beanspruchen konnten, sind 1759 von einem alten katholischen
Landgeistlichen aufgezeichnet worden, dessen Niederschrift
Schrattenholz 1840 wieder aufgefunden und 1846 zuerst veröffentlicht
hat. Ein großer Teil derselben soll durch den Brand der Abtei Siegburg
(1772), das Anschwellen der Sieg (1784), die Enthauptung Ludwigs _XVI._
(1793), die Gewaltherrschaft Napoleons (1799-1814), die Aufhebung
der rheinischen Klöster (1803), die Gefangennahme des Papstes Pius
_VII._ (1809) und des Kölner Erzbischofs Clemens August (1837), die
Errichtung einer Irrenanstalt zu Siegburg (1824), die Anlage mehrerer
Landstraßen,[71] die Einführung von Eisenbahnen und Dampfboten[72]
u. s. w. bereits in Erfüllung gegangen sein, so daß sich nur noch die
Schilderung der letzten entscheidenden Schlacht,[73] die u. a. auch
die Wiederaufrichtung der Abteien Siegburg und Heisterbach im Gefolge
haben würde, zu bewahrheiten hätte. Die hierauf bezügliche Weissagung
hat folgenden Wortlaut:[74] »Ihr bergischen Länder, merket auf! Euer
Regentenhaus, welches abstammt von einem Markgrafentum, wird von seiner
Höhe plötzlich herabsinken und wird kleiner als ein Markgraftümchen
werden. Es bluten die Gläubigen im fremden Lande. Darum untergehen
wird ein großes Barbarenreich,[75] weil es solche Frevel zugelassen
und nicht beschützet hat die Kirche Christi und nicht geehrt hat ihre
Diener. Mit ihm sinken die falschen Propheten, als deren sich viele mit
Weib und Kind selbst verbrennen werden, und man 400 mit den Eingeweiden
erwürgen und die übrigen von einem Felsen am Rheine stürzen wird.
Das ist der Blutzeit Anfang. Die heilige Stadt Köln wird sodann eine
fürchterliche Schlacht sehen. Viel fremdes Volk wird hier gemordet, und
Männer und Weiber kämpfen für ihren Glauben. Und es wird von Köln, das
bis dahin noch eine Jungfrau, grausamlich Kriegswesen, Belagerung und
Verheerung nicht abzuwenden sein, und man wird allda bis ans Knöchel
im Blute waten. Zuletzt aber wird ein fremder König aufstehen und
den Sieg für die gerechte Sache erstreiten. Die Ueberbleibsel (_sc._
des Feindes) entfliehen bis zum Birkenbäumchen. Hier wird die letzte
Schlacht gekämpfet für die gute Sache. Die Fremden haben den schwarzen
Tod mit ins Land gebracht. Was das Schwert verschont, wird die Pest
fressen. Das bergische Land wird menschenleer sein und die Aecker
herrenlos, also daß man ungestört von der Sieg bis zum Oelberg[76]
wird eine Fuhr machen (pflügen) können. Die in den Bergen verborgen
sind, werden die Aecker wieder anbauen. Um diese Zeit wird Frankreich
zerspaltet sein. Das deutsche Reich wird sich einen Bauer zum Kaiser
wählen. Der wird ein Jahr und einen Tag Deutschland regieren. Der
nun die Kaiserkrone nach ihm trägt, der wird der Mann sein, auf den
die Welt lange gehofft hat. Er wird römischer Kaiser heißen und der
Menschheit den Frieden geben. Siegburg und Heisterbach wird er wieder
aufrichten, wie es weiland gewesen und von Anfang bestimmt war. Um
diese Zeit werden in Deutschland keine Juden mehr sein und die Ketzer
schlagen an die Brust. Und darnach wird eine gute und glückliche Zeit
sein; das Lob Gottes wird auf der Erde wohnen, und ist kein Krieg
mehr, denn über dem Gewässer. Darum werden die entflohenen Brüder von
dannen zurückkehren mit ihren Kindeskindern, und sie werden in ihrer
Heimat in Frieden wohnen fort und fort. Des sollen die Menschen wohl
achthaben, was ich gesagt habe; denn vieles Ungemach kann verbessert
werden durch Gebet zu Gott, dem erbarmungsreichen Vater der Menschen,
und Jesus Christus, hochgelobt in Ewigkeit.« Ueber die Zeit, zu der
die blutige Schlacht geschlagen werden soll, äußerte Spielbähn:[77]
»Die Schnell[78] wird eine Insel werden. Alsdann wird ein großes
Werk,[79] welches man in Köln begonnen hat, durch den großen Krieg
gestört werden. Die Bewohner hiesiger Gegend werden ihre Habseligkeiten
auf jener Insel verbergen, woselbst sie vor der Habgier der Krieger
gesichert sein werden.« Damals schien es fast unmöglich, daß der Wald
sich in eine Insel umbilden könne; im Laufe der Zeit aber hat der
bei seinen Fluten so wütende Siegfluß solche Strecken Landes mit sich
fortgerissen, daß man bereits 1848 die Abtrennung in nahe Aussicht
stellte, der Weissagung eingedenk, die die guten Müllekovener schon
während der Freiheitskriege, trotzdem die Schnell noch nicht zur Insel
geworden, bewogen hatte, ihre Schätze dorthin zu bringen, wo sie ihnen
dann sämtlich gestohlen wurden. Eine andere Prophezeiung[80] Spielbähns
verbreitete später sein Vetter Benrodt, ein früherer Pferdehändler,
der ihm in den letzten Lebensjahren als Stütze seiner altersschwachen
Glieder diente: »Wenn man sich in Deutschland aller Orten gegen die
Obrigkeit erheben wird, alsdann wird der Religionskrieg ausbrechen. Die
Türken als die Erbfeinde der Christenheit, werden bis Köln vordringen,
hier aber in einer mörderischen Schlacht zwischen Köln und Rodenkirchen
geschlagen werden. Auf der Miel[81] wird man mehrere große Leute an
Bäumen erhängt sehen, und es wird so mörderisch hergehen, daß nach
Beendigung des Krieges ein Nachbar dem ihm Begegnenden mit dem Ausrufe
um den Hals fallen wird: Bruder, wo hast du dich erhalten? Dann
wird das bergische Land so arm sein, daß kein Potentat es geschenkt
zu haben verlangte.« Als Spielbähn einst bei Deutz gerastet hatte,
erklärte er,[82] er habe durch die dichten Haufen der Soldaten nicht
dringen können, die lange weite Kleider, krumme Säbel und ein Tuch um
den Kopf gehabt. Auch sagte er: Durch eine Beschießung mit glühenden
Kugeln werde Köln bis an die Bach abbrennen; an das Gnadenbild in der
Schnurgasse werde es jedoch nicht kommen. Die Kugeln würden auch über
den Dom fliegen, dort aber nicht zünden. Die einrückenden Soldaten
werden auf ihrer Kopfbedeckung Kreuze haben und vom Augustiner-Platze
her, Marspforten herunter, so eilig auf die Brücke zulaufen, daß
der Kamerad seinen Kameraden in den Rhein stürzt, um wegzukommen.
Ueberhaupt wird auch hier die Flucht von allen so eilig dargestellt,
wie in Westfalen, und wenn man hier getrost die Schinken auf die Zäune
hängen könne, weil den Fliehenden die Zeit, sie abzunehmen nicht
vergönnt sei, so sollen sie dort das Fleisch der bergischen Kühe, weil
sie keine Zeit es zu kochen hätten, unter die Sättel legen.
Am Abend des 1. Januar 1772 hatte Spielbähn die Gäste eines Eschmarer
Wirtshauses aufgefordert, die Karten wegzulegen und nach dem Siegburger
Berg zu eilen, wo eine Feuersbrunst bald die ganze Abtei mit Ausnahme
der Kirche zerstören würde. Da dieselbe etwa eine Stunde darauf
thatsächlich in hellen Flammen stand, wurde der 82jährige Greis als
Brandstifter verdächtigt und auf Befehl der Düsseldorfer Regierung als
Untersuchungsgefangener nach Honnef abgeführt. Nachdem er über ein Jahr
im Gefängnis ausgehalten und schließlich wegen Mangel an Beweisen in
Freiheit gesetzt war, nahm er seine Wanderungen zwischen Honnef und
Köln wieder auf, an letzterem Orte besonders oft und lange bei den
Kartäusern verweilend. Zu Köln auch hauchte er am 20. Februar 1783 in
den Armen des Apothekers Schnitzler seinen prophetischen Geist aus;
seine irdischen Reste wurden auf dem Kirchhofe zu St. Marien-Ablaß
beigesetzt, später aber -- wie er noch kurz vor seinem Verscheiden
vorhergesagt -- wieder ausgegraben und nach dem am 29. Juni 1810
eingeweihten neuen Friedhofe von Melaten gebracht.
Es ist leicht zu begreifen, daß die wundersüchtige Menge dem alten
Manne tausend erlogene Prophezeiungen in den Mund gelegt und die
albernsten Sachen auf seine Kosten erfunden. Wie wenig Glauben selbst
die im Brustton der Ueberzeugung vorgetragenen und häufig sogar noch
ausdrücklich als »verbürgt« bezeichneten Nachrichten verdienen, mag
folgende Probe, die ich der Schrift von Burg[83] entnehme, bekunden. Zu
Spich, einem Dorfe in der Gemeinde Sieglar, befindet sich ein tiefer
Weiher, genannt Pohstadt; allda ist ehedem eines altadligen deutschen
Geschlechtes prachtvolle Burg versunken, in der damals zwei Brüder
hausten, von denen der eine bereits des wirklichen Todes Schrecknisse
gekostet, der andere hingegen, einem Scheintoten ähnlich, in Entzückung
liegt. »Diesem,« sagt der alte Bernard, »gehört rechtmäßig das
bergische Land; nach der mörderischen Schlacht, die zu Köln ihre
Walstatt haben wird, wird der entzückt liegende Bruder erwachen,
selber nach Köln kommen, und alle werden, sich vor ihm verbeugend, ihm
huldigen, und er wird, ihnen aufrichtig dankend, das bergische Land
in Besitz nehmen: niemand aber wird ihn kennen.« Infolge dieser -- wie
Burg selbst zugiebt -- »wirklich romanhaft klingenden« Vorhersagung
sei, während Bähn im Gefängnis saß, ein mutiger Mann beauftragt, aus
jenem Schlosse, das damals eine Oeffnung gehabt, einen zinnernen
Teller als Wahrzeichen zu holen, von den anderen Schätzen aber nichts
zu berühren. Dieser habe sich, wahrscheinlich von ihrem herrlichen
Glanze geblendet, an einer silbernen Mütze vergriffen und deshalb
zur Strafe seiner Untreue allda den Tod gefunden, ein anderer jedoch
den fraglichen Teller glücklich hervorgeholt, worauf der hochbetagte
Prophet sofort seiner Haft entlassen und wieder in volle Freiheit
gesetzt wäre.
Ziemlich gleichzeitig mit Spielbähn lebte Johann Peter Knopp,[84]
vom Volke gewöhnlich Jannes-Pitter Körper genannt. Im Jahre 1714 zu
Ehrenberg in der Pfarrei Neustadt von armen Eltern geboren, diente er
auf dem Hofe Kurp[85] zu Erl, bis er sich soviel erspart hatte, daß
er nach Beendigung des siebenjährigen Krieges (1763) ein Bachem'sches
Landgütchen zu Ohlenberg in Pacht nehmen und sich verheiraten konnte,
obschon er trotz seines Fleißes noch oft mit der bittersten Not zu
kämpfen hatte. Später wohnte er abwechselnd in Erl und Ohlenberg,
und hier wie in Linz, wohin er mindestens allsonntäglich zur Kirche
kam, unterhielt er sich gern über den Lauf der Gestirne, über
Witterungskunde, Kapitel der Bibel und der 12 Sibyllen Weissagungen,
zugleich seine eigenen Visionen, die meist auf Beobachtungen von
Lufterscheinungen beruhten, zum besten gebend. Häufig sah man ihn
stundenlang wie tot auf dem Rücken liegen und gen Himmel starren.
Bald gingen seine Prophezeiungen von Mund zu Mund, und als ihm der
Pastor Frömbgen einst verbot, den Leuten mit seinen »Lügen« noch
weiter die Köpfe zu verdrehen, citierte er aus der Bibel so viele
Beweisstellen für seine Voraussagungen, daß der Geistliche schließlich
von seiner Forderung Abstand nahm. Riefen ihm aber die Dorfkinder
spottend nach: »Jannes Pitter, lug[86] mer doch och wat vör!« dann
wurde er zornig und prophezeite ihnen häufig etwas, das sie sicher
nicht gerne hörten, z. B. einem gewissen Schmitz aus Noll, den mehr
als 50 Jahre später der Schlag auf der Landstraße rührte, daß er nicht
in seinem Bette sterben, einem Jungen aus dem Kirchspiel Windhagen,
daß er noch vor den Franzosen fliehen würde. Auch dem Arbeitsmann
Hubert Bungard aus Linzhausen entgegnete er auf die Aeußerung:
»No, wat säht[87] dä Lug-Jannes-Pitter hück ald[88] widder?« »Wat,
do wellß mich Lug-Pitter schänge? Schammß do dich nit, do älendet
Lästermuul? Aevver waht,[89] jetz wähden ich ens e paar Wöhdcher met
deer spreche: Do weehsch noch emol esu ne Bangebozz[90] wähde, dat
do deer vör lunter Angs ene Aehzekessel op dinge Pädskopp[91] sezze
weehsch!« Und wirklich, als im Jahre 1794 sich österreichische und
französische Truppen bei Linzhausen schlugen und das Dorf mit einem
Kugelregen überschüttet wurde, verfolgte Bungard den Verlauf des
Gefechts aus einem Speicherfenster, sein Haupt durch einen umgestülpten
Kochtopf sichernd. Dem Linzer Fuhrmann Pütz, der ihn stets gastlich
aufnahm, kündigte Jannes-Pitter einen großen Weintransport an, der
ihn monatelang bis zu einem Tage, den er später gleichfalls vorher
bestimmte, von Hause fern halten würde; ein andermal riet er ihm bei
herrlichem Wetter vergebens von einer Ausfahrt ab, da er die Sieg doch
nicht überschreiten und selbst leicht verunglücken könne, aber heftige
Wolkenbrüche überzeugten Pütz bald von der Berechtigung der Warnung.
Derartiger Fälle ließen sich noch viele verzeichnen; um jedoch die
Geduld des Lesers auf keine allzu harte Probe zu stellen, will ich zu
denjenigen Vorhersagungen übergehen, die sich nicht auf die Geschicke
ihm ganz gleichgültiger Personen beschränken. »Ihr werdet es erleben,«
prophezeite er den Jungen in Bruchhausen bei einer der alljährlich von
Linz dorthin ziehenden Ostermontags-Prozessionen -- »daß ihr keinen
Kurfürsten mehr habt und bekommt ein protestantisches Oberhaupt. Das
Zeichen, an dem ihr die Wahrheit dieses erkennet, ist das: der letzte
Kurfürst ist mit dem österreichischen Kaiser nahe verwandt; er kömmt
den Rhein herab und mit einer Pracht, so ihr noch nicht gesehen habt.
Auch hat er statt der Domherren nur Damen bei sich.« Und bekanntlich
ist Maximilian Franz, ein Erzherzog von Oesterreich, 1801 als letzter
Kurfürst von Köln gestorben, und das durch den Luneviller Frieden
(1801) geteilte Erzstift 1815 wieder vereinigt und dem Königreich
Preußen zugeteilt, dem es verbleiben und einem langen Frieden verdanken
soll. Auch Jannes-Pitters Ankündigung aus den 1770er Jahren »Es kommt
die Zeit, wo die Klöster aufgehoben, die Herren vertrieben und alle
ihre Güter verkauft werden,« wegen deren Wiederholung ihm der letzte
Abt von Heisterbach und die letzte Aebtissin des adligen Damenstiftes
zu St. Katharina ihre Gunst entzogen, ist im Jahre 1803, und seine
Prophezeiung über den Verkauf des Linzer Kirchspiel-Waldes, die er 1783
seinen Arbeitsgenossen auf der Eishardt auftischte, in den Jahren 1835
bis 1837 zur Wahrheit geworden.[92]
Gleich Spielbähn, mit dessen Prophezeiungen man noch weitere
Uebereinstimmung bemerken wird, sprach auch Jannes-Pitter schon von
Schiffen und Wagen »ohne Pferde«. Wenn diese mit grillenden Tönen
laufen werden, ein Gotteshaus zwischen Ohlenberg und Linz[93] errichtet
sein, und die Ahr ihre Mündung über der Kripp auf die Pfarrkirche
zu Linz (oder den Kaisersberg) zu[94] erhalten haben wird, dann
werden traurige Ereignisse eintreten. Wohl werden die Leute glauben,
im goldenen Zeitalter zu leben, aber hüten mögen sie sich, daß sie
nicht im Strudel zu Grunde gehen. Es wird Krieg geben, wenn keiner
es ahnt; man wird fürchten und bangen, und es wird wieder ruhig und
jeder sorglos sein. Wenn die Brücke zu Köln[95] fertig sein wird, wird
Kriegsvolk gleich darüber gehen. Man wird eine Straße von Linz nach
Asbach bauen durch den Erpeler Büsch (oder über die Rottbitz),[96]
aber sie wird nicht fertig werden: die Arbeiter gehen noch vom Wege
laufen. Kriegsvolk wird den Rhein besetzen, und alles Mannsvolk muß
mit, was nur eine Mistgabel tragen kann. Es wird ein Krieg sein, wie
vordem nicht erlebt worden, aber er wird recht lange dauern: die
zuletzt noch aufgefordert werden, kommen, wenn alles vorüber ist.
Es wird hart hergehen, besonders bei Koblenz. Von Leutesdorf (oder
Hammerstein) bis Unkel wird es noch leidlich sein, wiewohl es auch
hier hart hergeht.[97] Die Linzer werden viel, doch längst nicht am
meisten leiden, und viele alles verlassen und im Gebüsch wohnen; bei
Unkel (oder vom Honnefer Graben) und vom Siebengebirge an wird das Blut
in Strömen fließen. Es werden (1 oder) 3 gute Jahre vorhergehen, denen
3 Mißjahre voller Elend und Drangsale folgen.... Die Fremdlinge werden
nach hartem Widerstande geschlagen, Frankreich wird zerrissen und ein
Fürst so zurückgedrängt, daß er von einem dreibeinigen Stuhle seine
ganze Herrlichkeit überschauen kann.« Nach einer genauen Schilderung
der sich gegenüberstehenden Heere läßt der Seher schließlich die
östreichischen Waffen siegen und schließt: »Nach diesen Tagen wird
man eine Kuh an eine goldene Kette binden können, und wenn sich Leute
treffen, werden sie einander fragen: Freund, wo hast du dich erhalten?«
Dann soll auch alles ehemalige Klostergut den Klöstern zurückgegeben
werden.
Jannes-Pitter verstand es, durch Miene und Ausdruck seine Zuhörer zu
fesseln, die seine große Einsicht in fast alle Lebensverhältnisse
bewunderten und ihm ihren Dank oft durch kleine Gaben bezeigten. Seine
Armut nämlich war so groß, daß er 1794 zu Ohlenberg in einem Stalle
starb und seine kinderlose Witwe von der dortigen Gemeinde bis zu
ihrem Tode unterhalten werden mußte. Der Ruf seiner Sehergabe aber
war -- vielleicht durch den k. k. General Alfter von Ockenfels -- bis
an den östreichischen Hof gedrungen, wohin ihn, wie er früher häufig
vorhergesagt, zwei Tage nach seinem Tode, als er auf dem Schauf
(Schaubett) lag, ein mit Schimmeln bespannter Galawagen bringen sollte.
Mit großartigen Prophetengaben wurde auch Helena Wallraff[98]
ausgeschmückt, die 1755 in dem etwa 1/2 Stunde von Kirdorf entfernten
Dorfe Brüggen geboren und seit 1783 mit Wilhelm Horst ([dagger]
1809) verheiratet war. Ihr Seelsorger, der 1781 von Marienstatt nach
Kirdorf gesandte Pfarrer Heinen, wies die Ermahnungen, mit denen sie
auch ihn nicht verschonte, anfangs als unberufene Anmaßung zurück,
wandte aber, nachdem er sich von der Richtigkeit und Heiligkeit
ihres Wandels überzeugt und Helena ihm wiederholt seine innersten
Gedanken und verborgene Dinge offenbart, ihren Aeußerungen immer
größere Aufmerksamkeit zu und ließ sich endlich sogar bewegen, ihre
Offenbarungen schriftlich aufzunehmen. Fast täglich hat sie ihm mehrere
Stunden ununterbrochen, ohne Anstoß, ohne je ein Wort zurückzunehmen
oder zu verändern, ihre Schauungen in die Feder diktiert, die der
Pfarrer allmählich sorgfältig abschrieb. Zu dieser Zeit hielt Helena
große religiöse Umzüge, an denen sich alle Nachbarschaften beteiligten,
bis 1799 die französischen Polizeibehörden einschritten und die Seherin
nebst vielen Brudermeistern nach Köln ins Gefängnis schleppten. Dorthin
wurde am 14. Juni auch der Pfarrer Heinen zum Verhör gebracht, vom
Präsidenten Kley aber, dem Helena in einem Strahlenkranze erschienen
war, bald wieder entlassen, während die Seherin, wie sie ihren
Mitgefangenen vorhergesagt, der Müller Körfgen durch Erlegung der auf
900 Franken bemessenen Geldstrafe befreite. Die ihm zurückgegebenen
Offenbarungen legte der Pfarrer nach der Vorschrift des Trienter
Konzils dem damals in Ellingen weilenden Kurfürsten Maximilian Franz
zur Prüfung vor, der ihn das Ergebnis der über 8 Monate dauernden
Beratungen auf der Abtei Marienstatt abwarten und dann in seine Pfarrei
zurückkehren ließ. Infolge fremder Ratschläge, oder vielleicht auch aus
Menschenfurcht, weigerte sich nunmehr aber Heinen, die Niederschrift
der Offenbarungen fortzusetzen, und auch nicht er, sondern Helenas
Ehemann hat ihr »Büchlein des Trostes«[99] von April bis Weihnachten
1800 aufgezeichnet, das erst später dem Pfarrer übergeben und von
dessen Neffen veröffentlicht wurde. Die Prophetin war groß und hager,
gewöhnlich mit einem faltenreichen braunen Wollkleid bekleidet,
keineswegs eine »frömmelnde Quiesel«, sondern heiter und umgänglich,
stets sauber und fleißig, besorgt um ihren Mann und ihre vier Töchter
und trotz nur geringen Vermögens auf fremde Hülfe nie angewiesen. Sie
durchschaute angeblich der Menschen Herzen, ihre Vergangenheit und
Zukunft, und hat den Untergang vieler ansehnlichen Familien in der
Gemeinde vorhergesagt; sie wollte belehren und mahnen, wie die alten
Propheten das dem Abgrund zutaumelnde Geschlecht mit Gottes Macht
zurückrufen. Der Grundgedanke des umfangreichen Diktats, das jetzt
im Wiener Archiv ruhen soll, ist die Herstellung des verschwundenen
christlichen Glaubens, die Wiedererweckung aufopfernder christlicher
Liebe und dadurch eine nachhaltige Aushülfe der Armen und Gedrückten.
Helena fordert auf zur Demut, Einfachheit der Sitten und Genügsamkeit,
da sonst blutige Verwicklungen drohten; vor hundert Jahren sagte sie
die Flucht des Papstes und den Verlust seiner weltlichen Herrschaft
voraus, und ließ ihn seinen Sitz noch in Köln nehmen. Sie prophezeite
Verwirrung, blutige Zerrüttung und drohenden Umsturz des Bestehenden:
Oestreich würde schwer heimgesucht, Polen wieder hergestellt,
Frankreich in viele Teile zerrissen, der Türke in das Völkerdrama
gerufen und in den Bund der christlichen Völker aufgenommen, bei oder
in Köln der Weltfriede geschlossen werden; es sollen die stehenden
Heere, Titel und Vorrechte abgeschafft, die Klöster nach weise
beschränkenden Regeln wieder errichtet, die Schulen von Geistlichen
gehalten und die Fabrikanlagen auf das richtige Maß zurückgeführt
werden. So sprach die des Lesens und Schreibens unkundige Bauernfrau
über Länder und Reiche, Herrscher und Völker, Staat und Kirche. Nachdem
sie am 14. September 1801 gottergeben verschieden war, wurde, wie sie
befohlen, noch eine Schrift, in Pergament gehüllt, ihr aufs Herz gelegt
und mit ihr auf dem stillen Friedhofe der geweihten Erde anvertraut.
Ihre Verehrer, überzeugt von ihrem heilig vollbrachten Leben, haben nie
unterlassen, an ihrem Grabe ihre Fürbitte anzurufen, und viele dort
gesammelte Steinchen noch ein halbes Jahrhundert später zur frommen
Erinnerung bei sich getragen.
Sehr bald in Vergessenheit hingegen geriet die Hellseherin Anna Maria
Rübel.[100] Diese, 1799 als Tochter eines Webers in Altenhaus-Kothen
bei Velbert geboren, wurde am 24. Januar 1818 in Elberfeld, wohin sie
in einem Anfall gelaufen war, auf der Straße gefunden, anscheinend mit
Epilepsie befallen; von der Polizeibehörde einem Wundarzt übergeben,
wurde sie soweit kuriert, daß sie nach Langenberg gebracht werden
konnte, wo sie im Hause des Polizeidieners Ricker untergebracht
und von Zutrauen verdienenden Männern genau beobachtet wurde. Von
ihren meist recht belanglosen Offenbarungen -- sie verrät z. B., in
welcher Ecke ein alter Mann sein Pfeifchen raucht und ein Arzt Rezepte
schreibt -- sind einige als verfehlt, andere freilich als zutreffend
befunden worden; da die Rübel aber einigemal bei dem Versuch, ihre
Beobachter zu täuschen, betroffen ist, wird man selbst in den Fällen,
wo ein Betrug nicht zu entdecken war, ihre Wunderkraft mit Recht in
Zweifel ziehen.
Leute, die, statt durch harte Arbeit ein vielleicht nur kümmerliches
Dasein zu fristen, lieber die Dummheit und Leichtgläubigkeit ihrer
Mitmenschen zu mühelosem und reichlichem Gelderwerb benutzten, hat
es stets und überall in großer Menge gegeben, und leicht ließen
sich solcher verschmitzten Betrüger auch in den Rheinlanden von der
Klever Geisterseherin Helena Verführt (1682)[101] bis hinauf zu dem
Kölner Schatzheber und Wahrsager Jakob Küpper (1816 bis 1850)[102]
aus Zeitungen und Untersuchungsakten recht viele nachweisen. Außerdem
sind von politischen und religiösen Parteien schon wiederholt
Prophezeiungen zu ihren Gunsten erfunden oder verfälscht worden, und
endlich auch unbeabsichtigte Abänderungen (Zusätze, Weglassungen und
Anpassungen) bei lebhaftem Umlauf nicht einmal in friedlichen Zeiten zu
vermeiden. Schon deshalb fordert die Vernunft, alle Offenbarungen zu
verwerfen, solange man nicht die echten von den unechten, die wahren
von den falschen zu scheiden vermag; das Volk aber wird sich bei des
Menschengeistes unvertilgbarem Drange, den Schleier der Zukunft zu
lüften, den Glauben an seine Seher und Propheten niemals nehmen lassen
und ihre Enthüllungen zumal dann immer von neuem wieder hervorholen,
wenn irgend ein Ereignis deren Richtigkeit zu bestätigen scheint.
[Illustration: Dekoration]
Orts- und Personen-Register.
Aachen 34.
Ahr 47.
Alfter 49.
Altenkirchen 48.
Andernach 7.
Anna v. England 32.
Asbach 48.
Bachem 44.
Barmen 18.
Baschkiren 21.
Bender 24-32.
Benrodt 41.
Berg 6. 35. 39. 40. 41. 42. 43 f.
Bergerbusch 20.
Bey, M. 37.
Bingen 24.
Birlinghoven 37.
Böckum 7.
Böhmen 29.
Bonn 15 f. 24. 41.
Braunschweig-Wolfenbüttel, L. E. v. 32.
Breuning, v. 16.
Bruchhausen 46.
Brüggen 50.
Büchel 7.
Büderich 20.
Bungard, H. 45 f.
Cäsarius v. Heisterbach 4.
Clemens August _I._ v. Köln 13-14.
Clemens August _II._ v. Köln s. Droste.
Clemens Wenceslaus v. Trier 13.
Cler, de 16.
Damaskus 33.
Deutschland 21. 22. 39 f.
Deutz 41.
Dönberg 6.
Droste-Vischering, C. A. 37.
Düsseldorf 20 f. 42.
Ehrenberg 44.
Ehrenbreitstein 13.
Eishardt 47.
Elberfeld 53.
Elbertz, E. 22 f.
Ellingen 51.
England 32. 33. 34.
Erl 44.
Erpel 48.
Eschen 7.
Eschmar 34. 35. 42.
Frankreich 22. 29. 34. 39. 46. 49. 50. 52.
Friedrich d. Gr. 28-32.
Frömbgen 45.
Führt 14.
Fürth 38.
Geistingen 36.
Gerhard 10 f.
German, K. 9.
Grevenbroich 20.
Großenbaum 7.
Gummersbach 18.
Gustorf 20.
Hahnerhof 20.
Hammerstein 48.
Hangelar 38.
Haupts 36.
Heidelberg 34.
Heinen 50.
Heisterbach 4. 35. 38. 39. 40. 47.
Helena, St. 34.
Herbeck 7.
Herkenrath 7.
Hochkirch 12.
Hoff 17.
Hoffin 24-32.
Hoheneichen 20.
Holzhauser, B. 24.
Honnef 37. 42. 49.
Horrweiler 24 f.
Horst, W. 50 f.
Huart, J. 9.
Hundel 47.
Jannes-Pitter s. Knopp.
Jasper 22.
Immigrath 17.
Judden, H. v. 22.
Kälber-Gerhard 10 f.
Kaisersberg 47.
Kaufbeuren 13.
Kirdorf 50.
Kleve 54.
Kley 50.
Knopp, J. P. 22. 34. 44 bis 49.
Koblenz 13. 16. 21. 38. 48.
Köln 8 f. 12. 13. 19. 22 f. 33. 38. 39. 40. 41. 42. 43. 47. 48. 50. 52.
Königsberg 34.
Körfgen 51.
Körper s. Knopp.
Kollin 31.
Konstantinopel 33.
Kreuznach 24 f.
Kripp 47.
Küpper, J. 54.
Kürten 7.
Kurp 44.
Landau 32.
Langenberg 53.
Laubheim 24.
Leutesdorf 48.
Linz 44. 46. 47. 48.
Linzhausen 45 f.
Lobositz 28.
London 38.
Ludwig _XVI._ 32.
Ludwig Ernst v. Braunschweig-W. 32.
Lügen-Bähn s. Rembold.
Luneville 47.
Mainz 29 f. 32. 38.
Mannheim 29.
Maria Crescentia 13.
Maria Theresia v. Oestreich 28-32.
Marienstatt 50. 51.
Maximilian Franz v. Köln 47. 51.
Maximilian Friedrich v. Köln 16.
Maximilian Heinrich v. Köln 9.
Meiderich 12.
Melaten 43.
Meschede 12.
Mettmann 7. 17.
Mieg 31.
Miel 41.
Mondorf 38.
Mosel 21.
Mülheim 19.
Müllekoven 40 f.
Müller, J. A. 34.
Napoleon _I._ 34. 37.
Nassau 7.
Neuß 14.
Niederlande 32.
Niederrhein 5. 11.
Noll 45.
Nordrath 7.
Nümbrecht 12.
Nürnberg 38.
Oberpleis 35.
Ockenfels 49.
Oelberg 39.
Oestreich 28-32. 46. 47. 49. 52.
Ohlenberg 44. 47. 49.
Opladen 11.
Oranien, Prinz v. 32.
Pfalz 29.
Pirre, J. 24.
Pius _VII._ 37.
Pohl, H. 23.
Prag 30, 31.
Preußen 28-32. 47.
Pütz 46.
Raderthal 23.
Radevormwald 15.
Reisdorf 20.
Rembold, J. B. 22. 34-44.
Remlingrade 18.
Rettig 25.
Reul, B. 9.
Rhein 6. 21. 22. 38. 39. 46. 48.
Richrath 17.
Ricker 53.
Rodenkirchen 41.
Rom 24. 33. 35. 48.
Rottbitz 48.
Rübel, A. M. 53.
Rußland 38.
Salzburg 22.
Schlinkert, P. 12-14.
Schmitz 45.
Schnegell, C. 7-9.
Schnell 40 f.
Schnitzler 43.
Schwaben 13. 24.
Sibyllen 45.
Siebengebirge 39. 49.
Sieg 37. 39. 46.
Siegburg 12. 34. 35. 37. 38. 39. 40. 42.
Sieglar 36. 38. 43.
Siegthal 11.
Sinzig 47.
Spich 43.
Spielbahn s. Rembold.
Straßburg 32.
Sülz 7.
Sulzbach, Prinz v. 30.
Thomas v. Aquin 9.
Trient 51.
Trier 13.
Troisdorf 37.
Türkei 21. 34. 38. 41. 52.
Unkel 48 f.
Velbert 53.
Verführt, H. 54.
Vetweis, B. 9.
Vollmerhausen 18.
Wallraff, H. 50-53.
Ward 25.
Werl 20.
Westfalen 5. 12. 29.
Wien 52.