und so sicher er sich in seinem eigenen Zimmer gefühlt, als er sich
dieses Zusammentreffen ausmalte, so unsicher machte ihn jetzt das auf
ihm haftende Auge. Er brachte die letzten Worte nur langsam heraus. --
Weshalb sah ihn aber auch die Frau nur so stier an. Diese hörte aber
kaum, was er sprach, denn jetzt, in ruhiger Beobachtung, begann der
Zauber zu weichen, der sie zuerst befangen gehalten.
Wie sie den Mann hatte in ihre Stube treten sehen und in der ganzen
Gestalt, in den Zügen, ja selbst in seinen Bewegungen das getreue
Abbild ihres Gatten erkannte, da allerdings überwältigte sie ihr
Gefühl, und der erste unwillkürliche Eindruck war, daß der Todte
wirklich zum Leben erstanden sei. Jetzt aber, während vielleicht
unbewußt der fremde Klang der Stimme das Seinige dazu beitrug und ihr
Auge unmittelbar an den Zügen dessen haftete, der hier als ihr Gatte
auftrat, kehrte zuerst der Gedanke an einen möglichen Betrug zurück,
wurde das Mißtrauen geweckt, und eine Menge Kleinigkeiten mußten es
bestätigen.
Das vor ihr waren die Züge des Gatten, aber sie waren es auch wieder
nicht; die blauen Augen desselben hatte er, ja, aber dennoch lag etwas
in deren Ausdruck, das sie früher nie gekannt und das ihr fremd blieb.
Auch um die Nase lag ein fremder Zug, und die Narbe, -- wo war die
kleine aber tiefe Narbe geblieben, die er sich einst bei einem Sturz,
gerade über dem rechten Auge geholt? Jetzt blieb kein Zweifel mehr,
alles Andere konnte sich verändert haben, aber die Narbe nicht, und der
vor ihr Stehende war ein Betrüger.
Mit dem Bewußtsein gewann aber auch die überdies resolute Frau ihre
ganze Ruhe wieder, und so rasch ihr die Gedanken durch das Gehirn
zuckten, hielt sie den einen doch fest, daß sie erst die Absicht des
Betrügers erforschen wollte, ehe sie ihn entlarvte.
Herr Müller hörte indessen kaum selber was er sprach, denn die beiden
Worte: Therese und Ferdinand schallten ihm noch in den Ohren und
erfüllten ihn mit einem ganz eigenen Unbehagen. Therese -- Ferdinand,
wie um Gotteswillen kam die Frau gerade in diesem Augenblick auf die
beiden Namen; aber was konnte sie auch von ihm wissen? Nichts auf der
Welt! Darin fühlte er sich vollkommen sicher, und jetzt nur, um einer
Scene ein Ende zu machen, die er, wie er fast fürchtete, nicht lange
würde durchführen können, setzte er leise und wie vorwurfsvoll hinzu:
„Aber wär’ ich doch nur dort geblieben -- wär’ ich dort nur umgekommen,
-- daß ich Dich _so_ wiederfinden mußte.“
„So?“ wiederholte die Frau, die nicht gleich begriff, was er damit
meinte; „so wiederfinden?“
„Ach, daß Du wieder heirathen mußtest!“ seufzte der Mann und barg sein
Gesicht in der linken Hand.
„Und was soll jetzt werden?“ fragte die Frau, die in diesem Augenblick
vollkommen gut begriff, auf was Alles hinauslief.
„Ich weiß es nicht,“ stöhnte Herr Müller wie verzweiflungsvoll, indem
er den Arm wieder sinken ließ, und ein Bild tiefer Trauer vor der
Wittwe stand, „soviel ist gewiß, ich muß fort -- ich darf Deine Ruhe,
Deinen Frieden nicht stören. Ich will wieder hinüber über den Ocean,
und nie mehr dürfen sich unsere Wege kreuzen --“
„Du wolltest wieder fort?“
„Ich muß,“ lautete die resignirte Antwort, „wenn ich nur nicht meine
letzten Mittel erschöpft hätte, um hierher zu kommen.“
Die Frau senkte den Kopf, daß er ihr Gesicht nicht sehen konnte, denn
ein leises Lächeln zuckte darüber hin. Jetzt war sie vollkommen sicher,
auf was das Ganze hinauslief, und nur das Eine konnte sie sich noch
nicht erklären, aus welchem Grunde sie ihr liederlicher Schwager wieder
für verheirathet hielt, und wer ihm das gesagt haben konnte. Doch das
blieb sich jetzt gleich, und wie sie sich erst wieder auf sicherem
Grund und Boden und die erste Schwäche vollständig überwunden fühlte,
war ihr weiterer Plan auch rasch gefaßt.
„Aber Caspar,“ sagte sie, den Kopf wieder zu ihm hebend, „Deine Mittel
hast Du erschöpft, um nur hierher zu kommen, und jetzt wolltest Du
wieder fort? -- wolltest mich zum zweiten Mal verlassen? -- weshalb?
Die lange schwere Zeit der Trennung liegt hinter uns, und nichts,
nichts im Leben soll uns wieder trennen.“
Herr Müller sah sie etwas überrascht an. „Aber Dein zweiter Mann!“
sagte er endlich zögernd.
„Mein zweiter Mann?“ rief die Wittwe. „Glaubst Du, daß ich Dich je so
weit vergessen habe, wieder an eine zweite Heirath zu denken? O, wie
wenig hast Du mich da gekannt.“
„Du -- bist nicht wieder verheirathet?“ sagte Herr Müller, und in der
Frage lag in der That weit weniger Entzücken, wie diese Entdeckung
eigentlich hätte erregen sollen.
„Nein, Caspar, sicher nicht -- o, wie konntest Du das glauben. Nein,
wahrlich nicht auf’s Neue verheirathet, aber glücklich -- ja selig,
Dich nach so langer Zeit wieder zu haben. Ich wollte auch schon unsere
Wirthschaft ganz aufgeben,“ fuhr sie, seinen Arm erfassend, fort, „ich
hatte keine Lust, keine Liebe mehr zu dem Geschäft, und da ich mich in
der That zu schwach fühlte, dem weiten Anwesen vorzustehen, so ließ ich
mir Deines Bruders Frau, Therese, von Breslau herüberkommen, um mich
darin zu unterstützen. Dein armer Bruder ist ja auch schon weit über
ein Jahr verschollen, und die unglückliche Frau wandte sich in ihrem
größten Elend an mich um Rath und Hülfe.“
„Und Therese ist hier?“ sagte Herr Müller, und es war ihm in dem
Augenblick, als ob ihm der Boden unter den Füßen weggezogen würde.
„Sie ist nebenan in ihrem Zimmer,“ setzte die Frau rasch hinzu, und
hätte sie noch den geringsten Zweifel gehabt, daß der vor ihr Stehende
nicht ihr Mann, sondern ihr Schwager sei, so würde ihn der Schreck, der
augenscheinlich in den Zügen des Ertappten lag, vollständig gehoben
haben; „laß mich sie rufen, daß sie sich mit mir freut.“
„Nicht jetzt -- nicht jetzt, beste -- Josephine“, wehrte aber Herr
Müller ab, indem er ihren Arm ergriff und festhielt, „diese erste
Stunde unseres Wiedersehns müssen wir auch allein -- unter uns feiern.
Ich -- ich -- bin zu glücklich, zu selig --“
„Nein, nein,“ rief aber die Wittwe, sich von ihm losmachend, „die
arme, unglückliche Frau hat gestern den ganzen Tag geweint, und ich
will heute nur glückliche Menschen um mich sehen. Sie wird sich mit
uns freuen und dadurch glücklich sein. Warte nur einen Augenblick, ich
bin gleich wieder bei Dir,“ und trotzdem, daß Herr Müller noch einen
Versuch machte, sie mit Bitten zurückzuhalten, sprang sie aus dem
Zimmer und ließ den armen Teufel, ein wahres Bild des Jammers und der
Verzweiflung, zurück.
Was nun? -- er hatte noch nie in seinem Leben so schnell herüber und
hinüber gedacht. Die Rückkunft der beiden Frauen erwarten und dann vor
beiden wie ein ertappter Verbrecher stehen? -- unmöglich! Aber fort? --
wohin? und seine Frau hier? -- Jetzt war Alles verloren -- und dieser
verfluchte Oberkellner, der ihn durch seine schändlichen Lügen allein
zu diesem Schritt verleitet, war an Allem schuld. Aber kam er auch
glücklich aus dem Hause, was dann? -- überall starrte ihm Elend und
Verzweiflung entgegen -- aber immer noch lieber Elend und Verzweiflung
getragen, ehe er in diesem Augenblick seiner Frau begegnete. Er war
ein leichtsinniger Mensch, aber nicht schlecht, und so viel Ehrgefühl
ihm immer noch geblieben, daß er die Schande brennend fühlte, die er
sich selber angethan, wenn er jetzt vor seiner Frau und Schwägerin als
ertappter Betrüger stand. Also fort -- gleichviel wohin, und wenn er
sich in irgend einer fremden Stadt als Tagelöhner verdingen, wenn er
sein Brot vor den Thüren erbetteln sollte, wo ihn die Welt nicht kannte
-- nur jetzt, jetzt fort aus diesem Haus.
Mit raschen, geräuschlosen Schritten eilte er nach der Thür, die ein
kleines ovales Fenster, innen mit einem leichten Vorhang bedeckt, trug.
Durch dieses konnte er vorher einen Blick auf den Gang werfen, ob die
Luft rein sei, erschreckt aber fuhr er zurück, denn draußen, nicht drei
Schritt von der Thür entfernt, stand Herr Louis. Hatte den die Frau
dort hingestellt, um ihn zu bewachen?
Das war allerdings nicht der Fall, und Herr Louis in Wirklichkeit
ebenso erschreckt gewesen den Vorhang zurückgehen zu sehen, wie er
selber, denn jenes würdige Individuum hatte einen freien Augenblick
unten einmal benutzt, um zu versuchen, ob er nicht erhorchen könne, was
hier oben vorginge, da ihm kein Mensch ein Wort davon sagte. Im ersten
Moment glaubte er auch wirklich, es sei die Frau selber, die ihn beim
Spioniren ertappt, und seine erste unwillkürliche Bewegung drängte ihn
von der Thür hinweg. Als sich aber der Vorhang hob, hatte sein scharfes
Auge doch den Particulier Müller erkannt, und wie dieser ebenso rasch
verschwand, als er erschienen war, ging es ihm auf einmal wie ein Licht
auf, daß sich der Fremde nur da drinnen versteckt habe, um ihm seine
Vielliebchen abzugewinnen. Mit einem Satz war er wieder an der Thür, um
womöglich durch den dünnen Vorhang oder das Schlüsselloch zu erkennen,
was Jener da drinnen treibe, als er auf sehr unerwartete und plötzliche
Weise gestört wurde. An der anderen Seite des Ganges öffnete sich
nämlich eine Thür, und der entsetzte Oberkellner sah sich plötzlich der
Frau gegenüber, die ihn rasch ärgerlich fragte:
„Nun? was haben Sie da an meiner Thür zu horchen, Mosje? Hab’ ich Sie
endlich einmal dabei erwischt? Solche Leute kann ich nicht in meinem
Dienst brauchen. Sie verstehen doch, was ich damit sagen will, und am
Ersten dürfen Sie sich nach einer anderen Stellung umsehen.“
„Bitte tausendmal um Entschuldigung, Madame“, stotterte der verdutzte
Bursche, indem er seine Serviette zu einem Strick zusammendrehte, „ich
suchte Herrn -- Herrn Particulier Müller, mit dem ich --“
„Schon gut, ich will nichts weiter hören. Bringen Sie jetzt rasch
einmal eine Flasche Sodawasser herauf -- aber beeilen Sie sich!“
Der Oberkellner fuhr die Treppe hinunter, als ob er elektrisirt worden
wäre, und die Wittwe, sich jetzt zu der dicht hinter ihr folgenden
Schwägerin wendend, sagte freundlich:
„Fassen Sie sich nur, liebe Therese -- ein Glas Sodawasser wird Ihnen
wohl thun, und mir zu Liebe stellen Sie sich nur im ersten Augenblick,
als ob Sie Ihren Mann nicht kennen. Ich möchte doch gern noch sehen,
wie er sich dabei benehmen wird. Nur Muth -- er darf keine Schwäche an
Ihnen merken,“ und dabei ergriff sie die Thür und öffnete dieselbe.
Herr Müller indessen hatte, ehe er einen festen Entschluß fassen
konnte, die Stimme der Frau schon wieder draußen auf dem Gang gehört
und dort hinaus konnte er nicht mehr entkommen. Einen verzweifelten
Blick warf er durch das Fenster, aber ein Sprung von zwei Etagen
Tiefe war unausführbar; er hätte rettungslos das Genick gebrochen,
und nur als letzte Zuflucht zeigte sich ihm eine andere Thür -- das
Schlafzimmer der Wittwe. Aber es schien, als ob heute die Hölle alle
ihre Diener gegen ihn ausgesandt, daß er rettungslos zu Grunde gehen
solle, denn die Thür war verschlossen, und schon hörte er die Stimme
der Frau vor dem Zimmer.
Dicht neben der Kammerthür war ein Gestell angebracht, an dem Kleider
hingen, und um den Staub von ihnen abzuhalten, ein kattuner Vorhang
darüber befestigt. Wenn er darunter fuhr? Sie hätten ihn gewiß nicht
im Zimmer gesucht, sondern geglaubt, daß er es schon verlassen habe,
und suchten sie ihn unten oder auf Nr. 36, so behielt er auch sicher
Zeit, ungesehen zu entkommen. Diese Gedanken fuhren ihm aber nur so
blitzesschnell durch’s Hirn, denn wie eine bedrohte Maus in das erste
beste Loch hineinfährt, nur um vor der Hand einmal aus Sicht zu kommen,
so schlüpfte er in dem einen Gefühl, nur um dem Blick seiner schwer
gekränkten Frau zu entgehen, unter den Vorhang und rührte und regte
sich dort nicht, damit ihn das Rauschen desselben nicht verrathen möge.
Im nächsten Moment öffnete sich die Thür und Madame blieb etwas
überrascht auf der Schwelle stehen, als sie ihren angeblichen Mann
nirgends mehr im Zimmer erblickte.
„Fort?“ sagte sie, indem sie staunend umher sah, „ohne Abschied, und
das Fenster offen? Der Unglückliche wird doch um des Himmelswillen
nicht den rasenden Sprung gewagt haben?“
Sie flog auf das Fenster zu und sah hinaus, während Therese in
Todesangst und mit gefalteten Händen auf der Schwelle stehen blieb.
„O Du großer, allmächtiger Gott,“ stöhnte die arme Frau, „wenn ihn die
Furcht vor mir in den Tod getrieben hätte, ich könnte ja mein ganzes
Leben lang nicht wieder froh werden!“
„Hier ist er nicht hinunter,“ versicherte aber die Wittwe vollkommen
beruhigt, als sie einen Blick hinab geworfen. „Er wird den Augenblick
benutzt haben, als ich das Zimmer verließ, und hoffentlich ist er noch
im Hause, denn das war meine Absicht nicht.“
„Und wenn er nun durch jene Thür geflüchtet wäre,“ sagte Therese, die
einen Blick im Zimmer umhergeworfen.
„Durch jene? Die ist verschlossen,“ erwiderte die Frau und ging
hinüber, um die Thür zu versuchen. Ihr Kleid streifte den Versteckten,
während sie davorstand. „Nein, noch kann er aber das Haus nicht
verlassen haben. -- Lieschen! Louis!“ rief sie dann, rasch zur Thür
tretend, so laut sie rufen konnte, und zog dabei aus Leibeskräften an
der Klingel.
Herr Louis -- in dem drückenden Gefühl, bei einer entwürdigenden
Handlung erwischt zu sein, kam mit einer Flasche Sodawasser in der
einen und zwei Gläsern in der anderen Hand wie ein Pfeil die Treppe
heraufgeschossen, und die Hausmagd, die eben nebenan die Zimmer
reinigte, erschien ebenfalls mit ganz verdutztem Gesicht in der Thür,
während Lieschen von dem anderen Gang herbeistürzte.
„Hat Niemand von Euch den Fremden von Nr. 36 gesehen?“
„Er war hier im Zimmer, als Sie vor der Thür standen,“ rief der
Oberkellner und nahm dabei eine Stellung an, als ob er eben im Begriff
sei, einen körperlichen Eid darauf abzulegen.
„Aber er kann doch nicht durch die Luft davongeflogen sein. Lieschen
spring einmal nach Nummer 36 hinüber -- er darf nicht fort, ehe ich mit
ihm gesprochen habe. Katharine, Du gehst an die Hausthür, und ruf den
Hausknecht, wenn er mit Gewalt hinaus will.“
„Ob ich mir nicht gedacht habe, daß er durchbrennen würde,“ brummte
Herr Louis vor sich hin, während er Flasche und Gläser auf den Tisch
setzte; dabei aber fiel sein Blick zufällig auf den Vorhang, der eine,
wenn auch nur ganz unbedeutende Bewegung machte, und unten daran
erkannte er eine Fußbekleidung, die keinenfalls ein Eigenthum der
Wirthin sein konnte.
„Wenn der Stiefel nicht auf Nr. 36 gehört,“ betheuerte sich Herr Louis
im Stillen, „so will ich mein Leben lang Wasser trinken.“
„Nun, was stehen Sie da wieder in Gedanken,“ rief ihn die Frau
ungeduldig an, „machen Sie, daß Sie mit hinunter kommen und den Fremden
finden.“
„Hat ihn schon!“ rief er, indem er ein paar Schritte zur Seite trat und
den Vorhang halb lüftete. „Guten Morgen, Vielliebchen!“ rief er aber
schon im nächsten Augenblick, als er nun die gestreiften Hosen unter
dem Kattun entdeckte. Die nächsten Frauenröcke dabei zurückschlagend,
blickte er aber, auf’s Aeußerste erstaunt, in ein vollkommen fremdes,
unbekanntes Gesicht, denn seitdem er sich rasirt, hatte er den
Particulier Müller ja gar nicht wieder gesehen, während dieser den
Burschen hätte erwürgen können. Der Frau aber, die das Ganze rasch
übersah, lag gar nichts daran, daß Herr Louis Zeuge irgend einer
Familienscene sein sollte; so, während Herr Müller verlegen aus seinem
Versteck vortrat, denn was half seit seiner Entdeckung ein längeres
Verbergen, sagte sie ruhig:
„Herr Louis --“
„Madame befehlen?“
„Ist das der Herr von Nummer 36?“
„Bitte tausendmal um Entschuldigung --“ stotterte der Oberkellner,
„jedenfalls hat er die Hosen von Nummer 36 an, aber -- aber im Gesicht
sieht er ganz anders aus.“
„Gut, dann gehen Sie hinunter in die Wirthsstube und verlassen Sie
dieselbe nicht wieder, bis ich selber hinabkomme. Wir werden den Herrn
hier selber examiniren. Den Hausknecht schicken Sie auf den Gang
herauf; er soll dort warten, bis ich ihm weitere Befehle gebe, da es
sein könnte, daß er gebraucht wird.“
„Zu Befehl, Madame,“ sagte der Oberkellner, aber immer noch, ohne
sich von der Stelle zu regen, und mit einem halb zweifelhaften, halb
unentschlossenen Blick auf Nr. 36.
„Nun, worauf warten Sie noch?“
Der Oberkellner machte eine halbe Schwenkung. Es blieb ihm hier gar zu
viel noch räthselhaft, und besonders hätte er gern gewußt, ob er sein
Vielliebchen gewonnen oder nicht, denn das abrasirte Gesicht des Gastes
kannte er in der That nicht wieder. Dem so direct gegebenen Befehl
mußte er aber auch gehorchen, und kaum hatte er das Zimmer verlassen,
als Madame Müller hinter ihm den Riegel vorschob.
„Herr Ferdinand Müller,“ sagte sie dabei, indem sie sich ruhig, wenn
auch ernst, an den Ertappten wandte, denn alles weitere Zurückhalten
war jetzt unnöthig, „Sie sind mein Gefangener, und ich lasse Ihnen vor
der Hand diese Ihnen bekannte Dame als Kerkermeisterin. So weit ich
vermuthen darf, hat sie jedenfalls das erste Anrecht, Ihre Erklärungen
entgegen zu nehmen. In einer halben Stunde werde ich dann zurück sein,
um zu hören, was Sie mir selber zu sagen haben, denn Sie müssen es
begreiflich finden, daß ich eine etwas nähere Auseinandersetzung der
mir zugedachten Ueberraschung erwarten darf.“
„Verehrte Frau --“ stammelte Herr Müller, der sich in diesem Augenblick
wohl klaftertief unter die Erde wünschte.
„Es ist schon gut -- vorher wünschte ich, daß Sie sich genauer
auf Ihren Vornamen besinnen, um jedes weitere Mißverständniß zu
vermeiden, es ist das wesentlich nothwendig; nachher wird unsere
Auseinandersetzung auch so viel leichter werden.“ Und ohne weiter eine
Antwort abzuwarten, schloß sie ihr Schlafzimmer auf, trat hinein und
drückte die Thür wieder hinter sich in’s Schloß.
Therese war indessen an der einen Seite der Stube auf einen Stuhl
gesunken, während ihr Mann noch auf der anderen zerknirscht und
in einander gebrochen stand. Keines sprach ein Wort, während aber
Müller’s Blick nur dann und wann scheu und furchtsam zu der schwer
gekränkten Frau aufzuckte, hing dieser Blick voll und traurig an der
halbabgewandten Gestalt des Gatten, und die großen hellen Thränen
tropften ihr dabei schwer und langsam in den Schooß. Da hielt sich
Müller nicht länger. Kein Wort des Vorwurfs war über ihre Lippen
gekommen, aber ihr bleiches, schmerzdurchfurchtes Antlitz sprach viel
deutlicher, als je Worte es hätten ausdrücken können, das Leid, das
sie ertragen, und auf sie zugehend, warf er sich vor ihr auf die Knie,
schlang seine Arme um ihre Hüften und weinte wie ein Kind.
Herr Louis hätte draußen gern noch eine kleine Weile an der Thür
gehorcht, denn ganz unerklärlich blieb ihm einestheils das Betragen
der Frau, daß sie ihm, _ihm_ den Dienst kündigen konnte, und dann
kam ihm auch jetzt auf einmal das Gesicht des Fremden so merkwürdig
bekannt vor. Wo in aller Welt war er dem schon einmal früher begegnet?
Die Physiognomie desselben beschäftigte ihn auch in der That so
ausschließlich, daß er hinab in die Wirthsstube ging und dort ganz in
Gedanken eine halbe Flasche Wein hinunterstürzte und nachher, sich
fortwährend mit dem linken Zeigefinger die Stirn reibend, wieder die
Treppe und nach Nr. 36 hinaufstieg. Er wollte dort weiter nichts,
als zusehen, ob der Fremde wieder auf seinem Zimmer sei oder -- ob
wenigstens sein Reisesack noch dort stände.
Diesen fand er allerdings, und zwar fertig gepackt, als aber sein Blick
noch im Zimmer umherschweifte, um vielleicht etwas zu entdecken, was
ihm vielleicht nur die leiseste Andeutung über den immer räthselhafter
werdenden Menschen geben konnte, fiel sein Blick zufällig auf das Bild
über der Kommode, und mit einem einzigen Satz war er mitten in der
Stube und vor dem Portrait.
„Herr Du meine Güte!“ rief er aber hier, wie vor den Kopf geschlagen,
aus, „wo ich denn nur meine Augen -- wo ich denn nur meinen Verstand
gehabt habe, daß mir das nicht gleich auf den ersten Blick eingefallen
ist. Der Mann! der Mann! heilig und wahrhaftig wie er leibt und
lebt! Aber weshalb er sich da versteckt hat? -- sicher nur, um mir
auszuweichen und das Vielliebchen nicht zu verlieren. Ja,“ setzte Herr
Louis mit einem triumphirenden Lächeln hinzu, „daß ihm das nichts
half, hätte ich ihm vorhersagen wollen, denn der müßte verwünscht früh
aufstehen, der mich in einem --“
„Guten Morgen, Vielliebchen!“ sagte in diesem Augenblick eine Stimme
dicht hinter ihm, und eine leichte Hand berührte seine Schulter.
„Das war gewonnen, und jetzt möchten Sie einmal hinunter kommen; da
ist ein Herr unten, der eine Flasche Wein verlangt. -- Herr Louis
entschuldigen, daß ich so frei war.“
Herr Louis fuhr, wie von einer Tarantel gestochen, herum, und
sah in das spöttisch und lachend zu ihm aufgehobene Gesicht des
Stubenmädchens, die ihm jetzt einen tiefen Knix machte. Das hatte ihm
noch zu all’ dem Herzeleid dieses Morgens gefehlt.
„Fräulein Lieschen,“ sagte er, indem er sich entrüstet gegen sie
wandte, „in einem solchen Moment ist es keine Kunst --“
„Was, Herr Louis?“
Herr Louis hielt es für gerathener, das Stubenmädchen nicht in sein
Geheimniß einzuweihen, wandte sich deshalb ab und stieg, von dem hellen
Lachen des Mädchens verfolgt, gravitätisch die Treppe hinab, um dem
Gast dort die verlangte Flasche Wein zu besorgen.
Fünftes Kapitel.
Die Wittwe Müller blieb nicht lange in ihrer Kammer, denn sie hatte
nur das erste Wiedersehn der Beiden nicht stören wollen; als sie die
Thür aber wieder leise öffnete, lag der Reuige noch immer vor seiner
Frau auf den Knien, und ohne daß er gewagt hätte, sein Auge zu ihr
zu erheben, klagte er sich selber an. Er schilderte ihr aber auch
dabei, wie er Alles, Alles versucht habe, auf ehrliche Weise sein
Brot zu finden, und wie ihm Alles wieder und wieder mißglückt und
fehlgeschlagen sei, bis er endlich, bis zum Aeußersten getrieben,
so schwer gesündigt habe, die eigene Schwägerin hintergehen zu
wollen. Ohne ein Wort zu verschweigen, beschrieb er dabei sein erstes
Zusammentreffen mit dem Kellner und dessen Lüge, und wie er darauf
seinen Plan gebaut, ein paar hundert Thaler für sich zu gewinnen und
damit zu ihr zurückzukehren, um mit dem kleinen Capital ein neues Leben
beginnen zu können. Wie tief er die Schmach jetzt empfinde, könne er
ihr nicht sagen, wie schwer er das Geschehene bereue -- aber es sei
zu spät, und er müßte jetzt wieder hinaus in die Welt -- wohin, bliebe
sich gleich, um durch harte Arbeit und ehrliches Ringen seine Schuld zu
sühnen und ihr zu beweisen, daß er doch nicht ganz verdorben sei.
Die Frau hörte ihm zu, das sorgenschwere Haupt gebeugt, und ihre
Thränen fielen schnell und schwer auf den Scheitel des Knienden.
„Und ist das Ihr Ernst?“ fragte da die Wittwe, die ungehört bis hinter
den Stuhl Therese’s getreten war, „wollen Sie wirklich an Ihrer armen
Frau das wieder gut machen, was Sie gesündigt haben? -- Gut -- gut --
ich glaube Ihnen,“ fuhr sie fort, als der arme Teufel seine Stirn nur
fester gegen die Knie der Gattin preßte, „aber fort dürfen wir Sie
nicht mehr lassen, denn wo Sie bis jetzt auf sich selber angewiesen
blieben, sind Ihre Erfolge eben nicht übergroß gewesen. So mag denn
jetzt Therese sehen, was sie mit Ihnen ausrichten kann.“
„Aber wie soll das geschehen?“ fragte diese traurig und kopfschüttelnd.
„Um meines armen Caspar Willen, dem Sie im Aeußeren so ähnlich sind,“
sagte da leise die Frau, „will ich selber den Versuch machen -- will
ich selber Ihnen die Gelegenheit bieten, ein ordentlicher und wieder
selbstständiger Mann zu werden.“
Müller sah scheu und überrascht zu ihr auf.
„Und Sie wollen mir das Geschehene verzeihen?“
„Ich will Ihnen glauben, daß Sie nur Ihrer armen Frau wegen jenes
Unrecht versuchten, wenn Sie mir auch eine schwere Stunde damit
bereitet haben. Aber hören Sie mich an. Ich habe schon lange die
Absicht gehabt, mich von der Wirthschaft, der eine einzelne Frau nicht
gut vorstehen kann, zurückzuziehen, und dieselbe zu verpachten. Ich
werde Euch Beiden den Pacht übergeben, über den wir uns später dann
vereinigen können. Sind Sie das zufrieden?“