»Gewiß thats ihm gut« fiel aber hier der Förster mit Wärme ein, »denn

während der Reiche Wildpret verzehrte, konnte er kein anderes Fleisch

essen, und Rindfleisch z. B. behielt einen Preis, den dann und wann auch

wohl einmal ein _armer_ Mann bestreiten und bezahlen konnte. Wie

wird das aber jetzt werden, wenn das Wild, wenn Hasen und Rehe alle

weggeschossen sind, heh? -- Wir wollen einmal die Residenz nehmen; zu

ganz geringem und durchschnittlichen Maasstab gerechnet sind dorthinein

bis jetzt jährlich doch wenigstens 20000-25000 Hasen geschafft und darin

consumirt worden -- ebenso eine verhältnißmäßige Quantität Rehe, Hühner,

Birkwild, Fasanen, etc. Wer verzehrt dieß Alles? -- Die Reichen und

fehlt ihnen das Wild, so sind die natürlich die Letzten, die _ohne_

Fleisch leben; können sie kein Wildpret, keine Hühner, Rehe und Hasen

bekommen, ei so essen sie Rind- Kalbs- oder Schweinebraten, diese 20000

Hasen und die vielen tausend Pfund anderes Wild fehlen aber jetzt, dafür

wird anderes Fleisch also verbraucht, und dieses muß natürlich bei einem

so gesteigerten Bedarf auch ebenso verhältnißmäßig im Preise steigen.

Wird der Arme nun _noch_ im Stande sein, sich dann und wann ein Huhn in

seinen Topf oder ein Pfund Rindfleisch zu kaufen? -- Fragt einmal übers

Jahr wieder nach, und Ihr werdet hören, wie sie in den Städten darüber

schimpfen.«

»Ah bah, in den Städten mögen sie's thun« lachte Beukel, »so schöpfen

wir auf dem Lande doch wenigstens das Fett von der Suppe.«

»Wir? -- die schöpfen es, welche die Schüssel schon bis jetzt immer

vor sich gehabt« sagte ärgerlich der Jäger -- »die armen Häusler und

Tagelöhner, die kein eignes Feld haben, kriegen immer noch nichts.

Uebrigens schöpft nur -- ein, höchstens zwei Jahr habt Ihr noch ein paar

Rebhühner zu schießen, und nachher wird Sturm geläutet, wenn sich einmal

ein Hase auf dem Felde draußen blicken läßt.«

»Treiber vor!« tönte eine Stimme draußen auf der Diele, und die Treiber,

die sich in der Stube befanden, bewegten sich langsam der Thüre zu, um

sich draußen zu präsentiren und hinaus zu der Stelle geführt zu werden,

von wo das erste Treiben ausgehen sollte.

»Wo hören wir denn eigentlich wieder auf?« frug da ein Verwalter aus

der Nachbarschaft, »wenn wir nicht hierher zurückkommen, möcht' ich auch

meinen Mantel fortschicken.«

»In Skorditz« sagte der alte Holke, der in diesem Augenblick in's Zimmer

getreten war und die Anwesenden zu überzählen schien -- »gleich neben

der Windmühle.«

»Die Skorditzer Bauern haben gesagt, wenn die Schützen auf _ihre_ Felder

kämen, schlügen sie Generalmarsch im Dorfe und rückten aus« meinte ein

Bauer aus Horneck, der mit dem Verwalter an einem Tische saß.

»Die Skorditzer Bauern können zu -- Grase gehn,« brummte Holke, ohne

sich in seinem Zählen irre machen zu lassen -- »sechs und zwanzig, --

sieben und zwanzig, -- acht und zwanzig, -- denen ist auch zu wohl,

und sie wollen erst einmal versuchen wie's thut, wenn man einen Haufen

Militair im Orte hat -- neun und zwanzig -- dreißig -- hol sie der

Teufel alle mit einander -- eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben

und dreißig im Ganzen -- hm wird wohl langen -- ist Fritz noch nicht

dagewesen?«

»Er war erst vor einer Viertel Stunde bei den Treibern draußen, Herr

Förster,« sagte das Schenkmädchen mit freundlichem Gruß und stellte

ein Glas gewärmten Bieres vor ihn hin -- »vielleicht ist er hinüber zur

Herrschaft gegangen -- soll ich einmal nachsehn?«

»Nein, danke schön -- es wird bald ausgeblasen!«

Er goß das Bier mit raschem Zuge hinter, strich sich den grauen großen

Bart aus und verließ mit einem »Gleich wirds fortgehn,« das Zimmer

wieder.

»Die Bauern wollen's nicht leiden, daß wir in Skorditz jagen?« frug ein

Controleur aus der Stadt und schnallte sich den neben ihm liegenden Muff

dabei um.

»Ne,« sagte einer der Treiber, der noch hinter seinem Stuhle stand und

eben im Begriff war, das Zimmer zu verlassen, »se han gesaiht se werren

erscht alle de Jiagers met Schtung un Stiel usrotten, ähe se se uf ehre

Fälder liaßen -- das sin Mordskerle -- die ferchten sich vor'n Deibel

nich.« --

Er schüttelte lachend mit dem Kopf und sprang schnell hinaus als draußen

das Signal zum Sammeln geblasen wurde -- die meisten der Jäger standen

ebenfalls auf, dem Ruf Folge zu leisten, während die älteren, und mit

dem gewöhnlichen Gang des Treibens schon mehr vertrauten, noch ruhig bei

ihrem Glase oder Warmbier sitzen blieben, den »Schwarm« erst ablaufen zu

lassen, und nachher mit aller Gemüthsruhe einzurücken.

* * * * *

Die Jäger zogen mit den Treibern in einem dichten, nur hier und da

durch einzelne Ausläufer umgebenen Trupp, einen engen Dorfpfad, der

von niederen Mauern eingeschlossen zwischen den höher liegenden Gärten

hinführte, dem Felde zu, und etwa zweihundert Schritte hinter ihnen

kamen, zwei und zwei mit einander plaudernd, hier und da auch Einer

allein in stillem Ernst die »Herrschaften.« Den Schluß bildeten einzelne

Nachzügler, oder später Gekommene.

Dieser schmale Gartenweg lief ziemlich südöstlich aus dem Dorfe hinaus,

und weiter oben, gerade nach Norden hinauf lag die größere, schon

öfter erwähnte, und unfern von da in's Holz, nach Sockwitz laufende

Fahrstraße, von der aus man gerade die Felder, auf denen das erste

Treiben gehalten werden sollte, überschauen konnte.

Auf dieser hin schritt langsam, in schwarzem Filzhut und braunem mit

Schnüren besetzten Burnus, ein Mann, hielt dann und wann an, die rege

Gruppe der Jäger zu beobachten, die gerade ihren Sammelplatz auf einer

flachen Wiese erreicht hatte, und von dort, um das ganze Treiben zu

umzingeln, nach rechts und links Schützen und Treiber abwechselnd

aussandte, und blieb endlich an dem nämlichen Steine stehen, an welchem

wir dem alten Schulmeister Kleinholz gleich im Anfang unserer Erzählung

begegneten.

Eine Viertelstunde mochte er so gestanden haben, und das Treiben unten,

das auch einzelne der kleinen Schluchten mit umschloß, war ziemlich

zugezogen, als auf der Straße von Sockwitz her ein anderer Mann im

einfach braunen, etwas abgetragenen Ueberrock, den schwarzen alten Filz

ebenfalls auf dem Kopf, langsam den Weg niederschritt, und eben grüßend

an dem jungen Mann vorübergehen wollte, als dieser, der vorher nur einen

flüchtigen Seitenblick nach ihm hinübergeworfen, sich rasch umdrehte,

und ihm die Hand entgegenstreckend, ausrief:

»Kraft!«

»Wahlert?« -- sagte der Schullehrer, unser alter Bekannter, noch von der

Versammlung her, erstaunt. »Sie hier in Horneck? -- Was um des Himmels

willen hat Sie hergeführt -- Ihre Freiheit ist doch nicht mehr bedroht?«

»Nicht mehr hier -- was in Berlin der Fall wäre, möchte eine andere

Frage sein,« lächelte der junge Mann -- »ja ja, lieber Freund,

so wechseln die Schicksale, erst wie ein gemeiner Verbrecher von

Steckbriefen und Häschern verfolgt, dann nach mir geschossen, wie nach

einem wilden, reißenden Thiere -- dann gefangen -- wieder befreit --

der Abgott des Volkes, von Fürsten gesucht, im Rath der erste zur

Ministerpräsidentschaft berufen, aus der Nacht mit einmal zum höchsten

strahlenden Lichtesglanz emporgeschleudert -- und jetzt? -- ein

flüchtiger, oder doch wenigstens geflüchteter Demagog, ein _mißliebiger_

Republikaner, der mit seinen schönen Träumen endlich wahrscheinlich

-- _auswandern_ muß, um sie, wenn auch nicht mehr in Deutschland, doch

wenigstens in _Deutschen_ realisirt zu finden.«

»Auswandern?« frug Kraft erstaunt -- »weshalb denn gerade _auswandern_?«

»Es wird Nichts in Deutschland,« sagte Wahlert, finster vor sich

niederblickend, »jetzt wenigstens noch nicht, bis nicht eine frische

Anregung von außen kommt, und die jetzt vorzubereiten, das sei das Werk

derer, die wie wir es ehrlich mit dem Vaterlande meinen.«

»Anregung von _Außen_« wiederholte Kraft, traurig dabei mit dem Kopfe

schüttelnd; »ach, lieber Wahlert, so lange wir in Deutschland nicht

selber im Inneren reif zu einer Selbstregierung sind, da hilft uns

auch keine Anregung von Außen, komme sie, woher sie wolle; sie kann die

Ordnung wieder zerstören, die Gesetze umstoßen, das ungebildete Volk

reizen, und zum wilden zerstörenden Aufruhr locken, ihm aber die Kraft

und Einigkeit und besonders die Einsicht geben, deren es, ach leider so

nothwendig bedarf, um seine schlimmsten Feinde zu erkennen, und

keinen Unterschied mehr zwischen schleichenden Reaktionairen oder

bramarbasirenden Wühlern zu machen, _das_ kann eine Anregung von außen

_nicht_, das muß Fleiß und Ausdauer im Inneren wirken.«

»Reif, reif und immer nur reif,« sagte Wahlert unwillig, »sind auch Sie

Einer von denen, die das Wort zum Mantel brauchen, ihre eigene Furcht

darunter zu verstecken? -- Reif -- weshalb soll der Deutsche nicht eben

so gut reif zur Freiheit sein, wie ein anderes Volk -- weshalb ist er

plötzlich _reif_ und ein _Republikaner_, wenn er über die See und

nach Nordamerika kommt? reift ihn etwa die Seeluft oder wird dort ein

besonderer chemischer Proceß vorgenommen, der ihn in mistbeetartiger

Schnelle die hier noch nicht besessene Reife giebt?«

»Sein Sie nicht böse auf mich, meiner Aeußerung wegen,« sagte Kraft

freundlich, »Sie wissen aber noch von früherer Zeit wohl her, wo ich

in der Residenz als Lehrer Ihres Vaters Haus besuchte, daß ich frei und

derb mit meiner Meinung herauskomme, und nicht >meine Furcht unter einem

Mantel< verstecke.«

Wahlert reichte ihm schweigend und das rauhe Wort abbittend, die Hand,

der alte Lehrer fuhr aber lächelnd fort:

»Lassen Sie's gut sein, Sie sind ein junger Brausekopf, und ich sehe das

lebendige Leben eben so gern in dem jugendlichen Körper, wie den Geist

im Champagner und den Uebermuth im jungen Roß, nur einen Irrthum will

ich auf ihrer Seite berichtigen, einen Irrthum, der besonders in

dem letzten Semester auf eine traurige Weise ausgebeutet worden ist,

Unerfahrene zu überrumpeln und einen Beweis für etwas zu liefern, das

sich auf eine andere Art eben nicht beweisen ließ. Sie wissen, lieber

Wahlert, daß ich, ehe ich in die Residenz zurückkehrte, von wo aus

ich gleich, durch des Herrn Generalsuperintendenten Vermittelung und

Fürsprache --«

»Weil Sie seinem Sohne aus der Flut das Leben gerettet --«

»-- Eher vielleicht, weil er mich passend für die Stellung hielt,« fuhr

Kraft fort -- »die Stelle in Bachstetten bekam, mich eine Zeit lang in

Amerika herumgetrieben hatte. Wir haben oft darüber zusammen gesprochen,

und ich suchte Ihnen stets von unseren Landsleuten in Amerika eine

so günstige Meinung beizubringen wie nur möglich -- ich liebe mein

Vaterland und dessen Söhne und wäre der Letzte, der einer ungerechten

Beschuldigung gegen sie Worte gäbe, wollen Sie mir aber mit _denen_

beweisen, daß die zurückgebliebenen Bewohner unseres Deutschlands

ebenfalls reif wären, so rennen Sie da in einen Irrthum hinein, den Sie

nie schmerzlicher einsähen, als wenn Sie selbst nach Amerika kämen.«

»Daß der Deutsche _unfähig_ sei, sich in einer Republik zu regieren, das

wolle Gott verhüten, daß ich das behaupte -- es hieß, ihm sein gesundes

Herz, seine Fähigkeiten absprechen und leugnen, er ist aber eben nur

_fähig_ dazu, und wie das Kind, das den künftigen Gelehrten noch im

ersten innersten Keime mit sich herum trägt, und nicht einmal lesen

kann, ehe es ihm von älteren Leuten gelehrt wurde, so muß auch der

Deutsche vor allen Dingen noch _lernen_, sich selbst zu regieren, ehe er

diese schwere Kunst, soll es nicht zu seinem Verderben zu früh geschehn,

in Ausführung bringen kann.«

»Aber Amerika -- die Amerikaner selber --«

»Sind mir der Beweis dessen, was ich hier gesagt -- Amerika schüttelte

damals das englische Joch ab, proclamirte die Republik und wurde damals

der blühendste Staat der Welt; sind aber dessen damalige Verhältnisse

mit den unseren hier in jetziger Zeit auch nur im Entferntesten zu

vergleichen? Nein, wahrlich nicht -- Amerika war vom ersten Augenblicke

an, wo die Separatisten-Colonie in den Schiffen _Mayflower_ und

_Speedwell_ zu Plymouth im Jahre 1592 landeten, eine Republik. Schon

an Bord des ersten Fahrzeuges entwarfen und unterzeichneten sie ein

Instrument, das zur nöthigen Gründung und Bestätigung ihrer künftigen

Einrichtungen dienen sollte, und in jenem einfachen Document wurde

schon, und zum ersten Male, das große Princip einer freiwilligen

Conföderation von _unabhängigen_ Männern ausgesprochen, die einen Staat

gründeten, >nicht der Regierenden, sondern der Regierten wegen<. Dort

begann sie auf einem freien, noch unentweihten Feld ihre staatliche

Einrichtung, und wenn auch England sein Scepter darüber hielt, so

bestand doch die ganze Botmäßigkeit, die es über seine amerikanischen

Colonien ausüben konnte, nur eigentlich in der Einsetzung von englischen

Gouverneuren, in dem Vorbehalt, ihm mißliebige Gesetze ändern oder

annulliren zu können, und in der Auflage von Steuern und Taxen.

Der freien Entwickelung des Volkes konnte vom Mutterland aus nicht

entgegengearbeitet werden, die in Amerika Gebornen wuchsen, von heißer

Liebe für ihr Vaterland beseelt, und mit nur geringen Sympathien

für Alt-England auf, und wie ihnen endlich der Druck von dort her zu

beengend und unerträglich wurde, da schüttelten sie eben nur das über

das Meer her aufgelegte Joch ab und -- waren frei. Sie hatten kaum etwas

weiteres zu thun, als in die Stelle der vertriebenen Gouverneure

eigene einzusetzen, die Verfassung, die sie sich gaben, wurde nur wenig

verändert, in Rhode-Island zum Beispiel fast gänzlich beibehalten und

kein Mensch wird hiernach die Amerikaner als ein Volk zum Beispiel

aufstellen können, das rasch von der Monarchie zur Republik übergegangen

wäre.«

»Was aber nun die _Deutschen_ betrifft, die dort hinüber auswandern, und

von denen auch Sie leider, lieber Wahlert, vor wenigen Minuten dieselbe

Phrase gebrauchten, die im Munde der sogenannten Republikaner bei den

unteren Schichten unserer Gesellschaft so vieles Glück macht, >ob

die Deutschen, die nach Amerika gingen, etwa auf der See Republikaner

würden, daß sie es drüben so ganz auf einmal, und hier doch gar nicht

gewesen wären<, so will ich Ihnen nur darauf einfach antworten, >_sie

werden es auf der See, und auch selbst drüben nicht_, bis sie nicht ihre

gehörige Lehrzeit bestanden haben<. Denn wollen Sie das nur zum Beweis

gelten lassen, daß sie _wählen_, so macht doch wahrlich die Abgabe

seiner Stimme den Republikaner noch nicht.«

»Wie aber wollen Sie beweisen, daß die herüber gekommenen Deutschen

_nicht_ Republikaner im edlen Sinne des Wortes seien?« frug Wahlert

begierig, »sind nicht eben die Deutschen ihres Vaterlandes und

ihres ehrlichen, treuen und umsichtigen Charakters wegen, gerade in

Nord-Amerika allgemein geachtet und geliebt?«

»Wollte Gott, ich könnte _die_ Frage mit _Ja_ beantworten, dann säße

ich nicht hier im Vaterlande und äße das schwere sauere Brod -- und eben

auch nur Brod, eines Dorfschulmeisters, der sich noch glücklich schätzen

muß, durch einen freundlichen Gönner eine der _wenigen guten_ Stellen

von -- 200 Thaler jährlichen Gehalt bekommen zu haben, und dafür jetzt

Aerger und Verdruß, Sorge, Entbehrungen und Beschwerden das ganze

geschlagene Jahr in vollem Maße einärntet.«

»Wie soll ich das verstehen?« frug Wahlert erstaunt.

»Es ist einfach genug,« sagte Kraft, »und ich will es Ihnen, da es

doch genauen Bezug auf unser jetziges Gespräch hat, mit kurzen Worten

mittheilen. Auch ich kam damals mit all den schönen Hoffnungen von

Deutschthum nach den Vereinigten Staaten, und glaubte in der That,

der Name >ein Deutscher< werde dort schon gewissermaßen allein als ein

Freipaß zur ehrenvollsten Aufnahme gelten -- Großer Gott, wie hatte ich

mich getäuscht. Nur kurze Zeit hielt ich mich in Neu-York auf, das ganze

Wesen und Treiben der Deutschen dort gefiel mir nicht, auch schien

mir eine Art Haß zwischen diesen und den Amerikanern zu bestehen. Nach

Cincinnati zog es mich, der >Königin des Westens<, dort im Westen,

mußte auch der Deutsche, seines Fleißes und sittlichen Betragens wegen,

geachtet sein -- so dachte ich, und was fand ich? -- >=You shall call me

a dutchman=< -- >Du sollst mich einen Deutschen nennen, wenn das und das

wahr ist<, -- lautete das Sprichwort der Amerikaner und leider nicht nur

der niederen Klassen. =God damn the dutch= tönte es wohl hundert Mal des

Tags in meine Ohren, und das Herz, glaubte ich, sollte mir brechen vor

Weh und Scham. -- Ich zog in die Wälder, trieb mich viele Jahre in den

dünnen Ansiedlungen der weißen Pioneere, -- Jahre lang zwischen den

halbcivilisirten Indianern herum, und kehrte endlich, eines geselligen

Verkehrs bedürftig, nach den Vereinigten Staaten zurück. Und was fand

ich dort? -- gerade zur Zeit der Wahlkämpfe traf ich in Philadelphia

ein -- auch Deutsche brauchten ihr Recht, das Recht der freien Wahl, das

Recht eines freien Bürgers -- und _wie_ brauchten sie es? Kaufen ließen

sie sich von Whigs oder Demokraten, nicht wer das meiste bot, denn

_schlecht_ waren sie eigentlich nicht, nein, wer das _erste_ bot, wer

ihnen zuerst in den Weg kam und sie zu überreden wußte, dem überließen

sie sich. Keinen Begriff hatten sie von dem, was die Wahl eigentlich

bedeute, was sie für einen Einfluß auf sie selbst, auf das ganze Land,

ausüben könne -- >ach was< hört ich Viele sagen, >ob ich den oder den

Wisch in den Kasten stecke, darum bleibt Amerika doch stehn und wir

kriegen auch nicht mehr Lohn.< Anderen machte ich Vorwürfe über ihr

schändliches schaamloses Betragen und erhielt die Antwort: >Geht zum

Teufel -- wir sind hier freie Amerikaner, und können stimmen wie wir

wollen.<«

»Und das waren meine Landsleute, das waren die Männer, die ich mir als

>Republikaner< geträumt, für die ich geschwärmt, die ich zum Beispiel

für Andere, gerade wie Sie es gethan, aufgestellt hatte. Und von

_solchen_ Menschen könnten wir in Deutschland eine Besserung der

Zustände erwarten? -- Lange kämpfte ich damals mit mir selbst, was ich

thun, wie ich handeln sollte, endlich war mein Entschluß bestimmt --

nach Deutschland kehrte ich zurück und in Deutschland lag ferner, so

lange diese schwachen Kräfte noch ausreichten, mein Wirkungskreis. Das

Volk, oder wenigstens den kleinen mir anvertrauten Theil desselben,

wollte ich heranziehn nach besten Kräften, wollte _Männer_ aus ihnen

machen, Männer, die wissen, was sie sich und ihrem Vaterlande -- seien

sie nun darin geboren oder aus freier Wahl hervorgezogen -- schuldig

sind -- wollte mit einem Worte würdige _Republikaner_ heranbilden,

die ihre Zeit begriffen und verstanden. Was ich dabei unter Republik

verstehe, vertrüge sich auch recht gut mit einer constitutionellen

Monarchie, wenn diese Form, der Masse wegen, beibehalten werden müßte,

aber ein König oder Kaiser würde dann auch nur der Präsident der Staaten

sein und die Macht in der Majorität -- im Volke ruhen.«

»Das, mein guter Herr Wahlert, ist _meine_ Politik und ob ich recht

gehabt, mag die Zeit lehren. Unser -- Deutschlands Heil liegt nicht

in der Gegenwart, obgleich ich gar nicht leugnen will, daß die letzte

Revolution heilsam, ja sogar nöthig war, die starre Rinde erst einmal

zu brechen, die uns mit ihren Banden umschlossen hielt -- die Freiheit

mußte _geboren_ werden, ehe sie überhaupt bestehen konnte, jetzt aber

haben wir sie heranzubilden und zu pflegen nach besten Kräften, daß

sie in der aufwachsenden, von ihr beseligten Jugend eine starke, einige

Stütze finde und nachher, lieber Wahlert, nachher wollen wir wieder von

der Abänderung der jetzigen Staatsform sprechen. Ist dann die Majorität

des Volks, mit ihrem vollen Bewußtsein _für_ Republik, ei lieber Gott,

_wer_ will sie ihr dann vorenthalten können, und ist sie es nicht? Gut,

dann wird sie auch wissen weshalb, und sich der Majorität zu fügen, ist

selbst Pflicht des Republikaners. -- Wenn er nämlich wirklich auch ein

Republikaner im Herzen ist, und sich nicht blos in eitlem prahlerischen

Dünkel den Namen und die rothe Cokarde beilegt, zugleich aber gegen

die Titel und Orden, die doch in dem Fall nur ganz dasselbe sind, in

phrasenreichen Reden donnerte. Und Sie schweigen?«

Wahlert stand, den linken Fuß auf den Stein gehoben, den linken Ellbogen

auf das Knie, in die Hand den Kopf und die rechte auf seinen Stock

gestützt, still und schweigend wohl mehrere Minuten da und sagte endlich

leise:

»Manchmal, in recht trüben, schweren Stunden, haben mich ähnliche

Gedanken überkommen, und ich zweifelte dann, wenn ich mich hie und

da einmal in meinen Hoffnungen getäuscht, in meinen liebsten Plänen

verlassen sah, an der Ausführung des hohen herrlichen Ziels. Aber nein,

nein, es kann, es darf nicht sein,« rief er, sich plötzlich hoch und

freudig emporrichtend -- »nur ängstliches Alpdrücken ist das, was uns

jetzt Herz und Seele manchmal beengt, noch nicht hineinfinden können

wir uns in den Gedanken an so Göttliches. -- Es ist wahr, in der

Volksversammlung jauchzt die Menge nur dem Redner zu, der ihm die

schwülstigsten Phrasen, die gröbsten Schmeicheleien in den Bart wirft --

mit Mismuth und Aerger hab' ich beobachtet, wie in den Versammlungen der

Demokraten besonders, wo leider am wenigsten die Intelligenz vertreten

war, einige Wenige die Debatte leiteten und die Masse nur dazu da zu

sein schien, beim Abstimmen ihrer Führer Meinung zum Beschluß zu erheben

-- aber das sind einzelne Misgriffe, die von selber in ihr Nichts

zurückfallen werden. Das Volk selbst, das heißt der Kern des Volks, der

Landmann, der Bürger weiß was er will und das einzige was _wir_ jetzt zu

thun haben ist, ihn dazu anzutreiben, daß er auch _will_, was er weiß.«

»Gut« sagte Kraft ernst -- »so gehn Sie denn hier im Lande herum und

betrachten Sie sich das, was sie den _Kern_ desselben nennen -- kommen

Sie zu dem Bauer, Gärtner, Häusler, zu dem Knecht und Tagelöhner, gehen

Sie selbst zu den bemittelteren Bewohnern in Horneck und Bachstetten und

wie die umliegenden Ortschaften alle heißen, und _dann_ sagen Sie mir

wieder, ob _das_ Republikaner sind, die Sie da finden, ob Sie sich

getrauen, mit _dem_ Volk eine Republik zu gründen. Sie wissen selbst am

Besten, wie Sie hier von den >Arbeitern,< weil Sie denn einmal den Titel

wollen, förmlich einem wilden Thiere gleich gehetzt wurden. -- Ja ich

weiß schon, damals konnten die Leute es Ihnen noch nicht ansehn, daß Sie

Ihr Leben und Vermögen blos _seinem_ Wohl geopfert und Alles verlassen

hatten was den Menschen an die Heimath fesseln kann, nur um die

Undankbaren von ihren Fesseln zu befreien und -- glücklich zu machen.

Aber jetzt -- jetzt wissen sie das Vorgegangene, jetzt wissen sie, daß

man Sie damals nur verfolgte, weil Sie Ihre Meinung zu frei geäußert

und die Massen versucht hatten, zur Erkenntniß ihrer selbst zu bringen.

Jetzt wissen sie, daß kein Verbrechen auf Ihnen lastet, jetzt wissen

sie, daß Sie nur stets des armen Mannes Bestes gewollt und erstrebt, und

blind folgte Ihnen die Schaar, wohin Sie die Fahne trügen. Treten Sie

ihr aber einmal mit festem Wort entgegen, versuchen Sie den Strom zu

dämmen, der im Begriff ist, sein Ufer zu überschwemmen, und Alles ist

vergessen, was früher geschehn, gethan, -- >Reaktionair!< brüllt die

Menge, und einmal verdächtigt, könnten Sie selbst die besten heiligsten

Motive vor ihrem Fluch nicht schützen. Die eigenen Führer sind die

ersten, die von den siegestrunkenen _Republikanern_, wollten sie die

Republik _jetzt_ proklamiren und nachher dem Mord und der Plünderung

Einhalt thun, an die Laternenpfähle geknüpft würden. --«

»Doch ich predige da tauben Ohren und es ist mit der Politik, wie mit

der Religion; zwei, die verschiedener Meinung sind, kommen zusammen,

zanken und disputiren sich Stunden lang, gerathen in Eifer, werden oft

bittere Feinde und wissen doch voraus, daß sie nie des Anderen Meinung

ändern können. -- Dort unten scheint indeß das Treiben zusammengekommen

zu sein; wie die armen Hasen springen, und selbst noch mit zerschossenen

Läufen ihren Feinden, den Hunden, und den noch weit ärgeren, den

Menschen zu entgehn suchen -- arme Thiere, Ihr seid eingekesselt, und

ringsherum rücken die todtbringenden Rohre zusammen -- wählt Euch einen

sicheren Schützen zum letzten Sprung, der es bald mit Euch vorüber

macht, mit zerschossenen Gliedern die kalte Nacht im Felde zu liegen und

dann nicht sterben zu können, muß gar traurig sein.«

»Haben Sie einen besonderen Zweck, der Sie heute nach Horneck führt,

lieber Kraft?« frug Wahlert endlich nach ziemlich langer Pause, »daß ich

hier sei, konnten Sie doch kaum wissen, und schienen auch erstaunt mich

zu sehn.«

Pfarre und Schule: Eine Dorfgeschichte. Zweiter Band. · 第 11 / 12 段