Das Mädchen sprang die Treppe hinauf und Therese blieb mit zitternden

Knien unten auf der ersten Stufe stehen. Das war ihr Mann gewesen --

unter Tausenden hätte sie ihn im Nu herausgekannt, und ein Irrthum

blieb unmöglich. Aber was um des Himmelswillen wollte er hier? --

weshalb hatte er sie so böswillig verlassen, ja ihr nicht einmal einen

einzigen kleinen Brief, nicht ein Wort des Trostes gesandt, daß er

noch lebe und daß es ihm gut gehe. Und weshalb war sie jetzt vor ihm

geflohen? -- wußte sie es doch selber nicht. Im ersten Augenblick hatte

sie ihm an die Brust fliegen wollen, aber dann wieder trieb sie eben so

rasch ein ganz eigenes scheues Gefühl von ihm zurück. Sie mußte sich ja

erst fassen; sie mußte erst überdenken, was sie thun, wie sie handeln

sollte. Und wenn sie jetzt zurückkehrte und auf ihn zutrat und sagte:

„Ferdinand, wo bist Du so lange geblieben? Was hab’ ich Dir zu Leide

gethan, daß Du mich in Kummer und Elend allein gelassen hast?“ -- Aber

das ging nicht -- die vielen fremden Menschen um sie her. Und sollte

sie ihn nicht anreden? Das durfte sie ja doch auch nicht, denn war er

nicht möglicherweise selbst in diesem Augenblick auf dem Weg, um sie

selber aufzusuchen, und freute er sich nicht vielleicht eben so sehr,

sie wieder zu haben, wie ihr Herz ihm noch immer entgegenschlug, trotz

allem Herzeleid was er ihr angethan?

Aber sie wollte jetzt nicht übereilt handeln. Er wohnte ja hier im

Hause, diese Nacht verließ er dasselbe keinesfalls. Er hatte sie ja

auch nicht einmal gesehen und konnte keine Ahnung haben, daß sie ihm so

nahe wäre -- o, wie weh ihr das im Herzen that, daß sie glauben mußte,

er könne sie fliehen, wenn er um ihre Anwesenheit wüßte. -- So wollte

sie denn vor allen Dingen mit ihrer Schwägerin sprechen und diese um

Rath fragen; das schien eine verständige, resolute Frau zu sein, und

wenn er sie morgen aufsuchte, konnte sie ihm vielleicht am besten ins

Herz reden, daß er sein armes Weib nicht gar so elend machte.

Sie war auch in der That nicht im Stande, dies Gefühl noch die ganze

Nacht auf dem Herzen zu behalten, ohne sich ausgesprochen zu haben,

und ging ohne Weiteres zu der Frau hinauf, um dieser ihre Entdeckung

mitzutheilen.

Frau Müller war eben im Begriff, sich niederzulegen, denn sie fühlte

sich von der heutigen Reise ermüdet und angegriffen. Nichtsdestoweniger

hörte sie mit großer Aufmerksamkeit die Neuigkeit an und schüttelte nur

dann und wann mit dem Kopf, denn sie konnte sich nicht denken, was

den Mann veranlaßt haben mochte, sich um seine eigene Frau gar nicht

mehr zu bekümmern, und hierher zu kommen. Daß sie sich nicht in der

Person geirrt haben könne, betheuerte Frau Therese wieder und wieder,

wenn sie auch nur einen einzigen Blick auf den Mann geworfen; es war

nicht möglich und eben auch nicht wahrscheinlich. Lieschen wurde jetzt

nach dem Fremdenbuch geschickt, aber das gab ihnen ebenfalls keinen

Aufschluß: „Müller, Particulier, Hamburg, zum Vergnügen.“ Mit solchen

Nachrichten beruhigt sich wohl die Polizei die alle „vergnügten“

Menschen als harmlos betrachtet, so lange sie nicht zu vergnügt werden

und ihren Mitmenschen die Fenster einwerfen; aber den beiden Frauen

konnte dieser Selbstbericht nicht genügen, ja, machte sie eher noch

verwirrter. -- War der Mann denn wirklich ein Particulier geworden? --

Das Contobuch, das sich Madame ebenfalls heraufbringen ließ, bestätigte

wenigstens, daß er in ein paar Tagen schon sehr viel Geld verzehrt --

aber wo in aller Welt hatte er dann in der kurzen Zeit das Vermögen

herbekommen, und weshalb war er nicht schon lange zu seiner Frau

zurückgekehrt? -- Es half nichts, daß sie sich Beide den Kopf darüber

zerbrachen.

„Das Einzige, was wir thun können“, sagte die Frau endlich zu

Theresen, „ist, daß wir erst einmal morgen früh hören, was er will. Ich

lasse Sie dann wissen, wann er bei mir ist, und Sie bleiben so lange

auf Ihrer Stube, bis ich Sie herüber rufe. Bis dahin aber halten Sie

sich ihm lieber aus dem Weg und gehen deßhalb heute Abend nicht mehr in

das Wirthszimmer hinunter.“ Dabei blieb es.

Herr Particulier Müller hatte indessen sein Abendbrot unten beendet,

und wie das mit uns sehr häufig geschieht, daß wir, in welcher Lage wir

auch immer uns befinden mögen, eine Art von Genugthuung, ja stiller

Heiterkeit über uns kommen fühlen, wenn wir zu irgend einem festen

Entschluß in einer wichtigen Angelegenheit gelangt sind, so kam es

auch Herrn Müller vor, als ob ein drückendes Gewicht von ihm genommen

wäre und er jetzt erst wieder, nach langer Zeit, frei aufathmen dürfe.

Er beschloß also diesen „letzten Abend“ im Hotel -- denn morgen um

diese Zeit war er wer weiß wie weit -- auch noch würdig zu feiern,

und da ein Glas Wein, oder selbst eine ganze Flasche, bekannter Weise

nicht schmeckt, wenn man sie allein trinken soll, so war er genöthigt,

aus Mangel weiterer Bekanntschaft den stets bereiten Louis wieder

zuzuziehen.

Unter anderen Verhältnissen würde indessen Herr Louis Bedenken

getragen haben, dem fremden Gast -- wenn er auch mit dem Nimbus eines

Particulier umgeben auftrat -- auf den schmächtigen Reisesack hin

weiteren und gewissermaßen unbegrenzten Credit zu gestatten, denn

seine Rechnung war schon ganz bedenklich aufgelaufen. Heute aber, in

der gereizten Stimmung, in der er sich befand, und über düsteren,

unheilsvollen Zukunftsplänen brütend, schien er nur zu sehr geneigt,

kleine Hindernisse als nicht bestehend zu betrachten. Wenn die Welt zu

Grunde gegangen wäre, was lag heute Herrn Louis daran, und wie konnte

es ihm, von solchen Ideen erfüllt, da auf ein paar Flaschen Wein mehr

oder weniger ankommen?

Außerdem war die Frau heute Abend unwohl und keine Gefahr also, daß sie

noch einmal herunter kommen könne. So saßen denn die beiden würdigen

Leute wieder bis Nachts zwölf Uhr bei ihrem Glas Wein, und da sich

der Particulier Müller heute bei _sehr_ guter Laune fühlte und

Herr Louis zuletzt davon angesteckt wurde, so erzählten sie sich

Anekdoten und lustige Streiche aus ihrem oder anderer Leute Leben, und

wurden zuletzt so cordial zusammen, daß der Oberkellner endlich die

unausweichlichen Knackmandeln zum Vorschein brachte und der Gast in

höchst liebenswürdiger Weise nicht eins, nein, einen ganzen Teller

voll Vielliebchen mit ihm verzehrte.

Viertes Kapitel.

Wenn der Particulier Müller aber auch bis tief in die Nacht hinein

geschwärmt hatte, so war er doch trotzdem am frühen Morgen wieder auf,

denn heute galt es, den entscheidenden Streich zu führen -- länger

hätte er sich auch überdieß nicht in dem Hotel halten können, und je

früher am Morgen er damit begann, desto rascher kam er damit zu Ende.

Eine Nacht durfte er keinesfalls noch nachher im Hause bleiben.

Am vorigen Abend schon hatte er sich von seinem Freund, dem

Oberkellner, ein Rasirmesser geborgt, und wie es nur eben hell geworden

war, um die Operation vorzunehmen, klingelte er um seinen Kaffee und

etwas heißes Wasser, verschloß dann seine Thür und stutzte und rasirte

sich seinen Bart genau so, wie ihn das Portrait über der Kommode

trug. Auch die Haare ordnete er sich in ähnlicher Art, und als er

sich nachher im Spiegel mit dem Bild verglich, mußte er sich selber

eingestehen, daß die Aehnlichkeit eine vollkommene sei. Er konnte gar

nicht verfehlen, den Eindruck zu machen, den er beabsichtigte.

Die einzige Schwierigkeit war jetzt, in das Zimmer seiner Schwägerin zu

kommen, ohne dem Oberkellner vorher zu begegnen, denn Müller zweifelte

keinen Augenblick daran, daß diesem die Aehnlichkeit mit dem Bilde

ebenfalls auffallen müsse. Schlug der aber vor der Zeit Lärm, so war

die Sache kein Geheimniß mehr und dann vollkommen werthlos; seiner

Schwägerin wäre es nicht mehr eingefallen ihn abzukaufen. Uebrigens

hatte er sich schon am vorigen Tag den Gang gemerkt, durch welchen er

in das Zimmer der Frau gelangen konnte, ohne vorher die Treppe hinunter

und an der andern Seite wieder hinauf zu steigen. Aber vorher mußte er

sich melden lassen und dazu blieb ihm keine andere Person erreichbar

als der Hausknecht. Nur ob er ihn dazu bewegen konnte, war die Frage,

denn bis jetzt hatte er aus dem Burschen noch keine drei Worte

herausbekommen. Doch der Versuch mußte gemacht werden.

Die Thurmuhr -- eine eigene Uhr besaß Herr Müller schon lange nicht

mehr -- schlug eben acht, als er diesem würdigen Individuum klingelte.

Bald darauf erschien er mit drei oder vier Paar Stiefeln unter

den Armen, machte die Thür auf, rief herein: „Komme gleich!“ und

verschwand dann wieder, um die betreffenden Fußbekleidungen an ihre

entsprechenden Nummern abzuliefern. Nach einiger Zeit aber kehrte er

wirklich, mit der Kleiderbürste in der Hand, zurück -- denn was Anderes

konnte man von ihm verlangen? -- blieb in der Thür stehen und sagte,

sich überall nach einem auszubürstenden Kleidungsstücke umsehend:

„Na, wo is es?“

„Wo ist was?“ fragte Herr Müller, der sich indessen sein rothseidenes

Taschentuch vor das Gesicht hielt, damit der Bursche nicht sein

verändertes Aussehen bemerken sollte.

„Nu, der Rock oder die Hose,“ erwiderte der Bursche, „oder soll ich

Ihnen vielleicht einen Zahn ausreißen, denn Sie halten ja das Gesicht

so fest zu.“

„Bitte, lieber Freund,“ sagte aber Herr Müller, „thun Sie mir doch den

Gefallen und gehen Sie einmal hinüber zur Wirthin --“

„Geht mich nichts an,“ brummte aber der Hausknecht, indem er sich

wandte, um das Zimmer wieder zu verlassen; „das ist dem Kellner,

dem Mosche Luih seine Sache. Wenn ich ihn sehe, will ich ihn

heraufschicken.“ Er stand schon wieder auf der Schwelle, aber der

Fremde griff in die Westentasche, und das war eine Bewegung, die er nur

zu gut kannte und der er noch nie im Leben hatte widerstehen können.

„Lieber Freund,“ wiederholte auch jetzt der Fremde, indem er ihm ein

Fünfgroschenstück in die Hand drückte -- es war das letzte, das er sein

nannte -- „hätten Sie wohl die Freundlichkeit, für mich hinüber zu

gehen? Ich vertraue Ihnen die Bestellung lieber an.“

„Na, man ist ja kein Unmensch,“ sagte der Hausknecht, indem er das

Geldstück besah und in seine eigene Tasche gleiten ließ, „und was soll

ich drüben?“

Herr Müller trug schon seit gestern eine Karte bei sich, die er sich

ebenfalls von dem Kellner erbeten. Auf dieser hatte er mit Fractur --

um seine Handschrift nicht zu verrathen -- den Namen „Caspar Müller“

geschrieben und die Karte dann in einem Couvert versiegelt.

„Hier, diese Karte,“ sagte er jetzt, das Papier dem Hausknecht gebend,

„tragen Sie gleich zu Ihrer Madame hinüber und sagen Sie ihr, der Herr,

dessen Namen da drinnen stände, wünsche sie augenblicklich zu sprechen,

da er ihr etwas Wichtiges mitzutheilen habe. Verstanden?“

„Hm,“ sagte der Hausknecht und besah sich den kleinen Brief von allen

Seiten, „da steht ja gar nichts oben drauf.“

„Ist auch gar nicht nöthig. Sie wissen ja doch, wem Sie es übergeben

sollen.“

„Na, schön,“ erwiderte der Bursche, indem er das Couvert in seine

Westentasche zu dem Fünfgroschenstück schob, „werde es nachher

besorgen, wenn ich hier mit meiner Seite fertig bin.“

„Wenn Sie nicht gleich hinüber gehen, kann es mir nichts helfen,“ sagte

aber Herr Müller ruhig, „dann seien Sie so gut und geben Sie mir den

Brief und die fünf Groschen wieder -- die mag dann das Hausmädchen

verdienen.“

„Ne, das kann ich auch,“ meinte aber der jetzt gefügige Geselle, denn

schon eingestecktes Geld wieder herauszugeben, ging doch unmöglich an;

„wenn die Geschichte so eilig ist, mag sie ihn gleich haben, und Nummer

28 bis 19 muß eben warten, bis ich wiederkomme,“ und dabei drehte er

sich auf dem Absatz herum und ließ Herrn Müller jetzt zwar nicht mit

Zahnschmerzen, aber doch in einem Grad von Aufregung zurück, der ihm

das Herz wie ein Hammer in der Brust pochen machte und den Angstschweiß

auf die Stirn trieb.

Die Würfel waren aber auch jetzt gefallen; der Stein rollte, die

Kugel war aus dem Lauf, und keine Macht der Welt konnte sie wieder

zurückbringen. Der Name Caspar Müller bereitete die Frau auf Alles

vor, was sie zu erwarten hatte, und seine eigene Erscheinung nachher

mußte jedem etwa auftauchenden Zweifel ein Ende machen. Keinesfalls

wies sie auch das einzige Rettungsmittel von der Hand, das er ihr

bot. Was konnte ihr an den paar Hundert Thalern liegen, wo es ja den

häuslichen Frieden ihres ganzen Lebens galt. Und doch war ihm nicht

recht behaglich dabei zu Muthe, denn er dachte an seine eigene Frau --

was diese dazu sagen würde, wenn sie es wüßte, dachte an den Betrug den

er spielte, und mochte er ihn auch beschönigen wie er wollte, es blieb

doch immer nur ein Raub, den er verübte.

Aber konnte er etwa anders? Zwang ihn denn nicht die baare, blanke

Noth zu diesem Schritt, und hätte er nicht etwa gar stehlen müssen, um

sich nur am Leben zu erhalten, wenn ihm dieser Versuch fehl schlug?

-- Stehlen? -- Und war das hier etwa besser wie stehlen? einer armen,

alleinstehenden Frau, die sich nicht zu rathen und zu helfen wußte,

ja seiner eigenen Schwägerin eine Summe Geldes durch eine Lüge

abzupressen? Er mochte den Blick nicht zu dem Spiegel aufheben, an dem

er vorüberschritt, so schämte er sich vor sich selber, und unruhig

horchte er wieder und wieder an der Thür, ob denn die Antwort noch

nicht bald käme, daß er endlich von seinen peinlichen Gedanken und

Selbstvorwürfen erlöst würde. Und immer wieder horchte er vergebens,

denn so vollkommen vorbereitet die Wirthin auch auf den Empfang des

_Ferdinand_ Müller gewesen war, so unerwartet traf sie die Meldung

des Namens ihres eigenen verstorbenen Mannes, und so bestürzt war sie

darüber, daß ihre Bewegung nicht einmal dem sonst fast stumpfsinnigen

Hausknecht entgehen konnte.

„Und was für Antwort soll ich auf Nummer 36 bringen?“ fragte

dieser endlich, als die Wirthin noch immer wie gebannt auf den

verhängnißvollen Namen starrte, „er wartet d’rauf.“

„Ich -- ich werde ihn nachher rufen lassen,“ sagte die Frau, sich

gewaltsam sammelnd, „aber jetzt -- schicken Sie mir einmal gleich die

neue Wirthschafterin herauf -- hören Sie? Ich ließe sie bitten, den

Augenblick zu mir zu kommen, ich hätte ihr -- doch schon gut -- sagen

Sie ihr nur, daß sie augenblicklich kommt.“

Der Hausknecht drehte sich um, diesen neuen Auftrag auszuführen und

dann seine übrigen Stiefel fertig zu putzen. Die fünf Groschen hatte

er verdient und Nr. 36 jetzt weiter nichts zu thun, als eben zu

warten, bis er gerufen würde. Wie blaß aber die Frau geworden war, als

sie den Brief gelesen! was da wohl d’rin gestanden haben mochte --

gewiß war Jemand gestorben, doch was ging das ihn an; er sollte die

Wirthschafterin rufen, und war das geschehen, so hatte er auch mit der

ganzen Geschichte nichts weiter zu thun.

Nur wenige Minuten vergingen bis Frau Therese bei ihrer neu entdeckten

Schwägerin erschien, und was für wirre, peinigende Gedanken waren

dieser indessen durch Herz und Hirn gezuckt und hatten ihr Brust wie

Seele eingeschnürt, daß sie kaum athmen konnte. -- Wenn sich die Frau

nun gestern Abend geirrt -- wenn sie, durch die Aehnlichkeit getäuscht,

ihren eigenen Mann, den Caspar Müller, den sie die langen, langen Jahre

für todt und verloren geglaubt, für den ihrigen gehalten hätte -- wenn

er jetzt wiederkommen -- plötzlich zu ihr in’s Zimmer treten sollte.

-- Sie konnte den Gedanken nicht gleich fassen, denn zu plötzlich, zu

überraschend schnell war das Alles sich gefolgt, und rathlos, die Hände

gefaltet, den Kopf gesenkt, ging sie noch mit raschen Schritten in

ihrem Zimmer auf und ab, als sich die Thür öffnete und ihre Schwägerin

den Raum betrat.

„Sie haben mich zu sprechen gewünscht,“ sagte sie leise und sah sich

scheu im Zimmer um, denn sie hoffte halb, halb fürchtete sie, ihren

Gatten hier zu treffen, aber die Wirthin schob ihr nur die Karte hin

und „Caspar Müller“ las sie verwundert. Sie wußte nicht, was sie daraus

machen solle -- wie das mit dem was sie erwartete zusammenhing --

„Caspar Müller? Wer ist das? War das nicht _Ihres_ Mannes Name?“

„_Meines_ Mannes,“ bestätigte die Frau, „und diese Karte hat

mir der Fremde eben herübergeschickt, den Sie gestern Abend in der

Wirthsstube gesehen und für Ihren Mann gehalten haben.“

„Diese Karte? -- aber sein Vorname ist Ferdinand.“

„Und wissen Sie bestimmt, daß Sie sich nicht getäuscht? Die beiden

Brüder sollen sich immer ähnlich gesehen haben, und nie, nie konnte

ich bestimmte Nachricht von dem Tod meines Gatten erhalten. Er war nur

verschollen, und wie Andere, die mit ihm todtgesagt gewesen, wieder

nach einiger Zeit in Europa und in dem Kreis der Ihrigen erschienen, so

kann ja auch er zum Leben zurückgekehrt und mir erhalten sein.“

Therese seufzte tief auf, aber mit dem Kopf schüttelnd, sagte sie

leise: „Und wenn es Zwillingsbrüder gewesen wären, ich hätte sie von

einander gekannt, wenn ich sie so gesehen, wie gestern Abend meinen

Mann. O, Gott wollte ich recht von Herzen und auf meinen Knien danken,

wenn Ihnen der Gatte zurückgegeben würde, aber der, den ich gestern

Abend gesehen habe, war es nicht.“

„Und sind Sie davon fest und sicher überzeugt?“ fragte die Wirthin.

„Ich wollte den heiligsten und schwersten Eid darauf ablegen, aber“

fuhr sie fort, „wir haben noch ein anderes Mittel, uns zu überzeugen.

Dort liegt noch das Fremdenbuch von gestern Abend und meines Mannes

Handschrift. Hier --“ und sie nahm ihr Notizbuch aus der Tasche -- „ist

der letzte Brief, den ich von ihm erhalten habe. Sie selber besitzen

doch auch noch jedenfalls die Unterschrift ihres Mannes aus früherer

Zeit -- vergleichen Sie die drei Proben mit einander, und Sie werden

bald selber keinen Zweifel mehr hegen.“

„Sie haben Recht,“ rief die Wittwe rasch, indem sie ein kleines

Ebenholzkästchen aufschloß und ein Packet Briefe herausnahm. „Die

Unterschrift muß jeden Zweifel lösen, und jetzt werden wir gleich

sehen, woran wir sind.“ Sie hatte mit den Worten schon einen Brief

herausgenommen und geöffnet, aber die Schrift ihres verstorbenen

Mannes hatte auch nicht die entfernteste Aehnlichkeit mit dem in dem

Fremdenbuch eingetragenen Namen, während das Wort Müller in jeder

Einzelheit mit der Handschrift von Theresens Gatten correspondirte.

„Sie sehen selber, daß ich Recht habe,“ sagte Therese, „es bleibt kein

Zweifel mehr, es ist mein Mann; aber dann begreife ich nicht, wie er

dazu kam, Ihnen diese Karte zu schicken, die er selber geschrieben

haben muß.“

„Ich begreife es aber desto besser,“ sagte die Wittwe, deren Brauen

sich finster zusammenzogen, während sie, beide Hände aus den Tisch

gestützt, noch immer die Handschriften mit einander verglich, oder

wenigstens darauf niederstarrte, „doch davon werden wir uns selber

überzeugen, wenn wir den Herrn erst gesprochen haben,“ sagte sie

plötzlich, indem sie sich wieder aufrichtete und ihre Briefe verschloß.

„Bitte, liebe Therese, nehmen Sie ihren Brief wieder an sich und

das Fremdenbuch vor der Hand mit auf Ihr Zimmer, das Sie auch nicht

verlassen dürfen, bis ich Sie selber von dorther rufe. Wir wollen so

wenig wie möglich fremde Menschen bei der Sache haben.“

„Aber mein Mann --“

„Schicken Sie das Hausmädchen hinüber auf Nummer 36 und lassen Sie den

Herrn bitten, sich zu mir zu bemühen. Sagen Sie auch dem Mädchen, daß

sie ihn gleich selber zu mir führt; er möchte den Weg nicht wissen,

obgleich ich fast vermuthe, er hat sich schon danach umgesehen. Und dem

Mädchen tragen Sie dann auf, augenblicklich wieder zu Ihnen zu kommen,

damit sie mir hier nicht am Zimmer horcht. Es wäre vielleicht besser,

Sie sähen sich selber nach ihr um, denn Sie können ja in Ihrem Zimmer

hören, wenn sie dort vorbeigehen.“

„Und wollen Sie ihm sagen, daß ich hier, daß ich bei Ihnen bin?“

„Erst müssen wir vor allen Dingen erfahren, was ihn selber zu mir

führt, danach werden wir unsere anderen Maßregeln zu ergreifen haben.

Also vergessen Sie nicht, was ich Ihnen gesagt habe, und nun fort, denn

ich fürchte fast, Herr Müller da drüben, welchen Vornamen er nun auch

trägt, wird indessen ungeduldig geworden sein.“

Therese verließ das Zimmer, um die erhaltenen Befehle auszuführen,

wenn sie auch noch immer nicht begriff, auf was das Alles hinauslaufen

sollte. Weit rascher hatte dagegen die Wirthin des Fremden Absicht

aufgefaßt, denn von Jugend auf gewohnt, mit einer Menge der

verschiedensten Menschen zu verkehren, und diese nicht immer von ihrer

Lichtseite kennen zu lernen, war schon lange bei allen zweifelhaften

Fällen stets ihr erster Gedanke, daß das Ganze auf eine Gelderpressung

hinauslief, und Erfahrung hatte sie gelehrt, wie sie unter zehn

Fällen sieben- oder achtmal Recht gehabt. Und doch blieb ihr hierbei

räthselhaft und unbegreiflich, auf welche Weise ihr Schwager -- und

daß er es sei, bezweifelte sie jetzt selber nicht mehr, seitdem sie

die Handschriften miteinander verglichen -- beabsichtigt habe, seine

Rolle durchzuführen. Wenn er sich für ihren verstorbenen Mann ausgab,

mußte er doch auch darauf gefaßt sein, dafür zu gelten, und dann jeden

Tag fast eine Entdeckung des begangenen Frevels fürchten. -- Daß Herr

Louis aus ihm selber am besten bekannten Gründen ihr einen zweiten Mann

angedichtet hatte, wußte sie ja gar nicht.

Doch Alles mußte sich ja bald zeigen, denn Müller, der indessen drüben

auf Nr. 36 wie auf Kohlen gestanden und gewartet hatte, folgte der

Einladung augenblicklich -- das Mädchen konnte kaum Schritt mit ihm

halten, und schon hörte sie ihn draußen auf dem Gang.

„Herein!“ Die Thür öffnete sich und die Wittwe, die völlig darauf

gefaßt gewesen war, den beabsichtigten Betrug mit einem Blick zu

durchschauen, stieß unwillkürlich einen leisen Schreckensschrei aus,

als ihr Gatte -- ihr Caspar, wie sie ihn zuletzt gesehen, wie sie ihn

immer noch im Gedächtniß trug, auf der Schwelle stand und ihr die Hand

entgegen streckte. Aber vorsichtig zog er mit der andern dabei die

Thür hinter sich zu, denn das Mädchen brauchte von der Erkennungsscene

nichts zu sehen, und mit langsamen Schritten kam er jetzt auf die Frau

zu, die sich vor Schreck und Ueberraschung am Tisch festhalten mußte um

nicht in die Knie zu sinken.

Herr Müller beging dabei einen Fehler. Er warf einen, wenn auch nur

flüchtigen Blick durch das Zimmer, um sich zu überzeugen, ob Niemand

Anderes zugegen wäre, aber er fiel damit aus der Rolle, denn den

wirklichen Mann hätte in einem solchen Augenblick die Gegenwart von

hundert Zeugen nicht gekümmert.

Zu jeder andern Zeit hätte auch die Frau wohl schwerlich diesen

Mißgriff übersehen, aber dieser erste Moment der Ueberraschung war

zu groß für sie gewesen und wirkte zu bewältigend. Als ob sie eine

Erscheinung sähe, starrte sie ihn an, und Müller, dem der gemachte

Eindruck nicht entgehen konnte, sah sein Spiel gewonnen. So auf die

Frau zugehend und sie in seine Arme nehmend, sagte er leise und

zärtlich:

„Josephine -- kennst Du mich nicht mehr?“

Die Frau duldete die Umarmung; Wahrheit und Täuschung schien hier

so eng verkettet, daß sie sich nicht im Stande fühlte, beide gleich

von einander zu trennen. Wie stark auch die feste Ueberzeugung der

letzteren gewesen sein mochte, das, was lebend und athmend vor ihr

stand, rief mit der Erinnerung vergangener Zeiten Alles wieder wach,

was die langen Jahre in ihrem Herzen todt und begraben gelegen, und

ihren Kopf auf seine Brust legend, flüsterte sie:

„O, Caspar, Caspar, bist Du es denn wirklich? -- ja, Du mußt es

sein. Therese hat sich geirrt,“ fuhr sie fast leidenschaftlich fort.

„Du heißt nicht Ferdinand, und die schwere, schwere Zeit, die ich

durchlebt, ist jetzt vorbei. Jetzt bleibst Du bei mir und verläßt mich

nie, nie wieder!“

„Therese -- Ferdinand -- nie wieder verlassen?“ Herrn Müller überkam

bei den Worten ein ganz eigenes, unbehagliches Gefühl, denn während

die ersten Namen den unbestimmten Verdacht einer Entdeckung in ihm

wach riefen, war dieser leidenschaftliche Jubel, mit dem ihn die Frau

umschlang, nicht die Empfindung gewesen, auf die er seine ganze

Hoffnung gesetzt. Die Frau mußte in dem ersten Glück des Wiedersehens

ganz vergessen haben, daß sie schon wieder verheirathet sei. Auf

diese Wendung gar nicht vorbereitet, wußte er auch in der That nicht

gleich, wie er sich dabei benehmen sollte, und erwiderte nur, in aller

Verlegenheit, desto feuriger die Umarmung.

„Und wo, um Gotteswillen, bist Du so lange gewesen?“ fuhr die Frau

endlich fort, indem sie sich fast gewaltsam von ihm losmachte, und ihn

auf Armeslänge von sich haltend, aufmerksam betrachtete, „wo warst Du,

daß nicht eine Zeile von Dir mich erreichen und aufrichten konnte?“

„Ach, mein Herz,“ sagte Herr Müller, für diese Frage völlig gerüstet,

„in jener Schreckensnacht, als ich auf einem Stück Holz im Meere

schwamm, fischte mich ein Wallfischfänger auf und nahm mich mit

auf seiner Tour in die Südsee. Die erste Nacht war ich bewußtlos,

und später konnte er mich des schlechten Wetters wegen nicht mehr

aussetzen. Oben im Eismeer aber froren wir ein -- o, ich habe

schreckliche Zeiten mit durchgemacht, und als wir endlich loskamen und

ich ein anderes Schiff fand, das mich heimführen sollte, scheiterten

wir zum zweiten Mal an der russischen Küste -- und wie schwer es ist,

von dort wegzukommen -- glaubt gar Niemand -- der nicht selber dort

gewesen.“

Hüben und Drüben; Zweiter Band (2/3) Neue gesammelte Erzählungen · 第 13 / 15 段