als wir, Ohlers, Degmar und ich, mit Ihnen im anderen Zimmer waren,
wohinein Sie uns selber riefen?“
„Ich?“ rief Peters erschreckt.
„Und daß wir dann meinen Nachbar, den Friedensrichter Buttler, holen
ließen, und der Sie zusammengab?“
„Mich und die Wittwe?“ schrie Peters wieder in äußerstem Erstaunen.
„Und daß, wie er die Worte gesprochen, und Sie der früheren Frau
Reuter, jetzigen Frau Doktor Peters die Hand reichten, ein plötzlicher
Blutandrang nach dem Kopfe, oder Gott weiß was sonst, Sie erfaßt haben
muß, denn Sie brachen zusammen, als ob Sie vom Blitz erschlagen gewesen
wären.“
Der Doktor sah den Redenden stier an.
„Bei Gott!“ rief er, „und -- ich glaube Sie haben Recht -- ich fange
wirklich an, mich zu besinnen.“ -- Im Geist hatte er sich nämlich
diesen immer gefürchteten Augenblick so oft herauf beschworen, und
in seine Träume hinein verwebt, daß ihn die Erzählung desselben als
_Wirklichkeit_ gar nicht mehr so sehr überraschte. -- „Merkwürdig!
merkwürdig! Oh meine Ahnung! Siehst Du, Ohlers, habe ich damals nicht
Recht gehabt -- und Du lachtest?“
Ohlers mußte jetzt mit aller Gewalt, deren er fähig war, zurückhalten,
daß er nicht in diesem Moment wirklich herausbrach, aber Dölzig kam ihm
zu Hülfe und fiel rasch ein:
„Sie können sich unseren Schrecken denken. Von den übrigen Gästen waren
noch einzelne da, die wir doch nichts wollten merken lassen, wir trugen
Sie deßhalb rasch in Frau Reuters Schlafzimmer“ -- der Doktor warf
still und hochaufathmend den Blick umher -- „und die Angst der armen
Frau kann ich Ihnen gar nicht beschreiben,“ fuhr Dölzig fort -- „aber
Gott sei Dank, daß jetzt Alles so gut vorübergegangen ist. Sie sind
wirklich mit einem blauen Auge davon gekommen, Peters.“
„Merkwürdig, merkwürdig“ sagte immer noch, leise vor sich hin mit dem
Kopf schüttelnd, der Doktor, „und so wäre ich eigentlich verheirathet,
ohne daß ich selber etwas davon wüßte.“
„Aber Sie sagten ja eben, daß Sie sich darauf besinnen.“
„Ja, aber nur dunkel, ganz dunkel, und wo ist die Frau Reu -- wo ist
meine Frau?“
„Draußen,“ sagte Ohlers, „und in Todesangst, daß der Anfall böse Folgen
für Dich haben könnte.“
„Gute Frau,“ murmelte der Doktor leise vor sich hin, „aber Kinder --
thut mir den Gefallen und geht auf einen Augenblick hinaus, daß ich
aufstehe und mich ankleiden kann, mir schwindelt der Kopf noch; ich
muß mich erst mit kaltem Wasser waschen, daß ich wieder ordentlich zur
Besinnung komme. Sowie ich fertig bin, ruf ich Euch.“
Die Verbündeten waren froh, jetzt fortzukommen, denn Degmar besonders
konnte sich kaum länger ernsthaft halten. Der Doktor aber stand auf,
wusch sich und zog sich an, und wollte dann eben an der Klingel ziehen,
als es wieder an die Thür klopfte.
„Herein.“
Es war Ohlers.
„Hör einmal, Peters,“ sagte der Apotheker, und legte dem Doktor seine
Hand auf die Schulter, „ich habe eben mit Deiner Frau gesprochen.“
„Mit _meiner_ Frau, Ohlers?“ flüsterte Peters, und ein leises
Lächeln flog über seine Züge, „ich kann Dir gar nicht sagen, wie
sonderbar das klingt.“
„Na natürlich ist Dir der Ehestand noch neu,“ meinte der Apotheker,
„aber -- Du kennst ja die Frauen. Mit der Civilehe ist es eine
recht schöne Sache, aber wenn sie den Pfaffen nicht doch noch dabei
haben, glauben sie, daß die Geschichte nicht ordentlich geleimt und
verkittet wäre. Außerdem mit dem Zufall gestern Abend -- wenn auch
Alles in Ordnung ist -- und so läßt sie Dich fragen, ob Du etwas
dagegen hättest, wenn wir heute Morgen -- nachdem Ihr doch nun vor dem
Friedensrichter gestanden und die Sache eigentlich abgemacht ist --
noch einmal die kirchliche Trauung vornähmen. Wir Alle wissen ja recht
gut, daß es nicht nöthig ist, aber lieber Gott, die Frau beruhigt’s.“
„Ich habe auch nichts dagegen, Ohlers,“ sagte Peters freundlich, „ja
ich will Dir aufrichtig gestehen, daß ich, während Ihr unten waret,
schon selber daran gedacht habe, und Frau -- und meine Frau darum
bitten wollte. Das Verhängniß ist gesühnt -- ich _wußte_, welcher
Gefahr ich ausgesetzt war, und glaubte nie, daß sie so leicht an mir
vorübergehen würde. Jetzt ist es geschehen, und es würde mir selber
zur Beruhigung gereichen, nicht blos die dunklen, unbestimmten Umrisse
meiner Trauung im Gedächtniß zu bewahren, sondern die feierliche
Handlung auch bei vollem Bewußtsein noch einmal durchzumachen.“
„Bravo,“ sagte Ohlers, vergnügt in die Hände schlagend. „Umbreit ist
schon unten, in einer halben Stunde kann Alles abgemacht sein, und
weißt Du, was Ihr dann thut? Dann setzt ihr Euch auf den Dampfer Dayton
und macht eine kleine Vergnügungstour nach Cincinnati oder St. Louis,
oder wo Ihr sonst hin wollt, wir werden indessen schon hier zu Rechtens
sehen, daß im Lindenbaum Alles seinen ruhigen Gang geht. Wie? hab’ ich
Recht?“
„Guter Ohlers,“ sagte Peters, der tief gerührt schien, „mach und ordne
Du Alles an, wie Du es willst, ich füge mich Dir ganz, denn ich weiß,
daß Du es gut mit mir meinst.“
„Noch einmal Bravo,“ sagte der Apotheker, dem Doktor die Hand reichend,
„und darauf kannst Du Dich verlassen, mein alter Junge, denn gerade
_weil_ wir es gut mit Dir meinen, haben wir Dir ja auch so zugeredet.
Jetzt überlaß nur Alles mir -- bleibe noch einen Augenblick hier oben,
aber komm mit in das andere Zimmer herüber, denn Deine Frau muß sich
auch ein wenig anziehen, und bis zum Frühstück soll Alles abgemacht
sein.“
Ohlers hatte nicht zu viel versprochen; er trieb nach allen Seiten,
und während die Frau ihre Toilette machte, richtete er in einem der
Gastzimmer einen kleinen Altar her, an dem die heilige Handlung ohne
Schwierigkeit und mit Anstand vollzogen werden konnte. Degmar besorgte
indessen Blumen und sonstige Ausschmückung, Dölzig ging nach Haus,
um seine Frau und Schwägerin, die eine zur Zeugin, die andere zur
Brautjungfer abzuholen, und um halb elf Uhr führte er den kleinen Zug
in feierlicher Prozession in das wirklich festlich hergerichtete Gemach
hinüber.
Pastor Umbreit war dabei ebenfalls ein durchaus praktischer Mann, der
sich nie lange bei der Vorrede aushielt. Die Trauungsrede, die er
hielt, dauerte nicht länger als jede Trauungsrede eigentlich dauern
_sollte_, etwa zehn Minuten, denn was ihnen der Geistliche sagen
könnte, wissen die Brautleute schon außerdem, und haben es sich selber
oft genug gesagt, und jetzt zum ersten Mal, nachdem sie die von Umbreit
selber mitgebrachten Ringe gewechselt und der Segen über sie gesprochen
worden, umfaßte Peters seine erröthende Frau, drückte einen langen
Kuß auf ihre Stirn und flüsterte ihr zu, daß er sich recht -- recht
glücklich fühle, und sein ganzes Leben daran wenden wolle, sie ebenso
glücklich zu machen, und ihr für ihre Liebe zu danken.
Nach der Trauung wurde ein gemeinschaftliches Frühstück eingenommen,
dann ging Peters nach Hause, packte einen kleinen Koffer und schickte
ihn auf den Dampfer Dayton. Vom Lindenbaum aus geschah ein Gleiches,
und um ein Uhr Mittags, während das Gerücht der Trauung Pittsburg in
Erstaunen setzte, und ehe noch irgend ein neugieriger Bekannter oder
Stammgast anfragen und die Neuverlobten stören konnte, fuhren sie,
nur von Degmar begleitet, den „schönen Strom“ hinab der „Königin des
Westens“, Cincinnati, zu.
Drei Wochen blieben sie auf Reisen, und als Peters endlich mit seiner
jungen Frau zurückkehrte, war er ein ganz anderer Mensch geworden. Er
sah wirklich um zehn Jahre jünger aus, und mit der Gesundheit schien
auch sein fröhlicher heiterer Sinn zurückgekehrt.
Von da an übernahm er die Wirthschaft, die sich bald zu einer der
bedeutendsten in ganz Pittsburg hob, denn in dem Geschäft befand er
sich wirklich in seinem Element. Auch seine abergläubischen Neigungen
-- wenn sie auch nicht schwächer wurden, nahmen doch nie wieder einen
seiner Ruhe gefährlichen Charakter an. Aber er erfuhr auch nie, wie
er damals von den Freunden überlistet worden -- schon seiner wackeren
Frau zu liebe beobachteten diese unverbrüchliches Stillschweigen. --
Jetzt sind Beide todt. Die „Frau Doktorin,“ wie sie immer in der Stadt
genannt wurde, starb vor etwa drei Jahren, und Peters überlebte sie
nur um etwa zehn Monate, nachdem er ihr Andenken oft und oft gesegnet.
Dadurch wurden auch die damaligen Verbündeten ihres Wortes entbunden,
sie haben aber nie die gebrauchte List zu bereuen gehabt. Denn eine
glücklichere Ehe als sie Peters mit seiner Frau die langen Jahre führte
-- hat es wohl kaum je gegeben.
Ruine Wildenfels.
Erstes Kapitel.
In Wellheim.
In Wellheim, einem kleinen, reizend gelegenen Städtchen am Rhein,
war heute die Lese beendet worden und so reichlich ausgefallen, daß
allgemeiner Jubel im Orte herrschte. Die Sonne hatte auch den ganzen
Sommer und Herbst tüchtig auf die vollen, prachtvoll gebräunten Trauben
niedergebrannt, und man durfte auf einen Wein rechnen, der sich den
besten Jahrgängen an die Seite stellen konnte. Was Wunder denn, daß man
mit dem „alten“ Stoff aufzuräumen suchte, und die ziemlich zahlreichen
Wirthshäuser in dieser Zeit von munteren Zechern gefüllt waren.
Wellheim lag unmittelbar am Ufer des herrlichen Stromes an einem
außerordentlich sonnigen und günstigen Hang, und dicht darüber, so
daß man es selbst bergauf bequem in einer halben Stunde erreichen
konnte, stand eine jener alten, prächtigen Ruinen -- früher die
Geißel, jetzt die Zierde des Landes -- und schaute mit ihren weiten
öden Fensterhöhlen träumend auf das zu ihren Füßen ausgebreitete
wunderschöne Thal hinab.
Schade freilich, daß das alte Schloß so gar verfallen und
vernachlässigt war! Da auch dichtes Gebüsch umherwucherte und die
alten, steinernen Treppen im Innern dem Einsturz drohten, so daß nur
manchmal leichtsinnige junge Touristen das Wagstück versuchten, auf
ihnen hinauf zu klettern und die Aussicht von da oben zu genießen,
wurde die Ruine nur in seltenen Fällen einmal flüchtig von Fremden
besucht. Die Bewohner von Wellheim kamen überdies nicht hinauf,
und so wusch denn auch mit den Jahren der Regen den steilen, nie
ausgebesserten Pfad, der zu der Ruine führte, so aus, daß es zuletzt
ein eben solches Kunststück wurde, ihn zu erklimmen, wie die schon
halbzerstörten Treppen im Innern des alten Schlosses zu besteigen.
Etwas hatte die Burg aber, wie so viele jener romantischen Stellen
am Rhein: ihren Privat-Geist nämlich, und mit den Jahren, da man
durchreisenden Engländern doch etwas erzählen mußte, bildete sich eine
ordentliche kleine Sage aus.
Dieser zufolge sollte Hugo von Wildenfels, der letzte Raubgraf, der
von hier aus in der „guten alten Zeit“ friedliche Bürger überfallen
und geplündert hatte, endlich zu einem wunderbar schönen Burgfräulein
am anderen Ufer des Rheins in Liebe entbrannt sein und beschlossen
haben, seinem ruchlosen Leben zu entsagen. Ob er aber diesen guten und
löblichen Vorsatz auch später gehalten haben würde, wenn er seinen
Zweck, die Hand der Jungfrau, erreicht, weiß man nicht, denn er war
jedenfalls zu spät gekommen. Kaiser und Reich nämlich, der ewigen
Klagen müde, sandten ein paar helle Haufen von Rittern und Knappen
gegen die Veste, in der sich Hugo von Wildenfels mit großer Tapferkeit
vertheidigte. Schließlich jedoch, ob durch List oder Gewalt, sagt die
Chronik nicht, drangen die Belagerer in die Burg und übten Vergeltung
für jahrelangen Frevel. Während man den „rothen Hahn“ auf’s Dach
derselben pflanzte, wurde der Raubritter gefesselt in seinen eigenen
Hof geführt und dort, beim Schein der auflodernden Flammen, enthauptet,
der Körper aber nachher nicht begraben, sondern in ein brunnenartiges
Burgverließ geworfen, in welchem der Lebende viele unglückliche Opfer
hatte verschmachten lassen.
Das war das Ende des tapferen Hugo von Wildenfels, das irdische
wenigstens, denn es scheint, als ob ihn seine guten Vorsätze nicht im
Grabe ruhen ließen. Zu gewissen Zeiten im Jahre sollte er wenigstens
gesehen sein, wie er auf der hinausstarrenden Zinne seines verödeten
Schlosses stand und den eigenen Kopf hoch in der Hand nach jener Burg
hinüberhielt, in welcher die Auserwählte seines Herzens gewohnt. Ob er
sich, indem er ihr den abgeschlagenen Kopf zeigte, damit entschuldigen
wollte, daß er sein Wort nicht eingelöst und sie heimgeholt -- und
allerdings konnte ein solcher Fall als genügender Entschuldigungsgrund
gelten -- ob er, einem höheren Willen folgend, als abschreckendes
Beispiel herumgehen mußte und deßhalb nicht die ewige Ruhe fand, man
weiß es nicht. Soviel aber ist sicher, daß es keine alte und vielleicht
auch wenige junge Frauen in Wellheim gab, die nicht fest daran geglaubt
hätten, daß der kopflose Hugo von Wildenfels noch heutigen Tags -- oder
vielmehr Nachts -- dann und wann erschien, und man hätte Manchen im Ort
finden können, der bereit gewesen wäre selber zu beschwören, daß er das
entsetzliche Gespenst mit eigenen Augen gesehen.
Uebrigens schien der Ritter seine alte, unheilvolle Thätigkeit jetzt
wirklich eingestellt zu haben, denn wenn er sich einmal wieder auf
seiner Zinne irgend einem Nachtwandler zeigte, so bedeutete das, wie
man sich im Volk erzählte, jedesmal ein gutes Weinjahr, und die Kunde
wurde darum immer mit Freuden begrüßt. Drehte sich doch die ganze
Existenz der Leute um den Wein.
So war er auch heuer, und sogar zwei Mal, von zwei verschiedenen Leuten
gesehen worden; und wie hatte er dabei seinen Ruf bewährt! Es gab gar
nicht genug Gefäße im Orte, um nur den süßen Most zu fassen, und der
alte Wein schlechterer Jahrgänge wurde um einen Spottpreis verkauft,
nur um das Faß zu frischem Gebrauch frei zu bekommen.
Es dämmerte, und im „Burgverließ“, einer kleinen, aber sehr stark
besuchten Weinschenke in Wellheim, hatte sich schon ein Theil der
Stammgäste eingefunden, um dort, wie sie sich ausdrückten, „ihren
Schoppen“ zu trinken. Das Wort „Schoppen“ ist freilich gefällig, denn
es enthält gleich im Singular seinen Plural, und daß es nicht bei
einem, auch wohl nicht bei drei und vieren blieb, ist sicher.
Trotz der wachsenden Beschäftigung in der Wirthsstube schien aber
Rosel, des Wirthes liebliches Töchterlein, doch einen Augenblick Zeit
gewonnen zu haben, auf den Hof hinaus zu eilen und ein paar Worte mit
einem jungen Mann zu wechseln, der dort jedenfalls auf sie gewartet
haben mußte. Sie fürchtete sich auch gar nicht vor ihm, sondern legte
ihr Köpfchen ganz vertrauensvoll an seine Brust und litt es, daß er ihr
wieder und immer wieder die Stirn küßte; aber es war ihr doch nicht
freudig dabei zu Muthe, denn große helle Thränen standen ihr in den
Augen und rollten dann schwer an den Wangen hinab auf ihr Mieder.
Endlich, während er ihr liebe und gute Worte zugeflüstert, wand sie
sich aus seinem Arme.
„Ich muß fort, Bruno,“ sagte sie, sich mit der Schürze die
verrätherischen Thränen abtrocknend, „Du weißt, der Vater will es nicht
leiden, daß ich mit Dir spreche, und das Zimmer ist auch voller Gäste,
so daß die Bärbel gar nicht mit ihnen fertig wird, und mehr kommen
noch. Ein ganzes Boot voll ist den Nachmittag den Rhein hinaufgefahren,
Alle wollten heut Abend bei uns einkehren.“
„Drei Tage hab’ ich Dich jetzt nicht gesehen, Rosel, und kaum drei
Minuten kannst Du mir schenken,“ klagte der junge Mann; „das ist recht
hart.“
„Aber Du weißt ja doch, daß es nicht von mir abhängt, Bruno,“ bat das
Mädchen, „mir thut’s ja selber weh genug, aber kann ich es ändern? Leb’
wohl, ich bleib’ Dir gut, das ist sicher und Du hast mein Wort; nun
hab’ Geduld, und vielleicht wird Alles noch besser, als wir denken.“
„Besser als wir denken,“ seufzte der junge Mann; „o, wenn ich Dich hier
fortnehmen, wenn ich Dich zu meiner Mutter bringen dürfte, daß Du nur
der Gesellschaft erst enthoben wärest!“
„Hab’ nur keine Sorge um mich, Bruno,“ lächelte das junge Mädchen wohl
freundlich, aber zugleich auch recht wehmüthig, „ich bin hier schon gut
genug aufgehoben. Schau’ nur, daß Du was schaffst und vor Dich bringst,
ich halt’ treulich aus.“
„Und Dein Bruder --“
„Er ist nicht so schlimm, wie Du denkst,“ sagte das Mädchen treuherzig,
„ein bischen roh wohl, lieber Gott, er hat sich lange in der Welt
umhergetrieben, und daß ich den Menschen nicht heirathen will, den er
mir zugedacht, mag ihm auch ein wenig in die Krone gestiegen sein, aber
sie kennen die Rosel -- er und der Vater -- und wissen, daß sie, wenn
sie ’mal was gesagt hat, nie im Leben davon abzubringen ist, mag’s nun
biegen oder brechen.“
„Sie werden Dir so lange zureden --“
„Hab’ keine Angst, da zu dem Ohr geht’s hinein und zu dem wieder
heraus; in’s Herz hinunter kommt nichts, verlaß Dich darauf. Aber jetzt
muß ich fort, Jesus Maria, der da drinnen reißt mir noch die Klingel
ab. Es sind gewiß mehr Leute gekommen. Leb’ wohl, Bruno --“
„Und wann seh’ ich Dich wieder?“
„Bist Du morgen Abend noch hier?“
„Ja, aber den ganzen Tag soll ich --“
„Sei morgen früh um neun Uhr auf dem Wege nach der Ruine, vielleicht
mach’ ich’s möglich, daß ich ein halb Stündchen abkomme. Die Leut’
haben jetzt Werkeltags viel zu thun und da giebt’s bei uns mehr Zeit.
So, schütz’ Dich Gott, Bruno,“ und ihm die Lippen zum Kuß hinhaltend,
wand sie sich rasch aus seinem Arm und verschwand im Haus. Aber sie
sollte nicht unbemerkt wieder in’s Schenkzimmer schlüpfen, denn ihr
Vater, der eben mit einem großen Krug voll Wein aus dem Keller trat,
stand im Flur und sagte finster:
„So? Hatt’ ich Dir’s nicht verboten, Dich mit dem adligen Hungerleider
wieder einzulassen? und bist Du jetzt nicht draußen auf dem Hof bei ihm
gewesen? Durch die Kellerluke hab’ ich Euch gesehen.“
„Was kann er dafür, daß er adlig ist, Vater!“ sagte das Mädchen; „wenn
wir das kleine Von vor unserm Namen trügen, wär’ ich auch unschuldig
daran.“
„Aber er hat nichts als seinen Dünkel im Kopf,“ brummte der Wirth, „und
seiner Sippschaft sind wir ebenfalls ein Dorn im Auge.“
„Wenn er stolz wäre, hielt er doch nicht um die Wirthstochter an,“
sagte das Mädchen.
„Soll mich wohl noch bei dem Schreiber bedanken, daß er sich hier in
ein warmes Nest zu setzen denkt?“ knurrte der Wirth, „und kurz und
gut, ich leid’s nicht, daß Du zu ihm hältst. Er ist nicht stolz, Gott
bewahre, und als ich ihm anbot, er sollte hier bei mir eintreten und
die Wirthschaft lernen, was antwortete er da? Das dürfe er seiner
Familie nicht zu Leide thun. Ei, zum Geier! sie haben das Brod kaum,
was sie essen, und die alte, hochnäsige Baronin schleppt das alte,
schwarze Seidenkleid schon so lange, daß man jeden Faden daran erkennen
kann; aber versteht sich, Seide muß es sein und Spitzen drum herum
und Blumen und Federn auf dem Hut. Kommt er mir noch einmal über die
Schwelle, Gott straf’ mich, wenn ich ihm nicht schneller hinaushelfe,
als er eingetreten ist.“
„Aber Vater --“
„Jetzt marsch, fort mit Dir, da drinnen sitzt die Stube voll Gäste und
Du treibst Dich indessen draußen im Hof mit dem Lump herum; mach’, daß
Du hineinkommst, und nimm den Krug mit -- es ist guter.“
Rosel zögerte einen Moment; das Blut hatte bei den letzten Worten
ihre Wangen verlassen und ein eigenes Feuer glühte aus den dunklen
Augen des Mädchens -- aber es war ja ihr Vater -- sie durfte sich ihm
nicht widersetzen. Nur mit einem schweren, recht aus voller Brust
herausgeholten Seufzer nahm sie den Krug auf und ging an ihre Arbeit,
während der Wirth, Paul Jochus, langsam und sich selber wenig genug um
die zahlreichen Gäste kümmernd, in seine eigene Stube hinaufstieg und
sich dort einschloß.
Paul Jochus hatte eigentlich eine recht lange Zeit keinen besonders
guten Ruf in Wellheim gehabt, und gesellig verkehren mochten selbst
jetzt noch nur Wenige mit ihm. Er war rauh in seinem Wesen und
verschlossen, mit der üblen Angewohnheit dabei, daß er, wenn er mit
Jemandem sprach, ihm nie in’s Auge, sondern immer bald auf die rechte,
bald auf die linke Schulter sah. Außerdem blieb es in der kleinen
Stadt, wo derartige Familienverhältnisse nicht geheim gehalten werden
können, eine bekannte Thatsache, daß er seine verstorbene Frau, ein
liebes, sanftes Wesen, stets roh und unfreundlich behandelt hatte,
so daß sie sich, auch noch von Nahrungssorgen gequält, langsam aber
sicher zu Tode grämte.
Es mußte damals in der That mit Paul Jochus’ Verhältnissen scharf
bergunter gegangen sein; er hatte gespielt und viel Geld verloren
und sich dann dermaßen dem Trunk ergeben, daß sämmtliche anständige
Gäste sein Haus mieden und schon das Gerücht in der Stadt ging, das
„Burgverließ“ würde nächstens von Gerichtswegen öffentlich versteigert
werden, nur um die aufgelaufenen Schulden zu bezahlen.
Sein Sohn erster Ehe, Franz, war inzwischen draußen in der Fremde
gewesen; er hatte sich mit der Stiefmutter nicht vertragen können, weil
ihm diese das nicht wollte hingehen lassen, was sie bei dem Gatten
nicht hindern konnte. Er war Künstler geworden, wie er sich nannte, als
er zurückkam, Kupferstecher und Lithograph, und beabsichtigte, sich
jetzt am Rhein niederzulassen.
Da starb die Mutter, und erst nach ihrem Tode mochte Paul Jochus
wohl fühlen, was er an ihr gehabt, was er an ihr gesündigt, denn er
ging eine Weile wie gebrochen umher und hatte dabei das Trinken fast
ganz aufgegeben. Er sah auch wieder fleißig nach seiner Wirthschaft,
und wenn auch noch immer nur sehr wenig Gäste bei ihm einsprachen,
schien es doch als ob sich seine Umstände von Tag zu Tag wieder
besserten. Vom Verkauf des Grundstücks war keine Rede mehr, ja sogar
die aufgelaufenen Schulden wurden nach und nach abbezahlt, und da Rosel
indeß herangewachsen war und dem Schenkzimmer selber vorstehen konnte,
zog sie durch ihr freundliches Wesen bald wieder eine Menge Gäste
in’s Haus, doch ohne sich je das Geringste gegen einen derselben zu
vergeben. Ueberhaupt hatte das junge Mädchen trotz ihres zarten Alters
etwas ungemein Bestimmtes in ihrem ganzen Wesen, und die Wellheimer
wußten, was sie sagten, wenn sie die Rosel „ein wahres Prachtmädel“
nannten.
Wo nur der Jochus das viele Geld herbekam? So viel warf die Wirthschaft
doch nicht ab, das konnten sie ihm recht gut nachrechnen, und in
den letzten zwei Jahren hatte er sich ein Stück Weinberg nach dem
andern gekauft. Einige sagten zwar, der Sohn habe Geld mit aus der
Fremde gebracht; Andere wollten behaupten, der alte Jochus hätte eine
Erbschaft gemacht -- wo es aber auch herkam, von Jochus selber erfuhren
sie es nicht, denn der war eher noch verschlossener als sonst, aber
jetzt auch, was sich nicht läugnen ließ, ein vollkommen anderer und
ordentlicher Mensch geworden. Wenn er mehr Geld hatte als früher,
verthat und verpraßte er es nicht, sondern legte es auf vernünftige
Weise an, und da er keiner Seele mehr etwas schuldete, brauchte sich
auch Niemand darum zu kümmern, woher ihm seine Mittel flossen.
Franz, sein Sohn, war kurze Zeit bei ihm im Haus gewesen, und es hieß
einmal, er wolle sich in Wellheim selber etabliren. Der kleine Ort
würde ihm jedoch kaum Beschäftigung genug geboten haben, und wenn er je
den Plan gefaßt, gab er ihn wieder auf. Er hatte sich auch gleich einen
Compagnon mitgebracht, einen jungen Herrn aus Berlin, der sich immer
fein kleidete, immer Glacéhandschuh trug und sich natürlich gleich nach
den ersten vierundzwanzig Stunden sterblich in Rosel verliebte, ja, ihr
sogar seine Hand anbot und von dem Bruder lebhaft dabei unterstützt
wurde. Rosel mochte ihn aber vom ersten Augenblick an nicht leiden,
denn er hatte etwas Freches und Spöttisches in seinem Wesen, und als
er sogar noch zudringlich wurde, fertigte sie ihn so entschieden, auf
nicht mißzuverstehende Weise ab, daß er seine Werbung nothgedrungen
einstellen mußte.
Franz hatte danach einen heftigen Auftritt mit Rosel, und da sich die
Geschwister überhaupt nicht recht vertragen konnten, siedelten die
beiden jungen Männer nach Hellenhof, einer größeren Stadt, über, die
etwa anderthalb Stunden von Wellheim entfernt, doch tiefer im Land,
vom Rhein ab lag. Dort, hieß es, wollten sie sich niederlassen, und
dort blieben sie auch, und nur sehr selten kam Franz noch manchmal nach
Wellheim zum Besuch herüber, wobei er dann nie verfehlte der Schwester
von seinem Compagnon vorzureden, wenn gleich immer vergeblich.