schildern. Müller freilich war tief beschämt über so viel Liebe
und Güte, denn er fühlte recht gut, wie wenig _er_ das Alles
verdient und wie unwürdig jedes Vertrauens er sich eigentlich gemacht
hatte; aber von Herzen gut, und mit dem festen Vorsatz, ein anderer,
besserer Mensch zu werden, fühlte er auch die Kraft in sich, den Platz
auszufüllen, auf den er jetzt gestellt wurde, und die Zukunft zeigte,
daß die Wittwe ihr gutes Werk nie zu bereuen hatte.
Am meisten überrascht war allerdings Herr Louis über die Wendung,
die das Ganze genommen, und deren Ursache er sich noch immer nicht
erklären konnte, und er baute auch jetzt neue Hoffnungen darauf, daß
ihn sein „alter Freund“ nicht im Stich lassen würde. Herr Müller hatte
aber schon zu viel von der Thätigkeit des Burschen als Oberkellner
gesehen, und war überhaupt gewillt, keine Leute zu zahlen, deren Dienst
er selber versehen konnte. So blieb die Entlassung des Oberkellners
bestätigt, und dieser verließ am Ersten des nächsten Monats -- sein
Herz mit Bitterkeit gegen die Undankbarkeit des Menschengeschlechts im
Allgemeinen und Herrn Müller’s im Besonderen gefüllt -- das Haus.
„Hotel Müller“ aber schien unter der neuen Herrschaft nicht schlechter
zu fahren. Müller selber war Tag und Nacht auf dem Posten, und ein so
aufmerksamer Wirth, wie sich nur wünschen ließ. Ja, als er zehn Jahre
den mäßigen Pacht gezahlt, war er sogar im Stande, das ganze Anwesen
seiner Schwägerin abzukaufen, und wenn auch jetzt in seiner eigenen
Stube das Bild des Bruders hing, daß es ihn immer an jenen Fehltritt
mahnen sollte, brauchte er es doch nicht mehr, um ihn vor einem
Rückfall zu bewahren.
Ein freundlicher Empfang.
Eine californische Skizze.
Im Jahre 49, nach dem ersten Anprall der Goldsucher in Californien,
lag der Hafen von San Francisco -- so groß und geräumig er ist -- fast
gefüllt von leeren und selbst ihrer Mannschaft entblößten Schiffen,
und Fahrzeuge wären zu dem billigsten Preis zu bekommen gewesen, wenn
sie nur irgend jemand hätte gebrauchen können. Wie sie aber -- wenn
wirklich gekauft -- fort bekommen? Denn Seeleute forderten einen gar
nicht zu bezahlenden Preis für die kleinste Fahrt, weil den Leuten noch
überall der erst später gehobene Goldschwindel in den Köpfen stak.
Nicht allein die Matrosen waren von sehr vielen Schiffen fort und in
die Minen gelaufen, nein, von manchen sogar Steuermann wie Kapitän, und
die Fahrzeuge ritten dann einfach vor ihrem Anker, bis es einem oder
dem anderen beliebigen Herumtreiber einfiel, sich in Besitz zu setzen,
und angeblich das Fahrzeug vor dem „~a drift~“ gehen zu bewahren.
So lag auch die ~l’Abeille~, ein hübsches französisches Schiff,
in der Bai, auf der sich ganz gemüthlich zwei amerikanische Rowdies
niedergelassen und später, als der Kapitän endlich zurückkehrte,
eine enorme Forderung für „Tagesgelder“ an ihn stellten, weil sie
behaupteten, das Schiff wäre verloren gewesen, wenn sie nicht mit
Aufopferung all ihrer Zeit und Kräfte einen Nothanker ausgeworfen und
das schon treibende Fahrzeug aufgehalten hätten. -- Was konnte er
machen? -- Er mußte zahlen, wenn er sein Schiff wieder haben wollte,
denn ein Prozeß gegen zwei Amerikaner hätte ihm zu jener Zeit mehr
gekostet, als die ganze Brigg werth war -- und dann noch vielleicht
ohne Resultat.
So lag auch ein deutsches Fahrzeug in der Bai, die Gesine Mengsen, ein
großes Barkschiff, das Bauholz gebracht und seine Ladung nur hatte um
die Fracht verkaufen müssen. Diesem waren ebenfalls sämmtliche Leute
davongelaufen, bis selbst auf den Steward, Koch und zweiten Steuermann,
und nur der erste Steuermann und Kapitän an Bord geblieben. Aber auch
diese weniger aus Gewissenhaftigkeit, als weil sie nichts mehr haßten,
als Bergeklettern und Hacken und Graben, und an den Goldschwindel
vielleicht nicht einmal recht glaubten. Außerdem war dem Kapitän
eine ganz außerordentlich reiche Fracht nach den Sandwichs-Inseln
versprochen, wenn er nur halbwege Mannschaft auftreiben konnte, und er
gab sich dazu in der That die größte Mühe -- wenn auch viele Wochen
lang vergeblich.
Indessen hielten er und der Steuermann abwechselnd die Wacht über
Nacht an Bord, denn einer von ihnen blieb immer an Land bei Bekannten.
Verlassen durften sie das Schiff aber nicht, da sie recht gut wußten,
wie viel Gesindel sich am Land und auch in der Bai herumtrieb, und
nur auf eine Gelegenheit wartete, um Beute zu machen. Denen wäre das
noch reichlich mit Provisionen und Getränken gefüllte Fahrzeug ein
fetter und willkommener Bissen gewesen. Wer von ihnen deßhalb auch
zurückblieb, hatte seinen Revolver scharf geladen im Gürtel stecken und
schlief an Deck, um augenblicklich bei der Hand zu sein, sobald ihn das
geringste Geräusch störte. War es des Kapitäns Abend, so fühlte sich
dieser auch vollkommen beruhigt, daß ihm nichts passirte, denn er wußte
mit Feuerwaffen vortrefflich umzugehen und schlief auch außerdem sehr
leicht. Nicht so sicher hielt er aber das Fahrzeug unter der Obhut des
Steuermanns, der allerdings ebenfalls einen Revolver trug, aber von
Schießgewehren eigentlich nicht viel wissen wollte und sich deßhalb
auch noch eine alte Wallfischlanze verschafft hatte, die er, der
größeren Sicherheit wegen, Abends neben seine Matratze legte.
Der Kapitän ermahnte ihn allerdings öfters seinen Revolver nachzusehen,
und er mußte ihn auch ein paarmal in seiner Gegenwart abschießen
und frisch laden, aber er traute ihm deßhalb doch nicht, denn der
Steuermann nahm immer die Zündhütchen herunter, weil er fürchtete,
daß ihm das „Blitzding“ einmal von selber losgehen könne. Heute fuhr
übrigens der Kapitän wieder an Land, und zwar waren ihm von einem
Handlungshaus drei Matrosen versprochen worden, die er mitnehmen
konnte, wenn er ihnen nämlich Beköstigung garantirte, bis er seine
volle oder wenigstens nöthige Mannschaft beisammen hatte. Das
machte ihm aber wenig Sorge; denn bekam er nur die drei gewiß, und
dann noch zwei dazu, so getraute er sich schon mit denen nach den
Sandwichs-Inseln, wo es nachher indianische Matrosen in Menge gab,
hinüber zu fahren.
Er verließ sein Schiff auch heute etwas früher als gewöhnlich und
schärfte dem Obersteuermann, ehe er in seine Jolle stieg, noch einmal
ausdrücklich ein: ja recht Acht zu haben und besonders seinen Revolver
nicht unten in der Coye zu lassen. Es waren gerade wieder am gestrigen
Abend zwei Mordthaten in San Francisco verübt worden, und das Volk
sprach schon davon, das Gesetz in die eigene Hand zu nehmen, da sich
die Gerichte viel zu schwach und machtlos erwiesen.
Der Steuermann nickte seine volle Zustimmung zu allem, was sein Kapitän
sagte, dachte aber bei sich: „mach Du nur, daß Du von Bord kommst,
nachher werde ich das Andere schon allein besorgen.“ Er konnte nämlich
die Zeit nicht erwarten, wo er ganz ungestört heiß Wasser ansetzen
und einen famosen Grog für sich brauen durfte, denn der Kapitän lebte
entsetzlich mäßig und haßte alle starken Getränke dermaßen, daß er
sogar Abends nicht einmal mehr als _eine_ Tasse schwachen Thee
trank. Sein Steuermann bekannte sich aber zu der entgegengesetzten
Lehre.
Jetzt war der Kapitän fort, und Bohmeier, wie der Steuermann hieß,
lehnte noch eine Weile an der Schanzkleidung und sah ihm nach, bis er
zwischen den anderen Fahrzeugen mit seinem kleinen Boot verschwunden
war; dann drehte er sich um, rieb sich vergnügt die Hände und schritt
nun auch ohne weiteres zur Cambüse hinüber, um sich dort Feuer und
heiß Wasser zu machen. Weßhalb hätten sie auch hier an Bord nicht
gut leben wollen? denn erhielten sie beide, er und der Kapitän, nicht
durch ihr alleiniges Dableiben den Rhedern daheim das ganze Schiff und
retteten ihnen so ein sehr bedeutendes Kapital? -- Nachher kam es auf
ein paar Flaschen Rum und Cognac auch nicht an, und die Güte konnte
_er_ sich besonders thun, da der Kapitän -- wunderlicher Heiliger
-- nicht einmal trank.
Darin hatte Bohmeier auch in der That vollkommen Recht. Die Rheder
würden ihnen die paar Flaschen wahrlich nicht mißgönnt haben, noch
dazu, da er selber zwar sehr viel, aber doch nie zu viel trank und
seiner Pflicht stets genügen konnte. Der Steuermann machte sich
deßhalb auch keine Gewissensscrupel, und wie er seinen Grog fertig
hatte, nahm er sich einen tüchtigen Blechtopf voll davon mit auf’s
Quarterdeck, wo er sich ganz behaglich einen Stuhl und Tisch hingerückt
hatte, und trank und betrachtete sich dabei die wundervolle Bai und
die wunderliche Zeltstadt, die dicht an deren Ufer wie aus dem Boden
herausschoß und täglich neue Keime trieb.
Es war auch in der That ein reizendes Bild, und etwas Friedlicheres,
als diese Scenerie, und etwas Wilderes, Ungeordneteres, als die ganze
Staffage dazu, hätte man sich kaum denken können. Vor ihm lag die
lange, etwas kahl aussehende Hügelkette der Küstenberge, auf denen der
dort oben fast ununterbrochen wehende Wind eine eigentliche Vegetation
nicht aufkommen ließ; links aber, wo sich die Bai zu schließen schien,
und nur ein schmaler Arm dort einbog, der hinauf nach den Mündungen des
Sacramento und San Joaquin führte, waren die Gebirge mit hochstämmigen
Bäumen bedeckt. Besonders im Rücken, wenn er den Kopf danach wandte,
konnte er mächtige Cedern auf dem höchsten Kamm erkennen, während sich
rechts von ihm, mit wirklich pittoresken Conturen, die Berge gegen die
Ausfahrt des Hafens, des ~golden gate~, zusammen schlossen.
Und wie belebt sah die prachtvolle Bai selber aus, und doch wie
ungleich einem anderen Hafen. Da lagen hunderte von Schiffen jeder
Art, vom kleinen Schooner bis zum vollen Schiff, und unaufhörlich noch
kamen Segel ein -- aber fast keines _verließ_ den Hafen wieder,
und wie mit Zauberbanden schienen die weiten Berge all die zahllosen
abgetakelten und meist verlassenen Seeboote zu umfangen -- es war der
Zauber des _Goldes_.
Dort lag ein Schiff -- eine Brigg, schmutzig von außen und beinahe
farblos, wie nach langer stürmischer Fahrt, mit seinen Segeln noch an
den Raaen fest, eines aber, das große Bramsegel, hatte sich gelöst; an
der Backbordseite flatterte und schlug es in der frischen Brise, und
der Mann an Deck, der dort die Wacht hatte -- vielleicht der einzige
an Bord -- warf wohl manchmal den Blick hinauf, denn das ewige Flappen
mochte ihn geniren, war aber jedenfalls zu faul, um hinaufzusteigen und
es abzuändern. -- Gleich daneben lag ein ganz keck aussehender, schwarz
gemalter Schooner, aber mit vollkommen kahlen Masten, an dem nur noch
die nothwendigsten Wanten und Stage stehen geblieben waren, um die
Masten zu halten; sonst hatte man ihn rein und sauber ausgeplündert.
Links davon ankerte der _Rumpf_ eines alten Schiffes -- ob
es die Masten in einem Sturm verloren, ob man sie hier abgehackt
und vielleicht zu Feuerholz verwandt, wer wußte es, wer kümmerte
sich darum! Jetzt wurde es von einem der Geschäftshäuser zu einem
Lagerschiff benützt, und an Deck hatte man eine Art von Haus gebaut,
was ihm ein wunderliches Ansehen gab. Dort drüben lag eine schmucke
Hamburger Bark, daneben ein Chilene, da ein Fahrzeug von den
Sandwichs-Inseln, dort ein Ostindienfahrer, mit Engländern, Franzosen,
Italienern, Spaniern, Mexikanern dazwischen. Aber alle Schiffe sahen
todt und verlassen aus, die eben einkommenden ausgenommen, und das
einzige Leben in diese Gruppe von „Leichen“ brachten eine Menge kleine
Boote, die dazwischen herumfuhren und herüber und hinüber kreuzten.
Bohmeier sah dem Treiben in aller Gemüthlichkeit zu und trank dabei
seinen Grog und rauchte eine Cigarre nach der anderen, bis es endlich
zu dämmern anfing und der hier sehr starke Nachtthau naß auf Deck
hernieder fiel. Dann ging er vor allen Dingen wieder in die Cambüse,
um erst noch einmal ein paar Stücke Kohlen nachzulegen und etwas mehr
heißes Wasser zu bekommen, und machte sich nachher sein gewöhnliches
Lager auf Deck zurecht. Er spannte zu dem Zweck eines der kleinen Segel
schräg auf, daß er bequem und geschützt darunter liegen konnte, zog
sich dann seine Matratze und Bettzeug herauf und ging nun erst an die
Bereitung seines Abendbrods, die aber nur geringe Zeit in Anspruch
nahm. „Wo ein Brauhaus steht, kann kein Backhaus stehen,“ ist ein altes
Sprichwort. Bohmeier trank viel und aß dafür wenig.
Es war spät geworden -- in der Stadt konnte er allerdings noch an
vielen Orten Licht erkennen, aber die Bai lag still und öde und nichts
Lebendes zeigte sich mehr darauf. Nur dann und wann konnte er, nach
der oder jener Richtung hin, den Anruf von einem oder dem anderen
Schiff hören und oft sogar das Anscheuern des Bootes an den Rumpf
desselben unterscheiden. Auf einem der heute eingelaufenen Fahrzeuge
wurden sogar noch die „Glasen“ angeschlagen, was man auf den anderen
längst unterlassen -- es klang ordentlich heimisch.
Der frische Grog, den sich der Steuermann gebraut, schmeckte ganz
ausgezeichnet, war nur ein klein wenig zu stark geworden -- aber besser
zu stark, als zu schwach. Sagte doch schon jener nordamerikanische
Indianer: „Zu viel Whiskey ist gerade genug.“ Bohmeier dachte ebenso,
und da er genau wußte, wie viel er ungestraft vertragen konnte,
machte er sich auch keine Sorgen darüber. Er verzehrte sein frugales
Abendbrod, stellte dann sein letztes Glas Grog neben seine Matratze als
„Schlaftrunk“, wie er es immer nannte, und zündete die Wachtlampe an,
die jeden Abend an der Nagelbank vor dem großen Mast aufgehangen wurde,
da man nie wußte, wie rasch man einmal Licht gebrauchte; jedenfalls
war es eine ihm vom Kapitän besonders eingeschärfte Maßregel. Seine
Harpune lehnte rechts daneben, daß er sie leicht im Griff hatte, und
das Futteral mit dem Revolver lag ebenfalls schon auf seiner Matratze
-- er brauchte nur die Schnalle der Deckklappe zu öffnen und hatte ihn
dann im Griff -- wenn er ihn eben haben wollte.
Uebrigens fürchtete er für sich nicht die geringste Gefahr. Es waren
allerdings schon einige Ueberfälle und Beraubungen von Schiffen
vorgekommen -- man erzählte sich wenigstens davon -- aber vor längerer
Zeit, nicht in den letzten Monaten, und dann wäre es auch keinem so
leicht geworden, ohne Geräusch an dem ziemlich hohen Schiff hinauf zu
klettern; dem Kapitän, wenn der Morgens zurückkehrte, mußte er ja so
immer die Fallreepstreppe niederlassen. Bohmeier dachte auch an nichts
Derartiges, streckte sich behaglich auf seiner Matratze aus und rauchte
und trank, bis er zuletzt müde wurde, den Cigarrenstummel weg und über
Bord schleuderte -- er hörte ihn ordentlich zischen, als er auf’s
Wasser traf -- und sich dann ruhig auf die Seite legte. -- Lieber Gott,
wenn ein Mensch den ganzen Tag nichts zu thun hat, verlangt er doch
auch Nachts seine Ruhe.
Es dauerte in der That gar nicht lange, so nahm ihn Morpheus -- nach
dem poetischen Sprachgebrauch -- in die Arme, und wie lange er so
geschlafen hatte, wußte er eigentlich nicht. Plötzlich war es ihm,
als ob er seinen Namen rufen höre -- einmal, zweimal, dreimal -- und
wieder und wieder. Er glaubte dabei, er träume, schien sich aber auch
wieder seines Schlafes bewußt und brauchte in der That eine geraume
Zeit, um sich selber munter zu bekommen. Endlich hatte er diese Art von
Betäubung, die auch vielleicht von dem Grog herrührend auf ihm lag,
abgeschüttelt und richtete sich rasch, ja fast erschreckt, empor. -- Er
horchte. Drüben auf dem heute eingekommenen Bremer Schiff schlugen sie
vier Glasen -- war das erst zehn Uhr Abends oder zwei Uhr Morgens? Ehe
er aber nur ausgezählt und sich selber Rechenschaft über eine mögliche
Zeitbestimmung geben konnte, traf ein anderes Geräusch sein Ohr, das
ihn bestürzt zusammenfahren machte.
Unten, an seinem Schiff scheuerte ein Boot -- er fühlte es mehr, als
er es hörte, denn es ist ganz eigenthümlich, wie deutlich das fest
ineinander gefügte Holz eines Schiffes die leiseste Berührung desselben
von einem fremden Gegenstand fortpflanzt. Wenn nur der Kiel auf irgend
einer Untiefe leise den Sand scheuert, zittert es, von den Zehen
herauf, durch den ganzen Körper, bis in die Fingerspitzen hinein, wie
mit einem elektrischen Schlag, und das Anstoßen eines Bootes, selbst
vorn am Bug, hört man sogar bei verschlossenen Thüren bis in die
Kajüte hinein -- oder fühlt es vielmehr. Das mußte es auch sein, was
den Steuermann aus seinem bärenfesten Schlaf geweckt hatte, denn auf
weiter erinnerte er sich nichts, und wie er jetzt aufhorchte, hörte er
deutlich draußen am Schiff ein Geräusch, als ob jemand versuche daran
empor zu klettern.
„Wart’ Canaille,“ brummte aber der Seemann, wie er sich dessen nur
klar bewußt war, „dir will ich den Kitzel vertreiben!“ Und rasch nach
seinem Revolver tappend, griff er das Futteral, hob sich geräuschlos
von seinem Lager und glitt zu der Schanzkleidung. Er behielt aber nicht
einmal Zeit, erst hinüber zu sehen, wer und was ihn bedrohe. Kaum stand
er davor, so hob sich schon ein Kopf darüber hin, und Bohmeier -- nur
in dem einen Gefühl sein Leben gegen eine Bande von Strauchdieben zu
vertheidigen, hob seinen Revolver dicht vor die Stirn des Fremden und
-- drückte ab. --
Der Kapitän war indessen an jenem Abend ruhig an’s Land und zu seiner
gewöhnlichen Gesellschaft gefahren, wo sie dann die halbe Nacht bei
einer gemüthlichen Partie Whist verbrachten. Heute aber sollte er
keine Zeit dazu bekommen, denn er fand den bei seiner Fracht bedeutend
interessirten Kaufmann, der ihn schon mit Ungeduld erwartete, weil er
noch ein paar aus den Minen zurückgekehrte Matrosen aufgefunden, die
wahrscheinlich bewogen werden konnten, die Reise mit ihm zu machen.
Freilich durften sie dann nicht langen Raum zum Ueberlegen behalten,
und je rascher der Handel mit ihnen abgeschlossen wurde, desto besser.
Beide gingen auch augenblicklich daran, um sie aufzusuchen, fanden das
aber nicht so leicht, als sie anfangs gedacht, denn es gab schon damals
in San Francisco eine Menge von Plätzen, wo sich die Leute Abends
amüsiren konnten. Endlich -- es war fast um zwölf Uhr -- trafen sie mit
ihnen in einem der Spielzelte, im Eldorado, zusammen und gingen nun in
ein französisches Weinhaus, um dort das Nähere zu besprechen.
Die Bedingungen, die der Kapitän stellte, waren übrigens so verlockend
-- das Leben in Californien hatten sie auch auf eine Weile satt, -- daß
sie endlich darauf eingingen und sich bereit erklärten, morgen früh um
zehn Uhr mit ihren Kisten an Bord zu sein, und während der Kaufmann
versprach, alles Nöthige in der Stadt zu besorgen, daß sie bestimmt
schon morgen oder vielmehr heute ihre Fracht bekämen, war es nöthig,
daß der Kapitän selber augenblicklich an Bord seines eigenen Fahrzeugs
zurückkehrte, um dort mit seinem Steuermann alles zu besprechen. Mit
Tagesgrauen wollte er dann wieder zurück an Land sein. Lieber Gott, er
wäre die ganze Nacht hin und her gelaufen, nur um hier fort aus dem
verwünschten Land zu kommen, das er herzlich satt hatte. Jetzt war aber
die Aussicht dazu vorhanden, und er zögerte denn auch keinen Moment,
um wenigstens alles zu thun, was in _seinen_ Kräften stand, das
Auslaufen zu beschleunigen.
Rasch hatte er unten am Werft sein Boot gefunden, das dort an doppelter
Kette angeschlossen lag; das Ruder brachte er schon von oben mit herab,
wo er es bei einem Bekannten eingestellt, und stieß nun vom Land der
Richtung zu, in welcher sein Fahrzeug, die „Gesine Mengsen“ lag.
Es gehörte allerdings eine Geschicklichkeit dazu, sich in dem Gewirr
von Fahrzeugen, noch dazu „bei Nacht und Nebel“, zurecht zu finden. Der
Seemann hatte den Weg aber schon so oft gemacht, daß er nicht einen
Augenblick im Zweifel blieb, und seinen Cours so genau hielt, als ob er
nach dem Compaß steuere. So wand er sich zwischen den verschiedenen,
dort ruhig vor Anker liegenden Fahrzeugen durch, bis er seine Bark da
draußen, etwas weiter ab, erkennen konnte, und wrickte sein kleines
Boot dann scharf drauf zu. Er hatte sie auch bald erreicht -- das
gewöhnliche Wachtlicht brannte oben, aber sein Steuermann, der ihm erst
die Fallreppstreppe herunter lassen mußte, schlief wahrscheinlich
noch und er hielt also etwa zehn oder zwölf Schritt vor dem Schiff
und rief dasselbe an. -- Keine Antwort erfolgte. -- Er rief jetzt den
Steuermann bei Namen, laut und immer lauter -- alles umsonst, das
Fahrzeug schien wie ausgestorben und nichts an Bord regte oder rührte
sich. -- Was zum Henker, war denn da vorgegangen? -- Den Kapitän
überkam ein ganz unheimliches Gefühl -- sollte es wirklich der sich in
San Francisco herumtreibenden Bande gelungen sein, den Steuermann im
Schlaf zu überraschen und -- „Bohmeier!“ schrie er noch einmal, so laut
er konnte, „oh Bohmeier!“ -- Es war alles umsonst, er erhielt keine
Antwort, und wenn sich der unglückliche Mensch noch an Bord befand, so
lag er wahrscheinlich erschlagen an Deck in seinem eigenen Blut.
Dem Kapitän wurde es zuletzt unheimlich, und er beschloß endlich selber
nachzusehen, wie es da oben stand. Er mußte Gewißheit haben. Ohne
länger zu zögern, fuhr er auch jetzt an die Bark hinan, an welcher
er, wenn er sich hoch aufrichtete, eben die Klappen der Puttingbolzen
erreichen konnte, hob sich daran etwas in die Höhe, schob seine
Wurfleine durch die Rüsteisen, um das Boot erst fest zu machen, und
schwang sich dann selber dort hinauf. Es hatte allerdings einige
Schwierigkeit, aber es ging doch, und wie er nur erst seinen Fuß auf
die Leiste des Schandecks brachte, richtete er sich auch empor und
hob jetzt seinen Kopf über die Schanzkleidung, von wo er das Deck
überblicken konnte.
In demselben Moment und ehe er nur im Stand war, einen Ruf auszustoßen,
tauchte eine dunkle Gestalt dicht vor ihm empor, die er aber recht gut
erkannte -- es war sein eigener Steuermann Bohmeier, aber zugleich sah
er auch in die Mündung von dessen Revolver und -- klipp! klipp! klipp!
schlug dreimal rasch nacheinander der gegen ihn abgedrückte Hahn der
Waffe matt und erfolglos auf die Pistons nieder. --
„Ihr habt wieder einmal keine Zündhütchen aufgesetzt, Bohmeier,“
sagte der Kapitän mit der größten Seelenruhe, indem er noch in seiner
Stellung blieb.
„Herr du meine Güte, der Kaptain!“ schrie aber Bohmeier entsetzt auf,
indem ihm der Revolver vor Schreck aus der Hand fiel, „da hätte ich ja
beinah --.“
„Euren eigenen Kapitän todtgeschossen -- ja wohl,“ ergänzte dieser,
indem er jetzt über die Reling hinüber auf Deck sprang; „aber ohne
Zündhütchen geht’s eben nicht.“ --
„Ja aber Kaptain, um Gottes Willen, wo kommen Sie mitten in der Nacht
und so heimlich her?“ --
„Heimlich? Ich habe Euren Namen so lange und so laut über die Bai
gebrüllt, daß ihn das Echo jetzt jedenfalls auswendig kann -- Ihr seid
aber doch furchtbar nachlässig, Bohmeier.“ --
„Aber, bester Kaptain, es ist ja doch ein Heidenglück, daß ich heute
die verdammten Zündhütchen vergessen hatte --.“
„Na, ich bin auch nicht böse drüber, Bohmeier,“ meinte der Kapitän,
„denn sonst läg ich jetzt unten in acht Faden Wasser mit zerschossenem
Brägen -- aber dumm war’s immer.“
Damit war übrigens die Sache vollkommen abgemacht und es wurde nicht
weiter darüber gesprochen. Die beiden Seeleute hatten jetzt auch genug
zu thun, um ihre nöthigen Vorbereitungen zu treffen. Der Kapitän
fuhr dann wieder an Land, und schon um zehn Uhr kam ein Theil der
Leute an Bord. Ein Koch wurde ebenfalls aufgetrieben, ein Chinese;
Stewarddienste mußte einer der Leute auf der kurzen Fahrt versehen,
und wenige Tage später lichtete die Gesine Mengsen richtig ihre Anker
und segelte, aus dem ~golden gate~ hinaus, in den weiten blauen
stillen Ocean hinein.
Ende des zweiten Bandes.