„Aber Rosel,“ sagte Paul Jochus erstaunt, indem er sie kopfschüttelnd

betrachtete, „was hat Dich denn so früh aus den Federn getrieben und

weshalb weckst Du mich so zeitig? Ist etwas vorgefallen, oder bist Du

selber krank?“

„Nein, Vater,“ sagte Rosel und es wurde ihr schwer, zu sprechen, denn

der Athem versetzte ihr die Brust, „ich bin wohl -- aber -- willst Du

mir eine Frage beantworten?“

„Recht gern, Kind,“ entgegnete der Wirth, allein der Blick, der die

Tochter dabei traf, strafte die bereitwilligen Worte Lügen, denn er

flog scheu und mißtrauisch über sie hin; „was hast Du nur?“

„Du weißt, was ich neulich mit Dir besprochen habe, Vater,“ fuhr Rosel

fort, „wie Du mir versprochen hast, daß Du dem Franz helfen wolltest,

Alles -- dort oben -- aus dem Weg zu räumen, daß das unselige Geschäft

aufgegeben sei und jener Mensch, den uns des Himmels Zorn hierher

gesandt, Hellenhof verlassen wolle. Ist das geschehen?“

„Aber, liebes Herz,“ sagte der Vater mit einem erzwungenen Lachen, „um

das zu fragen, hättest Du doch wohl auch noch ein paar Stunden warten

können.“

„Ist das geschehen, Vater?“ drängte die Tochter.

„Gewiß ist’s,“ sagte der Mann halb unwillig, „der Brendel ist freilich

noch nicht fort; er mußte erst seinen Paß zum Visiren zum französischen

Consul schicken, und das hat ihn etwas aufgehalten, doch morgen reist

er ab.“

„Und in der Ruine ist keine Spur jenes -- jener Arbeit zurückgeblieben?“

„Nein, Kind, Alles glatt und sauber.“

„Gott sei Dank!“ stöhnte Rosel aus voller Brust, „so will ich denn die

Angst auch gern umsonst getragen haben.“

„Was hast Du nur, weshalb denn Angst und vor was?“

„Nichts, Vater,“ sagte das Mädchen freundlich, „wenn der Franz die

böse Sache aufgegeben hat, so ist Alles gut und es betrifft nicht uns,

sondern fremde Menschen.“

„Aber was denn, Kind?“ frug der Wirth, der sich doch nicht ganz sicher

fühlen mochte, „so sag’ mir doch, was Du hast und um was Du besorgt

warst?“

„Um nichts, Vater, und ich danke dem Himmel, daß es um nichts war.“

„Aber ich bitte Dich darum.“

„Ich möchte nicht gern das Vergangene berühren und Dir weh thun.“

„Du hast mich nun neugierig gemacht, und ein Geheimniß ist’s doch

nicht.“

„Ich weiß es nicht, Vater, aber ich glaube es nicht. Der Bruno war

gestern Nachmittag wieder hier im Garten --“

„Hm,“ sagte der Wirth, der jetzt die Aufregung des Mädchens zu errathen

glaubte, bedeutend beruhigt, „so -- und bist Du freundlich mit ihm

gewesen?“

„Weshalb soll ich unfreundlich mit ihm sein?“ sagte Rosel traurig. „Er

ist brav und gut und wir leiden Beide gleich viel; er wird auch nicht

wiederkommen. Es war das letzte Mal.“

„Aber was -- was hat denn das mit der Ruine zu thun?“ frug der alte

Jochus kopfschüttelnd.

„Er ist jetzt beim Criminalamt, Vater,“ sagte Rosel, doch leise und

scheu, „und da -- da erwähnte er zufällig, daß sie --“

„Daß sie -- was?“ rief Jochus rasch.

„Mir jagte es Anfangs, als ich es hörte, einen Schreck ein,“ sagte das

arme Mädchen, „aber so hat das ja nichts mit uns oder mit dem Franz zu

thun -- sie sind einer Falschmünzerbande auf der Spur und Alles, um was

ich Dich bitten wollte, ist: mach’, daß der fremde Mensch, der Brendel,

bald von Hellenhof wegkommt, damit der Franz keine Gemeinschaft mehr

mit ihm hält.“

Jochus war todtenbleich geworden, die Kniee zitterten ihm und er sank

wie gebrochen in einen Stuhl.

„Vater!“ rief Rosel erschreckt und ein furchtbarer, entsetzlicher

Verdacht stieg in ihr auf; „Vater, um Gotteswillen, hast Du mir in

Allem die Wahrheit gesagt?“

„Was haben sie entdeckt?“ frug der Alte, der sie mit dem linken Arme

von sich schob, mit harter, rauher Stimme, „sage mir Alles, Mädel, Du

-- Du weißt nicht, was davon abhängt.“

Rosel stand vor ihm, starr und thränenlos, sie brauchte keine Frage

mehr an ihn zu thun, in diesen angstverzerrten Zügen lag die ganze

Schuld und Sünde des Mannes, den sie hätte lieben und verehren sollen,

nur zu deutlich vor ihr, und mit jetzt vollkommen ruhiger, aber

eiskalter Stimme sagte sie:

„Was ich weiß, ist sehr wenig: einer Falschmünzerbande will man auf die

Spur gekommen sein, deren Hauptsitz man hier in der Nähe vermuthet.

Einer der Hehler oder Verbreiter ist vorgestern ertappt und verhaftet

worden. Er hatte bis jetzt noch nicht gestanden.“

„Verhaftet -- wo?“

„Ich weiß es nicht.“

„Durch wen?“

„Durch Herrn von der Haide,“ sagte das Mädchen kalt.

„Teufel!“ knirschte der alte Mann durch die Zähne, aber jetzt war auch

keine Zeit mehr, Rücksichten zu nehmen oder etwas zu verheimlichen,

was, wie er recht gut wußte, sonnenklar vor dem Auge der Tochter lag,

denn ihr Blick ließ sich nicht mehr mißverstehen. Er sprang auf, fuhr

rasch und hastig in seinen Rock, griff nach seinem Hut und eilte, ohne

der Tochter Lebewohl zusagen, die Treppe hinab und durch den Garten

hinaus auf den Weg nach Hellenhof.

Achtes Kapitel.

Die Entdeckung.

Paul Jochus hatte schon lange das Zimmer verlassen, und Rosel stand

noch immer am Fenster, wohin sie getreten, um ihm durch den Garten

nachzusehen. Wußte sie doch genau, welchen Weg er nehmen würde und

wohin ihn seine hastigen Schritte trugen. Und wie sonderbar war ihr

dabei zu Muthe! Sie sah Alles, was um sie her vorging, aber es schien

gar nicht zu ihr zu gehören oder mit ihr in Verbindung zu stehen.

Unten im Garten, gerade unter dem Fenster lag das große, prachtvolle

Bouquet, das sie gestern noch selber gepflückt, und sie wunderte sich

jetzt, was da vorgegangen sein konnte, daß man Jemandem in ihrem Garten

Blumen gestreut hätte, ohne daß sie selber davon wisse.

Da ging Bärbel in den Garten, um vom Gemüsebeete etwas Petersilie

zu holen. Was hatte die fremde Person, die so wunderbar in einen

Regenbogenschein gekleidet war, in ihrem Garten zu thun? Sie wollte das

Fenster öffnen, um ihr zuzurufen; allein sie vermochte es nicht mehr.

Sie hob den Arm und brach dann, ehe sie nur den Fenstergriff erfassen

konnte, lautlos und ohnmächtig, wo sie stand, zusammen.

Dort lag sie wohl eine Stunde lang, bis das Mädchen hinauf kam, um das

Zimmer zu reinigen, denn die Thür stand nur angelehnt.

Bärbel schlug jetzt Lärm im Haus, aber Rosel kam rasch wieder zu sich,

und es war, als ob sie gerade in dieser Betäubung der Sinne, in dem

vollen Vergessen des Geschehenen wieder frische Kräfte gesammelt habe.

Man hatte sie auf ihr Bett getragen und wollte jetzt nach dem Doctor

laufen; doch Rosel litt es nicht. Sie fühlte sich wieder vollkommen

wohl; nur eine merkwürdige Schwäche sei über sie gekommen, als sie dort

drüben im Zimmer habe aufräumen wollen. Das wäre eine Ohnmacht gewesen,

weiter nichts und jetzt vorüber. Man sollte nur ihr Fenster ein wenig

öffnen, daß die frische kalte Morgenluft herein käme, das würde ihr

mehr helfen als alle Doctoren der Welt.

Wie stürmte indessen der sonst so ruhige Wirth, Paul Jochus, auf der

Straße hin, die nach Hellenhof führte! Das Entsetzliche, das bis jetzt

nur immer als Schreckbild vor seiner Seele gestanden, war geschehen --

war endlich eingetroffen, ihre Arbeit verrathen -- verrathen im letzten

Augenblick, wo sie sich Alle am Ziel ihrer Wünsche und Hoffnungen

sahen, und nur der eine Gedanke jagte ihn vorwärts, daß es vielleicht

selbst jetzt noch nicht zu spät sei, dem größten Unglück, einem

Ertappen auf frischer That, vorzubeugen. Wußte er doch recht gut, wie

schwer es sein würde, überzeugende Beweise gegen sie beizubringen, wenn

nichts Thatsächliches vorlag, um sie zu überführen.

Die Bauern, die ihm unterwegs begegneten und ihn kannten, blieben in

der Straße stehen und sahen ihm erstaunt nach. Was hatte der Mann so

zu laufen? War irgend wo ein Unglück geschehen? Einige riefen ihn an,

er hörte sie gar nicht, oder achtete wenigstens nicht darauf, -- aber

er fühlte doch zuletzt, daß er sich, besonders in der Nähe der Stadt,

nicht auffällig benehmen dürfe, und mäßigte seine Schritte.

Endlich hatte er die Außengebäude von Hellenhof erreicht und bog hier

in einen Seitenweg ab, der nur zwischen Gärten hinführte und ihn, von

wenigen Menschen gesehen, zu der Wohnung seines Sohnes bringen konnte.

Aber dort lag Alles still; die Bewohner schliefen noch nach ihrer

nächtlichen Arbeit, und er mußte eine ganze Weile an der Thür pochen,

ehe er die Beiden so weit ermuntert hatte, daß sie ihm öffneten. Wie

rasch war jedoch jede Müdigkeit vorüber, als sie die Schreckenskunde

hörten, die er brachte! Einer ihrer Helfershelfer entdeckt und

verhaftet! Wer und wo? Betraf es auch wirklich sie? Doch sie durften

kaum daran zweifeln, denn durch den glücklichen Erfolg, den sie bis

jetzt gehabt, übermüthig gemacht, waren sie leichtsinniger vorgegangen,

als sie eigentlich gesollt.

Und was nun?

Der Gefangene -- wer es auch sein mochte -- hatte nach Aussage des

Actuars noch nichts gestanden, und es war nicht wahrscheinlich, daß er

das so rasch thun würde, denn nur durch standhaftes Leugnen konnte er

sich vor Strafe sichern, oder diese doch jedenfalls erleichtern. Allein

sie wußten nicht, welche Beweise gegen ihn vorlagen, und konnten das

auch nicht erfahren, denn schon eine einfache Frage hätte den Verdacht

auf sie lenken müssen. Wie lange Zeit blieb ihnen nun selbst, um nicht

allein ihr Product in Sicherheit zu bringen, sondern auch jede Spur

zu vertilgen, die einen Verdacht auf sie lenken konnte? Franz meinte,

daß sie, was auch geschehen möge, unter jeder Bedingung die Nacht

abwarten müßten; Brendel aber, den eine merkwürdige Unruhe erfaßt zu

haben schien, drang darauf, auch keine Stunde länger zu versäumen

und ohne Weiteres an die Arbeit zu gehen. Zwei Mal wären sie jetzt

gewarnt worden, das dritte Mal geschehe es nicht, und vor Abend gedenke

er wenigstens, Hellenhof weit genug im Rücken zu haben, um von den

Aussagen keines Menschen mehr gefährdet zu werden.

Sie hatten ja auch weiter nichts zu thun, als die schon fertigen und

noch in der Ruine liegenden Pakete mit Banknoten in Sicherheit zu

bringen und die wenigen noch unvollendeten so weit zu zerstören, daß

ein Erkennen des Fabricats daran unmöglich wurde. Alles Andere ließen

sie dann stehen und liegen, und wurde es wirklich aufgefunden, nun was

that’s? Das Gericht bekam nur den Beweis in die Hände, daß dort ein

Vergehen gegen Paragraph So und So des Strafgesetzbuches stattgefunden,

wer es aber begangen und wo sich Der jetzt befinde, könnte man aus den

todten Werkzeugen nie errathen.

Franz sträubte sich noch. Er schlug vor, einen Spaziergang nach

verschiedenen Seiten zu machen. Sie wollten sich trennen, um nicht

zusammen gesehen zu werden, und sich dann mit der Abenddämmerung

oder allenfalls schon Nachmittags in der Ruine treffen. Auf die

wenigen Stunden könne es jetzt nicht ankommen, denn liege der

geringste Verdacht gegen sie überhaupt vor, so würde man sie wahrlich

nicht so lange unbelästigt gelassen haben, sie wären schon jetzt

verhaftet worden. Brendel hatte indeß keine Ruhe; er drang mit seiner

Meinung zuletzt durch, denn Paul Jochus selber fühlte sich von einer

unsagbaren Angst überkommen, die ihm keine Ruhe ließ. Es wurde deshalb

besprochen, gleich nach der Ruine aufzubrechen, und Jochus selbst

sollte voranschreiten, während die beiden Compagnons indessen im Hause

selbst Alles vernichteten, was bei einer Durchsuchung auch nur den

geringsten Verdacht gegen sie erwecken oder einen solchen bestätigen

könnte. Besonders hatten sie noch einige Probestiche verschiedener

Noten im Besitz, die, als jetzt völlig werthlos, augenblicklich im

Ofen verbrannt wurden. Ebenso vernichteten sie alle Papierproben, die

zu Banknoten hätten benutzt werden können, und legten andere harmlose

Arbeiten, die theils ganz, theils halb vollendet waren, absichtlich auf

ihren Tischen aus, um einer etwaigen Untersuchung zu zeigen, womit sie

beschäftigt wären.

Erst als sie das Alles beendet und sich genau überzeugt hatten, daß

nicht das Geringste zurückgeblieben sei, was ihnen hätte gefährlich

werden können, verließen sie das Haus, um dem vorangegangenen Wirth auf

einem anderen Wege zu folgen, der durch die jetzt verlassenen Weinberge

führte. Sie nahmen sich dabei Zeit. Jedenfalls würden sie sich mehr

beeilt haben, wenn sie die Thätigkeit gesehen hätten, die sich heute

Morgen im Criminalamt entwickelte.

Noch gestern Abend hatte man bei dem in Haft genommenen Menschen,

der durch des jungen Actuars Umsicht aufgespürt worden, Haussuchung

gehalten und in einem Winkel seiner Schlafkammer, unter einem Haufen

alter Zeitungen und Papiere, ein kleines, fest zusammengebundenes

Packet neuer preußischer Fünfundzwanzigthaler-Scheine gefunden,

die augenblicklich durch einen reitenden Boten nach Hellenhof

hinübergeschickt wurden. Die Banknoten waren aber so täuschend

nachgeahmt, daß sie der Untersuchungsrichter nicht für gefälscht,

sondern für gestohlen hielt und die Sache bis zur Geschäftsstunde ruhen

ließ, weil um neun Uhr schon ein Verhör für den Inhaftirten angesetzt

worden. Da Actuar von der Haide den Menschen, einen Wollhändler aus

dem Nassauischen, zu verhören hatte, so ließ ihn sein Vorgesetzter

ersuchen, um acht Uhr zu ihm zu kommen, um ihm das jedenfalls

gestohlene Gut einzuhändigen.

Der junge Mann erschien und nahm die Banknoten in Empfang; jedoch

seinerseits mit dem Verdacht, daß sie es weit eher mit einem Fälscher

als einem gemeinen Dieb zu thun hätten, ging er, noch vor dem Verhör,

mit einer der Noten zu einem ihm befreundeten Kupferstecher, um dessen

Meinung darüber zu hören.

Dieser erklärte beim ersten Anblick die Banknote ebenfalls für ächt,

holte aber doch eine alte Fünfundzwanzigthaler-Note, die er gerade

besaß, hervor und verglich beide mit der Loupe, wonach er bald auf

kleine, sonst fast nicht zu bemerkende Mängel aufmerksam wurde. Nach

wenigen Minuten schon erklärte er, daß hier ein allerdings meisterhaft

gearbeitetes Falsificat vorliege: die Note sei falsch.

Das Verhör sollte nicht lange dauern. Der Wollhändler, der sich in

solcher Art durch die bei ihm gefundenen Noten überführt sah, gab nach

kurzen Kreuzfragen die Wahrheit der Anklage zu und suchte jetzt nur

alle Schuld von sich selber abzuwälzen. Er habe die Noten von einem

Freund bekommen, um sie auszugeben, sagte er.

Und wie hieß der Freund, von dem er sie bekommen?

Der Mann zögerte mit der Antwort: er suchte Ausflüchte und nannte

zuerst ein paar fremde Namen, aber es half ihm nichts. Er hatte sich

schon zu weit verfahren, um noch zurück zu können, und gab endlich

eine Person an, bei der das Herz des Untersuchenden stockte -- Paul

Jochus in Wellheim!

„Paul Jochus?“ rief der junge Actuar entsetzt aus.

„Der Wirth vom Burgverließ,“ bestätigte leise der Gefangene, und der

Protokollant eilte, die wichtige Thatsache zu Papier zu bringen.

Einen Augenblick herrschte Todtenstille in dem weiten Verhörzimmer, und

nur das Kritzeln der Feder zischelte, wie das Flüstern böser Geister in

der Luft. Jetzt hatte der Protokollführer die Aussage niedergeschrieben

und sah den Actuar an. Warum zögerte dieser, mit seinen Fragen

fortzufahren? Warum schmiedete er das Eisen nicht, so lange es heiß

war? Der junge Mann konnte nicht -- die Zunge klebte ihm fast am

Gaumen, und in wirren, wirbelnden Bildern jagten ihm die Ereignisse des

vergangenen Tages an der Seele vorbei.

Deshalb hatte Rosel seine Hand ausgeschlagen, seine Werbung

zurückgewiesen! Das war das entsetzliche Geheimniß, das sich zwischen

sie gelegt, und seit jener Nacht -- ja -- seit jener Nacht erst, in der

sie auf der Ruine gewesen, und dort -- dort mußte sie es erfahren haben!

Endlich ermannte sich der Actuar wieder -- er fühlte nur das Eine,

daß er seine Pflicht thun müsse, was auch immer die Folgen davon sein

mochten; er konnte und wollte sich derselben nicht entziehen. Und

Rosel? -- sie mochte um das Verbrechen gewußt haben, aber nie hatte

sie Theil daran genommen, das fühlte er in jeder Faser seines Herzens;

wie unglücklich sie dadurch geworden, davon war er ja selber Zeuge

gewesen. Aber andere Gedanken jagten zugleich durch sein Hirn. Wer

waren die Helfershelfer, die der Wirth gehabt haben mußte, denn der

alte Jochus hatte dies Papier nie selber fabricirt -- wer konnten sie

anders sein als sein Sohn, der hier in Hellenhof ansässige Graveur und

jener eingewanderte Künstler -- der Mensch, der es gewagt hatte, sein

Auge zu Rosel zu erheben? Er war von seinem Stuhl aufgestanden und ein

paar Mal im Zimmer auf- und abgegangen, dann klingelte er. Einer der

Gerichtsdiener kam herein und er flüsterte ihm leise einige Worte zu,

worauf der Mann das Zimmer wieder verließ. Jetzt erst setzte der Actuar

das Verhör wieder fort, das aber nicht mehr viel Wichtiges ergab, denn

der Gefangene schien es für gerathener zu halten, sich so wenig als

möglich an der Schuld betheiligt darzustellen, und wollte von keinen

weiteren Noten wissen, die er je empfangen und verbreitet habe. Auch

ob Paul Jochus, der Wirth, mit irgend wem in Verbindung stehe, wollte

er nicht wissen. Er war in Wellheim gewesen, und der Wirth hatte ihm

hier das Anerbieten gemacht. Wo der die Noten her habe, könne er nicht

sagen. Er wollte oder konnte nichts weiter gestehen und mußte in seine

Zelle zurückgeführt werden.

Es war zehn Uhr geworden, als der ausgesandte Bote zurückkehrte und

dem Herrn Actuar meldete, die beiden Graveure Franz Jochus und Wilhelm

Brendel seien nicht in ihrer Behausung, wohl aber wollte ein Weinbauer

vor kaum einer halben Stunde gesehen haben, wie sie draußen von dem Weg

nach Wellheim abgebogen und der Wildenfels-Ruine zugeschritten wären.

Jetzt durfte er seinen Verdacht nicht länger zurückhalten und ließ

sich bei seinem Vorgesetzten melden, dem er die einzelnen Thatsachen

mittheilte, ja selbst seine Neigung zu der Tochter des Paul Jochus

nicht verschwieg und seine Befürchtung aussprach, daß jener nächtliche

Besuch der Ruine ihr irgend etwas verrathen haben müsse, das sie

unglücklich und elend gemacht, denn sie sei von der Zeit an wie

umgewandelt gewesen.

Der alte Criminalrichter hörte ihm aufmerksam zu und nickte nur

manchmal leise mit dem Kopfe.

„Und was gedenken Sie jetzt zu thun?“ frug er, als der junge Mann

schwieg.

„Ich wollte Sie bitten, einen Anderen mit der augenblicklichen

Untersuchung der Ruine zu beauftragen; in wenigen Stunden könnte es zu

spät sein.“

„Aber es ist nicht möglich, daß die Herren schon irgend welchen

Verdacht geschöpft haben; sie können nicht einmal wissen, daß ihr

Bundesgenosse eingebracht ist.“

Der Actuar zögerte mit der Antwort, denn er mußte sich selber dadurch

anklagen; er dachte dessen, was er gestern Abend mit Rosel gesprochen.

Erst nachträglich war ihm aufgefallen, welchen Antheil sie gerade in

dem Augenblick an einer Sache genommen, die ihr doch eigentlich so fern

liegen mußte. Wer hätte es der Tochter verdenken wollen, wenn sie den

Vater gewarnt; und wenn er jetzt dem Vorgesetzten seine Befürchtung

verheimlichte, machte er sich dann nicht zum Mitschuldigen an dem

Verbrechen?

Es war ein augenblicklicher Kampf zwischen Liebe und Pflicht, aber die

Pflicht siegte, noch dazu, da er nur dadurch hoffen durfte, das ihm

theure Mädchen von all’ jenen entsetzlichen Verbindungen zu befreien

und dennoch für sich zu gewinnen.

Er erzählte dem Untersuchungsrichter sein gestriges Gespräch mit dem

armen Mädchen und verschwieg nichts. Kaum aber hatte er geendet, als

der alte Herr sich von seinem Stuhle erhob und rief:

„Sie haben Recht, Herr Actuar, und hier meine Hand, ich verstehe,

welche Ueberwindung Ihnen das Geständniß gekostet haben mag, und

verspreche Ihnen auch, daß Sie mit der Sache nichts weiter zu thun

haben sollen. Ueberlassen Sie das Andere mir und senden Sie mir nur

augenblicklich den Herrn Assessor Schüler herüber. Mit dem werde ich

das Weitere besprechen.“

Jetzt entwickelte sich in dem alten Gebäude eine ganz merkwürdige

Thätigkeit und es dauerte keine Viertelstunde, so wurden Leute nach

allen Seiten ausgeschickt.

Drei berittene Gensd’armen trabten, so rasch ihre Pferde sie bringen

konnten, den Weg nach Wellheim; ihnen folgten etwas langsamer drei

andere in Begleitung einer kleinen Abtheilung Militär und mehrerer

Polizeidiener. Assessor Schüler selber mit einem jungen Prakticanten

fuhr in einem Einspänner den nämlichen Weg.

Zu gleicher Zeit wurde Polizei nach dem Hause der beiden Graveure

Jochus und Brendel gesandt, sie trafen aber noch Niemanden daheim und

postirten sich dann, ohne Lärm zu machen, in der Nachbarschaft. Die

Gensd’armen waren direct vor das Wirthshaus zum Burgverließ geritten.

Rosel stand gerade in der Thür, als sie hielten, und jeder Blutstropfen

mußte ihr Antlitz verlassen haben, denn sie sah blaß aus wie eine

Leiche. Aber jede Schwäche war auch von ihr gewichen, denn seit heute

Morgen wußte sie, was kommen mußte. Daß es etwas früher kam, als sie

erwartet haben mochte, konnte sie nicht überraschen. Sie beantwortete

die Fragen nach ihrem Vater ruhig und gefaßt: er habe heute Morgen das

Haus verlassen und sei noch nicht zurückgekehrt; wo er sich aufhalte

könne sie nicht sagen, vielleicht drüben in Hellenhof, bei ihrem Bruder.

„Thun Sie Ihre Pflicht,“ sagte sie seufzend zu den Gensd’armen, die

ihr das Bedauern aussprachen, das Haus besetzen zu müssen, „ich kann’s

nicht hindern, und wenn ich’s könnte,“ setzte sie leise und scheu

hinzu, „weiß ich nicht einmal, ob ich’s thäte.“

Damit ging sie in ihr Zimmer hinauf, setzte sich an’s Fenster und

starrte still und schweigend, doch mit thränenlosen Augen, nach der

alten Ruine hinauf, deren halbverfallenen Thurm sie von dort aus

deutlich durch die Wipfel der Büsche und Obstbäume unterscheiden

konnte.

Neuntes Kapitel.

Schluß.

Indessen verfolgten die drei Verbrecher ihre verschiedenen Bahnen, die

sie an den Schauplatz ihrer Thätigkeit -- und zwar zum letzten Male --

zusammenführen sollten. Anfangs hatten sie sich völlig Zeit genommen

und Brendel selber war in einem mäßigen Schritt, doch düster brütend

vorwärts gewandert. Aber je länger er sich seinen alten Erinnerungen

überließ, desto mehr trieb ihn die Angst vor Entdeckung weiter und

zuletzt eilte er in einer solchen Hast vorwärts, daß ihm Franz kaum zu

folgen vermochte.

„Zum Teufel,“ rief dieser endlich ärgerlich, „was hetzest Du denn nur

so furchtbar heute Morgen? So eilig ist die Geschichte nicht, daß wir

uns unnöthiger Weise den Athem aus der Seele laufen sollten.“

„Wir sind Thoren gewesen,“ knirschte Brendel zwischen den Zähnen durch,

„daß wir uns so lange Zeit genommen haben, und mir hat geahnt, wie es

noch Alles kommen würde.“

„Aber was ist denn eigentlich gekommen?“ rief Franz ärgerlich. „Sie

haben irgend Jemanden dabei ertappt, falsche Banknoten auszugeben,

das ist Alles, und was wollen sie machen, wenn er nicht gesteht?

Indeß wirklich den schlimmsten Fall angenommen, daß er gestände,

was er weiß, so verräth er doch unser Versteck nicht, das Niemand

weiter kennt, als wir selber. Wie ich’s mir unterwegs überlegt habe,

glaub’ ich, es wäre am Ende gar das Beste, wir ließen Alles dort oben

ruhig, wie es steht, denn kein Mensch denkt an die alte Ruine, um dort

Nachsuchung zu halten.“

„Und Deine Schwester kennt unser Geheimniß wohl nicht?“

„Du glaubst doch bei Gott nicht, daß die uns verrathen würde?“

„Ich will wünschen, daß wir uns nicht vom Gegentheil überzeugen,“

brummte Brendel, „aber so viel weiß ich gewiß, nicht eine Viertelstunde

vertrau’ ich länger einer Weiberzunge. Macht Ihr, was Ihr wollt, mir

kann’s recht sein; schon heut’ Abend jedoch bin ich auf dem Weg zur

französischen Grenze.“

Hüben und Drüben; Zweiter Band (2/3) Neue gesammelte Erzählungen · 第 9 / 15 段