Mit der Erfüllung dieser fällt wohl auch die der zweiten Häl

Rheinische

Seher und Propheten.

Ein Beitrag zur Kulturgeschichte

von

_Dr. P. Bahlmann_.

[Illustration: Dekoration]

Verlag von H. Mitsdörffer #Hans Ertl#.

_Münster-Westf._

[Illustration: Dekoration]

Das Interessanteste und Wichtigste, -- sagen v. Mering und

Reischert[1] -- was sich dem Menschen in diesem Erdenleben darbietet,

ist in allen Beziehungen der Mensch selbst. Wenn er uns im

Alltagsgewande schon Stoff genug zu den mannigfaltigsten Bemerkungen

und Betrachtungen giebt, um wie anziehender muß er uns alsdann nicht

da erscheinen, wo er in das Gebiet des Außerordentlichen oder des

Wunderbaren übertritt und gleichsam eine höhere Natur annimmt. In

solchen Verhältnissen schreitet er als ein zu einem höheren Berufe

geadeltes, fremdartiges, unbegreifliches Wesen an uns vorüber, und wir

können kaum der Versuchung widerstehen, den Veranlassungen solcher

außerordentlichen Erscheinungen nachzuspüren, wiewohl die Ergebnisse

unsere Mühe nicht immer belohnen und die scheinbar höheren Gebilde,

mit der Lampe der Vernunft betrachtet, in der Regel sich wieder auf das

Gewöhnliche reduzieren.

In eine vernichtende Kritik aber wollen wir diesmal nicht eintreten,

sondern uns lediglich darauf beschränken, alle noch erreichbaren

Nachrichten über die bemerkenswertesten Seher des Rheinlandes und ihre

Prophezeiungen[2] endlich einmal zusammen zu fassen. Wir unterziehen

uns dieser Aufgabe, nicht etwa um alten Aberglauben neu beleben zu

helfen, sondern weil die »Sagen der Zukunft«, wie man die Weissagungen

nicht mit Unrecht genannt, wegen des Einblicks, den sie vielfach in

die Eigenart der Bevölkerung, ihr Sehnen und Wünschen, ihr Hoffen und

Fürchten gewähren, für den Kulturhistoriker von derselben Bedeutung

sind, wie alle anderen Volksüberlieferungen, und glauben eine

freundliche Aufnahme unserer Zusammenstellung auch deshalb erhoffen

zu dürfen, weil das spöttische Achselzucken und überlegene Lächeln,

womit trotz der noch äußerst mangelhaften Kenntnis der rätselhaften

Erscheinungen unseres Seelenlebens alle derartigen Mitteilungen

meist aufgenommen werden, leider so manchen Mund geschlossen und

zugleich bewirkt hat, daß selbst die ohnehin recht dürftige Litteratur

~nirgends~ sorgsam gesammelt und daher manches Buch gar nicht oder nur

sehr schwer mehr zu finden ist.

Eine bisher zwar auch unerklärte, aber jetzt doch schon von

vielen zugegebene Erscheinung ist das sogen. »Zweite Gesicht«,[3]

d. h. das Vermögen, wirkliche Begebenheiten der Gegenwart oder

Zukunft fernschauend wie mit leiblichem Auge zu erkennen. Die

»Vorgesichte« -- in Westfalen und am Niederrhein »Vorgeschichten«

genannt[4] -- sind, abweichend z. B. vom somnambulen Hellsehen,

stets mit Rückerinnerung verbunden und nehmen nie eine religiöse

oder übersinnliche Richtung, sondern halten sich ganz in der

Sphäre des gewöhnlichen bürgerlichen Lebens, meist Todesfälle

und Leichenbegängnisse, aber auch Brände, Hochzeiten, Geburten,

Freundschaften, das Ankommen von (dem Seher oft ganz unbekannten)

Fremden und dgl. betreffend. Die Gabe findet sich weit mehr bei Männern

als bei Frauen, ist aber an kein besonderes Alter und keine bestimmte

Zeit gebunden. Im Augenblick des Schauens ist der Seher ganz von seinem

Bilde eingenommen, sieht und denkt nichts anderes und nimmt keine Notiz

von seiner Umgebung: die Augenlider oft krankhaft einwärts gekehrt,

sieht er starr vor sich hin. »Es giebt wenig Städte am Rhein,« -- wird

1822 berichtet[5] -- »wo nicht solche Geschichtler anzutreffen wären,

und daß man bisher so wenig davon geredet hat, liegt in der nicht bloß

am Rhein bekannten Erfahrung, daß die Aufklärung der Schriftgelehrten

bereits so weit fortgeschritten ist, daß man in ihrer Gegenwart schon

kein Faktum mehr erwähnt, was nicht durch sie anerkannt worden«.

Die meisten Vorgesichte freilich können ihres Inhalts wegen nur ganz

enge Kreise interessieren, und auch dadurch erklärt sich die manchem

befremdliche Thatsache, daß trotz ihrer früheren Häufigkeit[6]

verhältnismäßig nur so wenig Fälle veröffentlicht sind. Wer jedoch

einigermaßen mit dem Volke gelebt und sein Zutrauen gewonnen hat,

vermag selbst heute noch neues einschlägiges Material in Fülle

beizubringen, wie dies erst kürzlich wieder der Bibliothekar des

Bergischen Geschichtsvereins[7] bewiesen. Nach seiner mustergültigen

Sammlung sah u. a. ein Mann im Dönberg den noch kerngesunden

zehnjährigen Sohn seines Schwagers, dem er auch den Verlust eines

zweiten Kindes ankündigte, auf dem Schoof (Totenbrett) in einem Gange

stehen;[8] ein Schäfer in Nordrath sah des Abends einen Leichenzug

über ein Feld[9], ein Bauer aus Kürten über einen schmalen Steg

über die Sülz[10] ziehen; ein Kuhhirt auf einem Gehöft bei Wülfrath

zur Mittagszeit den Pferdeknecht zu Grabe tragen;[11] ein Schäfer

bei Böckum unweit Großenbaum um Mitternacht eine Leiche aus dem

Fenster ins Freie schaffen;[12] eine Frau auf dem Gehöft Eschen (Gem.

Mettmann) nachmittags einen Mann, dann ein Pferd, einen Leichenwagen

und zuletzt viele Leidtragende vom Herbecker Wald her in die Chaussee

einbiegen;[13] ein Mann kurz vor Mitternacht zwischen Herkenrath

und Hof Büchel den Vater eines Bekannten nebst dem Geistlichen und

Gefolge zu einer Beerdigung aus dem Hause treten[14] -- und alles sei

buchstäblich eingetroffen, wie es die Seher vorhergesagt.

Schon im Jahre 1668[15] trieb in Andernach zur Zeit einer pestartigen

Krankheit der Geisterseher Cornelius Schnegell sein Unwesen, indem er

gegen das Verbot des Magistrats angebliche Geistererscheinungen in

Umlauf setzte und dadurch Trauer und Schrecken über manche Familie

brachte. Von erster Kindheit an -- erzählte er -- habe ich Geister

geschaut, und in der letzten Matthiasnacht sind mir plötzlich die

Augen derart erleuchtet, daß ich des Nachts ebenso klar sehe, wie

bei Tage. Namentlich in den Prozessionen, die zur Abwendung der Pest

gehalten werden, sehe ich im voraus das Schicksal meiner Mitbürger: die

ich fallen und nicht wieder aufstehen sehe, müssen sterben; solche,

welche nach dem Falle sich wieder erheben, werden zwar krank, sterben

aber nicht; endlich diejenigen, welche bloß straucheln, werden nur von

einem leichten Anfall getroffen. Ich sehe die Geister in weißen und

schwarzen Kleidern und halte dafür, daß jene selig, diese verdammt

werden. Wenn sie erscheinen, verbleibe ich bisweilen im Bette, häufig

aber muß ich aufstehen und sie bis zur Thür begleiten. Diese Erklärung

setzte den Rat, der selbst überall Spuk und Zauberei witterte, in

nicht geringe Verlegenheit, obschon bekannt war, daß der Geisterseher

mitunter freilich in seinen Vorhersagungen die Wahrheit getroffen,

öfter aber »schändlich sich vertretten und seiner Zungen Zoll

verfahren« hatte. Man wandte sich deshalb um Auskunft an die gelehrten

Franziskaner in Köln und legte ihnen die Frage vor, ob dergleichen

Erscheinungen begründet und glaubwürdig seien oder nicht. Daß es kein

bloßes Spiegelgefecht und keine Narrheit ist, fügt der Rat seiner

Anfrage bei, kann man daraus abnehmen, daß oft in Kirchen, adligen

und anderen Häusern Gespenster gehört oder gesehen werden und bald

darauf Leichen folgen. Diese Erscheinungen haben auch solche, denen man

nichts Böses nachsagen kann, ja die Heiligen haben solche absonderlich

oft gehabt. Es ist ferner bekannt, daß in einigen Klöstern Patres

eine Zeitlang vor ihrem Tode im Chor ohne Haupt erschienen sind. Dazu

ist zu beachten, daß gemeldeter Cornelius von den Geistern genötigt

wird, die Visionen bekannt zu machen und daß die Offenbarungen vielen

zum besten gereichen, da diejenigen, welche noch nicht sterben

werden, unnötige Arzneien sparen, solche dagegen, die bald sterben

müssen, desto besser auf den Tod sich vorbereiten können. In dem

von _P._ Kaspar German verfaßten und den _P. P._ Bernardin Vetweis,

Bonaventura Reul und Johannes Huart approbierten Antwortschreiben

vom 7. Nov. 1668 werden die von Schnegell angegebenen Erscheinungen

unter Hinweis auf die Lehre des hl. Thomas von Aquin als unerlaubte,

abergläubische Divinationen oder Teufelsbetrug bezeichnet und die

Auslassungen des Rates richtig gestellt bezw. widerlegt. Nach Empfang

dieses Schreibens wurde Schnegell alsbald verhaftet und der Kurfürst

Maximilian Heinrich um Angabe weiterer Verhaltungsmaßregeln gebeten.

Das vom 30. November datierte Schreiben desselben schließt: »Zwar ist

kein Zweifel daran, daß bei dergleichen Wesen der böse Feind sein Spiel

treibt und gemeiniglich gefährliches Einverständnis mit demselben

darunter verborgen ist. Weil gleichwohl wider besagten Cornelius

keine andern Anzeichen von Zauberei oder einem Vertrag mit dem Teufel

vorgebracht sind, so könnt Ihr zwar für dieses Mal denselben noch aus

der Haft entlassen, habt ihm jedoch ernstlich einzubinden, sich solcher

Vorhersagungen bei Strafe der Fustigation und Verweisung des Landes

öffentlich und im Geheimen zu enthalten.«

In der Vaterstadt eines Rheinländers[16] lebte zu Anfang dieses

Jahrhunderts ein unbemittelter Tagelöhner, den man, weil er für die

Metzger die gekauften Kälber herbeiholte, »Kälber-Gerhard«, seiner

Gesichte halber aber meist »Geisterseher« nannte. Gewöhnlich um

Mitternacht, doch zuweilen auch bei Tage, erblickte er die Gestalt

derjenigen Person, die binnen weniger Tage sterben sollte, an

derjenigen Stelle, wo sie den Geist aufgab, bald in ihren gewöhnlichen

Kleidern, bald im Leichengewand, bald sitzend, bald liegend, und es

trieb ihn dann mit Gewalt in die Wohnung, wo die betreffende Person

wohnte, oder auf die Straße, wo der Leichenzug vorüberkam und er alle

Leidtragenden genau erkannte. Nur einigemal hat er infolge übergroßer

Müdigkeit dem Triebe, dem Gesicht zu folgen, gewaltsam widerstanden

und sein Bett nicht verlassen; da aber -- so erzählte er -- sei ihm

zur Strafe seines Ungehorsams der »Geist« reitend auf die Schultern

gesprungen und habe ihn durch Straßen und Felder so peinigend

umhergetrieben, daß er in kaltem Schweiße gebadet und vor Erschöpfung

krank nach Hause gekommen sei. Anfangs machte er aus der leidigen Gabe,

die er dem Umstande zuschrieb, daß er in der St. Andreas-Nacht genau um

12 Uhr geboren sei, kein Hehl und offenbarte arglos, wen er des Nachts

gesehen; da aber die von ihm genannten Personen stets bald darauf

verstarben, bemächtigte sich der Einwohner eine solche Angst, daß sie

ihm möglichst aus dem Wege gingen und er ihre Häuser schließlich selbst

am hellen Tage und in Geschäften nicht ohne Furcht vor Prügeln betreten

durfte.

Zu Opladen[17] sah vor Jahren an einem Sommermorgen ein junger Mann in

Gedanken zum Fenster hinaus. Bald füllte sich trotz der frühen Stunde

die Straße mit Menschen, und er gewahrte ein Trauergeleite, das still

und schweigsam einem Sarg zum Friedhof folgte. Hinter vielen bekannten

Ortsbürgern bemerkte er als letzten einen verabschiedeten Hauptmann in

hellgrünem Kleide, der mehrmals ausglitt, als ob er nicht ganz nüchtern

sei. Dasselbe glaubte man von ihm, als er sich nach dem Todesfall

erkundigte, und er hatte die seltsame Erscheinung bereits vergessen,

als im Winter die nämlichen Gestalten, die er damals gesehen, hinter

der Leiche eines seiner Verwandten an seinem Fenster vorüberzogen,

hinterdrein der Hauptmann im hellgrünen Rocke, wiederholt ausgleitend

auf dem mit Glatteis überzogenen Boden.

Im Siegthale[18] sollen die in der Matthiasnacht Geborenen im voraus

die Geister aller derjenigen sehen, die der Tod in dem betreffenden

Kirchspiele abberuft, und sie um Mitternacht auf den Kirchhof tragen

müssen. Dieselbe Fähigkeit schrieb man in Meiderich[19] dem Maurer

R. zu, der, gleichfalls zur Mitternachtsstunde, drei Tage vor jedem

Todesfall dem Leichenwagen das Hofthor zu öffnen hatte.

Ein sehr bekannter Vorschauer war der Seilermeister Peter Schlinkert

aus Meschede im Herzogtum Westfalen, das bis 1803 unter kölnischer

Herrschaft stand. Da ich über ihn und seine Vorgeschichten bereits

an anderem Orte[20] ausführlich berichtet, möge hier nur sein erstes

Gesicht, das seinem Landesherrn das Leben rettete, wiederholt werden.

Schlinkert, der nach dem Ueberfall von Hochkirch (1758), an dem er als

Serbelloni-Kürassier teilgenommen, den Truppen des Kurfürsten Clemens

August von Köln[21] eingereiht war, trat eines Tages, als sich der

Fürst zu einer Jagdpartie[22] begeben wollte, festen Blickes vor diesen

hin und sagte: »Euer Durchlaucht dürfen nun und nimmermehr fahren,

weil ein Schuß durch den Wagen geschehen wird, der auf Hochdieselben

gemünzt ist.« Der Kurfürst stutzte und ließ den kecken Warner vorläufig

festnehmen, bestieg aber ein anderes Fuhrwerk. Kaum war nun der

erste, ursprünglich für den Fürsten bestimmte Wagen eine Stunde Weges

fortgerollt, als der ominöse Schuß wirklich fiel und ohne jemanden

zu verletzen, durch das Verdeck des Gefährtes drang. Selbstredend

wurde Schlinkert sofort aus der Haft befreit und ihm zugleich mit der

erbetenen Entlassung aus dem Militärdienste noch eine lebenslängliche

Pension von jährlich 25 Thalern gewährt.

Auch für das sogenannte Sichselbstsehen sind Fälle genug vorhanden.

Noch aus der Mitte dieses Jahrhunderts wird in Führt bei Neuß erzählt,

daß der Küster abends in die Kirche gegangen, um dort die ewige Lampe

zu schüren. Während er den Sohn erwartete, welcher ihm das notwendige

Oel bringen sollte, hatte der Ermüdete sich in einen Beichtstuhl

gesetzt und war darin unversehens eingenickt. Plötzlich wurde er durch

den Ausruf: »Hier hast du deinen Rock!« geweckt und sah eine dunkle

Gestalt, die einen Sarg vor ihm hinstellte, dann aber mit dem Sarge

eben so rasch wieder verschwand. Erschüttert kehrte der Küster heim und

lag wirklich wenige Tage später als Leiche im Sarge.[23]

Nur mit großer Vorsicht sind die meisten Ankündigungen künftiger Brände

aufzunehmen, da sie sich schon vielfach als absichtliche Täuschungen

zur Verdeckung von Brandstiftungen entpuppt haben. Ein derartiger

Verdacht ist auch bei den von Schell[24] erwähnten Vorzeichen vor dem

Brande bei Radevormwald im Jahre 1863 oder 1864 nicht ausgeschlossen,

während bei der nachstehenden »rätselhaften« Geschichte die Vermutung

nahe liegt, daß der »Seher«, von einem Komplott zur Anzündung des

Schlosses irgendwie unterrichtet, diese durch einen, wenn auch nur

halben Verrat habe vereiteln wollen. Der kurkölnische Soldat,[25]

der in der Nacht zum 13. Januar 1777 im Hofe des Buenretiro[26] in

Bonn auf Posten stand und von der Ablösung ohnmächtig gefunden wurde,

bekundete, daß, als er kaum seinen Dienst angetreten, der bis dahin

trübe Himmel an einer Stelle immer klarer geworden sei, bis sich aus

der entstandenen Wolkenlücke ein dichter Feuerregen wohl zehn Minuten

lang auf das Schloß ergossen habe. Er sei dermaßen erschrocken, daß

er nicht einmal Lärm zu schlagen vermochte, und habe erst allmählich

gemerkt, daß die Flammen nicht zündeten. Dann sei es wieder dunkel

um ihn geworden, und die Wolken hätten sich geschlossen, um sich

gleich darauf nochmals zu öffnen; nun habe er deutlich auf des Himmels

blauem Grunde einen großen eleganten Sarg gesehen, umgeben von sieben

kleineren, ärmer ausgestatteten Särgen. Als der Stadtgouverneur General

de Cler die Aussage der Schildwache des Abends in einer größeren

Gesellschaft zum besten gab, sagte der erst 36 Jahre alte Hofrat v.

Breuning höchst befremdenderweise sofort: »Das ist mein Sarg!« Die

übrigen lachten, aber zwei Tage später wurde das herrliche Schloß mit

seinen zahlreichen Kunstschätzen ein Raub der Flammen, die so gewaltig

um sich griffen, daß der Kurfürst Maximilian Friedrich in seinen

Nachtkleidern flüchten mußte. Der Buenretiro allein wurde gerettet, da

die Flamme abermals, wie bei einer früheren Feuersbrunst (1689), bei

der Kapelle des hl. Florian, des Fürbitters gegen Feuersgefahr, sich

wendete, und das reiche Archiv durch die Pflichttreue seines Kurators,

des Hofrats von Breuning, geborgen, dem, als er zum drittenmal, mit

Schriften beladen, die glühenden und dampfenden Räume verlassen

wollte, der einstürzende Thorweg das Rückgrat zerschmetterte. Als man

seine Leiche im prächtigen Sarge zum Kirchhofe brachte, begrub man

auch sieben Männer, die gleich ihm im Kampfe mit den Flammen den Tod

gefunden. Das tragische Ereignis hat des Hofrats Witwe, die erst 1838

im Alter von 87 Jahren zu Koblenz starb, wiederholt bestätigt.

Der minder Begabte und nicht bis zum Schauen Gesteigerte »hört«: er

hört den dumpfen Hammerschlag auf den Sargdeckel und das Rollen des

Leichenwagens, hört den Waffenlärm, das Wirbeln der Trommeln, das

Trappeln der Rosse und den gleichförmigen Tritt der marschierenden

Kolonnen; er hört das Geschrei der Verunglückten und an Thür oder

Fensterladen das Anpochen desjenigen, der ihn oder seine Nachfolger zur

Hülfe auffordern wird.[27] Durch lautes Klopfen wurde einzelnen Leuten

in Mettmann[28], Richrath[29] und Immigrath[30] der baldige Tod eines

Nachbarn oder Angehörigen kund gethan; durch Rücken des Werkzeugs oder

Klirren der Säge einem Schreiner in Wönkhausen[31] jede Anfertigung

eines Sarges im voraus angesagt. Etwas ausgeschmückt ist folgende

Sage:[32] Als ein Schreiner aus Burg Hoff an der Sieg einst spät

abends nach Hause kam, hörte er drinnen hämmern und sägen. Einige Tage

später starb jemand in der Nachbarschaft, und unser Schreiner bekam

den Auftrag, den Sarg für den Verstorbenen anzufertigen. Da fand er in

seiner Werkstatt, die er längere Zeit nicht benutzt hatte, ein Brett,

das früher nicht dort gewesen und genau als Kopfstück eines Sarges

zugeschnitten war. Er beschloß, davon keinen Gebrauch zu machen,

aber ein neuhergestelltes Kopfstück riß beim Annageln, und mit einem

zweiten ging es nicht besser; notgedrungen nahm er nun das unheimliche

Brett -- und der Sarg ward fertig.

Schneider und Näherin hören die Schere schnippeln, wenn sie bald ein

Totenhemd fertigen sollen; doch kannte Florentin v. Zuccalmaglio (1803

bis 1869) in seiner Jugend auch eine Näherin, die ihm oft blaue Male

an ihren Armen zeigte, die sie Geesterpetsche (Geisterkniffe) nannte

und für Anzeichen hielt, durch die sich die Verstorbenen bei ihr

anmeldeten.[33]

Mit Affektionen des Gehörs verbunden waren zwei Gesichte späterer

Eisenbahnen. Im Wupperthale[34] schaute ein Mann vor ca. 80 Jahren eine

ganze Reihe von Wagen, pfeilschnell mit Feuer vorwärts getrieben; als

der Zug an die Stelle der jetzigen Station Remlingrade kam, ertönte ein

schriller Pfiff. Ein Mann und zwei Frauen, die noch nie eine Eisenbahn

gesehen, erblickten am Abend des zweiten Ostertages des Jahres 1839

oder 1840 zwischen Vollmerhausen und Gummersbach[35] bei Mondschein

etwa sechsmal ein unbestimmtes Wesen kreisend durch die Luft brausen;

oben auf dem Unnennbaren zeigte sich mitunter ein kleines bläuliches

Licht, und dabei ließ ein Zischen sich vernehmen. Erst als der Mann

einige Jahre nachher in Barmen eine Eisenbahn sah, wußte er, daß es

eine Vorbedeutung der Bahn gewesen, die jetzt dort vorbeifährt.

Leider sind selbst viele Gesichte, die bedeutendere Ereignisse oder gar

die Geschicke ganzer Orte und Gegenden verkündeten und uns hier ganz

besonders interessieren, mehr oder weniger in Vergessenheit geraten.

Von den zahlreichen Vorgeschichten z. B., die Köln in Brand oder mit

glühenden Kugeln beschießen sahen,[36] konnte Dr. Kutscheit[37] nur

noch eine einzige in Erfahrung bringen. Glaubwürdige Kölner erzählten

ihm, wie im Anfange dieses Jahrhunderts der sehr fromme und nüchterne

Wächter auf dem Bayenturme, als er spät abends sich pflichtgemäß aus

den Turmfenstern nach der Stadt umschaute, gesehen habe, daß die Stadt

von Westen her mit feurigen Kugeln überschüttet wurde und mit Ausnahme

des Domes in Flammen geriet, während dessen herbeigerufene Schwester

nichts wahrzunehmen vermochte.

Die großen Truppenmassen, die man mit rauschender Janitscharenmusik

gen Köln ziehen oder auf der Mülheimer Heide etc. sich lagern sah,[38]

sind gleich den westfälischen Kriegs- und Schlachtengesichten nur

Verzerrungen oder wirre Auswüchse des zweiten Gesichts, die auf Nebel-

bezw. Schwadenbildungen beruhen. Lediglich ein Nebelgebilde auch war

die »Vision oder Vorgeschichte«, über die das Grevenbroicher Kreisblatt

berichtet:[39] Es war am Ostersonntage, den 31. März 1861, als nach dem

Hochamte gegen Mittag 3 Männer aus Gustorf eine kleine Strecke gegen

Reisdorf feldeinwärts gingen, um die angenehme Frühlingsluft im Freien

zu genießen. Die Sonne stand hoch im wolkenlosen Süden, wenige leichte

Federwolken säumten den Horizont, -- da erschienen auf dem sanft

abgedachten Höhenzuge, der, von Gustorf aus gesehen, den Gesichtskreis

gegen Nordwesten hin begrenzt, Heeresmassen zu Fuß und zu Pferde, die

sich in der Richtung von Hahnerhof und Hoheneichen nach dem Bergerbusch

hin bewegten und stellenweise wie im Kampfe entwickelten; der ganze

Höhenzug wimmelte von größeren und kleineren Abteilungen, hin und her

gedrängt im Dampf der Geschütze und Gewehre. Diese Erscheinung, welche

außer jenen 3 noch 2 andere Männer aus der Nachbarschaft bemerkten,

währte etwa 1-1/2 Stunden und verschwand dann nach Westen hin.

Derartige Gesichte sind vielfach in die Jahrhunderte alte Sage vom

letzten blutigen Entscheidungskampfe, der am Birkenbaum zwischen

Büderich und Werl seinen Abschluß finden soll,[40] übergegangen,

weitere Ergänzungen der eigenartigen Ueberlieferung aber auch

durch mancherlei Prophezeiungen erbracht worden. Ein Düsseldorfer

Kapuziner-Pater offenbarte im Jahre 1762:[41] »Nach einem schweren

Kriege wird Friede werden und doch kein Friede sein, weil der Kampf der

Armen wider die Reichen und der Reichen wider die Armen entbrennt. Nach

diesem Frieden kommt eine schwere Zeit. Das Volk wird keine Treue und

keinen Glauben mehr haben. Wenn die Frauensleute nicht wissen, was sie

vor Ueppigkeit und Hochmut für Kleider tragen wollen, bald kurz, bald

lang, bald eng, bald weit, wenn die Männer auch ihre Trachten ändern

und man allgemein die Bärte der Kapuziner trägt, dann wird Gott die

Welt züchtigen. Ein schwerer Krieg wird im Süden entbrennen, sich nach

Osten und Norden verbreiten. Die Monarchen werden getötet werden. Wilde

Scharen werden Deutschland überschwemmen und bis an den Rhein kommen;

sie werden aus Lust morden, sengen und brennen, so daß Mütter aus

Verzweiflung, weil sie überall den Tod vor Augen sehen, sich mit ihren

Säuglingen ins Wasser stürzen werden. Da, wenn die Not am größten ist,

wird ein Retter kommen von Süden her; er wird die Horden der Feinde

schlagen und Deutschland glücklich machen. Dann werden an manchen Orten

aber die Menschen so selten sein, daß man auf einen Baum steigen muß,

um Menschen in der Ferne zu suchen.«

Der Stadt Koblenz droht eine alte prophetische Sage:[42] »Wehe! Wehe!

Wo Rhein und Mosel zusammenfließen, wird gegen Türken und Baschkiren

eine Schlacht geschlagen werden, so blutig, daß der Rhein auf 25

Stunden Wegs rot gefärbt sein wird«; auch Johann Peter Knopp[43] meint:

»Es wird hart hergehen, besonders bei Koblenz.«

Das Schlimmste jedoch soll Köln bevorstehen, das außer Knopp[44] auch

Rembold[45], Jasper[46] und ein anderer westfälischer Spökenkieker[47]

als Schauplatz einer großen Schlacht[48] bezeichnet haben. Der Magister

Heinrich v. Judden, Pastor an Klein St. Martin zu Köln, fand um

1460 in einem alten Buche des dortigen Karmeliterklosters folgende

Prophezeiung:[49] »O glückliches Köln, wenn du wirst gut gepflastert

sein, wirst du untergehen in deinem eigenen Blute. O Köln, du wirst

untergehen wie Sodom und Gomorrha; deine Straßen werden von Blute

fließen und deine Reliquien dir genommen werden. Wehe dir, reiches

Köln, weil deine Einwanderer an deinen Brüsten saugen und an denen

deiner Armen, die gemartert und gequält werden für dich.«

Mit der Erfüllung dieser fällt wohl auch die der zweiten Hälfte der

vom Prälaten Emilian Elbertz ([dagger] 1798) seinem Diener Heinrich

Pohl mitgeteilten Prophezeiung[50] zusammen, deren Alter er auf ca. 150

Jahre angab: »Die Abteikirche von St. Pantaleon wird lutherisch, dann

aber wieder katholisch werden. Mittelst einer Bombe, die bei der Kirche

niederfallen wird, wird ein heiliger Körper zum Vorschein kommen, der

keine Hände und Füße hat.« Der Prälat hielt sehr viel auf sie und war

gegen Ende seines Lebens in beständiger Sorge, daß sie noch bei seinen

Lebzeiten sich verwirklichen könne; er ließ sogar nach dem Körper des

Heiligen, der nach einer anderen Lesart der künftige Schutzpatron Kölns

sein wird, Nachgrabungen anstellen, die jedoch ohne Erfolg geblieben

sind.

»Wehe Köln!« -- läßt ein anderer Prophet sich vernehmen[51] -- »Wenn

im Raderthale Häuser gebaut und bewohnt sind, dann ist die Zeit nahe,

die Unheil über Gute und Böse bringen wird. Wehe den Geistlichen,

welche aus Hoffart und Lauigkeit Pracht und gute Tage lieben!... Von

der Südseite werden die Feinde bis zum goldenen Apfel dringen und ein

großes Blutbad anrichten. Viele Gute werden sterben und die Bösen durch

die Bösen umkommen. Eine furchtbare Krankheit wird aufräumen helfen.

Auf der Retirade wird Köln viel leiden; doch kann durch Gebet viel

gewendet werden. Man soll Bittgänge thun, um gemeinschaftlich Gottes

Rechte zu entwaffnen. Hört, ich sage euch: Die Hölle hat eine große

Ernte! Bessere sich alles, ehe es zu spät ist.«

Die ehedem gäng und gäbe Prophezeiung »In Bonn werden die Jesuiten

auf dem Markte gemartert werden« glaube ich auf die Vision des

Franziskaner-Paters Jakob Pirre vom Jahre 1745[52] zurückführen zu

sollen. Diesem erschien am 25. Mai 1745, als er in der schwäbischen

Stadt Laubheim übernachtete, der Geist Holzhausers[53] und gebot ihm

aufzustehen und folgende Verse niederzuschreiben:

_Millia sexcentum novies duodenaque pono,

Adde quater decies, tunc venit illa dies,

Qua Bonnae[54] Jesu socii fratresque beati

Francisci palmas martyriumque ferent._[55]

Zu Beginn des siebenjährigen Krieges machten die Enthüllungen der

Hoffin, einer Küfersfrau aus Horrweiler bei Kreuznach, viel von

sich reden; doch will ich mich an dieser Stelle auf die Wiedergabe

zweier Briefe[56] des Kandidaten der Theologie Bender in Kreuznach

beschränken, in denen dieser dem Kirchenrate Ward berichtete, was er

selbst aus dem Munde der Frau erfahren.

Es war Freitags, den 1. April 1757 -- lautet das erste Schreiben -- da

ich von Herrn Inspektor Rettig zum Predigen angeredet [bestellt] wurde.

Nachdem ich den Sonntag zu Horrweiler gepredigt hatte und eben im

Begriffe war, auf die Filiale zu gehen, wartete der Mann dieser Frau am

Thor auf mich und bat mich, ich möchte doch des Mittags zu ihm kommen,

weil er etwas mit mir zu reden hätte. Ich hatte kein Bedenken, ihm

dieses zuzusagen, und ich hielt auch am Mittag mein Versprechen. Ich

fand ihn, seine Frau und einige Kinder in seinem Hause; doch war ich

nicht lange da, als ein Kind nach dem andern wegging, so daß wir drei

allein blieben. Nach einem kurzen Stillschweigen sagte die Frau, sie

möchte gerne eine Frage an mich richten, wenn sie nur wüßte, daß ich

ihr es nicht übel nehmen würde. Da ich ihr dieses versichert hatte,

so fragte sie mich, wer wohl die heut gehaltene Predigt zuerst gewußt

hätte, sie oder ich? Dieses kam mir seltsam vor; ich sagte ihr dies und

dabei, ich verstünde sie nicht, sie müßte sich deutlicher erklären.

»Gut,« sagte sie, »sagen Sie mir doch, wann Sie der Herr Inspektor zum

Predigen bestellt hat.« »Am verwichenen Freitag,« war meine Antwort.

Hierauf wandte sie sich zu ihrem Mann und sagte. »Siehst du nun, daß

ich recht hatte und daß ich die Predigt eher gewußt, als der Herr

Bender bestellt worden ist?« Dieses machte mich nun nicht klüger, als

ich zuvor gewesen war. Ich fragte den Mann, was alles dieses bedeuten

sollte, und erhielt folgende Antwort: »Am Donnerstag früh, als ich

erwachte, fragte mich meine Frau, ob ich auch wüßte, daß unser Herr

Inspektor krank geworden wäre. Ich fragte, wie ich dieses wissen

könnte. Ja, sagte meine Frau, er ist krank und wird auf den Sonntag

nicht predigen, sondern wir bekommen einen andern; rate einmal, wen?

Ich riet etlichemal. Nein, sagte sie, keinen von diesen, unsers Herrn

Inspektors Sohn(?) kommt, und damit du siehst, daß ich es weiß, so

will ich dir noch mehr sagen. Sie nannte hierauf das Lied, den Eingang

und den Text, den er haben würde. Wir waren heute beide in der Kirche

und ich bin überzeugt worden, daß meine Frau recht hatte, weil es das

Lied, der Eingang und der Text war.« Wenn es mit dieser Erzählung seine

Richtigkeit hat, so hat die Frau in der That 32 Stunden früher gesagt,

was ich predigen würde, ehe ich wußte, daß ich predigen sollte. Ich

habe es allzeit für thöricht gehalten, wenn man so schließt: »Ich kann

es nicht begreifen, wie es mit dieser Sache zugeht, deswegen ist sie

wohl falsch,« und ich fand auch nicht für gut, die Frau durch einen

Machtspruch abzuschrecken und so ihr Zutrauen zu verlieren. Ich that

also nichts, als daß ich ihr meine Verwunderung zeigte und zugleich

ihren Mann fragte, ob sich die Sache so verhielte. Er bedeutete, alles,

was er gesagt, sei die reine Wahrheit, und seine Frau werde mir noch

erstaunlichere Dinge sagen. Ich fragte sie hierauf, auf welche Art

ihr diese verborgenen Dinge offenbart würden, und da sie sah, daß ich

kein Mißtrauen in die Wahrheit ihrer Erzählung zu setzen schien, so

erfuhr ich folgendes: Wenn ihr zukünftige Dinge bekannt gemacht werden

sollten, so ergriffe sie etwas, eben wie eine Menschenhand, in der

Brust, und das sei das Zeichen, sich an einen einsamen Ort zu begeben.

Alsdann werde ihr Geist ihrem Leibe entrückt und sie käme in Begleitung

eines Engels in eine Versammlung von Geistern, die teils aus Engeln,

teils aus Seelen von noch lebenden Menschen bestände. Hier werde

alles, was noch in Zukunft geschehen sollte, als wirklich gegenwärtig

abgehandelt, und die Seelen der gegenwärtigen Menschen redeten und

handelten so, wie sie in der Folge der Zeit reden und handeln würden.

Manchmal würden ihr sinnbildliche Gesichter gezeigt, und dann fragte

sie ihr Führer, ob sie das verstehe und den Sinn von allem erkenne, da

ihr dann, im Falle sie es nicht verstände, hinlängliche Erläuterung von

einem Engel gegeben würde. Ebenso erhalte sie Befehle an diesen oder

jenen oder einige Menschen, und sie werde allemal gestraft, wenn sie

sich weigere, ihr aufgetragene Geschäfte zu verrichten. Zum Beweise

aber, daß sie nicht getäuscht würde und daß alles, wie sie es gesehen

und gehört, in Zukunft geschehen sollte, habe sie die Gnade, daß ihr

öfters eine Begebenheit gezeigt würde, die sich in wenig Tagen in

ihrem Ort oder in ihrer Nachbarschaft zutrüge, um die Wahrheit des

übrigen daran zu prüfen. Eben ein solches Zeichen sei meine Predigt

gewesen, denn mein Geist sei wirklich in der Versammlung aufgetreten

und habe eben die Worte geredet, die sie heut in der Kirche von mir

gehört hätte. Ich gestehe es, daß ich von allem diesen kein Wort

weiß, und entweder hat ein anderer Geist in der Versammlung die Güte

gehabt, meine Gestalt anzunehmen und meine Rolle zu spielen, oder die

menschliche Seele muß Handlungen vornehmen können, deren sie sich nicht

bewußt ist. Da ich begierig war, noch mehr zu erfahren, so brachte ich

das Gespräch auf den gegenwärtigen Krieg, weil ich glaubte, sie würde

sich in die Natur der Völker, der Landschaften, Städte und ihrer Lagen

nicht recht finden können, sondern ihre Schwäche und vielleicht gar

ihren Betrug offenbaren; allein sie sprach von allem diesen mit einer

bewunderungswürdigen Fertigkeit und unterschied alles so wohl, daß

ich in der That nicht begreifen konnte, wo sie als eine rohe Bäuerin

solche Begriffe her haben sollte. Sie behauptete, den Krieg zwischen

Preußen und Oesterreich lange vorher gewußt und auch einigen Leuten,

die sie mir nannte, in Wiesbaden[57] vorhergesagt zu haben; man hätte

sie aber, weil alles damals ruhig gewesen, als eine Thörin verlacht,

besonders da sie die Bataille bei Lobositz[58] vorhergesagt und die

Preußen für die Sieger erklärt habe. Zu eben der Zeit wäre sie ihrer

Aussage nach in einer Geisterversammlung gewesen, in welcher sich

der König von Preußen, wie die Häupter aller gegen ihn vereinigten

Mächte befunden. Der König that alles, die Gegenpartei zum Frieden

zu bringen und machte ihnen die nachdrücklichsten Vorstellungen; er

führte ihnen die Gerechtigkeit seiner Sache und das unschuldige Blut

zu Gemüte, das vergossen, und gewiß auf ihr Gewissen vergossen würde.

Da aber die andern gegen diese Gründe unempfindlich waren und immer

einer den andern in seinen Anschlägen bestärkte, so trat ein Engel

zu dem König, zuckte ihn etlichemal zurück und sagte: »Sei getrost

und laß dich ihre große Anzahl nicht kleinmütig machen! Wenn ihrer

noch so viele wären, so sollen sie doch in dein Schwert fallen!«

Zu einer anderen Zeit hat sie den König in seinem Kabinett betend

gesehen; zwei Engel standen hinter ihm, und da er zu Gott betete, er

möchte doch der unschuldigen Schlachtopfer schonen und seinen Feinden

friedfertige Gedanken geben, so sei abermals ein Engel zu ihm getreten

und habe obige Worte wiederholt. Sie machte hierbei die Anmerkung, es

verlange sie zu wissen, ob der König die Stimme wirklich höre oder ob

diese Gedanken bloß als wie eigene in seiner Seele entständen. Ebenso

will sie den Marsch der Franzosen vorausgesehen haben. Sie sagte,

anfangs seien ihre Gesichter nach Böhmen zugewandt gewesen; damit

aber die Feinde des Königs in dieser Gegend nicht zu mächtig würden,

so hätten sie sich nach Westfalen wenden müssen. Doch würden sie dem

König nicht schaden, sondern er würde sich auch dort ihren Leuten

widersetzen. Für die Zukunft bestimmt sei überhaupt dieses: Der König

würde stets sieghaft über seine Feinde sein und einen ehrlichen und

dauerhaften Frieden schließen können. Diese Frau prophezeite auch, daß

die Kurfürsten von Mainz und der Pfalz aus ihren Residenzen vertrieben

werden würden, weshalb sie zu Mannheim[59] eingesperrt sei. Wie nun die

bei ihr gegenwärtig gewesenen Hofpersonen erzählten, daß der Hof so

bestürzt sei, weil er vom Prinzen von Sulzbach in langer Zeit keine

Nachricht hätte, und glaubten, daß er gar tot sein möchte, hat sie

selbige getröstet und gesagt: »Nein, er lebt noch; er ist in Prag in

dem genannten Hause und Zimmer, sitzt am Tisch und liest gegenwärtig

die Zeitung.« Als dieses am Hofe gemeldet und auch durch einen Kurier

alles wahr befunden sei, ist sie des Arrests entlassen worden. Ich

muß hier noch anmerken, daß sich diese Frau, wenn sie wiederholt, was

in ihrer Versammlung geredet, solcher Ausdrücke bedient, die für ihre

Erziehung viel zu ordentlich und, wenn mir der Ausdruck erlaubt ist,

viel zu vornehm sind; in ihren sonstigen Gesprächen kann man nichts

Phantastisches an ihr wahrnehmen. Ich habe mich nach ihrem Wandel

erkundigt und man giebt ihr das Zeugnis, daß sie sehr ordentlich lebe

und die Kirche sehr fleißig besuche, ein scharfes Auge auf ihre Kinder

habe und gegen die Armen ungemein freigebig sei; sie wird schier von

jedermann für eine Thörin gehalten. Ich getraue mir in diesem Punkte

nichts zu bestimmen; wenn sie auf höheren Befehl zu einzelnen Menschen

redet, so haben ihre Bestrafungen die Zerrüttung der Seele zum Grunde,

in diesem Falle ist sie der Gesellschaft nicht schädlich.

Einige Monate später ließ Bender weitere Nachrichten folgen. Am 1.

Oktober 1757 -- fährt er fort -- sagte mir die Frau Hoffin, sie habe

die ganze Zeit, da sie mich nicht gesehen, nur drei Offenbarungen

gehabt: eine auf Pfingsten, die andere den 18. Juli und die letzte auf

den 11. September. In Ansehung der ersteren können Sie die vollkommene

Probe von der Wahrheit ihrer Aussage nehmen; in dieser wurde ihr

offenbart, daß die Preußen die Bataille bei Kollin[60] verlieren und

Prag verlassen würden. Sie sagt, sie habe dies, ehe es eingetroffen,

dem Herrn Kirchenrat Mieg in Wiesbaden gesagt und sie berufe sich

auf diesen als Zeugen für die Wahrheit ihrer Aussage. Wollten Sie

Sich die Mühe nehmen, nachzufragen, so würden Sie vielleicht genug

erfahren, um von dem übrigen urteilen zu können.[61] Die Ursache,

warum diese Schlacht verloren gegangen, ist ihrer Aussage nach diese:

Die Kaiserin habe nichts mehr gewünscht, als nur einmal über Preußen

zu siegen, und sie habe sich anheischig gemacht, nach diesem Sieg

einen ehrlichen Frieden zu schließen. (Sie müssen wissen, daß dieses

bloß in der Geisterversammlung geschehen ist, wo auch die geheimsten

Gedanken offenbart würden, jedoch ohne daß eine von den interessierten

Personen ein Wort davon weiß.) Dieses sei bewilligt worden, doch habe

ihr zugleich ein Engel gesagt, es werde doch kein Friede folgen; es

geschehe bloß, um das Maß voll zu machen. In der Versammlung vom 18.

Juli ist nichts Merkwürdiges vorgefallen, außer daß der kaiserlichen

Partei ihr Trotz auf diesen Sieg stark verwiesen und zugleich

dem König von Preußen der Sieg aufs neue versprochen worden. Die

Offenbarung vom 11. September ist ungemein außerordentlich, und wenn

dieses eintrifft, so ist man vielleicht gezwungen, dieser Frau mehr

Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Sie sagte nämlich, es sei ihr

ein sehr junger Herr und eine etwas ältliche Dame gezeigt worden mit

dem Bedeuten: Dieses ist der Prinz von Oranien[62] und diese seine

Frau Mutter.[63] Ich weiß nicht, sagte sie, ob solche Personen in der

Welt sind, allein so habe ich sie nennen hören. Diese beiden hohen

Personen habe ein Engel aufgemuntert, ihren gedrückten Glaubensbrüdern

beizustehen und sich der Sache der Religion anzunehmen. Gleich darauf

habe sie ein starkes Gewinsel gehört, woraus sie geschlossen, daß

dieser junge Prinz im Anfange nicht sonderlich glücklich sein werde.

»Die Sache geschieht gewiß,« fuhr sie fort, »wann aber, das ist mir

unbekannt und nicht offenbart worden.« Ich fragte sie, was es endlich

wohl für einen Ausgang mit dem gegenwärtigen Krieg nehmen werde. Ich

erhielt eine Antwort, deren ich mich von Wort zu Wort besinne: »Es ist

hier,« sagte sie, »nicht um Kronen und Länder, sondern um das wahre

Wort Gottes zu thun, und ich habe die Versicherung, daß dieses nebst

seinen Verteidigern nie unterliegen werde.« Noch eins hätte ich schier

vergessen: der Stadt Mainz soll ein großes Unglück bevorstehen, Landau

und Straßburg sollen nicht leer ausgehen.

Gerade in bedrängten Zeiten tauchen prophetische Stimmen am ehesten

auf, und so erschienen Anfang April 1761 plötzlich auch in Köln[64]

zwei alte Männer von ehrwürdigem Aussehen, die auf eine sonderbare

Art gekleidet und barfuß waren und nur Wasser und Brot genossen. Sie

verkündeten auf öffentlichen Gassen den Zorn Gottes über die Menschen

und weissagten, daß im Jahre 1765 sich in allen vier Weltteilen ein

allgemeiner Krieg entzünden, 1766 Konstantinopel zerstört werden,

1767 England im Wasser untergehen, 1768 die ganze Welt den wahren

Gott erkennen und 1769 ein großer Mann ein wichtiges Zeugnis davon

ablegen, 1770 ein allgemeines Erdbeben stattfinden, 1771 Sonne und

Mond samt den Sternen vom Himmel fallen, 1772 die Welt in Flammen

untergehen und endlich 1773 das allgemeine Weltgericht einbrechen

werde. Man verbot ihnen sogleich, ihre Mission fortzusetzen; sie aber

widersetzten sich diesem Befehle und gaben sich für Propheten aus, die

der Himmel abgesendet, die Menschen zu schleuniger Buße zu ermahnen.

Dieserhalb gefänglich eingezogen, wurden sie von den Jesuiten einem

Verhör unterworfen; sie antworteten in lateinischer, griechischer,

hebräischer, chaldäischer und anderer Sprache und gaben vor, 700 Jahre

alt und aus der Gegend von Damaskus gebürtig zu sein. Mit Erlaubnis der

Obrigkeit von den Jesuiten gefesselt nach Rom geschickt, wollten sie

dort die Richtigkeit ihrer Mission erweisen.

Nach den Freiheitskriegen verwirrte der durch seine Wanderung nach

Königsberg (1807/08) bekannt gewordene Landmann Johann Adam Müller[65]

vom Maisbacher Hofe bei Heidelberg die Gemüter vieler Rheinländer

gelegentlich seiner Reise zum Aachener Kongreß (1818), indem er

behauptete, es werde noch in diesem Jahre Napoleon von St. Helena

zurückkehren und ein neuer Krieg beginnen, der drei Jahre dauern

und Frankreich unter das Szepter der vier verbündeten Monarchen,

wozu er England zählte, bringen würde; sein Auftrag gehe diesmal

dahin, die vier Fürsten aufzufordern, alles daran zu setzen, eine

Religions-Vereinigung zu bewirken und Juden, Heiden und Türken dem

Glauben an Jesum Christum zuzuführen, worauf die glückselige Zeit auf

Erden beginnen werde.[66]

Die beiden namhaftesten Seher des Rheinlandes aber sind Rembold und

Knopp, bei deren Geschicken und Enthüllungen wir nunmehr verweilen

wollen.

Johann Bernhard Rembold[67] war im Dezember 1689 als Sohn eines alten

Leinwebers in dem unweit Siegburg gelegenen Dorfe Eschmar geboren.

Schon früh begleitete er seinen Vater auf dessen Geschäftsreisen,

die er ihm später ganz abnahm, und da dieser einen großen Teil seiner

Fabrikate auf der Abtei Siegburg absetzte, verwandte ihn der Abt häufig

als Boten in die ihm untergeordneten Klöster Oberpleis, Heisterbach

etc., so daß er viel mit den Ordensgeistlichen in Berührung kam. Durch

diesen Verkehr eignete sich der fromme, aber gänzlich ungebildete

Mann mancherlei Anschauungen an, die den meisten seiner Standes-

und Zeitgenossen fremd bleiben mußten. Nur mit einem Stab, einem

Rosenkranz und einer Geige ausgerüstet, durchzog er -- auch noch nach

seiner Verheiratung -- die Dörfer und Städte der bergischen Sieg-

und Rheingegend und besuchte vorzugsweise die Kirchweihfeste, wo er

durch den Vortrag einfacher Kirchenlieder und moralischer Erzählungen

die Leute zu fesseln suchte. Auf jedem Bauerngute, in jedem Kloster

war »Spiel-Bähn«,[68] wie man ihn seines Geigenspiels halber bald

ausschließlich zu nennen pflegte, ein gern gesehener Gast, der jeden

erlaubten Dienst willig verrichtete und sich noch im hohen Mannesalter

selbst einer Reise nach Rom, mit der ihn die Kölner Franziskaner

betrauten, gern unterzog.

Aus der heiligen Stadt mit großer Weltkenntnis zurückgekehrt, gab

Spielbähn die erste Probe seiner Sehergabe, indem er auf dem Eschmarer

Bauergeding[69] erklärte: »Künftiges Jahr werden wir nicht bauerdingen,

weil dann die ganze hiesige Gegend mit fremden Kriegern überschwemmt

sein wird.« Trotzdem sich diese Prophezeiung gleich vielen späteren

wirklich erfüllte, schenkte man doch seinen Visionen meist nur wenig

Glauben, was die Bezeichnung »Lügen-Bähn«, die schnell im ganzen Lande

gäng und gäbe wurde, genugsam bekundet. Bat ihn ein Spötter um eine

Prophezeiung, so erwiderte er mit großer Gelassenheit, daß es nicht

in seiner Macht liege, willkürlich künftige Geschicke zu verkünden,

sondern Gott ihm nur zu Zeiten einen Blick in die Zukunft eröffne;

am abendlichen Herdfeuer, im Kreise biederer Nachbarn aber, nahm er

häufig die graue Mütze von seinem ehrwürdigen Haupte, schaute, fromm

die Hände faltend, mit verklärtem Antlitz gen Himmel und berichtete

kurz und bestimmt, was die göttliche Huld ihn erschauen lasse, sehr oft

schließend: »Wenn auch die Menschen mich verhöhnen, indem sie sagen,

ich sei nur ein simpler Spielmann, so wird dennoch die Zeit kommen,

wo sie wahr finden werden meine Worte.« Einst bat er einen Nachbar,

mit ihm für den noch völlig gesunden N. zu beten, da er binnen kurzem

verscheiden werde -- und der Genannte starb am zweiten Tage; mehrere

Personen, die nach seiner Aussage ihre Wohnung nicht wiedersehen

würden, raffte der Tod auf dem Heimwege hin: der gräfliche Rentmeister

X. erlag einem Schlagflusse, ein Knecht aus der Nähe von Sieglar

wurde überfahren, ein Bauernmädchen aus derselben Gegend ertrank;

auch der Küster Haupts in Geistingen,[70] ein Kind in Sieglar, sowie

der Amtmann D. und der Schöffe T. in Honnef starben genau zu der von

Spielbähn angegebenen Zeit, der Gerichtsschöffe Kr., nach Verlust

seines Vermögens, wie dieser es ihm angekündet, »von Ungeziefer halb

verzehrt, in Troisdorf auf dem Stroh«. Matthias Bey, weiland Schöffe zu

Birlinghoven, hat oft erzählt, daß Spielbähn, der in seinem Elternhause

häufig eingekehrt und von seinem Vater wegen seiner Weissagungen

mitunter gehänselt sei, diesem eines Tages eröffnet habe: »Obgleich

du meine Worte verlachst, so wünschte ich doch, dir etwas Gutes

prophezeien zu können; leider ist es aber nur Schlimmes, was ich dir zu

sagen habe: du bist zwar ein braver Mann, dem Kirchengang und Gebete,

sowie dem Wohlthun ergeben, aber du wirst dennoch nicht in deinem Bette

sterben!« Sein Vater habe indes auch diese Prophezeiung ungläubig und

lächelnd hingenommen, sei aber am 5. Januar 1792, als er von einem

Taufschmause berauscht zurückkehrte, unterwegs -- etwa 3/4 Stunden von

seiner Wohnung entfernt -- erfroren.

Rheinische Seher und Propheten: Ein Beitrag zur Kulturgeschichte · 第 1 / 3 段