Ueberlieferungen, ausersehen worden, und die Sache schon eine lange
Weile gut gegangen und unentdeckt geblieben. Heute wollte es aber
Lieschen’s böser Stern, daß Herr Louis gerade in dem unseligen
Augenblick den in die Küche führenden Gang betrat, als Sergeant Meier
eben seinen Deputat-Topf unter den Mantel schob. Nach dieser Begegnung
schien er aber ein längeres Zögern für unnöthig zu halten, grüßte den
verdutzten Oberkellner steif und militärisch mit der Hand an der Mütze,
machte rechtsumkehrt und verschwand durch die nächste Thür, während
Lieschen in aller Verlegenheit über die Entdeckung nicht gleich wußte,
ob sie sich ebenfalls entfernen oder bleiben sollte.
„So?“ machte aber Herr Louis, der seine Sprache wieder erlangte, als
der handfeste Sergeant verschwunden war, ihren Zweifeln ein Ende;
„das sind mir ja schöne Geschichten! Also das Essen schicken wir aus
dem Haus, mischen uns in die Militärfrage, haben einen Sergeanten zum
Liebsten und benutzen das Hotel Müller zu einer Speiseanstalt für
verwahrloste Krieger?“
„Aber bester Herr Louis!“
„O ja, jetzt heißt es bester Herr Louis,“ fuhr aber der gereizte
Oberkellner fort, indem er seine rechte Chausseeseite mit Gewalt zum
Aufsträuben brachte „und sonst kann man kaum einen freundlichen guten
Morgen über die Lippen bringen! Fräulein Lieschen -- ich bedaure, diese
Entdeckung gemacht zu haben.“
„Aber bester Herr Louis,“ fuhr das arme Mädchen fort, denn sie
fürchtete jetzt nichts mehr, als daß es der beleidigte Oberkellner
‚der Frau‘ sagen würde, -- „es war ja wirklich nur das erstemal und
soll nie, nie wieder geschehen. -- Ich hatte mir ja doch auch nur mein
eigenes Abendbrot aufgehoben, weil ich gestern Abend nichts essen
konnte.“
„Ihr eigenes Abendbrot, so?“ bemerkte aber Herr Louis spöttisch, „und
das war wohl kein Truthahnbein, was aus dem Topf herausguckte?“
„Nichts wie ein Carbonadenknochen -- wirklich, Sie können mir es
glauben -- und an dem überdies nur noch das halbe Fleisch!“ betheuerte
das Mädchen. „Seien Sie doch nicht so häßlich; ich thue Ihnen ja auch
Alles zu Gefallen, was ich nur kann.“
„Ja wohl,“ bemerkte Herr Louis, „nicht einmal ein Vielliebchen wollten
Sie mit mir essen.“
„Ach, ich hatte in dem Augenblick gerade so viel zu thun. Warum sollte
ich denn kein Vielliebchen mit Ihnen essen wollen; da ist doch gar
nichts dabei. Wenn Ihnen das Freude macht, mit Vergnügen.“
Herrn Louis’ Herz schmolz. Selbst der Sergeant schwand in dem
Augenblick in ein Atom zusammen. Während er noch unwillkührlich, wie
ein dumpf nachgrollendes Gewitter, mit der linken Hand durch die
entsprechende Chausseeseite fuhr, suchte die rechte schon in der Seite
der Jackentasche ein paar gefangen gehaltene Knackmandeln, und mit den
versöhnenden Worten: „Nehmen Sie sich nur um Gottes Willen in Acht,
daß Ihnen die Frau nicht einmal bei einer solchen Militärversorgung in
den Weg läuft,“ brach er die Mandel auf und reichte Lieschen die eine
Hälfte des Zwillingspaares.
„Aber passen Sie auf, Herr Louis, ich gewinne es Ihnen ab.“
„Darauf riskir ich’s!“ versicherte der Oberkellner, indem er seine
Hälfte auf den Kopf biß.
„Aber unten in der Wirthsstube gilt es nicht, Herr Louis,“ verwahrte
sich Lieschen, „denn wo man seinen Dienst hat, kann man nicht an solche
Sachen denken.“
„Topp,“ versicherte Herr Louis, äußerst coulant in allen solchen
Bewilligungen, wo er erst einmal Jemanden fest in seinem Netz hatte.
„Frau Müller nicht zu Haus?“ sagte in diesem Augenblick eine Stimme,
nach der sie sich etwas überrascht umsahen. Sie gehörte auch einer noch
nicht alten Dame oder Frau -- Herr Louis wußte nicht gleich, zu was er
sie rechnen sollte, -- die gerade durch die offene Hausthür trat und
einen einfachen braunen Hut auf, und einen Shawl umhängen hatte.
„Nein -- verreist,“ sagte er übrigens kurz, denn er wünschte in diesem
Augenblick nicht gestört zu werden.
„Und wann kommt sie zurück?“ fragte die Fremde artig.
„Heute -- Zeit unbestimmt.“ Damit wandte sich Herr Louis ab und wollte
Lieschen eben noch eine Bemerkung mittheilen, als ihn eine andere
Stimme ganz unerwarteter Weise an seine Pflicht mahnte.
„Nun, Louis -- hören Sie denn nicht wie drinnen geklingelt wird? Was
habt Ihr Beiden denn hier draußen zu stehen und zu schwatzen? Man darf
doch nur den Rücken wenden -- und es geht Alles drunter und drüber --
Sie mein’ ich, Herr Oberkellner! Haben Sie mich verstanden?“
Herr Louis mußte es verstanden haben, denn die Aufforderung war gar
nicht falsch zu verstehen, er selber aber über das plötzliche und
unverhoffte Erscheinen der Frau, wie über die barsche Anrede -- noch
dazu vor dem Stubenmädchen -- so verdutzt geworden, daß er im ersten
Moment wie vor den Kopf geschlagen dastand. Die letzten Worte aber
brachten ihn wieder zu sich selber.
„Bitte um Verzeihung, Madame,“ sagte er würdevoll, „wurde eben
herausgerufen, da die Frau da --“ und er zeigte mit dem Daumen über
die Achsel nach der Fremden, „Sie zu sprechen verlangte; Ich versäume
nie meine Pflicht,“ und mit einer leichten, aber stolzen Verbeugung
schwenkte er rechts ab und in die Wirthsstube hinein. Lieschen hatte
schon den vorhergegangenen Moment benutzt, um in die Küche zu fahren
und der Frau außer Sicht zu kommen.
Die Wirthin hatte sich indessen nach der Fremden umgesehen, der es
natürlich nicht entgehen konnte, wen sie hier vor sich hatte. Mit einem
leichten Gruß überreichte sie ihr auch, ohne weitere Worte, einen schon
bereit gehaltenen Brief, den Frau Müller öffnete, flüchtig übersah,
und dann die vor ihr Stehende von Kopf bis zu Füßen, musternd, etwas
freundlicher als bisher, sagte:
„Kommen Sie mit hinauf auf mein Zimmer. Was wir mit einander zu reden
haben, können wir doch nicht hier auf der Hausflur abmachen.“
Frau Müller war in der That noch eine rüstige, selbst hübsche Frau von
stattlichem Aeußern, nur mit einem sehr entschiedenen fast männlichen
Benehmen, wie es freilich ihre lange selbstständige und unabhängige
Stellung mit sich gebracht, und die Fremde schien sich beim ersten
Begegnen gedrückt davon zu fühlen. Das verlor sich aber bald, oder
milderte sich wenigstens bei einer längeren Unterhaltung, die das
Interesse Beider in Anspruch nahm.
Frau Müller suchte nämlich eine Wirthschafterin, und die eben
eingetroffene Frau brachte ihr einen Empfehlungsbrief von einer
Freundin, in dem sie ihr das beste Zeugniß gab und ihr Engagement warm
befürwortete. Die Frau hatte oben im Zimmer, als sie nur eben Hut und
Tuch abgelegt, den Brief noch einmal aufmerksam durchlesen und sagte
dann, sich schon mit einem viel freundlicheren Gesicht zu der Fremden
wendend:
„Also Sie haben Lust bei mir die Wirthschaft zu führen und glauben
derselben vorstehen zu können? -- Aber bitte, setzen Sie sich doch --
Sie sind mir hier durch Frau Ludloff warm empfohlen worden.“
„Ich habe wenigstens den besten Willen,“ sagte die Fremde schüchtern,
indem sie der Einladung Folge leistete.
„Und Ihr Name ist? -- meine Freundin nennt Sie hier in dem Brief nur
bei Ihrem Vornamen, Therese.“
„Wie der Ihrige -- Müller!“
„Der Name ist allerdings ziemlich allgemein. Sie waren verheirathet?“
„Ich bin es noch,“ seufzte die Fremde, „aber mein Mann verließ mich
vor fünfzehn Monaten schon, um irgendwo eine Beschäftigung für sich --
eine Heimath für uns zu suchen und -- kehrte nicht zurück -- schrieb
auch nicht, und ich kann jetzt nicht anders glauben, als daß ihn
irgendwo ein Unglück betroffen hat. Bis jetzt ernährte ich mich auch
mit weiblichen Arbeiten, denn Vermögen besaßen wir nicht -- aber diese
werden ja zu ärmlich bezahlt; meine Augen verhinderten mich außerdem,
Abends bei Licht zu arbeiten, und ich sah bald, daß ich mich damit
nicht am Leben erhalten konnte. Da rieth mir Frau Ludloff, die mich
viel beschäftigt und sich stets sehr freundlich gezeigt hatte, mich an
Sie zu wenden, und da sie selber glaubte, ich würde diese Stelle zu
Ihrer Zufriedenheit ausfüllen können, so -- wagte ich es, mich Ihnen
vorzustellen. Wollen Sie einen Versuch mit mir machen, so werde ich
gewiß Alles thun, was in meinen Kräften steht, mir Ihre Zufriedenheit
zu erwerben.“
Ein eigener schmerzlicher Zug hatte sich über das Antlitz der Wirthin
gelegt, als sie dem einfachen und doch so wehmüthigen Bericht der
Fremden lauschte; schilderte diese doch auch einen Theil ihrer eigenen
Geschichte, wenn sie selber auch nie mit Nahrungssorgen zu kämpfen
gehabt. Aber sie wußte dafür um so besser, wie weh es thut, den
Gatten zu verlieren und dann noch Monate -- Jahre lang zu zweifeln,
ob er wirklich verloren sei -- zu hoffen, daß er wiederkehre, und
dann seine Hoffnung immer und immer wieder getäuscht zu sehen. -- Und
was mußte die arme Frau Alles durchgemacht haben, die da still und
in ihr Geschick ergeben vor ihr saß und sich ihren Weg durch dieses
Leben allein und freundlos nun erkämpfen mußte. -- Sie fühlte tiefes
Mitleiden mit ihr und beschloß, sie jedenfalls anzustellen. Zeigte sie
sich dann auch nicht gleich in allem Anfang recht geschickt für ihren
neuen Dienst, so ließ sich ja Alles lernen, wenn man nur ein wenig
Geduld mit ihr hatte.
„Und haben Sie lange in Breslau gelebt?“ fragte sie endlich, um in
ihrer Entscheidung nicht zu rasch und voreilig zu scheinen.
„Nur zwei Jahre,“ lautete die Antwort, „mein Mann war früher Reisender;
als wir uns aber verheiratheten, gab er das auf, um ein eigenes
kleines Geschäft in Hamburg zu gründen. Wir hatten jedoch Unglück; ein
Brand zerstörte Alles, was wir besaßen, ohne daß ein Stück versichert
gewesen, und -- wie das so geht,“ setzte sie zögernd hinzu, „ein
Unglück kam zum anderen, bis es uns endlich -- gänzlich ruinirte.“
„Wie hieß Ihr Mann mit Vornamen?“ fragte da die Wirthin, die bei dem
letzten Bericht aufmerksam geworden war.
„Ferdinand,“ lautete die Antwort.
„Aus Danzig gebürtig?“
„Haben Sie ihn gekannt?“ fragte die Fremde erstaunt, „er war allerdings
in Danzig zu Haus.“
„Ihn nicht,“ seufzte die Wirthin und schüttelte traurig mit dem Kopf,
„aber hat er Ihnen nie erzählt, daß er einen Bruder gehabt?“
„Allerdings; doch wie es scheint, haben sich die beiden Brüder nie
recht mit einander vertragen können; wenigstens keinen Verkehr
mitsammen gehabt.“
„Weil --“ wollte ihr die Wirthin rasch erwidern; aber noch ehe sie
weiter sprach, fiel ihr ein, daß sie der armen Frau mit ihrer Antwort
wehe thun müßte; sie brach deshalb kurz und freundlich ab, „aber
das sind Sachen, die uns jetzt zu fern liegen und der Vergangenheit
angehören; nur daran haben wir uns noch zu halten, daß wir eigentlich
Verwandte, und zwar ganz nahe Verwandte sind.“
„Wir Beide?“ rief die Fremde erstaunt.
„Allerdings,“ sagte die Wirthin; „unsere Männer waren Brüder, und oft
habe ich den meinigen von seinem Bruder Ferdinand sprechen hören.“
„Du großer Gott!“ seufzte die Fremde -- aber wie es schien, mehr
erschreckt als erfreut, „davon hatte ich freilich keine Ahnung, und
was müssen Sie jetzt von mir denken, daß ich mich da gerade in meiner
bedrängten Lage an Sie gewandt.“
„Lassen Sie sich das um Gottes Willen keine Sorge machen,“ sagte die
Wirthin gutmüthig. „Erstlich thaten Sie es unbewußt, und dann verlangen
Sie ja auch von mir gar keine Unterstützung. Sie bieten mir Ihre Arbeit
gegen einen entsprechenden Gehalt, und die Verwandtschaft soll da
wahrlich kein Hinderniß sein -- wenn Sie selber sich nicht gedrückt
dadurch fühlen. Aber da thäten Sie großes Unrecht,“ setzte sie fast
herzlich hinzu, „denn ich hoffe, daß wir uns recht gut mit einander
vertragen werden. Keine weitere Einrede, Frau Therese,“ lachte sie,
„denn den Namen Müller müssen wir bei Seite lassen, sonst gäbe es
nichts als Verwirrung im Haus; und jetzt kommen Sie mit mir, daß ich
Ihnen gleich Ihr Zimmer anweisen und einen kurzen Ueberblick über Ihre
Pflichten geben kann, alles Uebrige machen wir dann später in Ruhe ab,
wenn Sie erst einmal bei mir eingezogen sind.“
Sie ließ auch in der That keine Einrede gelten, führte die Schwägerin
selber hinüber in das für sie bestimmte freundliche Gemach, ließ
ihre Sachen aus dem Gasthaus holen, in dem sie abgestiegen war, und
versprach ihr dann, die ersten Tage mit ihr Alles gemeinschaftlich zu
besorgen, damit sie sich erst in das Haus eingewöhne, nachher würde es
nicht die geringste Schwierigkeit haben, wenn sie es allein besorgen
sollte. Sie erzählte ihr dabei, daß sie allerdings die Absicht gehabt
habe, die ganze Wirthschaft zu verpachten und sich vollständig von
allen Geschäften zurückzuziehen, denn eigentlich gehöre zur richtigen
Führung eines solchen Anwesens ein Mann, und da sie nicht wieder zu
heirathen gedenke, wäre sie doch gezwungen, es mit der Zeit aufzugeben.
Bis sie aber Jemanden gefunden habe, der ihr auch wirklich convenire,
wolle sie es doch lieber selber fortführen, denn einmal habe sie es
von ihren Eltern überkommen, und dann auch werfe es wirklich einen zu
guten Nutzen ab, um es eben unnöthiger Weise und aus freien Stücken
aufzugeben.
Das besorgt, ging sie wieder in ihr Zimmer hinüber und ließ Herrn Louis
zu sich heraufrufen, der aber dem Befehl nicht eher Folge leistete,
bis er sich in seiner eigenen Kammer davon überzeugt hatte, daß sein
Chemisette tadellos sei und sein Toupet nichts zu wünschen übrig lasse.
Dann meldete er sich bei der Frau.
„Louis,“ redete ihn diese an, ohne seine Toilette auch nur eines
Blickes zu würdigen, denn sie war gerade mit der Durchsicht einiger
Papiere beschäftigt; „ich habe heute eine Wirthschafterin in’s Haus
genommen, die an meiner Statt die Leitung des Hotels übernimmt, und
deren Anordnungen Sie in jeder Weise folgen werden. Haben Sie mich
verstanden?“
„Madame!“ sagte Louis, durch diese Eröffnung nicht unerheblich
bestürzt, denn diese Wendung lief seinen eigenen Hoffnungen und
Wünschen schnurstracks entgegen.
„Nun?“ sagte diese und wandte den Kopf nach ihm um, „haben Sie
vielleicht etwas dagegen einzuwenden?“
„Ich?“ rief Herr Louis erschreckt, „bitte, Madame -- wie kommen Sie
darauf. Ich -- ich hatte nur gehofft --“
„Was?“
„Daß ich -- daß ich selber vielleicht im Stande sein würde --“
„Im Stande? Was? So reden Sie doch deutlich heraus, und machen Sie
dann, daß Sie wieder hinunter auf Ihren Posten kommen. Was hatten Sie
gehofft?“
„Daß ich selber im Stande sein würde, Ihr Vertrauen so weit zu
rechtfertigen,“ brach jetzt Herr Louis mit einem verzweifelten
Entschluß aus, „mir die Leitung Ihres Hauses anzuvertrauen, denn eine
Dame --“ er stak wieder fest.
„Ihnen? So?“ sagte die Frau und wandte sich gegen ihn um, „und nicht
einmal den Rücken kann man wenden, ohne daß Sie hinter dem Lieschen her
sind und ihr mit Ihren Albernheiten keine Ruhe lassen.“
„Aber Madame --“
„Ich weiß Alles,“ unterbrach ihn aber die Frau. „Mit Ihrem dummen
Vielliebchenessen, mit dem Sie Gott und die Welt quälen und mir jeden
Monat beim Kaufmann eine Rechnung von ein paar Thalern für Knackmandeln
auflaufen lassen -- Und das Lieschen --“
„Aber Madame!“ rief jetzt Herr Louis noch einmal, denn die
Beschuldigung mit dem Stubenmädchen traf ihn um so tiefer, weil sie
nicht ganz unbegründet war, „glauben Sie denn wirklich, daß ich mich so
wegwerfen würde, um mit der Mamsell ein Verhältniß anzuknüpfen? Nein,
ich habe größeren Ehrgeiz, denn, die Knackmandeln ganz abgerechnet,
die nun einmal bei einem anständigen Dessert nicht fehlen dürfen,
trage ich die Ueberzeugung in mir, daß ich dem ersten Hotel der Welt
würdig vorstehen könnte, und wenn ich bis jetzt alle die mir gemachten
brillanten Anerbietungen von der Hand wies -- wenn ich bis jetzt --“
und sein Auge haftete mit leidenschaftlicher Gluth auf der Wittwe,
während er fast unwillkürlich mit dem rechten Fuß ausschritt und die
rechte, etwas große und rothe Hand mit weit ausgespreizten Fingern
gegen sie streckte, „selbst meinem Herzen einen unnatürlichen Zwang
auflegte und da schwieg, wo meine ganze Seele --“ er stak fest, denn
die Frau hatte sich ganz erstaunt nach ihm herumgedreht und ihr Blick
brachte ihn vollständig aus dem Concept.
Wohl hatte er sich diese Rede, gerade den günstigen Zeitpunkt geduldig
abwartend, oft und oft in seiner eigenen Stube und vor dem kleinen
schmalen Spiegel einstudirt, aber dabei natürlich nur immer in sein
eigenes unwiderstehliches Gesicht geschaut. Jetzt fand er sich aber der
Wittwe selber gegenüber, und der Ausdruck ihrer Züge war dabei ein so
wenig ermunternder, daß er den Faden vollständig verlor und gerade im
entscheidenden Moment, wie schon erwähnt, gründlich stecken blieb.
„Sagen Sie mal, Louis,“ nahm da für ihn die Frau das Wort, seine
poetische Rede mit einer höchst prosaischen Wendung unterbrechend,
„Sie haben wohl heute zu Ihren Knackmandeln Rothwein getrunken? --
oder sind Sie übergeschnappt? In beiden Fällen bleibt mir weder Zeit
noch Lust, Ihren Unsinn anzuhören; haben Sie deshalb die Güte, sich
wieder hinunter zu bemühen und Ihren Geschäften nachzugehen -- wenn
Sie es nicht vielleicht vorziehen sollten, sich in’s Bett zu legen. --
Schon gut -- Sie sehen, daß ich zu thun habe. Die neue Wirthschafterin
heißt Frau Therese, und daß ich von ihr keine Klagen über Sie höre
wie die bisherigen, -- sonst müßte ich Sie Ihren übrigen brillanten
Anerbietungen überlassen. Jetzt machen Sie, daß Sie hinunterkommen.“
Dieser letzte Befehl war zu deutlich, als daß er noch eine fernere
Zögerung gestattet hätte, und Herr Louis, aus all’ seinen Himmeln
gestürzt, und in einer Stimmung, in der er eine Welt hätte vergiften
können, mußte wieder hinunter in das Gastzimmer und mit der Serviette
unter dem Arm die Gäste fragen, ob sie zu ihrem Beefsteak Kartoffeln
oder Salat wünschten.
Drittes Kapitel.
Oben in der Stube auf Nr. 36, saß indessen der „Particulier Müller“ und
brütete über einem großen Gedanken.
„Das ist meine einzige Rettung,“ flüsterte er leise vor sich hin, indem
er, den Kopf in die Hand gestützt, in der Sophaecke saß und wieder das
Bild anstarrte, „wir sind uns immer so ähnlich gewesen, daß wir oft mit
einander verwechselt wurden -- ich habe sogar einmal für meinen Bruder
unschuldiger Weise Prügel bekommen. -- Wenn ich jetzt vor sie hinträte
-- wenn ich ihr sagte: Josephine kennst Du mich nicht mehr? Bin ich Dir
so ganz fremd geworden? Hast Du Deinen Caspar in den wenigen Jahren
schon vergessen? -- Dann ist sie nicht mehr im Stand an eine Täuschung
zu glauben. Die Zeit drängt dabei. -- Der neuen Banden wegen, die sie
fesseln, müssen die alten vor der Welt geheim gehalten werden. Ich
ehre ihr Unglück -- ich bin erbötig, mit dem ersten Schiff Europa zu
verlassen und ihr in einem fremden Welttheil die Ruhe, den Frieden
zu sichern, aber -- mir fehlen dazu die Mittel. Fünfhundert Thaler
setzen mich dazu in Stand, den für Beide nothwendigen Schritt zu thun
-- fünfhundert Thaler sind für sie eine Kleinigkeit -- ihre alte Liebe
kommt dazu -- Reue über das Geschehene, was glücklicher Weise nicht
mehr zu ändern ist, und morgen -- kehre ich zu meiner armen Frau zurück
und beginne mit dem Geld ein neues Geschäft. Ich will ja arbeiten, wenn
mir nur die Hände nicht mehr gebunden sind, wenn ich mich erst wieder
frei bewegen kann. Ich will das alte leichtsinnige Leben abschwören,
ich will ein ordentlicher, fleißiger Mann werden, und das hier soll der
letzte leichtsinnige Streich sein, den ich mache, darauf gebe ich mir
selber Hand und Wort.“
Er war aufgesprungen und lief wohl noch eine Viertelstunde mit raschen
Schritten in seinem Zimmer auf und ab.
Die Wirthin war zurückgekommen; von dem Hausmädchen hatte er es gehört,
und es galt jetzt, keine Zeit mehr zu versäumen. Der Boden brannte ihm
unter den Füßen, und je eher er sich dieser ihm drückend werdenden
Lage entzog, desto besser. Außerdem wußte ja auch der Kellner, daß
er die Frau vom Hause sprechen wolle, und würde ihm sicher, auf den
schmächtigen Reisesack hin, keinen längeren Credit bewilligt haben.
Was er zu thun hatte, wußte er auch genau, und um das Eisen zu
schmieden, so lange es heiß war, klingelte er dem Oberkellner und bat
diesen, ihn bei der Frau zu melden -- wenn sie ihn nämlich heut Abend
noch annehmen wolle, denn es war indessen fast neun Uhr geworden.
Herr Louis, eben nicht in der Laune, die Frau heute Abend noch einmal
aufzusuchen, schüttelte aber dazu mit dem Kopf. Sie hatte schon vorhin
über Kopfschmerzen geklagt und das Stubenmädchen ihr eben Camillenthee
hinaufbringen müssen. Bei Nachtzeit machte man auch keiner Dame einen
Besuch, und hatte es so lange Zeit gehabt, so konnte er auch ebenso gut
bis morgen früh warten.
Eigentlich war ihm das nicht unlieb, denn im andern Fall hätte er an
dem nämlichen Abend fortgemußt, und so stand ihm noch ein gutes Souper
mit ein paar Flaschen Wein und ein vortreffliches Bett die Nacht zu
Gebot. Die ganze Rechnung ging doch jetzt in einem hin, und es verstand
sich von selbst, daß er unter solchen Umständen keinen Pfennig davon
bezahlte. Damit also einverstanden, fragte er nur den Kellner, wann er
die Frau morgen früh sprechen könnte, und als dieser ihm sagte, daß sie
schon um sieben Uhr aufstände und um halb acht fertig angezogen wäre,
ging er jetzt selber in den Speisesaal hinunter, um sein Abendbrot zu
verzehren.
Lieschen, die Kellnerindienste mit versehen mußte, wenn viele Gäste
da waren und dann besonders das Essen zu überwachen hatte, war gerade
beschäftigt, dem Particulier Müller ein Couvert aufzulegen, und dieser
hielt die Weinkarte in der Hand und studirte eben die Sorten nach,
als die neue Wirthschafterin in den Saal kam, um Lieschen zu der
Frau hinauf zu beordern. Sie trat auch bis zum Tisch, und Lieschen’s
Schulter berührend, theilte sie ihr leise die empfangene Ordre mit,
als ihr Blick zufällig auf den Gast fiel, dessen Gesicht von dem vor
ihm stehenden Lichte hell beschienen wurde. Sie sah ihn stier an und
jeder Blutstropfen verließ dabei ihre Wangen, aber fast unwillkürlich
drehte sie sich auch von ihm ab und schritt in demselben Augenblick
dem Ausgang wieder zu, als Müller aufsah und eben nur noch ihre
fortschreitende Gestalt erkennen konnte. Aber er erschrak -- war
_das_ die Wirthin gewesen?
„Wer war die Dame,“ fragte er rasch Herrn Louis, der eben mit dem als
Vorspeise bestellten Caviar zu seinem Tisch trat.
„Dame --“ sagte aber Herr Louis, verächtlich die Nase rümpfend, indem
er einen Blick über die Achseln hinter ihr herwarf, „schöne Dame --
das war die neue Haushälterin, die hier die Wirthschaft führen soll
-- eine schöne Wirthschaft, die das werden wird, und ich wenigstens
beabsichtige in nächster Zeit mein Bündel zu schnüren. Denke gar nicht
daran, jeder Gans allergehorsamsten Diener zu spielen.“
Herr Louis war gereizt, da aber die neue Haushälterin Herrn Müller
nicht im Geringsten interessirte, so machte er sich über den Caviar
her, bestellte sich eine Flasche Markobrunner und fühlte sich bald so
behaglich, wie sich ein Mann unter solchen Umständen nur fühlen kann.
Die neue Wirthschafterin hatte indessen kaum mit dem ihr folgenden
Mädchen den Gang erreicht, als sie stehen blieb und sie fragte, ob sie
den Herrn kenne, dem sie eben das Gedeck aufgelegt.
„Gewiß“ lautete die Antwort, „er logirt ja seit ein paar Tagen bei uns
und hat auf die Madame gewartet, die er wegen irgend etwas sprechen
muß.“
„Und die Frau weiß noch nicht, daß er hier ist?“
„Wenn’s ihr Herr Louis nicht heute Abend gesagt hat. Es war ja schon
spät, wie sie ankam. Kennen Sie ihn?“
„Ich? -- nein“, lautete die ausweichende Antwort, „aber machen Sie
nur, daß Sie zur Frau hinaufkommen; sie hat schon zweimal nach Ihnen
verlangt.“