Im Verlauf zweier Tage ist meine Angelegenheit ungemein vorgerückt. Die
junge Fürstin haßt mich aufs Bestimmteste; man hat mir schon zwei bis drei
Epigramme wiedererzählt, die auf meine Rechnung gemacht wurden, und die,
obgleich ziemlich beißend, mir zu gleicher Zeit sehr schmeichelhaft sind.
Es kommt ihr ungemein seltsam vor, daß ich, der ich an gute Gesellschaft
gewöhnt bin, und gegen ihre Petersburger Cousinen und Tanten so artig war,
mich nicht bemühe mit ihr bekannt zu werden. Wir begegnen uns jeden Tag am
Brunnen und auf dem Boulevard; ich wende alle meine Kräfte auf, ihre
Verehrer, die glänzenden Adjutanten sowohl wie die blassen Moskowiter und
alle anderen von ihr abspenstig zu machen, -- und fast immer gelingt es
mir. Ich haßte es bisher immer, Gäste bei mir zu haben; jetzt ist jeden Tag
mein Haus voll, man dinirt, soupirt, spielt -- und, o weh, mein Champagner
siegt über die magnetische Kraft ihrer Aeugelein!
Gestern traf ich sie im Scheláchow'schen Magazine; sie handelte auf eine
prachtvolle persische Decke. Die Fürstin bat ihre Mutter, nicht zu
knickern: dieser Teppich würde ihr Kabinet so ungemein zieren! . . . Ich
gab vierzig Rubel mehr und erstand ihn; dafür wurde ich mit einem Blicke
belohnt, in welchem die entzückendste Wuth blitzte. Gegen die Mittagszeit
befahl ich absichtlich, vor ihren Fenstern mein tscherkessisches Pferd auf
und ab zu führen, das mit diesem Teppiche bedeckt war. Werner war gerade
bei ihnen und erzählte mir, daß der Effekt dieser Scene ein wahrhaft
dramatischer gewesen sei. Die junge Fürstin will eine Schilderhebung gegen
mich predigen; ich bemerkte sogar, daß bereits zwei Adjutanten in ihrer
Gegenwart sich sehr kalt mit mir begrüßen; indessen speisen sie jeden Tag
bei mir zu Mittag.
Gruschnitzki hat eine geheimnißvolle Miene angenommen: er geht mit auf dem
Rücken zurückgeworfenen Armen und erkennt Niemanden; sein Bein ist
plötzlich hergestellt, kaum daß er etwas hinkt. Es war ihm gelungen, mit
der Fürstin in eine Unterhaltung zu treten und hatte bei dieser Gelegenheit
der jungen Fürstin irgend ein Kompliment gesagt; diese ist, wie es scheint,
eben nicht sehr peinlich, denn seit der Zeit erwiedert sie seinen Gruß mit
einem höchst graziösen Lächeln.
»Du willst also durchaus nicht mit der Fürstin bekannt werden,« sagte er
gestern zu mir.
-- Nein, durchaus nicht!
»Aber ich bitte Dich, das angenehmste Haus im ganzen Bade! Die beste
hiesige Gesellschaft bemüht sich . . .«
-- Mein Freund, mich hat so manche gute Gesellschaft schon schrecklich
gelangweilt. Du besuchst sie also?
»Nein, noch nicht; ich sprach höchstens zweimal mit der jungen Fürstin,
nicht öfter, und dann weißt Du wohl, daß man nicht so in ein Haus stürmen
kann, obgleich man hier ziemlich frei ist . . . Ganz was anders wäre es,
wenn ich Epauletten trüge!«
-- Aber, lieber Freund, Du bist ja so viel interessanter; Du verstehst es
bloß nicht, Deine vortheilhafte Lage zu benutzen; macht Dich doch Dein
Soldatenmantel in den Augen jedes gefühlvollen Fräuleins zum Helden und zum
Dulder.
Gruschnitzki lächelte selbstgefällig. »Was Du für Unsinn sprichst,« sagte
er.
-- Ich bin überzeugt, fuhr ich fort, daß die junge Fürstin schon längst in
Dich verliebt ist.
Er erröthete bis über die Ohren und blähte sich.
O Selbstliebe! Du bist der Hebel, mit welchem Archimedes die Erdkugel
aufheben wollte! . . .
»Du spaßest gern,« erwiederte er, indem er sich etwas beleidigt anstellte;
erstens kennt sie mich noch so wenig . . .«
-- Die Weiber lieben nur diejenigen, welche sie nicht kennen. --
»Ich mache aber auch gar keinen Anspruch darauf ihr zu gefallen, ich will
nur die Bekanntschaft eines angenehmen Hauses machen; auch wäre es sehr
lächerlich, wenn ich irgend welche Hoffnungen, nährte . . . Ihr hingegen,
Ihr Petersburger, mit Euch ist es ganz etwas anders . . . Ihr Petersburger
Sieger braucht nur hinzusehen, so thauen die Weiber schon auf . . . und
weißt Du auch, Petschorin, daß die junge Fürstin von Dir gesprochen hat?«
-- Wie so? hat sie schon mit Dir von mir gesprochen?
»Freue Dich indessen nicht zu sehr darüber. Ich war zufällig mit ihr am
Brunnen in ein Gespräch gerathen, ihr drittes Wort war: »Wer ist der Herr
mit dem unangenehmen, stechenden Blicke, er war mit Ihnen als . . .« sie
erröthete und wollte den Tag nicht näher bezeichnen, indem sie sich ihrer
Zuvorkommenheit erinnerte. »Sie haben nicht nöthig, mir den Tag zu nennen,«
sagte ich zu ihr, »er wird mir ewig denkwürdig bleiben! . . .« Freund
Petschorin, ich kann Dir nicht Glück wünschen, denn Du stehst schlecht bei
ihr angeschrieben und das ist wahrhaftig Schade, denn Mary ist sehr
liebenswürdig!«
Ich muß bemerken, daß Gruschnitzki zu den Leuten gehört, welche, wenn sie
von einem Frauenzimmer sprechen, das sie kaum kennen gelernt haben, sie
sogleich meine Mary, meine Sophie, nennen, vorausgesetzt, daß sie nur das
Glück hatte ihnen zu gefallen.
Ich nahm eine ernste Miene an und erwiederte ihm: -- Ja, sie ist nicht übel
. . . indessen nimm Dich in Acht, Gruschnitzki! die russischen Damen nähren
sich zum großen Theile nur von platonischer Liebe, man darf daher keinen
Gedanken auf ein Ehebündniß unterhalten; die platonische Liebe ist aber die
allerunruhigste. Die junge Fürstin scheint zu jenen Frauenzimmern zu
gehören, welche verlangen, daß man sie angenehm unterhalte; langweilt sie
sich jemals nur zwei Minuten an Deiner Seite, so bist Du unwiderruflich
verloren: Dein Schweigen muß ihre Neugierde erwecken, Dein Gespräch das
ihre niemals ganz befriedigen, Du mußt sie in jeder Minute entzücken; sie
wird zehnmal für Dich. öffentlich ihre Meinung verläugnen und dies ein
Opfer nennen, und um sich dafür zu belohnen, Dich unaufhörlich quälen und
zu guter letzt sagen, daß sie Dich nicht leiden kann.
Wenn Du keine Gewalt über sie erlangst, so giebt Dir selbst ihr erster Kuß
kein Recht auf den zweiten; sie wird mit Dir kokettiren, bis sie genug hat,
und nach vielleicht zwei Jahren verheirathet sie sich mit irgend einer
Mißgestalt aus lauter Gehorsam gegen ihre Mutter; dann sagt sie Dir wohl,
daß sie unglücklich ist und daß sie nur _einen_ Menschen auf der Erde
liebte (nämlich Dich), daß es aber dem Himmel nicht gefallen hat, sie mit
Diesem zu vereinigen, weil er -- einen Soldatenmantel trug, obgleich unter
diesem dicken, grauen Mantel ein glühendes, edles Herz pochte . . .
Gruschnitzki schlug mit der Faust auf den Tisch und fing an im Zimmer auf
und ab zu gehen.
Ich lachte in meinem Innern und konnte sogar zweimal ein sichtbares Lächeln
nicht zurückdrängen, was Gruschnitzki aber zum Glücke nicht bemerkte. Es
ist klar, er ist verliebt, denn er ist noch leichtgläubiger geworden als er
früher war; an seinem Finger trug er sogar schon einen silbernen Ring mit
einem Herzen, hiesiger Arbeit. Das kam mir sehr verdächtig vor. Ich
betrachtete ihn genauer, und siehe da, was sah ich? . . . mit kleinen
Buchstaben war der Name Mary in die innere Seite eingravirt, so wie das
Datum des Tages, an welchem sie das berühmte Glas aufgehoben hatte! Ich
behielt diese Entdeckung für mich, auch will ich kein Geständniß von ihm
erzwingen, denn er soll mich von selbst zu seinem Vertrauten wählen, und
dann ist es an mir zu schwelgen.
* * * * *
Heute bin ich erst spät aufgestanden; ich ging nach dem Brunnen, fand aber
Niemand mehr dort. Unterdessen war es recht heiß geworden; weiße
gekräuselte Gewölke zogen rasch von den Schneebergen herüber und
verkündeten Sturm; die Kuppe des Máschuk rauchte wie eine erloschene
Fackel; rund um ihn wanden sich und krochen, wie Schlangen, graue
Wolkengebilde, die, in ihrem Fluge aufgehalten, an die Dornen seiner
Gesträuche festgekettet schienen. Die Luft war mit Electricität
geschwängert. Ich vertiefte mich in die Nebenallee, welche zur Grotte
führt; ich war schwermüthig, denn ich gedachte jenes jungen Frauenzimmers
mit dem Muttermaale auf der Wange, von welcher mir der Doktor gesprochen
hatte. Warum ist sie hier? und ist sie es auch? und warum glaube ich denn,
daß sie es ist, ja, warum bin ich selbst davon überzeugt? Als ob es nicht
mehr Frauen mit einem Muttermaale auf der Wange gäbe! Unter diesen Gedanken
hatte ich die Grotte erreicht. Ich blicke hinein: im kühlen Schatten ihrer
Wölbung sitzt auf einer steinernen Bank eine Frau in einem Strohhute, in
einen schwarzen Shawl gehüllt, den Kopf auf die Brust gesenkt; der Hut
verbarg ihr Gesicht. Ich wollte eben umkehren, um sie nicht in ihren
Träumereien zu stören, als ihr Blick auf mich fiel.
-- Wära,[A] rief ich unwillkührlich aus.
Sie fuhr zusammen und erblaßte. -- »Ich wußte, daß Sie hier sind,« sagte
sie. Ich setzte mich neben sie und ergriff ihre Hand. Ein längstvergessenes
Beben durchzitterte meine Adern beim Tone dieser süßen Stimme; sie blickte
mit ihren tiefen, ruhigen Augen in die meinigen; es lag in ihnen ein
gewisses Mißtrauen und etwas, was einem Vorwurf ähnlich war.
[Fußnote A: Wära, Glaube, Ljubów, Liebe, Nadéshda, Hoffnung, sind in
Rußland häufig gebrauchte weibliche Eigennamen.]
-- Wir haben uns lange nicht gesehen, begann ich.
»Lange -- und haben uns Beide sehr verändert.«
-- Heißt das so viel, als daß Du mich nicht mehr liebst? --
»Ich bin vermählt,« entgegnete sie.
-- Wieder? Indessen existirte dieser Grund vor einigen Jahren auch, und
doch -- Sie zog ihre Hand aus der meinigen; ihre Wangen glühten.
-- So liebst Du vielleicht Deinen zweiten Mann?
Sie antwortete nichts und wandte sich ab.
-- Oder ist er sehr eifersüchtig?
Schweigen.
-- Wie? So ist er jung, schön, wahrscheinlich besonders reich und Du
fürchtest . . . Ich blickte sie an und erschrak; ihr Gesicht trug den
Ausdruck der tiefsten Verzweiflung, in ihren Augen glänzten Thränen.
»Nicht wahr,« stammelte sie endlich, »es macht Dir viel Vergnügen, mich zu
quälen? ich müßte Dich eigentlich hassen; seit wir uns kennen, hast Du mir
nichts gegeben als Leid und Weh . . .« ihre Stimme zitterte. Sie neigte
sich zu mir und lehnte ihren Kopf an meine Brust.
-- Wohl möglich, dachte ich bei mir selbst, daß Du mich eben deshalb
liebtest . . . die Freuden vergißt man bald, den Kummer nie . . .
Ich schloß sie fest in meine Arme und hielt sie lange umschlungen. Endlich
näherten sich unsere Lippen und flossen in einem heißen, berauschenden
Kusse zusammen; ihre Hände waren kalt wie Eis, ihr Kopf glühte.
Hierauf entspann sich zwischen uns eins von jenen Gesprächen, welche auf
dem Papiere gar keinen Sinn haben, die man gar nicht wiederholen, ja, an
die man selbst nicht erinnern muß. Die Bedeutung der Töne ersetzt und
vervollständigt die Bedeutung der Wörter wie in der italienischen Oper.
Sie will durchaus nicht, daß ich die Bekanntschaft ihres Mannes mache,
jenes lahmen, alten Männchens, das ich im Vorbeigehen auf dem Boulevard
gesehen hatte; sie hat ihn ihres Sohnes wegen geheirathet. Er ist übrigens
reich und leidet an Rheumatismus. Ich erlaubte mir nicht den geringsten
Ausfall gegen ihn, denn sie verehrt ihn wie einen Vater -- und wird ihn
betrügen wie einen Mann . . Ein seltsames Ding ist das menschliche Herz im
Allgemeinen, und das weibliche im Besondern.
Der Gemahl Wära's, Semen Wassiljewitsch G. . . ist ein entfernter
Verwandter der Fürstin Ligoffska; er wohnt dicht neben ihr; Wära sieht die
Fürstin sehr oft, und ich gab ihr mein Wort, die Bekanntschaft der Mutter,
und der jungen Fürstin die Cour zu machen, um so die Aufmerksamkeit von ihr
abzulenken. Auf diese Weise werden meine Pläne in nichts gestört, und ich
werde meine Freude daran haben. --
Meine Freude! ich habe aber bereits jene Periode des Seelenlebens
durchlaufen, wo man nur dem Glücke nachjagt; in welcher das Herz die
Nothwendigkeit fühlt, irgend Jemanden innig und leidenschaftlich zu lieben;
jetzt fühle ich nur noch das Bedürfniß geliebt zu werden und auch das nur
noch von sehr wenigen; es scheint mir sogar, daß ich an einer beständigen
Anhänglichkeit genug hätte. Welch eine leidige Gewohnheit des Herzens!
. . .
Eins war mir immer seltsam . . . ich wurde nie zum Sklaven einer Geliebten;
im Gegentheil erlangte ich stets über ihren Willen und über ihr Herz eine
unwiderstehliche Macht, obgleich ich nie danach gestrebt habe. Woher mag
dies kommen? Vielleicht daher, daß mir niemals etwas unaussprechlich theuer
war, und daß sie jede Minute befürchten mußten, mich zu verlieren? oder ist
es der magnetische Einfluß eines starken Organismus? Oder gelang es mir
ganz einfach nicht, auf ein Frauenzimmer von hartnäckigem Charakter zu
stoßen?
Auch muß ich gestehen, daß ich die Frauenzimmer von Charakter eben nicht
liebe; ist denn das ihre Sache?
Richtig, jetzt erinnere ich mich: einmal, ein einzigesmal liebte ich ein
Weib von fester Willenskraft, welches ich niemals besiegen konnte . . . wir
schieden als Feinde; -- doch wer weiß, hätte ich sie fünf Jahre später
getroffen, ob wir uns nicht anders getrennt hätten . . .
Wära ist krank, sehr krank, obgleich sie es nicht Recht haben will; ich
fürchte, sie hat die Schwindsucht oder jene Krankheit, welche man fièvre
lente nennt, eine Krankheit, die so wenig russisch ist, daß wir in unserer
Sprache nicht einmal einen Namen dafür haben.
Der Sturm überraschte uns in der Grotte und hielt uns länger als eine halbe
Stunde darin gefangen. Sie nöthigte mich nicht, ihr die Versicherung meiner
Treue zu geben; sie fragte nicht, ob ich seit unserer Trennung Andere
geliebt habe, sie vertraute mir auf's Neue mit der früheren Sorglosigkeit
-- und ich täusche sie nicht; sie ist das einzige Weib auf der Welt, welche
ich nicht im Stande wäre zu täuschen. Ich weiß wohl, daß wir uns bald
wieder trennen müssen, und diesmal vielleicht für immer: Beide gehen wir
auf verschiedenen Wegen dem Grabe entgegen; doch die Erinnerung an sie wird
unverwischlich in meiner Seele zurückbleiben. Ich habe ihr das immer
wiederholt und sie glaubt mir auch, obgleich sie das Gegentheil behauptet.
Endlich trennten wir uns; lange folgte ich ihr mit den Blicken, bis sich
ihr Hut hinter den Gesträuchen und Felsen verbarg. Mein Herz zog sich
krankhaft zusammen wie nach der ersten Trennung. O, wie mich dieses Gefühl
entzückte! Sollte wohl gar die Jugend mit ihren wohlthuenden Stürmen auf's
Neue zu mir zurückkehren? oder ist es nur ihr letzter Abschiedsblick, ihre
letzte Gabe zur Erinnerung? Es kommt mir lächerlich vor, wenn ich bedenke,
daß mein Aeußeres noch immer das eines Jünglings ist . . . mein Gesicht ist
zwar blaß, doch frisch; die Glieder geschmeidig und kräftig; mein volles
Haar wallt, die Augen glühen, das Blut kocht . . .
Sobald ich nach Hause zurückgekehrt war, setzte ich mich zu Pferde und ritt
hinaus in die Steppe; ich mag gern auf einem feurigen Rosse durch das hohe
Gras gegen den Wüstenwind jagen; mit Gier sauge ich die duftige Luft ein,
und richte den Blick in die blaue Ferne, bemüht die nebeligen Umrisse der
Gegenstände zu erfassen, welche von Minute zu Minute klarer und bestimmter
werden. Welcher Gram auch auf dem Herzen laste, welche Unruhe auch die
Gedanken ermüde, Alles zerstiebt im Augenblicke; in der Seele wird einem so
leicht; die Ermüdung des Körpers überwindet die Aufregung des Geistes. Es
giebt keinen Blick eines Weibes, den ich nicht beim Anblick der lockigen
Berge vergäße, wenn sie von der Mittagssonne in duftiges Roth gehüllt
daliegen, -- den ich nicht dem Lächeln des blauen Himmels oder dem
Geräusche des Waldstroms, der von Fels zu Felsen stürzt, vergäße.
Ich glaube, die Kosaken, die auf ihren Wachtposten gähnten, zerbrachen sich
lange den Kopf mit dem Räthsel, das ich ihnen darbot, als sie mich so ohne
allen Grund und ohne Ziel dahinstürmen sahen; denn der Kleidung nach
hielten sie mich wahrscheinlich für einen Tscherkessen. Man hat mir in der
That versichert, daß ich im tscherkessischen Costüm zu Pferde einem
Kabardinzer ähnlicher sei als viele Kabardinzer. -- In der That bin ich,
was diese edle kriegerische Kleidung anbetrifft, ein vollkommener Dandy.
Nicht Eine Tresse zu viel; die Waffen sind werthvoll, aber von einfacher
Arbeit; das Rauhwerk an der Mütze nicht zu lang und nicht zu kurz, die
Nesteln und Verbrämungen sind mit aller nur möglichen Genauigkeit
angeheftet; mein Beschmet ist weiß, mein Tscherkessenmantel dunkelbraun.
Ich habe mich lange der tscherkessischen Art zu reiten befleißigt, und
nichts kann meiner Eigenliebe so schmeicheln, als wenn man meine Kunst, auf
kaukasische Weise zu reiten, anerkennt. Ich halte vier Pferde: eins für
mich, drei für meine Freunde, um der langen Weile zu entgehen mich allein
umherzuschleppen; sie machen mit Vergnügen von meinen Pferden Gebrauch,
reiten aber niemals mit mir zusammen aus. Es war bereits sechs Uhr
Nachmittags, als ich mich erinnerte, daß es Zeit sei zu essen; mein Pferd
war ermüdet, ich lenkte es daher auf den Weg, welcher von Pätigorsk nach
einer deutschen Kolonie führt, wohin die Brunnengesellschaft sehr oft zum
Piquenique geht. Der Weg dahin windet sich zwischen Gebüschen, indem er
bisweilen durch kleine Schluchten führt, wo unter dem Schatten hoher Gräser
rauschende Bäche dahinfließen; rundum erheben sich amphitheatralisch die
blauen Gebirgskolosse des Beschtu, des Schlangenberges, des Eisen- und des
Kahlenberges. Ich betrat eine dieser Schluchten, welche im hiesigen Dialekt
Balka heißen und hielt still, um mein Pferd zu tränken; in demselben
Augenblicke wurde auf dem Wege eine laute und glänzende Kavalkade sichtbar;
die Damen in schwarzen und blauen Amzonen, die Herren im buntesten Gemisch
des tscherkessischen und nishegarótskischen Costüm; voran ritt Gruschnitzki
mit der Fürstin Mary.
Die Damen, welche das Bad besuchen, glauben noch immer an die Anfälle der
Tscherkessen am hellen, lichten Tage; aus diesem Grunde wahrscheinlich
hatte Gruschnitzki über seinen Soldatenmantel eine Schaschka gehängt und
ein paar Pistolen in den Gurt gesteckt, in welcher heldenmäßigen
Ausstaffirung er ziemlich lächerlich aussah. Ein hohes Gesträuch verbarg
mich vor ihnen, doch konnte ich sie durch dessen Blätter Alle sehen und an
dem Ausdruck ihrer Mienen errathen, daß ihr Gespräch ein sentimentales war.
Endlich näherten sie sich der Schlucht; Gruschnitzki führte das Pferd der
Fürstin beim Zügel; ich hörte zufällig das Ende, ihrer Unterhaltung.
»So wollen Sie also Ihr ganzes Leben im Kaukasus zubringen?« sagte die
Fürstin.
-- Was ist mir Rußland, antwortete ihr Kavalier: ein Land, wo Tausende von
Leuten, weil sie reicher sind als ich, mit Verachtung auf mich blicken
würden, während hier -- hier, dieser dicke Mantel mich nicht verhinderte,
Ihre Bekanntschaft zu machen.
»Im Gegentheil . . .« sagte die Fürstin erröthend.
Das Gesicht Gruschnitzki's drückte hohe Selbstzufriedenheit aus. Er fuhr
fort: Hier fließt mein Leben unter den Kugeln der Wilden geräuschvoll
unbemerkt und rasch dahin, und wenn mir der liebe Gott jedes Jahr nur einen
hellen Mädchenblick gewährt, einen Blick wie der . . .
In diesem Augenblicke waren sie dicht vor mir; ich gab meinem Pferde einen
Schlag mit der Reitpeitsche und sprengte aus dem Gesträuch hervor.
»Mon dieu, un Circassien!« schrie die Fürstin mit Entsetzen auf.
Um ihr ihren Irrthum aufs vollkommenste zu benehmen, antwortete ich mit
einer leichten Verbeugung: Ne craignez rien, madame, je ne suis pas plus
dangereux que votre cavalier.
Sie war verwirrt, -- doch weshalb? war's über ihren Irrthum oder weil meine
Antwort ihr zu keck schien? Ich hatte gewünscht, daß die letztere
Voraussetzung die richtigere gewesen wäre. Gruschnitzki warf mir einen
unzufriedenen Blick zu.
Abends spät, gegen eilf Uhr, ging ich in der Lindenallee des Boulevard's
spazieren. Die Stadt schlief, nur in einigen Fenstern schimmerten noch
Lichter. Von drei Seiten erhoben sich dunkle Felsenkämme, Zweige des
Máschuk, auf dessen Spitze ein unheilverkündendes Wölkchen lag; der Mond
stieg im Osten auf; in der Ferne, wie mit silbernen Fransen umstickt,
erglänzten die Schneeberge. Der Ruf der Wachen wurde vom Geräusche der
heißen Quellen unterbrochen, die des Nachts losgelassen werden. Dann und
wann ertönte ein lautes Pferdegetrappel durch die Straßen, vom Geknarre der
Arba, (eines hohen zweirädrigen Wagens) und einem melancholischen,
tatarischen Liedchen begleitet.
Ich setzte mich auf eine Bank und versank in Gedanken.
Ich fühlte die Nothwendigkeit, meine Gedanken in einem vertrauten Gespräche
zu ergießen . . . aber mit wem . . . Was macht jetzt Wära, dachte ich? ich
würde viel darum gegeben haben, hätte ich ihr in diesem Augenblicke die
Hand drücken können. Plötzlich höre ich rasche und ungleiche Schritte
. . . wahrscheinlich Gruschnitzki . . . und so war es in der That.
-- Woher?
»Von der Fürstin Ligoffska,« antwortete er sehr wichtig; »o, wie Mary
singt!«
-- Weißt Du was, sagte ich zu ihm, ich wette, sie weiß nicht, daß Du Junker
bist; sie denkt gewiß, Du seiest ein degradirter Offizier . . .
»Das kann sein; was geht das mich an,« antwortete er mit Zerstreuung.
-- Nein, ich meine nur so.
»Aber weißt Du wohl, daß Du sie heute außerordentlich aufgebracht hast? Sie
fand, daß Dein Betragen unerhört frech war; ich konnte sie nur mit Mühe
überzeugen, daß Du eine gute Erziehung habest und die Welt zu gut kennest,
als daß es Deine Absicht hätte sein können, sie zu beleidigen; sie meint,
Du habest einen unverschämten Blick und wahrscheinlich eine sehr hohe
Meinung von Dir selbst.«
-- Sie irrt sich nicht! . . . aber Du, willst Du nicht ihre Eroberung
machen?
»Leider habe ich noch kein Recht dazu.«
-- Aha! dachte ich, er nährt also doch bereits Hoffnungen.
»Uebrigens kommst Du bei alle dem nur um so schlechter weg,« fuhr
Gruschnitzki fort; »jetzt wird es Dir sehr schwer werden, mit ihnen
Bekanntschaft zu machen, und das ist Schade; es ist eins der angenehmsten
Häuser, die ich nur kenne . . .«
Ich lächelte bei mir selbst. -- Das angenehmste Haus für mich ist
gegenwärtig das meine, sagte ich gähnend, indem ich aufstand, um
fortzugehen.
»Indessen gestehe selbst, daß Du darüber ergrimmt bist!«
-- Was für ein Unsinn! Wenn ich sonst will, so kann ich Morgen Abend bei
der Fürstin sein! --
»Nun, wir wollen sehen.«
-- Wenn es Dir Vergnügen macht, will ich sogar der jungen Fürstin den Hof
machen . . .
»Ja, wenn sie nur überhaupt mit Dir sprechen will.«
-- Ich warte bloß den Augenblick ab, wo sie sich an Deinem Gespräch
langweilt; Adieu!
»Ich muß mich durchaus noch etwas ergehen; für nichts auf der Welt könnte
ich jetzt einschlafen. Höre, laß uns lieber in die Restauration gehen, dort
wird gespielt, und ich bedarf heute der starken Aufregungen.«
-- So wünsche ich, daß Du verspielen mögest. Mit diesen Worten begab ich
mich nach Hause.
Den 21. Mai.
Wiederum ist bereits eine Woche vergangen und ich bin immer noch nicht mit
den Ligoffska's bekannt geworden. Ich warte auf eine günstige Gelegenheit.
Gruschnitzki folgt der Fürstin überall, wie ihr Schatten; ihre Gespräche
finden gar kein Ende; wann wird sie seiner überdrüssig sein? . . . Ihre
Mutter richtet nicht die geringste Aufmerksamkeit auf das ganze Verhältniß,
denn er ist kein Bräutigam für sie. Das nenne ich mütterliche Logik! Ich
fing zwei bis drei zärtliche Blicke auf und muß dem Dinge endlich ein Ende
machen.
Gestern erschien Wära zum erstenmal am Brunnen. Sie ist seit unserm
Zusammentreffen in der Grotte noch nicht aus dem Hause gewesen. Wir
schöpften zu gleicher Zeit mit unsern Gläsern das Wasser aus dem Brunnen,
wobei sie mir zuflüsterte, indem sie sich etwas vorbog:
»So willst Du nicht die Bekanntschaft der Ligoffska machen? Wir können uns
nur dort sehen.«