Eine Erzählung aus Südamerika

Friedrich Gerstäcker.

Wittenberg.

Verlag von Franz Mohr.

1856.

Inhaltsverzeichniß.

Seite.

1) Das Irrenhaus zu Buenos-Ayres 1

2) Die Flucht 20

3) Die Reise und ihre Abenteuer 34

4) Ankunft in Valparaiso. -- Hülfe in der Noth 47

5) Die englische Familie 59

6) Don Gaspar 69

7) Der Verdacht 89

8) Die Entdeckung 109

9) Entschlüsse und Pläne 120

10) Don Manuel 134

11) Der Spanier und das Mädchen 146

12) Der Ausbruch des Vulkans 159

13) Das Rendez-vous 165

14) Die Verfolgung -- Schluß 173

1.

Das Irrenhaus zu Buenos-Ayres.

Ganz am äußersten Ende der Straße Santa Rosa in Buenos-Ayres stand

ein breitschlächtiges niederes Gebäude, aus rothdunklen verwitterten

Backsteinen errichtet; die schmalen und sparsam genug eingebrochenen

Fenster mit dicken eisernen Stäben verwahrt, die schwere eichene Thür,

oder das Hauptthor eigentlich, mit massiven Balken verschlossen und von

der Straße selber aus mit keinem sichtbaren Eingang weiter. Dazu war es

eine Strecke in den Platz hineingebaut, auf dem es stand, und das ganze

Grundstück, das zu ihm gehören mochte, mit einer verwilderten, aber

deshalb um so dichteren Hecke von in einandergedrängten stachlichen

Kackteen eingeschlossen, die nur nothdürftig um den schmalen Eingang in

dieß Gehöft, soweit gekappt waren, daß man bei vorsichtigem Betreten des

äußeren Raums nicht in den Dornen derselben hängen blieb.

So belebt die Straße Santa Rosa nun auch nach dem innern Theil der Stadt

zu sein mochte, so still und öde war sie hier, und glich in der That

eher einer von traurigen Kacktushecken eingefaßten Landstraße. An den

Seiten waren Gräben angebracht, das Wasser abzuleiten; zu den Thüren

der einzelnen Hofräume führten schmale, darübergelegte, oft schlüpfrige

und wurmzerfressene Bretter und der Fahrweg bestand in der jetzigen

Regenzeit, dem südamerikanischen Winter, aus einer schwer flüssigen

Schlammmasse, durch die sich die unbehülflichen Karren der Pampas mit

ihren zwei Riesenrädern, von schläfrigen Stieren gezogen, langsam

hindurch wälzten, und selbst der flüchtige Gaucho[1], der noch weiter

draußen, die Straße verschmähend oder eine neue bahnend, über die

Fläche dahin geflogen, zügelte hier seinen wilden Galopp und ließ

sein ungeduldig schnaubendes, schäumendes Thier langsamer durch die

schwimmende Masse hindurchschreiten.

1: Gaucho's, die Bewohner der weiten Steppen oder Pampas des

inneren Landes, aber nicht die Indianer.

Wenn es überhaupt Fußgänger in der Argentinischen Republik gäbe, wo

Alles zu Pferde sitzt, wäre ihr Schuhwerk und ihre Geduld hier erprobt

worden, dieser obere Theil der Straße wurde aber fast schon, wie es

schien, zum Lande gerechnet, und wer selbst von hier aus irgend etwas

aus einem der weiten, dem Mittelpunkt der Stadt zu gelegenen Läden zu

holen oder Geschäfte hatte, die ihn dort hin riefen, verschmähte es

wahrlich nicht, sein Pferd deshalb zu satteln.

Aber die Straße selber kümmert uns wenig, wir haben es mit dem alten

Hause zu thun, und ich wollte die erstere nur etwas genauer beschreiben,

dem Leser mehr die traurige, trostlose Öde des ganzen Platzes zu

versinnlichen, die sogar noch einen unheimlichen Charakter annahm,

wenn man die Bestimmung des alten wettergeschlagenen Gebäudes kannte.

Es war ein Irrenhaus -- von Privatleuten angelegt und später, als sich

diese nicht mehr im Stande fühlten, es fortzuführen, von der Regierung

übernommen, aber in der Aufregung der Zeit nur spärlich verwaltet.

Nichts desto weniger befanden sich gegenwärtig elf unglückliche Gäste

in den Kammern oder Zellen des Gebäudes -- einige in Ketten und Banden,

andere frei in ihrem Zimmer, nur wenigen aber verstattet, den inneren,

ebenfalls streng abgesperrten Hofraum zu betreten, dann und wann die

frische Gottesluft einzuathmen.

Angestellt waren dabei ein Hauptarzt, ein Argentiner oder eigentlich ein

geborener Spanier, denn wenn sich die Republik auch von der Regierung

des Mutterlandes losgerissen, konnte sie doch noch nicht aus eigenen

Kräften die Wissenschaft ersetzen, die ihr von dort herüber gekommen

-- und zwei Unterärzte, der obere von diesen ein geborener Argentiner

aus Cordoba, der andere ein junger Schwede, der von Rio-Grande aus

Brasilien, mit vielen Landsleuten und Deutschen herübergekommen war, dem

aufblühenden Argentinischen Staat seine Kräfte zu weihen und sich hier

rascher und leichter eine Existenz zu gründen. Er hieß Stierna und war

der spanischen Sprache vollkommen mächtig.

Diesem, als jüngsten Arzt war auch die Behandlung der leichtesten

Kranken anvertraut, die in der That hie und da nur verlangten, daß

man nach ihnen sah, damit nicht rauhes Betragen der rauhen Wärter

oder schlechtere Kost vielleicht sie unnöthiger Weise errege und

ihre gehoffte Heilung erschwere.

Don Alvarado, der Oberarzt, kam selten, und bei sehr schlechtem Wetter

nie heraus; Don Pancho hatte indessen die Oberaufsicht, und einzelne der

Kranken waren es, die er ausschließlich behandelte, und zu denen er dem

jungen Schweden fast nie, selbst nur den Zutritt gestattete, und geschah

das wirklich, nur in seinem Beisein.

Zu diesen wenigen, die Don Pancho, und wie er behauptete, ebenfalls

Don Alvarado für unheilbar erklärt hatte, gehörte auch ein Spanier,

von blassen, aber edlen Zügen, reinlich und geschmackvoll, ja elegant

gekleidet, und seine Toilette, auf die er mit größter Sorgfalt hielt,

selbst in diesem Aufenthalt des Jammers auch nicht eine Minute

vernachlässigend. Das schwarze glänzende Haar fiel ihm in reichen vollen

Locken über die Stirn, den linken Zeigefinger schmückte ein kostbarer

Diamant und seine Wäsche war vom feinsten Linnen und größter Sauberkeit.

Auch in seinem ganzen Betragen war er ernst und ruhig, ein vollkommener

Gentleman; und Stierna gab sich, während der zwei Male, die er den

Kranken in Don Panchos Gegenwart besuchen durfte, die größte Mühe,

irgend ein Symptom seines Leidens in einem äußern Zeichen zu entdecken

-- vergebens, der Kranke war artig, wenn auch einsilbig, äußerte nur ein

paar kleine Wünsche wegen eines Zeichnenapparates und mehrerer Bücher,

und der Schwede würde nach den zwei Besuchen nie einen Wahnsinnigen in

ihm vermuthet haben -- hätte er ihn eben an einem anderen Orte

getroffen.

Die Anstalt selbst schien aber ebenfalls größere Rücksicht auf ihn zu

nehmen, wie auf einen der anderen Kranken; sein Zimmer war mit einem

Teppich belegt, der den kalten Backsteinboden vollständig bedeckte,

er konnte schreiben und zeichnen, eine kleine Bibliothek selbst

stand zu seiner Verfügung und er wurde in der That weit mehr wie ein

Staatsgefangener, als ein Geisteskranker behandelt, so daß Stierna

jedesmal nach einem solchen Besuch mehr und mehr den Gedanken in sich

aufsteigen fühlte, es müsse dem Schicksal dieses Unglücklichen irgend

ein tiefes und vielleicht gar düsteres Geheimniß zu Grunde liegen. Ein

paar Mal versuchte er auch von seinem Collegen Aufschluß über dieß

Verhältniß zu bekommen, aber umsonst; so gesprächig Don Pancho in jedem

andern Fall auch sein mochte, hierüber gab er dem Frager immer nur

kurze und stets ausweichende Antworten, bis diesem die ganze Sache zum

peinlichen Räthsel wurde, dem er nun, koste es was es wolle, auch zur

Wurzel nachspüren müsse.

Der Zufall war ihm hierbei günstiger als er erwartet hatte; Don

Pancho nämlich wurde plötzlich so krank, daß er seinem Amte, von einem

bösartigen Schleimfieber an sein Lager gefesselt, längere Zeit nicht

mehr vorstehen konnte, und wenn sich auch Don Alvarado in den ersten

Tagen der Geschäfte außergewöhnlich lebhaft annahm und die Anstalt den

Tag über fast gar nicht mehr verließ, hielt dieser vortreffliche Eifer

doch keineswegs so lange aus, wie das Schleimfieber seines Untergebenen,

und schon nach drei Wochen ließ er Stierna zu sich rufen. Dort übertrug

er ihm die tägliche Aufsicht der übrigen Kranken, zu seiner Hülfe ihm

noch einen jungen englischen Arzt erlaubend, der an den Gouverneur Rosas

von London selber empfohlen und von diesem augenblicklich eine, wenn

auch für jetzt noch untergeordnete Stellung in dem Hospital erhalten

hatte, nur freilich während der Krankheit des einen Unterarztes, dem

aktiven Arzte mit beigegeben werden sollte.

Nach einer kurzen und allgemeinen Übersicht über die Kranken, kam

übrigens Don Alvarado jetzt auch auf den wunderbaren Patienten, den

Spanier zu sprechen, und warnte Stierna besonders, sich nicht in zu

weitläufige Gespräche mit ihm einzulassen, da der Fall vorgekommen sei,

daß er, nach einer sehr lebhaft geführten Unterhaltung einen förmlichen

Anfall von Raserei bekommen haben sollte, während er sonst harmlos und

still blieb, und selten nur den Dämon verrieth, der in ihm schlummerte.

»Ich glaube gerade nicht,« setzte der alte Herr hinzu, »daß Sie Don

Morelos, wie der spanische Cavallero heißt, denn sein Familienname thut

hier Nichts zur Sache, mit seinen Phantasieen behelligen wird, wenn

Sie sich nur im Mindesten, wie Ihnen aufgetragen worden, von ihm

zurückhalten; er ist gerade in letzter Zeit ganz besonders schweigsam

gewesen. Um Sie aber auch auf die _Möglichkeit_ eines solchen Falles

vorzubereiten, wäre es doch wohl gut, ja vielleicht nöthig, daß ich

Ihnen, wenn auch nur mit ganz kurzen Worten die Entstehung seiner

Krankheit mittheilte.«

»Mit einem sehr bedeutenden Vermögen kam er nach Buenos-Ayres und seine

weitere Geschichte, sein Aufenthalt in dieser Stadt berührt uns nicht,

bis wir zu dem Moment kommen, daß er als der anerkannte Bräutigam

der Tochter eines unserer ersten Föderalisten eine Rolle in unserer

Gesellschaft zu spielen begann. Hier hatte er jedoch mit einem

Nebenbuhler zu thun und sein wunderliches abstoßendes Wesen bewirkte

nach und nach, daß er sich seiner Braut mehr und mehr entfremdete. Bei

dem hitzigen Charakter unserer Landeskinder konnte das nicht lange

ohne unruhige Folgen abgehn -- die beiden Nebenbuhler bekamen -- suchten

vielleicht Streit miteinander. Eine Ausforderung wurde angenommen,

Don Morelos aber, vielleicht schon damals in einem Anfall von Raserei,

erstach den Secundanten seines Gegners und verwundete diesen selber

ebenfalls so schwer, daß er für todt auf dem Platz blieb und erst nach

langwierigem Krankenlager wieder hergestellt werden konnte.«

»Die Polizei war damals auf seinen Fersen, und man sagt, daß er der

Strafe nur durch die merkwürdige Ähnlichkeit eines anderen Mannes

entging, der an seiner Stelle von den Mashorqueros unseres glorreichen

Gouverneurs ermordet wurde. Als er nach langem Siechthum wieder erstand,

war er so verändert, daß man ihn kaum wieder erkannte; aber obgleich man

ihn ruhig eine Zeit lang in der Stadt gewähren ließ, hatte man doch noch

immer keine Ahnung davon, daß er irrsinnig geworden sein könne, bis er

das alte Verhältniß mit seiner früheren Braut, die jetzt aber schon

lange seinen früheren Nebenbuhler geheirathet, mit Gewalt fortsetzen

wollte und dabei erklärte und behauptete, Donna Constancia sei vor Gott

sein Weib, und ihr Gemahl, den er mit den entsetzlichsten Schimpfworten

belegte, habe sich heimlich und lügnerisch in ihre Gunst gestohlen.

Immer wildere Mährchen setzte er sich dabei zusammen, und damals kam

man zuerst auf die Vermuthung, daß er wahnsinnig geworden wäre.«

»Eine genaue Beobachtung seines ganzen wunderlichen Lebens, denn er

hatte sich in einem kleinen ärmlichen Häuschen der Vorstadt eingemiethet,

setzte übrigens die Thatsache seines Wahnsinnes bald außer allen Zweifel

er stieß sogar in einem öffentlichen Kaffeehaus einst einen, ihm

wildfremden Menschen, mit dem er in ein immer hitziger werdendes

Gespräch gerieth, plötzlich nieder, weil er behauptete, jener habe vor

dreiundzwanzig Jahren seine Schwester ermordet -- und er selber kann

kaum siebenundzwanzig zählen. Dadurch schien aber damals die wirkliche

Tollheit bei ihm ausgebrochen zu sein -- mit dem noch blutigen Messer

stürmte er damals in das Haus der Donna Constancia, ihren Gatten, Don

Luis de Gomez, dem er die entsetzlichsten Dinge nachsagte -- ebenfalls

zu ermorden. Glücklicher Weise warf ihm die Polizei noch dicht vor

dessen Thür einen Lasso über, und brachte ihn hierher.«

»Die ersten Wochen mußten wir ihn übrigens in einer der unteren festen

Zellen halten; er wüthete und raste und verlangte frei gelassen zu

werden; nach und nach legte sich das aber wieder, ja, er wurde so

vernünftig, daß man wirklich einmal den Versuch mit ihm machte, ihn

wieder, natürlich unter ihm unbewußter Aufsicht, aus der Anstalt zu

entlassen. Das wäre aber beinahe schlimm abgelaufen, denn sein erster

Gang war in das Haus des Don Luis, und ehe man es verhindern konnte,

überfiel er den Señor und würde ihn erwürgt haben, hätte die Polizei

nicht noch gerade zur rechten Zeit einspringen können. Er behauptet seit

der Zeit, jene Dame sei seine eigene Frau, er aber habe einen Fremden

bei ihr ertappt und ermordet, und sei deshalb für einen gewissen

Zeitraum von den Gerichten eingekerkert worden. Er beträgt sich nun

ruhig und ordentlich, und ich glaube, wir haben erst einen neuen

Ausbruch zu erwarten, wenn er seine Zeit für abgelaufen halten wird

-- und müssen abwarten, wann das geschieht.«

»Sie wissen nun genug,« setzte der alte Herr hinzu, »Ihren Patienten zu

behandeln; wie gesagt, vermeiden Sie am Besten jede Unterhaltung mit

ihm. Sollte er aber doch, _wider_ Erwarten, gesprächig werden und neue

Thorheiten aushecken, so wünsche ich, daß ich augenblicklich davon

unterrichtet werde.«

Stierna empfahl sich, und sein erster Gang war nach der Straße Santa

Rosa zurück, die Zellen zu revidiren, und vor allen Dingen den jungen

Mann zu besuchen, für den er, besonders nach der eben gehörten Erzählung,

ein unbeschreibliches Interesse zu fühlen begann.

Der alte Don Alvarado hatte aber recht gehabt, Don Morelos begrüßte

allerdings seine »neue Bekanntschaft,« wie er ihn nannte, auf das

Artigste, schien aber nicht im Mindesten zu einer Unterhaltung

aufgelegt, und drei Besuche vergingen, ohne daß der junge Arzt, der

vor Ungeduld brannte, sich den Charakter dieses wunderbaren Kranken

entwickeln zu sehen, mehr aus ihm herausgebracht hätte, als die

gewöhnlichsten und alltäglichsten Begrüßungs- und Höflichkeitsphrasen.

Am vierten Tag schien der Kranke unruhiger als früher -- er war erregt

und sein Puls zeigte sogar ein leichtes Fieber. -- Stierna erkundigte

sich theilnehmend nach den einzelnen Symptomen, die ihm der Spanier

jedoch nur als in einer unbedeutenden Erkältung entspringend, angab.

Dadurch hatte sich aber zwischen beiden Männern eine Art Annäherung

gebildet -- es war fast, als ob zwischen ihnen eine Schranke gefallen

sei, und der junge Spanier wurde, ehe ihn der Arzt wieder verließ, fast

heiter, scherzte und lachte, und erzählte Anekdoten aus seinem frühern

Leben -- ohne jedoch die unmittelbar vor seiner Einkerkerung liegende

Periode auch nur mit einer Sylbe zu erwähnen.

Als Stierna am andern Morgen wieder in seine Zelle trat, war es fast,

als ob er einen alten Freund begrüßte, und doch hatte Don Morelos auch

im Anfang wieder etwas Zurückhaltendes -- es war, als ob ihm etwas auf

dem Herzen liege, dessen er sich zu entlasten wünsche, und doch den Muth

dazu nicht fassen könne. Stierna sah dies weniger, als daß er es fühlte,

und mit der Berechtigung des Arztes, dem Kranken mit seinen Fragen

geradezu in das Herz des Leidens, an die Wurzel des Übels zu gehen, nahm

er seine Hand, und bat ihn frei und offen, mit ihm wie mit einem Bruder

zu sprechen, wenn er irgend etwas für ihn thun, ihn in irgend etwas

erleichtern könne.

Der junge Spanier sah ihn erst, wohl eine volle Minute, ernst und

schweigend an, dann aber schüttelte er leise und wehmüthig lächelnd mit

dem Kopf und sagte tief aufseufzend, und wie es schien mehr mit sich

selber als zu dem Arzte redend:

»Es ist Alles vergebens -- Sie würden mir doch nicht glauben, und -- ich

bin früher nach solchen Erklärungen nur härter behandelt worden -- Rosas

ist zu mächtig.«

Stierna sah ihn erstaunt an -- diese Worte, ruhig und ohne die geringste

Leidenschaft gesprochen, klangen gar nicht wie aus dem Munde eines

Wahnsinnigen, und doch, auf eine unendlich verschiedene Weise äußert

sich dieß entsetzlichste der menschlichen Leiden -- der Irrsinn -- wenn

er das arme Hirn zerrüttet und den verstümmelten Geist nur noch im

Körper gelassen zu haben scheint, die willenlose Maschine in toller

ungeregelter Bahn vorwärts zu treiben -- was Wunder, daß sie manchmal

auf kurze Zeit der geraden ebenen Straße folgt, wer aber weiß, wenn und

wie schnell sie wieder rechts oder links abstürmt in das Leere.

Der junge Spanier warf einen halb forschenden, halb schmerzlichen Blick

auf das Antlitz des jungen Arztes, und als ob er gelesen, was in dessen

Inneren vorgegangen, setzte er, mit dem Kopfe still vor sich hinnickend

und kaum hörbar hinzu:

»Auch _er_!«

Stierna fühlte sich in einer peinlichen Situation; das Gespräch war

plötzlich viel zu ernst geworden, ihn die Gefahr nicht einsehn zu

lassen, wenn er darauf einging, und wie konnte er jetzt am besten

wieder zurück? -- Das Einfachste schien, irgend ein anderes Gespräch zu

beginnen, ehe er aber dazu kommen konnte, stand Don Morelos plötzlich

auf, nickte finster lächelnd mit dem Kopf, und ein paar Mal im Zimmer

auf und ab gehend, sagte er endlich:

»Ich sehe, Sie haben Ihnen schon dasselbe Mährchen von mir erzählt, wie

meinem früheren -- Wärter, ich bin Ihnen als ein Tollhäusler geschildert,

der anderer Leute Frauen für seine eigenen hält und die Männer deshalb

anfällt -- nicht wahr, ich habe recht?«

Er blieb, während er diese Worte sprach, lächelnd und mit verschränkten

Armen vor Stierna stehen, und es lag etwas Triumphirendes in seinen

Mienen, denn die Überraschung des jungen Arztes war deutlich in dessen

Zügen ausgeprägt.

»Und Sie _fühlen_, daß dies nur eine Phantasie ist?« frug der Schwede,

aber erst nach einer Pause, in der er wirklich seine Sinne diesem neuen

Eindruck sammeln mußte. -- »Sie sind überzeugt, daß diese Ideen nicht

wieder kehren werden?«

»Lieber Freund,« sagte der Spanier ernst, »nur Gott kann hier für

uns einstehen für das was wir _werden_ sollen; nehmen Sie aber den

gesundesten Gaucho von der Straße herauf, sperren ihn in einen dieser

Räume -- schreien ihm in's Ohr, daß er sich in einem Irrenhause befände

und selber toll sei, und seine Sinneswerkzeuge müßten von Stahl und

Eisen sein, wenn er es nicht wirklich auch am Ende würde -- der Geist

hält es nicht aus, gegen eine solche furchtbare Idee immer und immer

wieder vergebens anzukämpfen.«

»Aber wenn Sie _fühlen_, daß Sie jene Idee abgeschüttelt haben, so

werden sich diese Thore auch bald Ihnen öffnen -- ich will gleich heute

mit Don Alvarado --«

»Um Gottes Willen nicht!« unterbrach ihn der Spanier rasch und

ängstlich, indem er seinen Arm ergriff; »das einzige Resultat davon

wäre, daß man Sie nicht wieder zu mir ließe, und ich -- _fürchte_ jetzt

fast, Sie wieder zu verlieren.«

»Aber Sie glauben doch nicht, daß man Sie hier zurückhalten würde, wenn

nicht --«

»Wie lange sind Sie in der Argentinischen Republik?« unterbrach ihn Don

Morelos finster.

»Zehn Monate etwa,« lautete die Antwort.

»Ich dachte es,« sagte der Spanier leise, »da stehen Ihnen denn freilich

noch traurige Erfahrungen bevor. So wissen Sie denn, daß ich ein Opfer

von Rosas furchtbarer, aber schlauer Politik geworden bin. Er hätte mich

mit leichter Mühe tödten können -- er hat das Blut Tausender vergossen,

und das meinige würde nicht viel schwerer auf seiner Seele gelastet

haben -- aber er braucht in späterer Zeit die _Beweise_ meines Lebens

-- es sind dies Familienverhältnisse, zu denen es Stunden bedürfen

würde, sie Ihnen auseinander zu setzen -- und während er keine passende

Entschuldigung finden konnte, mich in einen Kerker zu werfen, wurde die

Straße Santa Rosa ein vortreffliches Asyl für den armen _Geisteskranken_.«

»Aber Don Alvarado --«

»Darf nicht anders -- lieber Freund, wir hüten uns zu tanzen, wenn wir

auf der dünnen Kruste eines Vulkans stehen. Don Alvarado weiß recht gut,

daß er dem Willen des Diktators nicht entgegenhandeln _darf_, und

daß es selbst zu einem Verbrechen werden könnte, auch nur seinem

_Wunsche_ nicht zu begegnen; die Mashorqueros[2] sind vortreffliche

Überzeugungsgründe, und es erfordert starke Nerven, oder -- ein

schnelles Roß -- ihnen zu widerstreben.«

2: Die Henkersknechte des Diktators Rosas.

»Aber jene Dame?« -- sagte Stierna, noch immer zögernd und halb

ungläubig, obgleich ihn das ruhige resignirte Benehmen des wahnsinnig

gesagten als fast zu starke Beweise für dessen Behauptungen erwuchsen.

»Die Dame?« lächelte Don Morelos wehmüthig, und barg für wenige Sekunden

seine Augen in der deckenden Hand, dann sich aber emporrichtend sagte

er langsam und leise mit dem Kopf dazu nickend: --

»Sie verstehen es -- sie verstehen es, die Teufel, Einem das Herz in der

Brust zu wenden nach eigenem Gutdünken, und wenn es blutet, schreien

sie _Mord_! er ist der Thäter -- das ist Gottes Gericht. Nein, Señor,«

wandte er sich dann lebendiger an den jungen Mann, »lassen Sie nicht

auch das eigene Herz Zeuge gegen den Verstand eines Unglücklichen sein

-- behandeln Sie mich wenigstens nicht wie einen Tollen, und wenn Sie

mir auch nicht helfen können, lassen Sie mir wenigstens das Glück, _ein_

Wesen in meiner Nähe zu wissen, das nicht, mit den Übrigen im Bund, mich

nur dahin zu treiben sucht, wofür diese mich ausgeben.«

Stierna fühlte sich, als er den Unglücklichen an diesem Tage verließ,

wie im Traum, und die widersprechensten Gefühle kämpften in seinem

Innern. Verhielt sich die Sache wirklich so, als sie ihm Don Morelos

erzählt, und was auch seine Vernunft dazu sagen wollte, sein Herz

drängte ihn, es zu glauben -- so war er hier der Mitschuldige eines

furchtbaren Verbrechens, einer That, weit schlimmer als kaltblütiger

Mord, denn dieser tödtet nur den Leib, während jene darauf hin arbeitete,

die Seele eines Menschen langsam und teuflisch zu vernichten.

Am nächsten Morgen suchte er Don Alvarado auf, aber dessen mißtrauischer

Blick nur, als er die erste, noch ganz gleichgültige Frage über diesen

Kranken that, warnte ihn, weiter zu gehen, wenn er nicht allerdings

befürchten wollte, von jeder Verbindung mit ihm abgeschnitten zu werden.

Ebenso vergebens waren seine Nachforschungen in der Stadt, etwas

Näheres von _Unbetheiligten_ über den Zustand des jungen Spaniers zu

hören. Man erinnerte sich allerdings noch eines ähnlichen Vorfalls; die

letzten Jahre hatten aber so viel des Neuen und Entsetzlichen gebracht,

daß einzelne Daten in dem allgemeinen Strom des Blutes, das durch die

Straßen der Stadt, oft aus den treuesten Herzen geflossen, untergingen

und verschwanden. Niemand dachte mehr, wie es schien, an diesen

besonderen Fall, und nur ein einziger alter Spanier, der Don Morelos

auch wohl früher persönlich gekannt, äußerte gegen den jungen Arzt, mehr

dabei als wohlmeinende Warnung, wie irgend eine Auskunft gebend -- »es

sei vollkommen hinreichend, von dem Diktator für wahnsinnig erkannt zu

sein -- um es wirklich zu werden.«

Alles das diente nur dazu, dem exaltirten jungen Schweden mehr

und mehr die eigene Erklärung des angeblichen Kranken glaubhaft

erscheinen zu lassen, und so peinlich wurde ihm zuletzt das Gefühl,

der _Gefängnißwärter_ eines unschuldig Eingekerkerten sein zu müssen,

daß er Pläne auf Pläne entwarf, dem zu entgehen, oder ein Mittel

aufzufinden, dem Gefangenen zu helfen.

Don Pancho hatte sich indessen von seiner Krankheit erholt, und war

wenigstens so weit hergestellt worden, theilweise seinen früheren

Dienst wieder zu versehen; Stierna mußte ihn allerdings noch sehr dabei

unterstützen, aber einige wenige Kranke, und unter diesen Don Morelos,

nahm er wieder unter seine eigene Aufsicht, und nur das schien der

Schwede durch die bisher ihm überlassene Behandlung gewonnen zu haben,

daß er nicht mehr so streng von diesem entfernt gehalten wurde, und

wenigstens dann und wann Zutritt hatte.

Gerade dieser gewisse Zwang beförderte aber, ja beschleunigte, was

vielleicht monatelanges freies Aus- und Eingehen des jungen Arztes,

wenigstens nicht in _der_ Stärke bewirkt haben würde -- diese beiden

jungen Leute, der Arzt und sein »Kranker«, wurden innige Freunde, und

Stierna's einziges Streben war jetzt darauf gerichtet, ein Mittel

ausfindig zu machen, den Freund zu retten. Noch aber hatte er mit ihm

selber nicht ein Wort darüber gesprochen, denn wenn er auch mit Freuden

seine ganze Stellung, wie die Gewißheit, hier einst eine sichere

Existenz für sich zu gründen, von sich geworfen hätte, fehlte es ihm

doch an den nöthigen Mitteln, eine Flucht glücklich durchzuführen, die,

wenn vor der Zeit entdeckt, jedenfalls _sein_ Leben gekostet, und die

Lage des unglücklichen Gefangenen gewiß um vieles verschlimmert haben

würde.

Augenscheinlich war dabei, daß der Gefangene selber zu viel Zartgefühl

besaß, diesen Punkt zu berühren -- er mußte ja recht gut wissen, was

davon für seinen jungen Freund abhing, und überdieß war eine Flucht aus

diesem Gebäude, das mit einer Masse müßiger Wächter versehen, unter der

besonderen Aufsicht des Gouverneurs stand, auch gar nicht so leicht, und

der schwächliche Spanier durfte sich dabei nicht einmal auf seine eigene

Energie und Ausdauer verlassen. Stierna wurde sein Zustand aber trotzdem

zuletzt so peinlich, daß er es nicht länger ertragen konnte, und unter

jeder Bedingung beschloß, Don Morelos wenigsten von seiner eigenen

Absicht in Kenntniß zu setzen, und ihm seine Hülfe anzubieten, wenn er

nur irgend einen haltbaren Plan wüßte, die Flucht nicht allein aus dem

Kerker, sondern auch auf Nachbargebiet nach Brasilien oder wenigstens

nach Monte-Video zu bewerkstelligen.

Hierzu fand sich bald eine günstige Stunde; Don Pancho war eines

Nachmittags mit Don Alvarado zu dem Diktator selber geladen, vielleicht

einen Bericht über ihre Kranken abzulegen, und Stierna säumte diesmal

nicht, den, vielleicht nicht sobald wiederkehrenden Augenblick zu

benutzen.

Merkwürdig und eigenthümlich war der Eindruck, den die Erklärung des

jungen Mannes auf den Gefangenen machte. -- Er wurde leichenblaß, sah

den Freund wohl eine halbe Minute starr und regungslos an, und barg

dann das Antlitz in den Händen, während sein Körper wie in furchtbarer

Aufregung arbeitete, und das Blut in den Adern seiner Schläfe aus der

bleichen Haut herauszuspritzen drohte. Auch erst nach langer Zeit gab

sich diese durch die plötzliche Freudenbotschaft vielleicht so gewaltsam

heraufbeschworene Leidenschaft, und als er die Hände endlich wieder von

seinen Zügen entfernte, hatten diese ihre volle Ruhe zurückgenommen; nur

die Augen leuchteten noch in einem wilden, fast unheimlichen Feuer. Er

lauschte auch jetzt den Plänen und Vorschlägen des jungen Schweden mit

lautloser Ruhe, ja eigene Ideen schienen sich bei ihm in derselben

Zeit zu bilden, und als ihn »Don Federigo« (wie der junge Arzt, nach

der Sitte der Südamerikaner die Leute mit ihren Vornamen zu belegen,

gewöhnlich hier genannt wurde), endlich um seine Meinung frug, gab er

eine ganz verkehrte Antwort. Erst als Stierna als Haupt-, ja als einzige

Schwierigkeit des ganzen Gelingens den Mangel an baarem Geld erwähnte,

ohne das es fast eine Unmöglichkeit sein würde, zu entkommen, ergriff

er des Doktors Hand und sagte rasch und fast fröhlich:

»Wenn weiter keine Fessel meinen Fuß hier bindet, so ist die bald

gehoben -- kennen Sie die Straße Piedras? -- die dritte von hier, die

nächste gleich nach Chacabuco? dort an der Ecke vom Commercio steht ein

kleines niederes Backsteinhaus -- hier ist die Adresse des Mannes an

der Plaza, der es zu vermiethen hat -- steht es leer, miethen Sie es um

jeden Preis, hat es einen Miethsmann, so bieten Sie dem Eigenthümer das

Doppelte, Dreifache -- Hundertfache --« Er besann sich plötzlich und

hielt sich seine Schläfe -- er war in furchtbarer Aufregung, aber die

Wichtigkeit des Moments entschuldigte das auch vollkommen in Stierna's

Augen, und nun seine Hand fassend, bat er ihn sich zu mäßigen, daß man

ihn nicht in den nächsten Zimmern höre, und einer der Wächter vielleicht

herbeigerufen würde.

Don Morelos, der bei der ersten Berührung förmlich zusammenzuckte,

erholte sich doch schnell wieder und einige Mal jetzt mit raschen

Schritten im Zimmer auf und ab gehend, schien er endlich in der

gewaltigen, freudigen Aufregung des Augenblicks seine Sinne soweit

gesammelt zu haben, die Gedanken auf den einen, für sie jetzt

wichtigsten Punkt zu bringen. Er theilte nun dem aufmerksam lauschenden

Freunde mit, daß er in dem Eckzimmer jenes kleinen Gebäudes, in welchem

er mehrere Monate seines ersten Aufenthalts in Buenos-Ayres gewohnt,

unter ein paar genau bezeichneten Steinen einen Beutel mit Unzen

verborgen habe, die für die nächste Zeit alle ihre Bedürfnisse reichlich

decken und ihre Passage nach irgend einem Theil der Welt bezahlt haben

würde. Gelang es ihnen, sich, und sei es auch nur auf einen einzigen

Tag, in ungestörten Besitz des Zimmers zu setzen, so hatten sie was

sie brauchten, alle ihre Pläne in Ausführung zu bringen, und Stierna

selbst, bis zu krankhafter Erregung getrieben, verließ den Spanier,

den erhaltenen Auftrag so rasch als möglich auszuführen.

Vorerst suchte er das bezeichnete Haus in der Calle Piedras auf, und

fand es zu seiner Freude unbewohnt; der Wirth, zugleich Eigenthümer

einer Pulperia oder Schenkwirthschaft, machte erst Schwierigkeiten, da

er schon in nächster Woche dort oben gleichfalls ein Schenkhaus für

#agua ardiente# und #caña# anlegen wollte, als ihm aber Stierna selbst

für die eine Woche einen guten Miethzins bot, indem er vorgab, die

gegenüberliegenden Häuser im Auftrag ihres Eigenthümers abzeichnen zu

wollen, verstand er sich dazu, und der junge Doktor schaffte noch an

demselben Abend eine Staffelei mit dem nöthigen Zeichnen- und Malapparat

in die glücklich gewonnene Stube.

2.

Die Flucht.

Zwei Tage später waren alle nöthigen Vorbereitungen getroffen; Stierna

hatte das Gold gefunden und glücklicher Weise lag gerade ein deutsches

Fahrzeug im Hafen, das am nächsten Morgen, mit Tagesanbruch segeln

wollte. Es war nach Valparaiso bestimmt, wollte aber erst noch einmal

Monte-Video anlaufen, um dort einige Passagiere an's Land zu setzen, und

da Rosas Gewalt nicht bis zu diesem Orte reichte, ein Flüchtling der

Argentinischen Republik jedoch mit offenen Armen dort empfangen wurde,

akkordirte er zwei Plätze nach dieser Stadt, und schaffte durch die

Gefälligkeit des Capitains unterstützt, der ihm die eigenen Leute dazu

borgte, mit einbrechender Dunkelheit was er hatte aus seiner Wohnung

an die Landung, wo es von dem Kapitain selber in Empfang genommen,

für seine eigenen Effekten ausgegeben, und an Bord gebracht wurde. Zu

gleicher Zeit hatte er sich eine kleine Strickleiter zu verschaffen

gewußt, die der junge Spanier unter seine Matratze verbergen mußte, die

Stäbe waren ebenfalls bald durchgefeilt, und es galt jetzt nur noch,

nach zehn Uhr, wenn die Revision vorbei war, die beiden Schildwachen

vorn am Hause auf kurze Zeit zu beschäftigen, wozu Stierna ebenfalls die

beste Gelegenheit hatte und benutzte.

Unten in der Wohnung, in einer der festen Zellen, lag ein Rasender an

Ketten, tobend, bis ihm die fast herkulischen Kräfte versagten, und

schwach und lenksam wie ein Kind für die kurze Zeit der Rast, bis die

erschöpften Sehnen wieder neues Leben, und dadurch die in ihm gährende

Wuth auch, wie es schien, neue Nahrung fand. Die Erinnerung an irgend

etwas Bestimmtes schien er verloren zu haben -- er ras'te eben blos, nur

_Rosas_ Name durfte nicht in seiner Gegenwart genannt werden, wenn man

nicht fürchten wollte, daß er selbst diese furchtbaren Banden zerriß,

die ihn fast zu Boden drückten. -- Seine Zähne knirschten dann über

einander, als ob sie zersplittern müßten, der weiße Schaum trat ihm auf

die Lippen, und die Augen quollen förmlich aus ihren Höhlen. Es ging

ein dumpfes Gerücht im Haus, daß dem Mann, durch die Mashorqueros des

Diktators vor seinen Augen und in wenigen Minuten fünf erwachsene Söhne

abgeschlachtet wären, aber man murmelte das mehr als einen Vorwurf für

den Alten, daß er solch alltäglichen Falles wegen den Verstand verloren,

da ihm Rosas noch dazu den Kopf dafür gelassen, -- gegen die That selber

wagte Niemand ein Wort zu äußern.

Dieser Unglückliche hatte sich an dem einen Handgelenk wundgescheuert,

und Stierna, dem schon an diesem Morgen der Auftrag geworden, die Kette

abzunehmen und anders zu befestigen, verschob dies als eine, seinem

Plan vollkommen günstige Gelegenheit bis zum Abend. Vor Dunkelwerden

mußte er das allerdings vornehmen lassen, fand aber noch eine Ausrede in

dem ihm gefährlich dünkenden Zustand des Alten, das Abnehmen der Ketten,

das ihn wieder aufregen konnte, hinauszuschieben, und rief nun, als

er die Zeit für passend hielt und dem Freund das verabredete Zeichen

gegeben, die beiden Schildwachen nach vorn zum Haus, dort zur Hülfe

bereit zu sein, wenn der Unglückliche, mit dem sie es hier zu thun

hatten, vielleicht gerade dann einen seiner Wuthanfälle bekommen sollte.

Sämmtliche Wärter der Anstalt interessirten sich ebenfalls für den

Alten, der im ganzen Haus nur den Namen #el bruto# führte, und wer

nicht um ihn wirklich beschäftigt war, drängte sich doch in den Gang,

zu sehen, wie sich »das Thier« benehmen würde.

Don Morelos ließ indeß die Zeit nicht unbenutzt vorbeigehen -- rasch

waren die, schon lange durchgefeilten Eisenstäbe ausgebrochen, und

mit der Gewandtheit einer Katze glitt er an der schwanken Leiter

nieder, schlich zu dem Kaktuszaun, schnitt sich hier mit einem großen

Argentinischen Messer, das ihm Stierna ebenfalls verschafft hatte,

die Bahn ins Freie, und war wenige Minuten später in der Dunkelheit

verschwunden.

Der Schwede hatte indessen die Kette von dem Arm des Unglücklichen

nehmen lassen, und die Wunde am Knöchel verbunden, -- der Tolle saß auch

ruhig dabei, und ließ Alles geduldig mit sich geschehen, neugierig nur

starrte er auf die Gesichter der Umstehenden, und es war fast, als ob er

in dem Chaos seiner Erinnerungen vergebens nach ähnlichen Zügen suche.

Zwei Männer hatten ihn, trotz dem Eisen an den Füßen, halten sollen, da

er sich aber so ganz ruhig verhielt, ja so schwach schien, daß er kaum

im Stande war, aufrecht zu sitzen, ließen sie die umklammerten Arme los

und lehnten seinen Oberkörper an ihre Knie.

Die Wunde war indessen ausgewaschen, fing aber wieder frisch zu bluten

an, und Stierna wickelte das mit einer kühlenden Salbe bestrichene

Leinen darum, die Blutung zu stillen. Jenes furchtbare, nichtssagende

todte Lächeln schwebte dabei um die Lippen des Unglücklichen und zuckte

in seinen Wimpern, -- der Schmerz des Verbindens machte ihn zuerst

aufmerksam auf seinen Arm, und in dem nämlichen Moment fast quoll das

Blut durch die Leinwand und färbte diese.

Die Wirkung war entsetzlich, und ehe die hinter ihm Stehenden nur so

weit die verlorene Besinnung wieder gewannen, zuzugreifen, hatte sich

der, noch vor wenigen Minuten fast hülflose Greis emporgeschnellt, und

mit dem tollen Aufschrei »Blut! -- Blut! -- Das war der erste!« -- warf

er sich auf einen der Wärter, der die Lampe hielt und schlug ihm, wie

ein wildes Thier im Ansprung, die Zähne in die Brust.

»Hülfe!« schrie der Arme, ließ die Lampe fallen und stürzte rückwärts zu

Boden nieder -- »Hülfe! Erbarmen!« aber der Rasende hatte ihn zu fest

und sicher gepackt, und vergebens warfen sich die Wärter jetzt auf ihn,

ihn fortzureißen, vergebens schlug ihn Einer derselben, als jede andere

angewandte Gewalt nutzlos blieb, mit seiner eigenen Kette auf die Stirn,

daß er betäubt zusammenbrach. Die Zähne ließen nicht los, bis sie das

Fleisch, das sie gefaßt, vom Körper trennten, und jetzt, an allen

Gliedern wieder gefesselt, wurde der noch immer Bewußtlose, mit schnell

umgelegten Verbande, in seine Zelle zurückgeschleift.

Stierna mußte jetzt erst noch den schwer verwundeten Wärter verbinden,

und dann dem finsteren Schreckenshaus, das noch in seiner letzten Scene

so furchtbare Erinnerung für ihn bewahren sollte, ein leises, aber aus

innerster Brust kommendes Lebewohl zurufend, warf er sich auf sein

draußen angebunden stehendes Pferd, und trabte rasch die Straße hinab,

dem inneren Stadttheile zu, wo er seinen jungen Freund an einem, ihm

genau bezeichneten Ort schon zu finden hoffte.

* * * * *

Während die Wärter in dem Irrenhaus mit dem Tollen rangen, sprang die

Straße hinunter, den Schlamm nicht achtend, der um sie her spritzte,

eine dunkle Gestalt mit bleichen, fast geisterhaften Zügen; der Straße

Santa Rosa folgend, bog sie erst in die von Santa Clara ein, und

vollkommen mit der Lokalität des Platzes bekannt, wie es schien, mäßigte

sie erst ihren Schritt, als sie sich einem großen dunklen Gebäude

näherte, das die Ecke dieser und der Calle Lima bildeten. In den langen

Pancho gehüllt, drückte sie sich, diesem gegenüber, in den dunklen

Schatten eines anderen hohen Hauses, von den Vorübergehenden oft und

neugierig angestarrt, aber ohne ihrer zu achten, ja vielleicht ohne sie

zu bemerken, und blickte, das Antlitz jetzt total in dem weiten Tuche

versteckt, daß die glühenden Augen nur eben darüber sichtbar waren,

regungslos nach einem dicht verhangenen, und stark vergitterten

Fenster des unteren Stocks hinüber, aus dem ein schwacher Lichtstrahl

vordämmerte. Aber die Thür öffnete sich nicht -- Niemand verließ das

Gebäude, Niemand betrat es, und eben das einzelne Licht ausgenommen,

hätte man die ganze düstere Steinmasse für öde und unbewohnt halten

können.

Es war nahe an zehn Uhr, nur noch einzelne Fußgänger, die hier in dem

belebtesten Theil der Stadt, in dem selbst Trottoirs hergerichtet waren,

ihren eigenen Wohnungen zueilten, brachen manchmal die stille Öde der

Straße, diese aber wichen jetzt scheu der noch immer dort lehnenden

Gestalt aus, und beschrieben, selbst den Schlamm des Fahrwegs nicht

achtend, lieber einen Bogen um sie, oder kreuzten nach der anderen Seite

hinüber. Alle Läden, alle Thüren waren geschlossen, die meisten Lichter

sogar schon verlöscht, nur das eine, in dem dunklen Haus warf noch

seinen matten Schein auf den Vorhang, der das Innere des Gemaches

vollständig den Augen der Vorübergehenden verbarg.

Niemand war jetzt mehr auf der Straße zu hören, eine kleine Patrouille

Argentinischer Miliz bog um die nächste Ecke und marschirte, zur Ablösung

irgend eines Postens, die Straße hinab, dem Castell zu -- ihre Schritte

verhallten in der Ferne und deutlich tönte der scharfe eigenthümliche

Flügelschlag zahlreicher Züge von Wildenten, die von dem Strom nach den

zahlreichen Binnenwässern hinüber oder zurückstrichen, durch die Nacht,

und unterbrach die sonst todtenähnliche Stille.

Der Mann in dem dunklen Pancho schritt jetzt rasch quer über die Straße

hinüber, horchte einen Augenblick an der Thür und ließ dann zweimal

den Klopfer aufschlagen, daß es durch das ganze Gebäude hallte. Wenige

Sekunden später ging drinnen eine Thür, ein schwerer Schritt klappte

durch das Haus, und eine Stimme von innen heraus frug wer da sei. --

»#Viva la confederation!#[3]« sagte der nächtliche Klopfer mit lauter,

ruhiger Stimme.

Der Wahnsinnige: Eine Erzählung aus Südamerika · 第 1 / 7 题