II. Grundbegriffe der Perspective.

Unterschied der geometrischen und perspectivischen Form.

§ 6. Einen Gegenstand perspectivisch zeichnen heisst ihn so zeichnen,

wie er dem Auge erscheint, wenn wir ihn von einem bestimmten

Standpunkte aus betrachten. Dieses scheinbare oder ~perspectivische

Bild~ der Dinge ist vielfach verschieden von der Form, welche sie

in Wirklichkeit haben, d. h. ihrer ~geometrischen Form~; während

leztere unverändert bleibt, ändert sich die perspectivische Form eines

Gegenstands mit jeder Veränderung unseres Standpunkts oder mit jeder

Veränderung in der Stellung des betreffenden Gegenstandes.

Die geometrische Form eines Würfels (cubus) ist z. B. die eines

Körpers, welcher von 6 gleich grossen quadratischen, rechtwinklig

aneinanderstossenden Flächen begrenzt wird. Die Umrisslinien dieser

Flächen sind geometrisch gleich lang, ihre geometrische Richtung

ist, wenn wir den Würfel auf eine wagrechte Fläche stellen, teils

senkrecht, teils wagrecht, sie stehen geometrisch teils parallel, teils

rechtwinklig zu einander. Stellen wir aber mehrere in Wirklichkeit

gleich grosse Würfel in verschiedener Stellung und Entfernung

vor uns, oder betrachten wir denselben Würfel von verschiedenen

Standpunkten aus, so erhalten wir sehr verschiedene Bilder, wie

Fig. 11 zeigt: während einige Linien, wie _a b_, _b c_, _c d_ in

_A_, ihre geometrische Richtung und Länge behalten, erscheint ein

Teil der geometrisch wagrechten Linien schräg, wie _c e_ in _A_,

_a b_, _a g_, _c d_, _c e_, _d f_ und _e f_ in _B_, zuweilen auch

senkrecht, wie _d f_ in _A_; geometrisch parallele Linien erscheinen

nicht mehr parallel, wie _c e_ und _d f_ in _A_, von den geometrisch

gleich grossen Linien und Flächen erscheint bald die eine, bald die

andere grösser oder kleiner u. s. w. Und während in Wirklichkeit die

Gegenstände und ihre einzelnen Teile und Linien nicht nur neben und

über einander, sondern auch in den verschiedensten Entfernungen vor und

hinter einander liegen, sehen wir sie perspectivisch so, als ob sie

in einer senkrechten Fläche sämtlich neben und über einander lägen,

weshalb wir denn auch auf der Fläche des Papiers, der Leinwand u. s.

w. das naturgetreue Bild eines Gegenstandes wiedergeben können. Die

deutlichste Anschauung hievon gibt das fotografische Abbild oder

das Spiegelbild. Wenn wir einen Gegenstand, ohne unser Auge von der

Stelle zu bewegen, so wie wir ihn in einem Spiegel oder durch eine

Fensterscheibe sehen, auf der Fläche des Glases nachzeichnen, so

erhalten wir sein genaues perspectivisches Bild.

[Illustration: Fig. 11.]

§ 7. Es ist die Erfahrung und Übung des Auges, welche bewirkt, dass wir

die perspectivische Form, in der wir die Dinge sehen, nicht mit ihrer

wirklichen oder geometrischen Form verwechseln, sondern uns auch da,

wo die erstere von der lezteren abweicht, eine allerdings nicht immer

genaue Vorstellung von der wirklichen Form des betreffenden Gegenstands

machen können; dass wir z. B. bei Betrachtung von mehreren, wie _A_,

_B_, _C_, _D_, _E_, _F_, _G_ Fig. 11 sich darstellenden Würfeln uns

ihrer verschiedenen Entfernung von unserem Standpunkt, der geometrisch

wagrechten und parallelen Richtung der Linien _c e_, _d f_ u. s. w. in

_A_, der geometrisch gleichen Länge sämtlicher Umrisslinien der Würfel

bewusst sind.

Ja, diese auf der Erfahrung unseres Auges beruhende Kenntnis der

geometrischen Form bildet ein nicht unwesentliches Hindernis für die

richtige Auffassung des perspectivischen Bildes.[2] Unbewusst halten

wir in dem häufigen und mannigfachen Wechsel der perspectivischen

Erscheinung die Vorstellung der geometrischen Form fest und der

ungeübte Zeichner ist deshalb stets geneigt, auch wo das seinem

Auge sich darbietende Bild eines Gegenstands von dessen wirklicher

Form erheblich abweicht, die leztere an Stelle des ersteren zu

sezen, oder wenigstens mehr als richtig ist, der geometrischen Form

nahe zu bleiben. Er wird z. B. Flächen oder Linien, welche von dem

angenommenen Standpunkt aus im Verhältnis zu andern kleiner erscheinen,

als sie in Wirklichkeit sind, fast immer zu gross, in Fig. 12 z. B.

_a b_ statt _i g_ (das linke Bild als das richtige angenommen),

geometrisch rechtwinklige Linien, welche perspectivisch einen stumpfen

oder spizen Winkel bilden, meist so zeichnen, dass sie wenigstens

annähernd rechtwinklig zu einander stehen, vgl. _c_, _d_, _e_, _f_

statt _m_, _n_, _o_, _p_; erscheint eine geometrisch wagrechte Linie

perspectivisch schräg, so wird er sie zu wenig von der wagrechten

Richtung abweichen lassen, vgl. _a b_ u. s. w.

[2]: Mit dem Ausdruck »Bild« wird sowohl der perspectivisch

gesehene Gegenstand selbst, als die perspectivische Darstellung

desselben bezeichnet.

[Illustration: Fig. 12.]

§ 8. ~Jede Berechnung einer perspectivischen Form muss zunächst

ausgehen von der geometrischen Form des betreffenden Gegenstands~: um

zu berechnen, welche Richtung und welche Länge eine bestimmte Linie

unseres Bildes haben soll, müssen wir die wirkliche Richtung und Länge

der betreffenden Linie kennen und nur soweit, als wir diese genau

anzugeben vermögen, ist ein genaues Resultat unserer Berechnung möglich.

Aber, wie bereits angedeutet, ist unsere Beurteilung der geometrischen

Form nicht eine unbedingt sichere und genaue, wenn wir (siehe

Vorwort) voraussezen, dass wir ohne Hilfe von Messungen am Gegenstand

die wirkliche Form desselben nur auf Grund unserer Anschauung und

Erfahrung uns klar zu machen haben.

~Auch ein geübtes Auge vermag die geometrische Form der Dinge nur

dann mit vollkommener Bestimmtheit und Genauigkeit zu erkennen, wenn

dieselbe eine regelmässige, durch die Natur des Gegenstands notwendig

bedingte und dem Auge aus Erfahrung bekannte, nicht aber, wenn sie

unregelmässig, zufällig und willkürlich ist. Unsere Berechnung wird

sich daher nur auf Formen der ersteren Art erstrecken.~

Teils aus diesem Grunde, teils weil wir bei Ausführung einer

perspectivischen Berechnung auf das Lineal angewiesen sind, haben

wir es zunächst nur mit geraden Linien zu thun. Doch ist damit

die Anwendung der perspectivischen Regeln auf Formen, welche

nicht geradlinige Umrisse haben, nicht ausgeschlossen, indem wir

mittels gerader Linien die Lage einzelner wichtiger Punkte ihres

perspectivischen Bildes berechnen können, von welchen aus das Übrige

sich leicht aus freier Hand ergänzen lässt, wie dies z. B. bei der

Darstellung eines von der Seite gesehenen Kreises geschieht, vgl. Fig.

93 und 94.

§ 9. Welche Linienrichtungen und Grössenverhältnisse sind nun als

regelmässig und notwendig, welche als willkürlich anzusehen?

Bei aufmerksamer Betrachtung von Gegenständen der verschiedensten Art

werden wir finden, dass es meist durch die Natur des betreffenden

Gegenstandes bedingt und, auch wenn das perspectivische Bild von

der geometrischen Form abweicht, deutlich wahrnehmbar ist, ob eine

Linie geometrisch senkrecht, wagrecht, oder schräg ist, welche Linien

geometrisch parallel, welche rechtwinklig zu einander stehen. Dasselbe

gilt von den symmetrischen Grössenverhältnissen. (Da die Entfernung

zweier Punkte von einander nach der Länge einer zwischen ihnen

gezogenen geraden Linie bemessen wird, so bezieht sich das Gesagte auch

auf die perspectivischen Entfernungen).

Wo dagegen Linien in einem spizen oder stumpfen Winkel zu einander

stehen, ist die geometrische Größe dieses Winkels meist zufällig und

willkürlich. (Eine Ausnahme bilden die Winkel, in welchen die Linien

mancher geometrischen Figuren zu einander stehen, z. B. die Diagonalen

eines Quadrats zu dessen Seiten, die Seiten eines gleichseitigen

Dreiecks, eines Sechsecks, Achtecks u. s. w. zu einander). Alle

Grössenverhältnisse, mit Ausnahme der symmetrischen, sind mehr oder

weniger willkürlich.

§ 10. Nehmen wir z. B. an, dass das Haus Fig. 13 und das Zimmer Fig.

14 so, wie sie hier gezeichnet sind, in Wirklichkeit vor uns stehen

und dass die geometrische Richtung und Länge der verschiedenen Linien

angegeben werden soll.

[Illustration: Fig. 13.]

Leicht erkennbar sind überall die senkrechten Linien, da ihre Richtung

stets unverändert dieselbe ist. Beispiele geometrisch wagrechter

Linien sind in beiden Figuren die mit _a_, _b_, _c_, _d_, _e_, _f_,

_g_, _h_ bezeichneten Linien, geometrisch schräg sind in Fig. 13 _i_,

_h_, _k_, _m_, _n_, _o_. Geometrisch parallel sind in Fig. 13 die

Wagrechten _a a_ und _b_, sodann die mit _c_ und die mit _e_, ferner

die mit _f_ bezeichneten Linien und die schrägen Linien _i i_, sowie

_o o_. In Fig. 14 sind geometrisch parallel die mit _e_, sodann die

mit _f_ bezeichneten Linien; ebenso _a_ und _b_, _c_ und _d_, _g_ und

_h_. Geometrisch rechtwinklig stehen zu einander in beiden Figuren die

Linien _a_ und _b_ zu _c_ und _d_, ferner die Linien _e_ zu _f_.

[Illustration: Fig. 14.]

In Fig. 13 haben die 5 Fenster des ersten Stockwerks in Wirklichkeit

gleiche Höhe, und Breite, die Entfernungen der Fenster von einander und

von den Ecken sind je auf einer Seite geometrisch gleich gross, die

Giebellinien _i_ und _k_ sind geometrisch gleich lang, ebenso in Fig.

14 die 4 Tischbeine, die 2 senkrechten Linien der Thüre (zwischen _g_

und _h_) u. s. w.

Die rasche und sichere Auffassung solcher geometrischen

Linienrichtungen und Grössenverhältnisse erfordert immerhin einige

Übung. Dass die geometrisch schräge Linie _m_ Fig. 13 (oder die

geometrisch wagrechte _a b_ Fig. 29) mit einer Senkrechten

verwechselt werde, ist kaum zu befürchten; leichter geschieht es, dass

der Anfänger die geometrisch parallele oder rechtwinklige Stellung von

Linien übersieht, welche nicht in Einer Fläche liegen oder wegen ihrer

geringen Länge wenig in's Auge fallen (z. B. dass die Linie _b_, Fig.

13 geometrisch parallel ist mit _a a_). Bei einiger Aufmerksamkeit

gewöhnt sich jedoch das Auge bald an eine richtige Unterscheidung der

angeführten Linienrichtungen und Grössenverhältnisse.

Aber weder unser Auge noch unsere Erfahrung sagen uns genau, wie gross

in Wirklichkeit der Winkel ist, in welchem die Linien _i_ und _k_

Fig. 13 zu der darunter liegenden Wagrechten _c_, oder in Fig. 14 die

Linien _a_ und _b_, _c_ und _d_ oder _g_ und _h_ zu _e e_ stehen, wie

breit in Wirklichkeit die linke Seite des Hauses Fig. 13 im Verhältnis

zur rechten, das Fenster Fig. 14 im Verhältnis zur vorderen, dieser

zum anstossenden Tischrand ist; denn alle diese Winkelstellungen und

Grössenverhältnisse ergeben sich nicht aus der Natur des Gegenstandes;

sie sind zufälliger Art.

§ 11. Da die zufälligen und willkürlichen Linienrichtungen,

Winkelstellungen und Grössenverhältnisse, deren Darstellung wir dem

Auge und der Übung des Zeichners überlassen, überall häufig vorkommen,

in der landschaftlichen Natur sogar weit vorherrschen über das

Regelmässige und Notwendige der Form, so könnte es scheinen, als ob

die Anwendung und der Nuzen perspectivischer Geseze und Studien sehr

beschränkt sei. Aber es ist klar, dass die Genauigkeit der Zeichnung

eine um so grössere sein muss, die Kenntnis und Anwendung bestimmter

Regeln daher um so notwendiger ist, je bekannter und regelmässiger die

darzustellenden Formen sind, während unregelmässige und willkürliche

Formen der Darstellung eine grössere Freiheit gestatten. Hievon

abgesehen beruht der Wert perspectivischer Studien nicht allein darin,

dass sie uns in Stand sezen, das perspectivische Bild eines Gegenstands

mathematisch zu berechnen, sondern wir lernen durch dieselben

überhaupt die Eindrücke des Auges mit richtigerem und klarerem

Verständnis aufzufassen und infolge dessen auch da, wo keine genauere

Berechnung stattfindet, richtiger wiederzugeben.

Der Standpunkt; Sehkreis, Augpunkt, Horizont.

§ 12. Nächst der geometrischen Richtung und Länge der Linien ist es

ihre Stellung zu unserem Auge, oder, was dasselbe ist, unseres Auges

zu ihnen, d. h. ~unser Standpunkt~, wovon das perspectivische Bild

abhängt. Gewöhnlich versteht man unter Standpunkt die Stelle, auf

welcher wir stehen oder sizen; im Sinne der genauen perspectivischen

Berechnung jedoch verstehen wir darunter ~den Punkt, wo unser Auge sich

befindet~. Der Unterschied zwischen rechtem und linkem Auge kommt dabei

nicht in Betracht wegen der als notwendig vorausgesetzten Entfernung

unseres Standpunkts von dem zu zeichnenden Gegenstand.

[Illustration: Fig. 15.]

Da wir nach allen Richtungen gleich viel übersehen, so bildet der

Umfang dessen, was wir mit Einem Blick erfassen können, einen --

selbstverständlich nicht bestimmt abgegrenzten -- Kreis, unsern

~Sehkreis~, vgl. Fig. 15. Der Mittelpunkt desselben, _P_, ist der

Punkt, welcher dem Auge gerade gegenüber liegt und heisst der

~Augpunkt~. Durch den Augpunkt denke man sich eine wagrechte den

Sehkreis in der Mitte durchschneidende und nach beiden Seiten über

denselben hinaus beliebig sich fortsezende Linie (_H H_) gezogen; dies

ist der perspectivische ~Horizont~. Die perspectivische Berechnung

geht von der Voraussezung aus, dass der Blick des Zeichners bei

aufrechter Haltung des Kopfes geradeaus gerichtet sei, so dass beide

Augen in einer wagrechten Linie liegen, welche wir unsere ~Augenlinie~

nennen. Mit dieser Linie parallel-laufend und in gleicher Höhe mit

ihr haben wir uns den Horizont zu denken. ~Eine von unserem Auge nach

dem Augpunkt gezogene Linie würde demnach rechtwinklig zu unserer

Augenlinie und zum Horizont stehen~ wie _D P_ zu _H H_ in Fig. 15. Man

denke sich die Zeichnung senkrecht stehend und _D P_ als wagrechte

rechtwinklig zu _H H_ stehende Linie, vgl. Fig. 16.

[Illustration: Fig. 16.]

Im gewöhnlichen Sprachgebrauch bedeutet Horizont die Linie, welche

die sichtbaren Gegenstände gegen den Himmel abgrenzt, es sei dies

eine Berglinie, oder der obere Umriss von Gebäuden u. s. w. Dieser

sogenannte scheinbare Horizont ist zugleich unser perspectivischer,

wenn wir eine wagrechte, soweit das Auge reicht vor uns ausgedehnte

Fläche überblicken. Eine solche Fläche erscheint gegen den Himmel

begrenzt durch eine wagrechte in gleicher Höhe mit unserem Auge

liegende Linie, wie uns am deutlichsten die Meeresfläche zeigt: je

tiefer wir stehen, desto schmaler, je höher wir stehen, desto breiter

erscheint uns dieselbe, mit unserem Standpunkt scheint auch die

Grenzlinie des Meeres höher oder tiefer zu rücken,[3] vgl. Fig. 17 und

18.

[3]: Man könnte aus der Kugelgestalt der Erde schliessen, dass

die Grenzlinie der Meeresfläche oder einer grossen Ebene nicht

eine gerade Linie sei und nicht genau in der Höhe des Auges liege.

Aber im Verhältnis zur Grösse des Erdballs ist der Teil, welchen

wir mit Einem Blick übersehen können, so klein, dass er wie eine

wagrechte Fläche, seine Grenzlinie vollständig wagrecht erscheint

und angenommen werden kann, dass leztere in gleicher Höhe mit dem

Auge liege.

[Illustration: Fig. 17 und 18.]

§ 13. Indem wir Augpunkt und Horizont auf unserer Zeichnung angeben

(was in sämtlichen Figuren durch die Buchstaben _P_ und _H H_ geschehen

ist), bezeichnen wir damit die ~Höhe~ und die ~Richtung~, aus welcher

wir den betreffenden Gegenstand sehen und zeichnen. In Fig. 15 haben

wir uns demnach den Zeichner in der Fortsezung der Linie _e f_ stehend

oder sizend zu denken, so dass sein Auge dem Punkte _P_ gerade

gegenüber und in gleicher Höhe mit diesem und mit der Linie _H H_ sich

befände, vgl. Fig. 16.

Um beim Zeichnen nach der Natur Augpunkt und Horizont an der richtigen

Stelle anzugeben, muss man zuvor, so gut dies ohne Berechnung möglich,

eine Skizze der Hauptlinien des Bildes nach ihren ungefähren

Verhältnissen entworfen haben. Hält man hierauf einen Bleistift, den

Rand des Zeichenblattes oder dgl. wagrecht in gleicher Höhe mit dem

Auge vor sich, so ist es nicht schwer, die Höhe zu ersehen, in welcher

der Gegenstand von der Horizontlinie durchschnitten wird und auf

derselben die dem Auge gerade gegenüberliegende Stelle zu bestimmen.

Gewöhnlich wird übrigens nicht der ganze Umfang des Sehkreises als Bild

verwendet. Wir pflegen vielmehr der Zeichnung die Form eines Rechtecks

zu geben, welches in der Regel so abgegrenzt wird, dass Horizont und

Augpunkt nicht in der Mitte, aber auch nicht zu nahe am Rande desselben

liegen, vgl. Fig. 17 und 18.

Die Distanz.

§ 14. Unter der ~Entfernung unseres Standpunkts~ oder der ~Distanz~ ist

zu verstehen ~unsere Entfernung von den uns zunächst liegenden Teilen

des zu zeichnenden Gegenstands~. Häufig liegt der nächste Vordergrund

in der wagrechten Fortsezung der Fläche, auf welcher wir unsern

Standpunkt genommen haben und bildet so den untern Rand der Zeichnung,

wie in Fig. 13--15. Ziehen wir in solchem Fall eine Linie von unserem

Fuss nach dem gerade gegenüber liegenden Punkt der Vordergrundlinie,

dem sog. ~Fusspunkt~, so bezeichnet die Länge dieser Linie (_F f_ Fig.

16) die genaue Grösse unserer Distanz.

Denken wir uns, dass anstossend an den Teil unseres Gegenstands,

welcher unserem Auge am nächsten liegt, z. B. in Fig. 15 und 16 auf der

Linie _a b_, eine grosse unser ganzes Bild umfassende Glastafel stehe

und dass Augpunkt, Horizont und Fusspunkt in der senkrechten Fläche

dieser Tafel (der sogenannten Bildfläche) liegen, so wäre eine Linie

vom Auge nach dem Augpunkt eben so lang, als eine Linie von unserem

Fusse nach dem Fusspunkt (vgl. _D P_ und _F f_ Fig. 16) und könnte

ebenso als Mass der Distanz gebraucht werden. In diesem Sinne ist es zu

verstehen, wenn gesagt wird, die Distanz bedeute die Entfernung unseres

Auges vom Augpunkt, und so oft von dieser die Rede ist, muss man sich

das zu zeichnende Bild in der angeführten Weise als eine senkrechte

Fläche vorstellen, wie wir es im Spiegelbilde sehen.

§ 15. ~Die Entfernung des Standpunkts muss wenigstens so gross sein,

dass der Zeichner gerade aus in der Richtung des Augpunkts blickend und

ohne das Auge nach der Seite, nach oben oder unten zu wenden, alles,

was er in sein Bild aufnehmen will, deutlich übersehen kann.~

Denn da bei jeder Veränderung des Standpunkts das perspectivische

Bild des Gegenstands ein anderes wird, so ist die erste Bedingung

einer perspectivisch richtigen Zeichnung, dass das Ganze von ein und

demselben Standpunkt aus, d. h. aus derselben Höhe, Richtung und

Entfernung gezeichnet, die einmal angenommene Lage von Horizont und

Augpunkt, sowie die Grösse der Distanz unverändert beibehalten werde.

Sobald wir aber die Richtung unseres Blickes verändern, so ändert sich

die Lage unseres Augpunkts und somit unser Standpunkt.

Die Grösse der Distanz muss demgemäss in einem gewissen Verhältnis zum

Umfang des zu zeichnenden Gegenstandes stehen: je grösser derselbe sein

soll, desto grösser muss auch die Distanz sein.

§ 16. Man nimmt an, dass das Auge eine ihm senkrecht gegenüberstehende

kreisrunde oder quadratische Fläche vollständig in der angeführten

Weise übersehen kann, wenn seine Entfernung vom Mittelpunkt dieser

Fläche wenigstens so gross ist, als ein Durchmesser oder eine Diagonale

derselben. Dabei ist vorausgesezt, dass sich das Auge dem Mittelpunkt

der Fläche gegenüber befinde.

Wenn wir uns z. B. das Quadrat _a b c d_ Fig. 15 als eine senkrecht vor

uns stehende Glastafel denken, deren Mittelpunkt unser Augpunkt und

deren Diagonale (_a c_ oder _b d_) 4-1/2 Meter lang wäre, so müsste

unser Auge von dem Mittelpunkt dieser Tafel wenigstens 4-1/2 Meter

entfernt sein, um ohne Veränderung des Standpunkts den ganzen Umfang

derselben übersehen zu können. Oder wenn in Fig. 16 _P_ Augpunkt des in

_F_ stehenden Beschauers und _a b c d_ eine quadratische Glastafel ist,

so müssen die Linien _D P_ und _F f_ wenigstens so lang sein wie _a c_

und _b d_, damit das Auge von _D_ aus die ganze Tafel und alles, was

durch dieselbe sichtbar ist, übersehen kann.

Befindet sich das Auge nicht dem Mittelpunkt der Bildfläche gegenüber,

so ist die Diagonale derselben noch kein hinreichendes Mass der

Distanz. Wenn wir z. B. dem Bilde _a b c d_ Fig. 15 so gegenüberstehen,

dass _m_ unser Augpunkt ist, so muss, um den von dem Viereck _a b c d_

umschlossenen Raum übersehen zu können, die Distanz wenigstens doppelt

so gross sein, als eine Linie von _m_ nach _b_ oder nach _c_, d. h.

eben so gross als für ein Rechteck _g b c k_ erforderlich wäre, dessen

Mittelpunkt _m_ ist oder für einen von _m_ aus durch _c_ und _b_

beschriebenen Kreis.

Dagegen kann die Distanz nach Belieben grösser angenommen werden.

§ 17. Natürlich ist das Gesagte nicht so aufzufassen, als ob innerhalb

eines bestimmten Umkreises alle Gegenstände gleich deutlich, jenseits

desselben undeutlich oder gar nicht mehr sichtbar wären, vielmehr nimmt

die Deutlichkeit derselben allmälig ab, je weiter sie sich vom Augpunkt

entfernen. Es ist aber für die perspectivische Berechnung notwendig,

eine Grenzlinie festzusezen, innerhalb deren eine hinreichende

Deutlichkeit des Bildes anzunehmen ist. Dieses Mass der kleinsten

Distanz ist in den perspectivischen Lehrbüchern verschieden angegeben,

wie auch der Umfang dessen, was mit Einem Blick zu übersehen ist,

nicht für jedes Auge gleich gross ist. Jedoch kann ohne Gefahr für

eine perspectivisch richtige Wirkung nicht wohl ein niedrigeres Mass

angenommen werden, als oben geschehen ist.

Ist es dem Zeichner durch die Raumverhältnisse unmöglich gemacht,

seinen Standpunkt in hinreichender Entfernung zu nehmen, so muss

mittels perspectivischer Berechnung das Ganze so gezeichnet werden, wie

es sich, in richtiger Entfernung gesehen, dem Auge darstellen würde.[4]

[4]: Ein geschickter Zeichner mag sich allerdings zuweilen

Abweichungen von dieser wie von andern Regeln gestatten, aber um

zu wissen, wo und wie er dies thun kann, ohne dass die Wirkung

seiner Zeichnung eine falsche oder zum mindesten unschöne wird,

muss er vor allem die Regel kennen, welche hiedurch nichts an ihrer

Giltigkeit verliert.

§ 18. Die Grösse der für eine Zeichnung angenommenen Distanz wird

ausgedrückt durch die ~Distanzpunkte~. Ein Distanzpunkt ist ein

senkrecht über oder unter dem Augpunkt oder seitwärts von diesem in der

Horizontlinie angegebener Punkt, dessen Entfernung vom Augpunkt (im

Verhältnis der Zeichnung) der Entfernung unseres Auges vom Augpunkt

oder unseres Fusses vom Fusspunkt entspricht. Ist z. B. in Fig. 15

die Linie _a b_ 3 Meter lang und ist die vom Zeichner für das Bild

_a b c d_ angenommene Distanz eine solche, dass sein Fuss von _f_, sein

Auge von dem (senkrecht über _f_ gedachten) Augpunkt _P_ 4-1/2 Meter

entfernt sich befindet, so sind _D_ und _Dg_ Distanzpunkte, indem eine

Linie von einem dieser 2 Punkte bis _P_ 1-1/2 mal so gross ist, als

_a b_.

Zur Unterscheidung werden wir die seitwärts vom Augpunkt liegenden

Distanzpunkte ~Diagonalpunkte~ nennen (_Dg_ und _Dp_). Von den beiden

andern ist stets der unterhalb des Augpunkts liegende verwendet und als

Distanzpunkt (_D_) bezeichnet.

Aus § 16 folgt, dass ein Distanzpunkt oder Diagonalpunkt nie innerhalb

der Zeichnung liegen kann, da ~seine Entfernung vom Augpunkt wenigstens

so gross sein muss, als eine Diagonale derselben, wenn der Augpunkt in

der Mitte des Bildes liegt, oder, wenn dies nicht der Fall ist, doppelt

so gross als eine Linie vom Augpunkt nach dem von ihm entferntesten

Punkte der Zeichnung~.

§ 19. Ein genaues Abmessen der Distanz ist natürlich in den meisten

Fällen nicht ausführbar und ist auch behufs Angabe der Distanzpunkte

nicht notwendig. ~Die Hauptsache ist, dass eine zu kleine Distanz

vermieden wird.~ Um sich beim Zeichnen nach der Natur zu versichern,

dass die angenommene Entfernung des Standpunkts eine für den

beabsichtigten Umfang des Bildes hinreichende sei, kann man sich eines

aus starker Pappe gefertigten Rahmens bedienen, dessen innerer Rand ein

Rechteck von 48 : 36 Centimeter bildet. Die Diagonale eines Rechtecks

von dieser Grösse entspricht ungefähr der durchschnittlichen Länge des

Arms; die Distanz ist also hinreichend gross, wenn der Rahmen, auf

Armeslänge vor das Auge gehalten, während der Blick auf den Augpunkt

gerichtet ist, den ganzen Gegenstand, welcher gezeichnet werden soll,

umschliesst, vgl. Fig. 16. Hiebei wird man sich leicht überzeugen,

dass der Umfang des innerhalb des Rahmens sichtbaren Bildes kleiner

oder grösser wird, je nachdem man, denselben vor sich haltend, dem

Gegenstande näher tritt oder sich von demselben entfernt.

§ 20. Wenn von der Entfernung einzelner Teile des Bildes von unserem

Standpunkt die Rede ist, so kommt dabei nicht in Betracht, ob dieselben

mehr in der Mitte oder nach dem Rande desselben liegen, da dies bei

richtiger Grösse der Distanz keinen für die perspectivische Berechnung

wesentlichen Unterschied macht, sondern es ist damit nur die Entfernung

in der Richtung vom Vordergrund nach dem Hintergrund zu gemeint. Um die

Entfernung eines Punktes oder einer Linie vom Auge in diesem Sinne zu

bezeichnen, gebraucht man häufig den Ausdruck »~Tiefe~«. Man kann z.

B. sagen: _a_ und _b_ Fig. 15 liegen in gleicher Tiefe, _a_ und _e_ in

verschiedener Tiefe.

Das Grundgesez der perspectivischen Formerscheinung. Unverkürzte und

verkürzte Stellung der Flächen und Linien.

§ 21. Das wichtigste und am meisten in die Augen fallende Gesez

der Perspective ist, ~dass alle Gegenstände kleiner zu werden

scheinen, je weiter sie sich von unserem Standpunkt entfernen~. Alle

perspectivischen Formveränderungen lassen sich auf dieses Gesez

zurückführen, dessen Begründung wir im Bau unseres Auges und der

hiedurch bedingten Art, wie sich in demselben die Gegenstände spiegeln,

zu suchen haben.

[Illustration: Fig. 19.]

Aus jenem Gesez folgt zunächst, dass nur eine Fläche, welche ganz

gerade vor uns steht, d. h. senkrecht und parallel mit unserer

Augenlinie, wie die Fläche _A_ Fig. 19, dem Auge genau so erscheinen

kann, wie sie in Wirklichkeit ist, mit andern Worten so, dass die

perspectivische Richtung und das perspectivische Grössenverhältnis

ihrer Umrisse und aller in ihr liegenden Linien mit deren geometrischer

Richtung und Länge übereinstimmt. Denn in diesem Fall befinden sich

sämtliche Teile der Fläche in gleicher Entfernung vom Auge (in

gleicher Tiefe). Sobald wir die Tafel _A_, während unser Standpunkt

derselbe bleibt, nach irgend einer Seite wenden, so liegen einzelne

Teile derselben in ungleicher Tiefe; die ferneren Teile erscheinen

infolge dessen verhältnismässig kleiner, als die näheren und die

perspectivische Form der ganzen Tafel wird hiedurch eine von ihrer

geometrischen Form verschiedene. In _B_ ist z. B. die Linie _b c_

ferner als _a d_, jene erscheint daher kürzer als diese, folglich

können die geometrisch parallelen Linien _a b_ und _d c_ nicht mehr

parallel und sie können nicht mehr beide rechtwinklig zu _a d_

und _b c_ erscheinen. Wird die Tafel _B_ in mehrere gleich grosse

senkrechte Streifen geteilt, so erscheinen diese nach der Linie _b c_

hin allmälig kleiner zu werden, die ganze Fläche erscheint daher

schmaler als bei der Stellung _A_, vgl. Fig. 11.

§ 22. Wenn eine Fläche oder Linie eine solche Stellung zum Auge hat

(unser Standpunkt zu ihr ein solcher ist), dass sämtliche Teile

derselben in gleicher Tiefe liegen, wie in Fig. 19 _A_ und die an _A_

befindlichen Linien, so nennt man dies die ~unverkürzte Stellung~;

eine Fläche oder Linie ist dagegen ~verkürzt~, wenn einzelne Teile

derselben dem Auge näher, andere ferner liegen. Unverkürzt sind also

in Fig. 19 die Flächen _A_ und _G_, sämtliche senkrechte Linien, die

wagrechten Linien _a b_ und _c d_ in _A_ und _D_, _a e_ in _G_, die

schrägen Linien _a c_ und _b d_ in _A_, _a d_ und _b c_ in _E_. Alle

übrigen Flächen und Linien sind verkürzt. (Man bemerke, dass zwar die

schräge ~Fläche~ _E_ verkürzt ist, da _b c_ ferner liegt als _a d_, die

schrägen ~Linien~ _a d_ und _b c_ aber in _E_ unverkürzt sind, indem

ihre beiden Endpunkte in gleicher Tiefe liegen).

~Die senkrechten Linien haben immer unverkürzte Stellung~, da ihre

beiden Endpunkte immer in gleicher Tiefe liegen. Eine senkrechte

_Fläche_ dagegen kann sowohl verkürzt sein wie _B_, als unverkürzt wie

_A_.

~Die unverkürzten wagrechten Linien eines Bildes sind parallel mit

unserer Augenlinie und mit dem Horizont, folglich auch parallel unter

sich.~ Wagrechte und schräge ~Flächen~ sind stets verkürzt.

§ 23. Für Anfänger ist es zweckmässig, einen Bleistift, ein Lineal oder

dergl. in der für die Zeichnung angenommenen Richtung der Augenlinie

und des Horizonts vor sich zu legen, um mit dieser Normallinie die

verschiedenen wagrechten Linien des Gegenstands vergleichen und

leichter unterscheiden zu können, ob sie unverkürzt oder verkürzt sind.

Sollte man in Betreff einer schrägen Linie im Zweifel sein, ob sie

unverkürzt oder verkürzt ist, so denke man sich dieselbe mit einer

senkrechten und einer wagrechten Linie zu einem Dreieck verbunden, wie

in _G_ die schräge Linie _a d_ mit _a e_ und _e d_ oder in _F_ die

Linie _b c_ mit _b e_ und _e c_. Man nennt dies das ~Massdreieck~ einer

schrägen Linie. Ist die wagrechte Linie dieses Dreiecks unverkürzt, wie

_a e_ in _G_, so ist es auch die schräge; ist erstere verkürzt, wie

_b e_ in _F_, so ist auch die schräge Linie verkürzt.

§ 24. ~Unverkürzte Linien, welche in gleicher Tiefe~ (in Einer

unverkürzten senkrechten Fläche) ~liegen~, wie sämtliche Linien der

Fläche _A_ Fig. 19, ~behalten ihre geometrische Richtung und ihr

geometrisches Grössenverhältnis~; sie erscheinen und werden gezeichnet

wie sie in Wirklichkeit sind; ~unverkürzte Linien in ungleicher Tiefe~,

wie _a d_ und _b c_ in _B_, _b c_ und _a d_ in _E_, ~behalten ihre

geometrische Richtung, nicht aber ihr geometrisches Grössenverhältnis~

(indem die ferneren kleiner erscheinen); ~die perspectivische Länge

der verkürzten Linien ist immer, ihre perspectivische Richtung in den

meisten Fällen verschieden von ihrer geometrischen Richtung und Länge~.

Wo die geometrische Richtung oder Länge einer Linie unverändert bleibt,

muss dieselbe entweder nach dem Augenmass oder mit Hilfe von Lineal

und Zirkel bestimmt werden. Wir bedürfen für solche Fälle keiner

perspectivischen Regel und Berechnung.

Lehrbuch der Perspective · 第 16 / 20 题