Wir müssen zu dem Augenblick zurückkehren, wo Rosel, noch mit Trotz

und keckem Muth im Herzen, aus dem Hause sprang, um ihren einsamen

Weg anzutreten. Still lachte sie vor sich hin, wenn sie sich schon

im Geiste das erstaunte und verblüffte Gesicht des Meister Bollharz

ausmalte, sobald sie ihm das Wahrzeichen brachte und er nun sein Wort

halten und ihr die ihm so an’s Herz gewachsenen wundervollen Stöcke

ausliefern mußte. Schenken wollte sie ihm dieselben wahrlich nicht, das

war die gerechte Strafe, für das große Maul, das er immer führte und

für seine ewige Wichtigthuerei.

Im Anfang hatte sie auch leichten, bequemen Weg. Die breite Chaussee,

die nach Hellenhof führte, lief dicht unter dem Hügel hin, auf welchem

die Ruine lag, und erst von dort ab, wo sie jene verlassen mußte,

begann für sie die unbequeme Bahn, den ausgewaschenen, verwachsenen

Pfad hinan, vor dem sich mancher Fußgänger schon am hellen Tage scheute.

Der abnehmende Mond stand freilich noch am Himmel, aber leichtes

Gewölk jagte dann und wann darüber hin und warf seine wunderlichen

Schatten auf die Erde nieder. Furcht kannte sie trotzdem nicht, und

ebensowenig glaubte sie an die tollen Märchen des alten, gutmüthigen

Registrators und des verschrobenen Hauptcontroleurs und gar nun des

Stadtschreibers, der so voll von Aberglauben stak, daß er nichts im

Leben that, ohne vorher den Kalender dabei um Rath zu fragen. Seine

Nägel schnitt er sich nur am Freitag und würde ebenso leicht daran

gedacht haben, sich den Hals ab-, als die Hühneraugen bei abnehmendem

Monde auszuschneiden. „Unberufen“ war bei ihm das dritte Wort, und

wenn er Morgens auf’s Rathhaus ging und ihm unglücklicher Weise ein

Bauer mit einem Schwein begegnete, so bog er auch sicher in die nächste

Straße ein oder kehrte, wenn das nicht möglich war, lieber wieder um,

selbst beim schlechtesten Wetter den weitesten Umweg nicht scheuend,

ehe er sich der Gefahr und den unausbleiblichen Folgen eines solchen

Zusammentreffens ausgesetzt hätte.

Sie lachte still vor sich hin, als sie an all’ die tausend Rücksichten

dachte, die der alte Stadtschreiber im Leben nahm, und wie er sich wohl

betragen würde, wenn er jetzt, um ziemlich Mitternacht, den einsamen

Weg zu der Ruine einschlagen sollte. Er wäre freilich wohl durch keine

Summe Geldes zu bewegen gewesen, ein derartiges Wagstück zu unternehmen.

Wie stille und öde die Straße war, und was für große dunkle

Schattenflecke die daranstehenden Wallnußbäume darüber warfen! Keine

Menschenseele ließ sich blicken; die schliefen jetzt Alle in ihren

warmen Betten und verschlossenen Häusern und -- da hätte sie auch

hineingehört. Was für eine tolle Idee es von ihr gewesen war, mitten

in der Nacht den einsamen Gang zu thun, und nur aus Muthwillen, oder

vielleicht aus Trotz, um den Meister Bollharz zu ärgern! Und was der

Vater wohl morgen dazu sagen werde, wenn er es erfahre, und natürlich

erfuhr er’s, war doch morgen gewiß die ganze Stadt voll davon. Rosel

erschrak ordentlich bei dem Gedanken, denn das war ihr bis jetzt noch

nicht eingefallen, daß sie nun Tage lang in aller Welt Mund sein

würde. Unwillkührlich blieb sie mitten auf der Straße stehen; durfte

sie sich, als junges, unbescholtenes Mädchen dem aussetzen? Wenn sie

früher daran gedacht, hätte sie es sicher nicht gethan, jetzt war es

freilich zu spät, denn kehrte sie nun wieder um, so wurde sie von der

ganzen Gesellschaft ausgelacht, und das Gerede wäre doch das nämliche

geblieben.

„Nun läßt sich nichts daran ändern,“ sagte sie trotzig vor sich hin,

als sie wieder, aber langsamer als früher, vorwärts schritt. „Ich hätte

mir’s vorher erst ordentlich überlegen sollen, aber das Alles kam so

schnell. Wer denkt auch gleich daran, daß die Welt in Jedem ’was Böses

findet, ich wahrlich nicht, und der Vater wird schon auch nicht so arg

böse sein; mag er doch den Meister Bollharz ebenfalls nicht leiden,

und auf den war’s ja doch gemünzt. Und die Frau Bollharz, wie wird die

wüthend werden, wenn sie die Orangenstöcke herausgeben muß! Von der

kriegt’s der Meister ordentlich, das ist sicher, geschieht ihm aber

recht, dem alten verliebten Fleischklumpen dem.“

Da lag die Ruine. Wie sie eben um eine Biegung der Straße trat, konnte

sie die alten Mauerreste deutlich erkennen, und ordentlich wunderlich

sah es aus, wie der Mond jetzt gerade von der einen stehengebliebenen

Thurmmauer verdeckt wurde und sein helles Licht durch die enge

Schießscharte derselben warf.

„Ich muß wirklich ein wenig rascher gehen,“ flüsterte sie vor sich hin,

während sie ihren Schritt beschleunigte, „oder der Mond kommt hinter

die Berge, und dann reiß ich mir im Dunkeln auf dem Rückwege mein

ganzes Kleid in den häßlichen Büschen entzwei. Daß der Mond auch gerade

heute so früh untergeht!“

Sie hatte jetzt die Stelle erreicht, wo der alte Burgweg von der Straße

rechts abbog und sich, von hier aus noch allmählich, dann aber immer

steiler den Hügel hinanzog, bis endlich oben, dicht unter den frühern

Ringmauern, eine ordentliche Treppe in den Felsen gehauen war, die mit

zwanzig oder fünfundzwanzig Stufen auf die höchste Kuppe hinaufführte.

Der Hügel selber war meist mit Haselnußstauden, Birken und jungen

Buchen bewachsen; Nadelholz stand nur vereinzelt dazwischen, und in

früheren Jahren hätte man recht bequem bis zu den eingehauenen Stufen

selbst reiten können. Jetzt aber war der Weg, wie schon erwähnt, lange

vernachlässigt und seit ihn einmal ein Wolkenbruch fast zerstört, nicht

wieder ausgebessert worden, so daß die Romantik der alten Zeit (wenn

man sich wirklich zu ihr hinauf arbeiten wollte) schon hier unten am

Hügel begann und sich steigerte, je höher man daran emporklomm. Rosel

kannte ihn aber trotzdem, denn oft schon hatte sie, besonders mit ihrer

seligen Mutter, den Weg gemacht; der armen Frau war damals wohl recht

weh um’s Herz gewesen, an dem so vieler Gram und so viele Sorge nagten,

und Stunden lang hatte sie dann oben auf dem Hügel gesessen und auf das

freundliche Bild zu ihren Füßen hinausgeschaut, ohne selbst freundlich

davon berührt zu werden. Nur still vor sich hin geweint hatte sie dort,

und Rosel, den Kopf an ihre Schulter gelehnt, neben ihr gesessen und

ihren Arm um sie geschlungen.

Der Gedanke an die verlorene Mutter füllte jetzt allein ihre Brust.

Sie achtete kaum auf die Beschwerden des Wegs, und immer wieder dachte

sie der lieben Dulderin, die so gut, so unendlich gut mit ihr gewesen

und die sie doch so früh hatte in ihr Grab legen müssen. Und wie war

Alles seitdem anders in ihrem Haus geworden; besser wohl als früher,

denn Noth und Sorge kannte sie nicht mehr, auch trank der Vater nicht

mehr, was der armen Mutter so manche bittere Thräne gekostet. Er war

freundlicher als früher, thätiger in seinem Geschäft; die aber gerade,

deren tägliches Gebet das immer gewesen, hatte es nicht erleben dürfen,

und nie, nie wieder sollte sie in die treuen guten Augen schauen und

ihr Haupt an das Herz legen können, das für sie so warm geschlagen.

Sie fühlte bei den Erinnerungen den rauhen felsigen Boden nicht, über

den sie klomm, und hatte die Felsentreppe auf der Höhe erreicht, ehe

sie es selber dachte. Jetzt aber verlangte der Augenblick wieder

vollständig sein Recht, denn hoch über ihr ragten die dunklen

unheimlichen Mauern empor, und wenige Minuten später sollte sie den

Platz betreten, von welchem in den Köpfen der Menschen dort unten so

viele schreckliche Geschichten spukten.

Bah, was war es denn? ein alter verlassener Steinhaufen, weiter nichts.

Die Menschen, die ihn früher belebten, gute oder böse, schlummerten

lange den ewigen Schlaf, und Gott würde ihnen wahrlich nicht gestatten,

wenn sie schon zu Lebzeiten die Welt geärgert, auch noch nach dem Tode,

noch nach Jahrhunderten, herumzugehen und Schrecken und Entsetzen zu

verbreiten.

Rüstig erklomm sie die ersten Stufen, allein plötzlich hielt sie

horchend inne. Unten im Thal, in Wellheim, von wo der frische Ostwind

gerade herüberstrich, schlug die alte Stadtuhr. Deutlich konnte sie den

Ton der Glocke hören und zählte die Schläge: acht, neun, zehn, elf,

zwölf. Es war gerade Mitternacht und sie lächelte trotzig vor sich

hin, als sie an die verrufene und gefürchtete Geisterstunde dachte.

Kaum aber hob sie den Fuß, um die letzte Höhe zu erklimmen, als sie

wieder, und diesmal erschreckt, aufhorchte, denn ihr war es plötzlich,

als ob sie unter sich eine menschliche Stimme gehört hätte.

Waren ihr etwa einzelne Gäste aus ihres Vaters Hause gefolgt? Nein.

Deutlich erinnerte sie sich von der letzten Höhe einen Blick hinab auf

die vom Mond hellbeschienene Straße geworfen zu haben, wo sie jeden

dunklen Gegenstand sofort hätte erkennen müssen, aber nichts regte sich

dort, und so rasch wie sie den Gang erklommen, würde Niemand im Stand

gewesen sein, ihr zu folgen. Todtenstille lag auf der Welt; ihr Ohr

mußte sie getäuscht haben, und mit der Ueberzeugung klomm sie rasch die

wenigen Stufen noch empor, die sie von der Kuppe trennten.

Und da stand die alte Raubburg unmittelbar vor ihr, mit ihren zackigen

ausgebrochenen Mauern, dem alten Thurmrest, in welchem das entsetzliche

Verließ seine Opfer hielt, mit den epheuumrankten Söllern und den

hohlen Fensteraugen, und dort auf der breiten Zinne, auf die jetzt noch

das helle Mondlicht fiel, sollte der Volkssage nach jener blut- und

beutegierige Raubgraf seine Strafe abwandern und seinen Kopf, dort

drüben über den Rhein hinüber, der anderen Veste entgegenhalten.

Rosel blieb einen Moment stehen, theils um Athem zu schöpfen, die

hohen Stufen waren ihr sauer geworden, theils um sich erst wieder zu

orientiren, denn es kam ihr sonderbar vor, wie fremdartig der sonst so

bekannte Platz bei dem ungewissen Licht des Mondes aussah. Aber dort

drüben befand sich ja gleich der Eingang in den Hof, da das eigentliche

Hauptthor durch niedergestürztes Mauerwerk unpassirbar geworden, und in

dem Hofe selber stand jener alte, riesige, steinerne Tisch, auf einem

einzigen, ziemlich roh behauenen Pfeiler ruhte die runde Platte, wo

früher wahrscheinlich Hugo von Wildenfels im Sommer freie und offene

Tafel hielt und zechte und bankettirte, während unten im Thurm seine

Opfer wimmernd verschmachteten.

„Recht wär’s ihm schon, wenn er umgehen müßte bis zum jüngsten Tage,“

murmelte Rosel vor sich hin, indem sie jetzt rasch der kleinen Pforte

zuschritt, „verdient hätt’ er’s tausendfach, wenn nur die Hälfte von

dem wahr wäre, was man sich erzählt, aber mir dürft’ er doch nichts

thun, so viel ist sicher,“ setzte sie, ein frommes Kreuz schlagend,

hinzu, „das litte der liebe Gott nicht.“

Sie hatte die kleine Eingangspforte erreicht, blieb aber doch, so

muthig sie auch immer sein mochte, einen Moment auf der Schwelle

stehen und blickte scheu in den inneren, öden Raum, auf dem schon die

Mondesdämmerung lag, da die Mauern das Licht der schräg fallenden

Strahlen abhielten. Aber er war vollkommen leer, kein Hauch regte sich

darin, und Rosel, fast selber nur wie ein Schatten, schritt rasch und

geräuschlos auf den deutlich erkennbaren Tisch zu, um den herum, durch

hineingewehten Samen vielleicht, einige junge Buchenschößlinge Wurzel

geschlagen hatten und im Sommer lustig Blätter trieben. Sogar unter

dem Tisch hatte sich ein einzelner solcher Trieb herausgearbeitet, und

diesen wollte sie nehmen, denn dadurch konnte sie am bestimmtesten denn

Platz bezeichnen, so daß kein Zweifel möglich blieb.

Rosel trug das Messer, das sie aus der Küche mitgenommen, noch in ihre

Schürze gewickelt, und niederkauernd kroch sie unter die Platte, um

das zähe Holz leichter abschneiden zu können, als es ihr plötzlich

mit einem jähen Schreck in’s Herz stach, denn in dem öden Raum sprach

plötzlich eine Menschenstimme und deutlich hörte sie die Worte:

„Er wird nicht mehr hier sein, wir haben ihn zu lange warten lassen.“

Im ersten Moment war es, als ob das sonst so beherzte Mädchen in

sich zusammenbrechen wolle, und nur mit Mühe unterdrückte sie einen

lauten Angstschrei, der sie dann jedenfalls verrathen hätte. Fast

krampfhaft klammerte sie sich an die Säule des Tisches an, der seinen

Schatten schützend über sie breitete, und suchte vor allen Dingen die

zu erkennen, die hier ihr nächtliches Wesen trieben und keinesfalls

eine Ahnung haben konnten, daß sie belauscht wurden. Aber sie sollte

nicht lange im Zweifel bleiben. Zwar war sie noch nicht im Stande, die

Gestalten deutlich zu unterscheiden, nur daß es zwei Männer waren,

die durch dieselbe Pforte den innern Raum betraten, sah sie; da sagte

plötzlich eine andere dritte Stimme, die ihr das Blut stocken machte,

denn es war die ihres eigenen Vaters:

„Na, zum Henker auch, wo habt _Ihr_ Beiden Euch denn heut’ Nacht

herum getrieben, daß Ihr nicht zur bestimmten Zeit hier sein konntet?

Seit neun Uhr hocke ich nun schon hier oben in dem öden Nest, den

Fledermäusen und Eulen zur Gesellschaft.“

„Wir _konnten_ nicht früher kommen, Vater,“ erwiderte der Eine der

Neugekommenen, ihr eigener Bruder, „gerad’ heute war rein der Teufel

in Hellenhof los, und wir hätten jedenfalls Verdacht erregt, wenn

wir früher den Platz verließen. Die Stadt schwärmte von Menschen, und

Feuerwerk wurde überall losgebrannt, so daß wir gar keine Straße frei

behielten. Ich hab’s mir gedacht, daß Dir die Zeit lang geworden.“

„Wirklich?“ knurrte der Vater wieder, „aber so macht wenigstens, daß

Ihr jetzt herunter kommt. Was steht Ihr noch da oben?“

„Ich wollte erst ein Licht anzünden.“

„Ich habe Licht unten. Glaubt Ihr, daß ich die ganze Zeit im Finstern

gesessen bin?“

Die beiden Gestalten schritten jetzt der nächsten Wand zu, in

welcher sie zu verschwinden schienen; als sie aber die eine Stelle

überschritten, auf die durch eine Mauerlücke das Mondenlicht fiel,

erkannte Rosel deutlich den jungen Fremden, ihres Bruders Compagnon,

für den Franz so oft um Rosels Hand angehalten. Was hatten die drei

Menschen hier bei Nacht in der alten Ruine so Heimliches zu verrichten,

daß sich Franz dazu von Hellenhof fortstehlen mußte? Weshalb scheuten

sie das Tageslicht und das Auge der Menschen?

Rosel kauerte noch immer unter dem alten Tische; das Herz schlug ihr,

als ob es ihr die Brust zersprengen wolle, und sie wagte nicht, sich zu

rühren, aus Furcht entdeckt zu werden. Die Gedanken jagten sich ihr

durch’s Hirn, und der erste war jedenfalls den Platz zu fliehen, sobald

das unbemerkt geschehen könne, und, so rasch sie ihre Füße trugen, nach

Wellheim zurückzukehren. Das sonst so besonnene charakterfeste Mädchen

überließ sich indeß nicht lange diesem ersten, lähmenden Eindruck des

Schreckes, und je mehr sie nachdachte, desto mehr schwand die Furcht

vor irgend einer ihr selber drohenden Gefahr in der Angst um den Vater

selbst.

Wohl kam ihr einmal der Gedanke, ihr Vater könne in Wellheim von ihrem

Gang gehört haben und ihr gefolgt sein, aber eben so rasch mußte

sie ihn verwerfen, denn hatte sie ihn nicht selber sagen hören, daß

er schon seit neun Uhr ihren Bruder und jenen widerlichen Fremden

hier vergebens erwarte? Weshalb? Was thaten sie hier im Dunkeln und

war es etwas Gutes, das sie da mitsammen ausmachten? Sie fürchtete

_nein_, denn dem fremden unheimlichen Menschen traute sie Alles

zu, jedes Verbrechen, das er gewiß mit derselben kalten lächelnden

Miene verübt hätte, wie er ihr seine faden Schmeicheleien sagte. Aber

was _konnten_ sie hier thun? Sie begriff es nicht; wenn sie nur im

Stande gewesen wäre, ihnen zu folgen und sie zu belauschen!

Glücklicher Weise trug sie heute Abend ein dunkles Kleid und Crinolinen

waren damals auch noch nicht Sitte, sie konnte sich also leicht in jede

Ecke, in jeden dunkeln Winkel schmiegen; aber waren sie denn in der

Ruine geblieben? Doch ja, es gab ja nur den einen Aus- und Eingang;

sie kannte wenigstens keinen anderen, und dort an der Mauer waren sie

verschwunden. Wenn sie ihnen dahin folgte, fand sie vielleicht ihre

Spuren. Und wenn sie entdeckt wurde? Aber was konnte ihr von ihrem

Vater und Bruder geschehen, war es ja doch nur die Sorge um die beiden

ihr theuern Menschen, die sie antrieb, ihnen nachzuforschen.

Sie überlegte auch nicht lange; erst aber mußte sie sich das Zeichen

sichern, das ihr in Armes Bereich stand; den kleinen schwanken

Schößling schnitt sie ab, aber sie durfte ihn nicht mit sich tragen,

das Rauschen seiner Blätter konnte sie verrathen. Sie glitt deßhalb

zu der schmalen Pforte zurück, legte ihn dort außen an die Seite und

schlich dann wieder auf den Zehen zu der Stelle, an welcher sie vorher

die Gestalten aus den Augen verloren.

Wie dunkel das hier war und wie feucht und modrig es roch, als ob die

Luft aus einem tiefen Erdgewölbe käme! Und war das nicht so? Erinnerte

sie sich nicht von früher her, hier ein tiefes Loch gesehen zu haben,

das weit hinein in die Erde ging, und vor dem sie sich immer gefürchtet

hatte? Wenn sie jetzt hier einen Fehltritt that und hinabstürzte in

diese grausenhafte Tiefe! Sie hielt erschreckt inne. Da war es ihr

als ob sie von unten herauf Stimmen höre; sie konnte keinen einzelnen

bestimmten Laut unterscheiden, doch es wurde dort unten gesprochen,

und es mußte irgend einen Platz geben, auf dem sie ebenfalls dorthin

gelangen konnte.

Vorsichtig und so geräuschlos als möglich fühlte sie sich weiter,

und ihrer fast unbewußt hielt sie noch immer das Messer in der Hand,

wie um sich gegen etwas Schreckliches zu schützen. Da plötzlich fand

der rastend vorgestreckte Fuß keinen Grund mehr und an der Stelle

niederknieend fühlte sie mit der linken Hand, daß dort etwas tiefer

unten ein breiter Stein lag. War das eine Treppe? Vorsichtig trat sie

hinab und fühlte sich weiter und Stufe nach Stufe legte sie so zurück,

bis sie in der kalten Kellerluft ein Frösteln überlief. Jetzt aber war

die Treppe zu Ende und ein schmaler feuchter Gang schien noch weiter

hinab zu führen, doch wohin? Eine Strecke war sie ihm noch zitternd

gefolgt, jetzt indeß wagte sie sich nicht weiter, denn immer steiler

und schlüpfriger wurde der Paß, und sie schützte sich nur dadurch vor

dem Ausgleiten, daß sie sich rechts und links mit den Händen an den

nassen engen Mauern hintastete. Aber der Gang nahm kein Ende. Weiter

getraute sie sich nicht; wenn sie nun den Rückweg nicht mehr fand und

hier um Hülfe rufen mußte!

Da war es ihr, als ob sie einen schmalen Lichtstrahl an der Wand

bemerke. Die Stelle konnte kaum noch drei Schritt von ihr entfernt

sein, bis dahin wollte sie noch vordringen, aber weiter nicht; es

schnürte ihr das Herz zusammen, daß sie kaum mehr athmen konnte.

Wie steil und häßlich das hier nieder ging, und wie tief mußte sie

schon unter der Erde sein! Doch jetzt hatte sie die Stelle erreicht,

und als sie ihre Hand an die Wand legte, fiel ihr das Licht auf die

Finger. Sie bog sich noch etwas weiter vor, um zu sehen, woher es

käme, und erkannte plötzlich, daß der Strahl aus einem tiefen Gewölbe

herausschimmerte, von dem sie nur eine dünne Mauer schied, aus welcher

jedenfalls ein Stein herausgebrochen sein mußte.

Die Breite des Durchbruchs verhinderte aber immer noch, daß sie mehr

als den oberen Theil des unterirdischen und jetzt matt erleuchteten

Gewölbes erkennen konnte, und erst als sie sich mit den Händen

anklammerte und dadurch emporhob, durfte sie einen Blick hinabwerfen.

Aber selbst dann begriff sie noch nicht gleich, was da unten vorging,

denn sie bemerkte wohl die drei Männer, die an einem Tisch standen,

sie sah auch, daß der eine von ihnen, jener Fremde, mit einer Art von

Maschine beschäftigt war, die vor ihm stand, allein, was sie trieben,

begriff sie nicht und schaute nur neugierig und erstaunt in das Gewölbe

hinab. Da unten die Männer schienen eifrig bei ihrer Arbeit und zwar

der Fremde und ihr Bruder, während der Vater daneben stand, als ob er

etwas erwartete. Jetzt wurde eine große Schraube, wie an einer kleinen

Art Weinkelter, aufgedreht und der Fremde nahm dann ein Papier heraus,

welches er dem alten Manne hinhielt, der es eine ganze Weile prüfend

betrachtete und dann auch das Licht hindurch scheinen ließ. Endlich

sagte er, indem er das Blatt dem Sohn hinreichte:

„Die werden ganz vortrefflich; viel besser, als ich erwartete, und ehe

sie die herausfinden, können wir unser Schäfchen im Trocknen haben.

Sind denn noch viele von den Oesterreichern da?“

„Noch wenigstens zehntausend Gulden,“ erwiderte der Fremde.

„Schade,“ sagte der Alte, „aber wir dürfen keine mehr davon ausgeben,

denn sie haben in ganz Deutschland Alarm damit geschlagen und in

Holland kennt sie jedes Kind. Die mögen lieber ein paar Jahr liegen,

bis der Lärm vorüber ist, nachher kann man’s immer wieder einmal damit

versuchen, jetzt wär’s zu gefährlich.“

Der Rosel war es, als ob sie Jemand bei der Kehle habe und würge, so

verging ihr der Athem, als ihr die Ahnung dessen kam, was da unten

getrieben wurde -- Banknotenfälschung, denn sie hatte in ihrem Leben zu

viel mit Geld zu thun gehabt, um das nicht rasch zu begreifen und zu

fühlen, wie fürchterlich, wie entsetzlich es sei.

„Mit den hessischen Noten,“ lachte der Fremde wieder, „ist es doch ganz

famos gegangen, mit denen haben wir das beste Geschäft gemacht.“

„Ja,“ nickte der Alte, „und kein Teufel würde dahinter gekommen sein,

wenn der eine Grundstrich am ~B~ ein klein wenig stärker gewesen

wäre. Sollte sich dem nicht noch nachhelfen lassen?“

„Das geht nicht mehr,“ sagte der Andere kopfschüttelnd, „überdies ist

jetzt auch der Verdacht darauf gelenkt, und wir dürfen uns keiner

unnöthigen Gefahr aussetzen.“

Rosel hörte und sah nichts weiter, die Hände erschlafften ihr, sie sank

in den steilen Weg zurück und kauerte sich dort minutenlang in Angst

und bitterem Weh am Boden nieder. Aber hier konnte sie nicht bleiben,

konnte das Schreckliche nicht länger mit ansehen, und sich gewaltsam

emporraffend kroch sie mehr, als sie ging, den steilen, häßlichen Weg

wieder hinauf, bis sie die gefährlichen Stufen erreichte. Auch diese

kletterte sie hinan, fühlte ihren Weg zurück und stand kurze Zeit

darauf wieder in der kalten, frischen Nachtluft im alten Burghof.

Aber sie zögerte hier keinen Augenblick mehr; fort, nur fort von dem

entsetzlichen Ort, war der einzige Gedanke, der sie erfüllte und ihr

die Kraft gab, ihre Glieder zu gebrauchen. Fast mechanisch griff sie

den draußen am Eingang liegenden Zweig auf, kletterte die Steinstufen

hinunter und floh dann, so rasch sie ihre Füße trugen, den steilen,

rauhen Pfad hinab.

Der Mond war indessen untergegangen und tiefe Nacht lag auf der

Erde, doch sie achtete es nicht; ob die Büsche ihr Kleid faßten und

zerrissen, ob ihr Fuß strauchelte und die tastenden Hände sich lange

an häßlichen Brombeerranken blutig gerissen hatten -- was fühlte sie

davon? Nur vorwärts, vorwärts strebte sie, bis sie die breite Straße

wieder erreichte und jetzt noch einmal scheu und entsetzt den Blick

zurückwarf zu der alten Ruine, die das Verbrechen ihres Vaters barg.

Mit dem ebenen, glatten Weg wurde auch ihr Gemüth ruhiger, und während

sie langsamer auf demselben hinschritt, suchte sie das Erlebte zu

überdenken, zu sichten. Was sollte sie thun? Wie sollte, wie mußte sie

handeln? Und Bruno -- schaudernd barg sie das Gesicht in den Händen,

sie konnte nicht mehr denken. Der Kopf wirbelte und brannte ihr, und

ganz zusammengebrochen verfolgte das arme Kind seine einsame, öde Bahn.

Sie bemerkte auch kaum, wie sie die Häuser wieder erreichte und nur

mechanisch in die bekannte Straße einbog. Wie in einem wüsten Traum

schritt sie dahin und öffnete endlich die Thür ihrer eigenen Heimath.

Auch von den dort Versammelten sah sie kaum mehr als die undeutlichen

Umrisse ihrer Gestalten, und erst oben auf ihrem Zimmer, als sie die

Thür verriegelt und sich, wie sie war, in ihren Kleidern auf das Bett

geworfen hatte, machte ein lindernder Thränenstrom ihrem gepreßten

Herzen Luft.

Viertes Kapitel.

Die Werbung.

Hüben und Drüben; Zweiter Band (2/3) Neue gesammelte Erzählungen · 第 5 / 15 段