mir weh, daß er sich gegen das arme Mädchen so verändert hatte; denn
außerdem daß er den halben Tag auf der Jagd lag, so war sein ganzes
Betragen gegen sie kalt, er liebkoste sie selten und sie fing an zusehends
abzumagern, ihr Gesichtchen wurde länger, ihre großen Augen umwölkt. Wie
oft fragte ich sie nicht: Warum seufzest Du, Bela? Bist Du traurig? »Nein!«
Trägst Du nach etwas Verlangen? »Nein!« Sehnst Du Dich nach Deinen
Angehörigen? »Ich habe keine Angehörigen.« -- Ganze Tage lang konnte man
außer »Ja« und »Nein« nichts aus ihr herausbringen. -- Nun, dies Alles
sagte ich ihm denn. »Hören Sie mich an, Maksim Maksimitsch,« erwiederte er:
»ich habe einen unglückseligen Charakter; hat mich die Erziehung so
gemacht, hat Gott mich so erschaffen, ich weiß es nicht; ich weiß nur, daß
wenn ich die Ursache von anderer Leute Unglück bin, ich selbst mich nicht
minder unglücklich fühle. Natürlich ist ihnen dies ein schlechter Trost --
es handelt sich hier auch nur darum, daß Dem so ist. Von meiner ersten
Jugend an, sobald ich nur der elterlichen Bevormundung entrückt war, gab
ich mich leidenschaftlich allen Genüssen hin, die man für Geld nur erlangen
kann, und natürlich ekelten mich diese Genüsse bald an. Dann betrat ich die
große Welt, und auch die Gesellschaft langweilte mich bald; ich verliebte
mich in die Schönen der »großen Welt« und wurde wieder geliebt, -- allein
ihre Liebe reizte nur meine Einbildungskraft und Eigenliebe, das Herz ging
leer dabei aus . . . So fing ich an zu lesen, zu studiren -- auch die
Wissenschaften wurden mir langweilig; ich sah, daß weder der Ruhm noch das
Glück irgendwie an sie gefesselt sind, denn die glücklichsten Menschen sind
-- die Unwissenden, und der Ruhm -- ein Glücksfall, zu dessen Erreichung
man nur gewandt zu sein braucht. So wurde mir Alles zum Ekel . . . Bald
darauf wurde ich nach dem Kaukasus versetzt: das war die glückseligste Zeit
meines Lebens. Ich hoffte, daß die Langeweile unter den Kugeln der
Tschetschiner nicht wohnen würde -- vergebens; nach einem Monate war ich so
an ihr Sausen und an die Nähe des Todes gewöhnt, daß ich wahrlich dem Fluge
einer Mücke mehr Aufmerksamkeit zuwandte, -- und da wurde mir noch öder zu
Muthe als je zuvor, denn ich verlor fast die letzte Hoffnung. Als ich Bela
in meinem Hause sah, als ich sie zum ersten Male auf meinen Knieen hielt
und ihre schwarzen Locken küßte, da glaubte ich Thor, daß sie ein Engel
sei, den mir das mitfühlende Schicksal zugesandt habe . . . Ich irrte mich
abermals: Die Liebe einer Wilden ist nicht viel besser als die einer
vornehmen Dame; die Unwissenheit und Herzenseinfalt der Einen ist eben so
langweilig wie die Koketterie der Andern. Wenn Sie wollen, so liebe ich sie
noch; ich bin ihr dankbar für einige recht süße Augenblicke und bereit mein
Leben für sie hinzugeben, -- aber ich langweile mich mit ihr . . . Bin ich
ein Thor oder ein Bösewicht, ich weiß es nicht; das aber ist gewiß, daß ich
des Mitleids eben so würdig bin, vielleicht noch mehr als sie; meine Seele
ist von der Welt verdorben worden; meine Einbildungskraft eine unstäte,
mein Herz unersättlich; mir ist alles zu wenig; an den Kummer gewöhne ich
mich so leicht, wie an den Genuß, und so wird mein Leben von Tag zu Tage
leerer; mir bleibt nur _ein_ Mittel übrig: zu reisen. Sobald es nur angehen
wird reise ich ab, -- nur nicht nach Europa, Gott behüte! -- Ich gehe nach
Amerika, Arabien, Indien! -- Vielleicht trifft mich unterwegs der Tod!
Wenigstens bin ich überzeugt, daß dieser letzte Trost, mit Hülfe der Stürme
und der schlechten Wege, nicht allzulange wird auf sich warten lassen!« --
-- So sprach er noch lange und seine Worte gruben sich mir tief in's
Gedächtniß, denn es war zum ersten Mal, daß ich einen 25jährigen Menschen
also sprechen hörte, und, gebe es Gott, zum letzten Male! -- Wie seltsam!
Sagen Sie selbst, -- fuhr der Stabskapitain fort, indem er sich an mich
wandte, -- Sie waren, wie es scheint, auch in der Residenz, und noch
unlängst; sind denn wirklich die dortigen jungen Leute alle so?
Ich entgegnete ihm, daß es viele Leute gäbe, die ebenso redeten und daß
unter ihnen wahrscheinlich auch solche wären, welche die Wahrheit sprächen;
daß übrigens der Lebensüberdruß, wie alle Moden, aus den höheren Schichten
der Gesellschaft in die niederen übergegangen sei, die ihn nun abtragen,
und daß in diesem Augenblicke diejenigen, welche sich am meisten und
wahrhaft langweilen, sich bemühen dies Unglück wie ein Laster zu verbergen.
-- Der Stabskapitain begriff diese Feinheiten nicht, schüttelte mit dem
Kopfe und lächelte schlau:
-- Nicht wahr, die Franzosen haben die Mode der langen Weile aufgebracht?
»Nein, die Engländer.«
-- Aha, sehen Sie wohl! . . . erwiederte er, -- das kommt daher, daß sie
immer erklärte Trunkenbolde waren!
Ich erinnerte mich unwillkührlich einer Moskauer Dame, welche behauptete,
daß Byron nichts weiter als ein Trunkenbold gewesen sei. Uebrigens war die
Bemerkung des Stabskapitains leichter zu entschuldigen: um sich des Weines
zu enthalten, gab er sich natürlich Mühe sich zu überreden, daß alle
Unglücksfälle in der Welt nur vom Trunke herrühren. --
Mittlerweile führte er seine Erzählung folgendermaßen weiter:
-- Kasbitsch ließ sich nicht mehr sehen. Indessen weiß ich nicht wie es
kam, daß ich den Gedanken nicht loswerden konnte, als sei er nicht umsonst
gekommen und daß er etwas Böses im Schilde führe.
-- Einstmals überredet mich Petschorin mit ihm auf die Wildschweinsjagd zu
gehen; ich weigerte mich lange; was lag mir auch an einem solchen wilden
Schweine! Indessen schleppte er mich zuletzt doch mit fort. --
-- Wir nahmen fünf Mann mit und zogen des Morgens früh hinaus. Bis zehn Uhr
strichen wir durch Schilf und Wald umher -- nirgends Wild! »Ei was, gehen
wir nicht lieber nach Hause zurück?« sagte ich. »Warum nun gerade darauf
bestehen? Es ist klar, daß wir heute keinen glücklichen Tag haben!« Allein
Grigorii Alexandrowitsch wollte trotz der Sonnenhitze und unserer Ermattung
nicht ohne Beute heimkehren . . . So war er nun einmal: was er sich in den
Kopf gesetzt hatte, das mußte er haben; offenbar war er in seinen
Kinderjahren ein recht verzogenes Muttersöhnchen gewesen . . . Endlich,
gegen Mittag, stießen wir auf einen solchen verwünschten Eber. -- Paff!
Paff! verfehlt -- weg war er im Schilfe . . . es war einmal ein
unglücklicher Tag! So ruhten wir uns denn ein wenig aus und begaben uns auf
den Rückweg. --
Wir ritten neben einander, schweigend, mit losgelassenen Zügeln und waren
bereits hart an der Festung, bloß daß das Gebüsch sie uns noch verbarg.
Plötzlich ein Schuß . . . Wir blickten einander an, derselbe Verdacht
durchzuckte uns . . . Unverzüglich sprengen wir nach der Richtung des
Schusses, -- wir sehen: auf dem Walle hatte sich ein Haufe Soldaten
versammelt, die auf das Feld hinwiesen, auf welchem ein Reiter in vollem
Carriere dahinsprengte, etwas Weißes vor sich auf dem Sattel haltend.
Grigorii Alexandrowitsch schrie nicht schlechter auf als irgend ein
Tschetschiner; das Gewehr aus dem Futterale -- und dahin; ich ihm nach.
Zum Glücke waren unsere Pferde in Folge der unglücklichen Jagd nicht
abgemattet; sie rissen sich unter dem Sattel dahin und wir kamen mit jedem
Augenblicke näher und näher . . . und endlich erkannte ich den Kasbitsch,
nur konnte ich nicht recht unterscheiden, was er da vor sich hielt. Ich
hatte Petschorin gerade eingeholt und schrie ihm zu: »Es ist Kasbitsch!« Er
blickte mich an, nickte mit dem Kopfe und schlug sein Pferd mit der
Peitsche.
-- Endlich hatten wir uns ihm auf Büchsenschußweite genähert; war nun sein
Pferd bereits abgequält, oder war es schlechter als die unsrigen, genug, es
wollte nicht mehr recht vorwärts. Ich glaube, daß er sich in dieser Minute
seines Karagös erinnerte.
-- Ich sehe, daß Petschorin im Galopp sein Gewehr anlegt! »Schießen Sie
nicht!« schrie ich ihm zu: »bewahren Sie den Schuß, wir holen ihn auch so
ein.« -- So ist aber die Jugend! immer entbrennt sie zur Unzeit . . . . Der
Schuß ging doch los und die Kugel zerschmetterte ein Hinterbein des
Pferdes; dieses machte in der Wuth des Schmerzes noch ein Stücker zehn
Sprünge, stolperte dann und fiel auf ein Knie. Kasbitsch sprang herunter,
und dann sahen wir, daß er in seinen Armen ein Frauenzimmer hielt, das in
einen Schleier gehüllt war . . . Es war Bela . . . Die arme Bela! . . . Er
rief uns etwas in seiner Sprache zu und zückte den Dolch auf sie . . . Da
galt kein Zögern: ich schoß nun auf gut Glück mein Gewehr ab; die Kugel mag
ihm wohl in die Schulter gegangen sein, denn er ließ sogleich den Arm
sinken . . . Als der Dampf sich verzogen hatte, lag auf dem Boden das
verwundete Pferd und neben ihm Bela; Kasbitsch aber, der sein Gewehr
weggeworfen hatte, kletterte wie eine Katze an den Gebüschen den Felsen
entlang: ich hätte ihn gern da weggeblasen -- allein es fehlte an einem
fertigen Schusse! Wir sprangen von den Pferden und eilten zu Bela heran.
Die Arme, sie lag unbeweglich und das Blut floß stromweis aus einer Wunde
. . . So ein Bösewicht: hätte er ihr noch wenigstens in's Herz gestoßen, --
nun, wenn es einmal sein sollte, so wäre es doch mit Einem Male mit ihr
ausgewesen, aber so in den Rücken . . . ein rechter Räuberstoß! Sie war
ohne Bewußtsein. Wir rissen den Schleier ab und verbanden die Wunde so fest
wir konnten; vergebens küßte Petschorin ihre kalten Lippen -- nichts konnte
sie zu sich bringen.
-- Petschorin stieg zu Pferde; ich hob sie von der Erde empor und setzte
sie so gut es gehen wollte zu ihm auf den Sattel; er umfaßte sie mit einem
Arme, und wir kehrten zurück. Nach einem minutenlangen Schweigen sagte
Grigorii Alexandrowitsch zu mir: »Hören Sie, Maksim Maksimitsch, auf diese
Weise bringen wir sie nicht lebendig nach Hause.« -- Das ist auch wahr!
sagte ich, und wir jagten was die Pferde nur laufen konnten. An dem
Festungsthore erwartete uns eine Menge Volkes; wir trugen nun die
Verwundete vorsichtig zu Petschorin und schickten nach dem Doktor. Ob er
gleich betrunken war, so kam er doch, besichtigte die Wunde und erklärte,
daß sie länger als einen Tag nicht leben könne . . . er irrte sich aber
. . .
»So wurde sie wieder hergestellt?« fragte ich den Stabskapitain, indem ich
ihn am Arme faßte und mich unwillkührlich freute.
-- Nein, antwortete er; der Doktor irrte sich nur insofern, als sie noch
zwei Tage lebte.
»So erklären Sie mit nur, auf welche Weise Kasbitsch sich ihrer bemächtigt
hatte.«
-- Das war so zugegangen: trotz Petschorins Verbotes war sie aus der
Festung nach dem Flüßchen gegangen. Es war auch, wissen Sie, sehr heiß; sie
hatte sich auf einen Stein gesetzt und die Füße ins Wasser gehalten. Da kam
Kasbitsch herangeschlichen, -- schlug seine Krallen in sie, hielt ihr den
Mund zu und schleppte sie in das Dickicht, woselbst er auf sein Pferd
sprang und Reißaus nahm! Unterdessen hatte sie doch zu schreien vermocht;
die Wachen machten Lärm, schossen, verfehlten ihn aber -- und so waren wir
denn dazu gekommen.
»Ja, warum wollte Kasbitsch sie denn eigentlich entführen?«
-- Aber ich bitte Sie! diese Tscherkessen sind ein weltbekanntes
Spitzbubenvolk: was schlecht verwahrt liegt, können sie nicht liegen
lassen; so manches nutzt ihnen gar nichts, sie stehlen's doch . . . hierin
bitte ich sie zu entschuldigen! Nun und außerdem gefiel sie ihm ja schon
längst.
»Und Bela starb?«
-- Sie starb; nur quälte sie sich lange und wir quälten uns mit ihr ganz
gehörig ab. Gegen zehn Uhr des Abends kam sie wieder zu sich; wir saßen an
ihrem Bette; so wie sie nur die Augen aufschlug, fing sie an Petschorin zu
rufen. -- »Ich bin hier, neben Dir, meine Dschánetschka (was bei uns etwa
»Seelchen, Herzchen« heißen würde), erwiederte er, indem er ihre Hand
ergriff. -- »Ich sterbe!« sagte sie. -- Wir suchten sie zu beruhigen und
sagten ihr, daß der Arzt versprochen habe sie unbedingt zu heilen. Sie
schüttelte das Köpfchen und drehte sich nach der Wand; sie wollte nicht
sterben! . . .
-- In der Nacht fing sie an zu phantasiren; ihr Kopf brannte; über ihren
ganzen Körper lief bisweilen ein Fieberschauer: sie sprach
unzusammenhängende Reden von ihrem Vater, ihrem Bruder; sie wollte in die
Berge zurück, in die Heimath . . . Dann sprach sie auch von Petschorin, gab
ihm verschiedene zärtliche Benennungen oder warf ihm vor, daß er seine
Dschánetschka aufgehört habe zu lieben . . . Er hörte ihr schweigend zu,
sein Haupt auf die Hände gestützt; indessen bemerkte ich die ganze Zeit
über in seinen Augenwimpern auch nicht eine Thräne; konnte er in der That
nicht weinen oder beherrschte er sich dermaßen -- ich weiß es nicht; was
mich anbetrifft, so habe ich mein ganzes Leben lang nicht etwas
Jammervolleres gesehen.
Gegen Morgen ließ das Phantasiren nach; wohl eine Stunde lang lag sie
unbeweglich, bleich, und so abgemattet, daß man kaum bemerken konnte, ob
sie athmete; dann wurde ihr wohler und sie fing an zu sprechen; aber was
meinen Sie wohl, wovon? . . . Ein solcher Einfall konnte auch nur einem
Sterbenden kommen! . . . Sie fing an sich zu bekümmern, daß sie keine
Christin sei und daß in jener Welt ihre Seele mit der des Grigorii
Alexandrowitsch nicht zusammenkommen, daß im Paradiese ein anderes Weib
seine Genossin sein werde. -- Da kam mir der Gedanke ein, sie vor dem Tode
noch zu taufen; sie blickte mich mit Unentschlossenheit an und konnte lange
kein Wort hervorbringen; endlich antwortete sie, daß sie in dem Glauben
sterben wolle, in welchem sie geboren worden war. So verging ein ganzer
Tag. Wie hatte sie sich während dieses einen Tages verändert! Die blassen
Wangen waren eingefallen, die Augen waren groß geworden; die Lippen
brannten. Sie fühlte eine innere Hitze, als ob in ihrer Brust ein glühendes
Eisen läge.
-- Die zweite Nacht brach ein; wir schlossen kein Auge und wichen nicht von
ihrem Bette. Sie litt fürchterlich und stöhnte, -- und so oft der Schmerz
nur ein Bischen nachließ, bemühte sie sich, Grigorii Alexandrowitsch zu
überzeugen, daß es besser mit ihr gehe, suchte ihn zu bereden sich schlafen
zu legen, küßte seine Hand und verwandte kein Auge von ihm. Vor
Tagesanbruch begann sie die Todesqualen zu fühlen; sie fing an sich
herumzuwerfen, und riß den Verband auf, so daß das Blut von Neuem floß. --
Nachdem man ihr die Wunde wieder verbunden hatte, wurde sie für ein
Weilchen ruhig und bat Petschorin sie zu küssen. Er kniete vor ihr Bett
nieder, hob ihren Kopf mit dem Kissen etwas in die Höhe und drückte seinen
Mund an ihre erkaltenden Lippen; sie umwand seinen Hals fest mit ihren
zitternden Armen, als ob sie ihm in diesem Kusse ihre ganze Seele übergeben
wollte . . . Nein, sie hat wohl daran gethan zu sterben! Was wäre wohl aus
ihr geworden, wenn Grigorii Alexandrowitsch sie verlassen hätte? Und das
wäre früher oder später doch der Fall gewesen . . .
-- Die Hälfte des andern Tages war sie still, schweigsam und folgsam, wie
sehr sie auch unser Arzt mit Umschlägen und Mixturen quälte. »Aber ich
bitte Sie!« sagte ich zu ihm: »Sie sagten doch selbst, daß sie unbedingt
sterben muß, wozu denn also alle diese Präparate?« -- »Ja, es ist doch
besser, Maksim Maksimitsch,« erwiederte er, »des ruhigen Gewissens wegen!«
-- Ein schönes Gewissen!
Nach zwölf Uhr fing sie an einen brennenden Durst zu fühlen. Wir öffneten
das Fenster, allein auf dem Hofe war es noch heißer als im Zimmer; man
stellte Eis um's Bett -- es wollte nichts helfen. Ich wußte, daß dieser
unerträgliche Durst ein Zeichen des sich nähernden Endes war und sagte es
Petschorin. --
»Wasser, Wasser!« sprach sie mit heiserer Stimme, indem sie sich im Bett
erhob.
-- Er wurde bleich wie ein Betttuch, ergriff ein Glas, schenkte ein und
reichte ihr. Ich hielt mir die Hände vor die Augen und sagte leise ein
Gebet her, ich erinnere mich nicht mehr, welches . . . Ja, mein Herr, ich
habe so manchen in den Hospitälern und auf dem Schlachtfelde sterben sehen,
es war aber immer nicht das, durchaus nicht das! . . Nun muß ich gestehen,
daß mich noch Eins betrübt: sie erinnerte sich vor dem Tode meiner nicht
ein einziges Mal; und doch habe ich sie wie ein Vater geliebt . . . Nun,
Gott sei ihr gnädig! . . . Und die Wahrheit zu gestehen: Was konnte ich ihr
auch sein, daß sie meiner vor dem Tode gedachte?
-- Kaum hatte sie das Wasser ausgetrunken, so wurde ihr leichter; drei
Minuten später war sie eine Leiche. Man hielt einen Spiegel an die Lippen
-- er blieb rein! . . . Ich führte Petschorin aus dem Zimmer und wir gingen
auf dem Festungswalle auf und ab; lange gingen wir mit auf dem Rücken
überschlagenen Armen neben einander auf und ab und sprachen kein Wort; sein
Gesicht drückte nichts Besonderes aus und das ging mir nahe: ich an seiner
Stelle wäre vor Herzeleid gestorben. -- Endlich setzte er sich auf die Erde
in den Schatten und fing an mit einem Stöckchen in den Sand zu malen. Ich
wollte ihn, wissen Sie, bloß des Anstands wegen, trösten, und fing an zu
sprechen: er hob den Kopf in die Höhe und lächelte . . . . Mir lief ein
kalter Schauer über die Haut vor solchem Lächeln . . . So ging ich denn das
Grab zu bestellen.
-- Ich muß gestehen, daß ich zum Theil, um mich zu zerstreuen, mich damit
beschäftigte. Ich hatte ein Stück Termalama,[A] womit ich ihren Sarg
umziehen ließ, und garnirte ihn noch mit tscherkessischen Silbertressen,
welche Grigorii Alexandrowitsch für sie gekauft hatte.
-- Am andern Tage früh begruben wir sie, außerhalb der Festung, an dem
Flüßchen neben dem Flecke, wo sie zuletzt gesessen hatte; rund um ihren
Grabeshügel wachsen nun dichte Büsche von Akazia und Hollunder. Ich hätte
ihr gerne ein Kreuzchen errichten lassen, aber, wissen Sie, das ist so eine
Sache; sie war doch immerhin keine Christin . . .
[Fußnote A: Ein kostbares Tscherkessenzeug.]
»Aber was wurde aus Petschorin?« fragte ich.
-- Petschorin war lange krank; der Arme kam ganz herunter; indessen
sprachen wir von der Zeit an nie von Bela; ich sah, daß es ihm unangenehm
gewesen wäre, also weshalb denn? -- Drei Monat später wurde er in das E.
. . Regiment versetzt und reiste nach Grusien ab. Seitdem sind wir einander
nie begegnet . . . Doch da fällt mir ein, daß mir unlängst Jemand sagte, er
sei nach Rußland zurückgekehrt; in den Feldbefehlen habe ich darüber nichts
gefunden. Uebrigens gelangen zu unser einem die Nachrichten immer ein
Bischen spät.
Hier erging er sich in einer langen Abhandlung darüber, wie unangenehm es
sei, alle Nachrichten ein Jahr später zu erfahren, wahrscheinlich nur um
seine traurigen Erinnerungen zu beschwichtigen.
Ich unterbrach ihn nicht, noch hörte ich ihm zu.
Nach einer Stunde zeigte sich die Möglichkeit weiter zu reisen; das
Schneegestöber ließ nach, der Himmel klärte sich auf und wir setzten uns in
Bewegung. Unterweges brachte ich unwillkührlich noch einmal die Rede auf
Bela und Petschorin.
»Hörten Sie denn gar nicht, was noch aus Kasbitsch wurde?« fragte ich.
-- Aus Kasbitsch! Nein, wahrhaftig, das weiß ich nicht . . . Ich habe wohl
gehört, daß auf der rechten Flanke bei den Schapsugen ein gewisser
Kasbitsch dient, ein toller Waghals, der in einem rothen Beschmete im
Schritt durch unsere Kugelregen reitet und sich sehr artig verbeugt, wenn
eine Kugel an ihm vorbeisaust; doch schwerlich möchte es jener sein!
. . .
In Kobi trennten wir uns; ich reiste mit Extrapost und so konnte er mir mit
seiner schweren Ladung nicht folgen. Wir hofften nicht, uns je
wiederzusehen, indessen sahen wir uns wieder, und wenn Sie wollen, so
erzähle ich es Ihnen; es ist eine ganze Geschichte . . . Gestehen Sie
indessen, daß Maksim Maksimitsch ein Mann ist, der unsere ganze Hochachtung
verdient? . . . Wenn Sie mir dies zugeben, so bin ich vollkommen belohnt
für meine vielleicht allzulange Erzählung.
Maksim Maksimitsch.
Nachdem ich mich von Maksim Maksimitsch getrennt hatte, jagte ich auf's
eiligste durch die Schluchten des Tereks und Darjals, frühstückte in
Kasbek, trank Thee in Larssa und eilte zum Abendessen nach Whládükawkas.
Ich will Sie mit der Beschreibung der Gebirge, mit Ausrufungen, die
besonders für diejenigen nichts zu bedeuten haben, welche nicht da waren,
so wie mit allerlei statistischen Bemerkungen verschonen, die ja doch
Niemand liest.
Ich blieb in einem Wirthshause, wo alle Reisenden abzusteigen pflegen und
wo sich trotzdem Niemand vorfand, dem man hätte den Auftrag ertheilen
können, einen Fasan zu braten und etwas Kohl gar zu machen; denn die drei
Invaliden, denen dies Haus übergeben ist, sind entweder so dumm oder so
betrunken, daß man von ihnen auch nicht das Mindeste erlangen kann.
Man theilte mir mit, daß ich noch drei Tage daselbst würde zubringen
müssen, denn die Okásija[A] sei noch nicht aus Jekatarinograd angekommen,
und könne daher noch nicht wieder dahin zurückkehren.
[Fußnote A: Ein russisches Fremdwort, vom französischen occasion abgeleitet
und, wie dieses, eine _Gelegenheit_ bezeichnend.]
So blieb mir denn nichts übrig, als zur Zerstreuung die Erzählung Maksim
Maksimitschens niederzuschreiben, nicht ahnend, daß dieselbe das erste
Glied zu einer langen Kette von Novellen sein würde: man kann aus diesem
Umstande ermessen, welche entsetzliche Folgen ein an sich geringfügiger
Umstand haben kann! . . . Aber Sie wissen vielleicht nicht, was das ist,
eine »Okasija?« Die Okasija ist eine militairische Bedeckung von einer
halben Kompagnie Infanterie und einigen Kanonen, mit welchen die
Pferde-Karawanen aus Whládükawkas nach Jekatarinograd begleitet werden.
Den ersten Tag verbrachte ich sehr langweilig; am zweiten Tage fährt früh
Morgens ein Wagen auf den Hof . . . Ah! Maksim Maksimitsch! Wir begegneten
uns wie alte Freunde. Ich bot ihm mein Zimmer an. Er machte nicht viel
Komplimente, klopfte mit sogar auf die Schulter und verzog den Mund in eine
Art Lächeln. Ein seltsamer Mensch der! . . .
Maksim Maksimitsch hatte großartige Kenntnisse in der Kochkunst; auf die
erstaunlichst beste Weise briet er einen Fasan, begoß ihn gehörig mit
Gurkenwasser, und ich muß gestehen, daß ich ohne ihn auf trockene Kost
angewiesen gewesen wäre. Eine Flasche Kachetinerwein half uns die
bescheidene Zahl der Gerichte vergessen machen, welche Summa Summarum auf
ein einziges hinausliefen; dann setzten wir uns, unser Pfeifchen
schmauchend, ich an's Fenster, er an den geheizten Ofen; denn der Tag war
feucht und kalt. Wir schwiegen. Wovon sollten wir auch sprechen? . . . Er
hatte mir von sich bereits alles erzählt, was irgendwie von Interesse war,
und ich hatte ihm nichts zu sagen. Ich sah zum Fenster hinaus. Eine Menge
niedriger Häuschen, die an den Ufern des Tereks, der hier immer mehr an
Breite gewinnt, zerstreut lagen, blickten durch die Bäume hindurch; weiter
in der Ferne erhoben sich die Gebirge mit ihren ausgezackten Felsenwänden,
hinter denen der Kasbeck in seiner weißen Kardinalsmütze hervorragte. Ich
nahm in meinem Innersten von ihnen Abschied, es that mir recht leid um sie
. . .
So saßen wir lange. Die Sonne verbarg sich bereits hinter die eisigen
Bergesgipfel und ein weißlicher Nebel fing an sich in den Thälern
auszubreiten, als in der Straße der Klang einer Wagenglocke und das
Geschrei der Postillone ertönte. Einige Fuhrwerke mit schmutzigen Armeniern
fuhren auf den Hof des Wirthshauses; hinter ihnen ein leerer Reisewagen,
dessen leichter Gang, bequemer Bau und fashionables Aeußere einen gewissen
ausländischen Anstrich hatten. Ein Mensch mit einem großen Schnurrbart
begleitete ihn; er trug einen ungarischen Schnürrock und war überhaupt für
einen Lakaien äußerst wohl gekleidet; daß er ein solcher war, verrieth die
genugthuende Art und Weise, mit welcher er die Asche aus dem Pfeifenkopf
klopfte und den Postillon anfuhr. Offenbar war er der verzogene Diener
eines müßigen Herrn, -- etwas in der Art eines russischen Figaro's. --
-- Höre 'mal, mein Lieber, rief ich ihm vom Fenster entgegen, ist das die
Okasija, die da angekommen ist? he? Er blickte mich ziemlich dreist an,
rückte sich das Halstuch etwas zurecht und kehrte sich um; ein hinter ihm
kommender Armenier antwortete lächelnd statt seiner, indem er uns
mittheilte, daß die Okasija so eben angekommen sei und morgen früh wieder
zurückmache. -- »Gott sei gelobt!« sagte Maksim Maksimitsch, der in diesem
Augenblicke an's Fenster trat. »Ei, das ist ja eine wunderbare Equipage!«
fügte er hinzu: »wahrscheinlich fährt da irgend ein Beamter zur Revision in
den Kaukasus. Der kennt aber offenbar unsere Gebirge noch nicht! Nein, mein
Lieber, mit der kommst Du hier nicht weit; die fliegt in Stücke und wenn
sie zehnmal eine englische ist! Aber wer kann denn das nur sein? -- --
Kommen Sie, wir wollen uns erkundigen.« Wir gingen hinaus in den Korridor.
Am Ende desselben war die Thür eines Seitenzimmers weit geöffnet, in
welches der Lakai mit Hülfe des Postillons verschiedene Koffer schleppte.
»Hör' mal, mein Freund,« fragte der Stabskapitain den Diener, »wem gehört
dieser prächtige Wagen? . . . he? Ein köstlicher Wagen! . . .« Der Bediente
brummte etwas vor sich hin und fing an die Koffer aufzuschnallen, ohne sich
auch nur umzukehren. Maksim Maksimitsch wurde böse; er klopfte den
Unhöflichen auf die Schulter und sagte: »Ich spreche mit Dir, mein
Werthester . . .«
-- Wem der Wagen gehört? . . . meinem Herrn.
»Und wer ist Dein Herr?«
-- Petschorin . . .
»Was? Was sagst Du da? Petschórin? . . . Ach du lieber Himmel! . . . hat er
nicht früher im Kaukasus gedient? . . .« rief Maksim Maksimitsch aus, indem
er mich am Aermel erfaßte . . . Die Freude strahlte ihm aus den Augen.
-- Ja wohl, ich glaube -- ich bin noch nicht lange bei ihm.
»Nun ja, ja! . . Grigorii Alexandrowitsch ist sein Vorname . . . Wir waren
früher Freunde, Dein Herr und ich,« fügte er hinzu, indem er den Bedienten
freundlich dergestalt auf die Schulter klopfte, daß er zu schwanken anfing.
-- Erlauben Sie, mein Herr, Sie stören mich in meiner Arbeit, sagte dieser
mit mißvergnügter Miene.
»Ei was mein Freundchen! . . . Ja, weißt Du auch, daß Dein Herr und ich die
größten Herzensfreunde waren, daß wir zusammen wohnten . . . Na, aber wo
bleibt er denn?«
Der Diener erklärte, daß Petschorin beim Obersten N. zu Abend speisen und
übernachten werde.
»Je nun, kommt er nicht vielleicht heute Abend noch einmal hierher?« fragte
Maksim Maksimitsch, »oder Du, mein Lieber, hast Du nicht noch etwas bei ihm
zu thun? . . Wenn Du hingehst, so sage ihm nur, daß Maksim Maksimitsch hier
ist; -- sag' ihm nur das . . . dann weiß er schon . . . ich werde Dir auch
einen Wosmigriwennü[A] zum Trinkgeld geben.«
[Fußnote A: Eine kleine russische Silbermünze, vom Werthe von 7 Sgr.]
Der Lakai machte eine verächtliche Miene, als er dieses bescheidene
Versprechen hörte, indessen versicherte er Maksim Maksimitsch, daß er
seinen Auftrag ausrichten wolle.
-- Sie werden sehen daß er sofort herbeieilt, sagte Maksim Maksimitsch mit
siegreicher Geberde zu mir: ich will eben vor die Thüre gehen und ihn
erwarten . . . Ach! wie schade daß ich mit N. nicht bekannt bin.
Maksim Maksimitsch setzte sich vor der Thür auf eine Bank, und ich begab
mich auf mein Zimmer. Ich muß gestehen, daß ich gleichfalls mit einer
gewissen Ungeduld der Erscheinung Petschorins entgegensah; wenn ich mir
auch nach der Erzählung des Stabskapitains eine nicht eben sehr
vortheilhafte Meinung von ihm gebildet hatte, so schienen mir doch einige
Züge seines Charakters interessant. Nach ungefähr einer Stunde brachte ein
Invalid die kochende Theemaschine und das Theegeräth. »Maksim Maksimitsch,«
rief ich ihm durch's Fenster zu, »ist Ihnen nicht Thee gefällig?«
-- Danke schön, danke schön; habe noch keinen Appetit.
»Ach was! trinken Sie nur immer; es ist schon spät und kalt.«
-- Thut nichts; danke bestens . . . .
»Nun, wie es Ihnen gefällig ist!« So trank ich denn meinen Thee allein;
zehn Minuten später kommt mein Alterchen herein. -- Nein, Sie haben Recht;
es ist doch besser erst ein Täßchen zu trinken, -- tausend, läßt Der auf
sich warten! Sein Diener ist schon längst zu ihm gegangen, es muß ihn
offenbar etwas zurückgehalten haben.
Er trank eiligst eine Tasse aus, dankte für eine zweite, und begab sich
abermals mit einer gewissen Unruhe hinaus: es war klar, daß ihn die
Unaufmerksamkeit Petschorins kränkte, um so mehr, als er mir noch jüngst so
viel von ihrer Freundschaft erzählt hatte und noch vor einer Stunde
überzeugt war, daß Petschorin herbeieilen würde, sobald er nur seinen Namen
nennen hörte.
Es war bereits spät und dunkel, als ich das Fenster nochmals öffnete und
Maksim Maksimitschen rief, um ihm zu sagen, daß es Zeit sei schlafen zu
gehen; er brummte etwas zwischen den Zähnen vor sich hin; ich wiederholte
meine Einladung -- er antwortete nichts.
So streckte ich mich denn, in meinen Mantel gehüllt, auf den Divan, ließ
das brennende Licht auf dem Ofenrande stehen, schlummerte auch alsbald ein
und würde ruhig bis zum andern Morgen durchgeschlafen haben, wenn mich
Maksim Maksimitsch, der sehr spät ins Zimmer kam, nicht wieder aufgeweckt
hätte. Er warf die Pfeife auf den Tisch, fing an im Zimmer auf und ab zu
schreiten, im Ofen herumzustören, legte sich dann endlich nieder und
hustete, spuckte und warf sich noch lange herum . . .
»Was haben Sie? beißen Sie die Wanzen?« fragte ich.
-- Ja wohl, schöne Wanzen . . . erwiederte er, tief aufseufzend.
Am nächsten Morgen erwachte ich frühzeitig, allein Maksim Maksimitsch war
mir bereits zuvorgekommen. Ich fand ihn schon wartend auf der Bank sitzend.
-- »Ich muß durchaus zum Kommandanten gehen,« sagte er, »also, bitte, wenn
Petschorin unterdessen kommen sollte, schicken Sie nach mir . . .
Ich versprach es. Er eilte mit solcher Hast davon, als ob sich durch seine
Glieder ein jugendliches Feuer und jugendliche Elasticität auf's Neue
ergossen hätten.
Der Morgen war frisch und schön. Goldenes Gewölk thürmte sich über den
Bergen empor gleich einer neuen Kette lustiger Gebirgsbilder; vor der
Hausthür dehnte sich ein geräumiger Platz aus; der daran gelegene Bazar
wimmelte von Leuten, denn es war gerade ein Sonntag; baarfüßige
Ossetinerknaben, mit Butten auf den Schultern, in welchen sie ganz frischen
Honig zu Kaufe herumtrugen, umringten mich alsbald; ich scheuchte sie von
mir; mir stand der Sinn wo anders hin -- ich begann die Unruhe des braven
Stabskapitaines zu theilen.
Es vergingen keine zehn Minuten, als sich Der am Ende des Platzes zeigte,
den wir erwarteten. Er ging mit dem Obersten N., welcher, nachdem er ihn
bis zum Wirthshause begleitet hatte, Abschied von ihm nahm und nach der
Festung zurückkehrte. Ich entsandte sofort einen Invaliden nach Maksim
Maksimitschen.
Unterdessen kam der Bediente Petschorin's heran, mit der Meldung, daß man
sofort anspannen würde; er reichte ihm eine Cigarrenbüchse und begab sich,
nach einigen erhaltenen Befehlen, zurück an seine Geschäfte. Sein Herr
steckte sich eine Cigarre an, gähnte ein paar Mal und setzte sich auf eine
Bank an der andern Seite der Hausthür. Ich muß Ihnen nunmehr sein Portrait
machen:
Er war mittleren Wuchses. Sein kräftiger, schlanker Bau und seine breiten
Schultern zeugten von einer Natur, die im Stande war alle
Beschwerlichkeiten des Nomadenlebens, sowie alle klimatische Veränderungen
zu ertragen, eine Natur, die bisher weder von dem ausschweifenden Leben in
der Residenz noch von den heftigsten Gemüthsstürmen besiegt worden war.
Sein staubiger Sammetrock, der nur an den beiden untersten Knöpfen
zugeknöpft war, ließ die blendendweißeste Wäsche durchblicken, an welcher
man die Gewohnheiten eines anständigen Menschen am besten erkennt; seine
nicht mehr frischen Handschuhe schienen eigens nach seiner kleinen
aristokratischen Hand genäht zu sein, und als er einen derselben auszog,
erstaunte ich über die Magerkeit seiner blassen Finger. Sein Gang war
nachlässig und träge; indeß bemerkte ich, daß er dabei die Arme nicht
bewegte, -- ein sicheres Zeichen einer gewissen Verstecktheit des
Charakters. Uebrigens sind das so meine eigenen Bemerkungen, die auf meinen
selbstgemachten Beobachtungen beruhen, weshalb Sie denselben durchaus
keinen blinden Glauben zu schenken brauchen. Als er sich wieder auf die
Bank niederließ, bog sich seine sonst grade Gestalt, als ob er im Rücken
nicht einen einzigen Knochen hätte. Die ganze Haltung seines Körpers
verrieth eine Art Nervenschwäche; er saß wie eine Balzac'sche
dreißigjährige Kokette in ihrem gepolsterten Armstuhle sitzt, wenn sie von
einem ermüdenden Balle zurückkehrt. Beim ersten Blicke auf sein Gesicht
hätte ich ihm nicht mehr als drei und zwanzig Jahre gegeben, obgleich ich
ihm später deren gern dreißig gab. In seinem Lächeln lag etwas Kindliches.
Seine Haut hatte eine fast weibische Zartheit; seine blonden, natürlich
gelockten Haare umgaben höchst malerisch seine blasse, edle Stirn, auf
welcher man nur nach längerer Beobachtung die Spuren der Runzeln entdecken
konnte, die einander durchkreuzten und in Momenten des Zornes oder der
geistigen Aufgeregtheit wahrscheinlich noch sichtbarer zum Vorschein kamen.
Ungeachtet seines hellen Haupthaares waren Augenbrauen und Schnurrbart
schwarz -- ein eben so sicheres Anzeichen ächter Race beim Menschen wie
eine schwarze Mähne und ein schwarzer Schweif bei einem weißen Pferde.
Schließlich, um sein Portrait zu beendigen, erwähne ich noch, daß er eine
etwas aufgeworfene Nase hatte, daß seine Zähne vom glänzendsten Weiß, seine
Augen dunkelbraun waren. Ueber seine Augen muß ich übrigens noch etwas
hinzufügen:
Erstens, lachten sie nicht, wenn er lachte! -- Es ist Ihnen vielleicht noch
nicht vorgekommen, diese Seltsamkeit an gewissen Leuten zu beobachten?
. . . Sie ist ein charakteristisches Kennzeichen entweder eines sehr bösen
Charakters oder einer tiefen, beständigen Schwermuth. Seine Augen glänzten
aus den halbgeöffneten Wimpern hervor mit einer Art phosphorischen Glanzes,
wenn ich mich so ausdrücken darf; das war nicht der Abglanz der inneren
Glut der Seele oder der spielenden Einbildungskraft, sondern der blendende,
kalte Spiegelglanz des polirten Stahles; sein Blick war nicht dauernd aber
durchdringend und lästig, und hinterließ den unangenehmen Eindruck einer
unbescheidenen Frage; er hätte frech genannt werden können, wäre er nicht
zu gleichgültig ruhig gewesen. Alle diese Details kamen mir vielleicht nur
deshalb in den Sinn, weil ich einige Einzelheiten seines Lebens kannte, und
leicht könnte es sein, daß sein Anblick auf einen Anderen einen durchaus
verschiedenartigen Eindruck gemacht hätte; da Sie nun aber außer mir von
Niemanden etwas über ihn erfahren werden, so müssen Sie sich schon mit
dieser Darstellung begnügen. Schließlich füge ich noch hinzu, daß er im
Allgemeinen durchaus nicht übel war und eine jener originellen
Physiognomien hatte, welche besonders den Damen so gefallen.
Die Pferde waren bereits vorgespannt. Die Wagenglocke ertönte von Zeit zu
Zeit an der Duga und schon zweimal war der Bediente zu Petschorin mit der
Meldung herangetreten, daß Alles bereit sei -- aber Maksim Maksimitsch
erschien noch immer nicht. Zum Glücke blickte Petschorin, in Gedanken
vertieft, nach den blauen Bergzacken des Kaukasus und schien nicht eben
sehr eilig zu sein. Ich ging an ihn heran: »Wenn Sie sich noch ein wenig
gedulden wollen, mein Herr,« sagte ich, »so werden Sie die Genugthuung
haben, einen alten Freund wiederzusehen . . . .«
»Ach, richtig!« antwortete er schnell: »man sprach mir gestern davon; aber
wo ist er?« -- Ich wandte mich nach dem Platze zu und erblickte Maksim
Maksimitschen, der aus Leibeskräften herbeieilte . . . In einigen Minuten
war er bei uns angelangt; er konnte kaum athmen; der Schweiß rollte ihm
hageldick über's Gesicht; triefende Büschel grauer Haare hingen ihm unter
der Mütze hervor und klebten an seiner Stirne fest; seine Kniee bebten
. . . er wollte sich Petschorin an den Hals werfen, der ihm indessen
ziemlich kalt, jedoch mit einem bewillkommenden Lächeln die Hand reichte.
Der Stabskapitain war eine Minute lang wie versteinert, doch ergriff er
alsbald die dargebotene Hand begierig mit beiden Händen; sprechen konnte er
noch nicht. --
-- Wie bin ich erfreut, lieber Maksim Maksimitsch! Nun, wie geht es Ihnen
denn? sagte Petschorin.
»Und . . . Du? . . und Sie? . .« stammelte der Greis mit Thränen in den
Augen, »wie viele Jahre . . . wie viele Tage . . . aber wohin geht's?
. .«
-- Ich gehe nach Persien -- wohl weiter . . .
»Nun doch nicht so auf dem Flecke? . . . Sie verziehen ja wohl ein
Weilchen, Verehrtester! . . . Wir werden uns doch nicht gleich wieder
trennen müssen? . . . Wie lange haben wir uns nicht gesehen . . .«
-- Ich habe Eile, Maksim Maksimitsch, -- war die Antwort.
»Mein Gott, mein Gott! aber wohin eilen Sie denn so? Ich hätte Ihnen so
viel zu sagen gehabt . . . So viel zu fragen . . . Nun, also?
verabschiedet? . . . Wie? Was haben Sie Alles angefangen? . .«
-- Mich gelangweilt, erwiederte Petschorin lächelnd.
»Erinnern Sie sich noch Ihres Aufenthaltes in der Festung, he? . . . Eine
köstliche Gegend zum Jagen? . . Sie waren damals ein gewaltiger
Jagdliebhaber . . . Und Bela?
Petschorin entfärbte sich ein wenig und wandte sich ab.
-- Ja, ich erinnere mich! sagte er, fast in demselben Augenblicke zum
Gähnen gezwungen.
Maksim Maksimitsch fing nun an ihn zu bitten, doch wenigstens zwei Stunden
zu verweilen. »Wir werden köstlich speisen,« sagte er, »ich habe zwei
Fasanen, und der Kachetinerwein ist hier ausgezeichnet . . . versteht sich,
nicht das was in Grusien, indessen doch von einer bessern Gattung . . . Wir
plaudern ein Bischen zusammen . . . Sie erzählen mir von ihrem Aufenthalte
in Petersburg . . Sie . . hm?«
-- Wirklich, ich weiß nichts zu erzählen, lieber Maksim Maksimitsch . . .
Nun also, leben Sie recht wohl, ich muß fort . . . ich bin sehr eilig
. . . Ich danke auch, daß Sie mich nicht vergessen haben . . . fügte er
hinzu, ihn an der Hand ergreifend.
Der Alte zog die Augenbrauen düster zusammen . . . Er war betrübt und
ärgerlich, obgleich er sich bemühte es zu verbergen. »Vergessen!« sagte er
mit rauher, fast bellender Stimme: »Ich habe noch nie etwas vergessen
. . . Nun denn, in Gottes Namen! . . . Ich hätte nimmermehr geglaubt, daß
unser Wiedersehen ein solches sein würde . . .«
-- Nun, nun! sagte Petschorin, indem er ihn freundschaftlich umarmte, bin
ich denn nicht mehr derselbe? . . . Was ist zu machen? . . . Ein Jeder hat
seine eigenen Wege . . . Ob wir uns noch einmal wiedersehen werden -- Gott
weiß! . . . Während er dies sprach, saß er bereits im Wagen und der
Postillon fing schon an die Zügel zusammenzufassen.
»Halt, halt!« rief plötzlich Maksim Maksimitsch auf, indem er sich am
Wagenschlage festhielt: »bald hätte ich ganz vergessen . . . ich habe ja
noch Ihre Papiere, Grigorii Alexandrowitsch . . . ich führe sie mit mir
. . . hoffte Sie in Grusien wiederzufinden, und nun hat's der liebe Gott so
gefügt . . . Was soll ich damit anfangen? . . .«
-- Was Sie wollen! erwiederte Petschorin. Adieu . . .
»Also Sie gehen nach Persien? . . . und wann kommen Sie wieder? . . .« rief
Maksim Maksimitsch ihm nach.
Der Wagen war bereits weit entfernt; allein Petschorin machte mit der Hand
ein Zeichen, welches man ungefähr folgendermaßen übersetzen konnte:
Schwerlich! und wozu auch! . . .
Schon längst hörte man weder den Klang des Glöckchens noch das Gerassel der
über den steinigen Weg dahinrollenden Räder, -- und der arme Greis stand
noch immer auf demselben Flecke in tiefes Dahinbrüten versunken.
»Ja,« begann er endlich, indem er sich anstrengte gleichgültig zu scheinen,
obgleich die Thränen des Verdrusses sich von Zeit zu Zeit aus seinen
Wimpern drängten: »gewiß, wir waren Freunde, -- was aber sind heutzutage
Freunde? . . Was kann ich ihm auch sein? Ich bin weder reich, noch von
hohem Range und auch an Jahren bei Weitem ihm nicht gleich . . . Siehst Du
wohl, was er für ein Stutzer geworden ist, seit er wieder in Petersburg war
. . . Was für eine Equipage! . . . Was für Gepäck! . . . und diesen stolzen
Bedienten! . . .« Er sprach diese Worte mit ironischer Bitterkeit aus. »Nun
sagen Sie einmal,« fuhr er an mich gewendet fort, »was halten Sie davon?
. . . und welcher Satan führt ihn jetzt nach Persien? . . . lächerlich, bei
Gott, lächerlich! . . . Ich hab's aber immer gewußt, daß er ein
unzuverlässiger Mensch ist, auf den man sich nicht verlassen kann . . .
Wahrhaftig, schade daß er schlecht enden wird . . . es kann aber nicht
anders sein! . . . Ich hab's immer gesagt, daß Dem kein Segen erblüht, der
seine alten Freunde vergißt! . . .« Hier wandte er sich ab, um seine
Aufregung zu verbergen und ging auf dem Hofe um seinen Wagen herum, als ob
er dessen Räder untersuchte, während seine Augen sich jeden Augenblick mit
Thränen füllten.
-- Maksim Maksimitsch, sagte ich, indem ich an ihn heranging; was sind das
für Papiere, die Petschorin Ihnen zurückließ?
»Ei, was weiß ich davon! Es werden wohl Tagebücher sein . . .«
-- Und was werden Sie damit machen?
»Was ich damit machen werde? zu Patronen werde ich sie verbrauchen lassen.«
-- So geben Sie mir sie lieber.
Er blickte mich mit Verwunderung an, brummte etwas zwischen den Zähnen und
fing dann an im Koffer herumzuwühlen; endlich zog er ein Heft heraus und
warf es mit Verachtung auf die Erde; ein zweites, ein drittes, ein zehntes
theilten dasselbe Schicksal: es lag etwas Kindisches in seinem Aerger, was
mir leid that und doch auch lächerlich war.
»Da haben Sie sie alle,« sagte er: »ich wünsche Ihnen Glück zum Funde
. . .«
-- Und kann ich damit anfangen, was ich will?
»Meinetwegen lassen Sie sie in den Zeitungen drucken. Was geht's mich an!
. . . Was, bin ich denn etwa sein Freund, oder Verwandter? . . . Es ist
wahr, wir lebten eine geraume Zeit mit einander unter demselben Dache; aber
mit wem habe ich nicht alles zusammengelebt? . . .
Ich bemächtigte mich der Papiere und brachte sie schleunigst fort, damit es
ihm nicht wieder leid werden möchte, sie mir übergeben zu haben. Nicht
lange darnach meldete man uns, daß die Okasija binnen einer Stunde
aufbrechen werde; ich befahl anzuspannen. Der Stabskapitain kam in's
Zimmer, als ich mir bereits meine Mütze aufsetzte; er schien sich für die
Abreise nicht fertig zu machen und hatte etwas Gezwungenes, Kaltes in
seinem Wesen.
-- Nun, Maksim Maksimitsch, reisen Sie denn nicht mit?
»Nein.«
-- Wie so denn das?
»Ich habe den Kommandanten noch nicht gesehen und habe ihm verschiedene
Kronssachen zu übergeben . . .«
-- Sie waren ja doch aber bei ihm?
»Das war ich wohl . . .« sagte er ausweichend, »traf ihn aber nicht zu
Hause . . . wartete nicht . . .«
Ich verstand ihn. Der arme Greis hatte, vielleicht zum ersten Male in
seinem Leben, die Dienstgeschäfte seinen _eigenen Angelegenheiten_ (um mit
der Kanzleisprache zu reden) hintangesetzt, -- und wie war er dafür belohnt
worden!
-- Das thut mir leid, recht leid, Maksim Maksimitsch, sagte ich zu ihm, daß
wir uns grade jetzt trennen müssen.
»Was haben wir ungebildeten Alten mit Euch zu schaffen! . . . Die Jugend
ist jetzt stolz und dem Genusse der Welt ergeben; mag sein, daß es unter
den tscherkessischen Kugeln noch leidlich mit Euch geht . . . aber nachher
kehrt Ihr Euch von uns, und schämt Euch wohl gar, einem Freunde die Hand zu
reichen.«
-- Ich verdiene diese Vorwürfe nicht, Maksim Maksimitsch. --
»Nun, ich, wissen Sie, ich spreche einmal so von der Leber herunter;
übrigens wünsche ich Ihnen alles Wohlergehen und eine fröhliche Reise.
Wir trennten uns ziemlich trocken. Der gute Maksim Maksimitsch war zum
eigensinnigen, zänkischen Stabskapitain geworden! Und weshalb? Weil ihm
Petschorin aus Zerstreuung oder aus irgend einem andern Grunde die Hand
gereicht hatte, wo der ihm gern an den Hals gesprungen wäre! Es ist traurig
zu sehen, wenn der Jüngling die schönsten seiner Hoffnungen und Illusionen
verschwinden sieht, wenn der Rosaflor zerreißt, durch welchen er die Thaten
und Gefühle der Menschen zu betrachten pflegte; für ihn bleibt doch die
Hoffnung, die zerronnenen Phantasiegebilde durch neue, zwar nicht minder
vergängliche, doch darum auch nicht minder süße, zu ersetzen . . . Gegen
was aber vertauscht man sie in Maksim Maksimitschens Jahren? Da verhärtet
das Herz unwillkührlich und die Seele zieht sich in sich zurück.
Ich reiste allein ab.
Vorrede.
Unlängst erfuhr ich, daß Petschorin auf seiner Heimkehr aus Persien
gestorben sei. Diese Nachricht erfreute mich ungemein; sie gab mir das
Recht, diese Memoiren zu veröffentlichen und ich benutzte diese Gelegenheit
gern, meinen Namen einem fremden Geistesprodukte voranzustellen. Gebe Gott,
daß meine Leser mich nicht für diesen Betrug verurtheilen!
Ich habe mich nunmehr noch über die Gründe auszusprechen, die mich
veranlaßten, dem Publikum die Herzensgeheimnisse eines Menschens
vorzulegen, den ich nie gekannt habe. Wäre ich noch sein Freund gewesen!
die feige Indiskretion der wahrhaften Freunde ist ja aller Welt hinreichend
bekannt; so aber habe ich ihn nur ein einziges Mal in meinem Leben gesehen,
und noch obendrein auf dem Reisewege! Es geht daraus aber auch hervor, daß
ich gegen ihn nicht jenen unerklärlichen Haß nähren kann, der sich unter
der Larve der Freundschaft verbirgt und nur den Moment des Todes oder
großer Unglücksfälle abwartet, um sofort über das Haupt des geliebten
Gegenstandes die Schauergüsse der Vorwürfe, der Rathschläge, der
Bemitleidung und des Hohnes auszugießen.
Als ich diese Memoiren durchlas, überzeugte ich mich von der Aufrichtigkeit
desjenigen, der seine eigenen Schwächen und Untugenden so unbarmherzig zur
Schau stellte. Die Geschichte der menschlichen Seele, und wäre es der
allergeringsten, ist interessanter und nützlicher als die Geschichte eines
ganzen Volkes, besonders wenn sie das Resultat der Beobachtungen des
Verstandes über sich selbst ist und wenn sie ohne den eitlen Wunsch
geschrieben ward, Theilnahme oder Verwunderung zu erwecken. Die Confessions
Rousseau's haben schon das Ueble an sich, daß er sie seinen Freunden
vorlas.
So leitete mich also nur der Wunsch nützlich zu werden bei der
Veröffentlichung dieses mir zufällig in die Hände gerathenen Journals.
Obgleich ich alle Eigennamen veränderte, so werden doch diejenigen sich
wahrscheinlich leicht wiedererkennen, von denen die Rede ist, und
vielleicht hier den Schlüssel zum Betragen eines Menschen finden, der auf
dieser Welt nichts mehr mit ihnen gemein hat. Man entschuldigt fast immer
das, was man versteht. Ich habe in diesem Buche nur Dem Platz gegönnt, was
sich auf Petschorins Aufenthalt im Kaukasus bezieht. Es bleibt mir noch ein
dickes Heft unbenutzt zurück, in welchem er sein ganzes Leben beschreibt.
Dereinst soll auch dieses dem Urtheile der Welt übergeben werden; doch wage
ich es jetzt aus vielen Gründen noch nicht, diese Verantwortlichkeit zu
übernehmen.
Vielleicht wünschen einige Leser meine eigene Meinung über Petschorins
Charakter zu vernehmen. Meine Antwort -- _der Titel des Buches_. »Das ist
ja eine böse Ironie!« werden sie sagen. Ich weiß nicht. --
Tamán.
In tal notte atra e funesta
Mente freme la tempesta
Chi va in circa di un asil?
Anonimo.
Tamán ist das allermiserabelste Nest unter allen russischen Seestädten.
Beinahe wäre ich vor Hunger darin umgekommen, nicht gerechnet, daß man mich
zur Zugabe noch ersäufen wollte. Ich kam spät des Nachts mit Postvorspann
daselbst an; der Postillon hielt das ermüdete Dreigespann vor der Thür des
einzigen steinernen Hauses an, das sich bei der Einfahrt befindet. Die
Wache, ein tschornomórski[A] Kosak, rief, als er das Gebimmel des
Glöckchens hörte, halbschlaftrunken mit wilder Stimme sein: »Wer da?« Ein
Unteroffizier und ein Gefreiter kamen heraus. Ich erklärte ihnen, daß ich
ein Offizier sei, der sich im Auftrage der Krone nach einer aktiven
Abtheilung begebe, und forderte eine Kronswohnung für die kurze Zeit meines
Aufenthaltes hierselbst. Der Gefreite führte uns in der Stadt herum; aber
bei welcher Barake wir auch vorsprachen -- nirgends war ein Unterkommen zu
finden. Es war kalt; ich hatte drei Nächte nicht geschlafen, war furchtbar
müde und fing an ärgerlich zu werden. »So führe mich endlich unter Dach,
Spitzbube,« schnaubte ich den Kosaken an, »und wenn's beim Teufel wäre, nur
zur Stelle!«
[Fußnote A: Vom schwarzen Meere.]
»Da ist wohl noch ein Nest,« antwortete der Kosak, indem er sich im Nacken
kratzte, »nur wird es Euer Gnaden nicht zusagen; -- es ist da nicht ganz
rein!«
Da ich die genaue Bedeutung des letzten Wortes nicht auffaßte, so befahl
ich ihm voranzugehen, und so gelangten wir nach einer langen Wanderung
durch die schmutzigen Gassen, an deren Seiten ich nichts als alte
Plankenzäune sah, zu einer kleinen Hütte, dicht am Ufer des Meeres.
Der volle Mond beleuchtete das Schilfrohrdach und die weißen Wände meiner
neuen Wohnung; auf dem Hofe, der mit einem Kieselgeschiebe umgeben war, war
noch eine zweite elende Hütte, noch kleiner und hinfälliger als die erste,
an diese angekleckst. Das Ufer fiel fast von den Wänden der Hütte
senkrecht, wie abgeschnitten, ins Meer hinab, und unten tanzten mit
ununterbrochenem Gebrause die dunkelblauen Wogen. Der Mond schaute
friedlich auf das unruhige, aber ihm unterthänige Element, und ich konnte
bei seinem Lichte, weit vom Ufer ab, zwei Schiffe wahrnehmen, deren
schwarzes Takelwerk sich wie ein Spinnengewebe am matten Himmelsgewölbe
abzeichnete. -- »Es liegen Schiffe im Hafen,« dachte ich bei mir selbst,
»morgen kann ich also nach Geléndschick abreisen!« Ein Linienkosak
begleitete mich als Bedienter. Ich befahl ihm den Koffer loszubinden und
den Postillon zu entlassen, und fing an nach dem Wirthe zu rufen. -- Keine
Antwort; ich poche; alles stumm . . . Was bedeutet das? Endlich kroch aus
dem Hausflure ein Junge von ungefähr vierzehn Jahren hervor.
»Wo ist der Wirth?« -- Njä-má.[A] -- »Was? kein Wirth?« -- Ne, keener
. . . -- »Nun, also eine Wirthin?« -- Die is nach dem Dorfe gelofen. --
»Wer macht mir denn da die Thür auf?« sagte ich und schlug mit dem Absatz
dagegen. Die Thüre sprang von selbst auf; ein feuchter Dunst wehte mir
entgegen. Ich steckte ein Zündholz an und hielt es dem Jungen unter die
Nase; es beleuchtete zwei glanzlose, weiße Augen. Er war blind, stockblind
von Geburt an. Er blieb unbeweglich vor mir stehen und ich begann seine
Züge zu mustern.
Ich muß gestehen, daß ich ein starkes Vorurtheil gegen alle Blinden,
Lahmen, Tauben, Stummen, Buckligen, Bein- und Armlosen u. s. w. u. s. w.
habe. Ich habe bemerkt, daß zwischen dem Aeußerlichen des Menschen und
seiner Seele stets eine seltsame, geheime Beziehung Statt findet: als ob
mit dem Verlust eines Gliedes die Seele irgend eines Gefühls verlustig
ginge.
Ich fing also an die Züge des Blinden zu mustern; aber sagen Sie mir
selbst, was kann man möglicherweise in einem Gesichte ohne Augen lesen?
. . . Ich blickte ihn lange mit unwillkührlichem Mitleid an, als plötzlich
ein kaum bemerkbares Lächeln über seine dünnen Lippen glitt, das, ich weiß
nicht warum, einen äußerst widerlichen Eindruck auf mich machte. In meinem
Kopfe tauchte der Verdacht auf, daß dieser Blinde doch nicht ganz so blind
sei, wie er es schien; vergebens hielt ich mir vor, daß man den grauen
Staar unmöglich nachahmen könne, und nun noch obendrein wozu? Wie dem nun
auch immer sei -- ich klebe bisweilen an gewissen Vorurtheilen . . .
[Fußnote A: Die Antworten des Knaben geschehen im klein-russischen
Dialekte, der ungefähr unserm Plattdeutsch entspricht. Njä-má: hier ist
keiner.]
-- Bist Du der Sohn der Wirthin? fragte ich ihn endlich. -- »Ne.« -- Wer
bist Du denn? -- »Eene Waise, verlassene.« -- Hat die Wirthin Kinder? --
»Ne, sie hatte eine Tochter, aber die ist mit einem Tataren über's Meer
gezogen.« -- Mit einem Tataren? Mit was für einem Tataren? -- »Der Teufel
mag seinen Namen wissen! ein Tatar aus der Krim, ein Bootsmann aus
Kertschi.«
Ich trat in die Hütte: zwei Bänke, ein Tisch und ein ungeheurer Koffer in
der Nähe des Ofens bildeten das ganze Mobiliar. An der Wand kein einziges
Heiligenbild -- ein schlechtes Zeichen! Durch die zertrümmerten
Fensterscheiben pustete der Seewind mit Ungestüm. Ich langte mir aus meinem
Reisekoffer ein Ende Wachskerze heraus, steckte es an und fing an meine
Sachen auszupacken; meine Schaschka und Büchse kamen in die Ecke zu stehen,
die Pistolen auf den Tisch, dann breitete ich meine Burka[A] über die eine
Bank, mein Kosak die seinige über die andere und nach zehn Minuten
schnarchte er bereits; -- allein ich konnte nicht einschlafen; vor mir in
der Finsterniß drehte sich fortwährend der Junge mit den weißen Augen
herum.
[Fußnote A: Ein kurzer Filzmantel, vorzüglich bei den Kosaken in Gebrauch.]
So mochte ungefähr eine Stunde verflossen sein. Der Mond schien jetzt zum
Fenster herein, und seine Strahlen spielten auf dem lehmigen Fußboden der
Hütte. Plötzlich schwebte auf dem vom Monde beschienenen Streifen des
Fußbodens ein Schatten vorüber. Ich richte mich auf und schaue nach dem
Fenster: zum zweiten Male eilte Jemand daran vorbei und verschwand Gott
weiß wo; ich konnte mir nicht denken, daß dieses Wesen die schroffe,
senkrechte Mauer des Seeufers hinuntergeglitten sein konnte, und doch blieb
ihm kein anderer Weg übrig. Ich stand auf, warf meinen Beschmet um, steckte
meinen Dolch in den Gurt und trat leise, leise aus der Hütte hinaus: der
blinde Junge grade auf mich los. Ich drückte mich an den Plankenzaun und so
ging er mit sicherem doch behutsamen Schritte an mir vorüber. Unter dem
Arme trug er ein Bündel und nachdem er sich dem Hafen zugewandt hatte,
schlug er einen engen, steilen Fußpfad ein. -- »An jenem Tage werden die
Stummen reden und die Blinden wieder sehen,« dachte ich bei mir selbst,
indem ich ihm in einer angemessenen Entfernung folgte, um ihn nicht aus den
Augen zu verlieren.
Unterdessen fing der Mond an sich in Wolken zu kleiden und Nebel stieg vom
Meere auf; kaum, daß die Laterne vom Verdecke des nahen Wachtschiffes
hindurchschimmerte, am Ufer aber spritzte der Schaum der Meereswogen so in
die Höhe, daß sie den Jungen jeden Augenblick zu verschlingen drohten. Ich
folgte ihm, obgleich mit vieler Beschwerde, auf dem steilen, holprigen Wege
und sah wie mein Blinder erst eine Weile stehen blieb und sich dann rechts
hinunter begab; er ging so dicht am Wasser dahin, daß es schien, als ob die
Woge ihn sofort ergreifen und mit sich fortreißen würde; allein an der
Sicherheit, mit welcher er von Stein zu Stein hüpfte und die Wasserrisse
vermied, konnte man deutlich sehen, daß er diesen Weg nicht zum ersten Male
machte. Endlich hielt er still, als ob er auf etwas lausche, setzte sich
auf die Erde und legte sein Bündel neben sich. Ich beobachtete alle seine
Bewegungen, indem ich mich hinter einem vom Ufer vorspringenden
Felsenstücke versteckt hielt. Nach einigen Minuten wurde von der
entgegengesetzten Seite her eine weiße Figur sichtbar; sie ging an den
Blinden heran und setzte sich neben ihn. Der Wind führte mir von Zeit zu
Zeit ihr Gespräch zu:
»Nun, Blinder?« sagte eine weibliche Stimme: »der Sturm ist heftig; Janko
wird nicht kommen.«
-- Janko fürchtet den Sturm nicht, entgegnete dieser.
»Der Nebel wird immer dichter,« sagte wieder die weibliche Stimme mit einem
Ausdrucke der Kümmerniß.
-- Im Nebel kann er sich desto leichter an den Wachtschiffen vorbeistehlen,
war die Antwort.
»Aber wenn er ertrinkt?«
-- Nun was weiter? Dann gehst Du am nächsten Sonntag ohne neues Band in die
Kirche.
Hierauf folgte ein Schweigen; indessen frappirte mich eins: der Blinde
hatte mit mir in kleinrussischem Dialekte gesprochen, während er jetzt ganz
reines Russisch sprach.
-- Siehst Du, daß ich Recht habe, begann der Blinde wieder, indem er in die
Hände schlug: Janko fürchtet weder Meer, noch Sturm, noch Nebel, noch
Küstenwächter: horche nur -- das ist nicht das Peitschen der Wellen, Du
täuschst mich nicht, -- das sind seine langen Ruder.
Das Frauenzimmer sprang auf und richtete unruhvoll ihren Blick in die
Ferne.
»Du faselst, Blinder,« sagte sie, »ich sehe nichts.«
Ich muß gestehen, daß, wie viele Mühe ich mir auch gab, etwas zu entdecken,
was einem Nachen ähnlich sehen konnte, alles vergebens war. So vergingen
zehn Minuten; da zeigte sich allmälig zwischen den Bergen der Meeresfluthen
ein schwarzer Punkt, der bald größer bald kleiner wurde; -- bald sich
langsam bis auf die Spitzen der Wogen erhebend, bald wieder in die Tiefe
hinabschießend, näherte sich der Kahn immer mehr dem Ufer. -- Ein kühner
Schiffer mußte Der sein, der es wagte, in einer solchen Nacht eine Meerenge
von 20 Werst Weite zu durchrudern, und wichtig mußte der Grund sein, der
ihn dazu antrieb.
Während diese Gedanken mich beschäftigten, blickte ich mit unwillkührlichem
Herzpochen nach dem armen Kahne; der aber tauchte unter wie eine Ente und
erhob sich dann wieder durch einen raschen Flügelschlag seiner Ruder aus
dem Abgrunde, inmitten des wildesten Schaumgespritzes; -- plötzlich schien
es mir, als ob er in einem Anlaufe gegen das Ufer sich zerschlagen und in
tausend Splitter zertrümmern müsse -- allein er parirte mit ungemeiner
Geschicklichkeit und hüpfte unbeschädigt in eine kleine Bucht. Ein Mann von
mittlerm Wuchse sprang aus dem Nachen; er trug eine tatarische
Barankenmütze; er winkte mit der Hand -- und alle drei bemühten sich, Etwas
aus dem Nachen zu ziehen; die Last war so groß, daß ich bis auf den
heutigen Augenblick nicht verstehe, wie er nicht untergegangen ist. Ein
jeder packte sich endlich ein Bündel auf die Schultern und so gingen sie
das Ufer entlang, wo ich sie zuletzt aus dem Gesicht verlor. -- Es blieb
mir nun nichts übrig, als nach Hause zu gehen, doch muß ich bekennen, daß
alle diese Seltsamkeiten mich dermaßen aufgeregt hatten, daß ich beschloß,
den Morgen wach abzuwarten.
Mein Kosak war nicht wenig erstaunt, als er mich beim Erwachen vollständig
angezogen fand; indessen gab ich ihm keine weiteren Gründe dafür an,
sondern legte mich ins Fenster und schaute eine Zeitlang nach dem
dunkelblauen mit zerrissenem Gewölk besäeten Himmel, nach dem fernen Ufer
der Krim, das sich wie ein Lilastreifen am Horizonte dahinzieht, bis es
zuletzt in einen Felsen ausläuft, auf dessen Gipfel ein Leuchtturm
schimmert, und begab mich endlich nach der Festung Fanágora, um mich beim
Kommandanten über die Stunde meiner Abreise nach Gelendschick zu
erkundigen.
Aber leider konnte mir der Kommandant durchaus nichts Bestimmtes darüber
sagen. Die im Hafen liegenden Schiffe waren alle entweder Wachtschiffe oder
Handelsschiffe, die sogar ihre Ladung noch nicht einmal eingenommen hatten.
»Vielleicht kommt ein Postschiff in drei, vier Tagen hier an,« sagte der
Kommandant, »und dann wollen wir sehen . . .«
Ich ging finster und ärgerlich nach Hause. In der Thüre kam mir mein Kosak
mit bestürztem Gesichte entgegen: -- Hier ist's faul, Euer Gnaden! raunte
er mir zu. Ja, Bruder,[A] Gott weiß, wann wir von hier fortkommen! Bei
diesen Worten wurde er noch verlegener, beugte sich zu mir und zischelte
mir ins Ohr: Hier ist's nicht rein! Ich begegnete heute einem
tschornomórskischen Kosakenunteroffiziere, mit dem ich bekannt bin, -- ich
stand voriges Jahr mit ihm in einer Abtheilung -- so sagte ich ihm also, wo
wir abgestiegen wären; darauf sagte er zu mir: Bruder, sagte er, da,
Bruder, ist die Luft nicht rein; das sind keine gute Leute! . . . Ja, und
nun bitte ich Einen in der That -- was ist das für ein Blinder! lauft der
Bengel überall allein herum, nach dem Bazar, und nach Brod und nach Wasser
. . . Hier sind sie, wie es scheint, schon alle daran gewöhnt.
»Hat sich denn die Wirthin nicht wenigstens einmal blicken lassen? . . .«
[Fußnote A: Brat, die gewöhnliche Anrede an Untergebene, indessen auch in
seiner eigentlichen Bedeutung gebraucht.]
-- Ja, wie Sie heute aus waren, kam eine Alte mit ihrer Tochter heraus.
»Was für eine Tochter? Sie hat ja keine Tochter.«
-- Ja, dann weiß Gott was sie ist, wenn sie nicht ihre Tochter ist; sehen
Sie, da sitzt die Alte gerade vor ihrem Fenster. --
Ich ging in die elende Hütte hinein. Der Ofen war stark geheizt und eine
für arme Leute wahrhaft üppige Mahlzeit wurde darin gekocht. Die Alte
antwortete auf alle meine Fragen, daß sie taub sei und mich nicht verstehen
könne. Was war mit ihr anzufangen? Ich wandte mich also an den Blinden, der
vor dem Ofen kauerte und Reisig ins Feuer warf. »Nun, Du kleiner blinder,
Teufel,« sagte ich, indem ich ihn am Ohre faßte, »wohin bist Du denn diese
Nacht mit dem Bündel gelaufen, he?«
Fängt der Junge an zu weinen und zu schreien und zu heulen: -- Wohin
gegangen? Ich nirgend gegangen . . . Mit einem Bundel? Was für a Bundel? --
Diesmal hatte auch die Alte Ohren und fing an zu belfern: »Das ist erlogen,
und noch dazu gegen einen Unglücklichen! Wofür halten Sie ihn denn? Was hat
er Ihnen denn gethan?«
Mir war der ganze Kram höchst langweilig, darum ging ich ohne Weiteres
fort, fest entschlossen, den Schlüssel zu diesem Räthsel zu entdecken. Ich
wickelte mich in meine Burka, setzte mich am Zaune auf einen Stein, und
schaute in die Ferne; vor mir dehnte sich das vom nächtlichen Sturme noch
aufgeregte Meer aus, und sein eintöniges Getöse und Gestöhn erinnerte mich,
gleich dem nächtlichen Straßengerolle einer großen Stadt, an die
dahingeschwundenen Jahre und versetzte meine Gedanken nach dem Norden, in
unsere kalte Residenz. Von Erinnerungen ergriffen, vergaß ich mich selbst
. . . So saß ich wohl eine Stunde und länger . . . . Plötzlich berührt
etwas wie Gesang mein Ohr. Wahrhaftig, das ist ein Liedchen, und noch dazu
von einer frischen Mädchenstimme gesungen, -- aber wo kommt es her? Ich
lausche -- eine herrliche Melodie, jetzt gedehnt und traurig, dann wieder
rasch und feurig; ich blicke um mich -- sehe aber Niemanden rundum; ich
lausche wieder -- die Töne scheinen geradezu vom Himmel zu fallen. Da
richtete ich meinen Blick in die Höhe und siehe da: auf dem Dache meiner
Hütte stand ein Mädchen in einem gestreiften Kleide, mit aufgelösten,
loseflatternden Zöpfen, eine leibhaftige Undine. Sie schützte ihre Augen
mit den flachen Händen vor den Sonnenstrahlen und schaute starr in die
Ferne, bald mit sich sprechend und lachend, bald wiederum ihr Liedchen
singend.
Ich erinnere mich dieses Liedchens noch Wort für Wort:
Auf dem freien Wellchen dort --
Auf dem grünen Meere,
Tanzen Schiffe auf und ab
Weißbesegelte.
Zwischen jenen Schiffen tanzt
Auch mein Nachen durch,
Nachen ohne Mast und Tau,
Doppelrudriger.
Fängt der Sturm sein Liedchen an
Ach, die alten Schiffe all'
Lüften ihre Flügelchen,
Stieben auseinander all'.
O, dann flehe ich das Meer
Leise, leise, leise:
Rühr' nicht an, Du böses Meer
Meine Lódotschka.[A]
Denn es trägt die Lódotschka
Sachen wunderbar und schön,
Und es führt in dunkler Nacht
Sie ein Brausekopf heran.[B]
Unwillkührlich erinnerte ich mich, daß ich in vergangener Nacht dieselbe
Stimme gehört hatte; ich dachte einen Augenblick darüber nach; als ich aber
wieder nach dem Dache blickte, war das Mädchen nicht mehr da. Plötzlich
eilte sie an mir vorüber, und etwas anderes anstimmend und mit den Fingern
dazu schnalzend, rannte sie zur Alten und gerieth auch sogleich mit ihr in
einen heftigen Wortwechsel. Die Alte wurde sehr böse und schlug ein lautes,
tiefes Gelächter auf. Auf einmal sehe ich wieder wie meine Undine von ihr
weghüpft; als sie bis zu mir herangekommen war, blieb sie plötzlich stehen
und sah mich durchdringend an, als ob sie über meine Gegenwart verwundert
wäre, worauf sie sich gleichgültig umkehrte und langsam der Anfahrt am Ufer
zuschritt. Allein damit war's noch nicht zu Ende: den ganzen Tag drehte sie
sich um meine Wohnung herum; Gesang und Sprünge wechselten ununterbrochen
miteinander ab! -- Ein seltsames Wesen! Auf ihrem Gesichte war nicht das
geringste Zeichen der Geistesabwesenheit ausgedrückt; im Gegentheil, ihre
Augen ruhten oft mit einem durchdringenden Funkeln auf mir, und diese Augen
schienen mir mit einer seltsamen magnetischen Kraft begabt, auch kam es mir
immer vor, als ob sie mich gleichsam zu einer Frage aufforderten. So wie
ich aber anfing zu sprechen, lief sie mit einem feigen Lächeln eiligst
davon. --
[Fußnote A: Kleiner Nachen.]
[Fußnote B: Das russische Volkslied bietet selten ein geregeltes Versmaaß
dar, eben weil es vom Volke, das des Liedes nur des Gesanges wegen bedarf,
nach Bedürfniß improvisirt wird und weil dann fehlende Silben durch länger
anhaltende Noten oder anderweitige, oft sehr melodische Modulationen der
Stimme ergänzt werden. Vorstehendes Liedchen, das wir im originellen
Silbenmaaße fast wörtlich wiedergegeben haben, ist eine solche
Improvisation. Der Reichthum der russischen Literatur an solchen Liedern
ist unermeßlich; jeder einzelne russische Dialekt hat seine
unerschöpflichen Fundgruben; die erste, einigermaßen vollständige, aber
noch nicht ganz erschienene Sammlung derselben sind die »Sagen des
russischen Volkes« von Sacharoff, 2ter Band 1849. -- Das Werk wartet noch
auf einen deutschen Bearbeiter.]
Ein solches Frauenzimmer ist mir wahrhaftig noch nicht vorgekommen. Sie war
durchaus nichts weniger als schön; allein ich habe auch in Betreff der
Schönheit so meine eigenen Ideen . . . Es steckte viel Race in ihr . . .
und bei Frauenzimmern und Pferden ist die Race eine wichtige Sache: dies
ist eine Entdeckung des jungen Frankreichs. Sie, die Race, und nicht die
Entdeckung des jungen Frankreichs, giebt sich zu erkennen am Gange, an den
Händen und den Füßen und ganz besonders an der Nase, die eine hochwichtige
Bedeutung hat. Eine regelmäßige Nase ist in Rußland noch viel seltener als
ein kleiner Fuß. Meine Sirene mochte ungefähr 18 Jahr alt sein. Die
ungewöhnliche Schlankheit ihrer Taille, eine ganz besondere nur ihr
eigenthümliche Haltung des Kopfes, ihr langes blondes Haar, so wie ein
gewisser goldiger Schein ihrer leicht verbrannten Haut an Hals und
Schultern, und nun vor Allem ihre regelmäßige Nase -- alles dies übte einen
geheimen Zauber über mich aus. Trotzdem ich in ihren Seitenblicken etwas
Wildes und Verdächtiges wahrnahm, trotzdem daß ihr Lächeln einen ganz
besondern, unbestimmten Ausdruck hatte, so war doch die Macht des
Vorurtheils so groß, daß mich ihre regelmäßige Nase ganz um den Verstand
brachte: ich bildete mir ein Göthe's Mignon -- dieses wunderliche Gebilde
seiner germanischen Einbildungskraft -- gefunden zu haben, und in der That
waren sich die Beiden so unähnlich nicht: dieselben raschen Uebergänge aus
der allerüberspanntesten Aufregung in die vollständigste Regungslosigkeit,
-- dieselben räthselhaften Reden, dieselben Sprünge, seltsamen Gesänge u.
s. w.
Gegen Abend hielt ich sie an der Thüre fest und hatte folgendes Gespräch
mit ihr:
»Sag' mir doch, Liebchen, was hast Du heut da oben auf dem Dache gemacht?«
-- Ich sah, woher der Wind blies.
»Was kümmert Dich der Wind?«
-- Woher der Wind kommt, kommt auch das Glück.
»So hast Du wohl gar mit Deinem Liedchen das Glück eingeladen?«
-- Wo man singt, da sind die Menschen immer glücklich. --
»Wenn Dein Gesang nun aber Unglück brächte?«
-- Was liegt daran? Wo nichts besser werden kann, da wird's schlechter, und
vom Schlechten zum Guten ist's wieder nicht weit.
»Wer hat Dir denn diese Lieder gelehrt?«
-- Gelehrt? Niemand; es kommt mir etwas in den Sinn -- und ich fange an zu
singen; wer es vernehmen soll, der begreift es schon, wer es aber nicht
hören soll, der versteht es nicht. --
»Aber wie heißt Du denn, liebe Sirene?«
-- Wer mich taufte, der weiß es schon.
»Und wer taufte Dich?«
-- Ja, wie soll ich das wissen?
»Ei, Du Geheimnißvolle, Du! Aber siehst Du, _etwas_ habe ich doch von Dir
erfahren.« Sie gab durch keine Veränderung ihrer Züge, durch kein Zucken
ihrer Lippen zu erkennen, daß von ihr die Rede war.
»Ich habe also erfahren, daß Du gestern Nacht am Ufer warst.« Und nun
erzählte ich ihr mit vieler Wichtigkeit alles was ich gesehen hatte und
hoffte sie in Verlegenheit zu setzen; nicht im Geringsten! Sie fing an aus
voller Kehle zu lachen.
-- Da haben Sie freilich viel gesehen und wissen doch wenig, und was Sie
wissen, das halten Sie ja hübsch unter Schloß und Riegel. --
»Aber wenn es mir nun einmal einfiele, das dem Kommandanten zu
hinterbringen?« sagte ich mit einer sehr wichtigen, ja sogar strengen
Miene.
Da sprang sie plötzlich mit einem liedartigen Schrei davon und verbarg
sich, gleich einem Vögelchen, das aus einem Busche aufgescheucht worden. --
Meine letzten Worte waren durchaus nicht am rechten Orte; damals ahnte ich
noch nicht ihre Wichtigkeit, hatte aber in der Folge Gelegenheit sie zu
bereuen. --
Mit dem Einbruche der Dämmerung befahl ich meinem Kosaken, den Thee, wenn
auch kalt, anzusetzen, steckte ein Licht an, setzte mich an den Tisch und
rauchte gemüthlich mein Reisepfeifchen. Ich hatte bereits mein zweites Glas
Thee ausgetrunken, als plötzlich die Thüre knarrte und das leichte Rauschen
eines Kleides und flüchtiger Tritte in meiner Nähe hörbar ward; ich fuhr
zusammen und sah mich um, -- siehe da, meine Undine. Sie setzte sich leise
und lautlos mir gegenüber und heftete ihre Augen auf mich, und -- ich weiß
nicht recht warum -- ihr Blick kam mir wunderbar zärtlich vor; er erinnerte
mich an einen jener Blicke, welche in früheren Jahren so eigenmächtig mit
meinem Leben gespielt hatten. --
Sie schien eine Frage von mit zu erwarten, allein ich schwieg, von einer
unerklärlichen Aufregung überwältigt. Ihr Gesicht war von einer
Todtenblässe überzogen, welche die innere Aufregung nur zu sehr verrieth;
ihre Hand fuhr ohne Zweck auf dem Tische herum, und ich bemerkte ein
leichtes Zittern an ihr; ihr Busen wogte bald hoch auf, bald schien sie
wieder den Athem an sich zu halten. Diese Komödie fing an mir lästig zu
werden, und ich war so eben im Begriff, dies Schweigen auf die
allerprosaischste Weise von der Welt zu unterbrechen -- nämlich, ihr eine
Tasse Thee anzubieten -- als sie plötzlich aufsprang, meinen Hals mit ihren
Armen umwand, und ein feuchter, feuriger Kuß auf meinen Lippen wiederklang.
Es wurde mir ganz düster vor den Augen, mein Kopf fing an sich zu drehen
und ich drückte sie in meiner Umarmung mit aller Gewalt der jugendlichen
Leidenschaft; aber sie schlüpfte mir wie eine Schlange aus den Armen und
raunte mir ins Ohr: »Heute Nacht, wenn alles schläft, komm nach dem Ufer,«
und fuhr wie ein Blitz aus dem Zimmer. Auf dem Flure rannte sie die
Theekanne und das Licht um, die beide auf dem Fußboden standen. »Was für
ein Höllenmädel!« schrie der Kosak, der darauf gerechnet hatte, sich an den
Ueberbleibseln des Thee's gütlich zu thun, und sich nun auf seine Streu
hinstreckte. Jetzt erst kam ich wieder zu mir.
Nach ungefähr zwei Stunden, als alles im Hafen still geworden war, weckte
ich meinen Kosaken auf: »Wenn Du einen Pistolenschuß hörst,« sagte ich zu
ihm, »so kommst Du nach dem Ufer!« Er riß die Augen auf und antwortete
mechanisch: »Sehr wohl, Ew. Gnaden.« -- Ich steckte die Pistole in den Gurt
und ging. Sie erwartete mich bereits am Rande der Abfahrt; ihre Kleidung
war mehr als leicht, ein kleines Tuch umwand ihre schlanke Taille anstatt
einer Schärpe.
»Folgen Sie mir!« sagte sie, indem sie mich bei der Hand faßte; -- wir
stiegen das Ufer hinab. Ich begreife nicht, wie ich nicht den Hals dabei
gebrochen; unten angekommen, wandten wir uns rechts, und schlugen denselben
Weg ein, auf welchem ich unlängst dem Blinden gefolgt war. Der Mond war
noch nicht aufgegangen; nur zwei Sternchen schimmerten wie zwei rettende
Leuchtthürme am dunkeln Himmelsgewölbe. Schwerfällige Wellen rollten in
abgemessenen Distanzen hintereinander her, hoben aber kaum den einzigen
Nachen in die Höhe, der am Ufer festgebunden lag.
»Laß uns in den Nachen gehen,« begann meine Gefährtin. Ich schwankte -- ich
bin kein Liebhaber von sentimentalen Spazierfahrten auf dem Meere; indessen
war es jetzt nicht mehr Zeit davon abzustehen. Sie sprang in den Nachen,
ich hinter ihr drein, und ehe ich mich dessen versah, bemerkte ich, daß wir
schwimmen.
-- Was soll denn das heißen? sagte ich ärgerlich.
»Das soll heißen,« antwortete sie, mich auf die Bank drängend, und meine
Taille mit den Armen umwindend, »das soll heißen, daß ich Dich so lieb habe
. . .« Und ihre Wangen preßten die meinigen und ich fühlte ihren glühenden
Athem über mein Gesicht dahinstreifen. Auf einmal plumpst etwas ins Wasser;
ich streife nach meinem Gürtel -- die Pistole ist fort. O, da stahl sich
ein fürchterlicher Verdacht in meine Seele und das Blut peitschte mir nach
dem Kopfe! Ich blicke rund um -- schon sind wir gegen vierhundert Fuß vom
Ufer ab, und schwimmen kann ich nicht! Ich versuche es sie von mir
zurückzustoßen, sie aber hat sich wie, eine Katze an meine Kleider
festgeklammert; plötzlich stieß mich ein heftiger Stoß fast über Bord. Der
Nachen fing an zu schaukeln, ich brachte ihn aber wieder ins Gleichgewicht,
und nun begann zwischen uns ein verzweifelter Kampf; die Wuth verlieh mir
zwar Kräfte, allein ich bemerkte sehr bald, daß ich meinem Gegner an
Gewandtheit weit nachstand . . .
-- Was willst Du doch von mir? schrie ich sie endlich an, und drückte ihre
kleinen Hände mit ungeheurer Gewalt zusammen; ihre Finger krachten, sie gab
aber keinen Laut von sich; ihre Schlangennatur hielt diese Probe aus.
»Du hast gesehen,« entgegnete sie, »und Du willst angeben!« und mit einer
übernatürlichen Anstrengung riß sie mich am Bord zu Boden; wir schwebten
Beide bis an die Hüften aus dem Nachen; ihre Haare berührten das Wasser:
der Augenblick war entscheidend. Ich stemmte mich mit dem Knie fest gegen
den Boden, ergriff sie mit der einen Hand bei den Haaren, mit der andern
bei der Gurgel; da ließ sie meine Kleider los, und in demselben Augenblick
stürzte ich sie auch ins Meer.
Es war bereits ziemlich dunkel geworden. Ihr Kopf tauchte noch einigemal
aus den schäumenden Wellen hervor und dann war nichts mehr zu sehen . . .
Auf dem Boden des Nachens fand ich die Hälfte eines alten Ruders,
vermittelst dessen es mit nach langen Anstrengungen endlich gelang, die
Abfahrt zu erreichen. Als ich nun am Ufer entlang meiner Hütte zuschritt,
blickte ich unwillkührlich nach jener Seite, wo der Blinde gestern Abend
den nächtlichen Schiffer erwartet hatte; der Mond fing schon an am Himmel
einherzuschreiten, und so schien es mir, als ob dort am Ufer etwas Weißes
sitze; ich schlich mich, von der Neugierde gespornt, näher hinzu und legte
mich hinter einem Vorsprung des Ufers der Länge nach ins Gras, von wo aus
ich alles sehen konnte, was dort unten vorging und war nicht wenig
erstaunt, nein, ich freute mich fast, meine Undine wieder zu erkennen. Sie
drückte den Schaum des Meerwassers aus ihren langen Haaren; das nasse Hemd
zeichnete ihre schlanke Taille und ihre hohe Brust in scharfen Contouren
ab. Nicht lange, so zeigte sich in der Ferne ein Nachen, der sich rasch
näherte; wie am vorigen Abende, sprang auch diesmal ein Mann mit einer
tatarischen Mütze heraus, dessen Haar aber nach Kosakenart geschnitten war
und in dessen ledernem Gurte ein großes Messer blinkte.
»Janko!« sagte sie, »es ist alles verloren!«
Hierauf begann ein so leises Gespräch, daß ich nicht im Stande war, das
Mindeste davon aufzufassen.
-- Aber wo ist denn der Blinde? sagte endlich Janko mit etwas erhöhter
Stimme.
»Ich habe ihn fortgeschickt,« war die Antwort.
Es dauerte auch nicht lange, so kam der Blinde, mit einem Sacke auf dem
Rücken, den er in das Boot abwarf.
-- Höre, Blinder! sagte Janko, Du giebst gut Acht auf jenen Ort . . . Du
weißt, da liegen reiche Waaren . . . sage dem (den Namen konnte ich nicht
hören), daß ich ihm länger nicht dienen kann; die Sache hat eine schlechte
Wendung genommen; er kriegt mich nicht wiederzusehen; es ist jetzt
gefährlich; ich will mir an einem andern Orte Arbeit suchen, und er wird
einen solchen Wagehals nicht sobald wieder finden. Du kannst ihm auch
sagen, daß Janko ihn jetzt nicht im Stiche ließe, hätte er meine Mühe
besser bezahlt; ich finde überall Brod, wo nur der Wind bläst und das Meer
braust!« Nach einigem Schweigen fuhr Janko fort: »Sie muß mit fort; sie
darf hier nicht zurückbleiben; der Alten kannst Du nur sagen, daß sie ja
die Ehre wahre, wenn es jetzt ihr Loos sein sollte umzukommen. -- Uns seht
Ihr nicht mehr wieder.«
-- Aber ich? sagte der Blinde mit kläglicher Stimme.
»Was gehst denn Du mich an?« war die Antwort.
Unterdessen war meine Undine in den Nachen gesprungen und hatte ihrem
Gefährten mit der Hand zugewinkt; dieser drückte dem Blinden etwas in die
Hand, indem er sagte: »Da, kaufe Dir Pfefferkuchen.« -- »Nichts weiter?«
sagte der Blinde. -- »Nu, da hast Du noch mehr« -- ein fallendes Geldstück
erklang auf dem Gesteine. Der Blinde nahm es nicht auf. Janko setzte sich
in den Nachen; der Wind blies grade vom Ufer: rasch zogen sie ein kleines
Segel auf und eilten auf den flüchtigen Wogen dahin. Lange schien beim
Lichte des Mondes das weiße Segel zwischen den dunklen Wogen hervor; der
Blinde saß noch immer am Meeresufer und ich glaubte ein Schluchzen zu
vernehmen; in der That weinte der blinde Knabe lange, lange . . . Ich war
traurig. Und warum warf mich doch das Schicksal in den friedlichen Kreis
dieser _ehrlichen Schleichhändler_? Wie ein Stein, den man in eine glatte
Wasserfläche wirft, hatte ich ihren Frieden aufgestört, und wie ein Stein
wäre ich auch bald auf den Grund gesunken.
Ich kehrte nach Hause zurück. Auf dem Flure flackerte das aufgebrannte
Licht auf einem hölzernen Teller und mein Kosak lag, trotz meines Befehles,
im tiefsten Schlafe, mit beiden Händen das Gewehr haltend. Ich ließ ihn
zufrieden, nahm das Licht und ging in das Zimmer. O weh! Meine Schatulle,
meine Schaschka mit silberner Einfassung, ein Dagestaner-Dolch -- das
Geschenk eines Freundes -- alles war verschwunden. Jetzt errieth ich wohl,
was das für Sachen gewesen waren, die der verwünschte Blinde da
herangeschleppt hatte. Obgleich ich nun meinen Kosaken mit einem ziemlich
unsanften Stoße aufweckte und ihn tüchtig ausschalt, so war doch nichts
mehr zu machen! Und wäre es nicht lächerlich gewesen, mich bei der Behörde
zu beschweren, daß ein Blinder mich bestohlen und ein achtzehnjähriges
Mädchen mich fast ertränkt hätte? Gott sei Dank, daß sich des Morgens
Gelegenheit fand abzureisen und ich dies Nest verlassen konnte. Was aus der
Alten und dem Blinden geworden ist, weiß ich nicht. Was gehn denn mich auch
die Freuden und Leiden der Menschen an -- mich, einen herumwandernden
Offizier und noch dazu mit einem Passe in Kronsangelegenheiten! . . .
Die Fürstin Mary.
Dost thou drink tears, that thou provok'st such weeping?
_Shakspeare_, Venus and Adonis, Stanza 156.