III. Perspectivische Richtung verkürzter Linien.

Verkürzte Parallellinien.

§ 25. Wenn 2 parallele Linien durch eine Anzahl von Linien verbunden

werden, welche unter sich gleichfalls parallel sind, so sind nach § 1,

Fig. 1 diese Verbindungslinien gleich lang. Haben wir nun parallele

Linien in verkürzter Stellung vor uns, wie die Eisenbahnschienen in

Fig. 20, so befinden sich die Verbindungslinien, hier die Schwellen,

in verschiedener Entfernung vom Auge, sie scheinen daher nach der

Ferne hin immer kleiner zu werden, d. h. der Abstand zwischen den

beiden verkürzten Parallellinien scheint sich zu verkleinern, sie

scheinen näher zusammenzurücken je weiter sie sich von unserem Auge

entfernen und wenn sie sich auf sehr weite Entfernung fortsezen, so

müssen sie schliesslich in Einem Punkte, wie hier in dem Punkte _P_,

zusammentreffen, in welchem sie aufhören sichtbar zu sein.

[Illustration: Fig. 20.]

Man nennt diesen Punkt den ~Fluchtpunkt~ oder ~Verschwindungspunkt~ der

betreffenden Linien.

§ 26. In demselben Punkte, in welchem 2 verkürzte Parallellinien

zusammentreffen, müssen auch alle weiteren mit ihnen parallelen Linien,

wie in Fig. 20 die Linien _a P_, _b P_, _c P_, sich treffen, da der

Zwischenraum zwischen allen in demselben Verhältnis nach der Ferne hin

kleiner wird. Wenn _a b_, _b c_ und _c d_ gleich lang, _a e_ und _d f_

je halb so lang sind als _a b_, so müssen _g h_, _h i_ und _i k_, _m g_

und _k n_ in demselben Verhältnis zu einander stehen, sie werden also

zugleich aufhören, sichtbar zu sein.

Wenn wir solche Linien auch nicht mit dem Auge verfolgen können bis

zu dem Punkte, in welchem sie zusammentreffen würden, sondern sie nur

in kürzerer Ausdehnung vor uns haben, wie die geometrisch parallelen

Linien _a a_ und _b b_ in Fig. 21, so müssen sie stets so gezeichnet

sein, dass der Zwischenraum zwischen ihnen nach der Ferne hin kleiner

wird, so dass sie, von ihrem ferner liegenden Ende aus fortgesezt,

irgendwo in Einem Punkte zusammentreffen würden, d. h. ~verkürzte

Parallellinien müssen die Richtung nach einem gemeinschaftlichen

Fluchtpunkt haben~.

[Illustration: Fig. 21.]

Man vergleiche ausser Fig. 20 und 21 die wagrechten Parallellinien

_a a_, _c c_, _f f_ in Fig. 13 und 14, sämtliche wagrechte Linien in

Fig. 22, die schrägen Parallellinien _n n_ in Fig. 21, _a c_ und _e d_,

_a g_ und _e h_ in Fig. 36, _a_, _b_, _c_ und _d_ Fig. 37 und andere.

[Illustration: Fig. 22.]

§ 27. Sobald wir also 2 verkürzte Parallellinien dieser Regel

entsprechend gezeichnet haben, so ist damit auch die perspectivische

Richtung aller weiteren mit ihnen parallelen Linien gegeben: man

verlängert die zuerst gezeichneten bis zu dem Punkte, in welchem sie

zusammentreffen und zieht nach diesem die übrigen.

Wie zu verfahren ist, wenn ein Fluchtpunkt ausserhalb der Zeichnung

liegt, wie die Fluchtpunkte der Linien _a a_, _b b_, _n n_ in Fig. 21,

wird später gezeigt werden. Häufig kann jedoch die genaue Berechnung

in solchen Fällen dadurch ersezt werden, dass man einen Papierstreifen

an das Zeichenblatt anlegt, um die betreffenden Linien bis zu ihrem

Fluchtpunkt verlängern zu können, oder dass man wie in Fig. 21 und

22 sie wenigstens so weit als der Raum gestattet, fortsezt, da sich,

je länger sie sind, desto deutlicher beurteilen lässt, ob sie die

erforderliche Richtung nach Einem Punkte hin haben.

Verkürzte wagrechte Linien.

§ 28. Wenn wir am Ende eines Zimmers stehend Decke und Fussboden

desselben betrachten, so scheint die erstere nach dem jenseitigen Ende

des Zimmers hin zu fallen, der Boden scheint nach dorthin anzusteigen;

ebenso scheinen alle wagrechten Flächen, welche höher liegen als

unser Auge, nach der Ferne hin zu fallen, tiefer liegende scheinen

zu steigen. Halten wir aber eine Fläche, z. B. ein dünnes Brett, ein

Stück Pappe oder dergl. wagrecht in gleicher Höhe mit unserem Auge vor

uns, so sehen wir weder die untere noch die obere Seite dieser Fläche,

wir sehen sie nur als eine wagrechte Linie, welche, da der Horizont

gleichfalls eine in der Höhe des Auges liegende wagrechte Linie ist,

mit diesem zusammenfällt, vgl. Fig. 22. ~Alle wagrechten Flächen

scheinen sich also nach dem Horizont hin zu neigen.~

Denn alle wagrechten Flächen sind parallel und sind verkürzt. Daher

scheint der Zwischenraum zwischen 2 wagrechten Flächen, z. B. zwischen

Decke und Fussboden, nach der Ferne hin immer kleiner zu werden, sie

scheinen einander näher zu rücken, ebenso wie verkürzte parallele

Linien. Wie diese nach Einem Punkte, so scheinen alle wagrechten

Flächen nach Einer Linie hinzustreben und diese Linie kann nach dem

Gesagten nur der Horizont sein: ~der Horizont ist die gemeinschaftliche

Fluchtlinie oder Verschwindungslinie aller wagrechten Flächen~.

§ 29. Mit den wagrechten Flächen scheinen auch die in ihnen liegenden

verkürzten Linien[5] zu steigen oder zu fallen; jede wagrechte Linie

kann als Teil einer wagrechten Fläche gedacht werden; ~folglich müssen

verkürzte wagrechte Linien, wenn sie tiefer liegen als unser Auge, d.

h. unterhalb des Horizonts, von ihrem näheren nach ihrem entfernteren

Endpunkte zu steigen; wenn sie höher liegen als unser Auge, d. h. über

dem Horizont, so müssen sie nach der Ferne hin fallen; wagrechte Linien

aber, welche mit dem Auge in gleicher Höhe liegen, bleiben wagrecht,

auch wenn sie verkürzt sind~. Mit andern Worten: ~die Fluchtpunkte

aller verkürzten wagrechten Linien liegen im Horizont~; jede muss so

gezeichnet sein, dass sie, von ihrem entfernteren Ende aus verlängert,

in irgend einem Punkte den Horizont trifft und dieser Punkt ist

zugleich der Fluchtpunkt aller mit ihr parallelen Linien; vgl. Fig. 20,

21, 22.

[5]: In einer senkrechten Fläche können sowohl senkrechte als

wagrechte und schräge Linien liegen, in einer schrägen Fläche nur

schräge und wagrechte, in einer wagrechten Fläche nur wagrechte

Linien, vgl. die Flächen _A_, _D_ und _C_, Fig. 19.

Haben wir also wagrechte Parallellinien in verkürzter Stellung zu

zeichnen, so ist, sobald die perspectivische Richtung für eine

derselben bestimmt ist, auch die Richtung der übrigen gegeben: man

verlängert die erstere bis zum Horizont und nach dem Punkte, in welchem

sie ihn trifft, werden die andern gezogen.

§ 30. Die Lage dieser Fluchtpunkte kann nun, wie schon die bisherigen

Beispiele zeigen, eine sehr verschiedene sein. Es entsteht also die

Frage, an welcher Stelle des Horizonts in diesem oder jenem Falle der

Fluchtpunkt einer wagrechten Linie liegen muss, d. h. in welchem Grade

die verschiedenen wagrechten Linien nach dem Horizont hin fallen oder

steigen müssen.

Die allgemeine Regel in dieser Beziehung ist, ~dass der Fluchtpunkt

einer verkürzten wagrechten Linie da liegt, wo eine parallel mit ihr

vom Auge nach dem Horizont gezogene Linie diesen treffen würde~. Denn

verkürzte Parallellinien haben denselben Fluchtpunkt.

Z. B.: _a_, _b_, _c_, _d_, _e_ Fig. 23 sind verkürzte wagrechte Linien,

welche zu der unverkürzten Wagrechten _A B_ verschiedene Winkel bilden.

Der Horizont ist parallel mit den unverkürzten wagrechten Linien

unseres Gegenstandes (§ 22), der Winkel also, in welchem eine verkürzte

wagrechte Linie in Wirklichkeit zu einer unverkürzten Wagrechten steht,

ist derselbe, in welchem sie auch zum Horizont steht. Die geometrische

Stellung der Linien _a_, _b_, _c_, _d_, _e_ zu _A B_ Fig. 23 ist in

Fig. 24 angegeben. Dies ist auch ihre Winkelstellung zum Horizont.

Denken wir uns nun, dass die 5 Stäbe in Wirklichkeit so wie sie hier

gezeichnet sind vor uns liegen und dass parallel mit denselben 5 Linien

von unserem Auge nach dem Horizont gezogen seien, so müssten die

Punkte, in welchen die von unserem Auge ausgehenden Linien den Horizont

treffen, die Fluchtpunkte der 5 Stäbe sein. Wenn man sich hievon eine

deutliche Vorstellung macht, etwa indem man einen langen Stab parallel

mit einer verkürzten Linie des zu zeichnenden Gegenstands vor's Auge

hält, so wird man die Lage ihres Fluchtpunkts annähernd bestimmen

können; man wird z. B. verstehen, dass der Fluchtpunkt von _e_ sehr

weit nach rechts, der Fluchtpunkt von _d_ näher nach dem Augpunkt hin

liegen muss u. s. w.

[Illustration: Fig. 23.]

[Illustration: Fig. 24.]

§ 31. Die Stellung einer Linie zum Horizont ist jedoch immer eine

willkürliche, da die Richtung des lezteren von der zufälligen Wahl

unseres Standpunkts abhängt. ~Wenn wir die Lage des Fluchtpunkts einer

wagrechten Linie genauer berechnen, so geschieht dies nicht, damit

ihre Stellung zum Horizont, sondern damit ihre Stellung zu andern

Linien des Bildes eine richtige Wirkung mache. Nur wo es sich um eine

bestimmte und notwendige Winkelstellung wagrechter Linien zu einander

handelt, bedürfen wir einer genaueren Regel in Betreff der Lage ihrer

Fluchtpunkte und können wir eine solche anwenden.~

Nehmen wir z. B. in Fig. 23 als Fluchtpunkt der Linie _d_ den Punkt

_y_ statt _x_ an, so scheint der Winkel, in welchem _d_ zu _e_ steht,

grösser, ihr Winkel zu _c_ kleiner zu sein, als wenn _x_ Fluchtpunkt

ist. Aber die Winkelstellung dieser Linien zu einander und zu den

übrigen Linien des Gegenstands ist ebenso willkürlich und zufällig, wie

ihre Stellung zum Horizont. Mit blossem Auge würde der Beschauer auch

nicht mit Bestimmtheit zu erkennen vermögen, dass ihre geometrische

Stellung zu _A B_ und zum Horizont oder ihre Stellung zu einander genau

die in Fig. 24 angegebene ist. Also können wir auch die perspectivische

Stellung dieser Linien zum Horizont und zu einander nicht genau

berechnen und ist es für die perspectivische Richtigkeit der Zeichnung

ohne Belang, ob beispielsweise _y_ oder _x_ als Fluchtpunkt der Linie

_d_ angenommen wird.

Ebenso ist in Fig. 14 die Winkelstellung der verkürzten wagrechten

Linien _g_ und _h_, sowie der Linien _a_, _b_, _c_, _d_ zu den übrigen

Linien des Bildes eine willkürliche. Notwendig ist nur, dass _g_ und

_h_, _a_ und _b_, _c_ und _d_ als parallele Linien erscheinen und dass

die Linien _a_, _b_, _c_, _d_ ein Rechteck darstellen. Wir überlassen

es deshalb dem Auge des Zeichners, zuerst die Richtung für eine der

Linien _g_ oder _h_ und für eine Seite des genannten Rechtecks zu

bestimmen, natürlich mit Rücksicht darauf, dass die Fluchtpunkte dieser

Linien im Horizont liegen müssen, da sie geometrisch wagrecht sind.

Aber angenommen, dass _g_ und _a_ die zuerst gezeichneten Linien seien,

so ist damit nicht nur die perspectivische Richtung der mit jenen

parallelen Linien _h_ und _b_, sondern auch der rechtwinklig zu _a_

stehenden Linien _c_ und _d_ gegeben. Für die Lage des Fluchtpunkts

der 2 lezteren sind ebenso wie für die Richtung der verkürzten

Parallellinien bestimmte Regeln massgebend.

Unsere nächste Aufgabe soll demgemäss die Beantwortung der Frage sein,

~welche Stellung in unserer Zeichnung wagrechte Linien zu einander

haben müssen, welche in Wirklichkeit rechtwinklig zu einander stehen~,

wie _a_ und _d_ oder _e_ und _f_ in Fig. 14, mit andern Worten, nach

welcher Regel der Fluchtpunkt einer verkürzten wagrechten Linie zu

bestimmen ist, welche zu einer gegebenen Wagrechten geometrisch

rechtwinklig steht.

Rechtwinklige wagrechte Linien.

§ 32. Man unterscheidet die ~gerade Ansicht eines rechten Winkels,

Rechtecks oder Quadrats~, d. i. wenn nur eine der beiden Linien, welche

einen rechten Winkel bilden, verkürzt, die andere aber unverkürzt ist,

wie _A B_ und _B C_ oder _A D_ und _D C_ in Fig. 25 und die ~schräge

Ansicht~, d. i. wenn beide Schenkel des Winkels verkürzt sind, wie

_a b_ und _b c_ oder _a d_ und _d c_. Der Ausdruck »schräg« bezieht

sich also in diesem Zusammenhang auf die Stellung wagrechter Linien zum

Auge oder zum Horizont.

[Illustration: Fig. 25.]

In § 12 Fig. 15 und 16 wurde gezeigt, dass eine vom Auge nach dem

Augpunkt gezogene Linie einen rechten Winkel zum Horizont bilden würde,

d. h. mit andern Worten: ~wenn wir uns eine Linie von unserem Auge nach

dem Horizont gezogen denken, so dass sie rechtwinklig zu diesem steht,

so trifft sie den Augpunkt, der Augpunkt ist ihr Fluchtpunkt~.

Steht nun eine verkürzte wagrechte Linie geometrisch rechtwinklig zu

einer unverkürzten Wagrechten, wie in Fig. 25 _A D_ oder _B C_ zu

_C D_, so steht sie auch zum Horizont in einem rechten Winkel, sie ist

also parallel mit einer von unserem Auge nach dem Augpunkt gehenden

Linie und muss mit dieser denselben Fluchtpunkt haben.

~Also ist der Augpunkt der Fluchtpunkt aller verkürzten wagrechten

Linien, welche zu einer unverkürzten Wagrechten (zum Horizont)

geometrisch rechtwinklig stehen~ oder welche, wie man häufig sagt, sich

in gerader Linie von uns entfernen. Vgl. in Fig. 14 die Linien _f_,

_f_, in Fig. 20 _a P_, _b P_, _c P_ u. s. w.

§ 33. Sind beide Linien, welche den rechten Winkel bilden, verkürzt,

wie in dem Rechteck _a b c d_ Fig. 25, so ist die Frage, wie gross die

Entfernung der beiden Fluchtpunkte von einander, d. h. das Stück des

Horizonts, welches zwischen beiden liegt, sein muss. Denn je nachdem

der Winkel, in welchem 2 verkürzte Linien zu einander stehen, grösser

oder kleiner ist, wird auch die Entfernung ihrer beiden Fluchtpunkte

eine grössere oder kleinere sein und umgekehrt, wie aus § 31 Fig. 23 zu

ersehen ist.

[Illustration: Fig. 26.]

Ausser der geometrischen Grösse des betreffenden Winkels ist jedoch

auch die Grösse der Distanz von Einfluss auf den Abstand der

Fluchtpunkte seiner beiden Schenkel. Eine vom Auge nach dem Horizont

gezogene Linie, welche zu diesem rechtwinklig steht, trifft immer den

Augpunkt und so kann auch die verkürzte Seite eines rechten Winkels in

gerader Ansicht nur im Augpunkt ihren Fluchtpunkt haben, gleichviel,

ob unsere Distanz grösser oder kleiner ist. Steht aber eine verkürzte

Wagrechte in einem beliebigen andern Winkel zum Horizont oder zu einer

unverkürzten Wagrechten, so liegt der Punkt, in welchem eine parallel

mit ihr d. h. in demselben Winkel vom Auge nach dem Horizont gezogene

Linie diesen treffen würde, näher am Augpunkt oder entfernter von ihm,

je nachdem die Entfernung des Auges vom Augpunkt grösser oder kleiner

ist. Dieselbe Linie, welche in Fig. 26 von _a_ aus gezogen die Linie

_m n_ in _z_ trifft, trifft sie von _b_ aus in _p_, von _c_ aus in

_n_ u. s. w. Und wenn wir 2 verkürzte wagrechte Linien vor uns haben,

welche in Wirklichkeit rechtwinklig (oder in einem beliebigen Winkel)

zu einander stehen, so werden die 2 Punkte, in welchen 2 parallel mit

ihnen vom Auge ausgehende Linien den Horizont treffen, desto näher

beisammen liegen, je kleiner die Distanz ist und desto weiter von

einander entfernt sein, je grösser dieselbe ist, wie Fig. 26 deutlich

zeigt: _o p_ ist grösser als _y z_, _m n_ grösser als _o p_.

[Illustration: Fig. 27.]

Demnach kann der Abstand der beiden Fluchtpunkte eines rechten Winkels

in schräger Ansicht ein sehr verschiedener sein. So zeigt Fig. 27

zwei verschiedene Ansichten eines Rechtecks, welche es in derselben

Stellung, aus derselben Höhe und Richtung, aber aus verschiedener

Entfernung gezeichnet darstellen. Mit zunehmender Distanz erscheint

nicht nur das Ganze kleiner, sondern auch die Form der rechten Winkel

wird eine verschiedene: da mit der Distanz die Entfernung der beiden

Fluchtpunkte von einander zunimmt, so erscheinen die Seitenwinkel

bei _b_ und _d_ in _B_ spizer, der Winkel bei _a_ und _c_ erscheint

stumpfer als in _A_.

Natürlich ist die Wirkung dieselbe, wenn wir, statt die Entfernung

unseres Standpunkts zu verändern, den betreffenden Gegenstand näher

oder ferner rücken, vgl. Fig. 29.

Es muss daher die genaue Grösse der für eine Zeichnung angenommenen

Distanz mittels eines Distanzpunkts angegeben und dieser zu Hilfe

genommen werden, wenn der Abstand jener 2 Fluchtpunkte von einander

genau berechnet werden soll. Wie lezteres geschehen kann, ist in §

81--85 gezeigt. Da jedoch die Grösse der vom Zeichner angenommenen

Distanz mit blossem Auge aus den Linien einer Zeichnung nicht zu

ersehen ist, so kann gewöhnlich diese genauere Berechnung entbehrt und

durch Beobachtung der nachfolgenden Regel ersezt werden.

§ 34. ~Überall, wo die Grösse der Distanz von wesentlichem Einfluss ist

auf die perspectivische Form, kommt es hauptsächlich darauf an, die

falsche Wirkung zu vermeiden, welche aus einer zu klein angenommenen

Distanz entsteht. Bei Darstellung eines rechten Winkels in schräger

Ansicht entsteht diese falsche Wirkung, wenn die Entfernung der beiden

Fluchtpunkte von einander zu klein ist.~

[Illustration: Fig. 28.]

Betrachten wir in Fig. 28 _D_ als unser Auge, _P_ als Augpunkt, so

bezeichnet die Linie _D P_ die Grösse der Distanz. Ziehen wir nun (mit

Hilfe des Winkels Fig. 9) von _D_ aus in verschiedener Richtung je 2

rechtwinklig zu einander stehende Linien nach der durch _P_ gehenden

Wagrechten d. h. nach dem Horizont, z. B. _D c_ und _D d_, _D a_ und

_D b_, _D Dg_ und _D Dp_, so ergibt sich, dass die 2 Punkte, in welchen

die verschiedenen Linienpaare den Horizont treffen, dann den geringsten

Abstand von einander haben, wenn sich die beiden Linien in der Stellung

zum Horizont befinden, welche _D Dg_ und _D Dp_ zeigen. Diese stehen

zum Horizont, wie die Diagonalen eines Quadrats zu dessen Seiten, wie

_m n_ und _m o_ zu _o n_, d. h. beide stehen in einem halben rechten

Winkel zum Horizont. _Dg_ und _Dp_ sind Diagonalpunkte: ihre Entfernung

vom Augpunkt ist gleich der Distanz und ihre Entfernung von einander

doppelt so gross als die Distanz, _Dg--Dp_ ist gleich 2 mal _Dp_.

Bei jeder andern Stellung der beiden Linien zum Horizont ist der

Abstand jener beiden Punkte ein grösserer und er wird immer grösser, je

ungleicher die Stellung der beiden Linien zum Horizont ist: _c d_ ist

grösser als _Dp--Dg_, _a b_ grösser als _c d_ u. s. w.

§ 35. Hieraus folgt, ~dass die 2 Fluchtpunkte eines rechten Winkels in

schräger Ansicht wenigstens so weit von einander entfernt sein müssen,

dass der zwischen ihnen liegende Teil des Horizonts doppelt so gross

ist, als die Distanz~. Diese muss nach § 18 wenigstens doppelt so gross

sein, als eine Diagonale des Bildes, oder als eine Linie vom Augpunkt

nach dem von ihm entferntesten Punkte, ~also muss, wenn beide Schenkel

eines aus 2 wagrechten Linien bestehenden rechten Winkels verkürzt

sind, die Entfernung ihrer Fluchtpunkte von einander wenigstens 4

mal so gross sein, als eine Linie vom Augpunkt nach dem von ihm

entferntesten Punkte der Zeichnung~. Z. B. in Fig. 31 müssen, wenn

_A B_ und _A C_ geometrisch rechtwinklige Linien sind, _P_ Augpunkt

und _f_ die von _P_ entfernteste Ecke des Bildes ist, die Fluchtpunkte

der beiden genannten Linien einen Abstand von einander haben, der

wenigstens = 4 mal _P f_ ist.

Kommen in demselben Bilde verschiedene rechte Winkel in schräger

Stellung vor, so müssen sie selbstverständlich in übereinstimmender

Weise behandelt, d. h. es muss überall dieselbe Distanz zu Grunde

gelegt werden.

Die falsche Wirkung, welche entsteht, wenn gegen jene Regel gefehlt

wird, zeigt Fig. 29. Die Entfernung der beiden Fluchtpunkte von

einander ist = 4 mal _P f_; daher wirken alle rechten Winkel, welche

innerhalb der Kreislinie _f f_ liegen, perspectivisch richtig, aber die

Winkel bei _m_, _n_ und _o_ können nicht mehr als rechte Winkel gelten.

[Illustration: Fig. 29.]

Andererseits zeigt Fig. 25, dass dem Zeichner innerhalb der angegebenen

Grenze einige Freiheit gestattet ist: _a b e f_ wird auch dem

geübtesten Auge ebenso als richtiges Bild eines Rechtecks erscheinen,

wie _a b c d_.

§ 36. Allerdings ist nicht sofort ersichtlich, wie gross die Entfernung

der beiden Fluchtpunkte ist oder sein muss, da niemals beide

innerhalb der Zeichnung, häufig dagegen weit ausserhalb derselben

liegen. Will man sich nicht mit der Aushilfe begnügen, welche § 27 in

Betreff entfernter Fluchtpunkte angegeben wurde, so ist in Fig. 30

eine genauere Berechnung gezeigt. _A B_ und _A C_ seien 2 verkürzte

wagrechte Linien. Eine von _A_ zum Horizont gezogene Senkrechte _A P_

ist in 4 gleiche Teile geteilt und vom oberen Teilungspunkt _a_ sind

2 Linien _a b_ und _a c_ geometrisch parallel mit _A B_ und _A C_

gezogen, indem an beliebigen Punkten der lezteren Linien z. B. in _D_

und _E_ 2 Senkrechte errichtet und _D d_ und _E e_ = _A a_ gemacht

wurden. _c b_ kann nun als ein Viertel des Abstandes betrachtet werden,

welchen die Fluchtpunkte der Linien _A B_ und _A C_ von einander haben

und es lässt sich hienach bemessen, ob derselbe hinreichend gross ist.

Wäre z. B. _f_ der von _P_ entfernteste Punkt der Zeichnung, so dürften

die beiden Linien _A B_ und _B C_ nicht stärker als hier der Fall ist

gegen einander geneigt sein, der Abstand ihrer Fluchtpunkte dürfte

nicht kleiner sein als 4 mal _c b_; denn _c b_ ist = _P f_.

[Illustration: Fig. 30.]

Oder: wenn _A B_ als erste Linie gezeichnet ist, so muss, nachdem

_a b_ parallel mit _A B_ gezogen und _b c_ = _P f_ gemacht ist, die

zweite von _A_ ausgehende Linie entweder parallel mit _a c_ oder nach

einem ferner liegenden Fluchtpunkt gerichtet sein, d. h. eine flachere

Richtung haben, als _A C_.

Würden bei einer Vierteilung der erstgenannten Senkrechten nicht beide

den Punkten _b_ und _c_ entsprechenden Punkte innerhalb der Zeichnung

fallen, so halbiere man das dem Horizont zunächst liegende Viertel und

ziehe von hier aus die beiden Linien nach dem Horizont, also _i g_ und

_i k_ statt _a b_ und _a c_. Die Punkte, wo sie den Horizont treffen,

hier _g_ und _k_, müssen in diesem Fall einen Abstand haben, der

wenigstens halb so gross ist, als eine Linie vom Augpunkt nach dem von

ihm entferntesten Punkte.

Verkürzte wagrechte Linien, deren Richtung nicht genau zu berechnen ist.

§ 37. Wo die perspectivische Richtung einer verkürzten wagrechten Linie

ohne genauere Berechnung gefunden werden muss, bietet die Vergleichung

mit einer unverkürzten Wagrechten das beste Mittel, um den Grad, in

welchem jene nach dem Horizont hin fallen oder steigen muss, richtig

zu beurteilen. Man halte zu diesem Zweck den Rand des Zeichenblattes,

ein Lineal oder dergl. in der Richtung einer unverkürzten Wagrechten so

zwischen Auge und Gegenstand, dass ein Endpunkt der verkürzten Linie,

welche man zeichnen will, davon durchschnitten wird, wie in Fig. 34 der

Punkt _a_ von der Linie _e f_. Übrigens ist auch die perspectivische

Länge einer verkürzten Linie von wesentlichem Einfluss auf die richtige

oder unrichtige Wirkung ihrer perspectivischen Richtung. Je weniger die

Stellung einer verkürzten Wagrechten zum Horizont von der Richtung des

lezteren abweicht, desto weniger verändert sich ihr Grössenverhältnis

zu andern Linien; je mehr sie der rechtwinkligen Stellung zum

Horizont, ihr Fluchtpunkt dem Augpunkt sich nähert, desto kürzer

scheint sie zu werden, vgl. Fig. 23. Es kommt nun häufig vor, dass die

perspectivische Richtung verkürzter Linien, wenn sie ganz der Regel

entsprechend angegeben ist, dennoch eine falsche Wirkung macht, weil

ihr perspectivisches Grössenverhältnis verfehlt ist und zwar geschieht

dies gewöhnlich in der Weise, dass sie zu lang gezeichnet wird (vgl. §

7).

Wagrechte Parallellinien, deren Fluchtpunkt unzugänglich ist.

[Illustration: Fig. 31.]

§ 38. In Fig. 31--33 ist gezeigt, wie die Richtung verkürzter

wagrechter Parallellinien, deren Fluchtpunkt nicht erreichbar ist,

genau berechnet werden kann. Es seien in Fig. 31 gegeben die Wagrechten

_A B_ und _A C_ sowie die Senkrechten _A D_ und _C E_ und sollen von

_D_ und _E_ Linien parallel mit _A B_, von _D_ und _B_ 2 weitere

parallel mit _A C_ gezeichnet werden. Man bilde über _A B_ mit der

Horizontlinie und einer in _B_ errichteten Senkrechten das Rechteck

_A B b P_ und errichte in _i_, dem Schnittpunkt seiner Diagonalen, eine

Senkrechte, ziehe hierauf eine Linie von _D_ nach _b_ und von _P_ durch

den Punkt _k_, in welchem _D b_ jene Senkrechte schneidet, eine Linie

nach der verlängerten _B b_, so ist _D G_ perspectivisch parallel mit

_A B_.

Ebenso ist auf der andern Seite durch die Diagonalen des Rechtecks

_A C c P_ dessen perspectivischer Mittelpunkt gefunden und eine in

diesem errichtete Senkrechte benüzt, um die Lage des Punktes _d_ und

hiemit die Richtung der mit _A C_ parallelen Linie _D d_ zu bestimmen.

Um von _E_ eine mit _A B_ parallele Linie zu zeichnen, kann leztere bis

zu der durch _E_ gehenden Senkrechten also bis _s_ verlängert und die

perspectivische Mittellinie des Rechtecks _s A P c_ wie oben benüzt

werden, um den Punkt _t_ zu erhalten. Oder kann seitwärts ein Rechteck

_s o H c_ gebildet, mittels seiner senkrechten Halbierungslinie oben

der Punkt _e_ gefunden und hierauf _e E_ nach rechts verlängert werden.

Wie auf gleiche Weise die mit _A C_ parallele Richtung der von _B_

ausgehenden Linie _B g_ und damit _B r_ mittels der Halbierungslinie

eines Rechtecks _b a f h_ gefunden wird, ist aus den Linien der Figur

zu ersehen. Statt der Linie _A C_ könnte auch eine andere mit ihr

parallele Linie z. B. _d D_ verlängert und durch die Diagonalen _y h_

und _z b_ die Mittellinie von _b h z y_ gefunden werden.

Um schliesslich den Punkt _F_ zu erhalten, kann von _C_ eine mit _A B_

parallele Linie gezeichnet und in dem Punkte _r_, in welchem sie die

verlängerte _B g_ trifft, eine Senkrechte errichtet werden, welche die

parallel mit _A B_ von _E_ ausgehende Linie in _F_ schneidet.

Ist so das schräg liegende Rechteck _E D G F_ gegeben, so lässt sich

die schräge Mittellinie desselben (welche sich durch Verbindung des

perspectivischen Halbierungspunktes von _D G_ mit dem Schnittpunkt der

Diagonalen _D F_ und _E G_ ergibt) verwenden, um von einem beliebigen

Punkte der Linien _D E_ oder _G F_ eine mit _D G_ parallele Linie zu

ziehen, z. B. _m n_.

§ 39. In Fig. 32 sollen, nachdem _A B_ und _A C_ als Seiten eines

Rechtecks gegeben sind, die beiden andern Seiten gezeichnet werden. Da

der Raum nicht gestattet, die genannten Linien wie in Fig. 31 bis zu

den 2 von _C_ und _B_ abwärts gezogenen Senkrechten zu verlangen, so

sind _A a_, _B b_ und _C c_ halbiert und durch die Halbierungspunkte

die Linien _g f e_ und _h f k_ gezogen, welche perspectivisch parallel

sind mit _A B_ und _A C_. Entsprechend § 38 ist nun eine Senkrechte

durch _i_, den Schnittpunkt der Diagonalen _a e_ und _c f_ gezogen,

welche von der Linie _f C_ in _m_ geschnitten wird. Eine Linie von

_e_ durch _m_ ergibt auf der Senkrechten _A a_ den Punkt _p_ und die

mit _A B_ parallele Richtung _C p_. In gleicher Weise ist die mit

_A C_ parallele Richtung _B o_ durch die senkrechte Mittellinie des

Rechtecks _a b k f_ gefunden; statt dessen könnte auch, wie die Figur

zeigt, ein seitwärts gebildetes Rechteck zu demselben Zweck verwendet

werden.

[Illustration: Fig. 32.]

Bequemer wäre jedoch in diesem Fall das in Fig. 33 angewendete

Verfahren, wo gleichfalls _A B_ und _A C_ die gegebenen Seiten eines zu

bildenden Rechtecks sein sollen.

[Illustration: Fig. 33.]

Wenn in einem von 6 Quadraten oder Rechtecken umschlossenen Raume

zwischen 2 entgegengesezten Ecken Diagonallinien gezogen werden, wie

in Fig. 40 die Linien _a b_ und _B c_, so schneiden sich dieselben in

der Mitte jenes Raums: _p_ Fig. 40 ist die Mitte von _A B b C c a G h_.

Eine durch _p_ gezogene Senkrechte trifft also die Rechtecke _a G h c_

und _A B b C_ in dem Durchschnittspunkt ihrer Diagonalen. Ziehen wir

nun in Fig. 33 von _A_, _B_ und _C_ bis zum Horizont die Senkrechten

_A a_, _B b_ und _C c_, so entsprechen die Linien _B c_ und _C b_,

welche sich in _e_ schneiden, den Diagonalen _B c_ und _a b_ Fig.

40 und eine von _e_ abwärts gezogene Senkrechte ergibt _o_ als

perspectivische Mitte der Diagonale _C B_. Die Diagonalen _A b_ und

_a B_ schneiden sich in _k_, _A c_ und _a C_ in _i_; _g_ und _m_ sind

also die perspectivischen Halbierungspunkte von _A B_ und _A C_; _z_

ist Fluchtpunkt der Diagonale _A o_ und folglich auch der von _g_ nach

der Mitte von _B D_ gehenden Linie, da beide geometrisch parallel sind.

_g z_ und die verlängerte _m o_ schneiden sich in _n_, _A z_ und die

verlängerte _B n_ in _D_, womit die Form des Rechtecks gegeben ist.

Die verlängerten Mittellinien _m n_ und _g o_ können sodann benüzt

werden, um entsprechend Fig. 31 und 32 weitere mit _A B_ und _A C_

parallele Linien zu ziehen. Soll z. B. von _d_ nach links eine

mit _A C_ parallele Linie gezeichnet werden, so schneidet man die

verlängerte _m n_ durch _D d_ in _p_ und zieht von _B_ durch _p_ eine

Linie nach _f_; _d f_ ist somit parallel mit _A C_ und _B D_.

§ 40. Muss eine grössere Anzahl von Parallellinien, deren Fluchtpunkt

unzugänglich ist, gezeichnet werden, so würde es zu umständlich

sein, jede einzelne genau zu berechnen. Man kann sich in diesem Fall

begnügen, einige in passenden Zwischenräumen zu konstruieren, um mit

Hilfe derselben ohne weitere Berechnung die übrigen zu zeichnen. So

können in Fig. 21, wenn die Richtung _c d_ gegeben ist, mittels der

senkrechten Halbierungslinie von _c d e f_ die von _g_, _h_ und _i_

ausgehenden Parallellinien genau berechnet und sodann die zwischen

ihnen liegenden ohne weitere Berechnung gezeichnet werden.

Oder können von 2 beliebigen Punkten der zuerst gezeichneten

Wagrechten 2 Senkrechte bis zum Horizont gezogen und beide in eine

gleiche Zahl von gleich grossen Teilen geteilt werden wie in Fig.

30 _A P_, _B G_ und _C F_ in je 4 Teile geteilt sind. Durch die

Verbindung der entsprechenden Teilungspunkte erhält man perspectivische

Parallellinien, zwischen welchen dann weitere gezogen werden können,

vgl. Fig. 75 die Teilung von _A D_ und _B C_ in je 9 Teile. Je nach

Bedürfnis kann sodann dieselbe Einteilung nach oben oder unten in der

Verlängerung jener Senkrechten fortgesezt werden.

Ein weiteres Verfahren, die Richtung verkürzter Parallellinien ohne

Hilfe ihres Fluchtpunkts zu bestimmen, ist in § 70 angegeben.

Verkürzte schräge Linien.

§ 41. In Fig. 36 ist _a c_ eine nach der Ferne hin steigende, _a g_

eine dorthin fallende Linie. (Wenn im Folgenden von fallenden oder

steigenden Linien die Rede ist, so sind immer Linien gemeint, welche

in ~Wirklichkeit~ oder geometrisch nach der Ferne hin fallen oder

steigen). Bilden wir das Massdreieck dieser Linien (vgl. § 23) mittels

der Wagrechten _a b_ und der 2 Senkrechten _b c_ und _b g_, so ist

klar, dass eine steigende Linie wie _a c_, soweit man sie verlängern

mag, niemals einen Punkt treffen kann, der unterhalb der wagrechten

Linie ihres Massdreiecks oder deren Verlängerung liegt und ebenso wenig

eine fallende Linie wie _a g_ einen Punkt, der über jener Wagrechten

liegt.

~Also liegt der Fluchtpunkt einer verkürzten schrägen Linie oberhalb

des Horizonts, wenn sie nach der Ferne hin steigt, unterhalb des

Horizonts, wenn sie nach der Ferne hin fällt~; vgl. die steigenden und

fallenden Linien in Fig. 37.

§ 42. Es kann vorkommen, dass gemäss dieser Regel eine steigende

Linie so gezeichnet werden muss, dass ihr fernerer Endpunkt tiefer

liegt als der nähere, vgl. _a c_ Fig. 34. Häufiger ist der umgekehrte

Fall, dass Linien, welche in Wirklichkeit nach der Ferne hin fallen,

perspectivisch nach dorthin steigen, wie _a b_ und _c d_ Fig. 35.

[Illustration: Fig. 34.]

In solchen Fällen ist es nötig, durch Hervorheben von geometrisch

wagrechten Linien der nächsten Umgebung, welche zu den betreffenden

schrägen Linien einen sichtbaren Gegensaz bilden, die Wirkung der

lezteren zu unterstüzen, damit sie mit hinreichender Deutlichkeit

das ausdrücken, was sie sein sollen. In Fig. 34 sind es z. B. die

Balken der rechten Seite, in Fig. 35 die wagrechten Fugenlinien der

anstossenden Mauer, welche es dem Beschauer deutlich machen, dass _a c_

dort eine in Wirklichkeit von _a_ nach _c_ steigende, _a b_ in Fig. 35

eine nach _b_ fallende Linie ist.

[Illustration: Fig. 35.]

§ 43. In Fig. 36 sind _a b_ und _e f_ wagrechte Parallellinien, ebenso

_a e_, _b f_ und _c d_; _a c_ und _e d_ sind schräge Parallellinien.

Wenn zwischen parallelen Linien Verbindungslinien liegen, welche

unter sich gleichfalls parallel sind, so sind leztere gleich lang (§

1, Fig. 1); also sind _a e_, _b f_ und _c d_ gleich lang, d. h. die

Entfernung der schrägen Parallellinien _a c_ und _e d_ und diejenige

der wagrechten _a b_ und _e f_ von einander ist gleich gross. Da der

Abstand dieser Parallellinien von einander nach der Ferne hin in

gleichem Masse kleiner zu werden scheint, d. h. in gleicher Tiefe immer

wieder derselbe ist -- _m n_ ist = _o p_ u. s. w. -- so müssen beide in

gleicher Tiefe zusammentreffen, d. h. ihre Fluchtpunkte müssen in Einer

senkrechten Linie liegen, wie Fig. 36 deutlich zeigt.

[Illustration: Fig. 36.]

Dasselbe gilt selbstverständlich für die fallenden Linien _a g_ und

_e h_. Mit andern Worten: ~der Fluchtpunkt einer verkürzten schrägen

Linie liegt senkrecht über oder unter dem Fluchtpunkt der wagrechten

Linie ihres Massdreiecks~.

So liegt in Fig. 37 der Fluchtpunkt der Linien _a_, _b_, _c_ und _d_

senkrecht über _n_, der Fluchtpunkt der Linien _g_ und _i_ senkrecht

unter _n_, die Fluchtpunkte von _e_, _f_ und _k_ liegen in einer

Senkrechten, welche durch den Fluchtpunkt der Wagrechten _o_ und _p_

geht.

Ist demnach _a c_ Fig. 36 als Richtung einer schrägen Linie, _a b_ als

Richtung der wagrechten Linie ihres Massdreiecks angenommen, so ist

auch die perspectivische Richtung aller mit _a c_ parallelen Linien

gegeben, indem _a b_ bis zum Horizont, _a c_ bis zu der senkrechten

durch den Fluchtpunkt von _a b_ gehenden Linie verlängert und so der

die Richtung der parallelen Linien bestimmende Fluchtpunkt gefunden

wird.

§ 44. ~Befinden sich in einer verkürzten senkrechten Fläche steigende

und fallende Linien, welche in Wirklichkeit denselben Neigungswinkel

haben, so liegen ihre Fluchtpunkte in gleicher Entfernung vom Horizont.~

Solche Linien sind z. B. _a c_ und _a g_ Fig. 36; _a_ und _g_, _d_

und _i_, _f_ und _k_ Fig. 37. In Fig. 36 ist _a c g_ in Wirklichkeit

ein gleichschenkliges Dreieck, also muss eine von seiner Spize _a_

nach der Grundlinie _c g_ gezogene Wagrechte die leztere in ihrem

Halbierungspunkt _b_ treffen; werden _a c_ und _a g_ verlängert und

an beliebiger Stelle durch eine Senkrechte _s m_ verbunden, so wird

leztere durch die verlängerte _a b_ gleichfalls halbiert, also muss

auch _z_, der Fluchtpunkt von _a b_, in der Mitte liegen zwischen _x_

und _y_, den Fluchtpunkten von _a g_ und _a c_.

[Illustration: Fig. 37.]

In Fig. 37 ist _h h_ parallel mit _i i_ (da beide denselben Fluchtpunkt

haben) und die Senkrechte _y z_ wird von der Wagrechten _m n_ in der

Mitte durchschnitten. Ebenso muss _n_ in der Mitte liegen zwischen

den Fluchtpunkten der Linien _h_, _i_, _g_ und _c_, _d_, _a_; die

Fluchtpunkte von _e_, _f_ und _k_ müssen gleich weit entfernt sein vom

Fluchtpunkt der Wagrechten _o_ und _p_.

Berechnung der Richtung schräger Linien ohne Hilfe ihrer Fluchtpunkte.

§ 45. Man bedient sich jedoch, um die Richtung verkürzter schräger

Linien zu berechnen, selten ihrer Fluchtpunkte, da dieselben in den

meisten Fällen ausserhalb der Zeichenfläche liegen. Den nächstliegenden

Ersaz bietet die senkrechte und wagrechte Linie ihres Massdreiecks. Ist

Richtung und Länge der wagrechten sowie die Höhe der senkrechten Linie

eines solchen Dreiecks gegeben oder leicht zu berechnen, so ist damit

auch die Richtung (und Länge) der betreffenden schrägen Linien gefunden.

Nehmen wir z. B. an, dass in Fig. 38 die Linie _A C_ gegeben sei und

darüber ein Giebel von beliebiger Höhe, dessen 2 Seiten mit _A C_

in Wirklichkeit ein gleichschenkliges Dreieck bilden, gezeichnet

werden soll, so kann _k_ als perspectivische Mitte von _A C_ durch

die Diagonalen eines Rechtecks _A C E D_ oder _A C g f_ gefunden und

in _k_ eine Senkrechte errichtet werden, in welcher die Spize des

Giebeldreiecks liegen muss. -- Ist das Dreieck _A B k_ gegeben, so dass

der Punkt _C_ bestimmt werden muss, so bildet man mit _A k_ und einer

beliebigen Parallellinie, z. B. _i D_, ein Rechteck _A k i D_ und zieht

eine Linie von _D_ durch die Mitte von _i k_ nach der verlängerten

_A k_, wodurch _C k_ = _A k_ gemacht ist.

[Illustration: Fig. 38.]

Soll, nachdem _D F_ und _D E_ gegeben sind, von _E_ abwärts eine Linie

gezeichnet werden, welche denselben Neigungswinkel hat, wie _D F_, so

wird leztere verlängert bis _e_, wo sie die senkrechte Mittellinie

trifft und von _e_ durch _E_ die Linie _E G_ gezogen. -- Oder kann

von _F_ eine mit _D E_ parallele Linie nach links und die senkrechte

Mittellinie von _E D f g_ gezogen, die von _y_ nach _H H_ gehende

Senkrechte halbiert und hierauf durch eine Linie von _r_ durch diesen

Halbierungspunkt der Punkt _G_ bestimmt werden.

§ 46. In Fig. 39 ist angenommen, dass die perspectivische Richtung

und Länge der Linien _A B_ und _A C_, die Höhe _A a_ und die Breite

_a c_ bestimmt seien, womit auch die Richtung der schrägen Linie

_A c_ gegeben ist, in welcher die inneren Ecken der Stufen liegen

müssen; die äusseren Ecken liegen in einer mit _A c_ parallel von _a_

ausgehenden Linie, deren Richtung gefunden wird, indem man _c d_ =

_b c_ macht. Eine Linie von _d_ nach dem Fluchtpunkt von _A C_ ergibt

_e_, eine Senkrechte von hier den Punkt _f_. Bildet man hierauf das

Rechteck _A C h g_, so kann mittels seiner Diagonalen _m n_ als

senkrechte Mittellinie gefunden werden; _C m n_ ist demnach = _A m n_

und die Ecken der ferneren Stufen können durch die von _a_ und _k_

nach dem Fluchtpunkt von _A C_ gezogenen Linien und die entsprechenden

Senkrechten gefunden werden. (Übrigens kann dieselbe Aufgabe auch ohne

Hilfe der zweiten schrägen Linie gelöst werden: man macht _a k_ und

_k g_ = _A a_, zieht von diesen Punkten aus die mit _A C_ parallelen

Linien und erhält die Punkte _d_ und _f_ durch die in _c_ und _e_

errichteten Senkrechten.) Die übrigen Linien der Figur sind teils

senkrecht, teils sind sie parallel mit _A C_ oder mit _A B_.

[Illustration: Fig. 39.]

§ 47. Ein Beispiel, wie die Richtung verkürzter schräger Parallellinien

ohne Hilfe ihres Fluchtpunkts berechnet werden kann, ist auch in Fig.

31 enthalten, wo, um den Punkt _F_ zu finden, _B r_ und _C r_ gezogen

und in _r_ eine Senkrechte errichtet wurde, welche auf der von _E_

ausgehenden Wagrechten den Punkt _F_ und hiemit die mit _D E_ parallele

Richtung der Linie _G F_ ergibt. Auf dieselbe Weise kann in Fig. 40,

wenn das Dreieck _A B D_ und die Wagrechte _A C_ gegeben sind, die

Richtung der mit _A D_ parallelen Linie _C E_ berechnet werden, indem

man von _C_ eine mit _A B_, von _d_ und _D_ zwei mit _A C_ parallele

Linien zieht und in _e_ eine Senkrechte errichtet. Ebenso kann _F n_

gefunden werden durch die Linien _F m_ und _m n_.

[Illustration: Fig. 40.]

In Fig. 38 kann von _p_ aus eine Linie parallel mit _A B_ gezeichnet

werden mittels der Linien _k x_, _p x_ und einer in _x_ errichteten

Senkrechten. Oder kann man in _A_ und _p_ 2 Senkrechte errichten,

_B b_ parallel mit _A C_, _b o_ parallel mit _A p_ ziehen und hierauf

durch eine weitere mit _A C_ parallele Linie von _o_ aus den Punkt _n_

bestimmen.

Soll von _D_ aus abwärts eine mit _A B_ parallele Linie gezeichnet

werden, so kann durch die Verlängerung von _A B_, _A C_ und _D E_ ein

Dreieck _A c d_ gebildet und _d h_ = _c d_ gemacht werden, wodurch

_D h_ parallel mit _B A_ ist. Oder kann, nachdem das Dreieck _A B b_

gezeichnet ist, _D a_ = _A b_ gemacht und von _a_ eine mit _A C_ und

_b B_ parallele Linie bis zu der Senkrechten _B k_ gezogen werden,

wodurch _e D_ parallel mit _A B_ ist und von _D_ aus verlängert werden

kann. Es könnte ferner, wenn _F z_ geometrisch = _y z_ ist, durch den

Halbierungspunkt von _D z_ eine Linie von _i_ nach der verlängerten

_y z_ gezogen werden.

§ 48. In Fig. 41 sei _A G a_ und _A o_ gegeben. Um die Richtung

der parallel mit _A a_ von _B_, _i_ und _o_ ausgehenden Linien zu

berechnen, ist durch den Halbierungspunkt der Senkrechten _n a_ eine

mit _A G_ parallele Linie nach _f_ und von hier aus _f g_ als wagrechte

Mittellinie des Daches gezogen, welche nun ähnlich wie die Mittellinien

in Fig. 31 benüzt werden kann, um zwischen _A B_ und _a p_ beliebige

mit _A a_ parallele Linien z. B. _B b_, _i k_ und _o p_ zu zeichnen:

man zieht _a B_ und _A r b_, _b i_ und _B s k_ u. s. w. Die Richtung

der Linie _C c_ ist auf die in § 45 Fig. 38 angegebene Weise berechnet:

_d h_ ist = _n a_ gemacht und von _h_ eine Linie durch _C_ nach der

verlängerten _m z_ gezogen. Der Punkt _F_ ergibt sich durch eine

parallel mit _A G_ von _E_ nach der Verlängerung von _b B_ gezogenen

Linie; eine Senkrechte von _F_ abwärts schneidet die von _c_ nach

rechts gehende Wagrechte in _e_, womit _E e_ gegeben ist.

[Illustration: Fig. 41.]

Sind auf solche Weise einige Parallellinien gezeichnet, so kann die

perspectivische Richtung weiterer zwischen ihnen liegender Linien auch

ohne genaue Berechnung jeder einzelnen ohne Schwierigkeit bestimmt

werden.

Verschiedene Beispiele. Treppen, Dächer, Dachfenster, Turmhelme.

§ 49. Die Anwendung des vorangegangenen ist in Fig. 42--60 an weiteren

Beispielen gezeigt. Der Gleichartigkeit des Gegenstands wegen befinden

sich unter denselben auch solche, bei denen die im folgenden Abschnitt

besprochene Form des verkürzten Quadrats als gegeben betrachtet werden

muss.

Für die Construction der Treppe Fig. 42 nehmen wir die Höhe und Breite

der untersten Stufe, also die perspectivische Länge der Linien _B b_

und _b c_, sowie die Linie _A B_ als gegeben an. Da leztere eine

unverkürzte Wagrechte ist, so muss der Augpunkt Fluchtpunkt der Linie

_b c_ sein. Wird nun _b m_ = _B b_ gemacht, in _c_ eine Senkrechte

errichtet und von _m_ eine Linie nach _P_ gezogen, so ist _c n_ die

perspectivische Höhe der zweiten Stufe und es ist durch _b n_ die

Richtung der schrägen Linie gegeben, in welcher die vorderen Ecken

der folgenden Stufen liegen müssen. Hierauf wird auf der verlängerten

_B m_ die Höhe _B b_ mit dem Zirkel so oft wiederholt, als nötig

ist, um die gewünschte Zahl von Stufen zu erhalten und werden von

den Teilungspunkten Linien nach _P_ gezogen. Die Punkte, in welchen

leztere die Linie _b d_ schneiden, sind die vorderen Ecken der Stufen,

die hinteren dem Punkte _c_ entsprechenden Ecken ergeben sich durch

die von _o_, _p_ u. s. w. abwärts gezogenen Senkrechten. Auf der

andern Seite schneiden sich _a P_ und die von _c_ nach links gezogene

Wagrechte in _y_, eine Wagrechte von _n_ nach links und eine in _y_

errichtete Senkrechte schneiden sich in _z_ u. s. w.

[Illustration: Fig. 42.]

Um von _F_ aus die mit _a D_ und _b d_ parallele Linie des Geländers

zu zeichnen, ist durch die Diagonalen eines Rechtecks _g h d D_ dessen

wagrechte Mittellinie bestimmt, welche von der Linie _F d_ in _i_

geschnitten wird, worauf die von _h_ durch _i_ nach _D d_ gezogene

Diagonale den Punkt _f_ und hiemit _F f_ als Parallele von _h d_

ergibt.

§ 50. Fig. 43 zeigt 2 häufige Formen von Dachfenstern. _m y_ und _n z_

sind parallel mit _A D_ zu zeichnen, _y z_, _o p_, _m n_ parallel

mit _A C_; die Höhe _m o_ sowie die Länge _m y_ sind beliebig,

vorausgesezt, dass _o y_ und _p z_ als nach _y_ und _z_ hin steigende

Linien gezeichnet sind.

[Illustration: Fig. 43.]

Bei der zweiten Form ist _d f_ parallel mit _A D_; die Höhe des Giebels

kann beispielsweise in _i_ oder in _c_ angenommen werden; _e f_, _i k_,

_c b_ sind parallel mit _A B_; die Punkte _b_ oder _k_ liegen sodann

da, wo die von _c_ oder _i_ parallel mit _A B_ gezogenen Wagrechten

sich mit einer schrägen Linie schneiden, welche von _a_, der Mitte

von _d h_, parallel mit _A D_ aufsteigt. Durch den Punkt _b_, in

welchem die leztgenannte Linie und die Firstlinie des Hauptdaches sich

schneiden, ist _c b_ als grösste Höhe gegeben, welche für die obere

Wagrechte des Dachfensters angenommen werden darf, d. h. eine von

seiner Giebelspize parallel mit _A B_ gezogene Wagrechte darf die von

_a_ parallel mit _A D_ ausgehende Linie nicht jenseits des Punktes _b_,

nicht oberhalb der Firstlinie _D b_ treffen, es wäre denn, dass eine

entsprechende Fortsezung auf der andern Dachseite angenommen würde.

§ 51. In Fig. 44 seien _a b_ und _b c_ als zwei Seiten eines

quadratischen Turmes gegeben und soll darüber ein Dach gezeichnet

werden, dessen Spize über der Mitte des ganzen Turmes, d. h. seiner

quadratischen Grundfläche liegt. Zieht man die mit _a b_ und _b c_

parallelen Linien _d c_ und _a d_, so muss die Spize in einer

Senkrechten liegen, welche in dem Schnittpunkte der Diagonalen _a c_

und _b d_ errichtet wird; die Höhe der Spize ist beliebig. Bequemer

wird in den meisten Fällen die Mitte des Ganzen auf die § 39 angegebene

Weise gefunden: man zieht an beliebiger Stelle die mit _a b_ und

_b c_ parallelen Linien _e f_ und _f g_ (oder benüzt statt derselben

die Horizontlinie), um mittels der Diagonalen _c e_ und _a g_ den

gewünschten Punkt zu erhalten, in welchem jene Senkrechte zu errichten

ist.

[Illustration: Fig. 44.]

Häufig kann man sich auch damit begnügen, die 2 äusseren Senkrechten z.

B. in Fig. 44 _e a_ und _g c_, nach oben zu verlängern und die Spize in

die Mitte zwischen beide zu verlegen. Das Resultat stimmt zwar nicht

immer vollständig mit dem der genauen Berechnung überein, doch ist die

Abweichung eine so geringe, dass die richtige Wirkung nicht dadurch

beeinträchtigt wird; vgl. Fig. 45.

§ 52. In Fig. 45 sind zuerst von _a_, _b_ und _c_ aus 3 Linien nach

einem tiefer liegenden Punkte _o_ der senkrechten Mittellinie gezogen,

hierauf an beliebiger Stelle die mit _a b_ und _b c_ parallelen Linien

_k m_ und _m n_ und von den Punkten _k_, _m_ und _n_ 3 Linien nach der

höher liegenden Spize _p_.

[Illustration: Fig. 45.]

Die Construction von Fig. 46 ist hienach leicht zu verstehen. In Fig.

47 sind von _a_, _b_ und _c_ aus zuerst 3 Linien nach dem höher in

der Mittellinie liegenden Punkt _p_, hierauf die mit _a b_ und _b c_

parallelen _d e_ und _e f_, und nach dem tiefer liegenden Punkt _o_ die

Linien _d o_, _e o_ und _f o_ gezogen.

[Illustration: Fig. 46.]

[Illustration: Fig. 47.]

§ 53. Bei der in Fig. 48 und 49 dargestellten Dachform liegen die

Punkte _E_ und _F_ senkrecht über den Punkten _m_ und _n_, welche

ihrerseits in der Mittellinie _a b_ des Rechtecks _A B C D_ liegen.

_m a_ ist in Wirklichkeit = _n b_; denken wir uns die senkrecht

über _A B_ und _C D_ stehenden Giebelwände _A B d_ und _D C f_

hinzugezeichnet, so wäre auch _E d_ = _F f_. Gewöhnlich haben die

beiden schrägen Dreiecke (_A B E_ und _D C F_) denselben Neigungswinkel

wie die anstossenden Breitseiten des Daches. In diesem Fall müssen die

senkrecht unter _E_ und _F_ liegenden Punkte _m_ und _n_ Mittelpunkte

zweier Quadrate sein, deren Seiten = _A B_ sind, so dass _m a_ = _A a_

wäre. Doch ist die Form auch dann eine richtige, wenn angenommen wird,

dass der Neigungswinkel jener Flächen (_A B E_ und _A E F D_) ein

verschiedener sei. Die Hauptsache ist, dass _E_ und _F_ von _d_ und

_f_ oder _m_ und _n_ von _a_ und _b_ gleich weit entfernt sind, mit

andern Worten, dass die beiden Dreiecke _A B E_ und _C D F_ die gleiche

Neigung haben. Zu diesem Zweck bestimme man in Fig. 48, angenommen,

dass _A B E_ und _A D_ gegeben seien, die perspectivische Mitte der

Firstlinie in _h_ (mittels _A C_ und _B D_ oder _B z_ und _D y_) bilde

das Rechteck _E h e c_ und ziehe _c F_ durch die Mitte von _h e_, so

ist _F h_ perspectivisch = _E h_. Oder man verbinde (Fig. 49) den

Halbierungspunkt _r_ der Linie _A D_ mit _h_, der wie oben gefundenen

Mitte der Firstlinie, ziehe die Diagonale _E D_ und durch den Punkt, in

welchem _E D_ und _r h_ sich schneiden, eine Linie von _A_ nach _F_.

[Illustration: Fig. 48.]

[Illustration: Fig. 49.]

Oder auch man bestimme, nachdem _A B E_ und _A D_ (Fig. 49) gegeben

sind, die perspectivische Mitte von _A B_ und _C D_, also die Punkte

_a_ und _b_, ziehe von _a_ durch _E_ eine Linie nach der senkrechten

Mittellinie des Ganzen (errichtet im Schnittpunkte der Diagonalen _B z_

und _D y_) und von _o_ eine Linie nach _b_, welche die Firstlinie in

_F_ schneidet.

§ 54. Um das Dach Fig. 50 zu construieren, wird zuerst die einfache

Dachform _C A a g h_ und an beliebiger Stelle die Wagrechte _e f_

parallel mit _A a_, sowie _e c_ parallel mit _A C_ gezeichnet. Die

perspectivische Mitte von _A C_ ist _m_, eine Linie von hier durch den

Schnittpunkt _i_ ergibt den Punkt _n_ als Mitte der Firstlinie. Die

Lage des einen der beiden Punkte _D_ oder _d_ wird beliebig angenommen,

die des zweiten durch die Diagonalen _D c_ und _e d_, wie in Fig. 49, §

53, gefunden.

[Illustration: Fig. 50.]

Häufig wird es auch genügen, bei Darstellung von Dachformen wie Fig.

48--50 zuerst die gewöhnliche Dachform mit senkrechten Giebelwänden

oder die perspectivische Mitte der Firstlinie anzugeben und nach dem

Ermessen des Auges den ferneren der beiden geometrisch gleich grossen

Teile kleiner zu zeichnen, als den näheren, also z. B. in Fig. 50 dafür

zu sorgen, dass _n d_ kleiner sei als _D n_, _d h_ kleiner als _g D_.

§ 55. Wenn in einem Dach von der Fig. 48--50 dargestellten Form

Dachfenster wie in Fig. 43 gezeichnet werden sollen, so muss die

schräge Mittellinie der betreffenden Seite gesucht werden. In Fig. 51

z. B. muss die Linie _e d_ perspectivisch parallel sein mit _c D_;

wäre das Dachfenster nicht in der Mitte von _A B D_, so müsste eine

mit _c D_ parallele Linie entsprechend der Linie _a b_ in Fig. 43

gezeichnet und sodann wie dort weiter verfahren werden.

[Illustration: Fig. 51.]

Auf der anstossenden Seite _A C E D_ müssen _a b_, _f g_ u. s. w.

parallel sein mit der Mittellinie _m n_. In Fig. 53 wäre _f c_ am

unteren, _c z_ am oberen Teil massgebend für die schrägen Linien eines

Dachfensters.

§ 56. Fig. 52, ein Staffelgiebel, ist so construiert, dass zuerst die

einfache Dachform _a b c g e_ und die parallel mit _a c_ von _f_ und

_d_ ausgehenden Linien gezeichnet wurden (_d g_ kleiner als _f c_). Um

die Höhe der einzelnen Absäze zu bestimmen, ist in _k_ eine über _a_

hinausreichende Senkrechte _k z_ errichtet und in die erforderliche

Anzahl von gleichen Teilen geteilt. Durch die Teilungspunkte sind

die Linien _m n_, _o p_ u. s. w. und nach dem Fluchtpunkt der

andern Seite _m i_, _o h_ u. s. w. gezogen. Das Weitere ist aus den

Constructionslinien der Fig. 52 leicht zu ersehen.

[Illustration: Fig. 52.]

§ 57. Die Form eines Mansardendaches Fig. 53 ist stets eine solche,

dass die 4 Seiten des unteren und ihrerseits diejenigen des oberen

Teiles denselben Neigungswinkel haben. Es muss daher, wenn _A B_ und

_A C_ gegeben sind, von _A C_ ein Teil _A f_ abgeschnitten werden,

welcher perspectivisch = _A B_ ist, so dass die senkrechte Linie, in

welcher die Punkte _k_ und _d_ liegen müssen, über der Mitte eines

Quadrats (_A B p f_) oder über dem Schnittpunkt der Diagonalen _B m_

und _f n_ errichtet werden kann. Nachdem nun _A a_, _a b_, _B b_, _a d_

und _b d_ gezeichnet sind (vergl. § 52, Fig. 47), so werden die von

_a_, _d_ und _k_ parallel mit _A C_ ausgehenden Linien gezogen; _i_

ergibt sich auf die § 53, Fig. 48 gezeigte Weise (nachdem _z_ als Mitte

der Firstlinie bestimmt ist), _e_ durch eine von _i_ abwärts gezogene

Senkrechte, _g_ durch eine Linie von _i_ nach _C_.

[Illustration: Fig. 53.]

§ 58. Der Turmhelm Fig. 54 und 55 ist eine an Bauten des romanischen

Stils häufige Form: die 4 Seiten des quadratischen Turms schliessen

oben mit 4 Giebeln ab, von deren Spizen 4 Linien nach der Turmspize

gehen und so mit den Giebellinien 4 rautenförmige Flächen bilden.

Zunächst müssen die Giebelspizen in gleicher Höhe liegen; angenommen,

dass in Fig. 54 _a b d_ und _a c_ gegeben seien, so können die

senkrechten Ecklinien von _a_ und _b_ nach oben verlängert werden,

bis sie eine parallel mit _a b_ durch _d_ gezogene Wagrechte treffen;

eine Wagrechte von _g_ aus parallel mit _a c_ und eine Senkrechte über

der perspectivischen Mitte von _a c_ ergeben sodann den Punkt _f_,

eine gleichfalls mit _a c_ parallele Linie von _h_ und eine mit _a b_

parallele Linie von _f_ aus den Punkt _e_ (vergl. Fig. 56).

[Illustration: Fig. 54.]

[Illustration: Fig. 55.]

In Fig. 55 ist die Stellung des Turmes eine solche, dass nur eine der

oberen 4 Flächen und keine der Umrisslinien des dritten Giebelfeldes

zu sehen ist. Die Höhe des zweiten Giebels ist hier dadurch gefunden,

dass, nachdem _a c f_ und die Linie _a b_ gezeichnet waren, von _f_

eine mit _a b_ parallele Wagrechte bis zur senkrechten Mittellinie des

ganzen Turmes, d. h. bis _o_ und von hier eine mit _a c_ parallele

Linie bis zu der in der Mitte von _a b_ errichteten Senkrechten gezogen

wurde, wodurch _d_ als Spize des rechtseitigen Giebels gegeben ist.

[Illustration: Fig. 56.]

So könnte auch in Fig. 54 statt der oben angewendeten Construction

von _d_ eine mit _a c_ parallele Wagrechte nach der senkrechten

Mittellinie, durch den so gewonnenen Punkt _o_ eine mit _a b_ parallele

Linie und hierauf _b e_ perspectivisch parallel mit _a f_ gezogen

werden (vergl. Fig. 56).

Ferner muss, damit _a i_ eine gerade Linie, _a d i f_ eine Fläche sei,

_a d_ und _a f_ = _d i_ und _f i_ sein; _a d f_ und _i d f_ sind in

Wirklichkeit 2 einander gleiche Dreiecke, _o i_ muss daher = _k o_

sein. Oder kann zu demselben Zweck die senkrechte Mittellinie eines

Giebelfeldes z. B. _m f_ benüzt werden: _f p_ wird = _m f_ gemacht und

eine mit _a b_ parallele Linie von _p_ nach der senkrechten Mittellinie

des ganzen Turmes gezogen.

§ 59. Soll ein viereckiges Türmchen an beliebiger Stelle auf ein

Giebeldach gesezt werden, wie in Fig. 57, so geht die Construction am

besten von der mit _a b_ parallelen Linie _c d_ aus, deren Länge nach

Gutdünken bestimmt wird. Man errichtet über _c_ und _d_ 2 Senkrechte,

bildet mit denselben ein Rechteck _m n o p_ und zieht aus _n_ durch den

Halbierungspunkt von _m o_ eine Linie, welche in _f_ die verlängerte

_o p_ trifft und damit die Breite der ganzen Seite angibt. Für die

perspectivische Breite der anstossenden Seite _p g e c_ sind, wenn sie

genau berechnet werden soll, die im folgenden Abschnitt enthaltenen

Regeln über die Construction des Quadrats massgebend.

[Illustration: Fig. 57.]

In Fig. 58 ist ein ähnliches Türmchen auf die Mitte eines Giebeldaches

gesezt. Ist wie hier die Grundfläche ein Quadrat, d. h. _a b_ = _b c_,

so ist wie bei Fig. 46 zu verfahren, nachdem von _i_, der Mitte der

Firstlinie, die Linien _i a_, _i b_ und _i c_ gezogen sind. Ist _a b_

länger als _b c_ oder umgekehrt, so schneide man von der Mitte der

Firstlinie aus 2 perspectivisch gleich grosse Teile _i d_ und _i e_

entsprechend der gewünschten Grösse des oberen Türmchens ab, ziehe von

_d_ und _e_ 2 schräge Linien parallel mit den Seitenlinien des Dachs

abwärts und verfahre wie bei Fig. 57.

[Illustration: Fig. 58.]

In Fig. 59 ist zuerst der Turmaufsaz über _a b g h_ wie oben mittels

der Linien _d a_, _d b_ und _d c_ construiert (vergl. Fig. 55, 56 und

57), die Punkte _f_ und _e_ ergeben sich sodann durch die senkrechten

Mittellinien der beiden Seiten des Turmaufsazes.

[Illustration: Fig. 59.]

§ 60. Fig. 60 ist zuerst geradlinig wie Fig. 47 construiert, wodurch

die für die perspectivische Schweifung der Ecklinien wichtigen Punkte

_n_, _m_ und _k_ gewonnen werden.

[Illustration: Fig. 60.]

In Fig. 61 ist zuerst _a b c d_ gezeichnet, sodann (vergl. Fig. 45) die

Lage der Punkte _k m n_ bestimmt, von welchen die geschweiften Linien

ausgehen, ferner die Lage der 3 Punkte, an welchen sie ihre stärkste

Ausladung haben. Diese Punkte liegen ebenso wie _k m n_ in 2 mit _a b_

und _b c_ parallelen Linien und ergeben sich, je nachdem die Ausladung

eine stärkere oder schwächere ist, durch Verlängerung der senkrechten

Ecklinien, wie _x y z_ oder dadurch, dass von andern in gleicher

Höhe liegenden Punkten der Linien _a d_, _b d_, _c d_, oder ihrer

Verlängerung, z. B. von _e_, _f_ und _g_, 3 Senkrechte und zwischen

diesen in entsprechender Höhe 2 mit _a b_ und _b c_ parallele Wagrechte

wie _o h_ und _o i_ gezogen werden.

[Illustration: Fig. 61.]

§ 61. In Fig. 62 ist schliesslich gezeigt, wie auf Grund der bisher

angewandten Constructionslinien vorspringende Dächer zu zeichnen sind.

[Illustration: Fig. 62.]

Nachdem _A_ als vordere Ecke des Daches angenommen wurde, sind die mit

_a b_, _b c_, _a c_ und _a t_[6] parallelen Linien _A B_, _B C_, _A C_

und _A D_ gezeichnet. _C d_ und _e f_ sind parallel mit _A D_, _m n_

und _o p_ mit _A C_. _z y_ ist geometrisch = _B b_, aber entfernter,

muss also entsprechend kleiner sein als _B b_. Selbstverständlich wird

die Mitte der Giebelseiten bezeichnet durch die von _b_ und _h_ abwärts

gezogenen Senkrechten und dürfen hiezu nicht die Punkte _B_ und _g_

benüzt werden.

[6]: Statt des bei _k_ und _D_ stehenden Buchstaben _b_ ist ein _t_

zu sezen.

Lehrbuch der Perspective · 第 17 / 20 题