„Der Doctor kann Dir nicht helfen? -- und wer sonst?“

Das Mädchen schwieg und sah scheu vor sich auf den Boden nieder,

endlich sagte es so leise, daß die Worte kaum zu dem Ohr des Vaters

drangen:

„Kein Mensch kann mir helfen, Vater.“

„Hm! das ist eigenthümlich,“ brummte der Wirth, der nicht recht wußte,

was er darauf erwidern sollte. Er nahm seinen Hut ab, den er bis jetzt

noch aufbehalten, und stellte ihn auf den Tisch, „kein Mensch kann Dir

helfen? das wär’ ja -- das wär’ ja was recht Curioses, wenn Einem etwas

fehlte, ohne daß man sterbenskrank ist, und wobei einem kein Mensch

helfen könnte. Darf ich’s denn erfahren, oder weißt Du’s am Ende selber

nicht, Rosel, und hast Dir vielleicht irgend eine tolle Schrulle in den

Kopf gesetzt?“

Das Mädchen schwieg wieder; es war augenscheinlich, daß sie im Innern

mit sich rang, und mit der rechten Hand hielt sie ihr Herz, als ob es

ihr weh thäte.

„Ich will Dir was sagen, Rosel,“ fuhr der Vater, dem das Schweigen

peinlich wurde, fort, „daß Du den Weg gestern Nacht gemacht, war ein

dummer Streich. Du hast Dich dabei erkältet, aus der heißen Stube in

die kalte Nachtluft mit Deinem dünnen Kleid und dann nachher noch die

Aufregung dazu, dort hinein in das alte, öde Gemäuer zu gehen, von dem

so viel Mordgeschichten erzählt werden, das Alles mußte Dich angreifen

und das Gescheidteste wäre gewesen, Du hättest Dich gleich zu Bett

gelegt und warm zugedeckt und lieber den Tag darin ausgehalten. Aber

was ich Dir sagen wollte, heute Mittag war -- war der junge Herr Von

bei mir, Du weißt schon. Weshalb bist Du nicht herunter gekommen, als

ich Dich rufen ließ?“

„Weil ich schon Abschied von ihm genommen habe, Vater,“ sagte leise die

Tochter.

„Du hast Abschied von ihm genommen?“ frug der Wirth erstaunt, „aber

um Gotteswillen, weshalb denn? Da mag ein Anderer aus dem Mädel klug

werden! Gestern Abend noch wart Ihr ein Herz und eine Seele, und heute

Morgen --“

„Dazwischen lag die Nacht, Vater!“

„Die Nacht? und was hat er da gethan? Bist Du ihm draußen auf Deinem

Wege begegnet?“ frug der Wirth rasch.

„Nein, Vater; seit gestern Abend habe ich ihn erst heute Morgen um neun

Uhr wieder auf dem Weg gesehen. Aber ich begreife Dich selber nicht.

Gestern grolltest Du ihm noch und warst böse, daß ich nur mit ihm

gesprochen, und heute scheinst Du Deinen Sinn wieder geändert zu haben.

Wie kommt das?“

„Weil ich mein Kind keinem adligen Hungerleider zur Frau geben wollte,“

sagte der Wirth finster. „Die Sache hat sich indessen jetzt geändert

und er hat, wenn ich auch für die Geschichte mit der Proceßsache

keinen Pfifferling geben möchte, eine feste und anständige Stellung im

Leben bekommen. Wärst Du ihm also noch so gut gewesen, wie ich früher

glaubte, so --“

„Und weißt Du, Vater, welche Stellung er erhalten hat?“ frug das

Mädchen und sah ihren Vater ernst und forschend an.

„Nun, gewiß weiß ich’s,“ erwiderte dieser, durch den Blick fast wieder

außer Fassung gebracht.

„Beim Criminalamt.“

„Ja wohl, und wenn er da tüchtig ist, so kann er’s schon rasch vorwärts

bringen. Der Gehalt wird freilich nicht so übermäßig hoch sein,

aber lieber Gott, wo man erst einmal sieht, daß wirklich eine feste

Grundlage da ist, kann man auch schon eher ein wenig nachhelfen.“

„Und weißt Du auch, Vater,“ flüsterte Rosel, indem sie auf ihren Vater

zuschritt und ihre Hand auf seinen Arm legte, „daß ich, wenn ich auch

wirklich seine Frau würde, auch kein Geheimniß vor ihm haben dürfte und

möchte?“

„Rosel!“ rief der Vater erschreckt, indem er dem großen und

angstvollen Blick seines Kindes kaum zu begegnen wagte, „was sollen

all’ die dunklen Reden? heraus mit der Sprache! Du hast etwas auf dem

Herzen, und ich will und muß es wissen.“

„Es ist auch vielleicht besser so,“ nickte das arme Mädchen leise vor

sich hin, „Du mußt es wirklich wissen, denn nur dann ist noch Hoffnung

möglich, wenn überhaupt --“

„Aber was ist Dir nur?“

„So höre, Vater. Kurz vor Mitternacht stieg ich auf die Ruine hinauf,

ich sollte zum Zeichen, daß ich oben gewesen, einen der im Burghof

selbst ausgetriebenen Schößlinge mit herunter bringen. Ich ging zu dem

alten steinernen Tisch, der dort in der Mitte steht, und gerade, als

ich darunter kauerte, um meine Aufgabe zu erfüllen, hörte ich plötzlich

Stimmen und zwei Männer -- mein Bruder und jener fremde Mensch,

betraten den innern Raum. Angst und Bestürzung, was sie dahin geführt,

ließen mich für einen Augenblick nicht recht zu mir selber kommen, ich

wußte nicht gleich, sollte ich vortreten, sollte ich mich verborgen

halten --“

„Dein Bruder?“ sagte Paul Jochus wie erstaunt, aber er selber fühlte,

daß jeder Blutstropfen sein Antlitz verlassen haben mußte.

„Gleich darauf kamst Du,“ fuhr das Mädchen jetzt in furchtbarer

Erregung fort, „ich verstand aus Deinen Worten, daß Du schon lange auf

die Beiden gewartet, und dann verschwandet Ihr zusammen hinter der

Mauer.“

„Und dann?“ sagte der Vater, doch er wußte kaum was er sprach, denn

seine entsetzlichste Ahnung war zur Wahrheit geworden.

„Dann folgte ich Euch,“ fuhr das Mädchen leise fort und durchlebte in

diesem Augenblick noch einmal das ganze Entsetzen jener gräßlichen

Stunde, „im Dunkeln tappte ich meine Bahn. Tief im Boden drin hörte ich

Stimmen, steile Felsenstufen erreichte ich, die ich niederkletterte,

ein abschüssiger schlüpfriger Weg lag vor mir und schon verließ mich

der Muth, in dieser Finsterniß weiter vorwärts zu dringen, wo ich

jeden Moment in irgend ein grausiges Gewölbe hinabstürzen konnte --

da entdeckte ich dicht vor mir an der Wand einen Lichtschimmer; ich

wagte mich noch die wenigen Schritte weiter vor und sah dann durch eine

Oeffnung, die ein herausgebrochener Stein gelassen. O Vater, Vater, was

um des Allerbarmers willen hast Du gethan? Was hab’ ich verschuldet,

daß ich das Alles für Euch tragen muß?“

„Ich weiß nicht, wovon Du sprichst, was Du gesehen, gehört haben

willst,“ stammelte der Mann. „Thörichtes Kind, die Aufregung in dem

alten Gemäuer hat Dir die Besinnung geraubt; wer weiß denn, wen die

Lust getrieben, da oben in der alten Burg um Mitternacht herumzuwandeln

und Gespenster zu spielen; ich habe in meinem Bett gelegen und der

Franz sieht mir wahrhaftig auch nicht so aus, als ob er sich eine Nacht

Schlaf abstehlen würde, um da oben in dem alten Gemäuer spazieren zu

gehen.“

Rosel sah den Vater einen Augenblick fest und starr an. Konnte sie sich

geirrt haben? Wie im Flug schoß der Gedanke durch ihre Seele, aber es

war auch nur ein Moment. Im nächsten schon fühlte sie mit furchtbarer

Sicherheit die Wahrheit des Geschehenen, und sich in leidenschaftlicher

Heftigkeit an des Vaters Brust werfend, rief sie aus:

„Vater, lieber, bester Vater, noch ist es vielleicht Zeit; rette Dich

selber, rette Deinen Sohn vor jenem nichtswürdigen Verführer, der Euch

in sein Netz gezogen!“

Der Mann hatte fast unbewußt seinen Arm um sie geschlagen und hielt sie

fest an sich gepreßt. Sie wollte das Antlitz zu ihm erheben, allein er

hinderte es. Nicht jetzt durfte sie ihm in’s Auge sehen, wo Schreck,

Angst und Trotz um die Oberherrschaft kämpften. Aber er vermochte

es nicht über sich, dem eigenen Kind gegenüber eine wirkliche Schuld

einzugestehen, nur Zeit wollte er gewinnen, um sich zu sammeln, um jede

Spur einer Ueberraschung aus seinen Zügen zu verwischen, und dann erst,

als er wenigstens glaubte, daß ihm das gelungen sei, ließ er sie los

und sagte freundlich, ja herzlich:

„Du bist wirklich krank, mein armes Kind, ernstlich krank, und ich muß

darauf bestehen, daß Du Dich in Dein Bett legst. Du sprichst wahrhaftig

wie in Fieberphantasien.“

Rosel richtete sich auf und sah ihren Vater starr an.

„Also bist Du’s wirklich nicht gewesen, Vater?“ sagte sie dann und ein

eisiges Lächeln zuckte um ihre Lippen, „den ich die Nacht oben in der

alten Ruine gesehen habe?“

„Aber, liebes Herz, was soll ich Dir das noch zehnmal betheuern,“ sagte

der Wirth, „ich habe die ganze Nacht geschlafen.“

„Und der Franz auch nicht?“

„Gewiß nicht, und wenn er oben gewesen wäre, so hätte er doch nie etwas

Böses dort im Sinn gehabt.“

„Gott sei Dank!“ sprach das Mädchen mit einem aus tiefstem Herzen

geholten Seufzer, „dann ist eine große Last von meiner Seele genommen

und ich kann mir Ruhe vor meinem Gewissen schaffen. Jetzt darf ich auch

wieder fröhlich sein und es kann noch Alles gut werden.“ Damit ging sie

zu ihrem Kleiderschrank, nahm Hut und Tuch heraus und warf sich das

letztere um.

„Und wohin willst Du noch heute Abend, Rosel?“ sagte der Vater scheu.

„Auf’s Criminalamt, Vater,“ sagte ruhig das Mädchen.

„Auf’s Criminalamt?“ rief Jochus erschreckt, „aber der Bruno ist ja

noch gar nicht oben und heute erst auf’s Obergericht gegangen. Vor

morgen Abend kann er, wie er mir auch sagte, nicht zurück sein.“

„Ich will auch nicht zum Bruno,“ erwiderte das junge Mädchen fest,

indem sein Blick wieder auf den Vater traf, „sondern nur eine Anzeige

oben machen, die wichtig genug ist.“

„Eine Anzeige, Rosel?“ frug der Wirth bestürzt

„Ja, Vater, droben auf der Ruine nämlich treibt eine Bande von

Falschmünzern ihr Wesen. Gestern Nachts habe ich sie belauscht und ihre

Maschine gesehen und ihre Reden gehört; ich geh’ dann gleich selber mit

hinauf und zeig’ ihnen den Platz, wo’s hinabgeht, daß sie gar nicht

mehr fehlen können; dort finden sie das ganze Nest.“

„Rosel,“ rief der Vater in Todesangst, „misch’ Dich nicht in solche

Geschichten! Was weißt Du von Falschmünzern und derlei Dingen, und wenn

Du auf’s Gericht mit einer solchen Klage kommst, glaubst Du denn nicht,

daß es Dich und uns Alle in Ungelegenheiten bringen könnte?“

„Keinen unschuldigen Menschen, Vater, sei versichert,“ sagte das

Mädchen ruhig. „Die Verbrecher mögen sich in Acht nehmen, aber uns kann

nichts geschehen.“

„Und wenn -- wenn Dein Bruder Franz nun doch --“ stotterte der Mann,

„in jugendlichem Leichtsinn vielleicht -- verführt --“

„Vater!“ schrie Rosel mit einem herzzerreißenden Ton des Jammers.

„Ich sag’ es ja nicht,“ sprach dieser erschreckt, „aber die Möglichkeit

liegt doch vor -- und Du möchtest doch Deinen eigenen Bruder nicht

unglücklich machen wollen?“

„So soll ich nicht gehen?“,

„Nimm Dir Zeit,“ sagte Paul Jochus, „auf einen Tag kommt’s ja nicht

an, ich will noch heute Abend nach Hellenhof hinüber und mit Franz

sprechen; ich kann mir’s nicht denken, aber wir dürfen auch nicht die

Möglichkeit außer Acht lassen. Morgen früh sage ich Dir dann Antwort,

Rosel. Nicht wahr, bis dahin redest Du mit Niemandem darüber?“

„Nein Vater,“ erwiderte das junge Mädchen, indem sie ihr Tuch abwarf

und wie gebrochen auf einen Stuhl sank. „Ich hätte auch heute zu

Niemandem davon geredet,“ setzte sie fast tonlos hinzu, „es war eine

leere Drohung, denn ich will -- keine Vatermörderin werden.“

„Rosel!“ rief der alte Mann und wollte auf sie zueilen, allein sie

streckte abwehrend den Arm gegen ihn aus.

„Laß mich, Vater, laß mich allein mit meinen Gedanken, geh’ zu Franz,

geh’, so rasch Dich Deine Füße tragen, und bitt’ ihn um meinet-, um

seiner seligen Mutter willen, daß er die Genossenschaft mit jenem

Menschen aufgebe.“

Sie hatte das Gesicht mit ihren Händen bedeckt und ihr ganzer Körper

zitterte. Der Vater stand vor ihr, er hätte noch so gern zu ihr

gesprochen, doch er vermochte es nicht. Die Zunge klebte ihm am Gaumen,

der Angstschweiß trat ihm auf die Stirn, und scheu und zerknirscht nahm

er seinen Hut und verließ das Zimmer.

Sechstes Kapitel.

Die Verabredung.

Paul Jochus eilte wirklich, so rasch ihn seine Füße trugen, nach

Hellenhof hinüber, denn was er schon seit heute Morgen im Geheimen

befürchtet, war geschehen und es galt nun die Folgen der möglichen

Entdeckung von ihren Häuptern abzuwenden. Er traf auch seine beiden

Bundesgenossen, den Sohn und dessen Compagnon, zu Hause, aber in

anderer Stimmung, als er selber sich befand. Jubelnd sprangen ihm

die beiden jungen Männer entgegen, als er das Haus betrat, denn sie

hatten ihn schon von oben kommen gesehen und ihm geöffnet, und wie

sie nur erst wieder die beiden schweren Riegel vorgeschoben, um von

keinem Unberufenen gestört zu werden, führten sie ihn in ihr kleines,

abseit gelegenes und nur für besondere Zwecke bestimmtes Arbeitszimmer

hinauf. Ja, in ihrer Ausgelassenheit bemerkten sie nicht einmal das

niedergeschlagene Wesen des Alten, den sie überhaupt nicht zu Worte

kommen ließen.

„Da sieh’ her, Vater,“ rief Franz ihm entgegen, indem er ihm zwei

Fünfundzwanzig-Thalerscheine vorhielt, „der eine ist ächt, der andere

unächt; nun sage selber, welches der ächte ist.“

„Welches der ächte ist, weiß ich nicht,“ erwiderte der Wirth, während

er nur einen flüchtigen Blick auf die Scheine warf, „aber so viel weiß

ich, daß wir entdeckt und verrathen sind und auch die letzte Spur

unserer Thätigkeit vertilgen müssen, so lange es noch Zeit ist.“

„Alle Teufel!“ rief Brendel, der junge Berliner, aus, indeß Franz den

Vater erschreckt anstarrte. „Haben sie einen unserer Unterhändler

erwischt? Gewiß den holzköpfigen Meier.“

„Nein,“ sagte der Wirth, „die Polizei weiß zum Glück noch nichts von

unserer Arbeit, oder ich hätte vielleicht nicht einmal Gelegenheit

bekommen, Euch zu warnen, aber von anderer Seite sind wir beobachtet

worden.“

„Von anderer Seite?“ sagte Franz erstaunt. „Das versteh’ ich nicht.“

„Rosel ist hinter unser Geheimniß gekommen.“

„Rosel?“

„Na,“ nickte Brendel, „wenn erst ein Frauenzimmer darum weiß, wär’s

freilich Zeit, daß wir einpackten.“

„Aber wie um Gottes willen ist das möglich?“

Paul Jochus erzählte den ihm in der gespanntesten Erwartung zuhörenden

jungen Leuten die Ergebnisse der gestrigen Nacht und seine heutige

Unterredung mit der Tochter, verschwieg ihnen auch nicht, daß sie

die Hand des jungen Adligen ausgeschlagen habe, weil er von jetzt ab

beim Criminalamt angestellt sei und sie vor ihrem künftigen Mann kein

Geheimniß haben könne und wolle.

„Bah!“ rief Franz verächtlich, „wenn weiter Niemand darum weiß, als

Rosel, so hat’s noch keine Gefahr. Daß die uns nicht verräth, ist

sicher, und jetzt wahrhaftig können wir die Sache nicht aufgeben, wo

wir gerade Alles erreicht haben, was wir wollen. Die Banknoten sind so

vorzüglich ausgefallen, daß sie der Finanzminister selber nicht von den

ächten unterscheiden sollte. Wir wissen jetzt, daß wir’s machen können,

und sollen nun mit diesem Bewußtsein die Flinte in’s Korn werfen,

weil meine eigene Schwester Mitwisserin geworden ist? Es wäre reiner

Wahnsinn, wenn wir’s thäten.“

„Du kennst die Rosel nicht,“ sagte der Vater ernst, „sie grämt und

härmt sich schon jetzt die Seele aus dem Leibe.“

„Aber sie darf uns nicht verrathen,“ rief Franz rasch, „denn sie hat

selber die Früchte unserer Arbeit mit genossen, also Theil an dem

Betrug genommen. Daß sie deshalb dem langweiligen Jungen, dem Herrn von

der Haide, den Laufpaß gegeben, war das Gescheidteste, was sie thun

konnte, und wenn sie erst erfährt, daß wir eine Dame aus ihr machen

können, wird sie selber mit der Sache einverstanden sein.“

Paul Jochus schüttelte den Kopf; er kannte das Mädchen besser.

„Das wird sie nicht, Franz,“ sagte er entschieden, „ich glaube, sie

trüge lieber Hunger und Kummer, als die Mitschuld an etwas Derartigem.“

„Für so dumm hab’ ich sie nicht gehalten,“ sagte Franz verächtlich;

„aber es bleibt sich gleich, wie sie darüber denkt, verrathen kann und

darf sie uns nicht und wird es auch nicht, wenigstens nicht in der

ersten Zeit, denn auf die Länge möchte ich selber keinem Weibermund

vertrauen. Haben wir aber nur vierzehn Tage Zeit, so sind wir mit Allem

fertig und brauchen nicht mehr zu arbeiten, und dann laß es unsere

Sorge sein, uns aus dem Weg zu halten. Hier ist der Absatz der Noten in

Masse ja doch nicht so leicht.“

„Wenn wir nur unsere Werkstätte wo anders hin verlegen und sie glauben

machen könnten, daß wir es aufgegeben haben.“

„Das geht nicht,“ sagte Franz entschlossen, „und wo fänden wir wohl

einen passenderen Platz? Indeß der ausgebrochene Stein muß heute Abend

noch ersetzt werden, und würden wir selbst verrathen, so weißt Du

doch, daß sie uns da unten nie erwischen könnten, denn den versteckten

Ausgang kennt kein Mensch außer uns.“

Der Wirth stand unschlüssig am Tisch und betrachtete fast unbewußt das

ihm vorgelegte Falsificat. Es war in der That meisterhaft gearbeitet

und er selber nicht im Stande die ächte Note von der unächten zu

unterscheiden. Auch das Papier ließ nichts zu wünschen übrig, und er

zweifelte keinen Augenblick daran, daß sie von diesen Noten eine Masse

auf den Markt werfen könnten, ehe eine Entdeckung möglich würde. --

Und selbst dann -- wer wollte wissen oder verrathen, woher es stammte

-- aber Rosel? Er konnte den Blick nicht vergessen, mit dem sie ihn

angesehen -- er konnte die Worte nicht aus dem Gedächtniß bringen --

„was hab’ ich verschuldet, daß ich das Alles für Euch tragen muß?“ --

und er mußte auch des Versprechens gedenken, das er ihrer sterbenden

Mutter gegeben.

Sein Blick flog über das betrügerische Papier hin in’s Leere und andere

Bilder tauchten vor ihm auf.

„Nun, was sagst Du, Vater?“ frug Franz triumphirend, „kann es etwas

Vollendeteres geben? Die österreichischen Noten lassen sich mit diesen

gar nicht vergleichen, und doch haben sie drei volle Monate gebraucht,

bis sie nur dahinter kamen. Wär’s nicht reine Sünde einen solchen

Vortheil aus der Hand zu geben?“

Brendel hatte indessen mit untergeschlagenen Armen und

zusammengezogenen Brauen am Fenster gestanden und hinaus gestarrt.

Jetzt sagte er finster:

„Ich will Dir etwas sagen, Franz, je länger ich über die Geschichte

nachdenke, desto weniger gefällt sie mir. Deine Schwester mag mich

nicht leiden, so viel ist sicher -- Gott weiß, aus welchem Grunde, denn

eine so abschreckende Larve trage ich doch nicht mit mir herum -- aber

deutlich genug hat sie’s wenigstens gezeigt. Wenn sie also wirklich

Jemanden verräth, so bin ich das, und unter den Umständen --“

„Aber sie kann Dich doch nicht allein verrathen, ohne ihren Vater und

Bruder mit preiszugeben,“ rief Franz heftig aus, „und beim ewigen Gott,

wenn die Dirne wahnsinnig genug wäre, das zu thun --“

„Sie wird Euch nicht geradezu verrathen,“ sagte Brendel finster, „aber

es wird auf andere Weise an den Tag kommen, verlaßt Euch darauf.“

„Und ein Vermögen, das vor uns auf dem gedeckten Tische liegt, sollen

wir aus reinem Muthwillen mit den Füßen von uns stoßen?“ fuhr Franz

auf.

„Vielleicht doch nicht ganz,“ erwiderte Brendel; „wir wissen jetzt, wie

die Sache gemacht wird, und haben alles Nöthige dazu; es gilt also nur

einen anderen Schauplatz zu suchen, auf dem wir das Begonnene beenden

können.“

„Und wie wollen wir alle Instrumente und Pressen transportiren, ohne

Verdacht zu erregen? Weißt Du noch, welche Mühe und Arbeit es uns

gekostet hat, das Alles heimlich in die Ruine zu schaffen? und viel

schwieriger wäre es jetzt, es von da wieder wegzubringen.“

„Das weiß ich Alles und ich wollte lieber, daß die Mamsell -- doch es

ist Deine Schwester und damit abgemacht -- Du kannst es mir übrigens

nicht verdenken, daß ich lieber in Amerika oder sonst einer hübschen

Gegend als im Zuchthaus sitze, und das blüht uns, sobald wir erwischt

werden.“

„Das hat uns geblüht, solange wir die Arbeit begonnen,“ sagte Franz

verächtlich, „aber sei nicht thöricht und folg’ nur dies eine Mal

meinem Rath. Rosel hat einen Trotzkopf, ich weiß es, und ist dabei vom

Vater so verzogen, daß sie gewöhnlich thut, was sie eben will -- sonst

wäre sie auch wahrhaftig nicht Nachts zur Ruine hinauf gegangen, aber

sie ist auch klug genug, um zu wissen, wie weit sie gehen darf. Was

sie nicht sagen will, behält die schon für sich. Der Vater muß jetzt

mit ihr sprechen; er mag ihr meinetwegen versichern, wir hätten die

Geschichte aufgegeben, brauchten aber etwa vierzehn Tage Zeit, um all’

die Spuren unserer früheren Arbeiten fortzuschaffen und zu vertilgen,

wonach wir Beiden dann nach Amerika auswandern würden. Daß sie dann den

Mund hält, darauf könnt Ihr Euch verlassen, und bis dahin sind wir mit

Allem fertig und haben unser Schäfchen im Trockenen.“

„Das könnte gehen,“ sagte Brendel nachdenkend, „und was meinen Sie

dazu, Jochus?“

„Ich glaube, der Franz hat Recht,“ nickte der Wirth, dem die Aussicht

auf einen so raschen und reichen Gewinn zu verlockend entgegenwinkte,

„darauf vorbereitet ist sie überdies schon, denn ich habe ihr ja

gesagt, daß ich nur deshalb zu Dir herüberginge, Franz, um Dich davon

abzubringen.“

„Aber glaubt Ihr auch gewiß, daß wir in vierzehn Tagen mit der ganzen

Arbeit fertig werden?“

„Sicher, vielleicht noch früher,“ nickte Brendel, „denn die Nächte

werden jetzt von Tag zu Tag länger, und sowie ein wenig rauhes Wetter

einsetzt, sind wir dort oben ganz sicher vor Störung.“

„Gut! dabei bleibt’s!“ rief Jochus nach kurzem Besinnen, denn er

hatte in dem Forträumen der Werkzeuge jetzt auch eine vollständige

Entschuldigung, wenn Rosel seine Abwesenheit von daheim ja noch

bemerken sollte. „Sind denn die Vorbereitungen soweit getroffen, daß

wir gleich an die Arbeit gehen können?“

„Daran fehlt’s nicht,“ nickte Franz, „verschaffe uns nur noch bis

morgen Abend die hier auf dem Zettel bemerkten Gegenstände, die Du dann

gleich mit auf die Burg hinaufbringen kannst.“

„Und sollen wir uns also morgen Abend dort wieder treffen?“ frug

Brendel, der seine Bedenken nicht vollständig abgeschüttelt zu haben

schien.

„Jedenfalls,“ rief Franz, „denn Zeit dürfen wir nun auch nicht mehr

versäumen; jede Stunde ist kostbar.“

„Meinetwegen denn,“ gab Brendel seine Zustimmung, „aber so recht

behaglich fühle ich mich nicht mehr hier, das kann ich Euch gestehen,

und am allerliebsten versucht’ ich mein Glück an einer anderen Stelle.

Wenn Ihr’s freilich nicht anders haben wollt, so können wir uns auch

einmal ein paar Wochen auf eine Weiberzunge verlassen, denn ändern läßt

sich die Sache doch nicht mehr, dann aber hält mich auch nichts mehr in

der Nachbarschaft und ich will Gott danken, wenn ich den Rhein erst

gesund hinter mir habe.“

„Da geht unser neugebackener Actuar,“ lachte Franz, der einen Blick

durch das mit grünem Draht verstellte Fenster geworfen hatte, „wenn der

wüßte, was hier gebraut wird, welch’ glänzende Empfehlung könnte er

sich damit beim Criminalamt schaffen!“

„Spotte Du auch noch!“ sagte Brendel, während er neben ihn trat --

„und wie sich der Lump spreizt, als ob er schon Justizminister wäre!

Lauf’ Du mir nur einmal in den Weg, wenn mir die Füße erst nicht mehr

gebunden sind!“

„Der thut keinen Schaden,“ lachte Franz, „wenn sie Alle so unschuldig

wären, könnten wir uns getrost hier häuslich niederlassen. Ueberhaupt

dürfen wir uns über unsere Polizei nicht beklagen; sie scheint wirklich

froh zu sein, wenn man sie nur selbst zufrieden läßt.“

Jochus hatte seinen Hut schon wieder genommen, um nach Hause

zurückzukehren, aber er blieb noch in der Stube stehen und sah selbst

dem vorübergehenden jungen Manne nach, bis dieser oben in der Straße

verschwand.

„Hast Du den Zettel, Vater?“

„Ja -- ich werde es besorgen. Um wie viel Uhr treffen wir zusammen?“

„Nicht später als neun,“ sagte Franz, „das Papier ist schon oben und

wir können dann gleich beginnen. Also sprich mit der Rosel, sag’ ihr

meinetwegen, wir wären zu Kreuz gekrochen und versprächen, es nicht

wieder zu thun,“ lachte er bitter vor sich hin, „es wär’ auch nur erst

ein Versuch gewesen -- na, Du wirst’s schon machen.“

Paul Jochus erwiderte nichts; das Gute, was noch in ihm lebte, die

Erinnerung an Rosel’s verstorbene Mutter, arbeitete noch in ihm, aber

die Gier nach Geld war mächtiger und wich keinem Schatten mehr. Er

mußte, wie er sich einredete, das Begonnene nun auch durchführen, und

während er ohne Abschied das Haus verließ, legte er sich im Geiste

schon die Lüge zurecht, mit der er sein eigenes Kind beschwichtigen

wollte -- nicht um sie zu beruhigen und ihr den Frieden wiederzugeben,

sondern um seine eigenen schlechten Handlungen sicher zu stellen und

die Entdeckung von sich abzuwenden.

Hüben und Drüben; Zweiter Band (2/3) Neue gesammelte Erzählungen · 第 7 / 15 段