-- Apropos! Morgen soll im Restaurationssaale ein Subscriptionsball Statt
finden; auf diesem will ich mit der jungen Fürstin die Mazurka tanzen.
Den 29. Mai.
Der Restaurationssaal war in einen adligen Versammlungssaal verwandelt
worden. Der Ball begann um neun Uhr. Die Fürstin war mit ihrer Tochter
unter den zuletzt erscheinenden; so manche Dame sah mit Neid und Mißgunst
auf sie, denn die Fürstin Mary kleidet sich mit vielem Geschmacke.
Diejenigen, welche sich zu den hiesigen Aristokraten rechnen, verbargen
ihren Neid und begrüßten sie. Wie konnte dem anders sein? In einer
Gesellschaft von Damen bildet sich auch sogleich ein höherer und ein
niederer Kreis. Gruschnitzki stand am Fenster im dicksten Gewühl, indem er
sein Gesicht ans Fensterglas drückte und kein Auge von seiner Göttin
verwandte; beim Vorübergehen gab sie ihm ein kaum bemerkliches Zeichen mit
dem Kopfe. Er strahlte wie die Sonne . . . Der Tanz begann mit einer
Polonaise, auf welche ein Walzer gespielt wurde. Die Sporen klirrten, die
Gewänder wogten und rauschten. Ich stand hinter einer dicken Dame, welche
unter rosafarbenen Federn begraben war; der Prunk ihres Kleides erinnerte
an die Zeit der Reifröcke, und die Buntscheckigkeit ihrer rauhen Haut an
die glückliche Epoche der Schönpflästerchen aus schwarzem Taffet. Eine
ungeheuer große Warze am Halse war von einem Fermoir überdeckt. Sie sagte
zu ihrem Kavaliere, einem Dragoner-Kapitaine:
»Diese junge Fürstin ist ein unausstehliches Jüngferchen! Stellen Sie sich
vor, sie hat mich gestoßen und nicht einmal um Entschuldigung gebeten, sich
vielmehr noch umgekehrt und mich lorgnettirt . . . C'est impayable! Und
worauf bildet sie sich so viel ein? Der müßte man einmal einen Denkzettel
geben.«
-- Daran soll es ihr nicht fehlen; entgegnete ihr der dienstfertige
Kapitain und begab sich in ein anderes Zimmer.
Ich ging sogleich auf die Fürstin zu und forderte sie zum Walzen auf, den
hiesigen freien Gebräuchen gemäß, die einem erlauben, mit Damen, denen man
zuvor nicht vorgestellt war, zu tanzen.
Sie konnte sich kaum bezwingen ein Lächeln zurückzudrängen und ihren
Triumph zu verbergen; indessen gelang es ihr noch schnell genug, eine
vollkommen gleichgültige, ja sogar strenge Miene anzunehmen. Sie lehnte
nachlässig ihren Arm auf meine Schulter, bog ihr Köpfchen etwas auf die
Seite, -- und wir begannen.
Ich kenne keine reizendere, zartere Taille! Ihr frischer Athem streifte
über mein Gesicht; bisweilen spielte eine im wirbelnden Fluge des Walzers
losgelöste Locke auf meiner glühenden Wange . . . Ich machte drei Touren
(sie walzt wunderbar leicht!). Sie war ganz außer Athem, ihre Augen waren
ihr wie verwirrt; kaum konnten ihre halbgeöffneten Lippen das herkömmliche:
merci, monsieur! hervorbringen. Nach einigen Minuten tiefen Stillschweigens
von meiner Seite sagte ich, indem ich die bescheidenste Miene machte:
-- Ich habe gehört, meine Fürstin, daß, obgleich ich Ihnen völlig fremd
bin, ich dennoch das Unglück hatte ihre Ungnade zu verdienen . . . daß Sie
mein Betragen befremdete . . . Wäre es möglich?
»Wie es scheint, wünschen Sie, daß ich Sie in dieser Meinung bestätige,«
antwortete sie mit einem ironischen Zuge, der ihrer beweglichen
Physiognomie übrigens recht wohl ansteht.
-- Wenn ich die Kühnheit hatte, Sie irgendwie zu beleidigen, so erlauben
Sie mir die noch viel größere, Sie um Verzeihung zu bitten. Ich wünsche in
der That Ihnen zu beweisen, daß Sie sich in Betreff meiner sehr geirrt
haben.
»Es möchte Ihnen doch etwas schwer werden . . .«
-- Und warum das?
»Weil Sie unser Haus nie besuchen und diese Bälle sich wahrscheinlich nicht
oft wiederholen werden.«
-- Das heißt, dachte ich bei mir selbst, daß ihre Thüren mir auf ewig
verschlossen sind. -- Wissen Sie wohl, Fürstin, sagte ich mit einem Anflug
von Bedauern, daß man nie einen reuigen Sünder verwerfen muß, weil er aus
Verzweiflung doppelt so schuldig werden kann, und dann . . .
Ein lautes Gelächter und Zischeln der uns Umstehenden veranlaßte mich, mich
umzudrehen und meine Phrase zu unterbrechen. In der Entfernung von einigen
Schritten stand eine Gruppe von Männern, unter denen sich auch der
Dragoner-Hauptmann befand, welche ihre feindlichen Absichten gegen die
schöne Fürstin offen kund gaben. Der Hauptmann besonders schien mit etwas
sehr zufrieden zu sein, rieb sich die Hände, lachte laut auf und winkte
seinen Genossen zu. Plötzlich erschien aus ihrer Mitte ein Herr im Fracke,
mit langem Schnurrbart und rothem Gesichte, welcher seine unsicheren
Schritte gerade auf die Fürstin zulenkte; er war betrunken.
Als er vor der erbebenden Fürstin mit auf dem Rücken zusammengeschlagenen
Händen stillstand und seine umnebelten, grauen Augen auf sie richtete, hob
er mit falscher Diskantstimme an:
»Permettez! Ei was Ceremonien! ich engagire Sie hiermit zur Mazurka!« --
-- Was ist Ihnen gefällig, sagte sie mit zitternder Stimme, indem sie einen
hülferufenden Blick um sich warf. Leider hatte sich ihre Mutter entfernt
und keiner der ihr bekannten Kavaliere war in der Nähe; ein Adjutant zwar
schien Alles zu sehen, was vorging, verbarg sich aber in dem großen Haufen,
um nicht in diese Geschichte mit hineingezogen zu werden.
»Wie?« sagte der betrunkene Herr, welcher dem Dragoner-Hauptmann zuwinkte,
der ihn seinerseits durch Zeichen ermuthigte, »so ist's Ihnen nicht
gefällig? ich habe nochmals die Ehre, Sie pour Mazurek zu engagiren . . . .
Sie glauben vielleicht, ich bin betrunken? Das ist nichts! im Gegentheil,
ich kann Ihnen versichern . . .«
Ich sah, daß sie nahe daran war, vor Furcht und Unwillen in Ohnmacht zu
fallen.
Ich ging an den betrunkenen Herrn heran, faßte ihn ziemlich fest am Arme
und bat ihn, indem ich ihm fest ins Auge blickte, sich zu entfernen, weil,
fügte ich hinzu, die Fürstin mir schon längst versprochen habe, die Mazurka
mit mir zu tanzen.
»Nun, auch gut, auf'n andermal,« sagte er grinsend und entfernte sich mit
seinen Gefährten, welche ihn in ein anderes Zimmer zogen.
Ein wunderbarer, seelenvoller Blick war mein Lohn.
Die Fürstin ging sogleich zu ihrer Mutter und erzählte ihr Alles; diese
suchte mich sogleich auf und drückte mir ihre Dankbarkeit aus; sie erklärte
mir, daß sie meine Mutter kenne und mit einem halben Dutzend meiner Tanten
befreundet sei.
»Ich weiß nicht, wie es geschah, daß wir mit Ihnen bis jetzt noch nicht
bekannt sind,« fügte sie hinzu, »aber gestehen Sie, daß Sie selbst daran
Schuld sind; Sie fliehen alle Menschen so, daß man gar nicht weiß, was man
daraus machen soll. Ich hoffe, daß die Luft meines Salons ihren Spleen
vertreiben wird, nicht wahr?«
Ich antwortete ihr mit einer jener Redensarten, welche ein jeder in
ähnlichen Fällen bereit haben muß.
Die Quadrille zog sich schrecklich in die Länge.
Endlich ertönte die Mazurka, wir setzten uns in die Reihen.
Ich spielte weder auf den betrunkenen Herrn, noch auf mein früheres
Betragen, noch auf Gruschnitzki an. Der unangenehme Eindruck der
vorangegangenen Scene fing allmälig an sich zu verwischen; ihr Gesichtchen
blühte wieder auf; sie scherzte sehr sinnig; ihre Unterhaltung war
geistreich, ohne alle Prätension, lebhaft und beredt; ihre Bemerkungen
bisweilen recht treffend. Ich gab ihr in einer sehr verwickelten Phrase zu
verstehen, daß sie mir schon längst gefiele. Sie senkte das Köpfchen und
eine leichte Röthe verbreitete sich über ihr Antlitz. --
»Sie sind ein seltsamer Mann!« begann sie hierauf, indem sie ihre
Sammetaugen auf mich richtete und gezwungen lächelte.
-- Ich suchte deshalb Ihre Bekanntschaft nicht, fuhr ich fort, weil Sie ein
zu dichter Kreis von Verehrern bereits umgiebt und ich befürchten mußte,
vollkommen unter diesen zu verschwinden.
»Sie befürchteten das umsonst; sie sind alle unausstehlich langweilig.«
-- Alle! Wäre es möglich . . . Alle?
Sie blickte mir scharf ins Auge, als ob sie sich bemühe, sich etwas ins
Gedächtniß zurückzurufen, worauf sie abermals erröthend mit fester Stimme
sagte: »_Alle!_«
-- Selbst mein Freund Gruschnitzki?
»Ist er auch Ihr Freund?« sagte sie, indem sie den Zweifel durch ihre Frage
blicken ließ.
-- Das ist er.
»Nun freilich, er gehört nicht in die Reihe der Lästigen . . .«
-- Aber wohl in die Reihe der Unglücklichen, sagte ich lächelnd.
»Gewiß! Ist Ihnen das lächerlich? Ich möchte Sie wohl einmal an seiner
Stelle sehen . . .«
-- Wie so? Ich bin seiner Zeit auch einmal Junker gewesen und muß gestehen,
daß dies die glücklichste Zeit meines Lebens war!
»Ist er denn Junker? . . .« sagte sie rasch, »ich meinte . . .«
-- Was meinten Sie?
»Nichts, nichts! -- Wer ist doch jene Dame?«
Das Gespräch nahm nun eine andere Richtung und kehrte auf diesen Gegenstand
nicht wieder zurück.
Die Mazurka war beendigt und wir gingen auseinander -- auf Wiedersehn!
Die Damen fuhren nach Hause. Ich ging zum Abendessen und begegnete Werner.
»Aha!« sagte er, »sind Sie das? Und wollten doch die Bekanntschaft der
Fürstin nicht anders machen, als indem sie sie von einem sichern Tode
erretteten!«
-- Ich habe mehr gethan, erwiederte ich ihm; ich habe sie vor einer
Ohnmacht auf dem Balle gerettet! . . .
»Wie so das? Erzählen sie doch.«
-- Nein, das mögen Sie errathen, der Sie ja doch Alles auf der Welt
errathen.
Den 30. Mai.
Gegen sieben Uhr Abends ging ich auf dem Boulevard spazieren. Gruschnitzki,
der mich von fern kommen sah, kam auf mich zu; in seinen Augen leuchtete
ein lächerlicher Enthusiasmus. Er drückte mir kräftig die Hand und sagte
mit tragischer Stimme:
»Ich danke Dir, Petschorin . . . Du verstehst mich? . . .«
-- Aufrichtig gesagt: nein; doch in jedem Falle bedarf es durchaus keines
Dankes, erwiederte ich ihm, da ich mich einer Dir erwiesenen Wohlthat nicht
recht erinnern kann. --
»Wie, und gestern? hast Du denn ganz vergessen? Mary hat mir alles
wiedererzählt . . .«
-- So, so also zwischen Euch ist jetzt schon alles gemein? sogar die
Dankbarkeit? . . .
»Höre,« sagte Gruschnitzki sehr wichtig, »ich bitte Dich, scherze nicht
über meine Liebe, wenn Du mein Freund bleiben willst . . . Siehst Du, ich
liebe sie bis zum Wahnsinn, und ich meine, ich hoffe, sie liebt mich auch
. . . Ich habe eine Bitte an Dich. Du wirst heute Abend dort sein;
versprich mir alles zu beobachten: ich weiß, daß Du darin Meister bist und
die Weiber besser kennst als ich . . . Die Weiber! Die Weiber! Wer kann sie
je verstehen? Ihr Lächeln widerspricht ihren Blicken, ihre Worte
versprechen und locken an, während der Ton ihrer Stimme wieder zurückstößt
. . . Bald errathen sie unsere geheimsten Gedanken, bald verstehen sie die
sichtbarsten Zeichen nicht . . . So z. B. die Fürstin: gestern noch
sprühten ihre Augen vor Leidenschaft, so oft sie auf mir ruhten, und heute
sind sie umwölkt und kalt.« --
-- Vielleicht geschieht dies in Folge der Wirkungen des Wassers? entgegnete
ich ihm.
»Du siehst auch in Allem nur die schlechte Seite . . . Materialist,« fügte
er verächtlich hinzu. »Uebrigens, laß uns von etwas anderem sprechen,« und
mit einem abgedroschenen, schalen Calembour versetzte er sich wieder in
heitere Laune.
Gegen neun Uhr begaben wir uns zusammen zur Fürstin.
Als ich an den Fenstern Wäras vorüberging, sah ich sie in der
Fensterbrüstung sitzen. Wir warfen uns einen verstohlenen Blick zu; bald
nach uns erschien auch sie in dem Gastzimmer der Fürstin, die mich ihr als
einen weitläuftigen Verwandten vorstellte. Man trank Thee; der Gäste waren
viele, das Gespräch ein allgemeines. Ich war bemüht der Fürstin zu
gefallen, ich scherzte und machte sie einige Male recht herzlich lachen.
Die junge Fürstin hätte wohl auch manchmal gern mitgelacht, allein sie nahm
sich zusammen, um nicht aus ihrer angenommenen Rolle zu fallen: sie findet
nämlich: daß ein düsteres Wesen ihr wohl steht und hat vielleicht nicht so
Unrecht. Auch Gruschnitzki schien sehr damit zufrieden, daß meine
Lustigkeit sie nicht ansteckte.
Nach dem Thee begab man sich in den großen Salon.
»Bist Du mit meiner Folgsamkeit zufrieden, liebe Wära?« fragte ich sie, als
ich an ihr vorüberging.
Sie warf mir einen Blick der Liebe und Dankbarkeit zu. Ich bin an solche
Blicke gewöhnt, doch gewährten sie mir einstmals die reinste Seligkeit. Die
Fürstin ließ ihre Tochter ans Piano gehen: alle bestürmten sie mit Bitten,
ein Liedchen vorzutragen; -- ich schwieg und begab mich, dies
augenblickliche Durcheinander benutzend, an's Fenster zu Wära, die mir
etwas für uns beide ganz besonders Wichtiges mitzutheilen hatte . . . Was
kam heraus? Unsinn.
Unterdessen war der Fürstin meine Gleichgültigkeit sehr empfindlich, wie
ich das an einem erzürnten, strahlenden Blicke leicht errathen konnte
. . . O, ich verstehe wunderbar diese stumme aber ausdrucksvolle, kurze
aber kräftige Sprache! . .
Sie sang. Ihre Stimme ist nicht übel, es fehlt ihr aber an Schule . . .
übrigens habe ich kaum hingehört. Dahingegen verschlang sie Gruschnitzki,
der sich völlig auf das Royal legte, mit den Augen, und rief ein Mal über
das andere mit halber Stimme: charmant! délicieux!
»Höre,« sagte Wära zu mir, »ich will nicht, daß Du mit meinem Manne
Bekanntschaft machst, dahingegen verlange ich unbedingt, daß Du der Fürstin
zu gefallen strebst; das ist Dir ein Leichtes, Du kannst alles, was Du nur
willst. Wir können uns nur hier sehen . . .«
-- Nur? . . .
Sie erröthete und fuhr fort: »Du weißt, daß ich Deine Sklavin bin, daß ich
Dir niemals zu widerstreben vermochte . . . und ich werde meinen Lohn dafür
schon erhalten: Du wirst aufhören mich zu lieben. Aber meinen Ruf muß ich
doch zu erhalten suchen -- Du weißt recht gut, daß es nicht meinetwegen
geschieht! O, ich flehe Dich an, quäle mich nicht wieder, wie früher, mit
leeren Zweifeln und einer erzwungenen Kälte: ich sterbe wohl bald, denn ich
fühle, wie ich von Tag zu Tage abnehme . . . und doch kann ich an das
künftige Leben nicht denken, sondern meine Gedanken weilen immer bei Dir.
Ihr Männer könnt den Genuß eines Blickes, eines Händedruckes nicht
verstehen . . . während ich -- ich schwöre es Dir -- wenn ich Deine Stimme
höre, eine tiefergreifende, seltsame Seligkeit empfinde, welche selbst die
glühendsten Küsse nicht ersetzen können.«
Unterdessen hatte die Fürstin Mary aufgehört zu singen. Laute
Lobeserhebungen ertönten rund um sie; ich war der letzte, der zu ihr
heranging und ihr etwas über ihre Stimme sagte. Ich that es ziemlich
gleichgültig.
Sie machte eine kleine Grimasse, indem sie die Unterlippe etwas nach vorn
bewegte, und nahm sich überhaupt sehr lächerlich aus.
»Es ist mir dies um so schmeichelhafter,« sagte sie, »als Sie mich gar
nicht gehört haben; aber vielleicht lieben Sie die Musik gar nicht.«
-- Im Gegentheil . . . besonders nach Tische.
»So hat Gruschnitzki Recht, wenn er sagt, daß Sie einen sehr prosaischen
Geschmack haben . . . und ich sehe, daß Sie die Musik nur in
gastronomischer Beziehung lieben.«
-- Sie sind nochmals im Irrthum, ich bin durchaus kein Gastronom, denn ich
habe einen sehr verdorbenen Magen. Aber nach Tische schläfert einen die
Musik ein und es soll gesund sein, nach dem Essen zu schlafen: folglich
liebe ich die Musik in medizinischer Beziehung. Abends hingegen greift sie
meine Nerven zu sehr an und ich werde entweder zu melancholisch oder zu
ausgelassen. Das eine wie das andere ist entsetzlich ermüdend, wenn man
keine bestimmte Ursachen hat sich zu härmen oder zu freuen; außerdem
erscheint die Melancholie in Gesellschaft immer lächerlich und eine zu
große Ausgelassenheit nicht wohlanständig.
Sie hörte mich nicht aus, ging fort, setzte sich neben Gruschnitzki und es
entspann sich alsbald zwischen ihnen ein recht sentimentales Gespräch; wie
es schien, antwortete aber die Fürstin auf seine weisen Phrasen ziemlich
zerstreut und unzusammenhängend, obgleich sie sich Gewalt anthat, ihm zu
zeigen, daß sie ihm mit Aufmerksamkeit zuhöre, denn bisweilen blickte er
sie erstaunt an, bemüht, die Ursache dieser innern Aufregung zu errathen,
die sich bisweilen in ihrem unruhigen Blicke verrieth . . .
Ich aber, holde Fürstin, habe Sie längst durchschaut, nehmen Sie sich wohl
in Acht! Sie wollen mich mit derselben Münze bezahlen und meine Eigenliebe
verwunden, -- das soll Ihnen nicht gelingen; sollten Sie mir aber gar den
Krieg erklären, so würde ich schonungslos sein!
Im Verfolg des Abends bemühte ich mich absichtlich zu wiederholten Malen,
mich in ihr Gespräch zu mischen; sie nahm aber meine Bemerkungen ziemlich
trocken auf und ich entfernte mich zuletzt, mit verstelltem Aerger. Die
Fürstin jubelte; ebenso Gruschnitzki. Jubelt nur, meine Freunde, und thut
es bald! Ihr sollt früh genug aufhören zu jubeln! Es wird gewiß so kommen,
meine Ahnung trügt mich nicht! So oft ich noch mit einem Frauenzimmer
bekannt wurde, errieth ich stets, ohne je zu irren, ob sie mich lieben
würde oder nicht.
Den Rest des Abends brachte ich an Wära's Seite zu und sprach mich mit ihr
über die vergangenen Zeiten recht satt. Warum sie mich so lieb hat? ich
weiß es wahrhaftig, nicht, um so weniger, als sie das einzige Weib ist,
welche mich vollkommen verstand, mit allen meinen kleinen Schwächen und
niedrigen Leidenschaften . . . Oder wäre gar das Böse so anziehend? . . .
Ich verließ mit Gruschnitzki das Haus; auf der Straße faßte er mich unter
den Arm und begann endlich nach längerem Schweigen:
»Nun, was sagst Du nun?«
-- Du bist ein Narr, hätte ich ihm antworten mögen; aber ich hielt mich
zurück und zuckte nur mit den Achseln. --
Den 6. Juni.
Alle diese Tage über bin ich nicht ein einziges Mal von meinem System
abgewichen. Die Fürstin fängt an Gefallen an meiner Unterhaltung zu finden;
ich erzählte ihr einige der seltsamen Begebenheiten meines Lebens und sie
beginnt in mir einen ungewöhnlichen Menschen zu sehen. Ich lache über alles
auf der Welt, besonders über die Gefühle: dies fängt an sie zu erschrecken.
Sie wagt es nicht mehr, sich in meiner Gegenwart mit Gruschnitzki in
sentimentale Debatten einzulassen und antwortete schon mehrmals auf seine
Ausfälle mit einem spöttischen Lächeln; so oft sich Gruschnitzki ihr nur
nähert, nehme ich ein ehrerbietiges, diskretes Wesen an und ziehe mich von
ihnen zurück; das erste Mal war sie erfreut darüber, oder bemühte sich
wenigstens so zu scheinen; das zweite Mal aber ärgerte sie sich über mich;
das dritte Mal über Gruschnitzki.
»Sie haben außerordentlich wenig Selbstliebe!« sagte sie gestern zu mir.
Warum glauben Sie denn, daß ich mich mit Gruschnitzki lieber unterhalte?«
Ich entgegnete ihr, daß ich dem Glücke meines Freundes mein eigenes
Vergnügen gern aufopfere . . .
»Und das meinige auch,« fügte sie hinzu.
Ich blickte sie starr an und machte eine sehr ernste Miene. Hierauf sprach
ich den ganzen Tag kein Wort mit ihr . . . Am Abende war sie sehr
nachdenklich, und heute morgen am Brunnen noch viel nachdenklicher. Als ich
mich ihr näherte, hörte sie nur zerstreut auf Gruschnitzki, der sich, wie
es schien, in Entzückungen über die Natur erging; kaum bemerkte sie mich,
so begann sie laut zu lachen (und zwar durchaus mal à propos), um damit zu
zeigen, als habe sie mich gar nicht bemerkt. Ich ging an ihr vorüber und
beobachtete sie unbemerkt aus der Ferne: sie wandte sich von ihrem
Gesellschafter ab und gähnte zweimal. Gruschnitzki langweilt sie also ganz
bestimmt. Noch während zweier Tagen werde ich nicht mit ihr sprechen.
Den 10. Juni.
Ich frage mich öfter, woher es kommt, daß ich mit solcher Hartnäckigkeit
der Liebe eines jungen Mädchens nachjage, die ich weder verführen will noch
jemals zu heirathen beabsichtige. Wozu diese weibische Koketterie? Wära
liebt mich besser, als die Fürstin Mary mich jemals lieben wird; hätte sie
mir nun noch wenigstens eine unüberwindliche Schöne geschienen, so wäre ich
vielleicht von der Schwierigkeit des Unternehmens angestachelt worden
. . . .
Dem ist aber nicht so! Folglich ist es nicht jenes, unruhige Bedürfniß nach
Liebe, welches uns in den ersten Jünglingsjahren so martert, und uns von
dem einen Weibe zum andern wirft, bis wir auf eine solche stoßen, die uns
nicht ausstehen kann: nun beginnt unsere Beständigkeit -- die wahre,
unendliche Leidenschaft, welche man mathematisch mit einer Linie
vergleichen kann, die von einem gegebenen Punkte sich in die Unendlichkeit
erstreckt; das Geheimniß dieser Unendlichkeit ruht nur in der
Unmöglichkeit, das Ziel, nämlich das Ende, erreichen zu können.
Warum aber mache ich mir so viel damit zu thun? Aus Neid gegen
Gruschnitzki? Der Schlucker! er ist dessen gar nicht werth. Oder ist es in
Folge jenes garstigen, aber unüberwindlichen Gefühles, welches uns die
süßen Verirrungen unseres Nächsten zu vernichten antreibt, damit wir, wenn
er uns verzweiflungsvoll frägt, wem man nun noch trauen könne, die niedrige
Genugthuung haben mögen, ihm zu antworten:
-- Mein Freund, es ist mir grade so ergangen, und doch siehst Du, daß ich
zu Mittag und zu Abend speise, wunderschön schlafe und hoffe, dereinst ohne
Klagen und Thränen zu versterben.
Doch verhehlen wir es uns nicht, es liegt ein unermeßlicher Genuß in der
Herrschaft über eine jugendliche, dem Leben kaum erschlossenen Seele! Sie
ist einer Blume gleich, deren süßestes Aroma dem ersten Sonnenstrahle
entgegenduftet; in dieser Minute muß man sie pflücken und sich sattsam
daran weiden. Dann werfe man sie immerhin auf den Weg, es wird sich wohl
noch Jemand finden, der sie aufnimmt! Ich fühle in mir eine unersättliche
Gier, die alles verschlingt, was mir in den Weg kommt; die Leiden und
Freuden der andern betrachte ich nur insofern, als sie Bezug auf mich
haben, wie eine Speise, welche meine Seelenkräfte aufrecht erhält. Ich
selbst bin nicht mehr im Stande unter dem Einflusse der Leidenschaften den
Verstand zu verlieren; mein Ehrgefühl wurde durch äußere Umstände
zurückgedrängt, es erschien aber bald wieder in einer andern Gestalt; denn
was ist das Ehrgefühl anders als der Durst nach Macht -- meine höchste
Genugthuung aber ist: meinem Willen alles zu unterwerfen, was mich umgiebt;
wenn man nun das Gefühl der Liebe, der Hingebung, der Furcht in andern
erweckt -- was ist denn dies anders als das erste Zeichen, als der höchste
Sieg der Macht? Ist es nicht die süßeste Nahrung unseres Stolzes, für
irgend Jemand der Grund des Leidens und der Wonne zu sein, ohne, ein
bestimmtes Recht dazu zu haben? Was heißt Glück!? Der gesättigte Stolz. --
Dürfte ich mich für besser und mächtiger halten als alle Menschen auf der
Welt, so würde ich glücklich sein; wenn alle Menschen mich liebten, so
würde ich auch die unversieglichen Quellen der Liebe in mir wahrnehmen. Das
Böse erzeugt das Böse; das erste Leiden erweckt in uns das Verständniß von
dem Genusse, einen andern zu quälen. Die Idee des Bösen konnte das
menschliche Gehirn nicht durchdringen, ohne daß es nicht auch suchte, sie
zur wirklichen Ausführung zu bringen. Die Ideen, sagte Jemand, sind
organische Wesen, ihre bloße Empfängniß verleiht ihnen auch schon ihre
Gestalt, und diese Gestalt ist die That; derjenige, in dessen Haupte die
meisten Ideen entsprangen, hat auch mehr als andere gewirkt. Daher muß das
Genie, das an den Büreautisch gefesselt ist, entweder sterben oder
wahnsinnig werden, gerade so wie ein Mensch von mächtigem Körperbau bei
einer sitzenden Lebensart und strenger Keuschheit am Schlagflusse sterben
muß.
Die Leidenschaften sind nichts anders als Ideen in ihrer ersten
Gestalt-Entwickelung; sie sind das Eigenthum der Herzensjugend, und ein
Thor ist der, welcher glaubt das ganze Leben von ihnen bewegt zu werden:
viele ruhige Ströme fangen als tobende Wasserfälle an, aber auch nicht
einer von ihnen schäumt und braust bis zu seinem Ausfluß ins Meer. Aber
auch diese Ruhe ist wiederum häufig das Wahrzeichen einer gewaltigen, wenn
schon verborgenen Kraft. Die Vollkraft und Tiefe der Gefühle und Gedanken
lassen heftige Stöße gar nicht zu: die Seele legt sich im Dulden wie im
Genusse strenge Rechenschaft von Allem ab und ist davon überzeugt, daß sie
so handeln muß; sie weiß, daß ohne Stürme eine beständige Sonnengluth sie
austrocknen würde; sie durchdringt sich mit ihrem eigenen Leben --
verzärtelt sich und bestraft sich, wie ein geliebtes Muttersöhnchen. Nur in
diesem höhern Zustande der Selbsterkenntniß kann der Mensch die
Gerechtigkeit Gottes wirklich ermessen.
Indem ich diese Seite überlese, bemerke ich, daß ich mich weit von meinem
Gegenstande entfernt habe . . . Doch was schadet das? Schreibe ich doch
dies Journal für mich selbst, und wird doch alles, was ich auch darin
hinwerfe, mir dereinst eine theure Erinnerung gewähren.
* * * * *
Gruschnitzki kam zu mir und warf sich mir an den Hals. Er ist zum Offizier
ernannt worden. Ich ließ Champagner auffahren. Doktor Werner kam ebenfalls
kurz nach ihm.
»Ich gratulire Ihnen nicht,« sagte er zu Gruschnitzki.
-- Und warum das?
»Darum, daß Ihr Soldatenmantel Ihnen viel besser steht, und weil, wie Sie
selbst gestehen müssen, eine hier in einem Badeorte genähte
Armee-Infanterie-Uniform Sie wahrhaftig um nichts interessanter machen
kann. Sehen Sie wohl, bisher wurden Sie hier zu den Ausnahmen gerechnet,
jetzt aber gehen Sie in der allgemeinen Regel auf.«
-- Sprechen Sie was Sie wollen, Doktor! Sie werden mich in meiner Freude
nicht stören. Er weiß nicht, raunte er mir ins Ohr, welche Hoffnungen mir
diese Epauletten verliehen . . . O, Epauletten, Epauletten! Eure Sternchen
sind mir Wegweiser . . . Nein, ich bin jetzt vollkommen glücklich! --
»Wirst Du die Promenade nach dem Erdfalle mit uns machen?« fragte ich ihn.
-- Ich? Für nichts in der Welt zeige ich mich der Fürstin eher, als bis
meine Uniform fertig ist.
»Wünschest Du, daß man ihr Deine Freude mittheile?«
-- Nein, ich bitte Dich, sprich ihr nichts davon . . . Ich will sie
überraschen . . .
»So sage mir wenigstens, wie Deine Sachen mit ihr stehen?«
Er wurde verwirrt und nachdenkend; er hätte gern ein Bischen aufgeschnitten
und sich wichtig gemacht, wenn er sich nicht ein Gewissen daraus gemacht
hätte, und doch schämte er sich die Wahrheit zu gestehen.
»Ja, was meinst Du, liebt sie Dich?«
-- Ob sie mich liebt? Aber ich bitte Dich, Petschorin, was hast Du für
Ideen! . . . Wie könnte das so schnell gehen? . . . Und gesetzt, es wäre
dem so, wie könnte ein anständiges Frauenzimmer das sagen! . . .
»Gut! Nach Deiner Meinung soll nun wahrscheinlich ein Mann auch von seiner
Leidenschaft schweigen? . . .«
-- Ach, Liebster, es kommt nur darauf an, wie man's anfängt. Vieles spricht
man nie aus, sondern läßt es errathen. --
»Das ist schon recht . . . Indessen verpflichtet die Liebe, die wir in den
Augen lesen, ein Frauenzimmer durchaus zu nichts, während Worte . . . Nimm
Dich in Acht, Gruschnitzki, sie führt Dich an . . .«
-- Sie? antwortete er, die Augen zum Himmel erhebend und selbstgefällig
lächelnd: Du thust mir leid, Petschorin!
Er ging.
An demselben Abend begab sich eine zahlreiche Gesellschaft zu Fuß nach dem
Erdsturz. --
Nach der Meinung der hiesigen Gelehrten ist dieser Erdsturz nichts anders
als ein erloschener Krater; er befindet sich am Abhange des Maschuk,
ungefähr eine Werst von der Stadt. Ein enger Fußpfad führt zwischen
Gesträuchern und Felsen dahin; als wir den Berg erstiegen, reichte ich der
Fürstin meinen Arm, den sie während der ganzen Promenade nicht wieder
fahren ließ.
Unser Gespräch begann mit übler Nachrede: ich fing an, alle An- und
Abwesenden unserer Bekanntschaft herunter zu reißen, indem ich zuerst ihre
schwachen, alsdann ihre schlechten Seiten hervorhob. Meine Galle gerieth in
volle Thätigkeit. Ich fing scherzend an und endigte mit wirklicher
Erbitterung. Anfangs belustigte sie es; zuletzt fing sie an zu erbeben.
»Sie sind ein gefährlicher Mensch!« sagte sie zu mir; »ich möchte lieber
den Mördern im Walde unter's Messer fallen als unter ihre kleine Zunge, und
ich bitte Sie in vollem Ernste: sollte es Ihnen jemals einfallen,
Schlechtes von mir sagen zu wollen, lieber ein Messer zu nehmen und mich
damit zu ermorden; -- ich glaube ohnedem, daß es Ihnen nicht schwer fallen
würde.«
-- Sehe ich denn einem Mörder so ähnlich? . .
»Sie sind noch viel schlimmer . . .«
Ich blieb einen Augenblick in Nachdenken versunken, und sagte endlich zu
ihr, indem ich eine tief gerührte Miene annahm: »Ja, das war mein Schicksal
von Jugend auf; alle lasen auf meinem Gesichte die Kennzeichen schlechter
Eigenschaften, die ich gar nicht besaß; aber man setzte sie voraus -- und
sie kamen zum Vorschein. Ich war aufrichtig -- man beschuldigte mich der
Falschheit: ich wurde versteckt: Ich fühlte tief das Gute und das
Schlechte. -- Niemand hatte mich lieb, alle thaten mit weh -- ich wurde
rachesüchtig; ich war finster, andere Kinder waren heiter und plauderhaft;
ich fühlte mich über sie erhaben, -- man stellte mich unter sie: so wurde
ich neidisch. Ich war bereit, die ganze Welt zu lieben -- Niemand wollte
mich verstehen: so lernte ich hassen. So floß meine farblose Jugend im
Kampfe mit mir und der Welt dahin; meine besten Gefühle verbarg ich in der
Tiefe meines Herzens aus Furcht vor dem Grinsen der Ironie: dort sind sie
nun erstorben. Ich redete die Wahrheit -- man versagte mir das Vertrauen:
ich fing an zu täuschen. Da ich nun die Welt und die Sprungfedern der
Gesellschaft so gut kennen gelernt hatte, so wurde ich in der Kunst zu
leben bald erfahren, und sah, wie andere Leute ohne alle Kunst glücklich
wurden, die sich ganz umsonst derjenigen Vortheile bedienten, welchen ich
mit so unermüdlichem Fleiße nachjagte. Da tauchte in meiner Brust die
Verzweiflung auf, -- nicht jene Verzweiflung, welche man mit dem Laufe
einer Pistole kuriren kann, sondern eine kalte, ohnmächtige Verzweiflung,
die unter der äußeren Liebenswürdigkeit und einem gutmüthigen Lächeln
verborgen liegt. Ich wurde ein moralischer Krüppel: die eine Hälfte meiner
Seele existirte gar nicht mehr; sie war vertrocknet, verdampft, abgestorben
und so riß ich sie aus und warf sie fort, -- während die andere sich rührte
und lebte Jedermann zu dienen, und Keiner dies bemerkte; weil Niemand von
der Existenz der verloren gegangenen Hälfte etwas gewußt hatte; aber Sie
haben jetzt die Erinnerung an sie wachgerufen und ich habe Ihnen ihre
Grabschrift vorgelesen. Vielen Menschen scheinen alle Grabschriften
insgesammt lächerlich; mir nicht, besonders, wenn ich daran denke, was
unter ihnen begraben liegt. Uebrigens bitte ich Sie gar nicht etwa, meine
Meinung zu theilen; lachen Sie immerhin, wenn Ihnen meine Darstellung der
Sache lächerlich scheint: Ich benachrichtige Sie zuvor, daß mich das nicht
im Geringsten beleidigen wird.
In diesem Augenblicke begegnete ich ihrem Blicke; in ihren Augen glänzten
Thränen, ihr Arm, der sich auf den meinigen stützte, zitterte, ihre Wangen
glühten, sie bedauerte mich! Das Mitgefühl -- dies Gefühl, dem sich die
Frauen so leicht unterwerfen, streckte seine Klauen über ihr unerfahrenes
Herz. Während der ganzen Promenade war sie zerstreut und kokettirte mit
Niemand, -- ein wichtiges Zeichen!
Wir langten beim Erdfalle an; die Damen verließen ihre Kavaliere, sie ließ
meinen Arm nicht fahren. Die Witze der hiesigen Dandies machten sie nicht
irre. Der Abgrund der Untiefe, vor welchem sie stand, erschreckte sie
nicht, während die andern Damen laut aufkreischten und sich die Augen
bedeckten.
Auf dem Rückwege erneuerte ich unser trauriges Gespräch nicht, indessen gab
sie mir auf meine leeren Fragen und Gaukeleien nur kurze und zerstreute
Antworten.
-- Haben Sie schon geliebt? fragte ich zuletzt.
Sie sah mich mit einem durchdringenden Blicke an, schüttelte das Köpfchen
und verfiel wieder in tiefes Nachdenken; es war klar, daß sie etwas sagen
wollte, aber nicht wußte, womit sie anfangen sollte; ihr Busen wogte
. . . Wie konnte dem anders sein! Ein Gaze-Aermel ist ein geringer Schutz,
und der elektrische Funke zuckte aus meinem Arme in -- den ihrigen: fast
alle Leidenschaften fangen damit an, und wir täuschen uns sehr oft wenn wir
glauben, daß ein Frauenzimmer uns wegen unserer moralischen oder physischen
Vorzüge liebt; es ist wahr, diese bahnen uns den Weg, sie stimmen das Herz
zur Aufnahme des heiligen Feuers -- nichtsdestoweniger entscheidet die
erste Berührung jedesmal das ganze Verhältnis.
»Nicht wahr, ich bin heute sehr liebenswürdig gewesen?« sagte die Fürstin
mit einem gezwungenen Lächeln zu mir, als wir von der Promenade
zurückgekehrt waren.
Wir verließen einander.
Sie ist unzufrieden mit sich; sie klagt, sich selbst der Kälte an . . . O,
dies ist der erste, der wichtigste Sieg! Morgen wird sie mich belohnen
wollen. Das weiß ich alles schon im Voraus -- und das ist langweilig!
Den 12. Juni.
Heute sah ich Wära. Sie quälte mich mit ihrer Eifersucht. Die junge Fürstin
war wahrscheinlich auf die Idee gekommen, ihr ihre Herzensgeheimnisse
anzuvertrauen: eine glückliche Wahl, in der That!
»Ich errathe recht gut, wohin dies alles neigt,« sagte Wära zu mir: »sage
mir jetzt lieber ganz einfach, daß Du sie liebst.«
-- Wenn ich sie nun aber nicht liebe?
»Wozu sie denn so verfolgen, beunruhigen und ihre Einbildungskraft so in
Wallung bringen? . . . . O, ich kenne Dich durch und durch! Höre, wenn Du
willst, daß ich Dir glauben soll, so kommst Du in ungefähr einer Woche nach
Kislowodsk; wir ziehen schon übermorgen dahin. Die Fürstin wird hier noch
länger bleiben. Miethe die Wohnung nebenan; wir werden im Halbgeschosse des
großen Hauses nahe bei der Quelle wohnen; die Fürstin bezieht die untere
Etage. Nebenan steht ein Haus desselben Wirthes, das noch nicht vermiethet
ist. Du kommst doch?«
Ich versprach es und schickte noch denselben Tag dahin, die Wohnung für
mich in Beschlag zu nehmen.
Gruschnitzki kam um sechs Uhr Abends zu mir und machte mir die Mittheilung,
daß morgen, gerade zum Balle, seine Uniform fertig sein würde.
»Endlich werde ich mit ihr einen ganzen Abend hindurch tanzen . . . Da will
ich mich einmal mit ihr recht satt reden,« fügte er hinzu.
-- Wann findet der Ball Statt?
»Morgen! Mein Gott, weißt denn Du das nicht? Es ist morgen ein großer
Feiertag, und die hiesige Behörde hat es übernommen, den Ball zu arrangiren
. . .«
-- Komm, laß uns nach dem Boulevard gehen . . .
»Für nichts in der Welt in diesem eckligen Mantel . . .«
-- Wie, so hast Du ihn nicht mehr lieb? . . .
Ich ging allein, und da ich zufällig der Fürstin Mary begegnete, engagirte
ich sie zur Masurka. Sie schien erstaunt und erfreut.
»Ich dachte, Sie, tanzten nur aus Nothwendigkeit, wie das vergangene Mal,«
sagte sie holdselig lächelnd.
Sie bemerkt, wie es scheint, die Abwesenheit Gruschnitzki's durchaus nicht.
-- Sie werden morgen angenehm überrascht werden, sagte ich zu ihr:
»Wodurch das?«
-- Das ist ein Geheimniß . . . auf dem Balle werden Sie es selbst errathen.
Den übrigen Theil des Abends brachte ich bei der Fürstin zu; Gäste waren
nicht da, außer Wära und einem sehr, drolligen alten Männchen. Ich war
aufgelegt und improvisirte verschiedene seltsame Geschichten. Die junge
Fürstin saß mir gegenüber und hörte meinem Unsinne mit einer so tiefen,
gespannten, ja, zärtlichen Aufmerksamkeit zu, daß es mir ordentlich zu
Herzen ging. Wohin ist ihre Lebhaftigkeit, ihre Koketterie; wohin ihre
Launen, ihre herausfordernde Miene, ihr superbes Lächeln, ihr zerstreuter
Blick?
Wära bemerkte alles; auf ihrem krankhaften Gesichte malte sich ein tiefer
Kummer; sie saß im Schatten am Fenster, in einen breiten Lehnstuhl begraben
. . . Sie that mir leid . . .
Da begann ich die ganze dramatische Geschichte unserer Bekanntschaft,
unserer Liebe -- versteht sich unter veränderten Namen -- zu erzählen. Ich
stellte meine Zärtlichkeit, alle meine Bekümmernisse, mein Entzücken so
lebhaft dar, ich schilderte ihren Charakter und ihre Schritte in so
vortheilhaften Farben, daß sie mir unwillkürlich meine Koketterie mit der
Fürstin verzeihen mußte.
Sie stand auf setzte sich zu uns heran und wurde lebhafter. Erst gegen zwei
Uhr erinnerten wir uns, daß die Doktoren befehlen, um eilf Uhr schlafen zu
gehen.
Den 13. Juni.
Ungefähr eine halbe Stunde vor dem Balle war Gruschnitzki im vollen Glanze
seiner Armee-Infanterie-Uniform zu mir gekommen. Mit dem dritten Knopfe war
noch eine kleine bronzene Kette eingeknöpft, an welcher ein Doppellorgnon
hing; die Epauletten von ungleicher Form standen in die Höhe wie ein Paar
Amorsflügel. Seine Stiefeln krachten; in der linken Hand hielt er
zimmetfarbige, hundelederne Handschuhe und seine Mütze, mit der rechten
wühlte er in den kleinen Locken seines gekräuselten Haupthaares.
Selbstzufriedenheit und zu gleicher Zeit eine gewisse Unsicherheit drückten
sich in seinem Gesichte aus; sein sonntägliches Aussehen, sein stolzer Gang
hätten mich laut lachen gemacht, wenn das mit meinen Absichten hätte
übereinstimmen können.
Er warf seine Mütze und Handschuhe auf den Tisch und fing an, an den
Schößen zu ziehen und sich vor dem Spiegel in Ordnung zu bringen: ein
ungeheuer großes schwarzes Halstuch, über ein bereits sehr hohes
Unterhalstuch gebunden, dessen Schweinsborsten sein Kinn in die Höhe
hielten, guckte wohl um dreiviertel Zoll aus dem Kragen heraus; das schien
ihm noch zu wenig: er zog es noch vollends bis an die Ohren in die Höhe;
von dieser sauren Arbeit -- denn der Kragen war eng und unbequem -- füllte
sich sein Gesicht ganz mit Blut an.
»Man sagt, Du habest dieser Tage meiner Fürstin ungeheuer die Cour
gemacht?« sagte er ziemlich nachlässig und ohne mich anzublicken.
-- Wo haben wir schon Gänse mit einander gehütet! antwortete ich ihm, indem
ich mich eines sehr beliebten volksthümlichen Sprichwortes bediente.
»Sag' mal, sitzt mir die Uniform gut? . . . Ach, der verfluchte Jude!
. . . wie mich das unter den Armen schneidet! Hast Du keine Odeurs?«
-- Aber ich bitte Dich, wozu willst Du deren noch mehr? Du riechst so schon
nach nichts als Rosenpomade . . .
»Das thut nichts; gieb nur her . . .«
Er goß sich ein halbes Glas ins Halstuch, Schnupftuch und in die Aermel.
»Wirst Du tanzen?« fragte er.
-- Ich glaube kaum.
»Ich fürchte, daß ich mit der Fürstin werde die Mazurka eröffnen müssen, --
und noch weiß ich fast nicht eine einzige Figur . . .«
-- Hast Du sie bereits zur Mazurka engagirt?
»Nein, noch nicht . . .«
-- Siehe zu, daß man Dir nicht zuvorkommt.
»Wirklich?« sagte er, indem er sich vor die Stirn schlug. »Adieu, ich will
sie am Thorwege erwarten.« Er ergriff seine Mütze und eilte fort. Nach
einer halben Stunde ging auch ich. Auf der Straße war es dunkel und leer;
rund um das Restaurationsgebäude drängte sich das Volk; die Fenster waren
erleuchtet. Die Töne der Militair-Musik wurden mir vom Abendwinde
entgegengetragen. Ich ging langsamen Schrittes vorwärts; ich war traurig
. . . Ist es möglich, dachte ich, daß meine einzige Bestimmung auf dieser
Erde die wäre, die Hoffnungen anderer zu zerstören. Seit ich lebe und
wirke, gebrauchte mich das Schicksal noch immer zur Entwickelung fremder
Dramen, als ob ohne mich Niemand sterben oder in Verzweiflung gerathen
könnte! Ich war noch immer eine nothwendige Person des fünften Aktes;
unwillkührlich spielte ich die Rolle des Henkers oder des Verräthers.
Welche Absicht hatte das Schicksal hierbei? Hätte es mich wohl gar zum
Verfasser von bürgerlichen Trauerspielen und Familienromanen bestimmt? Oder
zum Mitarbeiter der Novellenlieferanten für literarische Journale, wie z.
B. die »Lesebibliothek«?[A] . . . Was strebe ich darnach es zu wissen?
. . . Wie viele der Menschen giebt es nicht, die beim Beginn ihres Lebens
hoffen, dasselbe wenigstens wie Alexander der Große oder Lord Byron zu
endigen, und die dennoch ihr ganzes Leben lang nicht über den Titel eines
Titularrathes hinauskommen? . . .
Als ich in den Saal getreten war, hielt ich mich hinter einer Menge Herren
versteckt und fing an meine Beobachtungen zu machen. Gruschnitzki stand
neben der jungen Fürstin und erzählte ihr etwas mit großer Lebhaftigkeit;
sie hörte ihm zerstreut zu, blickte nach den Seiten und legte ihren Fächer
an die Lippen; ihr Gesicht drückte Unzufriedenheit aus, ihre Augen suchten
rundum etwas; ich ging sachte von hinten herum, um ihr Gespräch zu
überhören. --
[Fußnote A: Ein übrigens anerkannt tüchtiges Journal, unter der Redaktion
des Prof. Senkowski.]
-- Sie martern mich, Fürstin, sagte Gruschnitzki. Sie haben sich ungemein
verändert, seit ich Sie zum letzten Male gesehen habe . . .
»Sie haben sich auch verändert,« antwortete sie, einen rapiden Blick auf
ihn werfend, dessen versteckten Spott er nicht auffaßte.
-- Ich, ich hätte mich verändert? . . . O niemals! Sie wissen, daß dies
unmöglich ist! Wer Sie nur einmal gesehen, der trägt auf ewig Ihr
göttliches Bild in sich! --
»Ich bitte, schweigen Sie . . .«
-- Warum wollen Sie denn jetzt das nicht mehr anhören, wozu Sie mir noch
unlängst ein geneigtes Gehör schenkten? . . .
»Weil ich Wiederholungen nicht liebe,« antwortete sie mit einem feinen
Lächeln.
-- O, wie bitter habe ich mich getäuscht! Ich wähnte, daß diese Epauletten
mir wenigstens das Recht verliehen, zu hoffen . . . Nein, es wäre mir
besser gewesen ewig in jenem verachteten Soldatenmantel zu verbleiben,
welchem ich vielleicht Ihre Auszeichnung einzig und allein verdankte
. . .
»In der That, der Mantel stand Ihnen sehr gut . . .«
In diesem Augenblicke trat ich hervor und machte der Fürstin eine
Verbeugung; sie erröthete leicht und sagte rasch:
»Nicht wahr, Monsieur Petschorin, der graue Mantel steht Monsieur
Gruschnitzki bei weitem besser? . . .«
-- Ich bin nicht Ihrer Meinung, gnädige Fürstin, erwiederte ich, in der
Uniform sieht er noch viel jugendlicher aus.
Gruschnitzki hielt diesen letzten Schlag nicht aus. »Wie alle Knaben, hat
auch er die Prätension ein reifer Mann zu sein; er glaubt, daß auf seinem
Gesichte die tiefen Spuren der Leidenschaften den Stempel der Jahre
ersetzen.« Er warf mir einen wüthenden Blick zu, stampfte mit dem Fuße und
entfernte sich.
-- Gestehen Sie, gnädige Fürstin, sagte ich zu ihr, daß, obgleich er immer
höchst lächerlich war, er Ihnen doch jüngst noch interessant schien . . .
im grauen Mantel? . . .
Sie schlug die Augen nieder und schwieg.
Gruschnitzki verfolgte die Fürstin den ganzen Abend; bald tanzte er mit
ihr, bald war er ihr vis-à-vis; er verschlang sie mit den Augen, seufzte,
und langweilte sie mit Bitten und Vorwürfen. Nach der dritten Quadrille
haßte sie ihn bereits.
»Das hätte ich von Dir nicht erwartet,« sagte er, auf mich zukommend und
mich am Arme fassend.
-- Was?
»Du wirst mit ihr die Mazurka tanzen?« fragte er mit siegender Stimme. »Sie
hat es mir gestanden . . .«
-- Nun, und was weiter? Ist das etwa ein Geheimniß?
»Versteht sich . . . Ich hätte das von einem solchen Kinde, einer solchen
Kokette wohl erwarten können . . . Aber ich werde mich schon rächen!«
-- Schäume gegen Deinen Mantel oder gegen Deine Epauletten -- warum denn
gerade sie beschuldigen? Was kann sie dafür, wenn Du ihr nicht länger
gefällst? . . .
»Warum gab sie mir dann Hoffnungen . . .?«
-- Warum gabst Du Dich Hoffnungen hin? Wünschen und nach etwas streben --
das begreife ich -- aber hoffen, hoffen! . . .
»Du hast die Wette gewonnen, nur noch nicht ganz,« sagte er tückisch
lächelnd.
Die Mazurka begann. Gruschnitzki wählte zu allen Figuren nur die Fürstin,
dasselbe thaten die übrigen Kavaliere: es war ein offenbares Einverständniß
gegen mich; -- um so besser: sie will mit mir sprechen, man verhindert sie
daran -- sie wird es nun doppelt so sehr wünschen.
Ich drückte ihr zweimal die Hand; beim zweiten Male zog sie dieselbe
zurück, ohne ein Wort zu sagen.
»Ich werde diese Nacht schlecht schlafen,« sagte sie zu mir, als die
Mazurka zu Ende ging.
-- Daran ist Gruschnitzki Schuld.
»O nein!« Ihr Antlitz war so nachdenklich, so trübe, daß ich mir das Wort
gab ihr diesen Abend unbedingt die Hand zu küssen.
Der Ball fing an sich aufzulösen. Als ich die Fürstin in den Wagen hob,
drückte ich rasch ihr kleines Händchen an meine Lippen. Es war dunkel, und
Niemand konnte es gesehen haben.