ihre Geschäfte wie gewöhnlich -- aber wie bleich das sonst so frische
Mädchen heute aussah und was für große, glänzende und ernste Augen
es hatte! Bärbel drückte es fast das Herz ab vor Neugierde, um sie zu
fragen, was sie gestern Nacht in der Ruine gesehen -- denn gesehen
_mußte_ sie etwas haben -- aber sie wagte es nicht, obgleich sie
sonst auf ganz freundlichem Fuße mit ihrer jungen Herrin stand. Diese
kam ihr heute gar so feierlich, so außergewöhnlich vor, daß sie alles
that, was sie ihr nur an den Augen absehen konnte, und ihre Arbeit noch
nie im Leben so flink und aufmerksam verrichtet hatte wie heute.
Wie ein Lauffeuer hatte sich indessen das Gerücht in der Stadt
verbreitet, die Rosel aus dem Burgverließ sei um Mitternacht in der
alten Ruine gewesen und habe dort zum Zeichen ihres Wagnisses einen
Zweig aus dem Burghof abgeschnitten. Die jungen Fremden hatten auch
richtig ihren Weg dorthin noch vor Tag angetreten und waren schon zum
Frühstück mit der Nachricht zurückgekehrt, daß der abgeschnittene Zweig
wirklich unter dem Tisch fehle und das beherzte Mädchen jedenfalls
ihre Wette gewonnen habe. Natürlich fanden sie sich auch gleich früh
im Burgverließ ein, um das Nähere aus Rosel’s eigenem Mund zu hören,
denn das geheimnißvolle Wesen und besonders das bleiche Aussehen des
Mädchens von gestern Abend hatte sie nur noch neugieriger gemacht.
Doch Rosel ließ sich heut’ Morgen vor keinem Menschen sehen. Um halb
neun Uhr aber nahm sie ihr Tuch und schritt, um den offenen Weg über
die Straße zu vermeiden, durch den Garten hinaus und einen Pfad
entlang, der zu der Hellenhofer Chaussee hinüberführte. Dieser folgte
sie wieder, wie gestern Abend, bis der Fußweg rechts nach der Ruine
abbog. Dort an den Büschen erwartete sie Bruno.
Der junge Mann sprang ihr freudig entgegen und rief, die Hand nach
ihr ausstreckend: „O, wie gut und lieb es von Dir ist, Rosel, daß Du
gekommen bist; wie sehnsüchtig habe ich Dich erwartet! -- Aber um
Gottes willen, Kind, wie bleich siehst Du aus? Bist Du krank, Rosel?“
„Nein, Bruno,“ sagte das arme Mädchen ruhig, indem sie den Kuß duldete,
den er ihr auf die Lippen drückte, „mir fehlt nichts -- im Körper
wenigstens -- aber auf dem Herzen liegt mir ’was recht schwer und
bleiern, und nur um Dir das zu sagen, bin ich heraus gekommen.“
„Was hast Du, Herz?“ fragte der junge Mann besorgt, „ist der Vater
wieder rauh mit Dir gewesen? O, habe nur noch eine kurze Weile Geduld,
denn bald wird Alles gut werden. Gestern Abend erhielt ich noch eine
recht freudige Kunde.“
„Nein, Bruno,“ unterbrach ihn ruhig das Mädchen. „Der Vater hat wohl
gezankt, als er Dich bei mir im Hof gesehen, allein nicht mehr als
immer, und das hätt’ ich mir auch nicht sehr zu Herzen genommen, trug
ich’s ja für Dich.“
„Meine gute Rosel!“
„Aber was Anderes ist geschehen, Bruno,“ fuhr das Mädchen fast tonlos
fort, „etwas Anderes, das ich Dir nicht vertrauen kann und darf, so
gern ich’s auch möchte, und das -- das mich zwingt, Dir heute --
Lebewohl zu sagen für immer --“
„Rosel!“ rief Bruno erschreckt.
„Mißversteh’ mich nicht,“ sagte Rosel, während sie ihm die Hand, die
er gefaßt hatte, überließ; „ich habe Dich noch so lieb wie früher --
ja vielleicht noch lieber,“ setzte sie leise und kaum hörbar hinzu,
„und hätte auch Deinetwegen Alles ertragen, Noth und Sorge mit Lust und
Freuden, doch es hat nicht sein sollen -- ich _darf_ Dir nicht
mehr angehören, und -- wenn Du mich ein klein wenig lieb hast -- so
fragst Du mich nicht einmal weshalb.“
„Aber Rosel,“ sprach Bruno bestürzt, „nicht einmal fragen soll ich,
weshalb? wo mein ganzes Lebensglück auf dem Spiele steht, ja während
ich Dir gerade heute mit Jubel entgegenkam, denn ich kann Dir jetzt
die frohe Kunde bringen, daß sich meine Aussichten mit Einem Schlage
gebessert haben. Gestern Abend noch, als ich Dich zuletzt sprach,
war mir das Herz zum Brechen schwer, und ich machte mir sogar selber
Vorwürfe, Dein Geschick an das eines Armen fesseln zu wollen, der,
ohne Vermögen, nicht einmal einen Platz hatte, wo er sein noch so
kümmerliches Brod verdienen konnte. Das hat sich jetzt wunderbar rasch
geändert, und wie ein Unheil selten allein kommt und immer noch andere
im Gefolge mit sich bringt, so ist es ja auch gewöhnlich mit dem Glück.
Als ich Dich gestern verließ und mir wieder und wieder ausmalen mußte,
wie trostlos meine Aussichten im Leben seien, war mir so weh zu Muthe,
daß ich viel lieber in den Rhein gesprungen wäre, um dem Elend mit
einem Mal ein Ende zu machen. Aber wenn die Noth am größten, ist auch
die Hülfe am nächsten, und wie ich endlich nach Hause und zu meiner
Mutter zurückkehrte, fand ich einen großen, mit einem Dienstsiegel
verschlossenen Brief vor, in dem mir angezeigt wurde, daß ich endlich
meine Beförderung zum Actuar am hiesigen Criminalgericht erhalten
habe.“
„Beim Criminalgericht!“ stöhnte Rosel und zog erschreckt ihre Hand aus
der seinen.
„Nun, Herz, darüber hast Du doch nicht zu erschrecken,“ lachte der
junge Mann, „denn es sichert ja unsere ganze Zukunft; aber das nicht
allein -- meine Mutter hatte am nämlichen Tage auch gute Kunde über
einen in unserer Familie schon seit langen Jahren geführten Proceß
erhalten, der ein kleines Vermögen betrifft und bis dahin unsere
sämmtlichen Mittel fast aufgezehrt hat. Jetzt sind wichtige Documente
aufgefunden worden, die unser Recht ganz außer Zweifel stellen und
eine für uns günstige Entscheidung bald, recht bald hoffen lassen. Die
Einwendungen, die Dein Vater bis jetzt also gegen unsere Verbindung --
und vielleicht mit Recht -- geltend machen konnte, fallen nun ganz, und
schon in kurzer Zeit hoffe ich Dich heimzuführen, mein süßes, liebes
Kind. Aber stehe nicht so todt und traurig bei der frohen Kunde da,
mein Rosel; mir schnürt es sonst das Herz zusammen. Was hast Du nur,
Mädchen? Du siehst mich ja so scharf und forschend an, als ob ich Dir
plötzlich ganz fremd geworden wäre -- oder Du am Ende gar meinen Worten
nicht glaubtest. Hab’ ich Dich je belogen, Rosel?“
„Nein,“ hauchte das Mädchen, indem es plötzlich, wie scheu, den Kopf
abwandte, „Dir glaub’ ich schon Alles, was Du sagst -- _Alles_,
denn Du bist gut und brav und ich -- will zu Gott beten, daß er Dich
einst so glücklich macht, wie Du es verdienst --“
„Und liegt es nicht in Deiner eigenen Hand, mein Herz?“ sagte der junge
Mann, indem er sie lächelnd an sich zog. „Sieh’ mir nur wieder so froh
und vertrauensvoll in’s Auge, wie Du es früher in schwererer Zeit
gethan, und ich verlange ja nicht mehr vom lieben Gott, denn er hat mir
da seinen Himmel schon auf der Erde gegeben.“
Rosel litt, daß er sie an sich preßte, ja sie lehnte selbst ihr Haupt
wie müde an seine Schulter -- aber es war nur ein Moment; dann wand sie
sich wieder, nicht hastig, aber entschlossen, aus seinem Arm, und ihm
voll in’s Auge sehend, während in dem ihrigen eine große Thräne glänzte
und es vollständig füllte, sagte sie ernst: „Und doch muß es sein,
Bruno; doch muß ich heute -- jetzt -- für immer von Dir Abschied nehmen
und kann Dir nicht angehören.“
„Rosel, sprich nicht so!“ rief Bruno ängstlich. „Deine Worte klingen
wie aus einem Traume heraus -- so fremd und kalt, als ob sie gar nicht
aus Deiner eigenen Seele kämen, und Dein Blick hat dabei etwas so
Eisiges, daß er mir bis in’s innerste Mark hinein schneidet. Was ist
denn seit gestern Abend so Entsetzliches geschehen, daß Du in den paar
Stunden wie verwandelt bist? Hättest Du doch endlich den Plänen Deines
Bruders nachgegeben?“
„Den Plänen meines Bruders?“ rief das Mädchen voller Verwirrung.
„Der Dir die Verbindung mit seinem Compagnon, dem jungen arroganten
Menschen, aufnöthigte?“
„Eine Verbindung mit _dem_?“ sagte Rosel schaudernd, „eher spränge
ich selber in den Rhein.“
„Aber was sonst kann Dich so bewegt, so Deinen ganzen Sinn geändert
haben?“
„Frage mich nicht, Bruno, frage mich nicht meinet-, nein auch
Deinetwegen. Ich darf und kann Dir die Gründe nicht angeben, die mich
zwingen, so und nicht anders zu handeln, wenn ich auch darum selber
elend werden müßte. Nur Eines glaube mir: so treu wie ich Dir jetzt bin
und immer war, so treu will ich Dir ewig bleiben, aber -- ich werde nie
heirathen. _Was_ ich zu tragen habe, es soll allein geschehen,
und nun leb’ wohl, Bruno. Halte mich nicht zurück; ein längeres
Zusammensein mit Dir könnte mich wahnsinnig machen und zur Verzweiflung
treiben, denn schon jetzt fühle ich es, wie die verrätherischen Worte
nach den Lippen drängen. Leb’ wohl -- schütze Dich Gott!“ Sie warf
sich an seine Brust, umschlang ihn mit ihren Armen und preßte heiße
Küsse auf seine Lippen; dann riß sie sich los von ihm -- gewaltsam, als
er sie noch länger festhalten wollte, und floh wie ein gescheuchtes Reh
den Pfad hinab, der auf die Straße führte.
Bruno’s erster Gedanke war freilich, ihr zu folgen, aber aus den
Büschen heraus erkannte er unten auf der Straße Menschen -- was
mußten die denken, wenn er hinter dem fliehenden Mädchen her geeilt
wäre! Das Beste war, ihr Zeit zu lassen, daß sie die Stadt wieder
allein erreichte, doch Abschied auf Lebenszeit hatte er nicht von ihr
genommen und heute selber wollte er ihren Vater aufsuchen und ihm seine
verbesserten Lebensaussichten vorlegen, denn von ihm ging -- wie er
nicht anders glauben konnte -- jedenfalls der plötzliche Widerstand des
Mädchens aus.
Langsam stieg er indessen zu der lange nicht besuchten Ruine empor;
die frische Luft da oben that ihm wohl und lange lag er dort unter der
epheuumrankten Mauer und schaute träumend hinab auf das friedliche Bild
der kleinen Stadt, die mit ihren altersgrauen Dächern und rauchenden
Schornsteinen zu seinen Füßen lag. Allein es ließ ihm keine Ruhe, denn
nicht freundliche Gedanken waren es, die durch seine Seele zogen.
Rosel -- was um Gotteswillen konnte dem sonst so charakterfesten
Mädchen durch den Sinn gefahren sein, daß es plötzlich über Nacht
solche Idee gefaßt und sich und ihn unglücklich machen wollte?
Er stand auf und wanderte durch das alte Gemäuer, um der Gedanken ledig
zu werden, aber es gelang ihm nicht. Selbst die steile, gefährliche
Treppe kletterte er hinauf -- vergebens. Aus der ganzen prachtvollen
Aussicht heraus suchte und fand er nur das eine Haus, in dem _sie_
wohnte, und seufzend stieg er die Stufen wieder hinab, um nach der
eigenen Heimath zurückzukehren.
Rosel hatte inzwischen lange die Stadt erreicht und hörte, als sie das
Haus, das sie auf demselben Wege wieder betrat, auf welchem sie es
verlassen, daß ihr Vater auf sei und schon nach ihr gefragt habe. Er
war in der Schenkstube gewesen, wo er von den zahlreich versammelten
Gästen das nächtliche Abenteuer seiner Tochter erfuhr, und Bärbel
flüsterte ihr, wie sie nur die Küche betrat, leise zu, sie möge sich
vor dem Vater in Acht nehmen, der sei ‚fuchswild‘ geworden, als er von
ihrem nächtlichen Spaziergang gehört.
„Es wird nicht so arg sein,“ hatte Rosel ruhig gesagt, während sie
langsam die Treppe hinauf und in ihr Zimmer stieg, um sich das etwas
wirr gewordene Haar frisch zu ordnen.
Kaum war sie damit zu Ende, als sie ein Geräusch an ihrer Thür hörte,
und wie sie sich danach umdrehte, stand ihr Vater auf der Schwelle und
sagte finster:
„Höre, Rosel, was hast Du denn die Nacht für dumme Streiche gemacht,
he? Was soll denn das heißen? Schickt sich das für ein ehrbares und
gesittetes Mädchen, wie Deine Mutter Dich, wie ich Dich erzogen habe?“
„Ich, Vater?“ sagte Rosel und sah den Mann fest und starr an.
„Ja, Du!“ sagte der Vater noch immer störrisch, aber ein eigenes,
unbehagliches Gefühl beschlich ihn bei dem starren Blick. „Bist Du
nicht bei Nacht allein in den alten Burghof der Wildenfels gelaufen?“
„Ja, Vater,“ sagte Rosel ruhig, „ich war oben.“
„Und wann?“
„In der Nacht, Vater.“
„Aber zu welcher Stunde?“
„Bleibt sich das nicht gleich?“
„Hm, ja, aber weshalb willst Du’s nicht sagen?“
„Ich will’s schon sagen, Vater. Es schlug gerade hier drunten in
Wellheim zwölf Uhr, als ich die letzten steinernen Stufen hinauf stieg.“
„Und blos um einen Zweig abzuschneiden,“ rief der Vater erbost aus; „es
ist wirklich zu toll für ein junges Mädchen, bei Nacht den einsamen,
öden Weg zu machen.“
„Ich war nicht allein, Vater,“ sagte Rosel, ohne noch ihren Blick von
ihm zu wenden, an dem der seine ebenfalls wie gebannt hing.
„Nicht allein?“ rief der Vater schnell, „und wer war bei Dir?“
„Gott,“ sagte das Mädchen, und ein schwerer Seufzer entrang sich dabei
ihrer Brust.
„Schnack,“ rief der Alte unwirsch und blickte scheu zur Seite, „das
heißt den Uebermuth auf’s Höchste getrieben, und wie leicht hättest Du
ein Unglück nehmen können!“
„Auf der alten Burg, Vater?“ lächelte Rosel, aber die Worte klangen
so unheimlich und der Vater, der sich vorgenommen haben mochte, sie
tüchtig auszuzanken, wandte seinen Aerger einer anderen Seite zu.
„Der alte Narr, der Bäckermeister, hätte auch ’was Gescheidteres thun
können als Dich da hinauf zu hetzen; aber ich habe ihm meine Meinung
schon gesagt. Und der Registrator war gleichfalls dabei und hat’s
gelitten?“
„Er konnt’ es nicht hindern.“
„Und weshalb haben sie mich nicht geweckt?“ rief der Alte, „ich hätt’s
gehindert, das sei versichert.“
„Du schliefst schon so lange, Vater,“ sagte das junge Mädchen und sah
ihn dabei wieder mit ihrem stechenden Blick an, „daß sie Dich gewiß
nicht stören wollten.“
Paul Jochus blickte eine Weile vor sich nieder, er wollte noch etwas
sagen, das war gewiß, aber er brachte es nicht über die Lippen, und
sich plötzlich auf seinen Hacken herumdrehend, verließ er das Zimmer
und warf die Thür in’s Schloß, daß die Scheiben klirrten.
Rosel kam den ganzen Tag über nicht in die Wirthsstube, so oft die
Gäste auch nach ihr frugen, und der Vater ließ sie auch still gewähren;
es war ihm selber recht, daß sie dem neugierigen Volk keine Rede stand.
Er selber aber war desto geschäftiger heute in dem Raum, in dem er sich
sonst nur dann und wann blicken ließ, und bediente seine Gäste auf das
Sorgsamste. Ueber Mittag war die Stube ziemlich leer geworden und Paul
Jochus hatte eben seine Mahlzeit an einem der Tische allein verzehrt
und seinen Schoppen Wein dazu getrunken, als Bruno von der Haide in’s
Zimmer trat und, auf den Wirth zugehend, ihn um eine kurze Unterredung
unter vier Augen bat.
„Mein lieber Herr Von,“ sagte Jochus finster, ohne von seinem Platz
aufzustehen, „ich glaube, wir können uns Beide die Mühe sparen, denn
ich weiß wahrscheinlich schon, was Ihr Begehr ist.“
„Möglich, Herr Jochus,“ sagte der junge Mann ernst, „aber doch
vielleicht nicht ganz. Es hat sich nämlich so viel in meinen
Verhältnissen geändert, daß eine Verständigung dringend geboten ist;
ich bitte Sie nur um wenige Minuten Gehör und die Entscheidung ist dann
immer noch in Ihre Hand gegeben.“
Jochus schüttelte den Kopf. Es lag ihm indessen selbst daran, den
ihm lästig werdenden Bewerber abzufertigen, was er hier, in offener
Wirthsstube, nicht gut konnte; darum stand er auf, trank den Rest
seines Weines aus und sagte:
„Na, so kommen Sie meinetwegen. Da drüben in der Stube sind wir
ungestört, aber ich muß Sie von vorn herein bitten, es kurz zu machen.
Sie sollen dann auch nicht lange auf meine Antwort zu warten brauchen.“
Damit ging er, von dem jungen Manne gefolgt, hinüber in die „gute
Stube“ und Bruno theilte ihm hier mit wenigen Worten nicht allein die
Aussicht auf das bald zu erlangende Vermögen mit, wozu der alte Jochus
ungläubig lächelnd den Kopf schüttelte, sondern auch seine gestern
erhaltene Bestätigung als Actuar beim hiesigen Criminalgericht, ein
Posten, der allerdings noch immer wenig genug Gehalt einbrachte, doch
eine sichere Staatscarrière in Aussicht stellte und dabei genügte, mit
mäßigen Ansprüchen eine Frau zu ernähren.
Das spöttische Lächeln hatte sich aus dem Gesicht des Wirths verloren,
als ihm der junge Mann den Beruf nannte, dem er von jetzt ab angehören
würde, und er sagte, freundlicher, als er bis dahin noch je mit ihm
gesprochen:
„Ei, sieh’ einmal an, Actuar beim Criminalgericht, also doch eine feste
Stellung und nicht mehr das ewige Herumvagabundiren -- und die Rosel
ist Ihnen wirklich gut?“
Bruno seufzte recht aus vollem Herzen auf und sagte scheu:
„Bis gestern Abend noch war ich von ihrer innigen Liebe überzeugt, und
glücklich in dem Gedanken, heute Morgen aber --“
„Heute Morgen? Wo haben Sie denn das Mädel heute Morgen schon
gesprochen?“
„Sein Sie mir nicht böse, Herr Jochus, und auch der Rosel nicht, daß
wir hinter Ihrem Rücken gehandelt, aber ich -- ich mußte sie sprechen,
ich mußte ihr sagen, was mir auf dem Herzen lag, und da -- haben wir
uns heute Morgen, um neun Uhr, es war schon heller lichter Tag und
viele Menschen auf der Straße -- am alten Burgweg gefunden.“
„Am alten Burgweg -- so?“ sagte der Wirth, „und was meinte die Rosel
da?“
„Sie war ganz verändert; sie sah todtenbleich aus und die Augen lagen
ihr tief in den Höhlen.“
„Sie wissen, was das tolle Mädchen die Nacht für einen Streich gespielt
hat?“
„Ich weiß es, jetzt wenigstens, heute Morgen wußte ich es noch nicht,
oder ich würde sie darum gefragt haben, doch das kann sie nicht so
aufgeregt haben, sie hätte mir es sonst gewiß gestanden.“
„Und was sagte sie weiter?“ frug der Wirth, aufmerksam werdend.
„Daß sie mir nicht mehr angehören könne und daß wir uns auf
Nimmerwiedersehen trennen müssen.“
„Hm, und hatten Sie ihr vorher von Ihrer festen Anstellung gesagt?“
„Alles, aber ich konnte mir ihr sonderbares Benehmen nicht erklären,
sie erschrak viel mehr darüber, als daß sie sich gefreut hätte.“
„Sie erschrak?“
„Ich kann mich getäuscht haben, jedenfalls befand sie sich in einer
fürchterlichen Aufregung und versicherte mir dabei unter heißen
Thränen, daß sie mir die Ursache ihres Betragens nicht erklären könne
und dürfe.“
„Nicht dürfe -- hm,“ brummte Jochus, „das ist allerdings wunderbar, und
gestern Abend sagte sie nichts davon?“
„Keine Silbe, sie war ganz Liebe und Vertrauen und tröstete mich selber
auf die Zukunft, der wir fröhlich entgegenharren müßten.“
Der Wirth ging zur Thür, öffnete sie halb und rief nach Bärbel, der er
den Auftrag gab, Rosel herunter zu schicken, der Herr von Haide sei da.
Indessen stand Bruno am Fenster und starrte hinaus, während der Wirth
mit untergeschlagenen Armen im Zimmer auf und ab ging. Jedoch das Mädel
kam nicht wieder und den Beiden wurde die Zeit lang. Endlich, als der
Wirth schon einmal nach ihr rufen wollte, steckte die Bärbel den Kopf
in die Thür und sagte: „Sie will nicht,“ drückte sie dann in’s Schloß
und ging wieder an ihre Arbeit.
„Sie will nicht?“ wiederholte Paul Jochus erstaunt und blieb mitten in
der Stube stehen.
Bruno hatte sich rasch umgeblickt, als sich die Thür öffnete; jetzt
seufzte er aus tiefster Brust und flüsterte:
„Ich habe es fast gedacht -- Gott nur weiß, was sie plötzlich gegen
mich eingenommen haben kann -- ich begreife es nicht.“
„Und hat sie Ihnen gar keinen Grund angegeben?“ frug der Wirth
plötzlich und blieb vor dem jungen Manne stehen, „besinnen Sie sich
einmal, gar keinen Wink nach irgend einer Richtung?“
„Keinen,“ sagte dieser kopfschüttelnd, „keinen wenigstens, den ich
verstanden habe oder verstehen konnte, denn ihre Worte klangen dunkel
und unheimlich; sie könnte und dürfte mir nicht mehr sagen, als daß wir
scheiden müssen -- scheiden für immer -- das war Alles.“
„Hm,“ brummte Jochus, dessen Gesicht eine düstere Färbung angenommen
hatte, mit festzusammengezogenen Brauen, „weiß der Henker, was dem
Mädchen durch den Kopf gefahren sein kann, denn eigenwillig ist sie,
wie der helle Teufel, und man hat oft seine liebe Noth mit ihr. Aber
lassen Sie mich mit ihr reden, Herr von Haide -- und ich denke, wenn
Sie die Anstellung bekommen -- wir wollen einmal sehen, es macht sich
ja doch vielleicht noch Alles, und das Mädel vergißt vielleicht bis
dahin auch die Grillen.“
„Wenn wir sie nur jetzt bewegen könnten, mich noch einmal anzuhören!“
„Jetzt ist nichts zu machen,“ sagte Jochus kopfschüttelnd, „erst muß
ich selber noch einmal mit ihr sprechen. Sie kommen dann vielleicht
einmal wieder vor oder ich schicke auch zu Ihnen hinüber.“
„Sollte es nicht am Ende doch mit ihrem nächtlichen Gang in Verbindung
stehen?“ warf Bruno ein; „ich würde mir gar nichts weiter darüber
gedacht haben, aber --“
„Ach was,“ lachte der Alte, doch das Lachen klang etwas erzwungen, „sie
ist ja keiner Menschenseele unterwegs begegnet, na, und daß ihr kein
Gespenst erschienen ist, ich dächte, darüber brauchten wir Zwei uns
nicht zu beunruhigen. Ein dummer Streich war’s immer, und ich habe ihr
auch schon tüchtig den Text darüber gelesen, denn für ein junges Mädel
paßt es sich nicht, auf solche Art zu prahlen und bei Nacht und Nebel
in der Welt herumzulaufen.“
„Sie hatten sie geneckt,“ sagte der junge Mann, „und bei ihrem
Ehrgefühl gepackt; sonst hätte sie’s auch sicher nicht gethan.“
„Nun, es ist jetzt vorbei,“ sagte der Vater, „und nicht mehr zu ändern,
geschieht aber hoffentlich nicht wieder.“
„Und Sie wollen mit ihr reden, Herr Jochus?“
„Ich habe es Ihnen versprochen, heute noch, oder wenn es heute nicht
gehen sollte, spätestens morgen früh. Wir wollen sehen, was sich thun
läßt, ein merkwürdiges Mädel ist’s freilich, mein lieber Herr Actuar,
und einen Trotzkopf hat sie, wie keine Zweite.“
„Aber die Rosel ist so gut, so brav!“
„Das ist sie, ja,“ sagte Jochus und sah vor sich auf den Boden nieder,
„gerade wie ihre selige Mutter, deren ganzen Charakter sie auch geerbt
hat; arme Clara, wenn sie leben geblieben wäre!“
„Ich gehe jetzt, Herr Jochus,“ brach der junge Mann ab, „und überlasse
Ihnen das Weitere. Wenn Sie mir aber erlauben, frage ich morgen Abend,
falls ich zurück sein sollte, wieder bei Ihnen an, denn ich muß heute
noch nach Hellenhof aus das Obergericht und weiß nicht, ob ich bis
dahin wieder zurück sein kann.“
Der Wirth antwortete ihm nicht; er nickte nur, ganz in seine Gedanken
vertieft, leise vor sich hin, ja, er bemerkte kaum, wie der junge Mann
das Zimmer und das Haus verließ.
Fünftes Kapitel.
Vater und Tochter.
Rosel hielt sich den ganzen Tag auf ihrem Zimmer. Sie sei nicht recht
wohl, ließ sie dem Vater sagen, der später noch einmal Bärbel zu ihr
hinaufschickte. Gegen Abend kam ein Arbeiter und brachte die beiden
großen Orangenstöcke vom Bäckermeister Bollharz. Rosel nahm aber die
Stöcke nicht an; sie wollte sie nicht haben und beauftragte den Mann,
der sie brachte, sie hinüber zum Registrator zu fahren, der auch
ein großer Blumenfreund war. Er sollte nur eine Empfehlung von ihr
ausrichten, sie bäte ihn, die Stöcke, ihr zum Andenken, zu behalten.
Paul Jochus hatte indessen unten keine Ruhe im Haus. Bald saß er, ganz
gegen seine Gewohnheit, in der Wirthsstube hinter einem Schoppen Wein,
bald lief er hinaus zu seiner Kelter, um nach der Arbeit zu sehen.
Einmal war er auch sogar schon auf dem Wege nach Hellenhof gewesen,
aber wieder umgekehrt, denn das eigenthümliche Benehmen des Mädchens
ging ihm im Kopf herum, und er mußte mit ihr sprechen, um endlich zu
erfahren, was es eigentlich bedeute.
Hätte er ein gutes Gewissen gehabt, so würde es ihn wohl wenig
gekümmert haben, denn er ließ ja sonst Rosel immer ziemlich unbekümmert
ihren eigenen Weg gehen, aber so quälten ihn tolle und, wie er sich
immer noch einreden wollte, unmögliche Vermuthungen, quälte ihn ein
unbestimmter Verdacht, und über den mußte er mit ihr in’s Reine kommen,
denn die Gewißheit war immer noch besser als dieser drückende Zweifel,
der ihn nicht mehr ruhen und rasten ließ.
Entschlossen kehrte er nach Hause zurück und stieg ohne Weiteres zu
Rosel’s Zimmer hinauf, an das er klopfte.
„Wer ist da?“
„Ich bin’s, Rosel, ich muß ein Wort mit Dir sprechen.“
„Mir ist nicht recht wohl, Vater; der Kopf brennt mir so.“
„Ich geh’ gleich wieder fort, aber ich muß Dir etwas sagen.“
Einen Moment war Alles ruhig darin, dann wurde der Riegel
zurückgeschoben, und Rosel stand, ihren Vater erwartend, mitten in der
Stube.
Sie war völlig angekleidet, hatte auch nicht auf dem Bett gelegen,
was vollständig unberührt in dem kleinen Alkoven stand, aber sie sah
leichenblaß aus, und die Augen waren ihr noch vom vielen Weinen roth.
Der Vater streckte ihr die Hand entgegen, die sie zögernd nahm, und
sagte dann mit weit mehr Herzlichkeit im Ton, als er lange zu ihr
gesprochen:
„Was fehlt Dir, Kind? Wenn Du krank bist, weshalb schließt Du Dich ein
und lässest nicht Jemanden zu Dir, der Dich pflegen kann?“
„Ich bin nicht krank, Vater.“
„Aber Du sagtest selber, daß Du Kopfschmerzen hättest, und siehst
recht blaß und leidend aus. Vielleicht steckt Dir etwas Anderes in den
Gliedern, und ich will lieber nach Doctor Bauer hinüberschicken, damit
der einmal nachsieht.“
„Nein, Vater,“ sagte das junge Mädchen bestimmt, „das ist nicht nöthig,
der Doctor kann mir nicht helfen.“