Wie trübe verbrachte indessen die arme Rosel daheim die Zeit! Wie

schwer, wie entsetzlich schwer war ihr das Herz heute, wo Alles

gerade hätte so gut sein können, wo endlich ihr heißes Gebet erhört

worden, wo der Geliebte eine feste Stellung errungen hatte und sie

Beide dem Ziele ihrer Wünsche näher waren! Durfte sie jetzt noch daran

denken, ihm jemals anzugehören? -- Dazu hätte sich die stolze Familie

vielleicht herbeigelassen, dem jungen Mann die Verheirathung mit einem

braven, unbescholtenen Bürgermädchen zu gestatten. Aber hätte sie,

die Tochter eines Verbrechers, es wagen dürfen, in das ehrbare Haus

einzutreten, hätte sie wagen dürfen, sich Bruno’s Mutter an das Herz

zu legen und ihr den theueren Namen zu geben, der ihre ganze Seele

füllte? -- nie! Wie eine Ausgestoßene kam sie sich selber vor, so

rein von Schuld sie ihr eigenes Herz auch wußte, aber wenn sie auch

nichts weiter gesündigt hatte, so war sie doch die stillschweigende

Mitwisserin jener furchtbaren Schuld, die in ihrer Brust vergraben

bleiben mußte, denn konnte sie den eigenen Vater -- den Bruder in’s

Zuchthaus liefern?

So verbrachte sie den Abend und horchte auf jeden Schritt im Hause, ob

der Vater noch nicht zurückkehre und wenigstens einen Trost bringe,

daß ihre Bitten und Thränen -- ja die absichtlich darin versteckte

Drohung einer Klage, gefruchtet hätten. Noch war es ja vielleicht

möglich, Geschehenes ungeschehen zu machen, wenigstens dem rächenden

Gesetz gegenüber, wenn sie es auch nie aus dem eigenen Herzen reißen

konnte. Sie wollte auch gern, o wie gern, Alles allein geduldig tragen

und nicht klagen und murren, wenn sie nur den Vater und Bruder vor dem

Verderben bewahrt und einem ehrlichen Leben zurückgegeben hatte.

Endlich kam der Vater. Er wollte an ihrem Zimmer vorüber in sein

eigenes gehen, aber sie ließ ihn nicht. Wie sie ihn draußen hörte,

öffnete sie die Thür und sagte ängstlich:

„Wie ist es, Vater, warst Du drüben bei ihm?“

„Ja, Kind.“

„Und hast Du mit ihm gesprochen? o, komm’ herein und erzähle mir Alles,

was er geantwortet hat.“

„’s ist Alles gut, Rosel,“ sagte der Wirth, indem er zu ihr in’s Zimmer

trat und sie auf die Stirn küßte -- er mochte ihr nicht dabei in’s Auge

sehen, „ich hab’ mit ihm geredet, er hat’s eingesehen und wir wollen

jetzt unser Möglichstes thun, um Alles, was noch von der Sache übrig

ist, aus dem Weg zu schaffen. Noch weiß kein Mensch davon, als Du, und

soll auch hoffentlich nie Jemand weiter davon erfahren.“

„Und der Fremde, was wird mit ihm?“ sagte Rosel und richtete sich

rasch empor, um ihren Vater anzusehen.

„Er -- er hat sich mit Franz gezankt,“ log der Vater, „weil er’s noch

nicht aufgeben mochte. Als ihm der Junge aber erklärte, daß er mit der

Sache nichts weiter zu thun haben wollte, meint’ er, dann ginge er nach

Frankreich hinüber und versucht’s auf eigene Hand.“

„Laß ihn, Vater, o laß ihn gehen,“ bat das Mädchen, „sieh’, ich will

arbeiten, daß mir das Blut unter den Nägeln vorspritzt. Ich kann

arbeiten; ich hab’s von Jugend auf getrieben und nichts Anderes in

meiner Jugend gelernt. Und wie gern thu’ ich’s,“ setzte sie mit

wehmüthigem Lächeln hinzu, indem sie ihr Haupt an seine Brust lehnte,

„wenn es dann nur ehrliches Brod ist, was wir essen. Es wird auch

gehen, Vater, habe nur guten Muth; Du bist jetzt so gut, Du trinkst

nicht mehr und stehst Deinem Geschäft so ordentlich vor, daß Dich

alle Menschen d’rum lieb haben; wir müssen uns vielleicht ein Bischen

einschränken, aber was thut das? Die Bärbel brauchen wir auch nicht

mehr in der Schenkstube, sie ist ein gutes Mädel, aber doch lässig, und

man muß ihr fast die halbe Arbeit noch einmal nachmachen, das kann ich

auch allein verrichten, und pass’ einmal auf, Deine Gäste sollen sich

gewiß nicht beklagen, daß sie langsam bedient würden.“

„Meine gute Rosel,“ sagte der Vater, denn die kindliche Sorgfalt der

Tochter stach ihm wie ein Messer in’s Herz und die Scham vor sich

selbst trieb ihm das Blut in die Schläfe, „Du bist ein braves Kind,

ganz wie Deine selige Mutter, so gut und fromm.“

„O, denk’ recht oft an die selige Mutter, Vater,“ bat das junge

Mädchens, sich fester an ihn schmiegend, „recht, recht oft, Du weißt

ja, wie lieb sie Dich und mich gehabt und wie schwer ihr das Sterben

wurde, weil sie mich zurücklassen mußte und sich so um mich sorgte;

denk’ recht oft an sie! willst Du mir das versprechen, Vater?“

„Ja, Rosel, ich will’s,“ flüsterte der Mann und wandte den Kopf ab,

denn er fühlte, daß er jetzt ihren Blick nicht ertragen hätte.

„Dann wird auch noch Alles gut werden,“ lächelte das Mädchen unter

Thränen vor, „Alles, Du sollst auch nie von mir eine Klage hören. Das

verspreche ich Dir, Vater, und Du weißt, daß ich halte, was ich Dir

einmal versprochen.“

„Ich weiß es, Rosel -- ich weiß es -- Du bist so von klein auf gewesen,

wie Deine Mutter selig -- aber nun laß auch das Weinen sein, Kind.

Leg’ Dich jetzt zu Bett und schlaf’ ordentlich aus, und zeig’ den

Leuten morgen wieder ein freundlich und ruhiges Gesicht. Du glaubst gar

nicht, wie sie heute nach Dir gefragt und sich um Dich gesorgt haben.

Der alte Registrator war drei Mal da, um Dir für die Orangenstöcke

zu danken, und der Stadtschreiber selber ist den Mittag eigens darum

heraus gekommen, um sich zu erkundigen, ob Dir der Marsch gestern Abend

nicht geschadet hätte.“

„Der gute alte Mann!“ sagte Rosel leise, „ja, Vater -- morgen geh’

ich wieder in die Wirthschaft hinunter, und sei versichert, mit recht

leichtem, fröhlichem Herzen. Es soll mir Niemand ansehen, wie weh mir

heute zu Muthe gewesen ist und was für eine schwere Nacht ich gehabt

habe. Und gehst Du auch jetzt schlafen?“

„Nein, ’s ist noch zu früh,“ sagte Jochus, „und ich werde noch ein

wenig hinunter sehen, denn dem Bärbel allein möcht’ ich die Stube nicht

überlassen. Also gute Nacht, Rosel; die Thür geht so oft unten, ich

glaub’, es sind viele Leute da. Schlaf’ wohl, Kind.“ Und mit den Worten

küßte er sie noch einmal auf die Stirn und stieg dann die Treppe hinab.

Siebentes Kapitel.

Rosel.

Am nächsten Morgen war Rosel mit dem ersten Hahnenschrei munter. Sie

hatte in der That nicht zu viel versprochen, denn Niemand würde ihr

angesehen haben, was sie in den letzten vierundzwanzig Stunden getragen

-- was sie noch still und allein im Herzen trug. Etwaige Fragen nach

ihrem Abenteuer suchte sie durch Scherze und Neckereien abzulenken,

denn schon die Erinnerung an jene Nacht schnürte ihr noch immer mit

einem unheimlichen Gefühl die Brust zusammen, und sie mußte sich oft

Gewalt anthun, um das Niemanden merken zu lassen.

So vergingen acht Tage; wohl hatte sie indeß bemerkt, daß der Vater

wieder Nachts das Haus verließ, und ihn auch selber deshalb gefragt,

sich jedoch vollkommen mit der Antwort begnügt, die er ihr gab: Es

geschehe nur, um dem Franz zu helfen, Alles dort oben zu beseitigen,

was später -- wenn es je einmal zufällig entdeckt werden sollte -- den

geringsten Verdacht erwecken könnte. Noch glücklicher fühlte sie sich

aber, als er hinzusetzte, jener Brendel packe nun auch schon seine

Sachen zusammen und werde in acht oder spätestens zehn Tagen Hellenhof

und das ganze Land verlassen, um nach Frankreich hinüber zu ziehen.

Nur den Menschen erst fort aus ihrer Nachbarschaft, aus dem Verkehr mit

ihren nächsten Verwandten, und sie war überzeugt, daß dann noch Alles

gut -- recht gut werden konnte. Alles? Das arme Mädchen schüttelte

traurig mit dem Kopfe. Alles konnte nicht mehr gut werden, denn für

sich und ihr Glück sah sie keine Hoffnung. Bruno blieb ihr für immer

verloren und schien sich auch selbst bereits in das Unvermeidliche

gefügt zu haben, denn sie hatte ihn nicht allein seit jenem Morgen

nicht gesehen, sondern wußte auch, daß er während der ganzen Zeit nicht

wieder nach Wellheim herüber gekommen war, -- aber sie dankte Gott

dafür, denn es machte ihr die eigene Entsagung nur so viel leichter.

Es war besser so; sie paßte auch nicht in die vornehme Familie, wenn

es sich wirklich bestätigte, daß diese durch den Proceß ein Vermögen

erworben hatte. So lange er arm gewesen, so lange sie die Aussicht

gehabt, daß sie sich selber durch Fleiß und Arbeit im Leben forthelfen

konnten, durfte sie den Gedanken hegen, -- jetzt aber war das anders

geworden, viel besser für ihn, und es schmerzte sie nur, wenn sie

sich dachte, daß er sich doch wohl gar zu rasch und leicht in das

Unvermeidliche gefunden.

Den einzigen Trost fand sie in der veränderten Stimmung des Vaters, den

sie noch nie so heiter und vergnügt gesehen hatte als jetzt. Er pfiff

den ganzen Tag im Hause herum, und wenn sie sich manchmal allein mit

ihm befand, streichelte er ihr die Backen und versicherte sie, er würde

nun auch nicht mehr lange in dem langweiligen Wellheim bleiben, sondern

bald mit ihr in eine große Stadt ziehen und ein Hotel anlegen. Die

Preise des Landes seien, wie er hinzusetzte, so bedeutend gestiegen,

daß er seine Weinberge jetzt äußerst vortheilhaft verkaufen könne,

und den Zeitpunkt wolle er benutzen, denn nach einem recht schlechten

Weinjahr sinke auch der Werth des Landes wieder, und so hoch wie jetzt

sei er noch nie gewesen.

Fort von Wellheim? -- im Anfang hatte der Gedanke etwas Peinliches für

sie, sie wußte eigentlich selbst nicht weshalb, aber rasch gewöhnte

sie sich hinein und als sie sich Alles überlegte, schien es ihr das

Beste, daß sie weit, recht weit von hier fortzögen in ein anderes Land

und auch die Erinnerungen, die bösen trüben Gedanken zurückließen am

Rheine; ja sie drängte jetzt sogar selbst den Vater, diesen Zeitpunkt

zu beschleunigen, draußen in der Welt konnte es vielleicht doch noch

besser werden.

Der alte Jochus schien auch wirklich Ernst zu machen, denn er verkaufte

schon in dieser Woche einen Theil seiner Weinberge an einen frisch

zugezogenen Weinbauer und stand sogar mit diesem im Handel um Haus,

Garten und Wirthsgerechtigkeit.

Es waren indessen fast vierzehn Tage seit jener Nacht verflossen und

das Wetter schon recht rauh und herbstlich geworden, was den Vater aber

nicht verhinderte, sehr häufig nach Hellenhof hinüberzugehen. Einmal

war er sogar die Nacht dort geblieben, wie er sagte. In der ganzen

langen Zeit hatte sie nichts von Bruno gehört und gesehen; in der Stadt

hieß es nur, seine Mutter würde ebenfalls hinüber nach Hellenhof ziehen

und hätte sich dort drüben ein sehr hübsches Haus mit einem großen

Garten gemiethet; also mußten sich ihre Vermögensverhältnisse doch

bedeutend gebessert haben, oder wenigstens bald Aussicht dazu vorhanden

sein.

Eines Tages war Rosel hinaus in den Garten gegangen, um sich noch

einen hübschen Strauß zu pflücken, ehe es einwinterte, und wollte eben

mit ihren Blumen in das Haus zurück, um sie in Wasser zu stellen, als

plötzlich -- das Blut trat ihr wie mit Einem Schlag zum Herzen zurück

-- Bruno neben ihr stand -- keinen Schritt auf dem Kies des Gartens

hatte sie vorher gehört.

„Rosel,“ sagte der junge Mann herzlich, indem er ihr die Hand

entgegenstreckte, „bist Du mir bös, daß ich Dich überrascht habe?“

„Bös?“ sagte das Mädchen verwirrt, indem sich ihr Antlitz jetzt

blutroth färbte, „bös bin ich Ihnen nicht, Herr von der Haide.“

„Ihnen -- Herr von der Haide?“ wiederholte der Gekommene leise und

traurig, und das freundliche, ja glückliche Lächeln, mit dem er sie

eben noch begrüßt, wich aus seinen Zügen. „Bin ich Dir in den wenigen

Wochen so fremd geworden, Rosel, daß Du mich Sie und bei dem kalten

Namen nennst?“

Rosel schwieg eine kleine Weile; sie hätte gern gesprochen, aber es

ging nicht, die Worte quollen ihr in der Kehle, und sie brachte keinen

Laut über die Lippen. Endlich aber wurde sie ihrer Aufregung Herr und

sagte leise:

„Es kann nicht anders sein, Herr von der Haide. Sie wissen es doch; ich

habe ja auch schon Abschied von Ihnen genommen, und ich hatte geglaubt,

Sie würden mir den Schmerz einer zweiten Begegnung ersparen.“

„Ich begreife Dich nicht, Rosel,“ rief Bruno bewegt aus; „wie ich noch

verzweifelnd in das Leben und vor mir nur Noth und Entbehrung sah,

hieltest Du treu und wacker zu mir, und nichts konnte Dich irre machen.“

„Noth und Entbehrung hätten uns auch nie getrennt,“ sagte das Mädchen

scheu und fast lautlos.

„Aber was denn sonst, Herz?“ bat dringend der junge Mann, indem er

ihre Hand ergriff, die sie ihm, aber nur widerstrebend ließ, „was, um

Gotteswillen ist zwischen uns getreten, wo uns nicht einmal Noth und

Entbehrung auseinander reißen konnten? Dein Vater war, als ich ihn das

letzte Mal sprach, gut und freundlich gegen mich, und meine Mutter

hat mich viel zu lieb, als daß sie, eines alten Vorurtheils wegen,

das Glück ihres einzigen Sohnes zerstören sollte. Ich habe auch erst

gestern wieder mit ihr über Dich gesprochen und fand zu meiner Freude,

daß sie sich, in der Zeit meiner Abwesenheit, näher nach Dir erkundigt

und von allen Seiten nur Gutes gehört habe. Ich begreife nicht, was

geschehen sein kann, Dein Herz in so kurzer Zeit, ja in wenigen Stunden

nur, von mir abzuwenden. Wie soll ich da noch Lust und Liebe zu meinem

Beruf haben, wo mir die schönste Hoffnung, die ich daran knüpfte, in

der Blüthe geknickt ist?“

Rosel schwieg noch immer -- ein schwerer Seufzer nur hob ihre Brust und

ganz in Gedanken zupfte sie die Blätter von einigen der Blumen, die sie

eben noch mit solcher Sorgfalt gesammelt hatte.

„Ich wäre auch schon lange zu Dir herüber gekommen,“ fuhr der junge

Mann bewegt fort, „denn diese Ungewißheit ließ mich nicht ruhen noch

rasten, aber es gab gerade in den letzten Wochen so viel auf dem

Criminalamt zu thun, daß ich kaum zu Athem gekommen bin. Ja ich mußte

sogar, in einem wichtigen Verbrechen, dem wir auf die Spur gekommen

sind, mit unserem Assessor eine Reise machen, die mich fast acht Tage

von Hellenhof entfernt hielt. Gestern zurückgekehrt, hörte ich zu

meinem Schreck, daß Dein Vater im Begriff stehe, Haus und Wirthschaft

zu verkaufen und ganz von Wellheim fortzuziehen, und da litt es

mich nicht länger. Ich mußte Dich sehen, und wenn ich auch für die

Versäumniß vielleicht die ganze Nacht zu arbeiten habe. -- Ist es wahr,

Rosel -- wollt Ihr fort von hier?“

„Ja,“ hauchte das Mädchen, „der Vater will wegziehen -- ich weiß selber

noch nicht wohin.“

Der junge Mann schwieg und ein bitteres Gefühl zog durch sein Herz,

während er still vor sich nieder starrte.

„Ich weiß nicht,“ sagte er nach einer kleinen Weile, „was mir Deine

Liebe rauben konnte -- ich bin mir selber wenigstens keiner Schuld

bewußt, denn nicht mit einem Gedanken habe ich an Dir gesündigt. Ich

kann mir auch gar nicht denken, was Du dabei hast, mir den Grund

zu verschweigen, denn Du bist sonst immer so wahr und offen gegen

mich gewesen, wie ich auch nichts auf der Welt kenne, was ich Dir

verschweigen möchte. Aber etwas hat sich zwischen uns gelegt -- Gott

weiß es, ohne mein Verschulden -- und sicherlich auch ohne Deines,

Rosel, und nur recht, recht traurig ist es, daß dies zwei Menschen soll

für ihr ganzes Leben unglücklich machen.“

„Recht traurig,“ nickte Rosel leise vor sich hin, aber so leise, daß er

wohl die Bewegung sah, doch die geflüsterten Worte nicht verstand.

„So sag’ mir nur noch das Eine, Rosel,“ bat Bruno herzlich, „ich will

Dich nicht länger quälen, denn ich sehe, daß Dir meine Gegenwart

nicht mehr so lieb ist, wie sie es früher war -- nur die eine Frage

beantworte mir noch -- giebt es kein Mittel, durch welches ich das

Verlorene wieder gewinnen kann? Ist es so vollständig unmöglich, das

Hinderniß, das ich nicht einmal kenne, aus dem Weg zu räumen -- soll

ich nicht wenigstens hoffen dürfen, daß noch Alles gut werden kann?“

„Nein, Bruno,“ sagte das arme Mädchen tonlos und kopfschüttelnd, „ich

habe keine Hoffnung mehr. Um das Eine nur aber bitt’ ich Dich,“ setzte

sie fast ängstlich hinzu, als er matt ihre Hand losließ und sich von

ihr abwandte, „wenn ich auch einmal fort bin von hier und Du mich nicht

mehr siehst, denk’ immer an mich und sei überzeugt, daß die Rosel gut

und brav geblieben ist und Dich von Herzen lieb gehabt hat -- willst Du

mir das versprechen? -- und Du darfst’s.“

„Ich will’s Dir versprechen,“ sagte Bruno, indem er ihr noch einmal die

Hand reichte. „Und so sollen wir jetzt wirklich Abschied für’s Leben

nehmen?“

„Für’s Leben, Bruno,“ sagte Rosel, während ihr ein paar große helle

Thränen an den Wangen niederrollten und als Thau auf die Blumen fielen,

die sie noch immer in der Hand hielt -- „ich hätt’ Dir gern den Schmerz

erspart, wenn es mir möglich gewesen wäre, aber Du hast’s ja selber so

haben wollen.“

„Ich kann mir’s noch immer nicht denken,“ nickte der junge Mann betrübt

vor sich hin, „es ist mir fortwährend, als ob wir Beide in irgend

einem schweren, entsetzlichen Traume lägen und jeden Augenblick daraus

erwachen müßten. Und doch ist’s wahr und wirklich! So leb’ denn wohl,

Rosel,“ fuhr er fort, indem er einen leisen, kaum fühlbaren Kuß auf

ihre Stirn hauchte, „ich will Dir den Abschied nicht schwer machen. Ich

geh jetzt fort zu meinem Beruf und hetze, wie die ganze letzte Woche,

hinter Raubmördern und Falschmünzern her und liefere die Verbrecher den

Gerichten aus. Glückliche Menschen bekomme ich nicht zu sehen, die ich

neiden könnte, und da will ich versuchen, ob ich’s wenigstens vergessen

mag. -- Leb’ wohl, Rosel.“

Rosel war’s, als ob ihr Jemand mit einer eiskalten Hand das Herz

zusammenpresse, und hätten Bruno nicht die Augen so voller Thränen

gestanden, so mußte er sehen, wie blaß sie plötzlich bei seiner letzten

Rede geworden.

„Hinter wem hetzest Du her?“ sagte sie fast tonlos, ohne die Hand

loszulassen, die sie noch in der ihren hielt.

„Hinter einer Falschmünzerbande, Rosel,“ antwortete der junge Mann,

„von der ich vorgestern selber das Glück hatte, einen der Agenten

einzufangen. Ich freute mich damals darüber, weil ich dachte, daß es

mir vorwärts helfen würde.“

„Und hat er gestanden?“

„Noch nicht, aber wir haben trotzdem allen Grund zu vermuthen, daß wir

das Nest hier in der Nähe finden werden. So will ich denn wieder an

meine Arbeit gehen. Lebe wohl, Rosel, und wenn ich Dich noch um Eines

bitten darf, so -- vergiß mich nicht ganz, denk’ manchmal an den Bruno,

der es treu und ehrlich mit Dir gemeint hat und Dich lieben wird, so

lange er lebt.“

Wie er noch einmal nach ihrer Hand griff, faßte er eine Blume, die

aus dem Bouquet gefallen war; er hielt sie fest und sich dann rasch

abwendend, schritt er, ohne sich auch nur noch einmal umzusehen, aus

dem Garten.

Rosel war, als er sie verlassen, kaum eines Gedankens fähig, mitten im

Wege stehen geblieben; die Blumen fielen aus ihrer Hand auf den Boden

nieder, sie merkte es gar nicht. Sie that einen Schritt vorwärts,

als ob sie ihm nacheilen möchte; sie wollte rufen, aber sie brachte

keinen Laut über die Lippen, und lange, lange schon war er im Gebüsch

verschwunden und außer Hörweite, als sie erst wieder die Kraft

erlangte, sich zu bewegen.

Mit dieser Kraft kehrte aber auch das Bewußtsein ihrer Lage, das

Entsetzliche des über sie hereinbrechenden Unglücks zurück, und Bruno

selber, der Mann, den sie mehr als ihr eigenes Leben liebte, war der

Träger desselben. Aber sie mußte ihren Vater sprechen, mußte ihn warnen

und mit flüchtigen Schritten eilte sie in das Haus.

Ihr Vater war noch nicht da und, wie ihr Bärbel sagte, nach Hellenhof

gegangen, hatte jedoch gesagt, daß er nicht lange ausbleiben würde.

Sie wartete und wartete in peinlicher, verzehrender Ungeduld, doch er

kam nicht. Sollte er wieder über Nacht ausbleiben? Der Abend dämmerte

schon, indessen sie die einzelnen Minuten gezählt, die noch nie so

langsam geschlichen waren, Paul Jochus ließ sich nicht blicken, und

jetzt litt es sie nicht länger in dem alten Haus, wo es ihr war, als ob

es über ihr zusammen brechen müsse. Sie warf Hut und Capuze über und

eilte den weiten Weg nach Hellenhof hinaus.

Wohl schauderte ihr dabei, wenn sie daran dachte, daß sie auch jenem

unheimlichen Fremden begegnen müsse, aber die Angst um den Vater

überwog das Alles und fast athemlos erreichte sie, schon lange nach

Dunkelwerden, das etwas abgelegene Gartenhaus, das ihr Bruder bewohnte.

Kein Licht brannte darin, sie klopfte an die Thür, Niemand antwortete

ihr, kein Zeichen, kein Laut verrieth, daß sich ein lebendiges Wesen in

der Wohnung befände.

Wo waren sie Alle? In der Ruine? Sie hätte vor Angst und Entsetzen in

die Kniee brechen mögen, aber es war keine Zeit, um sich irgend einer

Schwäche hinzugeben, und noch einmal klopfte sie, stärker als vorher,

und wartete auf Antwort.

Da öffnete sich in dem nächsten kleinen Haus ein Fenster, und eine

Stimme rief von dort heraus:

„Da drin ist Niemand zu Haus.“

„Und wo ist der Besitzer?“ frug Rosel zurück, dabei so viel als möglich

ihre eigene Stimme verstellend.

„Ja, das soll Unsereins wissen,“ lautete die mürrische Antwort,

„wo sich das liederliche Volk herumtreibt! Nach Wellheim zum Wein

wahrscheinlich, wohin sie alle Abende gehen, die Gott werden läßt,“ und

das Fenster wurde wieder zugeschlagen, denn die Nachtluft war kalt und

unfreundlich.

„Jeden Abend!“ nur das eine Wort fand einen Wiederklang in ihrem

Herzen. Also waren sie jeden Abend fort, und ihr Vater dann auch nicht

in Hellenhof gewesen! Was half es ihr da, wenn sie hier ihre Rückkehr

erwarten wollte? Mit schwankenden Schritten machte sie sich auf den

Heimweg.

Wohl gab es einen Platz, wo sie fürchtete sie treffen zu können -- in

der Ruine, und als sie Hellenhof wieder verließ, war sie sich ihrer

Absicht noch nicht klar bewußt, ob sie auch das Letzte wagen sollte,

sie dort aufzusuchen. In flüchtiger Eile verfolgte sie ihre Bahn, und

fast unbewußt lenkte sie, als sie die Abzweigung des Weges erreichte,

ihren Fuß der alten Burg zu. Unten am Hügel aber verließ sie ihr Muth.

Einmal ja, einmal hatte sie den Schrecken des alten Gemäuers getrotzt,

wo sie es nur von den albernen Phantasiegebilden abergläubischer

Thoren bevölkert glaubte. Jetzt stiegen entsetzlichere Bilder vor ihrer

Seele auf, als der alte Ritter von Wildenfels mit seinem kopflosen

Rumpf, Bilder, die ihr das innere Mark gerinnen machten; ihnen Trotz zu

bieten, wagte sie nicht.

Scheu, als ob sie den ganzen Spuk des alten Schlosses auf ihren Fährten

wüßte, floh Rosel nach der Stadt zurück, mit der freilich schwachen

Hoffnung, den Vater dort zu finden. Er war noch nicht zurückgekehrt,

und immer noch, als Bärbel und die anderen Dienstleute schon lange in

ihren Betten lagen, saß sie lauschend an dem nach dem Garten hinaus

führenden Fenster und horchte auf das geringste Geräusch, bis ihr die

Augen endlich vor Mattigkeit und Schwäche zufielen.

Und dort im Stuhl, fröstelnd vor Kälte, denn es hatte die Nacht scharf

gefroren, erwachte sie, als eben der erste Sonnenstrahl auf die Wipfel

der Bäume fiel. Dabei war ihr, als ob gerade eine Thür geschlossen

würde. Sie fuhr empor und horchte -- tiefe Stille lag auf dem ganzen

Haus. War ihr Vater zurückgekehrt? Sie lauschte auf den Gang hinaus,

ob sie irgend ein Geräusch hören könne, aber nichts regte sich, nur

die draußen hängende Uhr hob aus und schlug Sieben. Sie warf sich ihr

Umschlagetuch über die Schultern und trat auf den Gang hinaus. Die

Mädchen mußten unten sein; sie konnte Niemanden hören, und vorsichtig

schlich sie hinüber zu ihres Vaters Thür.

War er daheim? Leise klopfte sie zum ersten Mal an, und als keine

Antwort erfolgte, stärker.

„Wer ist da?“ antwortete die Stimme des alten Jochus. „Bist Du es,

Carl? Ich setz’ Dir meine Stiefeln gleich hinaus.“

„Ich bin’s, Vater.“

„Wer?“

„Ich, die Rosel.“

„Die Rosel? Alle Wetter, Mädel, was thust Du denn schon auf und was

willst Du? Warte einen Augenblick, ich muß mich erst anziehen; ich

mache Dir gleich auf.“

Rosel erwiderte nichts. Fest in ihr Tuch eingewickelt, stand sie

draußen auf dem kalten Gang und horchte dem monotonen Ticken der

Schwarzwälder Uhr. Es dauerte gar so lange, bis der Vater drin mit

seinem Anzug fertig wurde. Jetzt endlich trat Jemand an die Thür, der

Riegel wurde zurückgeschoben und Rosel stand auf der Schwelle. Fast

unwillkürlich warf sie den Blick im innern Raum umher, vielleicht nur

um zu sehen, ob sie allein wären, aber sie sah auch zugleich, daß das

Bett des Vaters wohl ineinander gedrückt und die Decke zurückgeschlagen

war, als ob es eben verlassen worden, doch das konnte sie nicht

täuschen; das Bett war in dieser Nacht nicht berührt und der Vater

jedenfalls erst am Morgen -- vielleicht eben in diesem Augenblick --

von seiner nächtlichen Wanderung zurückgekehrt.

Hüben und Drüben; Zweiter Band (2/3) Neue gesammelte Erzählungen · 第 8 / 15 段