Ich kehrte, höchst zufrieden mit mir selbst, in den Saal zurück. --

An einem großen Tische speisten die jungen Leute zu Nacht; zwischen ihnen

auch Gruschnitzki. Als ich eintrat, schwiegen sie alle: es war klar, man

hatte von mir gesprochen. Viele haben mich noch seit dem letzten Balle auf

dem Korne, besonders der Dragonerhauptmann; jetzt aber hat sich offenbar

eine feindliche Clique gegen mich zusammengerottet, die unter dem Kommando

Gruschnitzki's steht. Er blickt so stolz und tapfer um sich. --

-- Mir sehr angenehm; ich liebe die Feinde, obgleich nicht im Sinne des

Evangeliums: sie gewähren mir Zerstreuung und setzen mein Blut in Bewegung.

Immer auf der Wache stehn, jeden Blick, die Bedeutung jedes Wortes

erhaschen, die Absichten Anderer errathen, ihre Verabredungen zu nichte

machen, den Getäuschten spielen und dann plötzlich mit einem Rucke das

ganze ungeheure und mühselige Gebäude ihrer Ränke und Pläne über den Haufen

werfen, -- das nenne ich Leben!!

Im Verlaufe des Abendessens zischelte Gruschnitzki mit dem

Dragonerhauptmann und gab ihm verschiedene Winke.

Den 14. Juni.

Heute früh ist Wära mit ihrem Gemahle nach Kislowodsk abgereist. Ich

begegnete ihrem Wagen, als ich mich eben zur Fürstin Ligoffska begab. Sie

winkte mir mit dem Kopfe, in ihrem Blicke lag ein Vorwurf.

Wer ist Schuld an allem? Warum gewährt sie mir nicht die Gelegenheit sie

allein zu sehen? Die Liebe wie das Feuer -- erlischt ohne Nahrung.

Vielleicht bewirkt die Eifersucht, was meine Bitten nicht vermochten.

Ich saß eine volle Stunde bei der Fürstin. Mary kam nicht zum Vorschein, --

sie ist krank. Auf dem Boulevard erschien sie des Abends auch nicht. Die

daselbst zusammengekommene Rotte, mit Lorgnetten bewaffnet, nahm in der

That eine drohende Gestalt an. Ich war froh, daß die Fürstin krank war: sie

würden ihr irgend einen Affront angethan haben. Gruschnitzki's Haar war in

wilder Unordnung, seine Miene eine verzweifelte. Wie es scheint, ist er

wirklich tief angegriffen, besonders fühlt er sich in seiner Eigenliebe

schwer verletzt; es giebt nun aber einmal Leute, an denen alles lächerlich

ist, sogar die Verzweiflung! --

Nach Hause zurückgekehrt, bemerkte ich, daß mir heute etwas fehlt. _Ich

habe sie nicht gesehen! Sie ist krank!_ Sollte ich in der That verliebt

sein? . . . Was für Unsinn!

Den 15. Juni.

Um eilf Uhr Morgens, -- nämlich zur Zeit, in welcher die Fürstin Ligoffska

gewöhnlich in der Jermoloff'schen Badewanne schwitzt, -- ging ich an ihrem

Hause vorbei. Mary saß nachdenklich am Fenster; als sie mich sah, fuhr sie

auf. --

Ich trat ins Vorzimmer; da ich keinen Lakai daselbst antraf, so benutzte

ich die hiesigen freien Gebräuche und begab mich unangemeldet ins

Wohnzimmer.

Eine trübe Blässe bedeckte das holde Gesicht der Fürstin. Sie stand am

Fortepiano und stützte sich mit der einen Hand auf die Lehne eines Sessels;

diese Hand zitterte unmerklich. Ich ging leise auf sie zu und sagte:

-- Zürnen Sie mir, gnädige Fürstin? . . .

Sie heftete einen düstern, tiefen Blick auf mich und schüttelte das Haupt;

ihre Lippen wollten einige Worte hervorbringen, vermochten es aber nicht;

ihre Augen füllten sich mit Thränen; sie ließ sich in den Lehnstuhl gleiten

und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen.

-- Was ist Ihnen, Fürstin? sagte ich, und ergriff ihre Hand.

»Achten Sie mich denn gar nicht? . . . O! verlassen Sie mich! . . .«

Ich machte einige Schritte . . . Sie richtete sich im Sessel auf, ihre

Augen funkelten . . .

Ich blieb an der Thür, die Klinke in der Hand, stehen und sagte:

-- Verzeihen Sie mir, gnädige Fürstin! Mein Verfahren ist das eines

Wahnsinnigen . . . es soll nicht wieder vorkommen, ich werde meine

Maßregeln darnach treffen . . . Was ginge Sie auch Das an, was bisher in

meiner Seele vorgegangen? Sie sollen es niemals erfahren, es ist soviel

besser für Sie; leben Sie wohl!

Beim Hinausgehen kam es mir vor, als hörte ich sie schluchzen. Ich trieb

mich bis zum Abende zu Fuß in den Umgebungen des Maschuk herum, ermüdete

mich fürchterlich und warf mich, sobald ich nach Hause zurückgekehrt war,

in vollkommener Abspannung auf's Bett.

Doktor Werner besuchte mich.

»Ist es wahr, daß Sie sich mit der jungen Fürstin Ligoffska vermählen?«

-- Wie so?

»Die ganze Stadt sagt es; alle meine Kranken sind mit dieser wichtigen

Neuigkeit beschäftigt; diese Kranken, das ist die rechte Sorte, die wissen

alles!«

Das ist ein Streich von Gruschnitzki, dachte ich.

-- Um Ihnen, lieber Doktor, die Unwahrheit dieser Gerüchte zu widerlegen,

theile ich Ihnen als Geheimniß mit, daß ich morgen nach Kislowodsk

übersiedele.

»Und die Fürstin?«

-- Sie bleibt noch eine Woche hier . . .

»Also verheirathen Sie sich nicht?«

-- Doktor, Doktor! Sehen Sie mich doch nur an: sehe ich wohl einem

Bräutigame oder so etwas im Geringsten ähnlich?

»Das will ich damit nicht sagen . . . Indessen, wissen Sie wohl, giebt es

Fälle . . .« fügte er mit einem verschmitzten Lächeln hinzu, in welchen ein

anständiger Mensch gezwungen ist zu heirathen, auch giebt es Mütter, welche

derartigen Fällen nicht vorbeugen. Darum rathe ich Ihnen als Freund

vorsichtiger zu sein. Hier am Brunnen weht eine gefährliche Luft: wie

manchen schmucken Kerl habe ich nicht gesehen, der wahrhaftig eines bessern

Looses werth gewesen wäre, und der von hier geradesweges unter die Haube

gerieth . . . Wollen Sie wohl glauben, daß man mich sogar hat verheirathen

wollen! Besonders eine Mama aus der Provinz, die ein sehr blasses

Töchterchen hatte. Ich hatte das Unglück ihr zu sagen, daß die frische

Gesichtsfarbe nach der Hochzeit wiederzukehren pflegt; alsbald bot sie mir

mit Thränen der Dankbarkeit die Hand ihrer Tochter und ihr ganzes Vermögen

an -- ich glaube sie hatte etwa funfzig Seelen. -- Ich antwortete ihr aber,

daß ich dazu unfähig wäre.

Werner verließ mich in der festen Meinung, er habe mich gewarnt. Aus seiner

Rede vernahm ich, daß über mich und die Fürstin entschieden schlechte

Gerüchte im Umlauf waren. Das soll Gruschnitzki nicht umsonst hingehen.

Den 18. Juni.

Seit drei Tagen bin ich bereits in Kislowodsk. Ich sehe Wära jeden Tag am

Brunnen und auf der Promenade. Des Morgens, nach dem Aufstehen, setze ich

mich ans Fenster und richte meine Lorgnette auf ihren Balkon; sie ist schon

längst angekleidet und wartet auf das verabredete Zeichen; wir begegnen uns

wie zufällig im Garten, der von unsern Häusern nach dem Brunnen führt. Die

belebende Bergluft hat ihr ihre Gesichtsfarbe und Kräfte wiederverliehen.

Nicht umsonst wird der Narsan die Heldenquelle genannt. Die hiesigen

Einwohner behaupten, daß die Luft von Kislowodsk zur Liebe stimmt, daß hier

alle Romane ihre Entwickelung finden, die irgendwo am Fuße des Maschuk

geknüpft wurden. Und wirklich athmet hier alles nur Einsamkeit und

Mysterium; die dunkeln Schatten der Lindenalleen, die sich über den

Sturzbach breiten, der bald mit Schaum und Gebrause von Abhang zu Abhang

rast, bald ein Bett sich mitten durch die grünenden Berge wühlt, sowohl,

wie die Schluchten voller Nacht und Schweigen, deren Verzweigungen sich

nach allen Seiten hin erstrecken, -- wie die Frische der aromatischen Luft,

vom Dufte der hohen Gräser des Südens und dem der weißen Akazie

geschwängert, -- wie das ununterbrochene, süß einlullende Rauschen der

kühlen Quellen, die sich am Ende der Ebene begegnen, und nun, wie Freunde

vereint, ihrem Ausflusse in den Podkúmok entgegenfließen. Diesseits ist die

Schlucht breiter und verwandelt sich zuletzt in einen begrünten Hohlweg;

eine staubige Landstraße zieht sich hindurch. So oft ich nach ihr schaue,

will es mich bedünken, als käme ein Wagen, und als schaute ein rosiges

Gesichtchen aus dem Wagenfenster. Wie viele Wagen sind nicht dieses Weges

daher gekommen, aber der noch immer nicht. Das Dörfchen, jenseits der

Festung, ist bevölkert. Aus der Restauration, die wenige Schritte von

meiner Wohnung auf einem Hügel liegt, schimmern des Abends die Lichter

durch die doppelte Pappelreihe; Lärm und Gläserklang ertönen bis in die

späte Nacht.

Nirgends wird so viel Kachetiner (Land-) wein und so viel Mineralwasser

getrunken wie hier.

Für diese doppelte Vieltrinkerei

Giebt es der Freunde viel -- doch ich bin nicht dabei.

Gruschnitzki tobt mit seiner Bande fast jeden Tag im Wirthshause; mich

grüßt er fast nicht mehr.

Er ist gestern erst angekommen; trotzdem ist es ihm bereits gelungen sich

mit drei alten Herren zu verzanken, die das Bad vor ihm nehmen wollten; --

wahrlich, das Unglück entwickelt in ihm den kriegerischen Geist.

Den 22sten Juni.

Endlich sind sie angekommen. Ich saß am Fenster, als ich das Gerassel ihrer

Equipagen hörte; mein Herz klopfte laut . . . Was bedeutet das? Wäre ich

wirklich verliebt? Ich bin so dumm beschaffen, daß man es wohl von mir

erwarten könnte.

Ich dinirte bei ihnen. Die Fürstin sah mich sehr zärtlich an, geht aber

ihrer Tochter nicht von der Seite . . . Abscheulich! Wära hingegen ist in

voller Eifersucht gegen die Fürstin -- habe ich doch endlich diese

Seligkeit erstrebt! Was thut ein Weib nicht, um ihre Rivalin zu kränken?

Ich erinnere mich, daß die eine sich in mich verliebte, weil ich eine

andere liebte. Es giebt nichts Paradoxeres als den weiblichen Geist: es ist

schwer, ein Frauenzimmer von etwas zu überzeugen; man muß sie dahin

bringen, daß sie sich selbst überzeuge. Die Ordnung der Beweise, womit sie

ihre Vorurtheile vernichten, ist höchst originell; will man sich ihre

Dialektik aneignen, so muß man in seinem Geiste alle Schulregeln der Logik

über den Haufen werfen. Zum Beispiel, die gewöhnliche Manier zu folgern

ist:

Dieser Mann liebt mich; ich aber bin verheirathet: folglich darf ich nicht

lieben.

Weibliche Manier:

Ich darf ihn nicht lieben, denn ich bin verheirathet; er liebt mich aber,

-- folglich . . .

Hier folgen einige Punkte, denn der Verstand spricht nicht mehr; hingegen

sprechen meistentheils: die Zunge, die Augen, und in ihrem Gefolge das

Herz, wenn ein solches vorhanden ist.

Wie nun, wenn diese Memoiren jemals einer Dame unter die Augen geriethen?

-- »Verläumdung!« ruft sie mit Entrüstung aus.

Seit Dichter schreiben und Damen sie lesen (wofür wir ihnen die größte

Dankbarkeit weihen), hat man sie so oft Engel genannt, daß sie in ihrer

Herzenseinfalt diesem Complimente wahrhaftig Glauben schenkten, vergessend,

daß diese selben Dichter den Nero für Geld einen Halbgott nannten . . .

Es würde mir übel anstehen, boshaft von ihnen zu sprechen, mir, der ich

außer ihnen auf der Welt nichts lieb habe, mir, der ich immer bereit bin,

ihnen meinen Frieden, meinen Ehrgeiz, mein Leben zu opfern. Allein ich

suche ja auch nicht in einem Anfalle des Grames, oder der beleidigten

Eigenliebe ihnen den Zauberschleier abzureißen, durch welchen nur ein

geübtes Auge dringt. Nein, alles was ich von ihnen sage, ist bloß das

Resultat

So mancher regen Geistesmühen

So mancher bittern Herzensqual.

Die Damen sollten eigentlich wünschen, daß alle Männer sie so gut kennten

wie ich, weil ich sie hundertmal mehr liebe, seit ich sie nicht mehr

fürchte und hinter ihre kleinen Schwächen gekommen bin.

Da fällt mir gerade ein, daß Werner vor einigen Tagen die Damen mit dem

verzauberten Walde verglich, von welchem Tasso in seinem »Befreiten

Jerusalem« erzählt.[A] -- »So wie man ihn betritt,« sagte er, »fliegen

einem von allen Seiten solche Schrecken entgegen, daß Gott bewahre:

Pflicht, Stolz, Anständigkeit, öffentliche Meinung, Lächerlichkeit,

Verachtung . . . Man braucht aber nur die Augen zuzumachen und darauf

loszugehen; -- nach und nach verschwinden die Schreckbilder, und eine

stille, freundliche Flur dehnt sich vor Dir aus, in deren Mitte die

grünende Myrthe blüht. Wehe Dir aber, wenn Dein Herz bei den ersten

Schritten bebt und Du Dich zurückziehst!«

[Fußnote A: Canto XVIII.]

Den 24. Juni.

Der heutige Abend war reich an Abenteuern. Ungefähr drei Werst von

Kislowodsk, in der Schlucht, wo der Podkumok dahinfließt, befindet sich ein

Felsen, der _Ring_ genannt, weil er eine von der Natur gebildete Pforte[A]

bildet. Diese erhebt sich auf einem hohen Hügel, und die untergehende Sonne

wirft durch sie ihren letzten glühenden Blick auf die Erde. Eine zahlreiche

Kavalkade hatte sich dahinbegeben, um den Sonnenuntergang durch dieses

Felsenfenster zu betrachten. Die Wahrheit zu gestehen, dachte Keiner von

ihnen an die Sonne. Ich ritt neben der Fürstin Mary; auf dem Rückwege

mußten wir den Podkumok durchreiten. Die Bergflüsse, selbst die

allerkleinsten, sind gefährlich, besonders dadurch, daß ihr Boden ein

wahrhaftiges Kaleidoskop ist: jeden Tag verändert er sich von dem Drucke

(Andrange) der Wogen; wo gestern ein Stein lag, ist heute ein Loch. Ich

nahm das Pferd der Fürstin bei den Zügeln und leitete es ins Wasser, das

ihm nicht bis über die Kniee ging; langsam setzten wir uns stromaufwärts

schräg gegen den Fluß in Bewegung. Es ist bekannt, daß man beim Reiten

durch reißende Gewässer nicht aufs Wasser blicken darf, weil man sogleich

schwindelig wird. Ich hatte vergessen, die Fürstin darauf aufmerksam zu

machen.

[Fußnote A: Aehnlich der Porta Westphalica bei Minden. Anm. d. Uebers.]

Wir waren bereits in der Mitte der reißenden Strömung, als sie plötzlich im

Sattel schwankte. »Mir ist unwohl!« sagte sie mit schwacher Stimme. Rasch

neigte ich mich zu ihr, umfaßte ihre schlanke Taille mit meinem Arme, und

raunte ihr zu: Sehen Sie in die Höhe, Fürstin! es ist nichts, nur sein Sie

nicht furchtsam, ich bin ja mit Ihnen.

Sie fing an sich zu erholen und wollte sich meinem Arme entwinden, ich

umschlang aber ihren zarten, weichen Wuchs noch fester; meine Wangen

berührten fast die ihrigen, von denen es mich glühend anwehte.

»Was beginnen Sie mit mir'! . . . O mein Gott! . . .«

Ich beachtete ihr Zittern und ihre Verwirrung nicht, sondern drückte meine

Lippen auf ihre zarten Wangen; sie erbebte, sagte aber nichts; wir waren

die hintersten: Niemand hatte uns gesehen. Als wir eben das jenseitige Ufer

erreichten, setzten sich die andern in Trab. Die Fürstin hielt ihr Pferd

an; ich blieb neben ihr; offenbar beunruhigte sie mein Schweigen; ich hatte

mir aber versprochen kein Wort zu sagen -- aus reiner Neugierde. Ich wollte

sehen, wie sie sich aus dieser schwierigen Lage herausziehen würde.

»Entweder verachten Sie mich, oder Sie lieben mich ungemein!« sagte sie

endlich mit einer Stimme, in welcher die Thränen klangen. Vielleicht wollen

Sie sich über mich lustig machen, meine Seele nur aufregen, und mich dann

fahren lassen . . . Das wäre ja so nichtswürdig, so niedrig, daß die bloße

Voraussetzung . . . O, nein! Nicht wahr, ich habe nichts an mir, das mir

Ihre Achtung versagte? Ihr kühnes Betragen . . . ich muß, ich muß es Ihnen

verzeihen, weil ich Ihnen erlaubte . . . Antworten Sie mir, sprechen Sie

doch, ich will Ihre Stimme hören! . . .« In den letzten Worten lag eine

solche weibliche Ungeduld, daß ich unwillkührlich lächelte; zum Glücke fing

die Dämmerung an einzubrechen . . . Ich erwiederte nichts.

»Sie schweigen?« fuhr sie fort: so wollen Sie vielleicht daß ich Ihnen

zuerst sage, daß ich Sie liebe? . . .

Ich schwieg.

»Wollen Sie das?« fuhr sie, sich rasch zu mir wendend, fort . . . In der

Entschlossenheit ihres Blickes und ihrer Stimme lag etwas Fürchterliches

. . .

-- Wozu? antwortete ich mit den Achseln zuckend.

Sie schlug ihr Pferd mit der Peitsche und jagte mit verhängten Zügeln auf

dem engen gefährlichen Wege dahin; dies war so rasch vor sich gegangen, daß

ich sie kaum einholen konnte, und zwar erst als sie sich der übrigen

Gesellschaft bereits angeschlossen hatte. Bis zu ihrem Hause blieb sie in

einem Lachen und Sprechen; in ihren Bewegungen lag etwas Fieberhaftes; mich

sah sie nicht ein einziges Mal an. Allen fiel diese ungewöhnliche

Heiterkeit auf. Ihre Mutter freute sich innerlich, so oft sie auf ihr

Töchterchen blickte, das Töchterchen hingegen hatte ganz einfach

Nervenzucken: diese Nacht liegt sie schlaflos und in Thränen! Dieser

Gedanke gewährt mir einen unaussprechlichen Genuß: es giebt Augenblicke in

denen ich die Vampire begreife . . . Bis jetzt gelte ich noch immer für

einen guten Jungen und beute diese Benennung aus!

Nachdem sie vom Pferde gestiegen war, begaben sich die Damen zur Fürstin;

ich war tief aufgeregt und galloppirte in die Berge, um die Gedanken, die

sich in meinem Kopfe drängten, zu zerstreuen. Der thauige Abend athmete

besänftigende Kühle. Der Mond stieg hinter den dunkeln Bergspitzen empor.

Jeder Schritt meines unbeschlagenen Pferdes fand im Schweigen der

Schluchten sein Echo; beim Wasserfall hielt ich still mein Pferd zu

tränken, sog gierig einigemal die frische Luft der südlichen Nacht ein, und

begann den Rückweg. Ich ritt durch das Dörfchen. Die Lichter fingen an hier

und da in den Fenstern zu erlöschen; die Wachen auf der Festung und die

Kosaken der benachbarten Feldwachen riefen sich mit gedehnter Stimme an.

In einem der Häuser des Dörfchens, das am äußersten Ende des Hohlweges

stand, bemerkte ich eine ungewöhnliche Beleuchtung; von Zeit zu Zeit

ertönte ein lautes unzusammenhängendes Stimmengetön, an welchem ich ein

militairisches Gelage erkannte. Ich stieg ab und schlich mich an's Fenster;

eine nicht gut anschließende, vorgestellte Fensterlade erlaubte mir die

Zecher wahrzunehmen und ihre Worte aufzufangen. Man sprach von mir.

Der Dragonerhauptmann, vom Weine erhitzt, schlug mit der Faust auf den

Tisch und forderte die allgemeine Aufmerksamkeit:

»Meine Herren!« sagte er, »das hat keinen Sinn und Verstand. Dem Petschorin

muß man einen Denkzettel geben. Diese Petersburger Flatterer bilden sich

immer so viel ein, bis man ihnen eins derb auf die Nase giebt! Er bildet

sich ein, daß er allein die Welt kennt, weil er immer reine Handschuhe und

geputzte Stiefeln trägt. -- Und was er für ein aufgeblasenes Lächeln hat!

Und dennoch bin ich überzeugt, daß er eine Memme -- eine recht feige Memme

ist!«

»Ich glaube das auch,« sagte Gruschnitzki. »Er liebt es, sich durch einen

Spaß aus der Schlinge zu ziehen. Ich habe ihm einmal solche Dinge gesagt,

daß ein Anderer mich auf dem Flecke zu Boden gehauen hätte, aber Petschorin

zog alles ins Lächerliche. Ich habe ihn natürlich nicht gefordert, denn das

war seine Sache; aber er wollte durchaus nicht anbeißen . . .«

»Gruschnitzki ist böse auf ihn, weil er ihm die Fürstin abspenstig gemacht

hat,« sagte Einer.

»Na, da bitte ich zu grüßen! Ich habe freilich der Fürstin ein wenig die

Cour gemacht, indessen hab ichs gleich wieder dran gegeben, weil ich nicht

heirathen will, und es gegen meine Grundsätze ist, ein junges Mädchen zu

compromittiren.«

»Ja, ich gebe Ihnen die Versicherung, er ist die größte Memme, nämlich

Petschorin und nicht Gruschnitzki, -- Gruschnitzki ist ein braver Junge,

und außerdem mein innigster Freund!« sagte wiederum der Dragonerhauptmann.

-- Meine Herren, nimmt ihn hier Niemand in Schutz? Keiner? Desto besser!

Wollen wir einmal seine Courage auf die Probe stellen? Das wird Sie alle

amüsiren . . .«

»Das wollen wir wohl; aber wie?«

»Ich habe einen Plan; hören Sie: Gruschnitzki ist besonders böse auf ihn;

ihm kommt also die erste Rolle zu! Er zieht die erste beste Dummheit heran

und fordert Petschorin zum Duell . . . Erlauben Sie, erlauben Sie: gerade

hierin liegt der ganze Witz; -- und fordert Petschorin zum Duell. Gut!

Alles dies -- die Herausforderung, die Vorbereitungen, die Bedingungen

müssen so feierlich und schrecklich wie möglich gemacht werden, -- das

übernehme ich; ich werde Dein Sekundant sein, armer Freund! Gut! Aber jetzt

sollt Ihr sehen, wo der Knoten liegt: In die Pistolen laden wir keine

Kugeln; ich stehe Ihnen dafür ein, daß Petschorin Furcht hat -- wir stellen

sie sechs Fuß einander gegenüber; Hol's der Teufel! Sie sind damit

einverstanden meine Herren?«

»Wundervoll ausgedacht! -- Vollkommen einverstanden? Und warum denn nicht?«

ertönte es von allen Seiten.

»Und Du, Gruschnitzki?«

Mit Spannung harrte ich der Antwort Gruschnitzki's. -- Eine kalte Wuth

durchzuckte mich bei dem Gedanken, daß ich ohne diesen Zufall diesen Narren

ein Gegenstand des Spottes hätte werden können. Wenn Gruschnitzki nicht

einwilligte, so hätte ich mich ihm an den Hals geworfen. Allein nach kurzem

Schweigen erhob er sich von seinem Platze, streckte dem Hauptmann seine

Hand entgegen und sagte mit vieler Wichtigkeit: »Gut, ich bin damit

einverstanden.«

Das Entzücken der ganzen verehrlichen Gesellschaft läßt sich schwer

beschreiben.

Ich kehrte nach Hause zurück, von zwei verschiedenartigen Gefühlen bewegt.

Das eine war Traurigkeit -- »Warum hassen sie mich doch alle?« dachte ich,

-- »warum? Habe ich irgend einem von ihnen etwas zu Leide gethan? Nein.

Oder gehöre ich in die Reihe derjenigen Menschen, deren bloßer Anblick

bereits Widerwillen erregt?« Und sodann fühlte ich, wie ein giftiger Grimm

allmälig meine ganze Seele erfüllte. »Nehmen Sie sich in Acht, Herr

Gruschnitzki!« rief ich aus, indem ich in meinem Zimmer auf und ab schritt:

»so lasse ich mit mir nicht spielen. Der Beifall Ihrer stupiden Kameraden

kann Ihnen theuer zu stehen kommen! Ich bin kein Spielzeug für Sie! . . .

Ich that die ganze Nacht kein Auge zu. Gegen Morgen war ich gelb wie eine

Pomeranze.

Des Morgens früh begegnete ich der Fürstin am Brunnen.

»Sind Sie krank?« fragte sie, indem sie mich durchdringend anblickte.

-- Ich habe die Nacht nicht geschlafen.

»Ich auch nicht . . . Ich beschuldigte Sie . . . vielleicht . . . mit

Unrecht? -- Aber so erklären Sie sich, ich kann Ihnen alles verzeihen

. . .«

-- Alles?

»Alles . . . aber sagen Sie die Wahrheit, und schnell . . . Sehen Sie, ich

habe hin und hergedacht, und mich bemüht, mir Ihr Betragen zu erklären, es

zu entschuldigen; vielleicht fürchten Sie Hindernisse von Seiten meiner

Familie . . . Das will nichts sagen: besonders wenn Sie erst wissen, --

(ihre Stimme fing an zu zittern) ich will sie schon erbitten. Oder sollte

Ihre eigene Lage? O, so wissen Sie, daß ich Alles, Alles für den zu opfern

bereit bin, den ich liebe . . . O, antworten Sie schnell, -- haben Sie

Mitleid . . . Nicht wahr, Sie verachten mich nicht?«

Sie ergriff meine Hand.

Ihre Mutter ging mit Wära's Gemahl voran und sah von allem nichts; allein

wir wurden von den spazierengehenden Kranken, den allerneugierigsten

Klätschern aller Neugierigen, gesehen, und so befreite ich meine Hand

schnell von ihrem leidenschaftlichen Drucke.

-- Ich werde Ihnen die ganze Wahrheit sagen,« erwiederte ich der Fürstin;

ich werde meine Schritte weder entschuldigen, noch erklären: Ich liebe Sie

_nicht_.«

Ihre Lippen erbleichten.

»Verlassen Sie mich, sagte sie kaum hörbar.

Ich zuckte die Achseln, wandte mich um und ging fort.

Den 25. Juni.

Bisweilen verachte ich mich . . . kommt es vielleicht daher, daß ich auch

die Andern verachte? . . . Ich war der edelmüthigen Regungen nicht fähig;

ich fürchte mich, dadurch selbst lächerlich zu werden. Ein Anderer hätte an

meiner Stelle der Fürstin son cocur et sa fortune angeboten; allein über

mich hat das Wort _heirathen_ eine Art zauberischer Gewalt: wie

leidenschaftlich ich auch ein Frauenzimmer liebe, sobald sie mir nur zu

verstehen giebt, daß ich sie heirathen soll -- Adieu Liebe! mein Herz wird

zu Stein, und nichts vermag es auf's Neue zu beleben. Zu allen Opfern bin

ich bereit, nur nicht zu diesem; zwanzigmal lieber stelle ich mein Leben,

ja meine Ehre auf die Karte, aber meine Freiheit verkaufe ich nicht.

Weshalb halte ich sie für so kostbar? Was finde ich in ihr? Wohin flüchte

ich mich dereinst? Was erwarte ich von der Zukunft? . . . In der That ganz

und gar nichts. -- Es ist bei mir eine feindselige Furcht, ein

unerklärliches Vorgefühl . . . Giebt es doch Leute, welche sich gegen ihren

Willen vor Spinnen, Schaben und Mäusen fürchten . . . Und soll ich es ganz

gestehen? Als ich noch ein Knabe war, legte ein altes Weib meiner Mutter

über mich die Karte. Sie wahrsagte mir _Tod in Folge meiner bösen Frau_;

das hat mich damals schon tief ergriffen; in meiner Seele entstand eine

unüberwindliche Abneigung gegen die Ehe . . . Trotzdem sagt mir etwas, daß

ihre Wahrsagung in Erfüllung gehen wird; aber Mühe will ich mir wenigstens

geben, daß dies so spät wie möglich geschehe.

Den 26. Juni.

Gestern kam der Taschenspieler Apfelbaum hier an; An den Thüren der

Restauration ist eine lange Affische angeschlagen, welche das hochverehrte

Publikum benachrichtigt, daß der obengenannte berühmte Taschenspieler,

Akrobat, Professor der Chemie und Optik, die Ehre haben wird, heute Abend

um 8 Uhr im adligen Saale -- sonst Restauration -- eine brillante

Vorstellung zu geben; Billete sind zu haben zum Preise von zwei und einem

halben Rubel.

Alle haben sich verabredet, den berühmten Taschenspieler zu sehen; sogar

die Fürstin Ligoffska, obgleich ihre Tochter krank ist, hat für sich ein

Billet genommen.

Nach dem Mittagessen ging ich vor Wära's Fenster vorüber; sie saß allein

auf dem Balkone; ein Zettelchen fiel vor meinen Füßen auf die Erde:

»Komm heut Abend um zehn Uhr zu mir; Du kannst die Paradentreppe

heraufkommen; mein Mann ist nach Pätigorsk gereist und kehrt erst morgen

früh zurück. Von meinen Leuten wird Niemand zu Hause sein, ich habe ihnen

allen Billete gegeben, sogar denen der Fürstin. -- Ich erwarte Dich; komme

unbedingt.«

-- Aha! dachte ich, endlich kommt es doch, wie ich es wünschte.

Um acht Uhr ging ich zum Taschenspieler. Das Publikum versammelte sich

gegen das Ende der neunten Stunde; die Vorstellung begann. In den letzten

Stuhlreihen erkannte ich die Lakaien und Kammermädchen Wära's und der

Fürstin. Es fehlte auch nicht Einer. Gruschnitzki saß in der vordersten

Reihe, mit seiner Lorgnette bewaffnet. Der Taschenspieler wandte sich stets

an ihn, so oft er ein Schnupftuch, eine Uhr, einen Ring und dergl. mehr

brauchte.

Gruschnitzki grüßt mich schon seit einiger Zeit nicht mehr, aber heute sah

er mich sogar recht frech an. Gut, ich werde Allem Rechnung tragen, wenn

unser Abrechnungstermin wird gekommen sein.

Kurz vor zehn stand ich auf und ging.

Auf dem Hofe war es so finster, daß man die Hand vor den Augen nicht sehen

konnte. Schwere dunkle Gewölke hingen auf den Spitzen der nahen Berge; nur

dann und wann rauschte ein ersterbendes Windchen in den Kronen der Pappeln,

welche die Restauration umstehen; an den Fenstern drängte sich das Volk.

Ich ging die Anhöhe hinab und, nachdem ich mich aus der Thür gestohlen

hatte, ging ich raschen Schrittes voran. Plötzlich schien es mir, als hörte

ich Jemanden hinter mir. Ich blieb stehen und blickte rund um mich. Es war

unmöglich, in der Finsterniß irgend etwas zu erkennen; doch ging, ich, der

Vorsicht wegen, gleichsam spazieren gehend, einige Male um das Haus. Als

ich an den Fenstern der Fürstin vorüberging, hörte ich abermals Tritte

hinter mir; ein Mann, in einen Mantel gehüllt, ging eilig an mir vorüber.

Dies fing an mich zu beunruhigen. Indessen gelangte ich an den Perron und

eilte schnell die dunkle Treppe hinauf. Die Thür ging auf; eine kleine Hand

ergriff die meinige . . .

»Es hat Dich doch Niemand gesehen?« flüsterte Wära leise, indem sie mich an

sich zog.

-- Niemand.

»Glaubst Du jetzt, daß ich Dich liebe? O, ich habe lange geschwankt, lange

mit mir selbst gekämpft . . . aber Du machst nun einmal alles aus mir, was

Du willst . . .«

Ihr Herz schlug heftig, ihre Hände waren kalt wie Eis. Nun begannen die

Vorwürfe der Eifersucht, die Klagen; sie forderte von mir, daß ich alles

gestehen solle, und sagte, daß sie meine Treulosigkeit mit Ergebenheit

ertragen würde, da sie ja nichts wolle als mein Glück einzig und allein.

Ich glaubte nicht ganz daran, beruhigte sie indessen durch Schwüre,

Versprechungen u. s. w. u. s. w.

»Also willst Du Mary nicht heirathen? Du liebst sie nicht? Und sie glaubt

. . . weißt Du wohl, daß sie Dich bis zum Wahnsinn liebt, die arme Seele!«

--

* * * * *

Gegen zwei Uhr Mitternacht öffnete ich das Fenster, knüpfte zwei Shawls

zusammen, und glitt an den Säulen vom obern Balkon auf den niedern hinab.

Bei der jungen Fürstin brannte noch Licht. Eine unsichtbare Macht fesselte

mich an ihr Fenster. Der Vorhang war nicht ganz herabgelassen, so daß ich

meinen neugierigen Blick im Innern des Zimmers herumschweifen lassen

konnte. Mary saß im Bette aufrecht, die Arme über die Kniee gekreuzt; ihr

volles Haupthaar war unter eine Nachthaube aufgeschürzt, die mit Spitzen

garnirt war; ein großes Ponceau-Halstuch umhüllte ihre weißen Schultern,

ihr kleines Füßchen war in bunten, persischen Pantoffeln versteckt. Sie saß

unbeweglich, den Kopf auf die Brust gesenkt; neben ihr auf einem Tischchen

lag ein aufgeschlagenes Buch; allein ihre Augen, unbeweglich und mit einem

unaussprechlichen Grame erfüllt, schienen schon zum hundertsten Male eine

und dieselbe Seite zu überlaufen, während ihre Gedanken fern waren . . .

In diesem Augenblicke regte sich etwas im Gebüsche. Ich sprang vom Balkon

auf den Rasen. Eine unsichtbare Hand ergriff mich an der Schulter. »Aha!«

sagte eine grobe Stimme: »hab' ich Dich erwischt! Ich werde Dich lehren,

des Nachts zu schönen Fürstinnen zu gehen! . . .«

-- Halte ihn fest! schrie ein anderer, der aus einem Winkel

herbeigesprungen kam.

Es war Gruschnitzki und der Dragonerhauptmann.

Mit einem fürchterlichen Faustschlag auf den Kopf warf ich den Letztern

nieder und stieß ihn mit einem Fußtritte vor mir in's Gebüsch. Alle Fußwege

des Gartens, welcher den sanften Abhang zwischen unsern Häusern bedeckte,

waren mir bekannt.

»Diebe! Wache!« schrieen sie . . . ein Schuß ertönte; der rauchende

Pfropfen fiel fast zu meinen Füßen.

Innerhalb einer Minute war ich schon in meinem Zimmer, zog mich rasch aus

und legte mich. Kaum hatte mein Diener die Thür zugeschlossen, als

Gruschnitzki und der Kapitain schon bei mir anklopften.

»Petschorin! Schlafen Sie? Sind Sie zu Hause?« rief der Kapitain.

-- Freilich schlafe ich, antwortete ich verdrießlich.

»Stehen Sie auf! -- Diebe! . . . Tscherkessen! . . .«

-- Ich hab' den Schnupfen, antwortete ich, und fürchte mich zu erkälten.

Sie entfernten sich. Vergebens hatte ich ihrem Rufe geantwortet; sie

suchten mich noch eine Stunde lang im Garten. Unterdessen war ein

fürchterlicher Lärm entstanden. Aus der Festung kam ein Kosak

herbeigesprengt. Alles war in Alarm, jeder suchte die Tscherkessen in jedem

Busche und fand natürlich nichts. Viele aber waren höchst wahrscheinlich

der festen Ueberzeugung, daß wenn die Garnison mehr Tapferkeit und

Schnelligkeit entwickelt hätte, wenigstens einige zwanzig Stück von den

Räubern auf dem Platze geblieben wären. --

Den 27. Juni.

Heute Morgen war am Brunnen von nichts anderem die Rede als von dem

nächtlichen Anfalle der Tscherkessen. Ich trank die vorgeschriebene

Gläserzahl Narsan, ging ein Dutzend Mal die lange Lindenallee auf und ab,

und begegnete Wära's Gemahle, der so eben von Pätigorsk zurückgekommen war.

Er faßte mich unter den Arm, und wir gingen in die Restauration, um zu

frühstücken; er war in großer Angst um seine Frau. »Wie sie sich diese

Nacht erschreckt hat!« sagte er: »muß doch gerade so etwas vorfallen, wenn

ich nicht hier bin.« Wir setzten uns zum Frühstück nahe an die Thür, welche

zum Eckzimmer führt, in welchem an zehn junge Leute waren, unter denen auch

Gruschnitzki sich befand. Das Schicksal gewährte mir zum zweiten Male die

Gelegenheit ein Gespräch zu überhören, welches über seine Zukunft

entscheiden sollte. Er konnte mich nicht sehen und aus diesem Grunde konnte

ich bei ihm keine bestimmte Absicht voraussetzen; allein dies erhöhte eben

seine Schuld in meinen Augen.

»Sollten es denn wirklich Tscherkessen gewesen sein?« sagte Jemand, »hat

irgend Einer sie gesehen?«

-- Ich werde Ihnen die Wahrheit sagen, erwiederte Gruschnitzki, aber ich

muß Sie bitten mich nicht zu verrathen; die Geschichte hängt so zusammen:

Gestern Abend kommt ein Mann, den ich Ihnen nicht näher bezeichne, zu mir

und erzählt mir, daß er in der zehnten Stunde gesehen habe, wie sich Jemand

ins Haus der Fürstin Ligoffska geschlichen. Nun müssen Sie wohl bemerken,

daß die Fürstin hier und nur ihre Tochter zu Hause war. Wir geschwind mit

ihm unter das Fenster der Fürstin, um den Glücklichen zu bewachen.

Ich gestehe, daß ich nicht wenig erschrak, obgleich mein Nachbar ungemein

mit seinem Frühstück beschäftigt war; er konnte, wenn Gruschnitzki eben so

gut die Wahrheit errathen hätte, Dinge hören, die ihn ziemlich unangenehm

berührt haben müßten; allein von der Eifersucht verblendet, ahnte er den

wahren Zusammenhang nicht einmal.

-- Also, sehen Sie, wir gingen dahin und nahmen ein Gewehr mit, das

übrigens nur blind geladen war, bloß um zu erschrecken. Bis zwei Uhr

warteten wir im Garten. Endlich kam er, Gott weiß woher, zum Vorschein --

aus dem Fenster kann er nicht gekommen sein, denn es war nicht aufgegangen,

er muß also aus der Glasthüre, die hinter den Säulen liegt, gekommen sein;

-- also endlich, sage ich, sehen wir Jemand auf dem Balkone gehen . . .

Eine schöne Fürstin? he? Nun, das muß ich gestehen, das sind Moskauer

Gewohnheiten! Wem soll man hier noch vertrauen? Wir wollten ihn ergreifen,

aber er riß sich los und warf sich wie ein Hase ins Gebüsch; da schoß ich

ihm nach . . . .

Ein Gemurmel der Ungläubigkeit erhob sich um Gruschnitzki . . .

-- Sie glauben es nicht? fuhr er fort: ich gebe Ihnen mein heiliges

Ehrenwort, daß alles die nackte Wahrheit ist, und zum Beweise will ich

Ihnen sogar den saubern Herrn nennen. --

»Sprich, sprich, wer ist es?« ertönte es von allen Seiten.

-- Petschorin, antwortete Gruschnitzki.

In diesem Augenblicke hob er die Augen auf -- ich stand vor ihm in der

Thüre; er wurde feuerroth. Ich ging auf ihn zu und sagte langsam und

vernehmlich:

»Es thut mir sehr leid, daß ich erst eingetreten bin, nachdem Sie bereits

Ihr Ehrenwort zur Bekräftigung der allerabscheulichsten Verläumdung

verpfändet haben; meine Gegenwart würde Ihnen eine überflüssige

Niederträchtigkeit erspart haben.«

Gruschnitzki sprang von seinem Platze auf und wollte hitzig werden.

»Ich fordere Sie auf,« fuhr ich mit derselben Stimme fort, »sogleich Ihre

Worte zu widerrufen. Sie wissen selbst recht gut, daß alles leere Erfindung

ist. Ich habe nie geglaubt, daß eine Dame, die gegen Ihre glänzenden

Eigenschaften, gleichgültig ist, eine so abscheuliche Rache verdient hätte.

Ueberlegen Sie es wohl: bleiben Sie bei Ihrer Meinung, so verlieren Sie das

Recht auf den Namen eines ehrlichen Mannes und setzen Ihr Leben auf's

Spiel.«

Gruschnitzki stand mit gesenktem Blicke vor mir; er war in einer großen

Aufregung. Allein der Kampf zwischen Gewissenhaftigkeit und Eitelkeit

dauerte nicht lange. Der Dragonerhauptmann, der neben ihm saß, stieß ihn

mit dem Ellenbogen an; er fuhr auf und antwortete schnell, ohne mich

anzusehen:

-- Mein gnädiger Herr, wenn ich etwas sage, so denke ich es auch und bin

bereit es zu wiederholen . . . Vor Ihren Drohungen fürchte ich mich nicht,

und bin auf alles gefaßt.

»Das Letzte haben Sie bereits bewiesen,« antwortete ich ihm kalt, indem ich

den Dragonerhauptmann unter den Arm faßte und mit ihm das Zimmer verließ.

-- Was ist gefällig? fragte der Kapitain.

»Sie sind Gruschnitzki's Freund und werden wahrscheinlich sein Sekundant

sein?«

Der Kapitain verneigte sich mit Wichtigkeit.

-- Sie haben es getroffen, erwiederte er, es ist sogar meine Pflicht sein

Sekundant zu sein, weil die ihm zugefügte Beleidigung sich auch auf mich

bezieht; ich war die vergangene Nacht mit ihm, setzte er hinzu, seinen

krummen Rücken aufrichtend.

»So? Also waren Sie das, dem ich den hübschen Schlag über den Kopf

versetzte? . . .«

Er wurde gelb und blau im Gesicht; eine unterdrückte Bosheit drückte sich

in seinem Gesichte aus.

»Ich werde die Ehre haben, Ihnen heute meinen Sekundanten zuzuschicken,«

fügte ich hinzu, indem ich ihn artig begrüßte und so that, als ob ich seine

Wuth gar nicht bemerkte. --

Auf dem Perron der Restauration traf ich den Gemahl Wära's. Dem Anscheine

nach erwartete er mich.

Er ergriff meine Hand mit einer Wärme, die an Entzücken streifte.

»Edler, junger Mann,« sagte er mit Thränen in den Augen, »ich habe alles

mit angehört. Solch ein Bube, solch ein Lump! Und solche Leute soll man in

einem ordentlichen Hause aufnehmen! Gott sei Dank, daß ich keine Kinder

habe! Sie aber wird Die belohnen, für die Sie Ihr Leben einsetzen. -- Sein

Sie überzeugt von meiner Verschwiegenheit, bis alles vorbei ist,« fuhr er

fort, »ich war auch einst jung und habe gedient, und weiß, daß man sich in

solche Dinge nicht mischen darf. Empfehl' mich Ihnen.«

Der arme Schlucker! Freut sich, daß er keine Töchter hat . . . Ich ging

sofort zu Werner, fand ihn zu Hause und erzählte ihm alles -- meine

Beziehungen zu Wära und zur Fürstin, so wie das Gespräch, das ich überhört

und aus welchem ich die Absicht dieser Narren erkannt hatte, mich zum

Besten zu haben und mich mit einer blinden Ladung schießen zu lassen. Jetzt

aber nahm die Sache eine ernstere Wendung: eine solche Lösung hatten sie

wahrscheinlich nicht erwartet.

Der Doktor willigte ein mein Sekundant zu sein; ich gab ihm einige

Anweisungen in Betreff der Bedingungen des Duells; er sollte vor Allem

darauf bestehen, daß die Sache so geheim gehalten würde wie möglich; denn

war ich schon bereit mich jeden Augenblick dem Tode zu unterziehen, so

hatte ich doch nicht im Geringsten Lust, meine Zukunft auf dieser Welt auf

ewig zu verderben. --

Hierauf begab ich mich nach Hause. Nach einer Stunde kam der Doktor von

seiner Expedition zurück.

»Gegen Sie ist wirklich eine Verschwörung im Werke,« sagte er. »Ich fand

bei Gruschnitzki den Dragonerhauptmann und noch einen Herrn, dessen Name

mir nicht gleich einfällt. Ich blieb eine Minute lang im Vorzimmer stehen,

um meine Kaloschen auszuziehen. Drinnen war ein fürchterliches Lärmen und

Streiten . . . »Für nichts in der Welt willige ich jetzt ein,« sagte

Gruschnitzki, »er hat mich öffentlich beleidigt; damals war es ganz etwas

anders.« -- »Nun, was geht das Dich an,« meinte der Kapitain, »wenn ich

doch Alles auf mich nehme. Ich war Sekundant in fünf Duellen und weiß schon

wie man das anfängt. Ich habe mir bereits alles ausgedacht; ich bitte,

störe mich in nichts; es kann gar nichts schaden, ihn ein wenig

einzuschüchtern. Und dann -- warum wolltest Du Dich einer Gefahr aussetzen,

wenn man sie vermeiden kann? . . .« In diesem Augenblicke trat ich ein; sie

schwiegen plötzlich still. -- Unsere Unterhandlungen dauerten ziemlich

lange; endlich kamen wir in Folgendem überein: Ungefähr fünf Werst von hier

ist eine tiefe Schlucht; sie gehen morgen früh um vier Uhr dahin ab, wir

folgen eine halbe Stunde später; Ihr schießt Euch auf sechs Fuß Distanz --

Gruschnitzki hat es selbst so gefordert; der Getödtete kommt auf Rechnung

der Tscherkessen. -- Mir ist aber noch ein Verdacht gekommen: sie, ich

meine die beiden Sekundanten, haben ihren frühern Plan in etwas verändert,

und wollen nur die Pistole Gruschnitzki's mit einer Kugel laden. Das sieht

denn doch gerade aus wie Todtschlag; in Kriegszeiten und besonders in einem

asiatischen Kriege lass' ich etwas List wohl gelten, aber ich halte

Gruschnitzki doch für honneter als seine Gefährten. Was meinen Sie? Sollen

wir ihnen zeigen, daß wir sie durchschaut haben?

-- Für nichts auf der Welt, Doktor! Sein Sie ganz ruhig; ich lass' mich

nicht anführen.

»Was wollen Sie eigentlich thun?«

-- Das ist mein Geheimniß.

»Ueberlegen Sie wohl, welcher Gefahr Sie sich aussetzen . . . auf sechs

Schritte!«

-- Doktor, ich erwarte Sie morgen um vier Uhr; die Pferde werden bereit

stehen . . . Adieu!

Ich blieb bis gegen Abend zu Hause und schloß mich in meinem Zimmer ab. Ein

Lakai der Fürstin kam, mich zu ihr zu bitten, -- ich ließ sagen, ich wäre

krank.

* * * * *

Es ist zwei Uhr des Nachts . . . ich kann nicht schlafen. Und doch müßte

mich der Schlaf etwas stärken, damit morgen meine Hand nicht zittert.

Uebrigens ist es schwer auf sechs Schritt fehlzuschießen. Ha, mein Herr

Gruschnitzki, Ihre Mystification soll Ihnen nicht gelingen . . . wir werden

unsere Rollen wechseln; jetzt kommt es mir zu, auf Ihrem bleichen Gesichte

die Zeichen der geheimen Furcht aufzusuchen. Warum haben Sie selbst diese

verhängnißvollen sechs Fuß bestimmt? Glauben Sie etwa, ich würde Ihnen ohne

Weiteres meine Stirne darbieten? . . . Nein, wir werfen das Loos! und dann

. . . dann . . . wie aber, wenn ihn das Glück begünstigt, wenn mein Stern

mich endlich verließe? . . . Und wie leicht könnte dies sein; diente er

doch solange schon meinen Launen . . .

Wie? sterben? So sterben? Für die Welt freilich kein großer Verlust; und

mir selbst ist es auf ihr auch schon ziemlich langweilig. Ich komme mir vor

wie Jemand, der auf einem Balle gähnt, der aber bloß deshalb noch nicht

schlafen geht, weil sein Wagen noch nicht da ist. Jetzt ist der Wagen da

. . . Adieu! . . .

Ich überschaue im Gedächtniß meine ganze Vergangenheit, und frage mich

unwillkührlich: Warum habe ich gelebt? Zu welchem Zwecke wurde ich geboren?

Wahrscheinlich hat doch ein solcher existirt, wahrscheinlich war meine

Bestimmung eine erhabene, denn ich fühle in meiner Seele unermeßliche

Kräfte . . . Ich habe nur diese Bestimmung nicht errathen, sondern ließ

mich von den Lockungen leerer und undankbarer Leidenschaften fortreißen;

aus ihrem Schmelzofen kam ich fest und kalt wie Eisen hervor, aber hatte

auch für immer jedes edle Streben -- die schönste Blüthe des Lebens --

verausgabt. Und wie oft habe ich seit jener Zeit die Rolle des Beiles in

den Händen des Schicksals gespielt! Gleich dem Instrumente des

Hochgerichtes fiel ich auf das Haupt der geweihten Opfer, oft ohne Bosheit,

immer ohne Mitleid . . . Meine Liebe hat Niemandem Glück gebracht, weil ich

denen, die ich liebte, niemals etwas geopfert habe: ich liebte meinetwegen,

zu meinem eigenen Vergnügen; ich genügte nur dem seltsamen Bedürfniß meines

Herzens, und saugte mit Begier ihre Gefühle, ihre Zärtlichkeit, ihre

Freuden und Leiden auf -- und konnte mich niemals sättigen. So sieht ein

vom Hunger Gequälter, den die Entkräftung in den Schlaf gesenkt hat, im

Traume die üppigsten Speisen und schäumendsten Weine; mit Entzücken

verschlingt er die lustigen Gerichte seiner Einbildungskraft und er fühlt

sich leichter; kaum aber ist er erwacht -- sein Bild verschwindet, und es

bleibt ihm nichts als doppelter Hunger und doppelte Verzweiflung!

Morgen sterbe ich vielleicht . . . und auf der Welt ist kein einziges

Wesen, das mich ganz verstanden hätte. Die Einen halten mich für

schlechter, die Andern für besser als ich wirklich bin . . . Die Einen

sagen: er war ein guter Junge, die Andern -- er war ein

verabscheuungswürdiger Mensch. Und das eine wie das andere ist falsch. Ist

es nach alle dem noch der Mühe werth zu leben? Und doch lebt man -- aus

Neugierde: man erwartet stets etwas Neues . . . Es ist lächerlich und

traurig. --

* * * * *

Seit anderthalb Monaten bin ich bereits in der Festung N. -- Maksim

Maksimitsch, der Kommandeur der Festung, ist auf die Jagd gegangen . . .

ich bin allein und sitze am Fenster; graue Wolken haben die Berge ganz und

gar überzogen; die Sonne sieht durch den Nebel wie ein gelber Flecken aus.

Es ist kalt; der Wind pfeift und rüttelt an den Fensterladen . . .

Langweilig! -- ich werde mein Journal, das von so vielen seltsamen

Ereignissen unterbrochen wurde, weiter fortführen.

Ich überlese die letzte Seite: lächerlich! -- Ich glaubte zu sterben; das

war unmöglich: ich habe den Becher des Leidens noch nicht geleert und jetzt

fühle ich, daß ich noch lange leben werde.

Wie alles Vergangene sich so scharf und klar in meinem Gedächtniß abgoß!

Nicht einen Zug, nicht eine Nüance hat die Zeit verwischt!

Ich erinnere mich, daß ich im Verlauf der ganzen Nacht die dem Duell

voranging, nicht eine Minute geschlafen habe. Schreiben konnte ich nicht

lange: eine geheime Unruhe hatte sich meiner bemächtigt. Eine ganze Stunde

lang ging ich im Zimmer auf und ab; alsdann setzte ich mich und öffnete

einen Roman Walter Scott's, der gerade auf meinem Tische lag. Es waren »die

Puritaner von Schottland.« Anfangs las ich nur mit Anstrengung, vergaß mich

aber bald, von der wunderbaren Dichtung fortgerissen.

Endlich fing es an zu tagen. Meine Nerven beruhigten sich. Ich blickte in

den Spiegel; eine trübe Blässe überzog mein Gesicht, welches die Spuren der

angreifenden Schlaflosigkeit trug; allein meine Augen, obgleich von einem

braunen Ringe umgeben, glänzten stolz und unermüdet. Ich war mit mir selbst

zufrieden.

Nachdem ich befohlen hatte die Pferde zu satteln, zog ich mich an und eilte

ins Bad. Ich tauchte mich in ein abgekältetes Bad der Narsanischen

Heißquelle und fühlte bald, wie die Körper- und Geisteskräfte mir auf's

Neue zuströmten. Ich stieg aus der Wanne so frisch und keck, als bereitete

ich mich zu einem Balle vor. Hiernach sage mir Jemand, daß die Seele nicht

vom Körper abhinge! . . .

Bei meiner Rückkehr vom Bade fand ich schon den Doktor bei mir wartend. Er

trug graue Reithosen, einen Archaluk[A] und eine Tscherkessenmütze. Ich

lachte laut auf, als ich die kleine Figur unter dieser enormen Zottelmütze

erblickte; er hat so schon gar kein kriegerisches Gesicht, aber diesmal war

es noch länger als gewöhnlich.

-- Warum sind Sie so traurig, Doktor? fragte ich ihn. -- Haben Sie nicht

schon hundertmal die Leute mit dem allergrößten Gleichmuthe nach jener Welt

begleitet? Bilden Sie sich ein, ich hätte ein Gallenfieberchen; ich kann

wieder hergestellt werden, kann aber auch dran sterben; das eine wie das

andere liegt in der Ordnung der Dinge; bemühen Sie sich, mich wie einen

Patienten zu betrachten, der von einer Ihnen noch unbekannten Krankheit

befallen ist, -- dann kann Ihre Neugierde im höchsten Grade angeregt

werden; Sie können an mir einige merkwürdige physiologische Beobachtungen

anstellen . . . Denn die Erwartung eines gewaltsamen Todes ist doch wohl

schon eine wirkliche Krankheit?

Dieser Gedanke frappirte den Doktor und er wurde wieder heiterer.

Wir setzten uns zu Pferde; Werner klammerte sich mit beiden Händen an die

Zügel, und wir machten voran, -- im Nu waren wir an der Festung vorüber,

durch das Dörfchen und ritten in die Schlucht, durch welche sich ein mit

hohem Grase halbverwachsener Weg dahinzog und die alle Augenblicke von

einem rauschenden Bache durchschnitten wurde, welchen wir dann zur großen

Verzweiflung des Doktors zu Pferde durchschwimmen mußten, weil sein Pferd

jedes Mal im Wasser stehen blieb.

[Fußnote A: Ein kurzes gestepptes, gewöhnlich seidenes Wamms.]

Ich erinnere mich keines blaueren und frischeren Morgens. Die Sonne guckte

kaum hinter den grünen Bergspitzen hervor und das Verschmelzen der ersten

Wärme ihrer Strahlen mit dem dahinsterbenden Nachtfroste brachte über alle

Gefühle eine gewisse süße Ermattung; in die Schlucht war noch kein Strahl

des jungen Tages gedrungen; er vergoldete nur die Spitzen der Felsen,

welche von beiden Seiten über uns drohten; dichtbelaubte Gebüsche, in den

tiefen Spalten der Felsen ihre Nahrung findend, überschütteten uns beim

leisesten Windhauche mit ihrem Silberregen. Ich erinnere mich wohl, daß ich

diesmal mehr wie je zuvor die Natur liebte. Mit welchem Interesse

betrachtete ich jeden Thautropfen, der zitternd an einem breiten

Weinrebenblatte hing und Millionen von Regenbogenstrahlen widerspiegelte!

Wie gierig dürstete mein Blick, die dampfende Ferne zu durchdringen! Dort

wurde der Pfad immer enger und enger, die Felsenmassen immer blauer und

furchtbarer, zuletzt in eine undurchdringliche Wand zusammenschmelzend! Wir

ritten schweigend nebeneinander.

»Haben Sie Ihr Testament gemacht?« fragte plötzlich Werner.

-- Nein.

»Wenn Sie nun aber fallen? . . .«

-- Meine Erben werden sich schon einfinden.

»So hätten Sie keinen Freund, dem Sie ein letztes Lebewohl zurufen

wollten?«

Ich schüttelte mit dem Kopfe.

»Keine Dame wäre auf der Welt, der Sie ein letztes Liebeszeichen

hinterlassen möchten?«

-- Soll ich Ihnen, lieber Doktor, meine Seele erschließen? antwortete ich

ihm . . . Sehen Sie, ich habe jene Jahre hinter mir, in welchen man

sterbend den Namen seiner Geliebten ausruft und seinem Freunde eine Locke

pommadirter oder nicht pommadirter Haare vermacht. Wenn ich an den nahen,

möglichen Tod denke, so denke ich nur an mich selbst: wie mancher thut das

nicht. Die Freunde, welche morgen mich vergessen, oder, was noch schlimmer

ist, auf meine Rechnung Gott weiß was für ungereimtes Zeug aussprengen; die

Damen, welche in der Umarmung eines andern über mich lachen werden, damit

sie in ihm ja nicht die Eifersucht gegen einen Verstorbenen wach rufen, --

Gott mit ihnen! . . . Aus dem Sturme des Lebens habe ich nur einige Ideen,

aber kein einziges Gefühl übrig behalten; schon längst lebe ich nicht mehr

mit dem Herzen, sondern mit dem Kopfe. Ich wäge und analysire meine eigenen

Leidenschaften und Schritte mit strenger Neugier aber ohne Theilnahme. In

mir sind zwei Menschen: der eine lebt, im vollsten Sinne dieses Wortes, der

andere denkt und beurtheilt ihn; der erste sagte Ihnen und der Welt schon

in einer Stunde auf ewig Lebewohl; aber der andere . . . der andere?

. . . Sehen Sie doch, Doktor, bemerken Sie nicht, wie auf jenem Felsen dort

rechts drei Figuren auftauchen? Es scheinen unsere Gegner zu sein? . . .

Wir beschleunigten unsern Ritt.

Am Fuße des Felsens, im Gebüsche, standen drei Pferde angebunden; wir

banden die unsrigen ebendaselbst an und stiegen auf einem engen Pfade zu

dem freien Plätzchen empor, wo Gruschnitzki mit dem Dragonerhauptmann und

seinem zweiten Sekundanten uns erwarteten. Sie nannten ihn Iván

Ignátjewitsch; seinen Familiennamen habe ich nie gehört.

»Wir erwarten Sie schon längst,« begann der Dragonerhauptmann mit einem

ironischen Lächeln.

Ich zog die Uhr hervor und zeigte sie ihm.

Er entschuldigte sich, daß die seinige vorginge.

Während einiger Minuten herrschte ein drückendes Schweigen. Endlich

unterbrach es der Doktor, indem er sich an Gruschnitzki wandte:

»Es scheint mir,« sagte er, »da ich Sie beide bereit sehe sich zu schlagen

und hierdurch den Bedingungen der Ehre Ihre Schuld zu bezahlen, daß Sie die

Sache ebenso gut auf gütlichem Wege beseitigen könnten.«

-- Ich bin bereit, sagte ich.

Der Kapitain winkte Gruschnitzki zu; dieser, in der Meinung daß ich mich

fürchte, nahm eine stolze Miene an, obgleich bis zu diesem Augenblicke eine

Todtenblässe seine Wangen überzogen hatte. Seit wir angekommen waren, sah

er mich zum erstenmal an; in seinem Blicke lag eine gewisse Unruhe, welche

den inneren Kampf verrieth.

»Erklären Sie Ihre Bedingungen,« sagte er, »und Alles was ich für Sie thun

kann, können Sie sicher . . .«

-- Meine Bedingungen sind: Sie widerrufen heute öffentlich Ihre Verläumdung

und bitten mich sodann um Verzeihung.

»Mein Herr, ich bin erstaunt, wie Sie es wagen, mir solche Dinge

zuzumuthen?«

-- Und was hätte ich sonst von Ihnen fordern können? . .

»So schießen wir uns.«

Ich zuckte mit den Achseln. -- Wie Sie wollen; indessen bedenken Sie es

wohl, daß einer von uns unbedingt bleiben muß.

»Ich wünsche, daß Sie es sein möchten . . .«

-- Und ich bin vom Gegentheil überzeugt . . .

Er wurde bestürzt, erröthete und schlug dann ein erzwungenes Lachen auf.

Der Kapitain nahm ihn unter den Arm und führte ihn an die Seite; sie

zischelten lange miteinander. Ich war in einer ziemlich friedfertigen

Stimmung dahingekommen, allein nun fing ich an über dies alles grimmig zu

werden.

Zu mir kam der Doktor.

»Hören Sie,« sagte er mit sichtbarer Unruhe: »Sie haben wahrscheinlich ihre

Verabredung vergessen? . . . Ich kann keine Pistole laden, allein in einem

solchen Falle . . . Sie sind ein seltsamer Mensch! Erklären Sie ihnen, daß

Sie ihre Absichten kennen und sie hören auf zu lachen . . . Welche Idee!

Sich wie einen Vogel erschießen lassen . . .«

-- Thun Sie mir den Gefallen, lieber Doktor, machen Sie sich keine Sorgen

und warten Sie Alles ruhig ab . . . Ich werde es schon so einrichten, daß

auf ihrer Seite auch nicht der geringste Vortheil sein soll. Lassen Sie sie

nur zischeln . . . Meine Herren, das fängt an langweilig zu werden, sagte

ich laut zu ihnen: Sollen wir uns schlagen, oder nicht? Sie hatten gestern

Zeit genug zu Verabredungen.

»Wir sind bereit,« erwiederte der Kapitain. »Stellen Sie sich, meine

Herren! Doktor, sein Sie so gut sechs Schritte abzumessen . . .«

»Stellen Sie sich!« wiederholte Iván Ignátjewitsch mit kreischender Stimme.

-- Erlauben Sie! sagte ich, noch eine Bedingung: da wir uns auf Tod und

Leben schlagen werden, so sind wir verpflichtet alles Mögliche zu thun, daß

dies ein Geheimniß bleibe und unsere Sekundanten nicht in Verantwortung

kommen. Sind Sie damit einverstanden?

»Vollkommen einverstanden.«

-- Nun, so habe ich Folgendes ausgedacht. Sehen Sie auf der Höhe dieses

senkrechten Felsens, rechts, das enge, freie Plätzchen? Von da bis in den

Abgrund wird es ungefähr 200 Fuß sein, wenn nicht mehr; unten liegen spitze

Steine. Ein jeder von uns stellt sich an den äußersten Rand des Plätzchens;

auf diese Weise muß selbst eine leichte Wunde tödtlich werden; dies muß

auch mit Ihren Wünschen übereinstimmen, da Sie selbst sechs Schritt Distanz

bestimmt haben. Derjenige, welcher verwundet wird, fliegt unvermeidlich in

die Tiefe hinab und zerschlägt sich in Stücke. Die Kugel zieht der Doktor

heraus und dann wird es ein Leichtes sein, diesen überraschen Tod durch

einen Sturz zu erklären. Wir werfen das Loos, wer zuerst schießen soll.

Schließlich erkläre ich Ihnen, daß ich mich anders nicht schießen werde.

»Nach Belieben!« sagte der Kapitain, bedeutungsvoll auf Gruschnitzki

blickend, der mit dem Kopfe ein Zeichen des Einverständnisses gab. Sein

Gesicht veränderte sich von Minute zu Minute. Ich hatte ihn in ein

schwierige Lage versetzt. Schossen wir uns unter den gewöhnlichen

Bedingungen, so konnte er mir in die Beine zielen, mich leicht verwunden

und so seine Rache befriedigen, ohne sein Gewissen allzusehr zu beschweren;

jetzt aber mußte er entweder in die Luft schießen oder zum Mörder werden,

oder endlich seine niedrigen Vorsätze aufgeben und sich mit mir derselben

Gefahr aussetzen. In dieser Minute hätte ich nicht an seiner Stelle sein

mögen. Er führte den Kapitain an die Seite und fing an sehr lebhaft mit ihm

zu sprechen; ich sah, wie seine blaugewordenen Lippen bebten; allein der

Kapitain wandte sich mit einem verächtlichen Lächeln von ihm. -- »Du bist

ein Narr!« sagte er zu Gruschnitzki ziemlich laut, »Du verstehst Dich auf

nichts! Brechen wir auf, meine Herren!«

Ein enger Pfad führte zwischen Gesträuchen auf den Abhang; Felsentrümmer

bildeten die schwankenden Stufen dieser natürlichen Treppe; wir hielten uns

an die Büsche fest und klommen empor. Gruschnitzki ging voran, hinter ihm

seine Sekundanten, dann kamen wir, der Doktor und ich.

»Ich bewundere Sie,« sagte der Doktor, indem er mir kräftig die Hand

drückte. »Lassen Sie mich den Puls fühlen! . . . Oho! wahrer Fieberschlag!

aber auf dem Gesichte ist nichts zu bemerken . . . nur Ihre Augen glänzen

heller als sonst.«

Plötzlich rollten uns mit Geräusch kleine Steine unter die Füße. Was ist

das? Gruschnitzki war gestolpert; der Zweig, an welchen er sich

festgehalten, hatte nachgegeben und er wäre auf dem Rücken

hinuntergefahren, wenn ihn seine Sekundanten nicht aufrecht gehalten

hätten.

-- Nehmen Sie sich in Acht! rief ich ihm zu: fallen Sie nicht zu früh; das

ist ein schlimmes Zeichen. Gedenken Sie Julius Cäsars!

Endlich waren wir auf der Höhe des vorspringenden Felsens angekommen; der

kleine freie Platz war mit feuchtem Sande bedeckt, wie absichtlich zu einem

Duelle. Rundum, einer zahllosen Herde gleich, drängten sich die Berghöhen

in den goldenen Morgennebel; der Elborus erhob sich gegen Süden mit seinen

weißen Massen, die Kette der Gletscher beschließend, zwischen welchen

bereits Wolkenstreifen herumwanderten, die von Osten herangezogen waren.

Ich begab mich an den Rand des Plätzchens und blickte in die Tiefe . . .

der Kopf wurde mir fast vom Schwindel ergriffen: dort unten schien es mir

so dunkel und kalt wie im Grabe; bemooste Felsenzacken, vom Sturm und der

Zeit hinuntergeworfen, erwarteten ihre Beute.

Das Plätzchen, auf welchem wir uns schlagen sollten, bildete ein fast

rechtwinkeliges Dreieck. Von dem vorspringenden Winkel wurden sechs

Schritte abgemessen und man kam überein, daß derjenige, welchem es zufallen

würde, das feindliche Feuer zuerst auszuhalten, an diesem Winkel, mit dem

Rücken dem Abgrund zugewandt, stehen solle; wird er nicht erschossen, so

wechseln beide Parteien mit den Plätzen.

Ich beschloß Gruschnitzki alle Vortheile zu überlassen, -- ich wollte ihn

prüfen; in seiner Seele konnte noch ein Funke Großmuth erwachen und dann

hätte sich alles zum Besten gewandt; allein seine Eigenliebe und

Charakterschwäche sollten siegen . . . Ich wollte mir das volle Recht

verschaffen ihn nicht zu verschonen, wenn mich das Schicksal begnadigte.

Wer hätte nicht ähnliche Bedingungen mit seinem Gewissen abgeschlossen?

»Werfen Sie das Loos, Doktor!« sagte der Kapitain.

Der Doktor zog eine Silbermünze aus der Tasche und hob sie in die Höhe.

»Die Kehrseite!« rief Gruschnitzki rasch aus, wie Einer, den plötzlich ein

elektrischer Schlag zu sich brachte.

-- Der Adler! sagte ich.

-- Die Münze flog auf und fiel klingend herab; alle warfen sich auf sie zu.

-- Sie sind der Glücklichere, sagte ich zu Gruschnitzki, es ist an Ihnen

zuerst zu schießen! Aber vergessen Sie nicht, daß wenn Sie mich nicht

tödten, ich Sie wahrhaftig nicht verfehle -- Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort.

Er erröthete; er schämte sich doch einen Wehrlosen morden zu wollen; ich

sah ihm scharf in's Auge; Einen Augenblick schien es mir, als wolle er sich

mir zu Füßen werfen und um Verzeihung bitten; wie aber sollte er so

niedrige Absichten bekennen? Es blieb ihm nur ein Mittel übrig -- in die

Luft zu feuern; ich war überzeugt, daß er es thun werde! nur Eins konnte

ihn daran verhindern, der Gedanke nämlich, daß ich das Duell erneuern

würde. --

»Jetzt ist es Zeit!« raunte mir der Doktor zu, indem er mich am Aermel

zupfte, »wenn Sie jetzt nicht sagen, daß wir ihre Absichten kennen, so ist

Alles verloren. Sehen Sie nur, er ladet schon . . . wenn Sie nichts sagen,

so werde ich selbst . . .«

-- Für nichts auf der Welt, Doktor! entgegnete ich, indem ich ihn am Arme

zurückhielt; Sie werden Alles verderben, und gaben mir doch Ihr Wort sich

in nichts zu mischen . . . Was geht Sie's auch an? Vielleicht will ich

getödtet werden?

Er blickte mich mit Verwunderung an.

»O, das ist was Anderes! Nur beklagen Sie sich dann in jener Welt nicht

über mich.«

Der Kapitain hatte unterdessen seine Pistolen geladen und gab Gruschnitzki,

dem er lächelnd etwas zuflüsterte, die Eine, die Andere mir.

Ich stellte mich an den Rand des Abgrundes, fest mit dem linken Fuße auf

den Stein gestemmt und ein wenig vorwärts gebogen, um mich im Falle einer

leichten Wunde nicht sogleich rückwärts zu werfen. Gruschnitzki stand mir

gegenüber und fing an auf ein gegebenes Zeichen die Pistole anzulegen.

Seine Kniee zitterten. Er zielte mir gerade auf die Stirn.

Eine unaussprechliche Wuth begann in meiner Brust zu kochen.

Plötzlich ließ er den Lauf der Pistole etwas herabsinken und, leichenblaß,

zu seinem Sekundanten gewendet, sagte er mit hohler Stimme: »Ich kann

nicht!«

-- Memme! erwiederte ihm der Kapitain. Der Schuß ging los. Die Kugel

streifte mir das Knie. Unwillkührlich machte ich einige Schritte vorwärts,

um schneller vom Rande hinwegzukommen.

-- Nun, Freund Gruschnitzki, es ist Schade, daß Du fehl geschossen hast!

sagte der Kapitain: jetzt ist die Reihe an Dir, stell Dich nur hin! Umarme

mich zuvor, wir werden uns wohl nicht wiedersehen! -- Sie umarmten sich;

der Kapitain konnte sich kaum des Lachens erwehren! Nur nicht ängstlich,

setzte er hinzu, indem er Gruschnitzki pfiffig anblinzelte, auf der Welt

ist Alles doch nur Narrethei! . . . Die Natur -- eine Närrin, das Schicksal

-- eine Scharteke, und das Leben -- eine Kopeke![A]

[Fußnote A: Sehr gebräuchliches Sprüchwort, welches nach seinem

Wortinhalte: [CYRILLIC:Natura--dura, sud'ba--indäjka; a zhizn'--kopäjka],

eigentlich so heißt: die Natur -- eine Närrin, das Schicksal -- eine

Truthenne, und das Leben -- eine Kopeke; des Reimes wegen haben wir, bei

der gänzlichen Sinnlosigkeit des Sprüchwortes, die Wörter vertauscht.]

Nach dieser tragischen, mit gebührender Wichtigkeit vorgetragenen Phrase,

begab er sich an seinen Platz. Ivan Ignatjewitsch umarmte jetzt

Gruschnitzki ebenfalls mit Thränen in den Augen und so stand er denn

endlich mir allein gegenüber. Bis auf den heutigen Tag bemühe ich mich, mir

dasjenige Gefühl klar zu machen, welches damals in meiner Brust kochte:

theils war es Zorn der beleidigten Eigenliebe, theils Verachtung und Grimm,

aus dem Gedanken hervorgehend, daß dieser Mensch, der jetzt mit einer

solchen Zuversichtlichkeit, mit solch einer sorglosen Frechheit auf mich

blickt, mich noch vor zwei Minuten, ohne sich selbst der geringsten Gefahr

auszusetzen, wie einen Hund tödten wollte; denn, etwas schwerer am Fuße

verwundet, wäre ich unvermeidlich vom Felsen hinabgestürzt.

Ich blickte ihm einige Minuten lang scharf in's Auge, um auch nur die

leiseste Spur von Reue zu entdecken; es schien mir aber, als ob er ein

Lächeln zurückdränge.

-- Ich rathe Ihnen vor Ihrem Tode Ihre Seele Gott zu befehlen, sagte ich

ihm endlich.

»Bekümmern Sie sich um meine Seele nicht mehr, als um Ihre eigene; nur um

eins bitte ich Sie recht sehr: machen Sie's kurz.«

-- So widerrufen Sie also Ihre verläumderischen Reden nicht? Sie bitten

mich nicht um Verzeihung? . . . Bedenken Sie es wohl; sagt Ihnen Ihr

Gewissen denn gar nichts?

»Herr Petschorin!« rief der Dragonerhauptmann. »Erlauben Sie Ihnen zu

bemerken, daß Sie nicht hier sind um zu predigen . . . Machen wir der Sache

ein Ende; wie leicht könnte Jemand vor der Schlucht passiren und uns

sehen.« --

-- Gut. Doktor, kommen Sie, bitte, zu mir.

Der Doktor kam heran. Der Arme! Er war blässer, als es Gruschnitzki vor

zehn Minuten gewesen war.

Die folgenden Worte sprach ich absichtlich mit Nachdruck, laut und

vernehmlich, wie man ein Todesurtheil ausspricht:

-- Doktor, diese Herren vergaßen, wahrscheinlich in der Eile, die Kugel in

meine Pistole zu laden; ich bitte Sie, dieselbe noch einmal zu laden, --

und ordentlich.

»Das kann nicht sein!« schrie der Kapitain; »das kann nicht sein! Ich habe

beide Pistolen geladen; sollte die Kugel denn aus Ihrer Pistole

herausgerollt sein . . . das ist nicht meine Schuld! Sie haben aber kein

Recht noch einmal zu laden . . . nicht das geringste Recht . . . das ist

durchaus gegen die Regeln; ich werde nie zugeben . . .«

-- Gut! sagte ich zum Kapitain, wenn dem so ist, so werde ich mich auch mit

Ihnen auf dieselben Bedingungen schießen . . .

Er wurde verwirrt.

Gruschnitzki stand da, den Kopf auf die Brust gesenkt, bestürzt und

finster. -- »Laß sie doch!« sagte er endlich zum Kapitain, der meine

Pistole aus den Händen des Doktors reißen wollte . . . »Du weißt doch

selbst, daß sie Recht haben.« Vergebens gab ihm der Kapitain verschiedene

Winke, Gruschnitzki wollte einmal nicht sehen.

Unterdessen hatte der Doktor die Pistole geladen und reichte sie mir zu.

Als der Kapitain dies sah, spuckte er aus und stampfte mit dem Fuße! »Du

bist ein Narr, mein Lieber,« fuhr er heraus, »ein elender Narr! . . . Wenn

Du Dich einmal auf mich verließest, so mußtest Du mir auch in Allem folgen

. . . Jetzt hast Du Dir's selbst zuzuschreiben, wenn Du wie eine Fliege

verrecken mußt . . .« Er wandte sich um und brummte während er zurücktrat:

»Aber es ist doch durchaus gegen jede Regel.« -- »Gruschnitzki!« sagte ich,

»noch ist es Zeit; widerrufe Deine Verläumdungen und ich verzeihe Dir

Alles. Es ist Dir nicht gelungen, mich zum Narren zu haben und meine

Eigenliebe ist befriedigt; gedenke, daß wir einst Freunde waren . . .«

Sein Gesicht glühte, seine Augen funkelten.

»Schießen Sie!« entgegnete er, »ich verachte mich und Sie hasse ich. Tödten

Sie mich nicht, so erschieße ich Sie des Nachts aus einem Hinterhalte. Für

uns Beide ist auf dieser Erde nicht Raum . . .«

Ich schoß . . .

Als der Dampf sich verzog, war Gruschnitzki nicht mehr auf dem Plätzchen.

Nur der Staub wirbelte noch in einer dünnen Säule am Rande des Abhangs.

Alle schrieen wie mit einer Stimme auf.

-- Finita la Commedia! sagte ich zum Doktor.

Er antwortete nicht und wandte sich mit Entsetzen ab.

* * * * *

Ich zuckte die Achseln und machte den Sekundanten Gruschnitzki's meine

Verbeugung.

Beim Hinuntersteigen vom engen Bergpfade bemerkte ich zwischen den

herumliegenden Felsenstücken den blutigen Leichnam Gruschnitzki's;

unwillkührlich schloß ich die Augen.

Ich band mein Pferd los und ritt im Schritte heimwärts; mir lag es wie ein

Stein auf dem Herzen. Die Sonne schien mir so trübe, ihre Strahlen so kalt

. . .

Kurz vor dem Dörfchen lenkte ich rechts ab, dem Hohlweg zu. Der Anblick

eines Menschen wäre mir eine Last gewesen: ich wollte allein sein. Ich ließ

die Zügel fallen und ritt lange umher, den Kopf auf die Brust gesenkt, bis

ich mich endlich in einer wildfremden Gegend sah; sogleich wandte ich mein

Pferd um und suchte den verlorenen Weg wieder auf; die Sonne war bereits im

Untergehen als ich erschöpft auf einem erschöpften Pferde Kislowodsk

erreichte.

Mein Bedienter sagte mir, Werner sei hier gewesen und habe zwei Billete

zurückgelassen. Das Eine war von ihm, das Andere von Wära:

Ich erbrach das erstere; es lautete folgendermaßen:

»Alles ist aufs Beste arrangirt; der Körper ist entstellt hierhergebracht

worden; die Kugel ist herausgezogen. Alle sind überzeugt, daß ein

unglücklicher Zufall die Ursache seines Todes war; nur der Kommandant, dem

der Streit wahrscheinlich bekannt war, schüttelte mit dem Kopfe, sagte aber

kein Wort. Beweise sind gegen Sie nicht vorhanden, Sie können also ruhig

schlafen, wenn Sie können . . . Adieu!«

Lange konnte ich mich nicht entschließen das zweite Billet zu öffnen. Was

konnte sie mir schreiben? . . . Ein düsteres Vorgefühl wogte in meiner

Seele.

Ihr Brief, wie er Wort für Wort unverwischlich in meinem Gedächtniß bleiben

wird, lautete also:

»Ich schreibe Dir in der vollkommenen Ueberzeugung, daß wir uns niemals

wiedersehen werden. Vor einigen Jahren, als ich von Dir Abschied nahm,

dachte ich dasselbe; allein es hat dem Himmel gefallen, mich nochmals

heimzusuchen . . . ich hielt diese Prüfung nicht aus; mein schwaches Herz

unterwarf sich der bekannten Stimme . . . Du wirst mich deshalb nicht

verachten, nicht wahr? Dieser Brief soll mein Abschied und meine Beichte

zugleich sein: ich fühle mich gedrungen Dir Alles mitzutheilen, was sich in

meinem Herzen aufgespeichert hat, seit es Dich liebt. Ich will Dich nicht

beschuldigen --: Du thatest mit mir, wie ein jeder andere Mann an Deiner

Stelle gethan haben würde: Du liebtest mich wie Dein Eigenthum, wie die

Quelle Deiner wechselnden Freuden, Aufregungen und Besorgnisse, ohne welche

das Leben langweilig und gleichförmig ist. Ich begriff dies gleich von

Anfang an . . . Allein Du warst unglücklich und so opferte ich mich in der

Hoffnung, daß Du dereinst einmal die Größe meines Opfers würdigen, die

tiefe Zärtlichkeit verstehen würdest, die an keine Bedingung der Welt

geknüpft war. Seitdem ist manches Jahr entflohen! Ich hatte alle geheimen

Saiten Deiner Seele kennen gelernt und die Ueberzeugung gewonnen, daß jene

Hoffnung eine eitle war. Das ging mir bitter durch die Seele! Allein, meine

Liebe hatte mein ganzes Herz überwuchert: sie wurde düstrer, aber erstarb

nicht.

Wir trennen uns jetzt auf ewig; indessen kannst Du die Ueberzeugung

bewahren, daß ich niemals einen andern lieben werde: meine Seele hat an Dir

bereits alle ihre Liebesschätze, ihre Thränen, ihre Hoffnungen erschöpft.

Wer Dich einmal geliebt hat, kann auf die übrigen Männer nicht ohne eine

gewisse Geringschätzung herabblicken; nicht als ob Du besser wärst als sie,

o nein! allein in Deinem Wesen liegt so etwas Besonderes, Stolzes,

Geheimnißvolles, das nur Dir allein angehört; was Du auch sprechest, in

Deiner Stimme liegt stets eine unwiderstehliche Gewalt. Niemand versteht es

wie Du, so beständig geliebt werden zu wollen; in Keinem ist das Böse so

anziehend, keines Andern Blick verspricht so viel Seligkeit, Niemand

versteht es wie Du seine Vorzüge zu benutzen und kein Mensch kann so

wahrhaft unglücklich sein, wie Du, weil Niemand so sehr wie Du sich bemüht,

sich das Gegentheil einzureden.

Jetzt muß ich Dir noch den Grund meiner eiligen Abreise mittheilen, er wird

Dir unzureichend scheinen, weil er sich nur auf mich allein bezieht.

Heute früh kam mein Mann zu mir und erzählte mit Deinen Vorfall mit

Gruschnitzki. Offenbar muß ich mich während dieser Erzählung sehr verändert

haben, denn er blickte mir lange forschend in die Augen; ich verlor fast

das Bewußtsein, wenn ich bedachte, daß Du Dich heute schlagen mußt, und daß

ich Schuld an Allem bin; es schien mir eine Weile, als sollte ich

wahnsinnig werden . . . Allein jetzt, wo ich wieder mit Ruhe urtheilen

kann, habe ich die Ueberzeugung, daß Du am Leben bleibst. Du kannst ohne

mich nicht sterben, es ist unmöglich! Mein Mann ging lange im Zimmer auf

und ab; ich weiß nicht, mehr, was er zu mir, gesprochen, erinnere mich auch

meiner Antworten nicht mehr, -- wahrscheinlich habe ich ihm gesagt, daß ich

Dich liebe -- Ich erinnere mich nur, daß er mich am Ende unseres Gespräches

mit einem gräßlichen Worte beleidigte und das Zimmer verließ. Ich hörte wie

er Befehl gab den Reisewagen in Ordnung zu bringen . . . Und nun sitze ich

schon seit drei Stunden am Fenster und warte auf Deine Rückkehr . . .

Allein Du lebst, Du kannst nicht sterben! . . . Der Wagen ist so gut wie

bereit . . . Adieu, Adieu . . . Ich bin verloren, -- doch was thut das?

. . . Könnte ich nur die Ueberzeugung mit mir nehmen, daß Du meiner stets

gedenken -- ich will nicht sagen: mich lieben -- nein, meiner nur gedenken

wirst! . . . So lebe wohl; man kommt . . . ich muß den Brief verbergen

. . .

Nicht wahr, Du liebst Mary nicht? Du heirathest sie nicht? Dieses Opfer

mußt Du mir bringen, die ich auf dieser Welt alles für Dich verloren habe

. . .«

Wie ein Besessener rannte ich nach dem Perron, sprang auf meinen

Tscherkessen, den man noch im Hofe auf- und abführte, und sprengte mit

verhängten Zügeln den Weg nach Pätigorsk entlang. Unbarmherzig trieb ich

das erschöpfte Roß an, das röchelnd und schaumbedeckt den steinigen Weg mit

mir dahinflog.

Die Sonne verbarg sich bereits hinter schwarzem Gewölke, das auf dem Rücken

der westlichen Gebirgskette ausruhte; in dem Hohlwege war es dunkel und

feucht. Der Podkumok murmelte tief und einförmig auf seiner Fahrt über die

Felssteine. Ich erstickte vor Ungeduld und jagte vorwärts. Der Gedanke, sie

in Pätigorsk nicht mehr einzuholen, schlug mir wie ein Hammer auf das Herz;

noch einmal, noch einen Augenblick sie zu sehen, ihr ein letztes Lebewohl

zuzurufen, ihre Hand zu drücken . . . Ich betete, fluchte, weinte, lachte

. . . nein, nichts kann meine Unruhe, meine Verzweiflung beschreiben!

. . . Bei dem Gedanken, sie auf ewig zu verlieren, war mir Wära plötzlich

theurer geworden als alles auf der Welt, -- theurer als Leben, Ehre, Glück!

Gott weiß, was für abenteuerliche, verrückte Gedanken in meinem Gehirne

auftauchten . . . und unterdessen jagte ich unbarmherzig immer drauf los.

-- Und auf einmal bemerkte ich, daß mein Pferd sehr schwer athmete und

schon zum zweiten Male auf ebenem Wege stolperte . . . doch blieben mir nur

noch fünf Werst bis nach Jesséntukoff, einer Kosakenstation, wo ich ein

Pferd bekommen konnte.

Alles wäre gut abgelaufen, wenn mein Pferd noch für zehn Minuten Kräfte

gehabt hätte; allein, gerade als wir aus dem Gebirge herauskamen, stürzte

es beim Steigen aus einer kleinen Vertiefung des Weges, auf die Erde. Ich

springe rasch ab und will es aufrichten, reiße an dem Zügel -- alles

umsonst: ein kaum hörbares Stöhnen drängte sich zwischen seinen

geschlossenen Zähnen hervor; nach einigen Minuten war es todt und ich in

der Steppe allein, meine letzte Hoffnung zertrümmert sehend; ich versuchte

zu Fuß weiter zu gehen -- meine Füße stießen aneinander; von den

Aufregungen des Tages und der vorangegangenen Schlaflosigkeit zu Tode

ermüdet, fiel ich auf das feuchte Gras und weinte wie ein Kind.

Lange lag ich unbeweglich dort und weinte bitterlich, nicht bemüht meine

Thränen und mein krampfhaftes Schluchzen zurückzuhalten; fast glaubte ich

daß meine Brust zersprengen müßte; meine ganze Festigkeit, meine ganze

Kaltblütigkeit war wie Rauch verflogen; meine Seele gebrochen, meine

Vernunft betäubt, -- hätte Jemand mich in diesem Augenblicke gesehen, so

hätte er sich nur mit Verachtung von mir abwenden können.

Als der Nachtthau und der Bergwind meinen glühenden Kopf wieder erfrischt

hatten und meine Gedanken wieder in die gewöhnliche Ordnung gekommen waren,

begriff ich sehr wohl, daß es unnütz und thöricht ist, einem verlorenen

Glücke nachzujagen. Was fehlt mir denn eigentlich? Sie noch einmal sehen?

-- Und wozu das? Ist denn zwischen uns nicht alles beendigt? Ein bitterer

Abschiedskuß kann meine Erinnerung um nichts bereichern und hätte uns die

Trennung nur erschwert.

Indessen thut es mir wohl, weinen zu können! Vielleicht aber liegt dies an

meinen aufgeregten Nerven, einer vollständig schlaflosen Nacht, an den zwei

Minuten vor der offenen Pistolenmündung und meinem leeren Magen.

Desto besser! Dieses neue Leiden hat in mir, um mich eines militairischen

Kunstausdruckes zu bedienen, eine glückliche Diversion hervorgebracht. Das

Weinen ist gesund, und überdies würde ich ohne diesen vehementen Ritt und

die funfzehn Werst, die ich nun zu Fuß zurücklegen mußte, wahrscheinlich

auch diese Nacht kein Auge zugemacht haben.

Ich erreichte Kislowodsk um fünf Uhr des Morgens, warf mich auf das Bett

und schlief den Schlaf Napoleons nach der Schlacht bei Waterloo.

Als ich erwachte, war es draußen schon dunkel. Ich setzte mich an's offene

Fenster, knöpfte meinen Archaluk auf und ließ den frischen Bergwind über

meine Brust spielen, die noch unter dem schweren Drucke der Müdigkeit

seufzte.

Jenseits des Flusses, durch die Spitzen seiner dichten, schattenreichen

Linden, schimmerten Lichter aus den Festungswerken und dem Dörfchen

herüber. Auf meinem Hofe herrschte tiefe Stille; bei der Fürstin war alles

dunkel.

Der Doktor trat herein: seine Stirne war finster; gegen seine Gewohnheit

streckte er mir nicht die Hand entgegen. --

-- Woher, lieber Doktor?

»Von der Fürstin Ligoffska; ihre Tochter ist sehr krank -- Nervenabspannung

. . . Allein das führt mich nicht hierher, sondern Folgendes: Die Behörde

wittert den wahren Verlauf der Sache, und wenn man Ihnen auch nichts

positiv beweisen kann, so rathe ich Ihnen doch recht vorsichtig zu sein.

Die Fürstin sagte mir, sie wisse, daß Sie sich ihrer Tochter wegen duellirt

haben. Der alte Knabe, wie heißt er doch gleich? hat ihr alles mitgetheilt;

er war damals Zeuge Ihres Streites mit Gruschnitzki in der Restauration.

Ich kam Sie zu warnen. Leben Sie wohl. Wer weiß ob wir uns jemals

wiedersehen werden; man wird Sie wohl irgend wohin verschicken . . .«

An der Schwelle blieb er nochmals stehen; er hätte mir gern die Hand

gedrückt . . . und hätte ich ihm nur den geringsten Wunsch darnach gezeigt,

so wäre er mir an den Hals gesprungen; allein ich blieb kalt wie Stein --

und so ging er.

So sind die Leute! so sind sie alle: Sie kennen alle schlechten Seiten

einer That vorher, und doch helfen sie und rathen sie, und doch ermuthigen

sie sogar dazu, indem sie die Möglichkeit eines andern Mittels nicht sehen,

-- nachher aber waschen sie ihre Hände in Unschuld, und wenden sich

unwillig von Dem ab, der die Kühnheit hatte die ganze Last der

Verantwortung auf sich zu nehmen. So sind sie alle, sogar die besten, sogar

die verständigsten! . . .

Am nächsten Tage, nachdem ich von der höhern Behörde den Befehl erhalten

hatte, nach der Festung N. abzureisen, begab ich mich zur Fürstin, um

Abschied zu nehmen.

-- Sie war erstaunt, als ich ihr auf ihre Frage, »ob ich ihr etwas ganz

besonders Wichtiges mitzutheilen habe,« antwortete, daß ich ihr viel Glück

u. s. w. u. s. w. wünschte.

»Aber ich muß ganz ernsthaft mit Ihnen sprechen.«

Ich setzte mich schweigend.

Es war zu sehen, daß sie nicht wußte, womit sie anfangen sollte; ihr

Gesicht wurde feuerroth; ihre vollen, runden Finger klopften auf dem Tische

herum; endlich begann sie mit zögernder Stimme:

»Hören Sie, Herr von Petschorin, ich halte Sie für einen anständigen

Menschen . . .«

Ich verbeugte mich leicht.

»Ich bin sogar davon überzeugt,« fuhr sie fort, »obgleich Ihr Betragen

allerdings etwas zweideutig war; indessen konnten Sie Gründe haben, die mir

unbekannt sind und die Sie mir jetzt anvertrauen müssen. Sie haben meine

Tochter vor Verläumdungen geschützt, Sie haben sich für sie geschlagen, --

folglich Ihr Leben für sie eingesetzt . . . Unterbrechen Sie mich nicht,

ich weiß recht gut, daß Sie das nicht eingestehen dürfen, weil Gruschnitzki

gefallen ist (sie machte das Zeichen des Kreuzes) . . . Gott wolle seiner

und wie ich hoffe auch Ihrer Seele gnädig sein! . . . Nun, das geht mich

weiter nichts an . . . ich wage es nicht Sie zu richten, weil meine

Tochter, obwohl unschuldiger Weise, Schuld an dem ganzen Unglück war. Sie

hat mir alles gestanden . . . ich glaube, Alles; Sie haben ihr eine

Liebeserklärung gemacht . . . sie hat Ihnen ihre Gegenliebe gestanden (hier

seufzte die Fürstin tief auf); nun aber ist sie krank, und ich habe die

Ueberzeugung, daß es keine gewöhnliche Krankheit ist! Ein geheimer Kummer

reibt sie auf; sie will es nicht gestehen, doch bin ich fest davon

überzeugt, daß Sie daran Schuld sind . . . Hören Sie mich an . . . Sollten

Sie vielleicht glauben, daß ich auf hohen Rang und unermeßlichen Reichthum

sehe, so bitte ich Sie, sich vom Gegentheil zu überzeugen: ich will nur das

Glück meiner Tochter. Ihre gegenwärtige Lage ist freilich nicht

beneidenswerth, indessen ist dem ja wohl abzuhelfen, denn Sie haben

Vermögen; meine Tochter liebt Sie und sie ist so erzogen, daß sie einen

Mann wahrhaft glücklich machen kann. Ich bin reich; -- sie ist mein

einziges Kind . . . Sagen Sie selbst, was hält Sie zurück? . . . Sehen Sie,

ich sollte Ihnen alles dies nicht sagen, allein ich verlasse mich auf Ihr

Herz, auf Ihre Ehre; -- bedenken Sie, daß ich diese einzige Tochter habe

. . . diese einzige . . .«

Sie fing an zu weinen.

-- Fürstin, sagte ich: es ist mir unmöglich, Ihnen zu antworten: erlauben

Sie mir, mit Ihrer Tochter unter vier Augen zu sprechen . . .

»Nimmermehr!« rief sie auf, in der heftigsten Bewegung vom Stuhle

aufspringend.

-- Wie Sie befehlen, antwortete ich, indem ich mich anschickte fortzugehen.

Sie dachte eine Weile nach, gab mir ein Zeichen mit der Hand zu warten und

ging hinaus.

Fünf Minuten vergingen; mein Herz schlug heftig, aber meine Gedanken waren

ruhig, mein Kopf kalt; wie sehr ich auch in meiner Brust nach einem Funken

Liebe für die liebliche Mary suchte -- es war ein vergebliches Mühen.

Da ging die Thür auf und herein trat sie. O Gott, wie war sie verändert

seit der Zeit, daß ich sie nicht gesehen hatte, -- und wie lange ist das

her?

In der Mitte des Zimmers angekommen, schwankte sie; ich eilte hinzu,

reichte ihr meinen Arm und führte sie an einen Lehnstuhl.

Ich stand ihr gegenüber. Wir schwiegen lange; ihre großen Augen, mit einem

unaussprechlichen Grame erfüllt, schienen in den meinigen etwas zu suchen,

was einer Hoffnung ähnlich wäre; ihre bleichen Lippen strengten sich

umsonst zu einem Lächeln an; ihre zarten über die Kniee gefalteten Hände

waren so mager und durchsichtig, daß sie anfing mir leid zu thun.

-- Gnädige Fürstin, sagte ich, Sie wissen also, daß ich mich bloß über Sie

lustig gemacht habe? . . . Sie müssen mich verachten.

Auf ihren Wangen zeigte sich ein krankhaftes Roth.

Ich fuhr fort: -- Und lieben können Sie mich folglich gar nicht.

Sie wandte sich ab, stützte den Arm auf den Tisch, bedeckte ihre Augen mit

der Hand und es wollte mich bedünken, als glänzten Thränen in denselben.

»O mein Gott!« sprach sie kaum hörbar vor sich hin.

Das fing an unerträglich zu werden: noch eine Minute -- und ich hätte zu

ihren Füßen gelegen.

-- Wohlan, Sie sehen selbst, begann ich mit fester Stimme und einem

erzwungenen Lächeln, daß ich Sie nicht heirathen kann. Und wären Sie jetzt

dazu wirklich im Stande, Sie würden es sicherlich bald bereuen. Meine

Unterhaltung mit Ihrer Frau Mutter zwingt mich zu einer so offenen und

groben Erklärung; ich hoffe, es wird Ihnen leicht sein, sie aus ihrem

Irrthume zu ziehen. Sie sehen, ich spiele in Ihren Augen die

allermiserabelste und häßlichste Rolle, und stelle dies sogar nicht in

Abrede; das ist aber auch Alles, was ich für Sie thun kann. Welche

schlechte Meinung Sie immer von mir haben können, ich unterwerfe mich ihr

. . . Sehen Sie, wie ich vor Ihnen erniedrigt stehe? Nicht wahr, und wenn

Sie mich wirklich liebten, von diesem Augenblicke an verachteten Sie mich?

. . .

Sie wandte sich zu mir, weiß wie Marmor, nur ihre Augen funkelten

wunderbar.

»Ich hasse Sie . . .« sagte sie.

Ich dankte ihr verbindlichst, verneigte mich ehrerbietig und verließ sie.

Eine Stunde später flog eine Couriertroika bereits mit mir aus Kislowodsk.

Einige Werst vor Jesséntukoff erkannte ich in der Nähe des Weges den

Leichnam meines edlen Pferdes; der Sattel war, wahrscheinlich von einem

vorbeireitenden Kosaken, abgeschnallt, und anstatt des Sattels saßen auf

seinem Rücken zwei Raben. Ich seufzte und wandte mich ab.

Und jetzt, hier in dieser langweiligen Festung, frage ich mich oft, wenn

meine Gedanken das Vergangene durchlaufen: warum ich jenen Pfad nicht

betreten, den das Schicksal mir eröffnet hatte und wo stille Freuden und

Seelenruhe meiner warteten . . . Nein, ich hätte ein solches Loos nicht

lange ertragen können! Ich bin wie ein Matrose, der auf einer

Korsaren-Jacht geboren und auferzogen wurde; seine Seele ringt sich in

Stürmen und Kämpfen los, aber am Ufer welkt und schwindet er dahin; ob der

schattige Hain ihm winke und der friedliche Sonnenschein ihm

entgegenlächle; er geht den ganzen Tag auf den Kieseln am Meeresstrande,

und lauschet dem einförmigen Gebrause der rollenden Wogen und schaut hinaus

in die nebelige Ferne, ob er nicht in jenem matten Punkte, der von dem

grauen Gewölk und der dunkelblauen Meeresfluth absticht, das erwünschte

Segel entdecke, das, anfangs dem Flügel des Sturmvogels ähnlich, nach und

nach aus dem Schaume des Wogendranges hervortaucht und mit festem Laufe dem

einsamen Hafen sich nähert.

Der Held unserer Zeit: Kaukasische Lebensbilder · 第 7 / 7 题