»Poller!« rief aber der eben Gekommene, und der junge Bursche, der hier

so unversehens beim Horchen ertappt worden, wandte sich rasch um und

blieb stehen.

»Poller -- pst!« wiederholte aber der Erstere, »auf ein Wort!«

»Hallo, Krautsch,« sagte mit überraschter, aber unterdrückter Stimme der

Horcher, und kam mit geräuschlosen Schritten auf diesen zu -- »was zum

Teufel führt Dich denn eigentlich hierher -- laß Dich nur um Gottes

Willen nicht -- und besonders _heute_ nicht von dem gnädigen

Herrn blicken, der ist schon wüthend genug auf Dich wegen Deines

Wilddiebstahls, eine Sünde, die Du einmal nicht lassen kannst, und heute

kämst Du ihm außerdem gerade recht.«

»Nu, was giehts denn grade hinte an en Sonndag?« frug Krautsch -- »hot

he sich mit Jemand gezankt?«

»_Mit_ Jemand? -- nein, die, welche Ursache hätte gegen ihn zu zanken,

thut den Mund nicht mehr auf, so gut sie auch sonst die Zunge zu

brauchen wußte!«

»Was? -- habt' Ihr ene Leiche im Haus?« rief Krautsch erstaunt.

»Nein, fürchte Dich nicht,« lachte Poller -- »'s ist nur die neue Frau

von Gaulitz, die jetzt Schläge kriegt nach Noten.«

»De Frau von Gaulitz Schläge? -- Papperlapapp,« sagte ungläubig der Mann

-- »ja, wenn unse Eeener verheirath' is, und seiner Olen eimal ene im

Vertrauen sticht -- aber die gnädige Frau von Gaulitz --«

»-- Wird von dem alten Schuft mißhandelt, daß es eine Art hat,« ergänzte

Karl Poller in nicht gerade ehrerbietiger Weise des Freundes Rede --

»Die Geschichte spielt übrigens schon ein paar Monate -- ja seiner

ersten Frau, einer wirklichen Dame, hat er's nicht besser gemacht, und

da braucht sich die jetzige, seine frühere Haushälterin, denn auch nicht

zu wundern, daß es ihr nicht besser geht -- na, _verdient_ hat sie's --

wenn auch nicht gerade um ihn.«

»Verdient? -- wie so?« frug Krautsch neugierig.

»Hm,« meinte Poller wichtig -- »das sind Familiengeheimnisse, die besser

>unter uns< bleiben -- man hat auch seine Rücksichten zu nehmen. --

Aber was führt Dich eigentlich auf's Schloß her, willst Du wirklich den

gnädigen Herrn selbst sprechen.«

»Ne, ich danke,« brummte der Wilddieb, »där mechte mer schiane uf de

Hucke steigen -- ich wulle Dich sprächen -- he Karl, wie stiahts denn

egentlich mit meiner Geschichte -- han ich was zu ferchten, un is es

verleicht besser, ich bin emal Morgens ganz wegg?«

»Besser _jedenfalls_,« erwiederte ihm vorsichtig Poller -- »außerdem

liegt der Wilddiebstahl nicht allein gegen Dich vor, sondern ich weiß

aus ganz sicherer Quelle, daß, der Teufel mag errathen woher, noch eine

andere Klage gegen Dich aufgetaucht ist, die -- doch Du wirst schon

wissen, was ich meine.«

»Dunnerwetter!« rief, aber mit ganz leiser, erschreckter Stimme der

Bursche -- »das wiare en schiane Geschichte, aber Mosje Poller, in där

stiaken mer nich alleene drin -- zu _där_ sein noch angere Personen

nethig, die nachens eben so dusemang fortmachen kennten wie unser Ener.«

»Sprich nicht so laut,« flüsterte Poller -- »ich weiß wohl, es ist eine

verfluchte Bescheerung und ich werde Dich darin nicht im Stiche lassen;

ich kann's aber am besten noch abwarten, denn _hier_ sitz ich an der

Quelle, und bin jeden Augenblick im Stande, zu erfahren, wie die Sachen

stehen. Ist's nachher Zeit, nun zum Henker noch einmal, dann müßt's

ja keine Eisenbahnen geben, und so viel, daß man nicht gerade gleich

_verhungert_, nun dazu wird wohl noch Rath werden.«

»Here, bei dem _Verhungern_,« flüsterte Krautsch, »fällt mer en

verflucht guder Gedanke in -- wie wärsch denn nu, wenn mer --«

»Pst!« sagte Poller, und horchte aufmerksam nach der Thür herüber,

hinter der der Lärmen gerade von Neuem auszubrechen schien -- »jetzt

geht's wieder los, na der klopft seine eine Hälfte in der Nacht noch

windelweich -- so einen Mann wünscht' ich mir auch, wenn ich eine Frau

wäre -- alt, geizig wie ein Harpar, häßlich wie die Nacht, ein Tyrann

wie ein Tiger und ein frommer Betbruder dabei, der so voller Bibelverse

steckt, wie ein alter Käse voller Maden.«

»Jetzt sagt _sie_ wuhl was?« flüsterte Krautsch, hinüberhorchend.

Poller erwiederte Nichts, sondern schlich nur, während im Innern die

klagende Stimme der Frau laut wurde, vorsichtig wieder auf seinen alten

Platz zur Thüre, und legte erst das Auge und dann das Ohr so dicht als

möglich an das Schlüsselloch an.

»Ich bitte Dich um Gottes Barmherzigkeit Willen, Gaulitz, schlage mich

nicht mehr,« flehte die Frau, »was habe ich Dir denn zu Leide gethan,

daß Du Alles das, was Du mir früher geschworen, so ganz vergessen

hast, und mich jetzt wie eine Verbrecherin behandelst -- wohl _bin_ ich

schuldig und heute -- heute seh' ich ein, was ich an _ihr_ begangen,

aber Du wahrlich solltest doch der letzte Mann auf der weiten Gotteswelt

sein, der mich darum mißhandelte.«

»Hinaus mit Dir -- hinaus und in die Gesindestube hinunter, wohin Du

gehörst,« rief aber jetzt, durch diesen Vorwurf wohl um so mehr gereizt,

da er so sicher gezielt war, daß er das schlummernde Gewissen des Mannes

im innersten Herzen traf, der Oberpostdirector -- »in die Gesindestube

mit Dir und --«

»Hülfe!« schrie die Frau, und ehe Poller, der in diesem Augenblicke

gerade versucht hatte, einen Blick in das Innere zu gewinnen, im Stande

war, zurückzufahren, flog die Thür auf und traf den Horchenden mit

solcher Gewalt an die Stirn, daß er rücklings zur Erde geschleudert

wurde. Krautsch behielt eben noch so viel Zeit, sich in die

Fensterbrüstung zu drücken. Poller aber fühlte sich, ehe er im Stande

war, wieder in die Höhe zu springen und zu entfliehen, in der kräftigen

Faust des Oberpostdirectors, der den Stock, den er eben in der Hand

hielt, derb auf Kopf und Schultern niederfallen ließ und den armen

Teufel so lange bearbeitete, als er nur noch einen Arm möglicher Weise

rühren konnte.

»So -- Canaille!« rief er endlich, als er erschöpft inne halten mußte,

»da --« und er stieß ihn verächtlich mit dem Fuße von sich -- »das

hast Du für's Horchen und ich will Dich lehren, Deine Ohren wieder an

Zimmerthüren zu legen, hinter denen ich spreche -- thust Du's, dann sei

versichert, daß ich Dich Jesum Christum noch besser erkennen lehre.«

Damit trat er zurück, warf die Thüre hinter sich mit aller Gewalt in's

Schloß und ließ den Mißhandelten fast bewußtlos vor Schmerz und Wuth auf

der Erde liegen.

Dieser raffte sich endlich mit leisem Stöhnen und einem bitteren,

zwischen den Zähnen hervorgemurmelten Fluch auf und wandte sich, als

ob er die hintere Treppe hinunter gehen wollte, Krautsch aber glitt in

diesem Augenblicke aus der Fenstervertiefung vor, faßte den Freund am

Arm und zog den nicht Widerstrebenden, ohne weiter ein Wort mit ihm zu

wechseln, zur vordern Thür hinaus, die steinerne Treppe, dem Thore

zu, hinunter, und vor das Gut, in den dicht daran stoßenden in dieser

Abendzeit sonst von keinem Menschen betretenen Obstgarten hinaus.

»Nun, was hast Du? -- was soll?« knurrte Poller endlich, mürrisch

und erzürnt genug, als sein Freund hier, und an der höchstgelegensten

Stelle, von wo aus sie nach allen Richtungen hin das Nahen eines

Dritten leicht erblicken konnten, stehen blieb und lauschte, ob sie

auch wirklich allein und von Niemandem behorcht seien -- »was soll die

Allfanzerei, Gott verdamm mich, ich fange an, es satt zu kriegen, vor

dem >gestrengen Herrn< da drinn Versteckens zu spielen. Hol' ihn der

Teufel, ich will mich nicht weiß brennen, aber geniren würd' ich

mich, die Sonne auf mich niederscheinen zu lassen, wenn ich ein

so niederträchtiger und hundsföttischer Schurke wäre wie der Herr

Oberpostdirector.«

»Willst Du Dich rächen,« flüsterte ihm Krautsch leise und vorsichtig

in's Ohr. Poller fuhr rasch nach ihm herum, und schaute ihm fest und

fragend in das schlau blinzende tückische Angesicht.

»_Ob_ ich's will,« sagte er nach einigen Secunden, »aber wie? -- weißt

Du ein Mittel? -- _verrathen_ darf ich ihn nicht -- ich stecke selbst

zu verdammt tief mit in alle den Geschichten, sonst gäb' es Nichts

leichteres auf der weiten Gotteswelt, als _den_ Burschen Hals über Kopf

in's Zuchthaus zu schicken.«

»Zuchthaus?« meinte Krautsch verächtlich -- »da sägst Du dernach aus, so

'ne hohe Perschon in's Zuchthaus zu kriegen, als ob die nich Winkelzige

genug kennten, drim herim zu gehn -- ene Krahe hackt der angeren de

Oogen noch lange nich aus, un wo mer sich hier nich selber hilft, da

husten Enen die Angeren erscht recht was -- ne Poller, aber ich weeß Der

en Mittel -- machst De mit?«

»Nun heraus mit der Sprache -- erst muß ich's jedenfalls wissen, ehe ich

'was Bestimmtes dazu sagen kann -- he?«

»Ich habe schonst oben im Hause davon angefangen, als der Spektakel

losgung -- Du meentest doch 'was von Verhungern --«

»Hm -- und weiter.«

»Nun siehst De,« fuhr Krautsch eben so leise fort -- »wir zwee Beede

haben das Heifige gerade nich -- wenn mer aber so en Platz wißten, wo

mer mit eenem Ruck -- verstehst De mich -- so was zesammen derwischen

kennten. --«

»Nun? --«

»Nu? -- ih nu, denn meen ich, mer ließen uns de Zeit nicht lange währen,

en griffen zu. -- Merkst De _noch_ nix?«

»Hm -- nun sprich aus,« sagte Poller sinnend, und seinen Freund dabei

etwas mißtrauisch von der Seite anschauend.

»Da is weiter nischt mehr groß auszesprechen,« brummte aber der Bursche

-- »wenn De mich alleweile noch nich verstiahst, so hast'n Brät vorm

Kopp -- Willst es aber absolut deitsch haben, so kannst' es ooch kreihn

-- wie viele Geld hat der Postdirecter neilich mit heeme gebracht?«

»Wie viel? -- hm -- wenn wir _Beide_ es hätten, könnten wir für unser

künftiges Leben zufrieden sein.«

»Na also, un _worum_ kennen wir Beede das _nich_ etwa kreihn? Das mecht

ich wissen. --«

»Das geht nicht,« sagte Poller nach kurzem finsteren Brüten -- »am Tage

ist das Zimmer, wo das Geld liegt, fest und sicher verwahrt, und liegt

so von den übrigen Wohnungen umgeben, daß an ein Einbrechen gar nicht zu

denken wäre, und in der Nacht schläft jetzt, seit es auf dem Gute ist,

der Oberpostdirector selbst darin, und hat immer zwei geladene Pistolen

neben sich über dem Bette hängen. Das Einzige wäre --«

»Nu -- 'raus mit das Eenzige.«

»Das Einzige wäre, wenn er einmal wieder in dieser Zeit sein

gewöhnliches Reißen bekäme und das Bett den Tag über hüten müßte; _dann_

ging es allenfalls, dann sind wir, ich und mein Alter, die einzigen

Personen, die zu ihm hinein dürfen, und nachher -- Gift und Tod, das

müßte eine Wonne sein, dem alten schurkischen Geizhals den so heilig

gehaltenen Mammon von der Seele reißen zu können, und _das_ wäre

allerdings eine Rache. Ich glaube, er ließ, wenn ihm die Wahl gegeben

würde, zehntausendmal lieber sein Leben als sein Geld, und verdammt will

ich sein, wenn er es da nicht auch ganz richtig taxirt. -- Wart Bursche,

den Karl Poller hast Du nicht umsonst wie einen Hund geschlagen und

getreten, und gedenken thut Dir's der, so lange er ein Glied rühren und

einen Plan ausbrüten kann.«

»Also wenn er im Bette liggt, nachens kennten mer ankommen?« frug

Krautsch.

»Die Leute wären nur immer noch zu sehr im Weg,« brummte Poller leise

vor sich hin -- »wenn man nachher etwas auffinden könnte, sie alle

hinten nach den Scheunen hinzulocken.«

»Hm, das wäre nu grade keene Kunst niche,« lachte der Mann -- »en kleen

Bischen Feier in's Untertenne mißte ungeheier schiahn aussähn -- nachens

sterzten se sicher Alle hinger.«

»Brandstifter?« sagte Poller erschreckt -- »alle Wetter nein -- das geht

doch nicht -- da steht Kettenstrafe drauf und zehn oder funfzehn Jahre

mit einer Kette am Bein Straßen zu kehren -- nein, damit wäre der Spaß

doch ein Bischen zu theuer erkauft.«

»Papperlapapp!« sagte mit heiserem Lachen Krautsch, »wenn mer sich

derwischen läßt, so hat mer's nich wegen Brandstiften, sondern wegen's

d'Erwischen lassen verdient -- mer werd aber nich so dumm sin -- _mir_

kommen weck, davor sin mer sicher.«

»Ich weiß doch nicht -- die Sache ist mir zu gefährlich, das will ich

gerade nicht sagen, klingt aber zu bös und -- könnte Einen in verdammte

Verlegenheiten bringen -- ich will mir's lieber noch eine Weile

überlegen -- wir können morgen wieder einmal darauf zurückkommen.«

»Zurückkommen?« brummte Krautsch ärgerlich -- »wenn se mich _vor_- und

die angere Geschichte rauskreihn, nachens, dächt' ich, sprächen mer

Beede nich sehre mehr von Zerickkommen, un da mer nu noch da sin, wär's

meiner Six de rechte Zeit. Nu, Poller, machst De mit?«

»Du willst das Feuer anlegen, und mich nachher -- laß einmal sehen --

ja -- an der Blutbuche neben der kleinen Waldwiese treffen und wenn wir

dann im nächsten Dorf leicht einen Wagen kriegen könnten, der uns auf

den Bahnhof bis Tagesanbruch führte --?«

»Na ob -- ich bin en merkwirdiger Feierwerker -- aber wie wärsch denn,

wenn mer die Sache gleich morgen machten? da han se ja Treibjagd uff'n

Feldern.«

»Nein morgen geht es noch unter keiner Bedingung -- den Tag würd' ich

schon bestimmen -- also _Du_ besorgtest das, und nachher?«

»Dann theelen mer.«

»Gleiche Hälften?«

»Nu verstäht sich -- worum denn niche?«

»Hm -- ja, versteht sich -- -- -- ich will mir die Sache doch lieber

noch einmal erst überlegen.«

Poller wollte sich abwenden, um zum Schloß zurückzugehen, Krautsch frug

ihn lachend, ob er sich vielleicht noch eine zweite Tracht Prügel und

einige Fußtritte holen wolle -- der Oberpostdirector scheine gerade

dazu in der rechten Laune gewesen zu sein. -- Poller ging mit

untergeschlagenen Armen bis ans Thor des Obstgartens, blieb da stehen,

kehrte wieder zurück und flüsterte dann mit dem ihn lächelnd Erwartenden

wohl noch eine halbe Stunde auf das Angelegentlichste zusammen, dann

glitt er leise und vorsichtig wieder in das Thor des Schloßhofs hinein,

dessen kleine Pforte noch aufstand und erreichte auch, ohne vermißt zu

sein, die Stube, die er mit seinem Vater theilte, während Krautsch durch

den Obstgarten hinging und am anderen Ende desselben über die niedere

Lehmmauer stieg, die ihn von der in's Dorf hineinführenden Straße

trennte.

Elftes Kapitel.

Wahlert und Kraft.

Treibjagd in Horneck -- ei, was für ein fröhliches frisches Leben da

gleich über die Leute kommt, die sonst so still und stolz ihre Bahn

gehen; ist es denn nicht gerade, als ob sie mit den Wasserstiefeln und

der Pelzmütze auch den Philister aus- und den vernünftigen Menschen

auf einmal angezogen hätten, und nun mit ihres Gleichen, das heißt, mit

anderen zweibeinigen Söhnen Gottes, mögen sie ein paar tausend Thaler

mehr oder weniger im Vermögen haben, als sie selber, so freundschaftlich

und vertraut verkehren, als wie gerade mit -- »eben ihres Gleichen?«

Auf der Jagd hört jeder Standesunterschied auf, die verschiedenen Herren

Barone, Grafen und Rittmeister von so und so sind eben nicht Barone,

Grafen und Rittmeister mehr, sondern einfach, mit den Bauern, Jägern,

Pachtern etc. etc. »die Herren Schützen,« und die Hasenfelle kehren sich

eben so wenig an den Stand, sondern brennen durch, wo sie ein »Loch«

sehen, mag das nun durch einen Grafen oder Bauer gemacht sein.

»Auf der Jagd hört jeder Standesunterschied auf, lieber Leser? Bitte um

Verzeihung, wenn Du das glaubst, bist Du noch nie mit in _Horneck_ auf

der Jagd gewesen, denn gerade da wäre Dir der Unterschied der zwischen

>von< und >nicht von< gemacht wurde, um so mehr aufgefallen, da Du ihn

in der einfachen, sonst so gemüthlichen Dorfkneipe doch sicherlich nun

und nimmer vermuthet.«

Herr von Gaulitz, dem die Jagd gehörte, hatte nämlich zu dieser,

der ersten Treibjagd in diesem Jahr, eine sehr große Schützenzahl

eingeladen, da die Aufhebung der Jagdgerechtigkeit zu nahe bevorstand,

um nicht wenigstens jetzt noch Alles todt zu schießen, was irgend

vorkam. An Schonen konnte gar kein Gedanke mehr sein, denn daß er, wie

_ihm_ die Bauern geneigt waren, die Jagd unter keiner Bedingung von

denen in Pacht bekam, und wenn er sie wirklich hätte außergewöhnlich

hoch bezahlen wollen, lag auf der Hand. Die Losung hieß daher, da auch

einige Stücken Holz sollten mit abgetrieben werden, »Rikke und Bock,«

und wenn Fasanen vorkamen, »Hahn und Henne.«

»Druff uf Alles was rauch is,« sagten die Bauern -- »ich wäre mich aber

hiten un en Reh schießen; die loofen mer gut genung bis zum nächsten

Jahre rim, un nachens han ich se sälber -- nur rächte Lecher machen.«[2]

[2]: »Löcher machen,« beim Treibjagen nicht die richtige Entfernung

von seinem Nebenmann halten, daß eine zu große Lücke oder ein _Loch_

entsteht.

Da es aber nun außer aller Frage war, daß der Herr Oberpostdirector von

Gaulitz eben die Sprößlinge altadliger Geschlechter mit den »Schützen«

-- die er nun doch einmal gezwungen war einzuladen, damit sein Treiben

nicht zu klein, und die Rehe und Hasen nicht verscheucht würden, ehe

nur einmal zum Eindrücken abgeblasen wäre -- nicht in eine und dieselbe

Stube sperren und mit einem und demselben Frühstücke versehen konnte, so

war der Wirth der Hornecker Schenke angewiesen worden, das gewöhnliche

Gastzimmer für die »Schützen und Treiber,« oder mit anderen Worten für

Alles, was zu Fuß oder in Droschken kam, und das _grüne_ Zimmer, zu

dem auch noch ein besonderer Eingang von außen führte, für die

»Herrschaften,« oder alles das, was in eigenen Equipagen oder zu

Pferde kam, herzurichten. In der Gaststube gab es dabei Eierbier,

Franzbrödchen, Bratwürste und richtigen Korn; in der grünen Stube

dagegen Wein, Caviar, Schweizerkäse, Franzbrödchen und Gänse- und

Schweinebraten.

Und vor der Thür standen die Treiberjungen in ihren abgerissenen Jacken

und Hosen -- denn zur Jagd wurde natürlich immer das Schlechteste

angezogen -- mit großen rauhgeschnittenen Stöcken in der Hand, die Hände

in die Jacken vorn gesteckt, und die schmutzigen Mützen bis über die

Ohren gezogen, und schauten sehnsüchtig hinein nach den wohlbesetzten

Tischen und zechenden Gästen, nach den lockenden Braten und gut

duftenden Würsten. O, was hätten sie d'rum gegeben, nur ein einziges

Mal so recht aus vollen Kräften und mit unbeschränkter Quantität

hineinbeißen zu dürfen in all' das Wonneausströmende -- nur ein einziges

Mal auch sich mit so fettigem Mund und Seligkeit strahlenden Zügen,

in der rechten Hand eine Gänsekeule, in der linken ein Glas blinkenden

Rothwein dastehen zu sehen, wie den kleinen dicken Mann in dem grünen

Rock und der flachen Mütze -- aber nein -- laufen durften Sie mit, und

Hasen schleppen -- angeschossenen nachjagen, bis sie nicht mehr konnten,

und Jagdtaschen tragen und Hunde führen, aber sonst brauchten sie nichts

-- das Stückchen Schwarzbrod, was sie in der Tasche trugen, war ihre

einzige Nahrung -- und auch das fror manchmal, wenn der Nordwind so

recht über die harten Sturzäcker und durch ihre dünnen Kleider pfiff

-- außerdem bekamen sie auch wohl noch einen Schnaps und fünf

Silbergroschen auf den Tag. --

Aber den Anblick hatten sie frei -- sie konnten doch wenigstens sehen,

wie der lange Herr da mit dem großen Schnurrbart und dem riesigen Muff

um den Leib, ein halbes Franzbrod nach dem anderen die unermüdliche

Kehle hinabsandte, und nur manchmal die Brod- und Fleischteller

verließ, um eine verhältnißmäßige und angemessene Quantität Flüssigkeit

nachzuspühlen -- oder jener beleibte Herr mit dem Pfaffengesicht --

nur ein Buchhändler aus der Residenz, aber Einer, der sich gern mit zur

»Aristokratie« zählte, oder sich wenigstens unter jeder Bedingung dazu

hielt -- unbestimmte Massen in zu diesem Zwecke besonders mitgebrachtes

Papier einwickelte, und --

»Wollt Ihr fort da, verdammte Jungen!« fuhr sie in dem Augenblick eine

grimme Baßstimme an, und die armen Teufel stoben wie Spreu vor einem

plötzlichen Sturmwind aus einander -- es war der Rittmeister von

Gaulitz, ein Vetter des Gutsherrn, der, einen wilden Blick um sich

herwerfend, und zornige Flüche dabei in den fuchsrothen Bart murmelnd,

aus der Thüre stolzirte, um sich draußen in frischer Luft von dem etwas

zu eifrig eingeladenen Frühstück ein wenig zu verschnaufen. Die Treiber

zogen sich etwas ängstlich vor der breitkräftigen Gestalt in

einen entfernteren Theil der Hausflur zurück, und die Thür zu den

»Herrschaften« wurde geschlossen.

Lebendiger und wo möglich noch weniger ceremoniell ging es in der

Gaststube zu, wo sich die eingeladenen Revierjäger aus der Umgegend,

die Bauern, Verwalter etc. etc. mit Amtsschreibern, Steuerbeamten,

Controleuren etc. etc. versammelt hatten, und zwischen ihnen durch die

Treiber mit ihren langen Stecken manchmal hin und herschritten, und

bald hier von dem einen Schnaps, bald von dem eine Tasse Eierbier

eingeschenkt bekamen.

Besonders um einen Tisch in der Mitte hatte sich eine muntere Gruppe

gebildet, deren Glanzpunkt ein kleiner wohlbeleibter Bauer mit rother,

in's bläuliche spielender und ungewöhnlich großer Nase war. Die kleine

dicke Gestalt sprudelte von einer Art trockenen Humors, und das ganze

Aussehen des Mannes gab jedem, was er sagte, etwas nur um so mehr, und

oft unwiderstehlich Komisches. Je öfter ihn die Umstehenden zu necken

suchten, mit desto schärferer Münze zahlte er sie zurück, bis das

Gespräch endlich ernster und ernster, und auch auf den jetzigen wie den

künftigen Zustand der Jagd gelenkt wurde.

»Nun Beukel, und was macht _Ihr_ denn, wenn Ihr die Jagd auf Eueren

eigenen Aeckern und Wiesen wirklich in Wald und Teich freibekommt,

schont Ihr?« frug den Bauer einer der Revierjäger.

»Nich 's Kalb im Mutterleibe« schwur Beukel und schlug mit der schweren

Hand donnernd auf dem Tisch -- »die Freude dauert doch am Ende

nicht lange -- und nachher ärgerte man sich erst recht, wenn man den

Großmüthigen gespielt hätte.«

»Na das wird eine schöne Aasjägerei werden -- nachher kann unser Einer

nur die Flinte an den Nagel hängen.«

»Habt sie auch lange genug auf fremder Leute Grund und Boden

herumgeschleppt« meinte Beukel -- »dem Bauer schmeckt sein Hase auch.«

»Daß er dran erstickte« murmelte der Jäger leise vor sich hin.

»Ne ne,« lachte aber der Bauer, der die kaum hörbaren Worte doch

verstanden hatte, »_der_ erstickt schon nicht dran, überhaupt wissen die

armen Leute jetzt noch gar nicht einmal, daß Hasenbraten gut schmeckt,

und es wäre doch recht schön, wenn sie das bei der Gelegenheit auch

einmal erführen.«

»Bei _der_ Gelegenheit nun schon nicht« sagte ein Förster, der hinter

Beukels Stuhl stand und seine Pfeife stopfte.

»Bei _der_ Gelegenheit nicht? -- und weshalb? Wenn der Gutsbesitzer

nicht mehr alle Hasen allein schießen darf, und die kleinen Leute auch

hinausgehn können, und ihr Stück Wild hereinholen, wirds da nicht etwa

besser für die Armen? -- die großen Herren haben ihnen doch wahrhaftig

bis jetzt auch Nichts geschenkt.«

Die Bauern, die um den Tisch herum standen, lachten, der Förster ließ

sich aber nicht irre machen und brummte dagegen:

»Die kleinen Herrn aber noch viel weniger und dann hat's mit der

Jagdfreiheit auch einen anderen Haken. Daß sie Einer den Andern auf dem

Felde todtschießen werden, wenn jeder mit seinem Kuhfuß draußen 'rum

laufen und knallen darf, versteht sich von selbst und ist jetzt auch

schon genug dagewesen, das schadet aber auch Nichts, _die_ Art Schützen

mag sich unter einander selbst aufreiben, und ordentliche Jäger werden

ihnen schon nicht zu nahe kommen, aber der _arme_ Mann ist gerade der,

der unter der Jagdfreiheit zu leiden hat -- nicht etwa die >großen

Herrn< wie sich's der Bauer immer auf allen Bierbänken rühmt.«

»Der arme Mann?« sagte Beukel erstaunt und drehte sich nach dem Förster

um, »na um die Erklärung gäb' ich auch ein Töpfchen Bier.« --

»Dem armen Mann thats wuhl guat, wenn de Raichen Hasenbraten fraßen?«

frug ein anderer dabei stehender Bauer lachend, und die Uebrigen

stimmten mit ein.

Pfarre und Schule: Eine Dorfgeschichte. Zweiter Band. · 第 10 / 12 段