überrascht, noch nicht so recht an eine wirkliche Entdeckung ihres
verbrecherischen Treibens geglaubt, da sie ihm so lange und ungestraft
gefolgt waren; durch Brendel’s Angst wurde er jetzt selber mit
angstvoll. Die Möglichkeit eines Verraths ließ sich allerdings nicht
leugnen, und doppelt schwer würde sie derselbe in einem Augenblicke
betroffen haben, wo sie wirklich am Ziel ihrer Wünsche standen und
ein bedeutendes Capital meisterhaft gefertigter Noten in ihrem
Besitz wußten. Jedenfalls war es deshalb vorsichtig gehandelt, diese
wenigstens in Sicherheit zu bringen, vielleicht auch gerathen, sich
selber eine kurze Zeit aus dem Weg zu halten, bis man erst gewiß wußte,
daß der Sturm vorüber gebraust sei. Mit diesen Gedanken beschäftigt,
erstieg er schweigend mit dem Gefährten den rauhen, buschbewachsenen
Hügel, bis sie den Pfad erreichten, der hinaufführte.
Paul Jochus war noch nicht da, lange ließ er indeß nicht auf sich
warten. Kaum hatten sie das Gewölbe betreten, als sie seinen Schritt
und gleich darauf sein Zeichen hörten.
„Aber Vater, wo hast Du nur gesteckt?“ rief ihm Franz entgegen, „wir
hatten fast noch einmal so weit als Du.“
„Dann müßt Ihr gelaufen sein,“ sagte der Alte mürrisch, „ich hielt mich
noch unterwegs auf. Wie ich kaum die Büsche erreicht hatte und ein
Stück hinangeklettert war, bis zu der Stelle, wo früher die hölzerne
Bank stand und von wo aus man einen Theil der Chaussee übersehen kann,
kamen plötzlich drei Gensd’armen im scharfen Trab die Straße gen
Wellheim hinunter geritten.“
„Nun -- und?“
„Und?“ brummte Jochus, „ich möchte wissen, weshalb die in so verdammter
Eile waren und wohin sie wollten.“
„Hast Du’s denn nicht gesehen?“
„Wie konnt’ ich? Weiter ein Stück drunten verdecken die Büsche wieder
die Aussicht. So weit ich sie sehen konnte, hielten sie die Straße.“
„Bah,“ sagte Franz verächtlich, „wer weiß, welchem armen
Handwerksburschen ohne Wanderbuch sie auf der Fährte sind. Uns geniren
sie hier nicht.“
„Etwas ist aber im Wind,“ sagte Brendel finster, „und es war vielleicht
die höchste Zeit, daß wir an die Arbeit gingen. Was fangen wir aber mit
der Presse an? Verstecken wir sie, wie wir’s früher bestimmt?“
„Gewiß,“ sagte Franz, „das Loch dazu ist ja schon lange gegraben und in
einer halben Stunde haben wir Alles aus dem Weg.“
„Und der Kasten?“
„Muß mit hinein. Wir dürfen keine Spur zurücklassen. Theile nur
indessen die Noten ab, Brendel, damit Jeder seinen Part bei sich
verstecken kann. Du, Vater, hilf ihm und ich werde indessen das
Grabgeschäft besorgen. Schade um die schöne Presse, sie muß hier
total verrosten, doch es läßt sich eben nicht ändern. Fort dürfen wir
sie unter keiner Bedingung schaffen, jetzt wenigstens noch nicht.
Vielleicht findet sich im Winter und in den langen Nächten einmal Zeit
und Gelegenheit dazu.“
Die drei Leute gingen nun rüstig an die Arbeit, denn es galt nur noch
die letzten Spuren zu vertilgen, durch welche sie eine Entdeckung
fürchten durften, und dann ihren Raub in Sicherheit zu bringen,
ehe irgend ein Verdacht auf sie fallen konnte. Die Presse wurde in
eine schon bereit gehaltene breite Grube langsam und vorsichtig
hineingelassen, und während sich Brendel mit dem alten Jochus daran
machte, die schon in Pakete gesonderten Noten in drei Theile zu
scheiden und seinen Theil, so gut das eben ging, an seinem Körper zu
verbergen, nahm Franz das kurze, schwere Beil und schlug die Beine von
dem eichenen Tisch ab, der ihnen bis jetzt als Arbeitstafel gedient und
dessen Heraufschaffen ihnen früher die größte Mühe gemacht. Es ging das
nicht ohne Lärm ab und Brendel fühlte sich zuletzt durch das Hämmern so
beunruhigt, daß er ärgerlich ausrief:
„Zum Teufel auch, ich wollte, Du hättest das alte Ding hier unten ruhig
stehen und verfaulen lassen. Und wenn sie ihn einmal fänden, was läge
daran?“
„Wenn sie den Tisch fänden, wüßten sie auch, daß noch mehr hier unten
versteckt ist,“ sagte Franz störrisch, „aber seid Ihr denn noch nicht
mit dem Abzählen fertig?“
„Gewiß, Deine Noten stecken hier in der Ledertasche.“
„Gut, dann geh’ Du indessen lieber einmal hinauf, Vater, und halte eine
Viertelstunde Wacht; indessen machen wir die Geschichte hier fertig und
in Ordnung. Laß Dein Packet nur so lange hier unten, es wäre ja doch
möglich, daß ein oder der andere Fremde bei dem schönen Wetter hier
heraufkletterte, und sicher ist sicher.“
„’s ist am Ende besser,“ sagte der Alte, „aber halte Dich dazu; wir
haben schon eine Menge Zeit verloren und ich muß machen, daß ich wieder
nach Wellheim komme.“
Noch während er sprach, verbarg er einen Theil der Packete, von denen
jedes eintausend Thaler enthielt, an seinem Körper, legte dann die
anderen unten in eine Ecke, um sie nachher mitzunehmen, und stieg
langsam den steilen, schlüpfrigen Pfad hinauf, der in den Burghof
hineinführte.
Einmal hielt er erschreckt inne, denn es war ihm fast als ob er oben
ein Geräusch gehört hätte, regungslos stand er und horchte, doch es
schien Alles ruhig. Nur hohl und dumpf klangen die Schläge des Beils
von unten herauf, mit denen Franz jetzt die Stühle zertrümmerte, um
sie ebenfalls in die Grube zu werfen, welche Brendel schon angefangen
hatte, an der einen Seite auszufüllen. Dicht daneben hatte er noch ein
kleines, aber ziemlich tiefes Loch gegraben und in dieses den Rest der
noch nicht vollendeten Banknoten mit dem Spaten hineingestampft; dort
unten mochten sie verfaulen, denn wenn sie jetzt ein Feuer anzündeten,
so konnte sie vielleicht der aufsteigende Rauch verrathen.
Paul Jochus hatte indessen die steilen Treppenüberreste erreicht, die
hinauf in’s Freie führten. Es war ihm wunderbar bänglich zu Muthe und
er scheute sich an das Tageslicht hinaufzusteigen. Warum denn? Oft und
oft hatte er den Weg gemacht und kannte doch wahrhaftig keine Furcht;
es war nur ein sonderbares Gefühl, das ihn beschlich, und immer wieder
horchte er auf’s Neue. Aber da unten wurde es ihm zuletzt, als ob er
gar keinen Athem mehr holen könne; wie Blei lag es ihm auf der Brust,
und er kletterte jetzt rasch die Treppe hinauf, um nur erst einmal an
die frische Luft zu kommen.
In das kleine Gewölbe, das Paul Jochus jetzt betrat und das dicht an
den Burghof stieß, fiel allerdings die Sonne noch nicht herein, denn
die einzige dort eingebrochene Thür lag nach der Nordseite, es war
jedoch hell genug darin, um sich umsehen zu können, und er athmete
hoch auf, als er keinen Menschen hier erblickte; war es doch fast als
ob er erwartet hätte, hier Jemanden zu finden. Plötzlich aber stieß
er einen lauten Angstschrei aus, denn in dem Moment sprangen zwei
dunkelgekleidete Gestalten durch die schmale Thür und warfen sich
auf ihn. Jeder Flucht- und Widerstandsversuch war unmöglich, weil
den Zweien noch Andere folgten. Soldaten sah er ebenfalls mit ihren
blitzenden Helmen und Gewehren. Im Nu hatten sie seine Arme gefaßt und
ihn an weiterer Flucht verhindert.
„Was wollt Ihr?“ schrie er absichtlich laut, „was habt Ihr vor? Seid
Ihr Räuber und Mörder?“
Das Klopfen hatte unten aufgehört, aber immer mehr Menschen drängten in
den engen Raum.
„Laternen her!“ rief der Assessor Schüler, der das Ganze leitete,
„hier ist der Eingang zu dem Versteck. Klettere einmal einer mit einer
Laterne voran. Ihr Uebrigen breitet Euch oben aus; ich brauche nur vier
Mann mit mir, wir wissen nicht, ob der Bau nicht noch eine Nothröhre
hat, durch welche die Schufte vielleicht ausfahren könnten. Vorwärts!
Ihr kennt Eure Ordre.“
Paul Jochus war ein baumstarker Mann, und in gewöhnlicher Zeit
würden vielleicht vier Leute kaum hinreichend gewesen sein, ihn
zu überwältigen und zu halten: jetzt konnte ihn fast ein Kind
niederwerfen. Er war wie gebrochen, und ließ Alles mit sich geschehen,
sträubte sich auch nicht im Geringsten, als man ihm die Hände auf dem
Rücken zusammenschnürte und so jeden Fluchtversuch abschnitt.
Da fielen draußen am Hügelhang rasch hintereinander zwei Schüsse, dann
war Alles still und nicht einmal die in das Gewölbe Gestiegenen kehrten
zurück.
Assessor Schüler kannte das alte Nest, in dem er sich schon als Knabe
herumgetummelt, ziemlich genau. Er wußte auch, daß es unterwölbt sei,
und war schon als Kind, wo man den Platz noch häufiger besuchte,
überall darin umhergekrochen. Lagen auch lange Jahre dazwischen,
so erinnerte er sich doch des Terrains noch deutlich genug und
traf darnach seine Vorsichtsmaßregeln. Es schien ihm nämlich nicht
unwahrscheinlich, daß die Verbrecher, wenn sie sich wirklich dort
oben sollten eingenistet haben, auch schlau genug gewesen wären,
irgend einen ihnen durch die verschiedenen Gänge gebotenen Vortheil zu
benutzen; wohin diese auszweigten, wußte er freilich nicht.
Er begnügte sich indeß auch nicht damit, bloß die Burg selber
geräuschlos zu ersteigen und zu besetzen, sondern er ließ den ganzen
oberen Hügel, auf welchem sie stand, richtig bestellen, wie bei
einer Treibjagd, so daß Soldaten mit scharf geladenen Gewehren immer
etwa vierzig Schritt von einander an kleine Lichtungen oder Pfade
postirt und einander noch in Sicht waren. Erst als er sich in dieser
Hinsicht so viel wie möglich gesichert wußte, folgte er selber den
vorangeschickten Polizeidienern und erhielt von diesen schon an der
steinernen Treppe die Meldung, daß man einen kellerartigen Eingang,
der nach unten führe, entdeckt habe und dort unten ein dumpfes Klopfen
hören könne.
Nachdem man sich nun rasch überzeugt hatte, daß dies wirklich der
einzige sichtbare Weg sei, der oben von der Burg aus in das Innere
führe, wurde derselbe besetzt und der Assessor machte sich gerade
selber bereit hinabzusteigen, als sie den Wirth langsam herauskommen
hörten. Seine Gefangennahme erfolgte dann, wie vorher beschrieben, und
Assessor Schüler säumte nun keinen Augenblick, um das Nest da unten
selbst auszustöbern.
Das hämmernde Geräusch hatte gleich nach dem ersten Angstschrei des
Gefangenen aufgehört. Todtenstille herrschte und die matt brennenden
Laternen warfen ein unheimliches Licht auf den schmalen, düsteren Gang;
aber unaufhaltsam und so rasch es der schlüpfrige Boden erlaubte,
drangen sie vor, als sie sich plötzlich an einem Loch sahen, in das
weder Leiter noch Treppe hinabführte und dessen Tiefe sie auch in
der Dunkelheit nicht erkennen konnten. Die Leute wußten sich aber
zu helfen, denn daß sie auf dem richtigen Pfade seien, bewiesen die
dem weichen Boden hier eingedrückten vielen Fußspuren. Einer der
Polizeidiener knüpfte rasch ein mitgenommenes Seil an die Laterne und
ließ sie in das Loch hinab, wonach sich dann bald herausstellte, daß
es kaum zehn Fuß tief sei und unten weichen Boden habe. Wahrscheinlich
hatte hier eine Leiter gelehnt, die bei dem ersten Alarm von den unten
Befindlichen weggezogen worden, um den Verfolgern den Weg abzuschneiden.
Da hörten sie draußen die Schüsse.
„Ob ich’s mir nicht gedacht habe,“ brummte der Assessor. „Vorwärts,
Leute, wir müssen hinunter. Wer springt dort zuerst hinab?“
Einer der jüngsten Polizeidiener ließ sich nicht lange bitten, denn
auch sein Geschäft war Jagd, und was thut ein Jäger nicht, um dem
verfolgten Wilde beizukommen? Er hob sich die Laterne ein wenig aus
dem Weg und war mit Einem Satz unten.
„Geh’ ein kleines Stück vor, ob Du keine Leiter findest.“
„Hier liegt sie schon!“ rief der Mann, der mit der aufgenommenen
Laterne nach vorn geleuchtet hatte.
„Her damit! Bravo, mein Bursch, das war gut gemacht, und nun hinunter
mit Euch, Ihr Leute!“
Rasch ging es immer nicht, denn es war nachtdunkel dort unten, aber
sie schienen hier auch den tiefsten Platz des Gewölbes erreicht zu
haben. Ein schmaler Gang bog links ab und wenige Schritte weiter fanden
sie sich in dem Gewölbe, das Paul Jochus vor noch nicht langer Zeit
verlassen hatte und wo seine beiden Helfershelfer zurückgeblieben
waren. Von diesen ließ sich jedoch nirgend mehr eine Spur erkennen.
Die halb zugeworfene Grube fanden sie, mit dem Werkzeug noch daneben,
doch kein menschliches Wesen, und erst als Assessor Schüler selber die
Laterne nahm und an den Wänden rings herumleuchtete, entdeckte er eine
kleine Oeffnung, durch welche eben gebückt ein Mann kriechen konnte.
Dort waren sie jedenfalls hinaus; ohne weiteres Zögern folgte er nach.
Die rings um den Hügel postirten Soldaten hatten indessen ihre Plätze
mit dem Gefühl eines Jägers behauptet, der mitten im Wald angestellt
ist, ohne zu wissen, von welcher Seite das Treiben kommt. Sie drehten
das Gewehr in Anschlag, den Kopf bald nach der, bald nach jener
Seite und fuhren fast erschreckt zusammen, wenn ein Eichhörnchen von
Zweig zu Zweig sprang oder eine Maus im Laub raschelte, ja begriffen
zuletzt nicht recht, was sie hier draußen eigentlich sollten: denn
befanden sich die Verbrecher wirklich in der Ruine und wußten sie einen
geheimen Weg zur Flucht, so würden sie doch nie in dieses Dickicht
hineingekrochen sein. Allerdings kam es ihnen so vor, als ob sie
irgendwo ein dumpfes Klopfen hörten, aber woher das tönte, ließ sich
nicht bestimmen, und es konnte ebensogut von irgend einem Holzfäller
herrühren, der weit im Walde drin an einem Baum hackte. Bald schwieg
auch das und Todtenstille lag im Wald.
Der eine Soldat, ein Jägerbursch aus dem Spessart, stand etwa zehn
Schritt über einer schmalen Felsplatte, wo er eine kleine, mit
Heidelbeerbüschen überwachsene Lichtung unter sich hatte. Da, horch!
was war das? Ein Fuchs, der vielleicht hier seinen Bau hatte und den
schönen Morgen zu einem Spaziergange benutzen wollte? Unbewußt fast
machte er sich schußfertig. Da wurde Moos bei Seite geworfen, das
konnte ja doch kein Fuchs sein. Das Herz schlug wie ein Schmiedehammer
in der Brust. Jetzt arbeitete sich eine dunkle Gestalt unter dem Felsen
vor -- das war ein Mensch und mit zwei Sätzen stand der Jäger unten auf
der Platte.
„Halt oder ich schieße!“ schrie er und suchte sich festzustellen,
allein der Flüchtige hielt nicht. Im Nu hatte er den freien Boden
erreicht und wie ein flüchtiger Hirsch setzte er mitten in das Dickicht
hinein. Er war aber an den richtigen Mann gekommen, denn der gelernte
Jäger brauchte nicht lange, um wieder einen festen Stand zu bekommen,
und ehe der Fliehende das schützende Dickicht erreichen konnte,
fiel sein Schuß, bei dem der Getroffene in den Busch hineinschlug.
Fast zugleich feuerte auch der ihm nächststehende Soldat, durch den
Ruf aufmerksam, nach der Gestalt, die er ebenfalls durch die Büsche
erkennen konnte, und von allen Seiten flogen die dort postirten
Soldaten jetzt herbei, um Theil an der Verfolgung zu nehmen. Sie
hatten aber leichte Arbeit, denn während zwei hinuntersprangen, um
den Verwundeten aufzunehmen, bewegte sich das überhängende Moos und
Gestrüpp noch einmal und ein bleiches, zitterndes Menschenbild kam
daraus vorgekrochen, das nicht mehr den geringsten Widerstand leistete.
Es war Franz. Hinter sich die Verfolger, der Vater gefangen, der Freund
erschossen, der Platz von Soldaten umstellt, auf den sie ihre letzte
Hoffnung gesetzt, was hätte da noch ein verzweifelter Fluchtversuch
genützt? Er war verloren und ergab sich, vollständig gebrochen, in sein
Schicksal.
* * * * *
Der Verlauf des Processes nahm das allgemeine Interesse des Publikums
in Anspruch, die Beweise waren jedoch zu klar, als daß auch nur einer
der Gefangenen hätte wagen dürfen, zu leugnen. Nicht allein der ganze
Vorrath gefälschter Noten war aufgefunden worden, sondern auch die
Presse, die zu der Arbeit gedient. Das Urtheil für Paul Jochus und
seinen Sohn lautete auf acht Jahre Zuchthaus.
Anders war es mit Brendel, der einen Kugelschuß in den Schenkel
bekommen hatte und wochenlang lag, ehe er transportirt werden konnte.
Man erkannte in ihm während der Untersuchung einen schweren, lang
verfolgten Verbrecher, der einst in der unmittelbaren Nähe von Berlin
einen frechen Raubmord verübt, und auf Requisition des dortigen
Gerichts wurde er dahin abgeliefert.
Einer der Inhaftirten aber entzog sich der Strafe. Am fünften Tag der
Untersuchung fand man Paul Jochus in seinem Gefängniß erhängt. Er
hatte sich mit seinem Taschentuch an dem eisernen Gitter seines etwas
hochgelegenen Fensters erdrosselt.
Das Weinhaus zum Burgverließ war mittlerweile von den Gerichten
in Beschlag genommen worden und Rosel zu ihrem Pathen, dem alten
Registrator gezogen.
Dorthin kam Bruno von der Haide, um sie aufzusuchen. Das Verbrechen des
Vaters hatte die Liebe zu dem Mädchen nicht ertödten können, ja sie
wuchs mit dem Unglück, das sie betroffen, aber er sah sie nicht wieder.
Zweimal war er dort und zweimal ließ sie ihm sagen, daß sie ihn nicht
sprechen könne. Als er zum dritten Mal kam, fand er einen Brief von ihr
vor, in dem sie mit herzlichen Worten den letzten Abschied von ihm nahm.
Sie hatte sich in die Gesellschaft der Barmherzigen Schwestern
aufnehmen lassen und war nach Lima in Peru gegangen.
Herr Müller.
Erstes Kapitel.
Es giebt nichts Entsetzlicheres auf der Welt, als Morgens früh eine
Wirthsstube zu betreten, in der am Abend vorher, vielleicht bis ein
oder zwei Uhr in der Nacht, getrunken und geraucht worden, und wo der
Raum noch nicht gelüftet und gereinigt ist.
Ein warmer, widerlicher Dunst liegt in dem Zimmer und versetzt
besonders Dem ordentlich den Athem, der es eben aus der frischen
Morgenluft betritt. Auf den begossenen klebrigen Tischen stehen
schmutzige Gläser und geleerte Flaschen, auf der Erde zerstreut liegen
angebrannte Fidibus und Cigarrenstummel, während die unordentlich
umhergeschobenen Stühle überall den Weg verstellen und ein solches
Gemach, wenn es dafür überhaupt einen Comparativ gäbe, noch
ungemüthlicher machen. Kommt dann gar noch ein fauler Hausknecht dazu,
der sich nicht einmal die Mühe nimmt, die Fenster zu öffnen, und mit
seinem Besen den Staub und Sand umherwirbelt, dann ist ein solcher Ort
gerade zum Verzweifeln, und wenn den Reisenden nicht das Wetter dazu
zwingt, hält er sicher nicht darin aus.
Genau so sah es heute in dem sonst ziemlich eleganten Gastzimmer des
„Hotel Müller“ in B. aus, als ein Fremder die Thür öffnete und, von den
auf ihn eindrängenden und mit einer Staubwolke vermischten Dünsten eben
nicht angenehm überrascht, auf der Schwelle stehen blieb.
„He, guter Freund“, sagte er zu dem nicht einmal nach ihm umschauenden
Hausknecht, „wäre es Ihnen nicht vielleicht einerlei, wenn Sie bei
Ihrer Beschäftigung ein paar Fenster öffneten. Ich dächte, frische Luft
könnte diese Atmosphäre nur verbessern; glauben Sie nicht?“
Der Bursche, dem die Anrede galt, schlief augenscheinlich noch, er
verrichtete wenigstens seine Arbeit mit halbgeschlossenen Augen und
schien auch gar nicht zu hören, daß Jemand mit ihm gesprochen, nahm
wenigstens nicht die geringste Notiz davon und kratzte ruhig weiter.
„Angenehm“, brummte der Fremde vor sich hin, that aber das, was ihm
allein helfen konnte: er öffnete die Fenster nämlich selber und
klingelte dann mit einer der auf den Tischen befindlichen Glocken, um
irgend eine brauchbare Bedienung herein zu rufen. Zugleich band er sich
einen Shawl, den er locker um den Hals trug, fester um die Kehle, denn
es zog jetzt bös im Zimmer.
Das Läuten schien indessen keinen wesentlichen Erfolg zu haben. Der
Hausknecht kümmerte sich gar nicht darum, und weiter ließ sich Niemand
blicken. Erst als er den Versuch einigemal wiederholt hatte, steckte
ein sehr niedliches Stubenmädchen den Kopf in die Thür und sagte:
„Na, ist denn Niemand hier, wo steckt denn der faule Kellner nun einmal
wieder? He, Hans -- habt Ihr ihn nicht gesehen?“
Die Frage galt augenscheinlich dem Hausknecht, auf den sie aber ebenso
geringen Eindruck machte, wie das Klingeln vorher. Entweder hatte er
sie nicht gehört, oder wollte er sie nicht hören, aber er kehrte ruhig
weiter.
„Bitte, wecken Sie den Mann nicht“, sagte der Fremde ruhig, „er scheint
im ersten Schlaf zu liegen. Wenn Sie nur so freundlich wären, mein
Schatz, mir einen von diesen Tischen abzuwischen und dann eine Tasse
Kaffee und ein Glas Cognac für mich zu bestellen, nachher brauchen wir
jenen Biedermann nicht zu belästigen.“
„Ei du lieber Gott“, sagte das junge Mädchen, „es sieht ja aber noch
gar zu erschrecklich hier aus. Ja freilich, wenn man Nachts bis halb
drei Uhr auf den Füßen sein muß, dann verschläft man sich wohl auch
einmal. -- Sie sollen’s gleich haben.“
Dabei hatte sie ein feuchtes Wischtuch genommen, den einen Ecktisch
abgeräumt und rein gewischt, einem Stuhl denselben Liebesdienst
erwiesen, und diesen jetzt dem frühen Gast hinrückend, fuhr sie fort:
„Da, nehmen Sie Platz -- und wie das hier zieht -- aber Sie sollen
gleich Ihren Kaffee haben, und dann wird auch der Platz hier rasch
aufgeräumt. Wo nur der Mosje Louis steckt.“ Und mit den Worten verließ
sie das Zimmer, um das Verlangte selber herbeizuholen.
Der Fremde schien gar nicht mehr zu hören, was sie ihm sagte, sondern
nur mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt zu sein. Er hatte den
Reisesack, den er trug, neben sich auf einen Stuhl gestellt, setzte
sich an den Tisch, stemmte den Kopf in die Hand und sah still und
düster vor sich nieder, veränderte auch seine Stellung nicht, bis das
Mädchen mit Kaffee und Cognac zurückkam, Beides vor ihn hinsetzte und
dann geschäftig daran ging, das Zimmer in Ordnung zu bringen. Der
Hausknecht hatte indessen seine Arbeit ebenfalls beendet, und wollte
gerade die Thür wieder schließen, als sein Blick auf den Fremden fiel.
Er drehte wieder um, kam herein, ging auf diesen zu und sagte, während
er sich mit dem linken Daumen am Hals kratzte und mit der rechten Hand
auf die Füße des Reisenden zeigte, nur das eine Wort:
„Stiefel putzen?“
Dieser sah überrascht zu ihm auf.
„Ah, guten Morgen, Kamerad. Ausgeschlafen?“ lachte er.
„Auf der einen Seite“, brummte der Mann mit der rothen Schürze.
„Stiefel putzen?“
„Hm“, meinte der Fremde, indem er einen Blick auf seine Fußbekleidung
warf, der eine Bürste eben keinen Schaden gethan haben würde, „jetzt
nicht, später. Kann man hier logiren?“
Das war eine Frage, die den Hausknecht nichts anging, und ohne sie
deshalb einer Antwort zu würdigen, drehte er sich auf seinen Pantoffeln
wieder um und schlappte aus dem Zimmer.
Der Fremde sah ihm nach und lachte still vor sich hin; andere Gedanken
gingen ihm aber doch durch den Kopf, um sich lange mit dem faulen
Burschen zu beschäftigen. Er trank seinen Kaffee, stürzte den Cognac
hinterher, nahm dann eine schon etwas stark gebrauchte Cigarrendose aus
der Tasche und zündete sich mit einem Feuerzeug, das er ebenfalls bei
sich führte, eine Cigarre an.
Das Stubenmädchen, ohne sich indeß dabei in ihrer Arbeit stören zu
lassen, betrachtete sich den Fremden kopfschüttelnd, denn sie konnte
nicht recht klug aus ihm werden.
Es war in der That eine etwas wunderliche Persönlichkeit, und wenn er
auch anständig gekleidet ging, lag doch in seinem ganzen Wesen wieder
etwas, das man hätte genial nennen können, das aber eigentlich an das
Liederliche und Verkommene streifte. Er trug einen weiten leichten
Paletot, wie ihn Künstler gewöhnlich tragen, einen breitrandigen,
schwarzen, etwas zerdrückten Hut von feinem weichen Filz, gestreifte
Beinkleider und lilla Glacéhandschuhe, aber seine Wäsche war nicht
tadellos rein, und konnte nur vielleicht damit entschuldigt werden, daß
er eben von der Reise kam. Trotzdem würde er entschieden anständiger
ohne die unechte Tuchnadel ausgesehen haben.
Für den Mann ist jeder goldene Zierrath unpassend, aber entsetzlich,
wenn er auch noch unecht ist, und kann eigentlich nur bei
Weinreisenden entschuldigt werden.
Seinem Aussehen nach mochte der Fremde etwa in den Vierziger Jahren
stehen; sein Alter ließ sich aber nicht genau erkennen, da der volle
braune Bart und der breitrandige Hut das Gesicht ziemlich verdeckten.
Im Bart selber zeigten sich aber schon kleine graue Flecke, die
Schatten, die der sinkende Abend auf uns wirft, und nur seine
Bewegungen waren noch lebendig und fast jugendfrisch.
Er hatte den Rauch in dichten Wolken ausgeblasen und ein paarmal auch
den Kopf nach dem Mädchen umgedreht, als ob er sie anreden wollte, es
aber immer wieder unterlassen. Da ging die Thür auf und „Mosje Louis“,
der Kellner trat ein. Mosje Louis war in der That „jeder Zoll ein
Kellner“.
Er erschien spät, aber er erschien seiner würdig, in vollem, nichts
zu wünschen übrig lassendem Ornat, die schwarze Tuchjacke sauber
abgebürstet, die großcarrirten Hosen nach dem neuesten Schnitt und
sehr eng, die Wäsche untadelhaft, mit allem nur darauf anzubringenden
Zubehör von Tuchnadel, Chemisett- und Hemdknöpfchen, Berloques, Kette
und Ringen; und das Toupet. Es war in der That makellos und über beiden
Ohren hoch und gelockt auflaufend, während gerade auf der Mitte des
Kopfes eine wahre Chaussee von einem Scheitel schnurstracks hindurch
bis hinten hinunter in die himmelblaue Halsbinde lief.