessirte, und von der See und der fernen Heimath, -- war
die alte Dame gut aufgelegt dazu, und das geschah oft, so ging er eben
so gern auf all die wunderlichen Kapitel ein, die sie, nach alter
Gewohnheit, vor ihm herauf zu beschwören wußte, -- dann erzog er mit ihr
Kinder und mästete Gänse, legte einen Garten an, oder diskutirte die
Vorzüglichkeit des javanischen vor dem brasilianischen Kaffee. -- Mit
Jenny war er derselbe, ihre Nähe schien aber einen besonders wohlthätigen
Einfluß auf ihn auszuüben, kein wildes, aufloderndes Wort kam über seine
Lippen, wenn er sich gerade allein mit ihr befand, was ihm sonst doch
sogar in Gegenwart der alten Dame manchmal passirte, die aber ihre
Freude daran hatte und dann immer meinte, es thäte ihrem alten Herzen
ordentlich wohl, noch Feuer und Leben in der Jugend zu sehn und ihren
Geist daran zu erwärmen. Aber auch selbst Jenny vergaß er manchmal, wenn
ihm gerade die Lust anwandelte, mit dem Kinde zu spielen und er nun mit
Bill in ausgelassener Fröhlichkeit in Haus und Garten herumtollte, daß
selbst das Kind ihn manchmal ganz ehrbar bat, nicht einen solchen
Spektakel zu machen, sondern ihm lieber eine kleine Geschichte, oder
ein Märchen zu erzählen, wie er sie zu hunderten zu ersinnen und
auszuspinnen wußte.
Anders war es aber mit der Familie selber, so herzlich Don Gaspar
von _Allen_ aufgenommen wurde, so erkannte das scharfe, so leicht
mißtrauische Auge der Eifersucht bald einen Vorzug, den ihm die Jungfrau
selbst vor den Übrigen einräumte. Ein wilder Schmerz durchzuckte
Leifeldts Herz, als dort zum ersten Male der Gedanke an eine solche
Möglichkeit aufstieg. Er war allein mit Jenny gewesen, und neben ihr
sitzend hatte er angefangen von seinen Plänen und Hoffnungen zu
plaudern, wie ihn das Glück hier in Valparaiso so weit über Erwarten
begünstige, und wie er nun fast schon die Zeit berechnen könne, in der
es ihm möglich sein würde, einen _eigenen Heerd_ zu gründen. Das Herz
lag ihm heute auf der Zunge, und der Muth fehlte ihm nur noch, dem
holden Mädchen seine Liebe zu gestehen, und sie -- nicht um ihre Hand
zu bitten -- der unbemittelte, junge Arzt durfte noch nicht wagen, das
Geschick eines so lieben zarten Wesens an das seine zu knüpfen, ehe
er ihm mehr als die Aussicht eines sorgenfreien Lebens bieten konnte
-- aber sie zu fragen, ob sie glaube, sich einst an seiner Seite
glücklich fühlen zu können, und dann, mit solcher Gewißheit im Herzen,
neuen Anstrengungen und Arbeiten in dem süßen, beseeligenden Gefühl
entgegen zu gehen, das Ziel zu kennen, dem er zustrebe, und in ihm
gerade sein ganzes Glück und Heil zu finden.
Ob Jenny fühlte, daß der bisherige _Freund_ einer anderen Gestaltung
ihres Verhältnisses entgegendränge, -- ob sie diese Erklärung fürchtete,
oder ihr nur ausweichen wollte in mädchenhafter Schüchternheit, aber
sie war unruhig und befangen, stand oft auf, unbedeutende Sachen zu
besorgen, und suchte wieder und immer wieder dem Gespräch eine andere,
gleichgültigere Wendung zu geben, als plötzlich der Klopfer unten an
ihrer Thüre ertönte, und gleich darauf des Spaniers rasche Schritte auf
der Treppe gehört wurden.
»Don Gaspar,« rief Jenny, freudig überrascht von ihrem Stuhle
aufspringend, zugleich aber dem Blick des jungen Schweden begegnend, war
sie Weib genug, zu fühlen, wie wehe sie dem in diesem Augenblick gethan.
-- Das Blut schoß ihr in die Schläfe, und langsam den eben so rasch
verlassenen Sitz wieder einnehmend, setzte sie leiser hinzu: »Er wird
sich freuen, Sie hier zu finden.« --
Don Gaspar betrat gleich darauf das Zimmer, und das Gespräch drehte sich
um gleichgültige Gegenstände; von dem Augenblicke an aber war der Same
des Mißtrauens, der Eifersucht in das sonst so treue, ehrliche Herz des
jungen Schweden gefallen, und schlug seine breiten Wurzeln da und wühlte
und nagte in all seiner wachsenden Stärke und Furchtbarkeit.
Von dem Tage an war es um Leifeldts Frieden geschehen -- je
freundlicher, je herzlicher Jenny gegen ihn wurde, desto mehr zog er
sich vorsichtig in die innersten Vesten seiner eigenen Brust zurück,
denn was bis dahin seinem wachenden, sehenden Auge total entgangen,
erschloß sich plötzlich dem von Argwohn bewaffneten Blick mit tödtlicher
Schärfe. -- Er sah, Jenny liebte den Freund, und das war der Todesstoß
all seiner süßen, so heimlich und treu gepflegten Hoffnungen und Träume
-- das der Sturz seiner liebsten, seligsten Pläne.
Sonderbarer Weise blieb sich Don Gaspars Benehmen, der Jungfrau wie
dem Freund gegenüber, vollkommen gleich; oft sahen sie ihn zwei oder
drei Tage nicht, die er in der Nähe Valparaisos verbrachte -- sein
Lieblingsplatz war dann die Seeküste, von wo aus er halbe Tage lang
kommenden Segeln entgegenschaute, und kehrte er endlich zurück, so
betrug er sich gerade, als ob er nicht einen Augenblick abwesend gewesen
wäre und irgend vermißt sein könnte.
Nicht so Jenny; -- wie unbewußt sie sich auch bis dahin ihrem Herzen
überlassen, so war sie seit jenem Abend, wo der erste mißtrauische
Blick des jungen Arztes ihrer eigenen Seele Licht gegeben, ihr selbst
gewissermaßen die eigene Brust erschlossen hatte, ganz still und
schüchtern geworden, und eine fast krankhafte Erregung schien ihr sonst
so heiteres, kräftiges Gemüth umhüllen -- ertödten zu wollen. Das
Mutterauge entdeckte auch bald die, wirklich auffallende Veränderung
selbst in ihrem Aussehen, Jenny leugnete aber, sich anders, als
vollkommen wohl zu befinden, und der deshalb von der alten Dame befragte
Leifeldt erklärte ebenfalls die Blässe der Wangen, den fehlenden Glanz
der Augen für ein leichtes Unwohlsein, das die nächsten Tage wieder
heben könnten. Ach, ihm schnitten diese eingesunkenen Augen tief, tief
ins Herz, und durfte er sagen, was sie verursacht hatte? -- mußte er
nicht dem eigenen, hoffnungslosen Schmerz da ebenfalls die Worte geben?
-- Und Jenny reichte ihm diesmal, als er von ihr ging, die Hand, und
preßte sie leise -- sie sprach kein Wort, aber dieser einzige Händedruck
kündete ihm sein Loos deutlicher, als es Worte je im Stand gewesen
-- sie _dankte_ ihm für sein rücksichtsvolles Schweigen -- und er hätte
vergehen mögen vor bitterem Weh.
So waren noch zwei Tage verflossen, und Leifeldt rang in dieser Zeit
mit sich, ob er offen zu dem Freunde reden, oder dem Schicksal seinen
ungestörten Lauf lassen solle. Mit seinem ganzen ehrlichen, offenen
Wesen trieb es ihn, diesem ersten Gefühl zu folgen, immer aber warf
er sich selber wieder ein, daß der Spanier die Liebe des jungen,
engelschönen Mädchens noch gar nicht einmal zu ahnen scheine, und sollte
_er_ es sein, der da mit eigener Hand den Funken in die Pulverkammer
schleuderte? -- Er konnte sich, so oft er sich auch dazu überreden
wollte, es sei das Beste, ja das Einzige, was ihm zuletzt zu thun übrig
bliebe, doch immer und immer wieder nicht dazu entschließen, und zögerte
damit so lange, bis er sich am Ende selbst wieder einredete, er habe
sich doch vielleicht getäuscht, und noch liege die Möglichkeit vor ihm,
die Geliebte seines Herzens einst auch die Seine nennen zu können.
So kam Jenny's Geburtstag heran, und Mr. Newland hatte in seinem Hause,
diesen Tag zu feiern, eine kleine Festlichkeit angeordnet, zu der,
außer mehreren anderen Bekannten, auch unsere beiden Freunde, wie der
Buenos-Ayres Konsul, Don Guzman de Ribera, geladen waren.
Dieser begrüßte Don Gaspar wie einen alten Bekannten, -- er wußte ja,
der junge Mann war von Buenos-Ayres herübergekommen, und er selber, dort
geboren, hatte noch zu viel Anhänglichkeit an die Stadt, nicht für
jedes ein Interesse zu empfinden, das mit derselben, wenn auch in der
entferntesten Berührung stand. Es war das eine Art Heimweh -- wenn
er sich des Gefühles selber auch kaum bewußt sein mag -- wie es den
Kamtschadalen an seine Eisfelder, den Sohn der Wüsten an die öden
Sandflächen seines Vaterlandes bindet, und Don Guzman war noch dazu ein
gar eifriger Anhänger des Diktators, und freute sich der Erfolge, die
dieser errungen, mit sichtlichem Stolz.
Don Gaspar schien heute besonders guter Laune zu sein, und so viel
Mal auch Don Guzman versuchte, seiner habhaft zu werden, ihm die
allerneuesten Nachrichten von »der anderen Seite der Cordilleren«
mittheilen zu können, wußte er ihm doch immer wieder zu entgehen,
und dem Gespräch eine andere, allgemeinere Richtung zu geben.
Leifeldt dagegen zeigte sich still und zurückgezogen, der Freund hatte
Jenny's Seite noch kaum verlassen, seit sie das Zimmer betreten hatten,
und der junge Schwede versuchte umsonst der Gedanken ledig zu werden,
die ihm mit immer herberer Pein das Herz durchzogen.
»Aber Señor Federigo ist heute Abend so mißgestimmt,« sagte endlich die
alte Mrs. Newland, die sich bis dahin fast nur mit Don Gaspar und ihrer
Tochter unterhalten hatte, und den jungen Arzt eigentlich erst jetzt
in ihrem Gespräch vermißte -- »segne meine Seele, ich weiß mich noch
wahrlich nicht eines Wortes zu erinnern, das Sie heute den ganzen Abend
gesprochen hätten -- fehlt Ihnen etwas?« --
»Nicht das Mindeste,« lächelte Leifeldt, etwas verlegen aufstehend und
sich ihr nähernd -- »aber Sie waren Alle dort so gar lebhaft im Gespräch
begriffen.« --
»Und dazu gehören Sie eben so gut, Mr. Leifeldt,« sagte Jenny,
freundlich ihm die Hand reichend -- »wir sprachen eben davon, wie
glücklich wir uns schätzen dürfen, in einem fremden Lande so viele treue
und liebe Freunde gefunden zu haben, und wie dankbar wir dafür unserem
Schicksal sein müssen.«
»Das Wort _Freundschaft_ ist ein wilder Begriff, Señorita,« erwiederte
aber Don Gaspar rasch -- »und unsere Sprache ist arm, daß wir nicht im
Stande sind, dieß wunderlichste aller Gefühle in seine verschiedenen
Klassen einzutheilen.«
»Und haben _Sie_ verschiedene Klassen für Ihre Freundschaft, Don
Gaspar?« frug ihn das schöne Mädchen lächelnd.
»Allerdings,« sagte der Spanier rasch -- »und so streng geschieden von
einander, wie sie das wunderlichste Gefäß im menschlichen Körper -- das
Herz -- zu scheiden vermag -- Freunde, die ihr Leben für mich lassen
würden« -- und er reichte, während er sprach, dem jungen Schweden die
Hand -- »und Freunde, die mich verfolgen mit -- mit ihrer Liebe und mich
gern unter die Erde drücken möchten vor lauter Herzlichkeit -- Freunde,
deren Lächeln schon das Blut in froher Brust durch meine Adern jagt, und
Freunde, deren Kuß und Schwur es erstarren machen würde.«
»Und zu welchen dürfen wir uns da zählen?« frug Jenny leicht erröthend.
»Ich brauche Ihnen das nicht mehr mit Worten auszudrücken,« sagte Don
Gaspar mit dem herzlichsten Tone seiner Stimme, und während er die
Hand des Mädchens ergriff, bemerkte Leifeldt mit tiefem Schmerz,
wie es die ganze Gestalt der Jungfrau, einem elektrischen Schlage
gleich durchzuckte; »Sie haben mich hier Alle mit so unendlicher
Freundlichkeit behandelt« -- fuhr der Spanier dabei fort -- »ich
müßte ein Herz von Stein in der Brust haben, könnte es anders für Sie
schlagen, als es thut -- aber unser Gespräch wird zu ernst,« brach er
dann rasch und plötzlich ab, und Jenny's Hand loslassend und die der
Matrone ergreifend, setzte er lachend hinzu -- »da, Mama hat schon
Thränen in den Augen, und der dürfen wir doch wahrlich den heutigen,
fröhlichen Abend nicht verderben.«
In diesem Augenblick wurde zu Tische gerufen, und Jenny trat
fast unbewußt einen kleinen Schritt zurück, als ob sie sich der
Aufmerksamkeit der Übrigen entziehen wollte, bis -- Leifeldt wagte den
Gedanken nicht auszudenken und wollte eben an die alte Dame hinantreten,
dieser seinen Arm anzubieten, als Don Gaspar schon die Hand der Mrs.
Newland in seinen Arm zog, Mr. Newland mit Don Guzman im eifrigen
Gespräch langsam dem Speisezimmer zuschlenderte, und der junge Mann
jetzt nicht umhin konnte, Miß Newland zu geleiten. Jenny wollte etwas
sagen, als er sich ihr zögernd näherte, aber, ob sie fürchtete, ihm wehe
zu thun, oder nicht das rechte Wort fand zu beginnen, sie schwieg, und
ließ sich von ihm zur Tafel geleiten.
»Aber Don Gaspar,« begann hier Don Guzman, der dem Spanier gerade
gegenüber seinen Platz hatte, wie sie kaum ihre Sitze eingenommen
-- »ich habe Ihnen noch gar nicht erzählen können, daß der chilenische
Correo glücklich über die Berge von Mendoza herübergekommen ist, und
die Post von ein paar Monaten mitgebracht hat; elf Tage war er in der
dritten Casucha[15] drüben im Schnee »verschlossen«, und ihr Chargue[16]
mußte er mit seinen Leuten zuletzt trocken kauen, sich nur am Leben zu
erhalten -- sie wären beinahe verhungert, und der Temporale[17] soll
furchtbar gewüthet haben.«
15: Die kleinen Steinhütten in den Cordilleren, zum Schutz der
Reisenden errichtet.
16: Getrocknetes Fleisch, ziemlich der einzige leicht tragbare
Proviant unterwegs.
17: Schneesturm.
»Die armen Menschen,« sagte Jenny mitleidig -- »es ist doch ein
entsetzliches Brod, sein Leben auf jedem solchen Marsch tollkühn auf's
Spiel zu setzen. Wie Viele sind schon dabei umgekommen, und immer und
immer wieder giebt es Andere, die der wenigen Unzen wegen die Glieder
dem Frost und Hungertode Preis geben.«
»Und Monte-Video ist immer noch nicht über?« sagte Leifeldt, dem es
wohlthat, gerade in diesem Augenblicke mit dem Fremden ein Gespräch zu
beginnen.
»Noch nicht, aber es kann sich keinesfalls lange mehr halten,«
erwiederte Don Guzman zuversichtlich -- »man spricht zwar von einem
Waffenstillstand, ich glaube jedoch, daß ihn die Unitarier nur
verlangen, zu kapituliren.«
»Und giebt es sonst nichts Neues in Buenos-Ayres?« frug Mr. Newland
dazwischen, den Argentiner auf ein anderes Kapitel zu bringen, und nicht
etwa genöthigt zu sein, die fremde Intervention mit ihm zu erörtern
-- »keine neue Revolution, keinen Überfall von Indianern?«
»Nichts derartiges,« lachte Don Guzman, »Se. Excellenz, der Gouverneur,
hält die Zügel der Regierung zu straff für dergleichen Versuche.«
»Aber die Indianer haben sich doch schon einige Mal gegen ihn in das
Feld geworfen,« warf Leifeldt ein -- »die einzelnen Gaucho-Hütten
überfallen, ja selbst die Städte bedroht und sogar der Argentinischen
Cavallerie Stand gehalten.«
»Ist allerdings vorgefallen,« meinte achselzuckend der Konsul, »jetzt
aber sind sie ruhig, und die Grenzbewohner werden wohl nicht wieder von
ihnen beunruhigt werden. Nein, aber etwas anderes hatte die Stadt in
jener Zeit aufgeregt, und es scheint wirklich seit lange Nichts die
Bewohner von Buenos-Ayres in solch Erstaunen versetzt zu haben, als die
Flucht eines Tollen aus einer Irrenanstalt -- die Blätter sprechen fast
von nichts Anderem.«
»Die Flucht eines Tollen?« riefen fast Alle wie aus einem Munde, und
Leifeldt, dessen Blick wie unwillkürlich Don Gaspar suchte, sah, wie
dieser in völligstem Gleichmuth ruhig, aber kaum bemerkbar vor sich hin
lächelte, und mit der Gabel spielte.
»Und hat man ihn nicht wieder bekommen?« frug ängstlich Jenny.
Don Gaspar biß sich auf die Lippen.
»Nein,« versicherte Don Guzman -- »merkwürdiger Weise ist er mit seinem
Arzte, einem Schweden, Namens Stierna, entwichen, und obgleich man
Anfangs alle Ursache hatte, zu vermuthen, Beide wären an Bord eines
Schiffes gegangen, tauchte doch auch zu gleicher Zeit ein Gerücht auf,
sie wären eine Strecke weit im Innern gesehen worden, und die Behörden,
dadurch irre geleitet, scheinen ihre Spur bis jetzt noch nicht wieder
aufgefunden zu haben.«
»Heiliger Gott,« sagte Jenny schaudernd und deckte sich dabei ihre Augen
mit beiden Händen -- »ich glaube, ich würde selber wahnsinnig, wenn ich
einem solchen entflohenen Tollen einmal plötzlich begegnete und ihm
nicht mehr entfliehen könnte.«
»Haben Sie noch nie einen Wahnsinnigen gesehen?« frug Don Guzman.
»Nie -- und Gott bewahre mich auch dafür,« erwiederte das Mädchen, schon
in dem Gedanken an solchen Fall zusammenbebend.
»Aber, liebes Kind,« sagte die Mutter -- »es giebt auch viele Leute mit
einem stillen Wahnsinn, denen man es gar nicht so sehr ansehen kann,
und die haben gar nichts Fürchterliches -- nur manchmal werden sie
gefährlich, wenn ihnen der Rappel kommt. Bei uns im Haus wohnte einmal
ein solcher, aber Du warst noch klein und kannst Dich wohl nicht mehr
auf ihn besinnen -- er sprang später einmal aus dem Fenster und brach
den Hals.«
»Es giebt überhaupt wohl keine Krankheit, die in so verschiedenen
Gestaltungen und Variationen auftritt, als gerade der Wahnsinn,« nahm
hier Mr. Newland das Wort, und Leifeldt hob den Blick fast unwillkürlich
zu dem Freund auf, der jedoch vollkommen ruhig, ja fast gleichgültig zu
dem Sprechenden hinüberschaute -- »von dem Rasenden,« fuhr Mr. Newland
fort, »der in seine Ketten beißt und schäumt, können wir die Grade
hinunterführen bis zu dem Misanthropen, und während der Eine selbst dem
unerschrockensten Menschen, dem, der jeder anderen Gefahr lachend und
muthig entgegen gehen würde, mit unnennbarem, unlöschbarem Entsetzen
erfüllt, treffen wir den Andern gar nicht so selten in unserer eigenen
Mitte und die Krankheit, die ein Zufall vielleicht zum hellen Ausbruch
geführt, schläft in ihm, nur ihm selber fühlbar, bis zu seinem Tode.
Ich bin überzeugt, wir kommen mit hunderten dieser Art zusammen, ohne
den Wurm zu ahnen, der in ihnen schlummert und vielleicht nur eines
zufälligen Funkens bedurft hätte, zu lichter Lohe emporzubrennen.«
»Um Gottes Willen, Väterchen,« bat da das schöne Mädchen -- »sage doch
nicht so Entsetzliches -- es wäre ja gräßlich, in jedem stillen Menschen
einen angehenden Wahnsinnigen fürchten zu müssen -- lachen Sie doch Don
Gaspar, lachen Sie doch Doktor, mir läuft es wahrhaftig schon jetzt
eiskalt über den Körper, wenn ich Sie Alle so _still_ und ernsthaft da
sitzen sehe.«
»Señor Newland macht sich über uns lustig,« sagte aber der Spanier
lächelnd, indem er sich zu der Jungfrau hinüber bog, »er will mich von
neulich in meiner eigenen Münze bezahlen -- es hat überhaupt einen
eigenen Reiz, sich vor etwas zu fürchten, und von dem Kind an verläßt
uns das Gefühl nicht, bis zum Greisenalter; aber Don Guzman erzählt uns
vielleicht ein wenig ausführlicher, wie es mit der Flucht des Verrückten
zugegangen -- hahaha, ich fange wahrhaftig selber an, mich für den Mann
zu interessiren -- und hat den eigenen Arzt mitgenommen, he?« --
»Den Arzt der Anstalt selber,« bestätigte der Argentiner -- »man
begreift eigentlich gar nicht, wie es möglich war, aber der Tolle muß
ihm jedenfalls Versprechungen gemacht haben, und der Doktor ist noch
toller gewesen, sie ihm zu glauben.«
Don Gaspar lachte laut auf, und Leifeldt schaute einen Moment etwas
verlegen vor sich nieder -- es war ihm nicht lieb, daß Don Gaspar so
gewissermaßen muthwillig die Gefahr, verrathen zu werden, herausforderte.
Niemand konnte allerdings in diesem Augenblick einen Verdacht haben,
daß sie selber die Flüchtigen wären, und sogar im schlimmsten Fall
ihrer Entdeckung reichte doch Rosas Arm nicht bis hier herüber, seinen
Gefangenen zurückzufordern; nichts desto weniger brachte es sie in ein
schlechtes Licht und -- die Hauptsache -- in das Gerede der Müßigen,
weshalb also einen solchen Fall noch herausfordern.
»Aber in was bestand seine Tollheit?« frug jetzt der Spanier wieder,
ohne den Blick des Freundes zu verstehen oder zu beachten, der ihn
warnen wollte, zu weit zu gehen -- »hat man nicht erfahren können, in
welcher Art sie sich zeigte, daß selbst der Arzt darauf einging oder
getäuscht werden konnte? und _war_ der Mann überhaupt wahnsinnig?« -- Er
bog sich plötzlich vor und schaute den Konsul mit seinen großen dunklen
Augen erwartungsvoll an -- »man hat Beispiele, daß gesunde Menschen,
ihrer etwas unbequemen Gegenwart enthoben zu sein, in solcher Art
eingekerkert wurden und langsam und elend vergehen und verderben
mußten.«
»Nein, nein,« rief Don Guzman rasch, »die Beweise lagen hier wohl zu
klar auf der Hand. Vorher scheint irgend eine lange Geschichte gegangen
zu sein, aus der man aber, den Zeitungen nach, nicht klug wird, nur so
viel ist gewiß, daß der Kranke irgend einer hochgestellten Person -- es
ist nicht gesagt weshalb -- nach dem Leben trachtete, auch schon in
seiner Raserei viel Blut vergossen haben soll, so daß man allerdings
nicht ohne Besorgnisse war, der Entflohene würde jenen wieder
aufzufinden wissen.«
»Und diese hochgestellte Person?« frug Don Gaspar lauernd.
»Wurde nicht genannt,« erwiederte Don Guzman, »Sie wissen, daß die
Zeitungen in Buenos-Ayres unter einer ziemlich strengen Censur stehen,
und die Redakteure befassen sich nicht gern unnöthiger Weise mit
wirklichen Namen, über die sie vielleicht einmal später könnten
aufgefordert werden, Rechenschaft zu geben. Der des Entsprungenen soll
_Morelos_ gewesen sein.«
»Aber ich werde nun ernstlich böse, wenn Sie nicht die entsetzliche
Unterhaltung schließen,« rief da endlich Jenny -- »ist das ein Gespräch
für ein Familienfest und wollen Sie mir denn mit Gewalt den Abend
verderben?«
»Aber mein Fräulein --«
»Keine Einwendungen, Don Gaspar,« rief jedoch die junge Dame in
halb scherzhaftem, aber auch entschiedenem Tone -- »ich will gern
eingestehen, daß ich eine furchtbare, vielleicht kindliche Angst vor
einem Wesen habe, das ohne Geist -- eine wandernde Leiche -- umhergeht,
ich kann nun einmal diesen Gedanken nicht los werden, und wer mir jetzt
eine rechte Freude erweisen will, erzählt eine hübsche und _muntere_
Geschichte, daß wir die trüben Schatten verscheuchen, die wirklich schon
anfangen sich um uns zu sammeln.«
»Muntre Geschichten?« rief da Don Gaspar, rasch emporspringend, »da bin
ich Ihr Mann -- hol der Böse das Grillenfangen -- wenn nicht der Humor
manchmal dem Menschen zu Hülfe käme, es säh' schlecht in der Welt aus.
-- Aber der Ernst ist uns trotzdem dabei oft näher als wir denken, und
der Tod schaut ins Fenster, wenn wir glauben die Sonne sei es.« --
»Aber Don Gaspar --«
»Ich kannte einen alten Musikus in Madrid -- hahaha, ich muß jetzt noch
lachen, wenn ich an den alten Burschen denke, und es sind lange, lange
Jahre verflossen, seit sie ihn in sein letztes Bett hinaustrugen -- der
hatte einen unverwüstlichen Humor und eine Gabe zu erzählen, und das
Erzählte mit Akkorden und kurzen Sätzen, Präludien und Nachspielen
seiner Geige zu begleiten, daß man manchmal wahrhaftig gar nicht mehr
wußte, ob er spielte oder erzählte, die Töne schienen mit zu sprechen,
die Worte zu tönen und eine eigene barocke Manier, die er sich angewöhnt
und mit der er das Producirte gewissermaßen von sich abstieß, riß seine
Zuhörer, in ihrem wunderlichen Effekt nicht selten zum stürmischen Jubel
hin. Als ich ihn das letzte Mal hörte, hatte er uns gerade eine Skizze
seines eigenen Lebens erzählt, und während uns die Thränen aus den
Augen liefen, denn er hatte genug erduldet für einen einzelnen
Menschen, schrieen wir auch wieder vor Lachen; und wie er zuletzt mit
dahineingreifenden tollen Akkorden schloß und dazwischen schrie und
spielte, übertäubte das folgende Gelächter endlich jeden seiner Laute
dermaßen, daß er wirklich stillschweigen mußte und eine Zeit lang ruhig
sitzen blieb. -- Als wir endlich wieder zu uns kamen und ihn bitten
wollten, fortzufahren -- war er todt. -- Nein, Señorita -- verlassen Sie
uns nicht!« -- rief er plötzlich, als Jenny eine Bewegung machte, als
ob sie vom Tisch aufstehen wollte -- »ich mache wieder gut, was ich
gefehlt« -- und aufspringend setzt er sich an das offene Clavier, auf
dem er mit einem weichen Andante begann, die Töne aber mehr und mehr
anschwellen ließ und endlich in einem wilden Allegro all die neckischen,
englischen und irischen Melodien einflocht, die sie früher so oft
mitsammen geübt und gesungen hatten.
Von dem Augenblick an war es auch, als ob ein ganz anderer Geist über
die kleine Gesellschaft komme, Don Guzman, der noch einmal von dem
entsprungenen Tollhäusler anfangen wollte, wurde gleich unterbrochen und
in den Strudel eines anderen Gesprächs hineingerissen und vor Allen Don
Gaspar hatte sich noch nie so liebenswürdig, ja förmlich ausgelassen
gezeigt, als an diesem Abend. Er war unerschöpflich im Erfinden und
Erzählen, und Jenny lachte und jubelte bald mit den Übrigen.
Es wurde spät und Don Gaspar selber mahnte mehrmals an den Aufbruch,
Jenny aber bat immer wieder, nur noch ein ganz klein wenig zu bleiben,
und des Spaniers Herz hätte müssen von Eisen sein, wenn er solcher Bitte
widerstehen gekonnt.
Eigenthümlich war dabei das Benehmen Don Guzmans, der anfänglich, und
zwar schon den ganzen Abend hindurch, Don Gaspar stets, wenn er sich
besonders unbemerkt glaubte, aufmerksam fixirte und vorzüglich Leifeldt
dadurch beunruhigte, der nicht mit Unrecht fürchtete, der Argentiner
habe einen, wenn auch vielleicht noch vollkommen unbestimmten Verdacht
gefaßt, der wohl noch durch das anfänglich wunderliche Betragen Don
Gaspars verstärkt werden mochte. Wie aber die Laune desselben sich mehr
und mehr den Abend hindurch entwickelte, schwand auch augenscheinlich
dieses Gefühl, der sonst ziemlich ernste Argentiner wurde freundlich
und zutraulich, und als der Wein erst die Köpfe ein wenig erwärmt hatte,
war er mit dem Spanier so befreundet worden, daß er sich zu ihm setzte,
und die beiden Männer lachten zusammen, daß ihnen die Thränen aus den
Augen liefen.
Leifeldt wurde allerdings von der lebendiger werdenden Unterhaltung
unwillkürlich mit fortgerissen, aber der einmal gefaßte Verdacht, daß
Jenny nicht ihn selber, sondern den Freund liebe, verbitterte ihm
nicht allein den Abend, sondern füllte sein Herz auch mit recht tiefem,
schmerzlichem Weh. Er wußte es wohl, er hatte es sich schon in den
letzten Wochen nicht mehr gut fortleugnen können, aber immer noch schien
eine schwache Hoffnung ihn über Wasser gehalten zu haben, heute aber
schwand auch diese, und Jennys ganzes Benehmen, jeder schüchterne Blick,
wenn sie sich unbeobachtet glaubte -- ihr Erröthen, ihr Erblassen in den
Erzählungen seines eigenen Lebens, warfen ein furchtbares, aber nur zu
treues Licht in seine Seele.
Mit diesem Bewußtsein faßte er nun aber auch den festen Entschluß,
zu dem Freund zu sprechen -- er wollte wissen, was der Spanier zu
thun beabsichtige -- er wollte seine Plane hören, denn nicht an ein
leichtsinnig Spiel dieses Mannes sollte das Herz, das einstige Glück
dieses Mädchens gebunden werden. Erst dieser Entschluß brachte aber
auch seiner Seele wieder die volle Ruhe und jede Schwäche von sich
abschüttelnd, fühlte er, wie er das schöne Mädchen wirklich aufrichtig
genug liebe, ihr freudig das eigene Glück zum Opfer zu bringen und über
ihr künftiges Leben mit treuer Freundes Sorgfalt zu wachen. So in sich
selbst erstarkt, nahm er mehr und mehr an dem Gespräche Theil, und
die alte Mrs. Newland, die ihn besonders in ihr Herz geschlossen,
versicherte ihm noch, bevor sie Abschied nahmen, »daß es ihrer Seele
wohl thäte, den guten Doktor auch einmal wieder so frisch und fröhlich
bei sich zu sehen; -- der Don Gaspar,« setzte sie dann in ihrer
Gutmüthigkeit hinzu -- »ist doch ein herrlicher Mensch, er bringt
Leben und Bewegung in eine ganze Gesellschaft, nur ein Bischen zu toll
treibt er's manchmal, und heute Abend besonders macht er doch die
ausgelassensten Streiche -- segne seine Augen, ich bin ihm ordentlich
gut.«
Don Guzman mahnte endlich zum Aufbruch -- es war Mitternacht schon
vorüber, und da die drei Männer ziemlich einen Weg hatten, verließen
sie zusammen Mr. Newlands gastliches Dach und wanderten die stille,
menschenleere Straße noch lachend und erzählend hinauf, während hinter
ihnen die Wächter ihren scharfen Pfiff ertönen ließen[18] und die
einsamen, stillen Häuserreihen allein den Ausbruch ihrer lauten
Fröhlichkeit wiedertönten.
18: Die Nachtwächter Valparaisos geben einen gellenden Pfiff,
wenn Nachts irgend ein Mann an ihnen vorübergeht; dadurch wird
der nächste Nachtwächter darauf aufmerksam gemacht, daß noch
Jemand auf ist, der eigentlich ins Bett gehörte, erwartet den
Wandernden und giebt dasselbe Zeichen, wenn er an ihm vorüber
gegangen ist.
8.
Die Entdeckung.
»Aber wissen Sie, liebster Don Gaspar,« sagte endlich der Argentiner,
als sie an einer der Querstraßen-Ecken, wo dieser von ihnen Abschied
nehmen mußte, stehn geblieben waren, das begonnene Gespräch erst zu
beenden -- »wissen Sie, für was ich Sie heute Abend einmal eine ganze
Weile gehalten habe?« --
»Nun, Señor?« lachte der Spanier -- »doch nicht etwa für den Bösen
selber, der sich in Menschengestalt einen kleinen Spaß mache und nach
Seelen angele, doch nicht für den Feind?« --
»Nein,« sagte Don Guzman lachend. --
»Oder für einen spanischen Spion, der vom Mutterlande herüber geschickt
wäre, sich der Colonien wieder zu versichern?«
»Auch nicht,« lautete die Antwort, »noch schlimmer« --
»Noch schlimmer als Teufel oder Spion?« lachte Don Gaspar, »das ist
schmeichelhaft -- und für was sonst noch?«
»Für den entsprungenen Tollen!« rief Don Guzman, und Alles, was er noch
weiter sagen wollte, erstarb in dem schallenden, dröhnenden Gelächter
des Spaniers, der sich gar nicht wieder zufrieden geben konnte. --
»Aber ich versichere Sie, bester Don Gaspar!« --
»Hahahahaha!« -- donnerte das dröhnende Lachen dazwischen.
»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich« --
»Hahahahaha!« --
Der Argentiner mußte zuletzt selber mit in das Lachen einstimmen, und
anstatt dem Spanier den Grund solchen Verdachtes anzugeben, wie er es im
Anfang beabsichtigt, jetzt nur auf seine Vertheidigung sinnen und sich
entschuldigen, einen solchen Fehlgriff begangen zu haben. Eine kurze
Weile plauderten dann die Männer noch mit einander, und wünschten sich
dann eine gute Nacht, vorher aber lud Don Guzman die beiden Freunde noch
auf das Herzlichste ein, ihn recht bald einmal ebenfalls zu besuchen,
was sie ihm auch fest versprachen.
Don Guzman betrat gleich darauf sein Haus und Don Gaspar und Leifeldt
wanderten dem ihrigen, beide jetzt still und schweigend, zu.
Leifeldt hatte überhaupt während der ganzen letzten, so laut und munter
geführten Unterhaltung, nicht ein Wort gesprochen -- es fing ihm an
peinlich zu werden, ihre Flucht von Buenos-Ayres erwähnen zu hören,
und wenn er auch für sich selber nicht die geringsten bösen Folgen
zu fürchten brauchte, hätte er sich hier, in der Stadt zu jenem Fall
bekannt, war ihm doch die ganze Sache fatal, und er begriff Don Gaspars
Leichtsinn und Fröhlichkeit in dieser Hinsicht nicht. Auch sein falscher
Name fing ihm an drückend zu werden und er wußte nur nicht jetzt, wie
ihn abzuschütteln, ohne denen, an deren Meinung ihm etwas gelegen, in
einem falschen Lichte zu erscheinen.
Zu diesem kam noch der Entschluß, der in seiner Seele kämpfte, Licht und
Erklärung selber von dem Freund, die Geliebte betreffend, zu erhalten,
ein Entschluß, gegen den er noch immer in seinem Innern ankämpfte,
der sich ihm aber mit jeder Minute auch als immer dringender werdende
Nothwendigkeit aufdrängte.
So erreichten sie ihre Wohnung, Jeder in seinen Gedanken vertieft und
ohne auch nur eine Silbe weiter mit einander zu wechseln, und während
Leifeldt mit untergeschlagenen Armen rasch in dem kleinen Gemach auf- und
abging, hatte sich Don Gaspar in die eine Ecke des Sophas geworfen und
starrte mit zusammengezogenen Brauen vor sich nieder.
Plötzlich blieb der junge Schwede vor dem Spanier stehen und sagte mit
leiser, aber fester und entschiedener Stimme:
»Gaspar, ich habe etwas auf dem Herzen, das ich nicht länger mehr allein
zu ertragen vermag, und es ist nöthig, daß wir uns darüber verständigen,
oder ich gehe in der steten Aufreibung meiner Kräfte und Gedanken völlig
zu Grunde.«
Don Gaspar erwiederte kein Wort, sondern schlug nur die großen dunklen
Augen staunend und erwartungsvoll zu ihm auf und blieb ruhig und
regungslos in seiner Stellung.
»Wie stehst Du zu Miß Newland?« fuhr da der Schwede noch leiser fast
fort, und man sah, es hatte ihm schwere Überwindung gekostet, den Namen
endlich auszusprechen.
»Miß Newland?« sagte aber Don Gaspar erstaunt, und ein eigenthümliches
Lächeln zuckte und blitzte über seine, heute Abend ungewöhnlich bleichen
Züge -- »wie soll ich zu Miß Newland stehn? -- höchst freundschaftlich,
hoff' ich doch.«
»Eine Umgehung meiner Frage hilft Dir nichts mehr,« rief aber Leifeldt,
durch die, wie er glaubte, angenommene und verstellte Gleichgültigkeit
des Freundes mehr gereizt und in seinem Entschluß bestärkt, »Du kannst
mich nicht glauben machen, daß Dir das schöne Mädchen gleichgültig sei
-- es ist nicht möglich, daß Du blind gegen die Neigung wärest, die
_sie_ für Dich empfindet.«
»Neigung _für mich_?« rief aber jetzt der Spanier mit wirklichem
Erstaunen und richtete sich auf seinem Sitz empor, »wie kommst Du zu dem
tollen, abenteuerlichen Gedanken? -- Wie kann das Mädchen eine Neigung
für mich empfinden -- -- was kann sie _mir_ sein?« --
»Was sie _Dir_ sein kann, Mensch?« -- rief aber der Schwede jetzt durch
die fast wegwerfenden Worte auf das tiefste erschüttert und empört, »was
sie _Dir_ sein kann? -- Heiliger Gott im Himmel, mir hat es Herz und
Seele zerrissen, nur den Gedanken zu fassen, sie aufzugeben, und doch
würfe ich meiner Seele Heil selbst freudig in die Schaale, sie nur
glücklich zu wissen, und Du, Du könntest sie darum an Dich gezogen
haben, nur um sie gleichgültig wieder wie ein Spielwerk, das dem Kinde
genügt, wie eine welke Blume bei Seite zu werfen, ja ohne vielleicht
einmal Freude, ohne eine einzige Regung des Herzens bei der »Tändelei«
gefühlt zu haben?« --
»Aber Federigo, Du faselst,« sagte der Spanier, und ein eignes
eigenthümliches Lächeln zuckte plötzlich über seine Züge, -- »oder ich
verstehe Dich auch falsch -- Du meinst doch nicht, daß mich das Mädchen
liebt, und daß ich sie heirathen soll?« --