zurückgezogen, bei dem er fast nur noch den Einkauf des nöthigen Weines
und das Keltern des eigenen besorgte. Sonst freilich saß er manchmal
bis Mitternacht und noch länger bei den Gästen unten in der Stube,
trank mit ihnen oder spielte Karten. Jetzt aber, seit er ordentlich
geworden, zog er sich an jedem Abend auf seine Stube zurück und mußte
dann auch jedenfalls gleich zu Bette gehen, denn man hörte ihn nie
lange in seinem Zimmer.
Heute schien er sich noch früher loszumachen. Er war den ganzen Tag
mürrisch und verdrießlich gewesen und hatte Stunden lang auf einem
Stuhl in der Ecke gesessen und vor sich niedergestarrt. Es ging ihm
jedenfalls etwas im Kopf herum, einem Menschen aber vertraute er’s
nicht an, am wenigsten der Rosel, wenn er sie auch sonst lieb genug
hatte. Diese wußte auch schon, daß solche böse Stunden -- und jetzt
öfter als früher -- wohl manchmal über ihn kamen. Wenn man ihn aber
dann in Ruhe ließ, gingen sie auch wieder von selber vorüber, und am
nächsten Morgen geschah es dann nicht selten, daß er lustig im Haus
herumpfiff und ein ganz anderer Mensch geworden schien.
Der Rosel war es deshalb recht lieb, daß er sich heute so früh
abschloß. Der böse Geist, der in ihm stak, mußte eben austoben, nachher
sah er die Welt wieder mit freundlicheren Augen an, und morgen ließ
sich vielleicht auch ein vernünftiges und ruhiges Wort mit ihm über
Bruno reden. Vor zehn Uhr stand der Vater doch nie auf, kam wenigstens,
schon seit langen Monden, nie früher zum Vorschein, und um neun
Uhr hatte sie ja Bruno auf den Weg bestellt. Da wollte sie mit ihm
Rücksprache nehmen, und wenn möglich, einen Plan für ihr künftiges
Leben fassen. Jetzt aber schüttelte sie alle die Gedanken ab, denn da
drinnen gab’s wahrlich genug zu thun und Bärbel, das Schenkmädchen, und
Caspar, ein armer Verwandter, den Jochus als angehenden Kellner ins
Haus genommen, hatten alle Hände voll Arbeit.
Zweites Kapitel.
Beim Wein.
Das Burgverließ, wie das Haus nach der Weinstube im ganzen Städtchen
genannt wurde, war eines jener altmodischen geschnörkelten
Giebelhäuser, wie man sie noch so häufig am Rheine findet. Es hatte
kleine, enge, steinerne Treppen und oben ziemlich kleine Zimmer, einen
mächtigen Keller aber unter dem Haus, und das Parterre ebenfalls
gewölbt gebaut, mit einem großen Zimmer links vom Eingang, das als
Schenkstube benutzt wurde, und einem kleinen rechts, welches früher
das Wohnzimmer von Rosel’s Mutter gewesen und jetzt nur, in seltenen
Fällen, als „gute Stube“ dienen mußte. Rosel hatte ihr Schlafzimmer
oben, und die Dienstleute schliefen hinten hinaus.
Das Haus selber lag nicht unmittelbar am Rhein, sondern stieß vielmehr
durch seinen Garten an ein kleines Haseldickicht, das, seiner nicht
günstigen Lage wegen, noch nicht zu Weinbergen benutzt worden war und
in einer engen Schlucht oder Delle fortlaufend, sich weiter oben an
den eigentlichen Wald anschloß. In früheren Jahrhunderten hatte die
Stadtmauer diesen Platz umgeben, und wenn sie auch jetzt an allen
den Stellen, die sich vortheilhaft zum Bebauen zeigten, fortgeräumt
worden war und keine Spur mehr zurückgelassen hatte, so hatte man
sich hier doch nicht die Mühe gegeben, die alten schweren Steine aus
dem Wege zu schaffen. Die Mauer verwitterte allerdings mit der Zeit,
aber das Geröll blieb liegen, und nur im Herbst war es über Tag ein
Haupttummelplatz der Wellheimer Jugend, da dort eine Unmasse herrlicher
Brombeeren wuchsen und die Haselnüsse ebenfalls ihre Anziehungskraft
ausübten.
Doch Niemand kümmerte sich heute mehr um den kleinen Garten, den Rosel
selber pflegte und auch trefflich in Stand hielt. Es war völlig dunkel
geworden und wenn sich im heißen Sommer die Gäste auch manchmal ihren
Schoppen hinaus in die freundliche Weinlaube nahmen und dort bis zehn
oder elf Uhr im Freien saßen, so trat der Herbst doch schon zu kühl
auf, um das jetzt noch zu gestatten.
So mochte es zehn Uhr geworden sein, und manche der älteren Stammgäste,
die gewohnt waren zu rechter Zeit in’s Bett zu gehen, hatten das
Burgverließ verlassen und ihren Heimweg angetreten. Dagegen war
frischer Zuwachs gekommen und das Boot, von dem der alte Jochus schon
zu Rosel gesprochen, von seiner etwas verspäteten Fahrt den Rhein
herab zurückgekehrt. Das junge Volk hatte den Abend oben in irgend
einer alten Ruine verbracht und auch wohl tüchtig dabei gezecht, aber
versäumt, noch etwas für den Heimweg mit in’s Boot zu nehmen und
natürlich auf der zweistündigen Fahrt wieder tüchtig Durst bekommen.
Es war eine lustige Reisegesellschaft aus Thüringen, auf einer
Vergnügungsfahrt begriffen und mit eben gerade genug Geld in der
Tasche, um den alten Vater Rhein zu besuchen und einmal auf ein paar
Tage Arbeit und sonstige Scherereien zu vergessen. Sie sangen dabei
ganz prächtige Lieder mit vollen melodischen Stimmen, und Rosel, die
gar so gern singen hörte, setzte sich nicht weit von ihnen auf den
Stuhl an’s Fenster und überließ der Bärbel jetzt vollständig das
Bedienen der Gäste, deren Reihen sich freilich schon gedünnt hatten.
Eigentlich fand man sonst um diese späte Stunde wenig Leben mehr in den
Weinhäusern von Wellheim, aber gerade die jungen munteren Fremden mit
ihren hellen Stimmen und prächtigen Liedern hielten auch heute manchen
alten Knaben länger als gewöhnlich bei seinem Schoppen, und selbst als
die Lieder verstummt waren, plauderte man noch zusammen.
Die Fremden wollten den morgenden Tag noch hier verbringen und erst
gegen Abend stromab gehen; sie erkundigten sich deshalb, was es in der
Nachbarschaft Sehenswerthes gäbe.
„Ei,“ rief da der Bäckermeister Bollharz, eine kleine kugelrunde
Gestalt, der, wenn er lachte, gar keine Augen im Gesicht zu haben
schien, weil sie vollkommen hinter den fettgepolsterten Backen
verschwanden, „da müßt Ihr jedenfalls einmal unsere Ruine besuchen, die
ist es schon der Mühe werth, und junges lustiges Volk wie Ihr seid,
klettert auch wohl die alten Treppen hinauf, und von da oben hat man
eine ganz wundervolle Aussicht.“
„Seid Ihr schon einmal oben gewesen, Meister Bollharz,“ lächelte Rosel,
die sich die kleine unbeholfene Gestalt auf der schmalen, geländerlosen
Treppe dachte.
„Gewiß bin ich, Jungfer Naseweis,“ nickte der behäbige Mann, „und das
mehr als einmal, und noch dazu hinauf gelaufen wie ein Wiesel -- das
sind aber freilich so ein Jahrer dreißig her und jetzt, mit meiner
Wohlbeleibtheit würde es auch nicht mehr so leicht gehen, keineswegs
so geschwind. Steigt nur auf meine Verantwortung hinauf und stattet
dem alten Nest einen Besuch ab -- es liegt so jetzt öde und einsam
genug zwischen den Büschen, und der alte Wildenfels muß schmähliche
Langeweile haben.“
„Wer?“ frug einer der Fremden, „der alte Wildenfels? wohnt denn Jemand
oben?“
„Wohnen? Gott soll uns bewahren, wer möchte in dem alten Eulenneste
wohnen,“ sagte ein anderer der Gäste, der Stadtschreiber Mahler, indem
er über seine Brille hinweg nach dem Fremden sah. „Hugo von Wildenfels,
wie der letzte Bewohner jener Raubburg hieß, soll dort, der Volkssage
nach, noch hausen und manchmal, den abgeschlagenen Kopf in der Hand,
auf den Zinnen spazieren gehen.“
„Alle Wetter, das wäre interessant, dem zu begegnen!“ lachte einer der
jungen Leute.
„Soll nur da hausen, Herr Stadtschreiber?“ sagte ein kleines graues
Männchen, das etwas abseits von den übrigen an seinem Schoppen saß und
bis jetzt ununterbrochen Wallnüsse dazu geknackt hatte; „ich dächte wir
hätten hier in Wellheim doch genügend Beweise, daß er wirklich gesehen
ist, denn die Achtbarkeit der Zeugen läßt sich nicht bestreiten.“
„Mein lieber Herr Registrator,“ rief ein junger Beamter, „wer hat ihn
denn eigentlich gesehen? Ihr Vetter der Apotheker, und was das für ein
Windbeutel ist, wissen wir Alle zusammen.“
„So?“ sagte das alte, etwas engbrüstige Männchen etwas gereizt, „und
meine Schwägerin -- Gott hab’ sie selig -- hat wohl nicht vor jetzt
drei Jahren fast den Tod vor Schreck gehabt, als sie eines Abends mit
einer Gesellschaft von Hellenhof herüberkam und in ihrem Uebermuth noch
einen Abstecher nach der Burg machte? Sie hat nachher sechs Wochen das
Bett hüten müssen, so war ihr der Schreck in die Glieder gefahren.“
„Na,“ nahm da noch ein Anderer des Registrators Partie, ein
pensionirter Steuerbeamter, der hier in Wellheim seine kleine Pension
verzehrte, „ich dächte doch, wir hätten auch in diesem nämlichen Jahr
Beweise genug, denn zweimal hat er sich da gezeigt und jedes Kind weiß,
was für ein gutes Weinjahr das jedesmal verspricht. Der alte Gärtner
Weber, dem gewiß Niemand nachsagen kann, daß er lügt, hat ihn selber
das eine Mal gesehen, und das zweite Mal Ihr eigener Bruder, Rosel, der
doch auch sonst nicht gerade abergläubisch ist.“
„Und ich glaub’s doch nicht,“ sagte Rosel, die beide Ellbogen mit den
Händen haltend, lächelnd dem Gespräch zugehört hatte, „und wenn’s
selber mein Bruder gesehen haben wollte.“
„Junges, übermüthiges Blut,“ sagte der alte Registrator, „glaubt nur
immer das, was es selber sieht, und selbst das nicht immer, muß erst
durch Schaden klug werden, und wenn ältere Leute etwas sagen so wird
gewöhnlich darüber gelacht und gespottet.“
„Ach, bester Herr Registrator,“ erwiderte Rosel freundlich, „glauben
Sie ja nicht, daß ich spotten wollte; nur die Geschichte von dem
Ritter, der den Kopf unter dem Arme tragen soll, kommt mir so wunderbar
vor, denn wenn dort oben noch etwas von dem alten Herrn von Wildenfels
umgeht, so kann es doch nur der Geist desselben sein und nicht
der Körper, und ein Geist kann doch wohl nicht mit abgeschlagenem
Kopf umherwandern, denn wer wäre im Stande einem Schatten den Kopf
abzuhauen.“
„Du redest gerade wie Du’s versteh’st, Kind,“ sagte der Registrator,
ein alter Stammgast des Hauses, der auch bei der Rosel Pathe gestanden
und sie oft auf dem Arme herumgetragen hatte, weshalb er sie auch
noch immer Du nannte. „Der Schatten ist doch nur der Wiederschein des
Körpers, und wenn man einem solchen den Kopf herunterschlägt, so kann
ihn doch der Schatten nicht aufbehalten. Der Schatten wird natürlich
nicht enthauptet, aber der Körper, und dadurch zugleich der Schatten.“
„Mein liebes Fräulein,“ bemerkte jetzt der alte Steuerbeamte, der
‚Herr Hauptcontroleur‘ in der Stadt betitelt wurde, da sich ein Mensch
ohne Titel nicht gut denken ließ und nie im Leben hätte auf Pension
Anspruch machen können, „Sie werden gewiß nicht leugnen wollen, daß es
Dinge auf Erden giebt, die unser Verstand zu schwach ist zu begreifen,
und daß wir durchaus noch nicht mit unseren Seelenkräften im Klaren
sind, in wie weit wir mit einer anderen Welt in Verbindung treten
können. Auch soll man Gott nicht versuchen, liebes Fräulein,“ setzte
der Alte ernst hinzu, „und ein guter Christ hat an den Stätten, wo der
Herr irrende Seelen zur Strafe umwandeln läßt, in der dafür bestimmten
Nacht nichts zu suchen.“
„Lassen Sie’s sein, Herr Hauptcontroleur,“ lachte der Bäckermeister;
„die Rosel ging auch nicht bei Nacht zu dem alten Schlosse hinauf. Bei
solchen unheimlichen Geschichten ist uns Allen nicht geheuer, und es
überläuft Einem schon ein ganz merkwürdiges Gefühl, wenn man einmal
Nachts im Holze draußen nur einem ganz gewöhnlichen Menschen begegnet
-- viel weniger denn in einem solchen alten Raubschloß, wo früher so
viele Unschuldige hingerichtet wurden und so viel Blut vergossen ist,
einem derartigen Gespenst mit dem Kopf unter dem Arme. Ich bin auch
nicht abergläubischer als Andere, aber ich glaube, mich rührte der
Schlag vor Schreck, wenn mir einmal eine solche Gestalt in den Weg
liefe.“
„Bah,“ sagte Rosel, verächtlich lächelnd, „Ihr urtheilt von Euch auf
Andere, Meister Bollharz. Ich bin nur ein Mädchen, aber wenn es eine
Wette gälte -- ich ginge selber hinauf und bewiese Euch, daß Ihr
Unrecht habt.“
„Hoho, Rosel,“ lachte der Bäckermeister, „das hab’ ich noch gar nicht
gewußt, daß Sie auch prahlen können. Wenn ich Sie nun beim Worte nähme?“
„Ei, so thut’s!“ rief das junge Mädchen, während ihr in der Erregung
des Augenblicks das Blut voll in Gesicht und Schläfe stieg -- „was ich
gesagt habe, habe ich gesagt.“
„Und Du wolltest jetzt bei Nacht allein hinauf in die Ruine gehen?“
rief der Registrator erschreckt. „Kind, versündige Dich nicht, denn
schon ein solcher Gedanke ist gottlos.“
„Weil sie weiß, daß sie Niemand beim Worte nimmt,“ lachte der
Bäckermeister. „He, Bärbel, gieb mir noch einen Schoppen -- das ist
aber wahrhaftig der letzte --“
Die jungen Fremden lachten -- nicht über Rosel’s Anerbieten, sondern
über den kleinen dicken Mann, der schon seit einer Stunde immer
seinen ‚letzten‘ Schoppen bestellte, und doch nicht vom Fleck zu
bringen war; das junge Mädchen aber, überhaupt heute Abend durch das
Zusammentreffen mit Bruno und die harten Worte des Vaters gereizt, rief
aus:
„Und wenn _ich_ Euch nun beim Worte nähme, Meister Bollharz? Ihr
habt die zwei schönen großen Orangenbäume, die Ihr mir immer nicht
verkaufen wolltet. Sollen die mein sein, wenn ich jetzt -- in diesem
Augenblick nach der Ruine hinauf und hinein gehe und Euch auf irgend
eine Art ein Zeichen bringe, daß ich dort gewesen?“
„Mädel, bist Du des hellen Teufels?“ sagte der Registrator erschreckt.
„Bravo, mein Fräulein!“ riefen lachend die jungen Leute, die noch immer
nicht an den Ernst der Sache dachten und sich nur über das verdutzte
Gesicht des kleinen dicken Bäckers amüsirten -- „er hat die Lust am
Wetten schon verloren.“
„So, meine Herren?“ sprach der Bäcker, ebenfalls mit einer tüchtigen
Schoppenladung im Kopfe, von seinem Stuhle aufspringend und mit der
Hand auf den Tisch schlagend, „das hat er aber noch lange nicht. Die
beiden Orangenbäume sollen Ihnen gehören, Rosel, wenn Sie jetzt -- und
es muß bald Mitternacht sein -- dort hinauf gehen, und ich will mein
Lebstag ein Lügner heißen, wenn ich sie nicht selber herunter schicke.“
„Gut,“ rief das junge Mädchen, entschlossen sich von ihrem Platze
erhebend, „ich gehe, die Wette gilt.“
„Wenn Sie aber _nicht_ hinaufgehen und wieder unverrichteter Sache
herunter kommen?“ frug der kleine Bäcker, dem doch schon um seine
vielleicht zu leichtsinnig versprochenen Orangenbäume bange wurde.
„Dann bekommen Sie von mir jenen Kuß,“ sagte das junge Mädchen -- und
während sich ihr Antlitz blutroth färbte, spielte doch zugleich ein
spöttisches Lächeln um ihre Lippen -- „um den Sie mich schon so oft
gebeten haben.“
Ein schallendes Gelächter belohnte die Abfertigung des kleinen Mannes.
Meister Bollharz war aber jetzt auch böse geworden. „Gut, Sie kleiner
Trotzkopf, Sie,“ sagte er, „jetzt wollen wir doch einmal sehen, ob
_die_ Sache mit Prahlen abgemacht ist. Wenn Sie hinauf in die
Ruine gehen und hinein in den Burghof, wo der steinerne Tisch steht,
und dort von den Schößlingen, die daneben aus dem Boden gewachsen
sind, einen abschneiden und mit herunter bringen, daß ich mich morgen
früh überzeugen kann, Sie sind wirklich oben gewesen, so haben Sie
bis morgen Mittag die Orangenstöcke im Hause und ich thue Ihnen
öffentliche Abbitte, Ihren Muth angezweifelt zu haben.“
„Topp!“ rief das Mädchen, „es gilt!“ und wandte sich rasch der Thür
zu; der alte Registrator ergriff sie aber noch am Arm und rief halb
bittend, halb ermahnend:
„Rosel, mach’ keinen dummen Streich! Dein Vater ist jetzt nicht hier,
daß er’s Dir verbieten könnte, aber ich leid’s ebenfalls nicht, und
wenn Du auf Deinem Trotzkopf bestehst, geh’ ich hinauf und weck’ ihn.“
„Nein, Jungfer Rosel,“ rief der Hauptcontroleur, „lassen Sie um Gottes
willen den Muthwillen bei Seite. Wissen Sie nicht die Geschichte von
dem jungen Mädchen, das auch Muth genug hatte und bei ähnlichem Anlaß
auf den Kirchhof hinausgeschickt wurde, um eine Gabel in das Grab
eines an dem Tage beerdigten Selbstmörders zu stoßen? In der Aufregung
stieß sie aber die Gabel durch ihr eigenes langes Kleid in den
Erdhügel, und als sie fort wollte und sich gehalten fühlte, glaubte sie
wahrscheinlich es sei der Todte, und brach vor Schreck und Entsetzen
selbst todt an dem Grab zusammen. Man soll mit solchen Dingen keinen
Scherz treiben!“
„Ich treibe auch gar keinen Scherz, Herr Hauptcontroleur,“ sagte das
junge Mädchen freundlich, doch bestimmt, „ich will mir die beiden
Orangenstöcke verdienen, dem Meister Bollharz zur Strafe, weil er mir
nicht zutraut, was er selber keine Courage hat auszuführen. Wo ich
aber gehe und stehe, bin ich in Gottes Hand, oben in meiner Kammer,
oder in der alten, öden Ruine, und da ich nicht zu fürchten brauche
dort bösen Menschen zu begegnen, so habe ich auch wahrlich keine Angst
vor etwa umgehenden Geistern, mit oder ohne Kopf. Lassen Sie mich los,
Herr Registrator, ich weiß, Sie meinen es gut mit mir, allein es hilft
Ihnen nichts; wenn die Rosel einmal was gesagt hat, so führt sie’s
auch durch, und weder Sie noch der Vater könnten mich jetzt daran
mehr hindern. Ehe Sie den wach kriegten, wäre ich übrigens schon den
halben Weg oben auf dem Burgberg. Gott befohlen miteinander, in einer
Stunde bin ich wieder da!“ Und ehe sie wirklich Einer daran verhindern
konnte, oder überhaupt mit sich einig war, ob sie nicht blos Scherz
trieb, sprang sie hinüber in das ‚gute Zimmer‘, wo sie Capuze und
Umschlagetuch liegen hatte, nahm aus der Küche ein Messer mit und eilte
flüchtigen Laufes die Straße hinab.
Die jungen Fremden fingen jetzt ebenfalls an, sich für das bildhübsche
junge Mädchen zu interessiren, und ein paar von ihnen griffen schon
nach ihren Hüten und erklärten, daß sie ihr wenigstens von Weitem
folgen wollten, damit ihr nicht etwa irgend etwas zustoßen könne.
Bäcker Bollharz aber, den es besonders ärgerte, daß Rosel ihn so vor
der ganzen Gesellschaft mit dem angebotenen Kuß bloßgestellt, rief, mit
der Faust auf den Tisch schlagend, dann gelte die Wette nichts; aber
sie sollten sie nur laufen lassen, die käme von selber wieder, und zwar
ohne Zeichen, dann könne das hochnäsige Ding aber auch ihren Kuß für
sich selber behalten, wie er seine Orangenstöcke, die er schon seiner
Frau wegen nicht einmal hergeben dürfe.
Eine merkwürdige Umwandlung hatte das Verschwinden des jungen Mädchens
in der Gesellschaft hervorgebracht, eine eigenthümliche Spannung,
denn man wußte nicht recht, ob man darüber lachen, oder um das junge,
waghalsige Ding besorgt sein sollte. Der alte Registrator fühlte sich
am unbehaglichsten; es kam ihm fast so vor, als ob er dem Mädchen hätte
wehren sollen, einen so unweiblichen, ja fast leichtfertigen Schritt
zu thun. Wenn ihr nun doch etwas zustieß, wenn sie am Ende gar den Tod
hatte vor Schrecken, mußte er sich dann nicht die bittersten Vorwürfe
machen, daß er dabei gesessen und den Leichtsinn geduldet hatte?
Die jungen Fremden erkundigten sich indessen nach der eigentlichen
Sage der Ruine, die ihnen der Hauptcontroleur auch auf das Genaueste
und Umständlichste erzählte, und sie erklärten dann, daß sie morgen
früh noch vor Tag aufbrechen würden, um mit der Morgendämmerung selber
oben zu sein und zu sehen, ob das junge Mädchen ihr Wort gelöst habe.
Der alte steinerne Tisch im Burghof war nicht zu verfehlen, und dicht
daneben sollte sie ja, zum Zeichen, daß sie dort gewesen, einen der
aufwuchernden Schößlinge abschneiden oder abbrechen.
Bei der Sage der Ruine blieb es in dieser Stimmung aber nicht, denn es
dachte natürlich jetzt Niemand daran fortzugehen, bis Rosel von ihrer
nächtlichen Wanderung zurückgekehrt sei, und darüber mußte jedenfalls
eine Stunde verstreichen. Der natürliche Ideengang der Gäste lenkte
sich mittlerweile auf andere Sagen und Spukgeschichten, an denen
der Hauptcontroleur, der sich in früheren Jahren viel an den wilden
Grenzdistricten aufgehalten, besonders reich war. Hauptsächlich wurden
solche Geschichten dabei hervorgehoben, bei welchen der Muthwille des
Menschen keck die Geisterwelt herausgefordert und dann, versteht sich,
immer den Kürzeren gezogen habe. Da war das alte Haus an der Grenze, in
dem früher ein berüchtigter Schmuggler gelebt, der bei einem Streifzug
erschossen wurde und später in seiner eigenen Wohnung umging, daß es
Niemand mehr darin aushalten konnte. O ja, ein junger, leichtfertiger
Franzose erbot sich den Geist zu bannen, aber Morgens fand man ihn
bleich und todt mitten in der Stube liegen, ohne das geringste Zeichen
einer Verletzung an seinem ganzen Körper. Und dann der junge Bursch,
der Nachts unter den Rabenstein gegangen war, um auch, in Folge einer
tollen Wette, einem der am Tage Gehenkten den Stiefel abzuziehen.
Der kam auch nicht zurück, und wenn er auch nicht todt blieb oder
wahnsinnig wurde, hat er doch nie in seinem Leben wieder gelacht
und ist von da an selbst wie eine Leiche herumgegangen, bleich und
elend und sich verzehrend, bis er endlich, noch in der Blüthe seiner
Jahre, starb, aber Niemandem erzählen wollte, was er draußen an jener
furchtbaren Stätte gesehen.
Auch der alte Registrator wurde dadurch von seinen eigenen
unbehaglichen Gedanken ab- und diesem Thema zugelenkt und wußte eine
solche Menge haarsträubender Geschichten, daß die kecke Rosel auf ihrer
nächtlichen Wanderung fast schon vergessen war, und das Schenkmädchen,
die Bärbel, immer wieder frischen Wein herbeischaffen mußte, um die
ausgetrockneten Kehlen zu erquicken. Und wie flink bediente heute
das sonst etwas träge oder langsame Mädchen die Gäste, denn nicht um
die Welt hätte sie eine der da drinnen erzählten Schauergeschichten
versäumen mögen, wenn’s ihr auch manchmal wie mit einer Gänsehaut über
den ganzen Körper lief.
„Jesus, meine Güte!“ sagte plötzlich der Hauptcontroleur, dem es
indessen einmal eingefallen war, nach der Uhr zu sehen. „Es ist ja
schon Eins vorbei und das Mädel, die Rosel, noch nicht zurück. Die
hätte doch wahrlich keine Stunde gebraucht, um hin und her zu laufen;
wenn ihr nur nichts passirt ist!“
Der alte Registrator war erschreckt von seinem Stuhle aufgesprungen.
„Schon Eins vorbei,“ stöhnte er, „wahrhaftig, Ihr Leute, jetzt... jetzt
wird mir auch nicht wohl bei der Sache. Wir hätten die tolle Dirne
nicht sollen gehen lassen! Der Himmel verhüte, daß dem Kinde etwas
geschehen ist, ich würde mein Lebtag nicht wieder ruhig.“
„Wir wollen ihr nach,“ rief einer der jungen Burschen. „Ist vielleicht
eine Laterne im Haus, die wir mitnehmen könnten, wenn wir sie oben
brauchen sollten? Der Mond scheint auch schon unterzugehen und wir
finden sonst am Ende den Weg nicht.“
Die jungen Leute waren aufgesprungen und griffen schon nach ihren
Hüten, und in der That hatte sich die ganze späte Gesellschaft erhoben,
denn die Angst um das junge Mädchen verdrängte alle anderen Gedanken.
Da öffnete sich plötzlich die Thür, und Rosel selber stand auf der
Schwelle, ernst und still, mit leichenbleichen Zügen. In der Hand trug
sie einen kleinen grünen Busch, den sie neben dem Bäcker auf den Tisch
warf, und sagte ruhig:
„Da, Meister Bollharz, ist Euer Zweig; ich werde mir morgen oder heute,
denn es ist wohl schon spät geworden, die Orangenstöcke holen. Ihr
könnt nachsehen oben, gerad’ unter dem steinernen Tisch weg hab’ ich
ihn abgeschnitten.“
„Aber Rosel, um Gotteswillen, wie siehst Du aus, Kind? Wie eine Leiche!
Was ist Dir geschehen?“ rief der Registrator.
„Mir geschehen? was sollte mir geschehen sein!“ sagte das Mädchen, „nur
müd’ bin ich geworden von dem weiten Weg. Bärbel, sieh’ gut nach dem
Licht, wenn die Gäste fort sind, und schließ’ die Thür ordentlich; ich
will schlafen gehen.“
„Aber Rosel, so erzählen Sie doch,“ bat jetzt der Hauptcontroleur,
der sie mit ängstlichen Blicken betrachtet hatte, denn etwas
Uebernatürliches mußte ihr begegnet sein, das Entsetzen stand ihr ja
noch an der Stirne geschrieben.
„Morgen, morgen,“ sagte das junge Mädchen ruhig. „Heute ist’s schon
zu spät geworden und es wird Zeit, daß wir schlafen gehen. Gute Nacht
mitsammen,“ und eines der schon fast niedergebrannten Lichter vom Tisch
aufgreifend, verließ sie damit das Zimmer und stieg langsam in ihr
eigenes Kämmerchen hinauf.
Drittes Kapitel.
In der Ruine.