Kaukasische Lebensbilder

von

Michaïl Lérmontoff.

Aus dem Russischen übersetzt

von

August Boltz.

Berlin.

Druck und Verlag von Carl Schultze's Buchdruckerei.

1852.

Der

Frau Ober-Inspektorin

Sophie Knoth, geb. Schulte

in Dortmund

als Zeichen dankbarer Verehrung

gewidmet

vom

Uebersetzer.

Vorwort.

Der vorliegende Roman wird zu den besten, in russischer Sprache

geschriebenen, gezählt. Ich glaube, auch für den deutschen Leser wird er,

obgleich in minder vollendeter Form wiedergegeben, nicht ganz ohne

Interesse sein, da kaukasische Lebensbilder und so meisterhafte

Naturschilderungen, wie sie hier geboten werden, noch keinesweges bei uns

zu den Alltäglichkeiten gehören dürften.

Welchen Werth übrigens die Leistungen Lermontoff's haben, beweist der

Umstand, daß einer unserer stilgewandtesten, berühmtesten Schriftsteller,

Hr. Bodenstedt, in jüngster Zeit den I. Band einer höchst eleganten

Uebersetzung von Lermontoff's poetischem Nachlasse veröffentlicht hat,

deren Fortsetzung alle Freunde der russischen Literatur mit Wunsch und

Freude entgegensehen. In demselben Werke theilt Hr. Bodenstedt Aufschlüsse

über Lermontoff's Leben und literarische Stellung mit, was mich jeder

ferneren Bemerkung hierüber enthebt.

Als nicht unwesentlich dürfte noch der interessante Umstand hervorzuheben

sein, daß der Held der nachstehenden Erzählungen, Petschorin, Niemand

anders, als der nach dem Kaukasus verbannte Dichter selbst ist, und daß

sein frühes Ende ihn auf dieselbe Weise ereilte, wie er es (S. 227),

freilich in Bezug auf eine andere Person, todesahnend niedergeschrieben

hatte.

August Boltz.

Bela.

Ich fuhr mit Postfuhrwerk aus Tiflis. Die ganze Ladung meiner Teläga[A]

bestand aus einem kleinen Koffer, welcher zur Hälfte mit Reisenotizen über

Grusien vollgestopft war. Zu Ihrem Glücke ist der größte Theil derselben

verloren gegangen, der Koffer hingegen mit den übrigen Sachen blieb zu

meinem Glücke unversehrt.

Die Sonne fing bereits an sich hinter den Eisrücken der Berge zu

verstecken, als ich in das Koischaurskische Thal hineinfuhr. Mein

Postillon, ein Ossete, trieb unermüdlich die Pferde an, um noch vor Nacht

den Koischaur-Berg zu erreichen, und sang aus voller Kehle Lieder dazu.

Welch' herrlicher Ort ist dieses Thal! Von allen Seiten unersteigbare

Berge, röthliche Felsen mit grünendem Epheu umhängt und von Gruppen des

orientalischen Ahorns gekrönt; vergelbte Fragmente ausgespühlter

Anschwemmungen, und dort, in lustiger Höhe, die goldige Franse der

Schneemassen, und in der Tiefe die Aragwa, die im Verein mit einem andern

namenlosen Flüßchen sich mit Geräusch aus der tiefen Finsterniß einer Kluft

herauswindet, dann, einem Silberfaden gleich, sich dahinzieht und wie eine

Schlange im Glanze ihrer Schuppen schimmert.

[Fußnote A: Ein leichter Bauer- (Post-) wagen, der nicht in Federn hängt.]

Am Fuße des Koischaur angelangt, hielten wir an einem Duchan[A] still.

Einige zwanzig Grusier und Gorzen[B] trieben sich dort lärmend umher; nicht

weit davon hielt eine Karawane Kameele zum Nachtlager. Hier sagte man mir,

daß ich Ochsen zum Vorspann nehmen müsse, wenn ich meinen Wagen diesen

verwünschten Berg hinaufschaffen wollte, denn es war bereits um die

Herbstzeit und viel Glatteis, -- und der Berg hat eine Länge von ungefähr

zwei Werst.[C] --

Es blieb mir nichts weiter übrig; ich miethete sechs Ochsen und einige

Osseten. Einer von ihnen nahm meinen Koffer auf die Schultern und die

andern fingen an den Ochsen, wenn auch fast nur durch bloßes Schreien, zu

helfen.

Hinter meiner Teläga zogen vier Stiere eine andere über und über

vollgepackte, mit einer Leichtigkeit herauf, daß es eine Freude war sie

anzusehen. Dieser Umstand erregte meine Verwunderung. Hinter dem Wagen

folgte dessen Eigenthümer, aus einem kleinen Kabardinerpfeifchen, das mit

Silber beschlagen war, rauchend. Er trug einen Offiziersrock ohne

Epaulettes, und eine verbrämte Tscherkessenmütze. Er mochte in den

Fünfzigern sein; seine dunkle Gesichtsfarbe zeigte ganz klar, daß er schon

seit langer Zeit mit der kaukasischen Sonne bekannt war; sein zu früh

ergrauter Schnurrbart entsprach nicht seinem festen Gange und seinem

rüstigen Aussehen. Ich ging an ihn heran und begrüßte ihn; er erwiederte

schweigend meine Verbeugung und blies eine ungeheure Rauchwolke in die

Luft.

[Fußnote A: _Duchan_ persisch, Dorf, Station.]

[Fußnote B: _Gorzü_, Bergvölker, gewöhnliche Benennung aller Kaukasier.]

[Fußnote C: 7 Werst = 1 deutsche Meile.]

»Es scheint daß wir Reisegefährten sind?«

Er antwortete abermals durch eine stumme Verbeugung.

»Sie gehen wahrscheinlich nach Stawropol? . . .«

-- So ist's . . . mit Kronssachen.

»Bitte, sagen Sie mit doch, woher kommt es, daß Ihren schwerbeladenen Wagen

vier Ochsen spielend ziehen, während sechs dieser Thiere bei aller Hülfe

der Osseten mit meinem leichten Wägelchen kaum von der Stelle kommen?«

Er lächelte verschmitzt und warf einen bedeutungsvollen Seitenblick auf

mich. --

-- Sie sind wahrscheinlich noch nicht lange im Kaukasus?

»Seit einem Jahre,« antwortete ich.

Er lächelte abermals.

»Nun, und wozu das?«

-- Nun, so! Es sind infame Bestien, diese Asiaten! Sie glauben wohl, die

helfen mit ihrem Schreien? Der Teufel mag entziffern, was sie schreien; so

viel ist gewiß, daß die Ochsen sie verstehen; und wenn Sie deren zwanzig

vorspannten, -- fangen die Kerls einmal an auf ihre Art zu schreien, so

rühren sie sich nicht vom Flecke . . . . Infame Spitzbuben! Aber was fängt

man mit ihnen an? . . Sie suchen die Reisenden um ihr Geld zu bringen,

. . . und man hat die Schelme auch verdorben! Sie werden sehen, daß sie

noch zu Ihnen kommen und Trinkgeld fordern. Ich kenne sie schon, mich

führen sie nicht an!

»Sie dienen wohl schon lange hier?«

-- Ja wohl, ich diente hier schon unter Alekséi Petrówitsch,[A] antwortete

er, indem er sich in die Brust warf. Als er hierher in die Linie kam, war

ich Seconde-Lieutenant -- fügte er hinzu -- und unter ihm habe ich zwei

fernere Grade im Kriege gegen die Gorzen erhalten.

»Und jetzt sind Sie . . .?«

-- Jetzt gehöre ich zum dritten Linien-Bataillone. Und Sie, wenn ich fragen

darf?

Ich sagte es ihm.

Hiermit brach unser Gespräch ab, und wir setzten unsern Weg schweigend

neben einander fort. Auf der Höhe des Berges fanden wir Schnee. Die Sonne

war untergegangen und die Nacht dem Tage ohne Abenddämmerung gefolgt, wie

dies gewöhnlich im Süden der Fall ist; doch konnten wir beim Wiederscheine

der Schneemassen den Weg ganz leicht erkennen, der sich noch immer bergan

zog, obgleich nicht mehr so steil wie bisher. Ich ließ meinen Koffer auf

die Teläga packen, befahl die Ochsen gegen Pferde umzuwechseln, und warf

noch einen letzten Abschiedsblick hinunter in das Thal; allein ein dichter

Nebel, der in strömenden Wogen aus den Felsklüften quoll, verdeckte es

vollkommen, und kein einziger Laut berührte von dorther mehr unser Ohr. Die

Osseten stürmten lärmend an und forderten Trinkgeld; allein der

Stabskapitain schrie sie so zornig an, daß sie sich im Augenblicke aus dem

Staube machten. -- »Das ist ein Volk!« sagte er »nicht _Brod_ können sie

auf russisch sagen, aber sie wissen recht gut, wie »Offizier, gieb

Trinkgeld« heißt! Nein, da ziehe ich mir noch die Tataren vor, das sind

doch wenigstens keine Trinker . . . .«

[Fußnote A: Dem General Grafen Jermóloff.]

Bis zur Station hatten wir noch ungefähr eine Werst zurückzulegen. Rundum

war es still, so still daß man dem Fluge einer Mücke nach ihrem Summen

hätte folgen können.

Links lagen tiefe, dunkle Felsenklüfte; hinter ihnen und vor uns zeichneten

sich die dunkelbraunen Spitzen der Berge, mit Runzeln und Schneelagern

bedeckt, gegen das blaße Himmelsgewölbe ab, an welchem der letzte matte

Wiederschein des Abendrothes dahinstarb. Am dunkeln Himmel fingen die

Sterne an zu schimmern, und, -- sonderbar, es schien mir als ob sie hier

höher hingen als bei uns im Norden. An beiden Seiten des Weges starrte

nacktes, schwarzes Gestein empor; dann und wann guckte ein Gesträuch aus

dem Schnee hervor, doch kein einziges vertrocknetes Blättchen regte sich

und es that einem wohl, inmitten dieses Todesschlafes der Natur das

Schnauben der ermüdeten Troika[A] zu vernehmen, so wie das unregelmäßige

Gebimmel des russischen Wagenglöckchens.

»Morgen wird herrliches Wetter sein!« sagte ich. Der Stabskapitain

antwortete kein Wort, sondern zeigte nur mit dem Finger nach einem hohen

Berge, der sich grade vor uns erhob.

»Was ist da?« fragte ich.

-- Der Gudberg.

»Nun, und was ist mit dem?«

-- Sehen Sie nur, wie er raucht.

In der That rauchte der Gudberg; an seinen Abhängen krochen leichte

Wolkengebilde dahin, aber auf seinem Gipfel lagerte ein schwarzes Gewölk,

so schwarz, daß es gegen den dunkeln Himmel wie ein schwarzer Fleck

abstach.

Schon konnten wir die Poststation und die Dächer der sie umringenden Hütten

erkennen, aus denen einladende Feuer uns entgegenblinkten, als sich ein

feuchter, kalter Wind erhob, die Felsenklüfte zu heulen anfingen und ein

feiner Regen herabfiel. Kaum hatte ich Zeit gehabt mir meine Burka[B]

umzuwerfen, als auch, schon Schnee fiel. Mit Ehrfurcht blickte ich auf den

Stabskapitain.

-- Jetzt bleibt uns nichts anderes übrig als hier zu übernachten, sagte er

verdrießlich: in einem solchen Schneegestöber kann man diese Berge gar

nicht passiren. Sag' mal, sind am Kreuzberge schon Lawinen gestürzt, fragte

er den Postillon.

[Fußnote A: Dreigespann.]

[Fußnote B: Ein kurzer zottiger Filzmantel, vorzüglich bei den im Kaukasus

stehenden Kosaken im Gebrauch.]

»Noch nicht, Herr« antwortete der Ossete, »aber es hängt viel, viel.«

In Ermangelung eines Passagierzimmers theilte man uns ein Nachtlager in

einer räucherigen Hütte zu. Ich lud meinen Reisegefährten zu einem Glase

Thee ein, denn ich führte meine eiserne Theemaschine -- mein einziges

Labsal auf meinen kaukasischen Reisen -- immer mit mir. Die Hütte (hier

Saklja genannt) lehnte sich von der einen Seite an den Felsen; drei

schlüpfrige, feuchte Stufen führten zu ihrer Thüre. Tappend ging ich voran

und stieß auf eine Kuh (der Viehstall vertritt bei diesen Leuten die Stelle

des Bedientenzimmers). Ich wußte nicht wohin ich mich wenden sollte: da

blöcken Schafe, dort knurren Hunde. Zum Glücke schimmerte an der Seite ein

trüber Lichtstrahl durch und half mir eine andere thürähnliche Oeffnung

finden. Ein ziemlich interessantes Bild eröffnete sich vor uns: Die

umfangreiche Hütte, deren Dach sich auf zwei verräucherte Pfeiler stützte,

war mit Menschen angefüllt. In der Mitte flackerte ein Feuer, das auf dem

Fußboden angemacht war, und dessen Rauch, da er vom Winde aus der Oeffnung

im Dache wieder zurückgetrieben wurde, sich rundum gleich einer so dichten

Hülle ausbreitete, daß ich lange nichts zu unterscheiden vermochte; am

Feuer saßen zwei alte Weiber, eine Menge Kinder und ein abgemagerter

Grusier, alle in Lumpen. So blieb uns weiter nichts übrig; wir nisteten uns

gleichfalls am Feuer ein, rauchten unser Pfeifchen und bald kochte die

Theemaschine auf die einladendste Weise.

»Was für ein jämmerliches Volk!« sagte ich zum Stabskapitaine, indem ich

auf unsere schmutzigen Wirthsleute wies, die uns schweigend und in einer

Art von Erstarrung anblickten.

-- Und ein erzdummes Volk! antwortete er. Wollen Sie wohl glauben, daß sie

durchaus nichts können, daß sie keiner Art von Bildung fähig sind! Da lobe

ich mir doch unsere Kabardiner oder die Tschetschiner! Es sind zwar auch

Räuber und Halsabschneider, aber ganz verzweifelte Tollköpfe; diese

hingegen nehmen nicht einmal gern ein Gewehr zur Hand: einen anständigen

Dolch findet man bei keinem einzigen. Und nun gar erst die Osseten!

»Sie waren also lange in Tschetschen?«

-- Ja gewiß, ich lag wohl an die zehn Jahre mit einer Kompagnie in einer

Festung, da bei Brückburg, -- wissen Sie?

»Ich habe davon gehört.«

-- Nein, mein Bester, was diese Händelmacher mir zu schaffen gemacht haben!

Jetzt, Gott sei Dank, ist's da weit ruhiger; aber früher, Gott bewahre!

früher brauchte man nur hundert Schritt vom Walle abzugehen, und so ein

zottiger Teufel saß wahrhaftig auf der Lauer: kaum hatte man ausgegähnt, so

saß einem auch schon eine Schlinge um den Hals oder eine Kugel im Nacken.

Aber tapfere Jungens! . . .

»Ei, da müssen Sie ja wahrhaftig recht viele Abentheuer erlebt haben?«

sagte ich, vor Neugierde brennend.

-- Wie denn nicht! wahrhaftig.

Hier begann er seinen linken Schnurrbart zu flattiren, ließ den Kopf auf

die Brust sinken und verfiel in Nachdenken. Ich hätte ihm gar zu gern

irgend ein Geschichtchen abgelockt, -- ein Wunsch, der übrigens allen

Verfassern von Reisememoiren und allen Volksschriftstellern mit mir eigen

ist. Unterdessen war der Thee fertig geworden; ich zog aus meinem Koffer

zwei Feldbecher, schenkte sie voll und stellte einen derselben hin: »Ja,

wahrhaftig!« Dieser Ausruf gab mir große Hoffnungen. Ich weiß nur zu gut,

wie sehr die alten Krieger im Kaukasus zu sprechen und zu erzählen lieben;

es wird ihnen auch so selten geboten: wie mancher steht da fünf Jahre lang

in irgend einem abgelegenen Winkel mit seiner Abtheilung, und hört die

ganzen fünf Jahre über kein einziges »Guten Tag,« weil der Feldwebel ihn

nur mit »Ich wünsche Ihnen Gesundheit«[A] begrüßt. Und was wüßten sie nicht

alles zu erzählen! Rundum ein wildes, interessantes Volk, jeden Tag eine

Gefahr; was für wunderbare Fälle kommen da nicht vor! Hier bedauert man

unwillkührlich daß bei uns so wenig geschrieben wird.

»Wollen Sie nicht ein wenig Rum hinzufügen?« fragte ich meinen

Reisegefährten, »ich habe weißen, aus Tiflis; es ist jetzt kalt.«

[Fußnote A: Die vorgeschriebene Begrüßungsformel für Untergebene, _welches

Ranges sie auch sein mögen_, gegen ihre Vorgesetzten.]

-- Nein, ich danke, ich trinke nicht.

»Wie so?«

-- Je nun, so. Ich habe mir das Wort gegeben. Einmal, als ich noch

Secondelieutenant war, müssen Sie wissen, und wir uns untereinander einmal

recht etwas zu Gute gethan hatten, wird des Nachts plötzlich Alarm

geschlagen; wir, angerissen wie wir waren, hinaus; ja, das wäre uns bald

gut bekommen als Alexéi Petrówitsch es erfuhr -- Gott soll mich bewahren,

wie er böse wurde! Es fehlte nicht viel, so hätte er uns vor ein

Kriegsgericht gestellt. Und so geschieht's jedesmal: zu einer andern Zeit

lebt man das ganze Jahr hindurch und sieht keine Menschenseele; nimmt man

aber einmal ein Gläschen zu viel, so ist man auch ein verlorner Mensch!

Bei dieser Erzählung verlor ich fast wieder alle Hoffnung.

-- Nun nehme man aber gar erst die Tscherkessen, fuhr er fort, wenn die

sich erst bei Hochzeits- oder Begräbnißgelagen in Busa[A] betrinken, dann

kommt's auch gleich an's Einhauen. Ich war einmal mit Gewalt und noch dazu

bei einem friedlichen Fürsten[B] zu Gaste gezogen worden.

»So? Wie war denn das zugegangen?«

-- Sehen Sie . . . (er stopfte sich eine Pfeife, that ein paar tüchtige

Züge und begann zu erzählen) sehen Sie also, ich stand damals mit einer

Kompagnie in einer Festung jenseits des Tereks, -- es wird nun bald an die

fünf Jahre sein. Da kam einmal um die Herbstzeit ein Transport mit Proviant

an, und bei diesem Transporte befand sich ein Offizier, ein junger Mensch

von ungefähr fünf und zwanzig Jahren. Er stellte sich mir in voller Uniform

vor und eröffnete mir, daß er die Ordre erhalten habe bei mir in der

Festung zu bleiben. Er war so zart, so weiß, seine Uniform war so neu, daß

ich sogleich errieth, er sei erst unlängst nach dem Kaukasus gekommen.

[Fußnote A: Getränk aus Buchweizenmehl.]

[Fußnote B: Der Rußlands Oberhoheit anerkannt hatte.]

»Sie sind wahrscheinlich aus Rußland hierherversetzt worden?« fragte ich

ihn. -- »Zu befehlen, Herr Stabskapitain,« war seine Antwort. Ich faßte ihn

bei der Hand und sagte: Sehr erfreut, sehr erfreut; nur wird es Ihnen hier

ein Bischen langweilig vorkommen . . . nun, wir wollen schon

freundschaftlich mit einander leben. Indessen bitte ich Sie, nennen Sie

mich nur ganz einfach Maksim Maksimitsch und dann -- wozu denn diese volle

Uniform? Kommen Sie nur immer in der Feldmütze zu mir.« -- Man wies ihm

eine Wohnung an, und so setzte er sich denn in der Festung fest.

»Und wie hieß er?« fragte ich Maksim Maksimitsch.

-- Er hieß . . . Grigór Alexándrowitsch Petschórin. Ein feiner Junge, das

kann ich Ihnen versichern; nur etwas Sonderling. So konnte er sich z. B. im

Regen und Frost den ganzen Tag auf der Jagd umhertreiben: alle Anderen sind

durchgefroren und abgemattet, aber ihm thut das nichts. Ein anderes Mal

sitzt er am Fenster in seinem Zimmer; der Wind bläßt ein Bischen und er

versichert einem, daß er sich erkältet habe; oder die Fensterlade schüttert

etwas und er fährt zusammen und erbleicht, und doch habe ich ihn ganz

allein gegen einen Eber angehen sehen; manchmal kriegte man Stundenlang

kein Wort aus ihm heraus, fing er aber erst einmal an zu erzählen, ja da

mußte man sich den Bauch vor Lachen halten . . . Ei ja, ein großer

Sonderling, und er muß auch reich gewesen sein, denn was hatte er alles für

kostbare Sächelchen! . . .

»Blieb er denn lange bei Ihnen?« fragte ich weiter.

-- Wohl ein Jahr; dafür wird mir aber auch dieses Jahr ewig im Gedächtniß

bleiben! Hat der mir zu schaffen gemacht, nein, das kann ich Ihnen gar

nicht sagen! Sehen Sie, es giebt wahrhaftig solche Leute, denen es schon in

der Wiege bestimmt ist, daß ihnen ganz außergewöhnliche Dinge widerfahren

werden!

»Außergewöhnliche Dinge?« rief ich mit Neugierde aus, indem ich ihm Thee

einschenkte.

-- Ja, ich werde Ihnen gleich erzählen. In der Entfernung von ungefähr

sechs Werst von der Festung lebte ein friedlicher Fürst. Sein Sohn, ein

Junge von fünfzehn Jahren, hatte sich angewöhnt jeden Tag zu uns herüber zu

reiten, bald nach diesem bald nach jenem, und Grigórii Alexándrowitsch und

ich, wir hatten ihn auch wirklich ganz verwöhnt. Es war aber auch ein

wackrer Junge, der alles machen konnte, was er nur wollte; im vollen

Carriere hob er eine Mütze von der Erde auf oder feuerte ein Gewehr ab.

Eins war nicht hübsch an ihm: er war ungeheuer auf's Geld versessen. Einmal

versprach ihm Grigórii Alexándrowitsch zum Spaße ihm einen Dukaten zu

schenken, wenn er den schönsten Bock aus seines Vaters Heerde stehlen

könne; und was meinen Sie? am andern Abend bringt er ihn bei den Hörnern

herangeschleppt. Kam es einmal vor, daß wir ihn foppen wollten -- gleich

unterliefen seine Augen mit Blut und er griff nach dem Dolche. »Ei, Asamat,

man thut Dir ja nichts zu Leide,« pflegte ich dann zu sagen, »Dein toller

Sinn wird Dich noch ins Verderben stürzen!«

-- Einst kam der alte Fürst selbst zu uns herüber, um uns zur Hochzeit

einzuladen; er verheirathete seine älteste Tochter und wir standen mit ihm

in Gastfreundschaft; na, da konnten wir ihm doch nicht absagen, ob er schon

ein Tatar war. Wir machen hin. Im Aúle[A] kam uns ein ganzer Rudel Hunde

mit lautem Gebell entgegen; die Weiber versteckten sich bei unserm

Anblicke; diejenigen, deren Gesichter wir etwa sehen konnten, waren nichts

weniger als schön. »Ich hatte eine weit bessere Meinung von den

Tscherkessinnen,« sagte Grigórii Alexándrowitsch zu mir. -- Warten Sie nur!

antwortete ich ihm, indem ich lächelte. Ich hatte schon die Meinige im

Sinn.

[Fußnote A: Aúl, Dorf der kaukasischen Völkerschaften.]

-- Bei dem Fürsten hatte sich bereits eine Masse Volk in der Hütte

versammelt. Sie wissen, daß es bei den Asiaten Gebrauch ist alle diejenigen

zur Hochzeit einzuladen, denen man begegnet oder die am Hause vorübergehen.

Man empfing uns mit allen nur möglichen Ehrenbezeugungen und führte uns ins

Gastzimmer. Ich übersah es indessen nicht aufzupassen, wohin sie unsere

Pferde brachten, wissen Sie, für einen unvorgesehenen Fall.

»Wie begehen sie denn die Hochzeitsfeier?« fragte ich den Stabskapitain.

-- Ja, ganz gewöhnlich. Zuerst liest ihnen der Mulla etwas aus dem Koran

vor, dann werden die jungen Leutchen und ihre Verwandten beschenkt, man

ißt, trinkt Busa und endlich beginnt die Dschigitóffka,[A] in welcher immer

irgend ein abgerissener, schmieriger Hanswurst auf einer elenden, lahmen

Mähre herumpojatzt und die verehrliche Gesellschaft belustigt. Zuletzt,

gegen die Dämmerung, beginnt im Gastzimmer was wir einen Ball nennen

würden. Irgend ein armer Greis kratzt auf einer dreisaitigen -- ich weiß

nicht mehr, wie sie das Ding nennen, -- nun im Genre unserer Balaláika;[B]

-- die Mädchen und die jungen Burschen stellen sich in zwei Reihen einander

gegenüber, klatschen in die Hände und singen dazu. Dann tritt ein junges

Mädchen und ein Bursche in die Mitte und fangen da an einander in Versen

zuzusingen, was ihnen grade in den Kopf kommt, und die übrigen fallen im

Chorus ein. Petschórin und ich nahmen die Ehrenplätze ein; plötzlich

schritt die jüngste Tochter unseres Wirthes, ein Mädchen von sechszehn

Jahren, auf ihn zu, und sang ihm . . wie soll ich doch sagen? . . sang ihm

eine Art von Kompliment zu.

[Fußnote A: Kaukasischer Nationaltanz.]

[Fußnote B: Eine jämmerliche Nachbildung der Guitarre.]

»Erinnern Sie sich noch dessen, was sie sang?« fragte ich.

-- Ja, ich glaube es war ungefähr so: »Wohl anzusehn, fürwahr, sind unsere

jungen Dschigiten, Und ihre Káftane mit Silber ausgenäht, Doch schmucker

noch als sie ist dieser junge Russenheld, In purem Golde blitzt sein

reichbetreßter Waffenrock. Wie eine Pappel steht er zwischen ihnen prächtig

da, In unserm Garten leider wächst sie nicht und blüht sie nicht.«

-- Als sie von uns zurücktrat, raunte ich Grigórii Alexándrowitsch eben

in's Ohr: »Nun, wie gefällt Ihnen die?« -- »Wunderbar, wunderbar!«

antwortete er: »wie heißt sie?« -- »Sie wird Bela genannt« entgegnete ich.

-- Und wahrlich, sie war schön: hoch und schlank, und hatte schwarze Augen

wie die der Berggemse, mit denen sie einem bis in die Seele hineinblickte.

Petschórin verwandte, in Gedanken versunken, kein Auge von ihr, und auch

sie blickte öfter verstohlen nach ihm hin. Indessen war Petschórin nicht

der einzige, der die liebliche Fürstin mit Wohlgefallen betrachtete: aus

einem Winkel des Zimmers blickten sie zwei bewegungslose, glutvolle Augen

an. Ich sah genauer zu, wer es war, und erkannte meinen alten Bekannten

Kásbitsch. Er war, wissen Sie, eigentlich weder einer von den friedlichen

noch von den nichtfriedlichen. Es ruhte wohl so mancher Verdacht auf ihm,

ob er gleich nie bei irgend einem Unfug war betroffen worden. Er brachte

uns öfters Schafe in die Festung zum Verkauf und war immer sehr billig

damit, ließ aber niemals mit sich handeln; was er forderte, mußte man

geben, denn eher hätte er sich in Stücke hauen lassen, als das Geringste

von seinem Preise abzulassen. Das Gerücht ging von ihm, daß er sich

jenseits des Kúbans mit den Abréken, einem feindlichen räuberischen

Völkerstamme, herumtrieb, und die Wahrheit zu gestehen, sah er auch ganz

darnach aus, kurz, trocken, breitschultrig, eine rechte Räubergestalt

. . . Aber gewandt, gewandt, wie der Teufel! Sein Beschmét[A] war immer

zerrissen und mit Flicken besetzt, aber sein Gewehr mit Silber ausgelegt;

sein Pferd war in der ganzen Kabarda berühmt, -- und wahrhaftig ein

schöneres Thier kann man sich gar nicht vorstellen. Nicht umsonst

beneideten ihn alle Raubreiter darum und bemühten sich mehr als einmal es

ihm wegzustehlen, was ihnen indessen nicht gelang. Ich sehe dies edle Thier

ordentlich vor mir stehen: Schwarz wie Pech, Füße wie Saiten, und Augen

nicht schlechter wie Bela's Augen. Und was, für eine Kraft! Funfzig Werst

in vollem Trabe; dabei war es so zahm, daß es wie ein Hund hinter seinem

Herrn drein lief; sogar seine Stimme kannte es! Und wie oft geschah es, daß

er es gar nicht anband. So ein rechtes Räuberpferd! . . .

[Fußnote A: Kurzes enganliegendes Unterkleid der tatarischen

Völkerschaften.]

-- An diesem Abend war Kásbitsch finstrer als sonst und ich bemerkte, daß

er unter dem Beschmét ein Panzerhemd an hatte. »Nicht umsonst hat er dies

Panzerhemd an,« dachte ich, »er führt gewiß irgend was im Schilde.«

-- Es war schwül in der Hütte, und ich trat hinaus, mich an der Luft zu

erfrischen. Nacht lag schon auf den Bergen und Nebel strich an den

Felsklüften hin.

-- Ich ließ mir einfallen, mich unter das Wetterdach zu begeben wo unsere

Pferde standen, um nachzusehen ob sie Futter hätten, und weil überdies

Vorsicht nie schaden kann: ich hatte ein herrliches Pferd mit, und schon

mehr als Ein Kabardinzer hatte es wohlgefällig in's Auge gefaßt, und dabei

ausgerufen: Jakschi tsche, tschek jakschi![A]

-- Ich ducke mich längs des Plankenzaunes hin, und plötzlich hör' ich

Stimmen; die eine Stimme erkannte ich sogleich: das war der Wildfang

Asamat, der Sohn unseres Wirthes; die andere sprach seltener und leiser.

»Wovon schwatzen die da wohl?« dacht' ich: »doch wohl nicht gar von meinem

Pferde?« Da kauerte ich mich bei dem Zaune nieder, und fing an zu horchen,

bemüht, daß kein einziges Wort mir entginge. Doch der Lärm der Gesänge und

das Gewirr der Stimmen, die aus der Hütte herausschallten, verschlangen

bisweilen das mir so interessante Gespräch. --

[Fußnote A: Worte des Beifalls in tatarischer Sprache.]

-- »Du hast ein herrliches Pferd!« sagte Asamat, »wäre ich Herr im Hause

und hätte eine Herde von dreihundert Stuten, so gäbe ich wohl die Hälfte

für Deinen Renner, Kásbitsch!«

-- Aha, Kásbitsch! dachte ich und erinnerte mich des Panzerhemdes.

-- »Ja,« antwortete Kásbitsch nach einigem Schweigen, »in der ganzen

Kabárda findet man kein solches. Einstmals, -- das war jenseits des Téreks

-- zog ich mit den Abréken aus, russische Pferdeherden wegzunehmen; es

glückte uns nicht, und wir wurden versprengt, der eine dahin, der andere

dorthin. Hinter mir her waren vier Kosaken schon hörte ich das Geschrei der

Giauren und vor mir war ein dichter Wald. Da duckte ich mich in den Sattel,

übergab mich dem Allach und zum erstenmal im Leben beleidigte ich das Pferd

durch einen Schlag mit der Peitsche. Wie ein Vogel streifte es zwischen den

Zweigen dahin; scharfe Stechpflanzen zerrissen meine Kleidung, dürre Aeste

von Zwergrüstern schlugen mir im Gesicht herum. Mein Pferd setzte über die

Baumstumpfe und riß mit der Brust das Gesträuch auseinander. Ich hätte

besser gethan das Pferd am Saume des Waldes laufen zu lassen, mich selbst

aber zu Fuß im Walde zu verstecken, es that mir aber leid mich von ihm zu

trennen. Und der Prophet belohnte mich. Einige Kugeln sausten über meinen

Kopf dahin, ich hörte schon die heißverfolgenden Kosaken dicht hinter mir

. . Plötzlich gähnt vor mir eine tiefe Wasserschlucht; mein Renner stutzte

-- und sprang. Seine Hinterhufe glitten von dem jenseitigen Uferrande ab,

und er hing an den Vorderfüßen; ich warf die Zügel weg, und flog in die

Schlucht hinab; dies rettete mein Pferd: es sprang hinauf. Die Kosaken

sahen alles mit an, doch keiner von ihnen ließ sich hinab, mich zu suchen:

sie dachten wohl ich müsse den Hals gebrochen haben, und ich hörte, wie sie

sich in Bewegung setzten mein Pferd aufzufangen. Das Blut stockte mir im

Herzen, ich kroch im tiefen Grase längs der Schlucht hervor, -- ich sehe:

der Wald war zu Ende, einige Kosaken reiten aus ihm auf die Haide heraus,

und siehe! mein Karagös sprengt grade auf sie los; alle warfen sich mit

Geschrei hinter ihm her; lange, lange verfolgten sie ihn, besonders einer

war zweimal nahe daran, ihm die Schlinge über den Hals zu werfen; ich

erbebte, senkte die Augen, und fing an zu beten. Nach einigen Augenblicken

erhebe ich sie wieder -- und siehe da! mein Karagös fliegt mit wehendem

Schweife, dem freien Winde gleich, daher; die Giauren hingegen schleppen

sich, einer weit hinter dem andern, auf den abgequälten Pferden durch die

Steppe. Beim Allach! es ist wahr, es ist wahrhaftig wahr! Bis zur späten

Nacht saß ich in meiner Schlucht. Plötzlich, was denkst Du wohl, Asamat? in

der Finsterniß hör' ich, daß am Rande der Schlucht ein Pferd läuft,

schnaubt, wiehert und mit den Hufen auf die Erde stampft; ich erkannte die

Stimme meines Karagös das war er, mein Gefährte! . . . Von der Zeit an

blieben wir unzertrennlich.

Und man konnte hören, wie er mit der Hand den glatten Hals seines Renners

sanft klopfte, indem er ihm verschiedene zärtliche Benennungen gab.

-- »Wenn ich eine Herde von tausend Stuten hätte,« sagte Asamat, »ich würde

sie Dir ganz für Deinen Karagös hingeben!«

»Jok, ich gäb' ihn nicht dafür,« antwortete Kásbitsch gleichgültig.

-- »Höre, Kásbitsch,« sagte schmeichelnd Asamat zu ihm, »Du bist ein guter

Kerl, Du bist ein tapferer Dschigit; mein Vater aber fürchtet die Russen,

und läßt mich nicht in die Berge; überlaß mir Dein Pferd, und ich will

alles thun, was Du nur verlangst, ich stehle für Dich meinem Vater seinen

besten Karabiner, seine beste Scháschka,[A] was Du nur wünschest, -- seine

Scháschka ist eine ächte Gúrda: Du brauchst nur die Schneide an die Hand zu

legen, so saugt sie sich von selbst in's Fleisch; und sein Panzerhemd ist

mindestens so gut wie Deines.«

-- Kásbitsch schwieg.

-- »Das erstemal, als ich Dein Pferd sah,« fuhr Asamat fort, »als es unter

Dir sich im Kreise drehte und mit aufgeblasenen Nüstern dahinsprang, und

unter seinen Hufen hervor die Steine in Funken stoben, da ging in meiner

Seele etwas Unbegreifliches vor, und von der Zeit wurde mir alles andere

zuwider: auf die besten Renner meines Vaters sah ich mit Verachtung; ich

schämte mich auf ihnen mich zu zeigen, und Traurigkeit übernahm mich ganz;

und harmvoll versaß ich auf einem Felsen ganze Tage, und in jedem

Augenblicke erschien mir in Gedanken Dein schwarzer Renner mit seinem edlen

Gange und seinem glatten, pfeilgraden Rücken; er blickte mich mit seinen

muntern Augen an, als ob er sprechen wollte. Ich werde sterben, Kásbitsch,

wenn Du mir ihn nicht überlässest!« sagte Asamat mit zitternder Stimme.

[Fußnote A: Scháschka heißt der krumme Säbel der Tscherkessen und Kosaken.]

Ich glaubte zu hören, daß er zu weinen anfing: dabei muß ich Ihnen sagen,

daß Asamat ein erztrotziger Bube war, dem man bisher mit nichts Thränen

abzudringen vermocht hatte, sogar als er noch ganz jung war.

-- Zur Antwort auf seine Thränen war nur eine Art Hohngelächter vernehmbar.

-- »Höre!« sagte Asamat mit fester Stimme, ich bin zu Allem entschlossen.

Willst Du, daß ich für Dich meine Schwester stehle? Wie tanzt sie schön!

und wie sie singt! auch nähet sie in Golde aus, wundervoll! Solch eine

Genossin hat wohl der türkische Padischa kaum . . . Willst Du? Erwarte mich

morgen in der Nacht dort, in der Schlucht, wo der Wildbach fließt: ich

werde mit ihr zum benachbarten Aúle vorübergehen, -- und sie ist Dein. Ist

denn wohl Bela nicht Deinen Renner werth?

-- Lange, lange schwieg Kásbitsch; endlich, anstatt der Antwort, stimmte er

mit halber Stimme ein altes Liedchen an:

Schönheiten giebt's hier im Aúle gar viel,

Sternen gleich funkelt des Augenpaars Spiel.

Süß, sie zu lieben -- ein Loos zu beneiden;

Heit'rer noch, nie von der Freiheit zu scheiden.

Gold schafft der Frauen mir drei oder vier,

Doch solch ein Roß, sagt, wo schaff' ich es mir?

Rasch durch die Stepp', wie der Wind, eilt's im Fluge,

Fern jedem Wechsel, fern jedem Truge.

Vergebens bat ihn Asamat wiederholentlich, einzuwilligen, und weinte und

schmeichelte ihm und schwur; endlich unterbrach ihn Kásbitsch ungeduldig:

-- »Geh fort, thörigter Junge! Wo willst Du wohl auf meinem Pferde reiten?

Bei den ersten drei Schritten wirft es Dich ab, und Du zerschlägst Dir das

Genick auf den Steinen.«

-- »Ich!« schrie Asamat in Wuth, und das Eisen des Knabendolches erklirrte

auf dem Panzerhemde. Eine kräftige Hand warf ihn zurück und er schlug sich

an den geflochtenen Zaun so heftig, daß dieser wankte. »Das gibt einen

schönen Spaß,« dachte ich, eilte zum Stalle, zäumte unsere Pferde auf, und

führte sie nach dem hinteren Hofe. Binnen zwei Minuten schon war in der

Hütte ein fürchterliches Getöse. Es hatte sich folgendes ereignet: Asamat

war mit zerrissenem Beschmét dort hineingerannt, vorgebend, Kásbitsch wolle

ihn ermorden. Alle sprangen herbei, griffen zu den Waffen, und der Spaß

ging los. Geschrei, Lärm, Schüsse; doch Kásbitsch war schon zu Pferde und

brach wie ein Teufel durch die Menge in die Straße, indem er die Scháschka

vertheidigend schwang. »Ein schlimmer Handel in fremder Schmauserei die

Nachwehen der Trunkenheit,« sagte ich zu Grigórii Alexándrowitsch, indem

ich ihn bei der Hand ergriff; »thäten wir nicht besser, uns eiligst

davonzumachen?«

-- »Aber warten Sie doch, wie es endigen wird.«

-- Es wird wahrscheinlich schlecht endigen; bei diesen Asiaten ist es immer

so: sie betrinken sich in Busa, und das Gemetzel geht los! Wir saßen auf

und ritten spornstreichs nach Hause.

»Was wurde denn aus Kásbitsch?« fragte ich den Stabskapitain mit Ungeduld.

-- Was kann man wohl einem solchen Kerl anhaben! antwortete er, indem er

sein Glas Thee bis auf die Neige austrank; er entschlüpfte!

»Und wurde nicht verwundet?« fragte ich.

-- Ja, das weiß Gott! Diese Spitzbuben haben ein zähes Leben! Ich hab sie

wohl manchmal im Gefecht gesehen, sehen Sie, ganz zerhauen und von

Bajonetten einem Siebe gleich durchlöchert, und doch wirthschaftet so ein

Kerl noch immer mit der Scháschka herum. -- Der Stabskapitain schwieg eine

Weile, dann fuhr er, mit dem Fuß auf die Erde stampfend, fort:

-- Eins werde ich mir nie verzeihen: daß mich der Böse zupfte, dem Grigórii

Alexándrowitsch Alles wieder zu erzählen, als wir nach der Festung

zurückritten, was ich hinter dem Zaune gehört hatte; er lächelte fein, der

Schlaufuchs -- und dachte sich sein eigenes Stückchen aus.

-- »So? Was denn für eins? Bitte, erzählen Sie doch.«

-- Ja freilich, jetzt ist nichts mehr zu machen! Habe ich einmal angefangen

zu erzählen, so muß ich auch weiter fortfahren. Nach etwa vier Tagen kommt

Asamat in die Festung. Nach seiner Gewohnheit ging er zu Grigórii

Alexándrowitsch, der ihn mit Näschereien zu füttern pflegte. Ich befand

mich ebenfalls dort. Die Rede kam auf die Pferde, und Petschórin fing an,

den Renner unseres Kásbitsch herauszustreichen; so ein muthiges,

prachtvolles Pferd, gerade wie eine Gemse -- na, mit einem Worte, nach

seiner Meinung gab es kein zweites solches Roß auf Gottes weitem Erdboden.

-- Unserm kleinen Tátaren funkelten die Augen, aber Petschórin thut, als ob

er gar nichts merkt; ich versuche das Gespräch auf etwas anderes zu lenken;

er aber, hast Du nicht gesehen, bringt es gleich wieder auf Kásbitsch'

Pferd zurück. Diese Geschichte wiederholte sich, so oft Asamat zu uns

herüber kam. Nach ungefähr drei Wochen bemerkte ich, daß Asamat ganz blaß

und abgezehrt aussah, wie das wohl in Romanen von der Liebe geschieht. Was

Wunder auch?

-- Sehen Sie wohl, ich habe erst später die ganze Geschichte erfahren:

Grigórii Alexándrowitsch hatte ihn dermaaßen aufgereizt, daß er sich hätte

ins Wasser stürzen können. Einstmals nun sagte er zu ihm: »Ich sehe,

Asamat, daß Dir dieses Pferd über Alles geht, und doch wird es eben so

wenig Dein werden, als Du Deines Nackens ansichtig werden kannst. Nun sag'

einmal, was würdest Du wohl Dem geben, der es Dir zum Geschenk machte?

. . .

-- Alles, was er nur will, antwortete Asamat.

»In dem Falle will ich Dir's verschaffen, nur unter einer Bedingung . . .

Du schwörst mir, daß Du sie erfüllst . . .

-- Ich schwöre . . . schwöre auch Du!

»Gut! Ich schwöre Dir zu, Du sollst das Pferd haben; nur mußt Du mir Deine

Schwester Bela dagegen ausliefern. Den Karagös will ich Dir als Morgengabe

liefern. Ich hoffe, der Handel ist vortheilhaft für Dich.

-- Asamat schwieg.

»Du willst nicht? Auch gut. Ich hielt Dich für einen Mann, sehe aber, daß

Du noch ein Kind bist; es ist noch zu früh für Dich zu reiten . . .

-- Asamat entbrannte . . . »Aber mein Vater?« sagte er.

»Sollte denn der sich niemals entfernen?«

-- Es ist auch wahr . . .«

»Also abgemacht? . . .«

-- Abgemacht, flüsterte Asamat, bleich wie der Tod. Wann?

»Sobald Kásbitsch wieder herkommt; er hat versprochen, ein Zehn Hammel

herzutreiben; das Uebrige ist meine Sache. Sieh wohl zu, Asamat!«

-- Ja, so haben sie die Sache zu Stande gebracht . . . Die Wahrheit zu

gestehen, eine recht häßliche Sache. Ich habe das auch später zu Petschórin

gesagt, der antwortete mir aber, daß das wilde Tscherkessenkind sich

glücklich schätzen könne, einen so netten Mann zu haben, denn nach ihren

Gebräuchen ist er immerhin ihr Mann, und was Kásbitsch anginge, so wäre der

ein Räuber, den man bestrafen müsse. Nun urtheilen Sie selbst, was ich ihm

darauf antworten konnte? . . . Damals aber wußte ich noch nichts von ihrer

Verabredung; da kommt denn einmal der Kásbitsch bei uns vor und frägt an,

ob wir nicht Hammel und Meth brauchten? Ich befahl ihm, beides den nächsten

Tag herzuschaffen. »Asamat!« sagte Grigórii Alexándrowitsch, »morgen ist

der Karagös in meinen Händen, bringst Du mir Bela diese Nacht nicht her, so

kriegst Du das Pferd nicht zu sehen . . .«

-- Gut! sagte Asamat und sprengte im Galopp nach dem Aúle. Als der Abend

gekommen war, legte Grigórii Alexándrowitsch seine Waffen an und verließ

die Festung. Wie sie nun die Sache ausgeführt haben, weiß ich nicht, --

aber des Nachts waren sie Beide zurückgekommen und die Schildwache hatte

gesehen, daß über den Sattel Asamats ein Frauenzimmer lag, deren Hände und

Füße gebunden waren, während ihr Kopf mit einem Schleier verhüllt war.

-- »Aber das Pferd?« fragte ich den Stabskapitain.

-- Gleich, gleich. Den nächsten Tag kommt Kásbitsch des Morgens früh und

brachte ein Zehn Hammel zum Verkauf. Nachdem er sein Pferd an den

Plankenzaun gebunden hatte, kam er zu mir; ich traktirte ihn mit Thee,

denn, wenn er schon ein Räuber war, so war er doch auch mein Gastfreund.

Wir plauderten von diesem und jenem . . . Plötzlich sehe ich, wie Kásbitsch

mit veränderten Gesichtszügen auffährt und nach dem Fenster stürzt, welches

aber leider nach dem Hinterhofe führte. -- »Was ist Dir denn?« fragte ich

ihn.

-- »Mein Pferd! . . . Pferd!« sagte er, am ganzen Leibe erzitternd.

-- Wirklich hörte ich in diesem Augenblicke das Schlagen von Hufen: »Das

ist wahrscheinlich irgend ein angekommener Kosak . . .«

-- Nein! »Uruß-Jaman, Jaman!«[A] fing er an zu brüllen und stürzte über

Hals und Kopf davon, wie ein wilder Panther. Mit zwei Sprüngen war er auf

dem Hofe; an dem Thore der Festung versperrte ihm die Schildwache mit dem

ausgestreckten Gewehre den Weg; er sprang darüber hinweg und fing an aus

allen Kräften zu laufen . . . In der Ferne wirbelte Staub . . . Asamat

sprengte auf dem feurigen Karagös dahin; mitten im Laufe riß Kásbitsch sein

Gewehr aus dem Ueberzuge und feuerte los. Eine Minute stand er unbeweglich

still, bis er sich überzeugt hatte daß er einen Fehlschuß gethan hatte;

dann fing er an entsetzlich zu heulen, zerschlug sein Gewehr gegen die

Steine, daß es in tausend Stücke flog, wälzte sich auf der Erde herum und

stöhnte wie ein Bube . . . Nicht lange, so versammelte sich eine Menge

Leute aus der Festung um ihn -- er sah Niemanden; sie standen da herum und

sprachen ein Langes und Breites und gingen endlich wieder fort; ich ließ

das Geld für die Hammel neben ihn hinlegen -- er rührte es aber nicht an,

sondern lag mit dem Gesicht auf der Erde, wie ein Todter. Wollen Sie wohl

glauben, daß er bis tief in die Nacht und die ganze Nacht hindurch so

gelegen hat? Erst am andern Morgen kam er in die Festung und bat, daß man

ihm den Räuber nennen wolle. Die Schildwache, die gesehen hatte, wie Asamat

das Pferd abband und auf ihm davonjagte, hielt es nicht für nöthig, ihm ein

Geheimniß daraus zu machen. Bei diesem Namen funkelten Kásbitsch' Augen und

er begab sich nach dem Aúle, wo Asamats Vater wohnte.

[Fußnote A: Russischer Verrath, Verrath!]

»Wie ergings dem Vater?«

-- Ja das ist ja eben der Witz, daß Kásbitsch ihn nicht zu Hause traf; er

war irgend wohin auf ein Tager Sechs verreist; wäre es denn sonst wohl

Asamat gelungen, seine Schwester zu entführen?

-- Als nun der greise Vater zurückkehrte, da fand er weder Tochter noch

Sohn; denn der Schlaukopf hatte wohl bedacht, daß er seinen Kopf nicht

davon bringen würde, wenn er jemals dem Kásbitsch unter die Hände fiele. So

war er denn seit jener Zeit verschwunden; wahrscheinlich hatte er sich zu

einer Bande Abréken geschlagen, oder er hatte jenseits des Téreks oder

Kúbans sein unruhiges Haupt irgendwo niedergelegt. Dort kommt man leicht

genug dazu!

-- Nun muß ich gestehen, daß auch mich die Sache etwas anging. So wie ich

erst erfahren hatte, daß die Tscherkessin bei Grigórii Alexándrowitsch war,

legte ich meine Epauletten an, steckte den Degen ein und begab mich zu ihm.

-- Er lag im Vorderzimmer auf dem Bette, die eine Hand unter dem Nacken

geschlagen und mit der andern die ausgegangene Pfeife haltend; die Thüre

nach dem zweiten Zimmer war verschlossen und der Schlüssel abgezogen. Ich

bemerkte dies Alles im Nu . . . Ich fing an mich zu räuspern und mit den

Absätzen an der Schwelle zu scharren -- er that aber, als hörte er nichts.

-- »Herr Lieutenant!« sagte ich so streng wie möglich, »sehen Sie denn

nicht, daß ich zu Ihnen gekommen bin?«

»Ach, guten Tag, Maksim Maksimitsch! Ist Ihnen eine Pfeife gefällig?«

antwortete er, ohne auch nur aufzustehen.

-- Ich bitte um Entschuldigung! Ich stehe jetzt nicht als Maksim

Maksimitsch, sondern als Stabskapitain vor Ihnen!«

»Das ist ja einerlei. Wollen Sie eine Tasse Thee? Ach, wenn Sie wüßten

welche Sorge mich jetzt drückt . . .«

-- Ich weiß Alles, entgegnete ich ihm, an sein Bett tretend.

»Desto besser, ich bin gar nicht aufgelegt, viel zu erzählen.«

-- »Herr Lieutenant, Sie haben sich eines Vergehens schuldig gemacht, für

das auch ich zur Verantwortung gezogen werden kann . . .«

»Nun hören Sie doch auf! Was ist denn daran gelegen? Als ob nicht schon

längst zwischen uns alles zur Hälfte ginge!«

-- Ei was für Späße! Ich bitte um Ihren Degen.

»Mitka! den Degen!«

Mitka brachte den Degen. Als ich nun so meiner Pflicht genügt hatte, setzte

ich mich zu ihm aufs Bett und sagte: »Höre, lieber Grigórii

Alexándrowitsch, gestehe selbst, daß es nicht hübsch war.«

»_Was_ nicht hübsch?«

-- »Je nun, daß Du die Bela entführt hast . . . Ach diese Bestie von

Asamat! . . . Nun, gestehe selbst,« sagte ich zu ihm.

»Ja, wenn sie mir nun einmal gefällt?«

-- Nun bitte ich Sie, was sollte ich ihm hierauf antworten? Ich war ganz

verdutzt. Indessen sagte ich ihm nach einem kurzen Schweigen, daß, wenn ihr

Vater sie wieder fordern sollte, man doch genöthigt sein würde, sie

herauszugeben.

»Ist durchaus nicht nöthig.«

-- »Ja, wenn er nun aber erfährt, daß sie hier ist?«

»I, wie soll er denn das erfahren?«

Ich war abermals festgefahren. -- »Hören Sie, Maksim Maksimitsch«, begann

Petschorin endlich, indem er sich erhob: »Sie sind ein guter Mensch, --

bedenken Sie selbst, daß, wenn wir diesem Wilden seine Tochter wiedergeben,

er sie entweder umbringt oder verkauft. Die Sache ist nun einmal geschehen,

es kommt also bloß darauf an, daß wir sie nicht muthwillig selbst

verderben; lassen Sie sie also bei mir und meinen Degen bei Ihnen . . .«

-- »So zeigen Sie mir sie wenigstens,« sagte ich.

»Sie ist hinter jener Thür; indessen habe ich mich heut selbst vergebens

bemüht, sie zu sehen; sie sitzt, in ihren Schleier gehüllt, in einem Winkel

und spricht nicht und rührt sich nicht; sie ist scheu wie eine wilde Gemse.

Ich habe unsere Marketenderin in Dienst genommen: die versteht tatarisch

und wird sie an den Gedanken gewöhnen, daß sie mein ist, denn sie soll

Niemandem anders gehören als mir,« fügte er hinzu, indem er mit der Faust

auf den Tisch schlug. -- Ich ließ ihn auch hierin gewähren . . . Was soll

man machen? Sehen Sie, es giebt Leute, denen man durchaus ihren Willen thun

muß.

-- »Hat er sie denn wirklich« fragte ich Maksim Maksimitschen, »so weit

gebracht, oder verkam sie in der Gefangenschaft vor lauter Heimweh?«

-- »Ja warum denn vor Heimweh, ich bitte Sie um Alles. Aus der Festung

konnte man dieselben Berge sehen, wie aus ihrem Aúle, -- na, und mehr

brauchen diese Wilden ja nicht. Dann beschenkte sie auch Grigorii

Alexandrowitsch jeden Tag mit etwas Neuem; die ersten zwei Tage wies sie

die Geschenke stolz von sich, welche dann der Marketenderin zufielen und

deren Beredsamkeit anregten. Ach, die Geschenke! Was thut ein Frauenzimmer

nicht alles für einen bunten Lappen! . . . Doch das gehört jetzt nicht

hierher! Grigorii Alexandrowitsch kämpfte lange mit ihr, lernte aber

unterdessen tatarisch und auch sie fing an, unsere Sprache etwas zu

verstehen. Nach und nach gewöhnte sie sich an seinen Anblick, obschon sie

ihn anfänglich nur verstohlen unter den Augenbrauen hervor ansah, und sich

immer härmte, und ihre Liedchen mit halber Stimme vor sich hin sang, so daß

es mir wohl auch manchmal recht weh um's Herz wurde, wenn ich sie im

Nebenzimmer hörte. Niemals werde ich eine Scene vergessen: Ich ging am

Fenster vorüber und schaute hinein: Bela saß auf einem Schemel, mit dem

Köpfchen auf die Brust gesenkt; Grigorii Alexandrowitsch stand vor ihr.

»Höre, meine Peri,« sagte er, »siehe, Du weißt doch, daß Du früh oder spät

mein sein mußt -- warum mich also so quälen? Vielleicht liebst Du irgend

einen Tschetschiner? Wenn dem so ist, so laß ich Dich augenblicklich nach

Hause gehen.« -- Sie fuhr kaum bemerkbar zusammen und schüttelte mit dem

Kopfe. -- »Oder,« fuhr er fort, »bin ich Dir so durchaus verhaßt?« -- Sie

seufzte leise. »Oder verbietet Dir Dein Glaube, mich zu lieben?« -- Sie

erblaßte und schwieg. -- »Glaube mir, Allach ist für alle Völkerstämme ein

und derselbe, und wenn er mir gewährt hat, Dich so innig zu lieben, warum

sollte er Dir verbieten, mich mit Deiner Gegenliebe zu beglücken?« -- Sie

blickte ihm scharf in's Gesicht, wie von diesem netten Gedanken getroffen;

in ihren Augen malte sich die Ungläubigkeit und der Wunsch, sich zu

überzeugen. Was für Augen! Sie leuchteten wahrhaftig wie ein Paar Kohlen.

-- »O höre, süße, theure Bela!« fuhr Petschórin fort, »Du siehst, wie lieb

ich Dich habe; ich will alles für Dich dahingeben, wenn ich Dich nur

erheitern kann; ich möchte Dich so gern glücklich sehen, und wenn Du wieder

so traurig sein wirst, werde ich sterben. Sage mir, daß Du heiterer sein

willst?« -- Sie versank in Nachdenken, ohne ihre schwarzen Augen von ihm zu

wenden, lächelte dann milde und nickte bejahend mit dem Kopfe. Er ergriff

ihre Hand und suchte sie nun zu überreden, ihm einen Kuß zu geben, sie

wehrte sich nur schwach, indem sie mehrmals sagte: »Bitte, bitte, nicht

nöthig, nicht nöthig.« Er wurde immer zudringlicher; da fing sie an zu

zittern und in Thränen auszubrechen. »Ich bin Deine Gefangene,« sagte sie,

»Deine Sklavin; mithin kannst Du mich freilich zwingen,« -- und wieder

Thränen.

Grigorii schlug sich mit der Faust vor die Stirn und sprang aus ihrem in

das andere Zimmer. Ich begab mich zu ihm; er ging mit gefaltenen Händen im

Zimmer finster auf und ab. »Nun, mein Lieber?« sagte ich zu ihm. -- »Ein

Dämon ist sie, aber kein Weib!« erwiederte er; »ich gebe Ihnen aber mein

Ehrenwort, daß sie mein sein wird . . . Ich schüttelte mit dem Kopfe.

»Wollen Sie pariren?« sagte er, »in einer Woche!« -- »Mit Vergnügen!« --

Wir gaben uns die Hände darauf und trennten uns.

Am andern Tage sandte er sogleich einen Eilboten nach Kislar um

verschiedene Einkäufe zu machen; es dauerte nicht lange, so wurde eine

solche Menge der verschiedenartigsten persischen Stoffe herbeigeschafft,

daß man sie nicht überzählen konnte. -- »Was meinen Sie, Maksim

Maksimitsch!« sagte er zu mir, indem er auf die Geschenke wies, »wird wohl

die asiatische Schönheit gegen eine solche Batterie Stand halten? --

-- Sie kennen die Tscherkessinnen nicht, antwortete ich; die sind nicht wie

die Grusierinnen oder die kaukasischen Tatarinnen, durchaus nicht so. Die

haben ihre eigene Weise und sind anders erzogen. Grigorii Alexandrowitsch

lächelte und fing an einen Marsch zu pfeifen.

-- Zuletzt zeigte es sich, daß ich Recht gehabt hatte: die Geschenke hatten

nur theilweise gewirkt; sie war etwas freundlicher und zutraulicher

geworden -- das war aber auch alles, und so entschloß er sich denn zum

letzten Mittel zu greifen. Eines Morgens ließ er sein Pferd satteln, zog

sich seine Tscherkessenkleider an, bewaffnete sich und ging zu ihr. »Bela!«

sagte er: »Du weißt, wie lieb ich Dich habe. Ich hatte mich entschlossen

Dich zu entführen, in der Hoffnung, daß Du mich lieben würdest, wenn Du

mich erst kennen gelernt haben würdest; ich habe mich geirrt: -- Lebe wohl!

Ich überlasse Dir den vollen Besitz alles dessen, was mein ist; wenn Du

willst, kannst Du auch zu Deinem Vater zurückkehren -- Du bist frei. Ich

bin in Deinen Augen schuldig und muß mich selbst bestrafen; lebe wohl; ich

gehe -- wohin weiß ich selbst nicht! hoffentlich werde ich den Kugeln und

Säbelhieben nicht lange entgehen, dann gedenke meiner und vergieb mir.« --

Er wandte sich von ihr ab und streckte ihr zum Abschiede die Hand entgegen.

Sie nahm die Hand nicht und schwieg. Da ich hinter der Thüre stand, so

konnte ich durch eine Spalte ihr Gesicht sehen, und wahrhaftig es ging mir

nahe -- eine solche Todtenblässe überzog ihr liebliches Gesichtchen! Da er

keine Antwort vernahm, that Petschórin einige Schritte gegen die Thür; er

zitterte -- und soll ich es Ihnen aufrichtig sagen? -- Ich bin überzeugt,

er wäre im Stande gewesen, das in vollem Ernste auszuführen, was er

scherzweise gesagt hatte. Er war ein gar zu sonderbarer Mann, Gott weiß!

Kaum aber berührte er die Thüre, als sie auf ihn zusprang und sich ihm

schluchzend an den Hals warf. Wollen Sie mir's glauben, daß ich hinter

meiner Thüre auch weinte, das heißt, wissen Sie, nicht als ob ich geweint

hätte, sondern bloß so -- aus Dummheit! . . .

Der Stabskapitain hielt schweigend inne.

-- Ja, ich gestehe Ihnen ganz offen, sagte er alsdann, seinen Schnurrbart

streichelnd, daß es mir damals weh that, von keinem Weibe jemals so geliebt

worden zu sein.

»Und war ihr Glück von Dauer?« fragte ich.

-- Ja wohl, und sie gestand uns, daß seit dem Tage, an welchem sie

Petschórin gesehen hatte, er ihr oft im Traume erschienen wäre, und daß

noch nie ein Mann solchen Eindruck auf sie gemacht hätte. Ja, sie waren

glücklich!

»Ach, wie Schade!« rief ich unwillkührlich aus. In der That hatte ich eine

tragische Entwickelung erwartet und sah mich nun so plötzlich in meinen

Hoffnungen getäuscht! . . »Ist es möglich,« begann ich abermals, daß der

Vater nicht errieth, daß sie bei Ihnen in der Festung steckte?«

-- Ja, geahnt mag er es wohl haben; indessen erfuhren wir bereits nach

wenigen Tagen, daß man den Alten ermordet hatte. Das war nämlich so

zugegangen . . .

Meine Aufmerksamkeit wurde auf's Neue rege.

-- Ich muß Ihnen erst sagen, daß Kasbitsch sich einbildete, als habe ihm

Asamat mit seines Vaters Einwilligung sein Pferd gestohlen, wenigstens

denke ich mir das so. Einstmals nun lauerte er ihm auf dem Wege auf,

ungefähr drei Werst vor dem Aúle; der Greis kehrte eben von den

vergeblichen Nachsuchungen nach seiner Tochter heim; seine Usdénen

(Lehnsleute) waren weit hinter ihm zurück, -- die Dämmerung war bereits

eingebrochen -- er ritt, in Gedanken vertieft, langsam voran, als plötzlich

Kasbitsch wie eine Katze aus dem Gebüsch hervortauchte, hinter ihn auf das

Pferd sprang, mit einem Dolchstiche ihn zu Boden warf, die Zügel ergriff --

und auf- und davon jagte! Einige der Usdénen hatten dies alles von einem

Hügelchen mit angesehen; sie warfen sich hinter ihm her, aber erreichten

ihn nicht mehr.

»Er entschädigte sich für den Verlust seines Pferdes und rächte sich,«

begann ich, um meinem Gefährten seine Meinung darüber zu entlocken.

-- Ja freilich, nach ihrer Art, erwiederte der Stabskapitain, war er

vollkommen in seinem Rechte.

Unwillkührlich frappirte mich die Fähigkeit des Russen, sich den Gebräuchen

aller Völker anzuschließen, zwischen welche ihn der Zufall wirft; ich weiß

nicht, ob diese Eigenschaft des Gemüthes Lob oder Tadel verdient, indessen

ist sie ein Beweis für seine unglaubliche Geschmeidigkeit und für das

Vorhandensein jenes gesunden Menschenverstandes, welcher das Böse überall

entschuldigt, wo er dessen Unvermeidlichkeit oder die Unmöglichkeit seiner

Vernichtung einsieht. --

Unterdessen war der Thee ausgetrunken; die längst angespannten Pferde

standen durchfroren auf dem Schnee; der Mond erbleichte im Westen und war

bereit in seine schwarzen Wolken unterzutauchen, die auf den fernen

Berggipfeln hingen, gleich den Fetzen eines zerrissenen Vorhanges. Wir

traten aus der Hütte. Trotz der Vorhersagung meines Reisegenossen hellte

sich das Wetter auf, und versprach uns einen stillen Morgen. Die Reigen der

Sterne durchschlangen sich in wundersamen Gebilden am fernen Horizonte, und

einer nach dem andern erlosch in demselben Maße, als der blasse Schimmer

des Ostens sich über das dunkelviolette Himmelsgewölbe ergoß, und allmälig

die steilen, mit jungfräulichem Schnee bedeckten Bergabhänge beleuchtete.

Rechts und links dunkelten schwarze geheimnißvolle Abgründe, und Nebel, die

sich gleich Schlangen zusammenknäulten und loswanden, krochen über die

Runzeln der benachbarten Felsen, als ob sie die Annäherung des Tages

fühlten und scheuten.

Still war alles am Himmel und auf der Erde, wie im Herzen des Menschen

während des Morgengebets; nur dann und wann kam von Osten her ein kühler

Wind, der die mit Reif bedeckten Mähnen der Pferde aufwehte. -- Wir machten

uns auf den Weg; mit Mühe schleppten fünf schlechte Mähren unser Fuhrwerk

auf der gewundenen Straße den Gudberg hinan; wir gingen zu Fuß hinterdrein,

und legten Steine unter die Räder, so oft die Pferde erschöpft anhielten;

es schien als führte der Weg in den Himmel, denn so weit das Auge sehen

konnte, ging er immer aufwärts, und verlor sich zuletzt in einer Wolke,

welche schon seit vorigem Abend auf dem Gipfel des Gudbergs ausruhte, einem

Geier gleich, der auf Beute wartet; der Schnee krachte unter unsern Füßen;

die Luft wurde so dünn, daß das Athemholen schmerzte; das Blut strömte

heftig zum Kopf, aber trotz alledem ergoß sich ein gewisses tröstliches

Gefühl durch alle meine Adern, und es machte mir ein besonderes Vergnügen

so hoch über der Welt zu sein -- ein kindisches Gefühl, ich will's nicht

läugnen; aber wenn wir uns einmal von dem Zwange der Gesellschaft entfernen

und der Natur nähern, so werden wir unwillkührlich wieder Kinder: alles

bloß Angeeignete fällt von der Seele, und sie gestaltet sich auf's Neue so,

wie sie einst gewesen und wahrscheinlich dereinst wieder werden wird. Der,

dem es wie mir beschieden war, über die Bergeseinöden hinzuschweifen, und

lange, lange sie in ihren wunderlichen Bildungen zu betrachten, und gierig

die belebende Luft einzuathmen, die durch ihre Klüfte ausgegossen ist, --

der wird meinen Wunsch verstehen, solche zauberhafte Bilder zu überliefern,

zu erzählen, hinzuzeichnen. Endlich waren wir nun den Gudberg hinauf

gestiegen, hielten an, und sahen uns um: eine blaue Wolke hing auf ihm,

deren kalter Hauch einen nahen Sturm drohte; aber im Osten war alles so

hell und golden, daß wir, das heißt ich und der Stabskapitain, des

drohenden Sturmes ganz vergaßen . . . Ja, auch der Stabskapitain, denn: in

einfachen Herzen ist das Gefühl der Schönheit und Erhabenheit der Natur

hundertmal stärker und lebhafter, als in uns, die wir uns an Worten und auf

dem Papiere begeistern.

»Sie sind, denk' ich, an diese erhabenen Gemälde schon ganz gewöhnt?« sagte

ich zu ihm.

-- Freilich, sogar an das Pfeifen der Kugeln kann man sich gewöhnen, das

heißt, sich gewöhnen das unwillkührliche Schlagen des Herzens zu verbergen.

»Ich hörte, im Gegentheil, daß für manche alte Kriegsleute diese Musik

sogar angenehm sei.«

-- Versteht sich; wenn Sie wollen, ist sie auch angenehm; indessen nur

darum, daß das Herz stärker schlägt. »Sehen Sie,« fügte er hinzu, indem er

nach Osten zeigte: »Was für eine Gegend!«

Und gewiß, ein solches Panorama wird mir schwerlich noch irgend wieder

dargeboten werden: unter uns lag das Koischaurskische Thal, vom Aragwa und

einem andern Flusse wie von zwei silbernen Fäden durchschnitten; ein

bläulicher Nebel glitt darüber hin, vor den warmen Strahlen des Morgens in

die nahen Klüfte fliehend: rechts und links durchschnitten sich und dehnten

sich verschiedene Bergkämme aus, der eine immer höher als der andere,

sämmtlich mit Schnee und Gesträuch bedeckt; in der Ferne immer wieder

Berge, aber auch nicht zwei Felsen, die einander ähnlich gesehen hätten, --

und all' diese Schneemassen glühten von röthlichem Glanze so munter und

hell, daß man hier lebenslang hätte verweilen mögen; die Sonne blickte nur

eben hinter dem dunkelblauen Berge hervor, den ungewohnte Augen kaum von

dem drohenden Gewölk unterscheiden konnten; auf der Sonne aber lag ein

blutiger Streif, welchem mein Gefährte besondere Aufmerksamkeit widmete.

»Ich sage Ihnen,« rief er aus, »daß nun ein Unwetter kommen wird; wir

müssen uns tummeln, oder es wird uns auf dem Kreuzberge überfallen.« »Rührt

Euch!« rief er den Fuhrleuten zu.

Sie hingen anstatt der Hemmschuhe Ketten unter die Räder, damit diese nicht

hinunter rollten, faßten die Pferde bei den Zügeln und fingen an, sich in

Bewegung zu setzen. Rechts erhob sich ein Fels, links gähnte ein solcher

Abgrund, daß ein ganzes Dörfchen von Osseten, die in dessen Tiefe wohnten,

einem Schwalbenneste nicht unähnlich schien; ich schauderte, wenn ich

bedachte, daß oft in tiefer Nacht so mancher Courier diesen Weg, wo zwei

Wagen einander nicht ausweichen können, wohl zehnmal des Jahres passirt,

ohne von seinem rüttelnden, offenen Wagen hinabzugleiten. Einer unserer

Postillone war ein russischer Bauer aus Jaroslaw, der andere ein Ossete.

Der Ossete führte das Hauptpferd mit aller nur möglichen Vorsicht am Zügel,

nachdem er die Vorderpferde bei Zeiten abgespannt hatte, -- unser sorgloser

Russe hingegen stieg nicht einmal von seinem Sitzbrett herab! Als ich ihm

bemerkte daß er, wenn auch nur zum Besten meines Koffers, es sich doch ein

Bischen weniger bequem machen könnte, weil ich nicht Lust hätte, hinter

diesem drein in den Abgrund zu klettern, antwortete er mir: »I, Herr! Mit

Gottes Hülfe fahren wir nicht schlechter wie die da! sind wir doch nicht

zum erstenmal dabei!« -- und er hatte Recht; wir hätten nun freilich auch

_nicht_ ankommen können, allein, wir kamen doch an, und wenn die Leute nur

besser nachdenken wollten, so würden sie sich überzeugen, daß das Leben

nicht werth ist, sich soviel Sorge darüber zu machen.

Aber vielleicht wünschen meine Leser das Ende von Bela's Geschichte zu

erfahren? --

Erstens schreibe ich keine Novelle, sondern Reisenotizen: folglich kann ich

auch den Stabskapitain nicht eher erzählen lassen, als er in der That zu

erzählen anfing. Also warten Sie ein Bischen, oder, wenn Sie wollen,

überschlagen Sie einige Seiten, wozu ich Ihnen freilich nicht rathe, weil

die Reise über den Kreuzberg (oder wie ihn der gelehrte Gamba nennt, le

Mont de St. Christophe) Ihrer Neugierde gewiß werth ist. -- Also, wir

stiegen vom Gudberg in das Teufelsthal (Tschértowa-Dolina) . . . Was für

ein romantischer Name! Sie sehen schon das Nest des bösen Geistes zwischen

den unzugänglichen Felsen hängen?! -- mit nichten: der Name

»Tschértowa-Dolina« kommt von dem Worte »Tschertá« (die Grenze) her und

nicht von »Tschort« [der Teufel],[A] denn hier war einstmals die Grenze

Grusiens. Dies Thal nun war von Schneehaufen zugeschneit, die ziemlich

lebhaft an Saratoff, Tamboff und andere _liebliche_ Orte unseres

Vaterlandes erinnerten.

»Da ist der Kreuzberg!« sagte der Stabskapitain zu mir, als wir in die

Tschértowa-Dolina gefahren waren, indem er auf eine Anhöhe wies, die mit

einem Schneegewande bekleidet war; auf seiner Höhe erhob sich ein schwarzes

steinernes Kreuz, an welchem ein kaum sichtbarer Weg vorüberführte, den man

nur passirt, wenn der Seitenweg vom Schnee verschüttet ist. Unsere

Postillone versicherten uns, es wären noch keine Lawinen gefallen und

führten uns, um die Pferde zu schonen, den gewundenen Seitenweg. An einer

Wendung des Weges stießen wir auf fünf Osseten, die uns ihre Dienste

anboten, sich in die Räder warfen und mit vielem Geschrei unsere Wagen bald

hemmten, bald vorwärts stießen. Der Weg war in der That sehr gefährlich;

rechts hingen über unsern Häuptern ungeheure Schneemassen, bereit, sich auf

den ersten Windstoß in die Schlucht hinabzureißen; der enge Weg selbst war

zum Theil mit Schnee bedeckt, der an einigen Stellen unter unseren Füßen

einbrach, an andern von den Sonnenstrahlen und dem wiederkehrenden

Nachtfroste in Eis verwandelt worden war, so daß es uns sogar schwer wurde

darüber hinwegzukommen. Die Pferde stürzten fortwährend; -- links glänzte

eine tiefe Felsenspalte, aus welcher ein Sturzbach hervorstürzte, bald sich

unter einer Eisrinde verbergend, bald schäumend über die schwarzen Felsen

dahin hüpfend. In zwei vollen Stunden konnten wir kaum den Kreuzberg

herumkommen, -- zwei Werst in zwei Stunden! Unterdessen hatten sich die

Wolken gesenkt, es fiel Hagel und Schnee; der Wind, der aus der Schlucht

hervordrang, heulte und pfiff wie der Räuber Nachtigall, von dem die Sage

geht, seine Pfeife sei von einem Ende Rußlands bis zum andern vernehmbar

gewesen, und bald war das Kreuz von Nebelwolken verdeckt, deren Wogen, die

eine immer dichter und undurchdringlicher als die andere, von Osten

herbeieilten . . . .

[Fußnote A: Der erste Vocal dieser beiden Wörter wird, wenigstens vom

gemeinen Volke, gleichmäßig o ausgesprochen.]

Ueber dieses Kreuz existirt die seltsame doch allgemeine Sage, als habe es

Peter der Große auf seiner Reise durch den Kaukasus errichten lassen; zum

Ersten aber war Peter nur in Dagestan gewesen, und zum Zweiten war mit

großen Buchstaben auf das Kreuz geschrieben, daß es auf Befehl des Grafen

Jermóloff errichtet wurde und zwar im Jahre 1824. Allein die Sage hat sich

trotz dieser Inschrift dermaßen eingewurzelt, daß man wirklich nicht weiß,

wem man Glauben schenken soll, um so mehr als wir nicht gewohnt sind den

Inschriften zu trauen.

Wir hatten noch ungefähr fünf Werst auf den übereisten Felsen und dem

morastigen Schnee zurückzulegen, bevor wir die Station Kobi erreichen

konnten. Unsere Pferde waren erschöpft, wir vor Kälte erstarrt; das

Schneegestöber tobte wilder und wilder; ganz wie unsere nordische

Windsbraut, nur daß ihr wildes Geheul trauriger, schwermüthiger war. »Auch

Du, arme Verbannte, dachte ich bei mir selbst, weinst um Deine weiten,

offenen Steppen! Dort konntest Du Deine kalten Flügel entfalten; hier aber

ist es Dir beklommen und eng, wie dem Adler, der mit Schrei gegen das

eiserne Gitter seines Käfichs anfliegt.«

-- Das steht schlimm mit uns! sagte der Stabskapitain. Schauen Sie nur,

rundum nichts zu sehen als Nebel und Schnee; wir können uns nur gewärtigen,

daß wir in einen Abgrund stürzen oder in den Schneemassen stecken bleiben,

und dort unten, wahrhaftig, hat sich der Baidar so ausgebreitet, daß wir

nicht drüberweg kommen werden. Ach, dies abscheuliche Asien! Wie die

Menschen so sind auch die Flüßchen, man kann sich nie auf sie verlassen! --

Die Führer trieben mit Geschrei und Schelten die Pferde an, die sich

gegenstemmten, schnaubten und nicht vom Flecke wollten trotz der

Beredsamkeit der Knuten.

»Ew. Gnaden,« sagte endlich einer derselben, »sehn Sie mal, nach Kobi

kommen wir heute doch nicht; befehlen Sie nicht vielleicht, daß man

wenigstens dort links einbiege? Sehen Sie wohl, da, am Abhange, starrt

etwas empor, wahrscheinlich ein Felsen: nun, da halten die Reisenden

gewöhnlich zur Zeit eines Unwetters; die Osseten meinen, daß wenn Sie ein

Trinkgeld gäben, sie uns hinschaffen wollten.«

-- Ich weiß, mein Lieber, weiß es ohne Dich! sagte der Stabskapitain. Diese

Bestien sind bereit sich in Stücke zu zerreißen, wenn sie einem nur ein

Trinkgeld abnöthigen können.

»Indessen gestehen Sie selbst,« meinte ich, »daß es uns jetzt ohne sie

schlecht ergehen würde.«

-- 'S ist alles eins; 'S ist alles eins! brummte er vor sich hin. Das sind

mir die rechten Führer! Sie wittern es, wo sie eine Gelegenheit benutzen

können. Als ob man ohne sie den Weg nicht finden könnte! . . .

So wandten wir uns denn links und erreichten mit vieler Noth ein armseliges

Obdach, aus zwei Sakljen bestehend, die aus Fliesen und Kieselsteinen

zusammengemauert waren und um die sich eine eben solche Schutzmauer zog.

Die zerlumpten Wirthsleute empfingen uns freundlich. Später erfuhr ich, daß

sie von der Regierung bezahlt und ernährt werden unter der Bedingung, daß

sie die vom Sturm überfallenen Reisenden aufnehmen.

»Es hat doch alles sein Gutes!« sagte ich, mich an's Feuer niedersetzend.

»Jetzt erzählen Sie mir Ihre Geschichte von der Bela aus; ich bin

überzeugt, damit war die Sache noch nicht abgemacht.«

-- Und weshalb sind Sie so überzeugt davon? entgegnete mir der

Stabskapitain, indem er mich mit einem listigen Lächeln anblinzelte.

»Deshalb, weil es nicht in der Ordnung der Dinge liegt; was auf eine

ungewöhnliche Weise anfing, muß auch ebenso wieder endigen.«

-- Sie haben's getroffen.

»Sehr erfreut.«

-- Sie haben sich gut freuen, mir aber ist es wahrlich sehr traurig zu

Muthe, wenn ich dran denke. Es war doch ein herrliches Mädchen, die Bela!

Ich gewöhnte mich zuletzt so an sie wie an eine Tochter, und sie liebte

mich. Ich muß Ihnen nämlich sagen, daß ich keine Familie habe; von meinen

Eltern habe ich seit zwölf Jahren bereits keine Nachricht mehr, und ich

habe nicht früh genug daran gedacht mich mit einer Frau zu versorgen -- na,

und jetzt will sich das nicht mehr recht schicken; so war ich denn froh daß

ich irgend wen verzärteln konnte. Da sang sie uns denn so manches Liedchen

oder tanzte einen lesghinischen Tanz . . . Ach, und wie sie tanzte! Ich

habe doch auch unsere Fräulein aus der Provinz tanzen sehen und war sogar

einmal in Moskau in der Adligen-Ressource; es wird wohl an die zwanzig

Jahre her sein, -- ja, wo denken Sie hin! Durchaus nicht das! . . .

Grigorii Alexandrowitsch putzte sie aus wie ein Püppchen und hätschelte sie

und pflegte sie, und sie gewann so bei uns, daß es eine wahre Pracht war!

Die Sommersprossen vergingen aus Gesicht und Händen, auf ihren Wangen

glühte der reine Purpur . . . und sie war so aufgelegt, und machte sich,

der Schalk, immer über mich so lustig . . . Gott sei ihr gnädig! . . .

»Was sagte sie, als man ihr den Tod ihres Vaters anzeigte?«

-- Wir verhehlten es ihr lange, bis sie sich ganz an ihre Lage gewöhnt

hatte; als wir es ihr endlich mittheilten, weinte sie ein paar Tage und

dann war alles vergessen.

-- Vier Monate lang ging alles nach Herzenswunsch. Ich glaube Ihnen schon

gesagt zu haben, daß Grigorii Alexandrowitsch leidenschaftlich die Jagd

liebte; früher hatte es ihn denn oft in den Wald auf die Spur der Eber und

wilden Böcke getrieben, jetzt aber kam er selten über den Festungswall

hinaus. -- Auf einmal sehe ich denn, wie er wieder nachdenklich wird und

mit auf dem Rücken gefalteten Händen im Zimmer auf- und abspaziert; dann,

ohne Jemandem etwas davon zu sagen, ging er pürschen, -- der ganze Morgen

verstrich damit. Das war einmal so, dann das andere Mal, dann immer

häufiger und häufiger. »Das ist kein gutes Zeichen,« dachte ich, »zwischen

ihnen muß wohl die schwarze Katze vorbeigesprungen sein!«

-- Eines Morgens ging ich auch zu ihnen -- es ist mir, als ob sie noch vor

meinen Augen stünde: Bela saß auf dem Bette in einem schwarzseidenen

Beschmete, und war so blaß und so traurig, daß ich zusammenfuhr.

-- Wo ist Petschorin, fragte ich.

»Auf der Jagd.«

-- Ging er heute aus? -- Sie schwieg, als ob es ihr peinlich gewesen wäre,

es zu sagen.

»Nein, gestern schon,« begann sie endlich, tief aufseufzend.

-- Es wird ihm doch nichts begegnet sein?

»Ich habe gestern den ganzen Tag gedacht und gedacht,« erwiederte sie unter

Thränen, »und habe mir mancherlei Unglück vorgestellt; bald schien es mir,

als habe ein wilder Eber ihn verwundet, bald als hätte ein Tschetschiner

ihn in die Berge geschleppt . . . Aber heute dünkt es mich als habe er mich

nicht mehr lieb.«

-- Nun wahrhaftig, Liebchen, etwas Schlimmeres hättest Du auch nicht

ausdenken können! -- Sie fing an zu weinen und erhob endlich mit stolzer

Würde ihr Haupt, wischte die Thränen ab und fuhr fort:

»Wenn er mich nicht mehr liebt, wer hindert ihm denn mich nach Hause

zurückzuschicken? Ich zwinge ihn zu nichts. Wenn das aber so fortgeht, so

werde ich von selbst mich entfernen; ich bin keine Sklavin, ich bin eines

Fürsten Tochter!« . . .

-- Ich bemühte mich sie zu beruhigen. -- Höre, Bela, siehe, er kann doch

nicht immer hier sitzen, als ob er an Deinen Unterrock genäht wäre: er ist

ein junger Mann, der es liebt, dem Wilde nachzustellen, -- und der da kommt

und geht; wenn Du aber so melancholisch sein willst, dann wird er Deiner

erst recht überdrüssig.

»Wahr, wahr,« antwortete sie, »ich werde heiter sein!« -- Und mit lautem

Lachen griff sie nach ihrem Tamburine, fing an zu singen und zu tanzen und

um mich herum zu springen; allein es dauerte nicht lange und sie fiel

wieder auf ihr Bett und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen.

-- Was sollte ich mit ihr anfangen? Sie müssen wissen, ich habe mit Damen

nie Umgang gehabt; ich sann und sann, wie ich sie trösten könnte und sann

doch nichts aus; so schwiegen wir denn alle Beide eine Weile . . . Eine

unausstehliche Position! . . .

-- Endlich sagte ich zu ihr: »Willst Du, so gehen wir ein wenig auf dem

Walle? Das Wetter ist schön!« -- Es war im September, und wahrhaftig ein

wunderschöner, heller, nicht zu heißer Tag; man konnte die Berge alle

sehen, als ob sie auf Porzelan gemalt gewesen wären. Wir gingen, und

spazierten schweigend auf dem Festungswalle auf und ab. Sie setzte sich

endlich auf den Rasen nieder und ich setzte mich neben sie. Wahrhaftig, es

kommt mir jetzt recht lächerlich vor, ich lief hinter ihr drein, wie eine

Wärterin.

-- Unsere Festung stand auf einem erhabenen Orte und bot eine schöne

Aussicht dar; von der einen Seite lief eine weite Ebene, von Schluchten

durchschnitten, auf einen Wald aus, der sich bis auf den Rücken der Berge

hinaufzog; hier und da tauchten die Aule, tauchten die Herden auf; von der

andern Seite floß ein kleiner Fluß eilig dahin, der das dichte Gesträuch

bespülte, welches die steinigten Hügel bedeckt, die sich endlich der

Hauptkette des Kaukasus anschließen. Wir saßen an einer Ecke der Bastion,

so, daß wir von beiden Seiten alles überschauen konnten. Auf einmal sehe

ich, wie Jemand auf einem grauen Pferde aus dem Walde immer näher und näher

herangeritten kommt, und endlich auf der andern Seite des Flüßchens in

einer Entfernung von ungefähr 700 Fuß von uns stehen blieb und sein Pferd

nach allen Seiten herumwarf. »Was zum Henker ist das?« sagte ich, »sieh'

doch 'nmal hin, Bela, Du hast bessere Augen als ich, was das für ein

Dschigit ist und zu wessen Belustigung der gekommen sein mag.«

-- Sie blickte hin und schrie auf: Das ist Kasbitsch!

-- »Der verdammte Kerl! Ist er gekommen um uns zu verhöhnen?« -- Ich schaue

ebenfalls hin -- wahrhaftig es ist Kasbitsch, sein schwarzbraunes Gesicht,

und zerrissen und zerlumpt und schmierig wie immer. -- »Das ist meines

Vaters Pferd,« sagte Bela, indem sie mich bei der Hand faßte; sie zitterte

wie ein Blatt, ihre Augen funkelten. Schau, schau! dachte ich bei mir

selbst: auch in Dir, mein Seelchen, schweigt das Räuberblut nicht!

-- »Komm' mal hierher,« sagte ich zur Schildwache, »sieh nach Deinem Gewehr

und schieß mir 'nmal diesen Burschen da herunter -- bekommst einen

Silberrubel.« -- »Zu befehlen Eure hohe Gnaden: er steht nur nicht ganz

still . . .« »So befiehl es ihm!« sagte ich lächelnd . . .

-- »Heda! Gutfreund!« schrie ihm der Soldat zu, indem er ihm mit den Armen

winkte: »warte doch einmal ein Bischen, was drehst Du Dich denn da wie ein

Kreisel herum?« -- Kasbitsch blieb wirklich stehen und hörte zu;

wahrscheinlich glaubte er, daß man mit ihm in Unterhandlungen treten wolle,

-- da kam er gerade recht! . . .

-- Mein Grenadier legt an . . . Batz! . . . vorbei; -- das Pulver war nur

von der Pfanne abgebrannt; Kasbitsch spornte sein Pferd daß es einen

Seitensprung that. Dann hob er sich in den Steigbügeln in die Höhe, schrie

etwas in seiner Sprache, drohte mit der Nagaika[A] -- und weg war er!

-- Schämst Du Dich denn nicht! sagte ich zur Schildwache. --

»Ew. hohe Gnaden! Er wird dem Tode doch nicht entgehen,« entgegnete dieser,

»dieses verdammte Volk kriegt man mit Einem Male nicht todt.«

-- Nach einer Viertelstunde kehrte Petschorin von der Jagd zurück; Bela

warf sich ihm um den Hals und äußerte keine Klage, keinen Vorwurf über

seine lange Abwesenheit . . . Dagegen war ich recht böse auf ihn. Nun bitte

ich Sie, -- sagte ich -- da war Kasbitsch so eben am andern Ufer des

Flüßchens und wir haben auf ihn geschossen; wie leicht hätten Sie auf ihn

stoßen können? Diese Gorzen sind ein rachesüchtiges Volk; glauben Sie etwa,

daß er nicht längst errathen habe, daß Sie dem Asamat behülflich waren? Und

ich will wetten, daß er Bela heute erkannt hat. Ich weiß, daß sie ihm vor

einem Jahre schrecklich gefiel -- er hat es mir selbst gesagt -- und wenn

er hätte hoffen können, eine anständige Morgengabe zusammenzubringen, so

hätte er wahrhaftig auch um sie angehalten . . . -- Hierbei verfiel

Petschorin in Gedanken.

»Ja,« antwortete er; »wir müssen vorsichtiger sein . . . Bela! von heute an

darfst Du nicht mehr auf dem Festungswalle spazieren gehen.«

[Fußnote A: Eine Art Reiterpeitsche.]

Der Held unserer Zeit: Kaukasische Lebensbilder · 第 2 / 7 题