Schade, daß seine etwas stumpfe Nase nicht mit dem Ganzen harmonirte.

Selbst dem geistreichsten Gesicht giebt außerdem ein in der Mitte

gescheiteltes Haar stets einen „minder geistreichen Ausdruck“, um mich

so artig wie möglich auszudrücken, und Mosje Louis besaß unglücklicher

Weise nicht einmal ein geistreiches Gesicht. Er sah eigentlich schon,

ohne künstliche Vorrichtung, von Natur etwas dumm aus. Aber jene

glückliche Selbsttäuschung, die den Schwindsüchtigen mit frischer

Lebenshoffnung erfüllt, half auch Mosje Louis über diese weit geringere

Unbequemlichkeit des Lebens hinweg. Er selber hielt sich für schön, ja

für unwiderstehlich, und sein kleiner Unterkellner, der leider jetzt im

Bett lag und krank war, wollte sich über seine Witze immer vor Lachen

ausschütten.

Mosje Louis erschien also, warf einen etwas erstaunten Blick auf den

frühen Gast, einen schmachtenden auf das Stubenmädchen und sagte leise:

„Guten Morgen, Lieschen!“

„Guten Morgen, Herr Louis!“ erwiderte das junge Mädchen, ohne weiter

Notiz von ihm zu nehmen. Sie war mit ihrer Arbeit gerade fertig

geworden, überschaute das Zimmer noch einmal flüchtig und verschwand

dann mit den Worten, bei denen sie auf den Fremden deutete: „halbe

Kaffee und Glas Cognac!“ aus der Thür.

Herr Louis sah ihr freundlich zunickend nach, da er aber ihrem Blick

nicht wieder begegnen konnte, nahm er sein sehr groß geblümtes

rothseidenes Taschentuch aus der Jackentasche, schneuzte sich mit

vielem Geräusch, trat dann, während sich der Fremde nach ihm umsah, auf

diesen zu und sagte, indem er das Tuch wieder in die Tasche zwängte und

sich die Hände lebhaft rieb:

„Guten Morgen!“

„Guten Morgen,“ sagte der Fremde kurz und musterte den Burschen von

Kopf bis zu Füßen.

„Mit dem Frühzug gekommen?“

„Ja“.

„Sehr schöner Morgen.“

„Es hat gegossen, was vom Himmel herunter wollte.“

„So?“ sagte Herr Louis, über die Nachricht erstaunt, denn jetzt schien

die Sonne, und er zog die Augenbrauen dabei so hoch hinauf und vorn

zusammen, daß sie eine Verlängerung des Scheitels nach vorn herunter

bis auf die Nasenwurzel herstellten. Er sah aber trotzdem nicht hübsch

aus.

„Kann ich vielleicht -- wenn es nöthig sein sollte, ein oder zwei Tage

hier wohnen?“ brach der Fremde indessen die meteorologische Verhandlung

ab.

„Es ist gerade noch ein Zimmer frei“, log Herr Louis, denn das halbe

Haus stand leer; „erlauben Sie --“ und damit streckte er seine Hand

nach dem Reisesack aus, um den Fremden vor allen Dingen einmal sicher

zu haben.

„Bitte“, sagte aber dieser, indem er sein Eigenthum noch festhielt.

„Vorher muß ich mich erst noch nach Einigem erkundigen, aber vielleicht

sind Sie im Stande, mir Auskunft zu geben. Wissen Sie, wem diese

Wirthschaft zu eigen gehört?“

„Wäre nicht übel, wenn ich es nicht wüßte“, lächelte Herr Louis etwas

spöttisch und fuhr sich mit den gespreizten Fingern der rechten Hand

durch die entsprechende Chausseeseite; „der Frau Josephine Müller.“

„Josephine Müller?“

„Zu dienen.“

„Ihr Mann ist todt?“ examinirte der Fremde weiter, und Herr Louis schoß

einen raschen und forschenden Blick auf ihn, denn ein eigener Verdacht

stieg in ihm auf, zögernd sagte er auch nur: „Ja!“

„Und ist sie zu Haus?“

„Nein -- verreist, auf Besuch“, bemerkte Herr Louis, und fuhr sich

durch die andere Chausseeseite -- was zum Henker konnte der Fremde

mit seiner Wirthin wollen, daß er sich nach dem Tod ihres Mannes

erkundigte. Ueberdies war das eine sehr alte Geschichte und der Herr

Müller schon seit sechs Jahren verschollen und damals mit einem Dampfer

zu Grunde gegangen.

„Verreist -- so --?“ sagte der Fremde gedehnt und, wie es schien, in

seinen Erwartungen getäuscht; „weit?“

„Nein, nur zum Besuch aufs Land. Sie kommt morgen Mittag jedenfalls

wieder.“

„In der That?“ rief der Fremde rasch und augenscheinlich erfreut; „dann

seien Sie doch so gut und weisen Sie mir mein Zimmer an. Ich werde sie

jedenfalls erwarten.“

Herrn Louis gefiel das nicht, aber gegen diesen direct ausgesprochenen

Willen ließ sich auch nichts weiter thun. Er nahm also, da der Fremde

aufstand, den Reisesack und ging, mit einer einladenden Verbeugung

ihm zu folgen, voraus, beschloß aber doch, jedenfalls heute noch

herauszubekommen, was der Fremde beabsichtigte, denn Herr Louis hatte

selber eine Menge weitgreifender Pläne und dachte gar nicht daran, sie

sich von einem „hergelaufenen Voyageur“, der mit dem Frühzug und nur

mit einem Reisesack eintraf, kreuzen zu lassen. Der Mann trug ja nicht

einmal einen Schirm.

Der Fremde schien aber nicht die geringste Notiz von des Oberkellners

Gedanken oder Plänen zu nehmen, ging in sein Zimmer, zog seine Stiefeln

aus und setzte sie vor die Thür, schloß sich dann ein, entkleidete sich

und ging zu Bett, als ob es zehn Uhr Abends gewesen wäre.

Während der Fremde schläft, können wir uns indessen die Verhältnisse

des Hotel Müller ein wenig betrachten.

Das Hotel hatte schon der Vater der jetzigen Wirthin innegehabt,

bis sie sich in den „seligen Müller“, einen übrigens wackeren und

thätigen Mann verliebte, diesen heirathete und nach des Vaters Tod das

Wirthshaus „Zum goldenen Elephanten“ in das moderner klingende „Hotel

Müller“ umwandelte. Caspar Müller, ihr damaliger Mann, brachte auch

das jetzige Hotel durch seine unermüdliche Thätigkeit in „Schwung“,

daß es bald das beste der Stadt wurde, und verdiente viel Geld dabei.

Da war er einst genöthigt, um bedeutende Außenstände einzucassiren,

nach London hinüber zu fahren. Ein sehr heftiger Sturm warf aber den

Dampfer an die Küste; er strandete, und von sechsunddreißig Passagieren

wurden nur drei gerettet. Caspar Müller aber blieb verschollen. Jene

furchtbare Sturmnacht, die so viele Menschenleben kostete, hatte auch

sein Schicksal besiegelt, und es wurde nichts weiter von ihm gehört.

Die Wittwe führte indessen das Geschäft fort, und unermüdlich, wie sie

in demselben immer gewesen hatte sie ihm auch die Jahre allein und

wacker vorgestanden. Aber sie fand zuletzt keine rechte Freude mehr

daran, denn mit einem erworbenen Vermögen, von dem sie mit mäßigen

Ansprüchen recht gut hätte leben können, sah sie keinen Grund, weshalb

sie sich eigentlich noch länger unnöthiger Weise quälen sollte, und

beabsichtigte deshalb, das Hotel unter guten Bedingungen zu verpachten.

Bis das aber geschehen konnte -- denn nichts zwang sie, diese Sache

zu übereilen -- wollte sie sich eine Haushälterin nehmen und hatte zu

dem Zweck schon eine Aufforderung in den Zeitungen erlassen. Bis diese

freilich eintraf, mußte ihr Oberkellner, Herr Louis, das Ganze leiten.

Herr Louis hatte unten im Wirthszimmer Kaffee getrunken und

seinen eigenen Gedanken dabei Audienz gegeben, als Lieschen, das

Stubenmädchen, hereinkam und den einen Tisch deckte, denn einige

Stammgäste frühstückten gewöhnlich im Hotel Müller, wo sie mäßige

Preise und ein vortreffliches Glas Wein fanden.

Herr Louis hatte gerade nichts zu thun; es war heute Morgen merkwürdig

leer in der Weinstube; so, an dem Mädchen vorbeigehend, suchte er ihr

unter das Kinn zu greifen und sagte:

„Nun, Schatz, wie geht’s?“ Lieschen parirte aber den Versuch, schlug

ihm den Arm zurück und sagte schnippisch:

„Wie man’s treibt!“

„Nu, nu“, bemerkte Herr Louis beleidigt, „die Jungfer ist ja heute

Morgen bei sehr übler Laune. Lieschen, Lieschen, Sie stehen sich sehr

im Licht.“

„Ich? -- daß ich nicht wüßte“, lachte das Mädchen, ohne von ihrer

Arbeit aufzusehen, indem sie mit geschickter Hand die Teller und Gläser

auf dem Tisch ordnete; „ich denke mir immer, es ist noch nicht so weit,

und ehe Sie das bekommen, wo Sie dahinter her sind, läuft wohl noch

mancher Tropfen Wasser den Berg hinunter.“

„Wo ich dahinter her bin?“ rief Herr Louis, anscheinend sehr erstaunt,

erröthete aber doch etwas, denn er hatte kein reines Gewissen.

„Na, thun Sie nur nicht so“, lachte Lieschen. „Sie glauben wohl,

unsereins ist blind -- aber zum Gratuliren wär’s doch wohl noch zu früh

--“ und damit wollte sie sich rasch der Thür zu drehen, als ihr Herr

Louis in den Weg trat. Es lag ihm aber nichts daran, dies Gespräch

fortzusetzen, denn Lieschen hatte wirklich einen wunden Fleck berührt,

und er sagte freundlich:

„Na, kommen Sie her, Kind, wir wollen uns nicht zusammen zanken, und

Sie sollen auch nicht dabei zu kurz kommen, wie sich die Sachen hier

gestalten. Also Frieden geschlossen, und zum Versöhnungszeichen essen

Sie jetzt ein Vielliebchen mit mir, wer zuerst dem Andern morgen früh

den guten Morgen abgewinnt.“

„Ja, ich hätte Zeit zu solchen Albernheiten“, rief aber das Mädchen;

„die ewige Quälerei mit den Vielliebchen -- allen Menschen bieten Sie’s

an, und Keiner will -- guten Morgen, Herr Louis -- seh’n Sie, jetzt

hätt’ ich’s Ihnen schon abgewonnen!“ und mit den Worten machte sie sich

lachend von ihm los und warf die Thür hinter sich ins Schloß.

Herr Louis war beleidigt, aber es blieb ihm keine Zeit, seinem

Unmuth Worte zu geben, denn mehrere Gäste kamen zu gleicher Zeit,

die bedient sein wollten, und denen konnte er sich nicht entziehen.

Lieschen mußte nachher ebenfalls herein, um mit aufwarten zu helfen,

und gegen Mittag erschien auch der arme Teufel von Unterkellner, ein

furchtbar magerer, aufgeschossener Bursch, der aus Aermeln und Hosen

herausgewachsen war und jetzt einen unförmlich aufgeschwollenen Backen

in ein rothbaumwollenes Tuch eingebunden trug. Es war gerade keine

appetitliche Erscheinung, aber er konnte eben nicht entbehrt werden.

Eine kleine Anzahl von Gästen aß auch später hier zu Mittag, und

das Diner war schon beendet, als der Fremde von heute Morgen

wieder herunter kam und noch etwas zu essen verlangte. Er hatte es

verschlafen, wie er sagte, ließ sich jetzt an einem kleinen Seitentisch

besonders decken, bestellte eine Flasche St. Julien und gab sich dann

dem Genuß der Speisen mit aller Ruhe hin.

Das Speisezimmer war geräumt, die noch vorhandenen Gäste waren nebenan

in das Billardzimmer gegangen, um bei einer Partie ihren Kaffee zu

trinken. Der Fremde saß auch bei seiner Tasse im Zimmer und rauchte

seine Cigarre, während Herr Louis, dicht neben ihm, aus einem Teller

voll Knackmandeln diejenigen Mandeln aussuchte, die durch ihren Umfang

zu der Hoffnung eines Vielliebchens berechtigten. Er drückte sich auch

nicht absichtslos um den Gast herum, denn er hielt die Gelegenheit für

günstig, ihn jetzt ein wenig über seine Absichten auszuforschen. Hatte

er doch selber kühne Pläne auf die Hand der noch immer rüstigen und

sogar noch hübschen Wittwe -- oder vielmehr auf das Hotel, bei dem er

die Wittwe nur als Zugabe -- gewissermaßen eine Formsache -- heirathen

mußte, und nicht die geringste Lust, hier einen möglichen neuen

Heirathscandidaten so ohne Weiteres heran und ihm freie Hand zu lassen.

Es war aber mit dem Mann nichts anzufangen, er blieb einsilbig und

suchte allen an ihn gestellten Fragen vorsichtig auszuweichen. Das

aber bestärkte Herrn Louis nur noch mehr in seinem Verdacht, und er

begann jetzt seinerseits einen neuen Operationsplan zu entwerfen. So

viel hatte er schon herausbekommen, daß der Fremde wenig über die

Verhältnisse des Hauses wußte, jedenfalls seit langen Jahren nicht in

B. gewesen war. Trug er sich also wirklich mit solchen Plänen, wie Herr

Louis fürchtete, so wollte er einmal versuchen, diese mit einem Schlag

über den Haufen zu werfen und dann jedenfalls zu sehen, was der Herr

für ein Gesicht dazu machte. Mißglückte es, nun so war es immer kein

Unglück und nur ein Scherz gewesen, oder -- der Fremde konnte ihn auch

falsch verstanden haben. Herr Louis beschloß nämlich, der Wirthin einen

zweiten Mann zu octroyiren.

Die Wirkung war aber nicht so mächtig, wie sie der eifersüchtige

Kellner erwartet hatte. Der Fremde nahm die neue Nachricht ziemlich

ruhig hin und fragte nur etwas erstaunt:

„Hm -- ich glaubte, die Madame hieße noch Müller?“

„Du lieber Gott,“ meinte Herr Louis achselzuckend, „der Müller giebt’s

gar viele. Ihr jetziger Mann führt denselben Namen.“

„Ja,“ sagte der Fremde, „das ist wahr. Ich heiße ebenso,“ und dampfte

ruhig weiter.

Herr Louis wußte jetzt ebenso wenig, woran er mit dem räthselhaften

Menschen war. Hatte er vielleicht eine Schuldforderung einzukassiren?

Daß er die Frau vom Haus unter jeder Bedingung selber sehen wollte,

sprach dafür. Das ließ sich vielleicht durch das Fremdenbuch

herausbekommen -- aber auch das mißglückte. Der Gast schrieb sich ein:

„Müller, Particulier, Hamburg -- zum Vergnügen,“ stand auf, zündete

seine ausgegangene Cigarre wieder an und ging in sein eigenes Zimmer

hinauf. Herr Louis aber blieb unten an dem Tisch sitzen und aß in

Gedanken drei oder vier Vielliebchen mit sich selber.

Zweites Kapitel.

Das hingeworfene Wort des Burschen war aber trotzdem auf fruchtbaren

Grund gefallen, denn es schien dem Fremden doch nicht so ganz

gleichgültig, ob Madame Müller wieder geheirathet habe oder nicht --

wenn auch aus einem anderen Grund, als Herr Louis dachte.

„Hm, hm, hm,“ sprach er leise vor sich hin, indem er in seinem Zimmer

auf und ab ging und, die Stirn in tiefe Falten gezogen, seinen

eigenen -- wie es schien, eben nicht angenehmen -- Gedanken nachhing.

„Das ist wieder ein Strich durch die Rechnung -- also auf’s Neue

verheirathet. Welches Interesse wird jetzt der neue Mann an dem alten

Schwager nehmen, und wenn ich ihr nun auch meine ganze verzweifelte

Lage vorstelle, da -- speist mich der Herr Gemahl vielleicht aus

verwandtschaftlichen Rücksichten mit fünf oder zehn Thalern ab, und

meine letzte Hoffnung ist mir zu Grunde gerichtet.“

„Und meine arme Frau?“ fuhr er nach einer langen Pause fort, indem

er, die Stirn an das Fensterkreuz gelehnt, durch die Scheiben auf

die Dächer hinausstarrte. „Seit fünf Vierteljahren sitzt die jetzt

in Breslau, während ich in der Welt herumfahre und Brot für uns

Beide suche, wo ich mich selber kaum am Leben erhalten kann. -- Eine

verfluchte Einrichtung in der Welt, daß die eben Alles haben, die

nichts brauchen, und die Alles brauchen, welche nichts haben. Hol’

der Teufel dieses socialistische System -- wenn ich nur auf eine

glückliche Idee fallen könnte, das Herz meiner unbekannten Schwägerin

zu erweichen.“

Er warf sich mit diesen Worten in einen Lehnstuhl, das rechte Bein über

das linke, stützte den Kopf in die Hand und starrte finster brütend

auf die ihm gegenüber befindliche Wand. Sein Blick fiel dort auf ein

Oelgemälde, das Brustbild eines Mannes, ohne aber im Anfang das Bild

desselben in sich aufzunehmen. Nur wie in’s Leere starrte er wohl eine

volle Viertelstunde darauf hin, bis das Portrait allmählich Farbe und

Gestalt annahm, und seine eigenen Gedanken wieder zu seiner nächsten

Umgebung zurückkehrten.

Das Bild stellte einen Herrn in einem blauen Frack mit blanken Knöpfen

dar, der eine etwas steife Cravatte, einen aufgedrehten Schnurr- und

kurzen Backenbart trug. Mit besonderer Sorgfalt war aber vorzüglich

die gestickte Weste und die goldene Uhrkette gemalt, und die rechte

Hand auch, etwas gewaltsam heraufgebracht, möglicher Weise um einen

sehr schönen und großen Siegelring daran zu zeigen. Es war in der That

kein großes Kunstwerk, aber eines von jenen Bildern, denen man trotz

einer sehr mittelmäßigen Auffassung, ansieht, daß sie eine gewisse

Aehnlichkeit haben.

Des Fremden Gedanken schienen sich aber doch nicht lange auf einen

Punkt fesseln zu lassen. Er sprang auf und ging eine Weile mit

untergeschlagenen Armen im Zimmer auf und ab -- und dennoch fiel sein

Blick immer wieder auf das Bild, das ihn anfing zu geniren. Es hatte

eine Aehnlichkeit mit Jemandem, den er kannte, und er konnte nicht

heraus bekommen mit wem. Es ist das gerade so, als ob wir uns auf

einen bekannten Namen besinnen wollen und können nicht darauf kommen;

was im Stande ist, einen Menschen den ganzen Tag zu quälen. Aber das

Grübeln half nichts; die Gedanken peinigten ihn, und er beschloß, einen

Spaziergang durch die Stadt zu machen. Eben trat er aus seinem Zimmer,

als Herr Louis vorbeiging.

„Wollen eine kleine Promenade machen?“ sagte er verbindlich.

„Ja,“ lautete die etwas zerstreute Antwort, „aber -- apropos,

Oberkellner, wen stellt denn das Bild da drinnen vor?“

„Das Bild? Welches meinen Sie?“

Der Fremde schloß statt aller Antwort das Zimmer wieder auf und deutete

auf das über der Commode hängende Oelgemälde.

„Ah, das!“ sagte Herr Louis, indem er sich im Zimmer umsah, „das ist

eben der verschollene Herr Müller, der frühere Mann unserer Frau. Soll

sehr ähnlich gewesen sein.“

„In der That?“ rief der Fremde, und wäre Herr Louis jetzt nicht selber

in dem Anschauen des Bildes vertieft gewesen, so hätte ihm nicht

entgehen können, daß diese Nachricht einen eigenthümlichen Eindruck

auf den Gast machte. „Aber wie kommt das Bild des Wirths hier in ein

Gastzimmer?“ fragte dieser endlich nach einer Pause.

„Dies Zimmer,“ sagte Herr Louis, „ist erst seit ein paar Tagen mit zu

dem Hotel genommen; früher war es privat, und da Madame verreiste,

blieben die Bilder noch vor der Hand hängen.“

„Und ihr jetziger Mann ist zu Haus?“ fragte der Fremde.

„Ihr jetziger Mann?“ sagte Herr Louis, der im ersten Moment ganz seine

Lüge vergaß, „ja so -- Sie meinen den jetzigen Herrn Müller. Nein --

der ist auch verreist -- eine Geschäftsreise nach Bordeaux, um Wein zu

kaufen, wird aber auch in den nächsten Tagen zurückerwartet.“

„So?“ sagte der Fremde rasch, und schien merkwürdiger Weise ganz

vergessen zu haben, daß er hatte ausgehen wollen, denn er setzte sich

wieder in den Lehnstuhl und stellte den Hut neben sich. Dort blieb er

auch sitzen, als Herr Louis schon lange das Zimmer verlassen hatte,

zündete nicht einmal ein Licht an, und ging erst etwa gegen zehn Uhr in

das Gastzimmer hinunter, um sein Abendbrot zu verzehren.

Es mochte halb elf Uhr sein, als er damit fertig war (die sämmtlichen

Gäste hatten den Wirthsraum schon verlassen) und noch eine zweite

Flasche Wein bestellte. Er begann diese, langsam an seinem Glase

nippend -- der Unterkellner lehnte mit verbundenem Gesicht zwischen dem

Büffet und der Thür und schlief, die Serviette fest unter den linken

Arm geklemmt, und Herr Louis stand an seinem Pult, notirte eben die

zweite Flasche und erwog in seinen Gedanken, ob der Reisesack da oben

auf Nr. 36 so viel werth sein möchte, wie die auflaufende Rechnung.

Nebenbei überlegte er aber auch noch, weshalb der Fremde so überrascht

gewesen sei, als er gehört habe, daß jener mythische zweite Herr Müller

vereist sei, denn das hatte ihm doch nicht entgehen können.

„Herr Oberkellner!“

„Befehlen?“

„Bitte -- trinken Sie nicht ein Glas Wein mit? Es schmeckt besser zu

Zweien.“

Herr Louis machte nur eine der Einladung entsprechende Bewegung, nahm

sich ein Glas vom Büffet, versetzte dabei dem jungen Burschen einen

leisen Knuff, denn die Gelegenheit war zu günstig, und nahm dann

neben dem Gast Platz. Bei einem Glase Wein ließ sich doch am Ende

herausbekommen, was er eigentlich beabsichtige. Aber auch hierin sah

er sich getäuscht, denn der Fremde schien sich auffallender Weise

viel mehr für den todten, wie für den lebendigen Herrn Müller zu

interessiren, und da Herr Louis recht gut wußte, daß es kein besseres

Mittel gab -- wenn alle anderen fehlschlugen -- um Jemanden zum

Erzählen zu bringen, als wenn man selbst damit beginnt, so theilte

der Oberkellner jetzt dem Fremden Alles mit, was er selber über den

„Seligen“ wußte.

„Er war vier oder fünf Jahre mit >der Frau< verheirathet gewesen,“

begann Herr Louis seine Erzählung, „und, wie Alle behaupten, sehr

glücklich. Dann kam die unselige Reise. Der Dampfer scheiterte, von

einem heftigen Sturme verschlagen, auf den Goodwinsands, und nur ein

Theil der Mannschaft und Passagiere wurde gerettet. Doch das Alles

hatte ja damals in den Zeitungen gestanden und war bekannt, nur Eines

schien auch dem Fremden neu, daß nach mehreren Monaten nämlich noch

ein paar Leute von eben demselben Schiff auftauchten, die man damals

für mit verunglückt gehalten hatte. Diese waren nämlich in der Nacht

von einem amerikanischen Schiff aufgefischt worden und mit nach

New-York genommen, und sagten auch aus, daß noch ein anderer Schooner

ebenfalls an der Stelle gehalten habe und beigedreht wäre -- ob er es

aber ermöglichte, noch Jemanden zu retten, wüßten sie natürlich nicht,

und eine ganze Zeit lang sei dann das Gerücht gegangen, der „selige

Herr Müller“ lebe noch, wäre in New-Orleans gelandet und würde mit dem

nächsten Schiff zurückkehren. Aber es mußte doch nur ein bloßes Gerücht

gewesen sein, denn Jahr nach Jahr verging und Herr Müller kam nicht

wieder. Er war jedenfalls in jener Unglücksnacht mit der Mehrzahl der

Passagiere zu Grund gegangen.“

Während Herr Louis das erzählte, hatte der Fremde den letzten Rest

der Flasche geleert und machte Miene, aufzustehen. Damit war aber dem

Oberkellner nicht gedient, der entweder selber heut Abend Appetit zu

einem Glas Wein hatte, oder dabei noch etwas aus dem schweigsamen Mann

herauszupressen suchte. Vor allen Dingen schickte er den Jungen zu

Bett, holte dann selber noch eine Flasche Chateau Margaux herbei und

wollte sich eben wieder an den Tisch setzen, als draußen auf der Treppe

ein furchtbares Gepolter laut wurde. Aber es war nur der Unterkellner

mit dem dicken Backen gewesen, der im Schlaf die Treppe herunterfiel.

Unten raffte er sich wieder auf und erneute den Versuch, in sein Bett

hinauf zu kommen, während Herr Louis dem Gast erzählte, was er für eine

Noth mit dem Jungen habe.

Der sonst so schweigsame Gast thaute aber bei der dritten Flasche

ordentlich auf, und fing an, Anekdoten, besonders aus dem Theaterleben,

zu erzählen, daß sich Herr Louis vor Lachen ordentlich ausschütten

wollte. Bei jeder Anekdote fiel aber Herrn Louis ebenfalls eine

entsprechende -- wenn auch aus einem anderen Wirkungskreis -- ein, und

es war zwei Uhr Morgens, ehe sich die beiden würdigen Leute, und zwar

als die besten Freunde trennten. Von den früheren Verhältnissen des

Trinkcumpans hatte Herr Louis aber eben so wenig zu hören bekommen, wie

er vorher gewußt -- trotz der fünf Flaschen Rothwein, die sie nach und

nach mit einander ausgetrunken; und als Herr Louis zu Bett schwankte,

ging der Fremde mit festen Schritten in sein Zimmer hinauf und wanderte

dort wohl noch eine volle Stunde mit untergeschlagenen Armen auf und

ab. Er konnte jedenfalls mehr vertragen als der Oberkellner.

Herr Louis erwachte am nächsten Morgen mit Kopfschmerzen und außerdem

noch mit einem unbestimmten Gefühl, daß er in dieser Nacht sehr fidel

gewesen und der Fremde ein „famoser Bursche“ sei. Zwei Sachen drückten

ihn aber dabei, und er hatte eine dunkle Ahnung, daß er sich mit ihm

Du genannt und wußte nicht recht genau, ob er ein Vielliebchen mit ihm

gegessen habe oder nicht. Aber er bezweifelte Beides wieder, als der

Fremde zum Kaffee herunter kam und ihn sehr artig und förmlich „Herr

Oberkellner“ nannte. Nachher ging er wieder hinauf auf sein Zimmer.

So verging der Tag und es neigte sich schon gegen Abend, als draußen

vor der Küche ein kleines Intermezzo spielte. Lieschen nämlich,

so kalt und gefühllos sie auch gegen die Aufmerksamkeiten des oft

schwachen Herrn Louis blieb, und so schnippische Antworten sie seinen

gewähltesten Redensarten entgegensetzte, besaß doch ein zartfühlendes

Herz, das, wie das so oft in der Welt geschieht, einem Paar rothen

Aufschlägen und überhaupt dem zweifarbigen Tuch nicht hatte widerstehen

können. Der Sergeant Meier schien es mit Sturm erobert zu haben, und da

sich die beiden jungen Leute bis dahin noch keinen eigenen Herd gründen

konnten, begnügten sie sich vor der Hand mit dem des Hotel Müller; d.

h. Lieschen steckte dem Geliebten, wo das nur immer verstohlen anging,

aufgesparte Leckerbissen zu, und Sergeant Meier zehrte dann später in

seiner eigenen Klause an diesen und seiner Liebe zu Elisabeth.

Hüben und Drüben; Zweiter Band (2/3) Neue gesammelte Erzählungen · 第 11 / 15 段