beinahe in jedem sah Sr. Ehrwürden etwas zu tadeln und zu rügen, und nur
Einer -- ein Einziger fand Gnade vor seinen Augen, und dieser -- Hennig
konnte ein Lächeln, das sich auf seine Lippen stahl, kaum zurückhalten,
als der Herr Superintendent dem dümmsten Jungen seiner Klasse so
freundlich die runde apfelrothe Backe streichelte. Es war der älteste in
der Klasse, ein Bengel, der, trotz Ermahnungen und Schlagen, in seinem
dreizehnten Jahre kaum eine erkennbare, aus Nichts als Grundstrichen
bestehende Schrift schrieb, das aber gefiel dem frommen Herrn; er sah
darin eine feste männliche Hand, klopfte dem Jungen -- sein Vater
war zufällig der reichste Bauer in Horneck und stand mit dem Herrn
Superintendenten in ziemlich naher Geschäftsverbindung -- freundlich auf
die Schulter, und ermahnte ihn, in Fleiß und Eifer so fortzufahren wie
bisher, rrrrrrrrrrrrr.
Als dies beseitigt war, flüsterte der Pastor dem frommen Herrn etwas
in's Ohr, dieser nickte beifällig mit dem Kopfe, wandte sich dann an den
Schullehrer und sagte:
»Dürfte ich Sie bitten, Herr Hennig -- Ihr Buch -- ich wünschte eine
kleine Religionsstunde zu halten -- hm.«
»Wir haben heute Morgen schon Religionsunterricht --«
»Ich weiß es, ich weiß es -- bitte -- so schön -- hm.« --
Und der Herr Superintendent ließ sich, die Klemmbrille fest auf die
Nase gedrückt, hinter dem Katheder nieder, faltete die Hände über den
aufgeschlagenen Katechismus, warf einen andächtigen Blick zur getünchten
Decke empor -- hustete und räusperte sich und sprach dann mit weicher,
andächtiger Stimme:
»Betet, lieben Kinder -- Vater unser, der Du bist im Himmel --«
»Geheiliget werde Dein Name!« fiel das Chor, den gewonnenen Anlauf rasch
benutzend, ein, und das Gebet des Herrn sagten sie mit so richtigem
Ausdruck und so guter ruhiger Ordnung her, daß sich der Herr
Superintendent nicht erwehren konnte, einige Male beifällig mit dem
Kopfe zu nicken.
Nachdem dies beendet, ging er auf den Katechismus über, und that hier
die wunderlichsten Kreuz- und Querfragen, so daß die Schüler, in dem
Fach überdies nicht ganz fest, da Hennig es nicht für nöthig hielt, mit
dem Auswendiglernen einer Masse von Sprüchen zu quälen und zu ermüden,
anfingen, ängstlich zu ihrem Lehrer aufzuschauen und eins um's andere
mit Glanz feststaken. Die Stirn des Herrn Superintendenten umfinsterte
sich dabei mehr und mehr, auch der Herr Pastor schüttelte ein paar Mal
sehr bedenklich mit dem Kopfe und einem losbrechenden Unwetter wurde
wohl nur durch ein paar gute Antworten der ersten Mädchenklasse
vorgebeugt, von denen besonders die eine, des Wirths Tochter aus
Horneck, eine so fatale Rückfrage that, daß sich der Herr Pastor und der
Superintendent verlegen dabei ansahen, und rasch auf ein anderes Kapitel
übersprangen.
»Gott ist ewig!« sagte der Herr Superintendent und wandte sich damit an
einige Kleineren in der Klasse -- »wißt Ihr was das heißt -- Du da --
hm.«
»Er hat keenen Anfang gehabt,« sagte der, auf dem sein Blick ruhte,
indem er mit Zittern von seinem Sitze aufstand -- »so kann er auch kein
Ende haben, und was keinen Anfang und kein Ende nich hat, das ist ewig.«
»Gut -- hm,« nickte der fromme Herr und wandte sich gleich darauf mit
freundlichem Blick zu demselben, dessen Schreiben er vorher gelobt. --
»Nun sage mir einmal, Peter Schwelbe, wenn also Gott keinen Anfang
gehabt haben soll, wann ist er denn da eigentlich geboren?«
Der Junge sah stier und verdutzt vor sich hin, kratzte sich erst mit der
Rechten, dann mit der Linken in dem struppigen Kopf, wischte sich die
Nase mit dem Aermel, sah erst den Superintendenten und dann den Ofen an
und sagte endlich:
»Davon haben wir keene Kenntniß niche.«
»Sieh, lieber Schwelbe,« entgegnete darauf der Superintendent, ohne,
wie er das bei anderen Fragen gleich gethan, zu dem Nachbar überzugehn,
»wenn Gott gar keinen Anfang gehabt hat, was kann er denn auch also
nicht sein? --«
»Das wissen wir noch nicht!« erwiederte Peter abermals unerbittlich,
während sich die kleineren Jungen unter einander zuflüsterten:
»Geboren -- geboren -- geboren.«
»Geboren, Peter, geboren kann er nicht sein,« sagte der Herr
Superintendent und nickte dem Bengel wohlwollend zu, als ob _er_ die
Frage beantwortet habe. »Ah Du da -- hm -- der Nächste -- Du zeigst mir
wohl einmal Dein -- hm -- Dein Thema von der letzten Predigt -- komm,
schnell« -- und er streckte den Arm gegen den verdutzt dasitzenden
Jungen aus und winkte dazu mit den Fingern. »Nun? -- hm -- wird's bald
-- hm, rrrrrr?« wiederholten Sr. Ehrwürden, »ich habe doch deutlich
genug gesprochen -- Dein Thema rrrrr -- wo hast Du's?«
»Sie entschuldigen,« nahm sich hier Herr Hennig des Jungen an, »ich
lasse die Knaben das Thema in der Kirche nicht aufschreiben, weil --«
»Sie lassen das _Thema_ nicht aufschreiben, Herr Hennig, rrrrrrrr?«
sagte, sich in unbegrenztem Erstaunen nach ihm umwendend, der fromme
Herr -- »Sie lassen das Thema nicht aufschreiben? rrrrr.«
»Ich habe gefunden, daß --«
»Ich bitte, daß Sie _gar_ Nichts finden -- hm -- Herr Hennig, rrrrrr« --
unterbrach ihn aber mit scharf verweisender Stimme der Superintendent --
»gar Nichts finden, hm -- rrrrrrrr -- sondern den von mir -- hm --
von mir verordneten Regeln -- ja Regeln rrrrr -- folgen, wie sie Ihnen
vorgeschrieben sind rrrrr. -- Ich hoffe, daß ich das nächste Mal ein
Thema finde, Herr Hennig -- rrrrrr -- hm -- hm -- daß ich das nächste
Mal ein Thema finde rrrrrrrr.«
Der Superintendent schwieg einen Augenblick und sah mit etwas erhitztem
Angesicht die ängstlich dasitzenden Knaben an, endlich wandte er sich
wieder an den, von dem er das Thema zuerst gefordert und sagte:
»Also weißt Du auch gar nicht, was gestern gepredigt worden ist? rrrrr
und«
»O ja,« fiel der Junge, der sich hier auf festem Grunde wußte ein --
»das weeß ich!«
»So? -- hm -- und was? hm -- wenn man fragen darf rrrr?«
»Wie viel es nütze,« sagte der Knabe, einer der besten Köpfe in der
Klasse -- »wenn wir den Ausspruch des Gamaliels, Apostelgeschichte 5,
34-42. >Menschenwerk vergeht, Gotteswerk besteht< zu unseren Grundsätzen
nehmen.
=a.= dann werden wir vielen Zweifeln entgehn.
=b.= wir werden uns vor so manchen verkehrten Urtheilen bewahren.
=c.= wir werden unsere Tugend vor vielen Gefahren schützen.«
»Hm -- gut -- hm -- gut geantwortet,« sagte der Herr Superintendent,
vielleicht nicht einmal ganz zufrieden, bei dieser Gelegenheit keinen
weiteren Anlaß zum Tadel gefunden zu haben. Die übrigen Knaben, die
er frug, waren übrigens fast eben so taktfest und er begann jetzt,
biblische Sprüche zu examiniren, von denen ihm die Kinder immer gleich
aus dem Kopfe die Quellen angeben mußten. Hierin fand er sie ebenfalls
wieder nicht besonders geübt, denn Hennig hielt es für nützlicher,
seinen Zöglingen den Sinn der Sprüche als den Ort, wo sie in der
Bibel standen, einzuprägen, der Herr Superintendent waren aber anderer
Meinung, fuhren jetzt die Kreuz und Quer im alten und neuen Testament
herum und citirte und tadelte so lange, bis zufällig ein kleiner
Bursche aus einer Ecke heraus einen der von dem gestrengen Examinator
angegebenen Sprüche nachschlug und augenblicklich triumphirend --
natürlich aber in aller Unschuld, verkündete, daß der bezeichnete Spruch
nicht da -- sondern da und da zu finden wäre.
Die Knaben flüsterten unter einander, der Herr Superintendent aber, der
sich nicht wenig ärgerte, hier eine so fatale Blöße gegeben zu haben,
und den Eindruck doch gern verwischen wollte, ging rasch auf die
biblische Geschichte über, in der er sehr bewandert war, und sogar ohne
Buch die Fragen scharfsinnig genug stellen konnte, um selbst den Pastor
und Schulmeister, worauf es jetzt besonders angelegt war, in Erstaunen
zu setzen. Zu seiner Ueberraschung fand er die Kinder jedoch darin viel
fester als er erwartet, und bekam ganz gute Antworten. Das böse Geschick
trieb ihn jedoch, mit unerbittlicher Strenge gerade auf _einen_ Punkt
hin, an dem er scheitern _mußte_ -- ein unglücklicher Zufall brachte
ihm die Familie Noah auf die Lippen und kaum war die Frage heraus,
wer Japhets Vater gewesen, als die ganze Classe in ein unwiderstehlich
schallendes Gelächter ausbrach.
Der Herr Superintendent stand erstaunt und schoß dabei einen so
strengen, Unheil kündenden Seitenblick auf den Lehrer _dieser_ Schule,
daß Hennig, wäre er von anderem Stoff als er gerade war, gewesen,
jedenfalls hätte in die Erde sinken müssen, so aber biß er selbst, das
Komische des ganzen Auftritts mehr, als irgend einen bedeutungsvollen
Ernst fühlend, die Lippen zusammen und sah still vor sich nieder.
Der Pastor glich einer Statue stummen Entsetzens, und stand da, wie wenn
der Himmel sich jetzt wirklich unmittelbar genöthigt sehen würde, auf
sie alle herunterzukommen, und mit Mann und Maus in der Schulstube
zusammen zu quetschen und zu begraben.
»Herr Hennig,« brach sich da endlich der bis jetzt nur allem Anschein
nach, durch seine Ueberraschung zurückgehaltene Zorn und Unwille des
frommen Herrn die Bahn, und damit auch eine Pause, in der selbst die
ausgelassensten der Schuljugend das fürchterliche Vergehen, dessen sie
sich schuldig gemacht, zu begreifen anfingen, und still und verlegen,
bald den Herrn Pastor, bald ihren Lehrer anschauten. »Herr Hennig --
dürft ich _Sie_ vielleicht um eine Erklärung dieses Auftritts, rrrrrrr
-- an dem Sie sich selbst, wie mir fast vorkommen will, zu ergötzen
scheinen, _ersuchen_ rrrrrrrrrr?« -- und er sprach das letzte Wort mit
einem so beißenden Nachdruck, daß Hennig bald merken mußte, in wie hohem
Grade sein mächtiger Vorgesetzter über ihn erbittert sei.
»Herr Superintendent,« nahm er deshalb um nicht selber noch muthwillig
den Groll zu erhöhen, das Wort, »die Kinder sind ungezogen gewesen,
während des Religionsunterrichtes zu lachen, gerade heute und bei
dieser Frage würden Sie es aber auch entschuldigen, wenn Sie den
»Verstandesübungen« mit beigewohnt hätten, wo Einer von den Kleineren
eine, ebenfalls sich auf Noah beziehende Frage so komisch beantwortete,
daß wir Alle lachen mußten. -- Die neue Nennung des Namens ruft dies
jetzt in das Gedächtniß der Kinder zurück, und es ist wohl natürlich,
daß sie dabei nicht ernsthaft bleiben konnten; kam mir doch selbst das
Lachen an, und mußte ich mir Mühe geben, es zu unterdrücken.«
»Das ist recht hübsch von Ihnen, Herr Hennig, sehr hübsch, Herr Hennig
-- rrrrrr -- und Sie mögen das, wie ich gar nicht bezweifeln will --
wenn Sie allein mit den Kindern sind, Herr Hennig rrrrrrrr, auch so
halten -- obgleich es mir -- der guten Sache wegen, versteht sich,
eigentlich lieber wäre, wenn es _nicht_ geschähe -- rrrrrr -- in meiner
Gegenwart aber, und in den wenigen Minuten, die ich hier in Ihrer
Schulstube gegenwärtig bin, rrrr, möcht' ich mir das in Zukunft
höflichst verbeten haben, Herr Hennig -- rrrrrrrrrr.«
»Herr Superintendent, ich versichere Sie --«
»Und noch außerdem möchte ich Ihnen bemerken, Herr Hennig, daß ich in
Ihrer Classe überhaupt, und mit großem Misfallen eine Unaufmerksamkeit
finden muß, die nie, am allerwenigsten aber in einem Religionsunterricht
statt finden sollte -- rrrrrrr.« --
»Herr Superintendent --«
»Wir haben noch keine Emancipation, Herr Hennig, rrrr« -- unterbrach ihn
der fromme Herr, der fest entschlossen schien, den Schullehrer gar
nicht zu Worte kommen zu lassen, »auf's Neue wir haben noch keine
Emancipation, sage ich Ihnen, und es thut mir ungemein leid, rrrrrr
-- Nichts günstigeres über Sie und die Ihnen anvertraute Schule an
ein hohes Consistorium berichten zu können -- wir haben noch keine
Emancipation, Herr Hennig rrrrrrrrrrr.«
»Wollte Gott wir hätten sie, Herr Superintendent,« fiel ihm aber jetzt
Hennig, dem das Blut auch überzuwallen begann, vor all den Kindern so
unwürdig behandelt zu werden, in's Wort -- »dann hätte dieser Auftritt,
der nur bestimmt zu sein scheint, den Lehrer um die Achtung der Kinder
zu bringen, nie und nimmer statt finden können. --«
»Herr Hennig!« riefen der Herr Superintendent und der Herr Pastor in
einem Chor, voll starren staunenden Entsetzens. --
»Wollte Gott wir hätten sie« wiederholte aber, jetzt von seinen Gefühlen
ganz hingerissen und bewältigt, und unbekümmert um irgend einen der
Vorgesetzten, der junge Mann, »daß der Geist des Lehrers frei und
stark die von ihm erfaßte Bahn festhalten und verfolgen könnte, und
segensreich auf das Schicksal seiner ihm anvertrauten Zöglinge, auf das
Schicksal künftiger Geschlechter einwirken _dürfte_ -- kein Heil ist für
Deutschland zu erwarten, so lange der Lehrer unter die Oberaufsicht von
Leuten _erniedrigt_ wird, die vom Schulwesen Nichts verstehn, und sich
doch ein Urtheil über ihn anmaßen, und in deren Händen es noch überdieß
liegt durch heimliche Conduitenlisten den so schon genug Unterdrückten
noch gänzlich zu verderben, indem sie Beschuldigungen auf ihn
häufen, oder ihn durch Anklagen verdächtigen, gegen die er sich nicht
vertheidigen kann, weil er sie nicht einmal erfährt, und erst in ihrer
verderblichen Wirkung kennen lernt.« --
»Herr Hennig rrrrrrr« -- riefen aber jetzt der Herr Superintendent, der
in seinem Grimm und Staunen bald roth und bald blaß geworden war, und
dem _also_ Aufgeregten, der nicht einmal seinen Stand mehr achtete, und
es, mit einer Kühnheit, die _ihm_ beispiellos dastand, wagte, vor der
ganzen Schule in solcher Art gegen ihn aufzutreten, auch am Ende gar
noch etwas Schlimmeres -- vielleicht gar Thätlichkeiten zutraute --
»Herr Hennig, rrrrrrr -- wir werden uns rrrrrrrr -- wir werden uns
wieder sprechen, rrrrrrrrr -- 'pfehle mich Ihnen Herr Hennig --
rrrrrrrrr -- 'pfehle mich Ihnen Herr Hennig -- rrrrrrrrrrrrr.«
Durch den Schwarm der ängstlich und schnell Raum gebenden Knaben brach
er sich Bahn, und verließ, von dem Pastor gefolgt, rasch die Schule. --
Etwa hundert Schritt von deren Thür entfernt, hielt sein Wagen, denn er
war mit Willen nicht ganz vorgefahren, um den Lehrer besser überraschen
zu können. Nach einigen, mit Pastor Scheidler nur noch flüchtig
gewechselten Worten, stieg er ein, rief dem Kutscher den Namen des
Orts zu, den er besuchen wollte, und rollte gleich darauf, von den
neugierigen Blicken der Dorfbewohner verfolgt, den Weg entlang, der auf
das nur etwa anderthalb Stunden entfernte Bachstetten zuführte.
Hennig war indessen, die sich schüchtern zusammendrängenden Kinder
nicht weiter betrachtend, in dem engen Raum, der ihm vor den Bänken frei
blieb, mit raschen Schritten und verschränkten Armen auf und abgegangen,
als sich die Thür wieder öffnete, und Pastor Scheidler noch einmal
herein trat. Er blieb jedoch auf der Schwelle stehn und als Hennig zu
ihm auf, und die Kinder nach ihm umschauten -- sagte er zu diesen mit
freundlicherer Stimme als sie es vielleicht erwartet:
»Ihr könnt zu Hause gehn -- es wird gleich zwölf schlagen -- haltet
hübsch Ordnung.«
Still und geräuschlos glitten Knaben und Mädchen, denen es anfing
unheimlich in dem Raum zu werden, an ihm vorüber, ins Freie hinaus und
der Pastor wandte sich, als auch der Letzte das Zimmer verlassen, mit
wohl ernsten, aber nichtsdestoweniger herzlichen Worten an den gereizten
jungen Mann, der im Anfang schon eine zweite Strafpredigt erwartet
hatte, und -- jedes eigene Interesse hintenansetzend, fest entschlossen
schien, sich keiner gewaltigen Hand mehr zu beugen, jetzt aber, durch
die freundliche Stimme erst überrascht, bewegt wurde -- einen Augenblick
schwieg und dann, ihre sonstige Stellung ganz vergessend, des Pastors
Hand ergriff und mit leiser, fast bittender Stimme sagte:
»Sein Sie mir nicht böse, Herr Pastor, daß ich mich eben von meiner
Heftigkeit so hinreißen ließ, gegen den Herrn Superintendenten so harte
Worte auszustoßen. Ich will allerdings nicht leugnen, daß sie ernstlich
gemeint waren, ich müßte sonst, wollte ich das, mein eignes Selbst mit
abschwören, aber sie sollten den alten Herrn nicht beleidigen, und ich
fürchte fast, daß das geschehen ist -- darf ich auf Ihre Güte rechnen,
darin ein freundliches Wort für mich einzulegen?«
»Lieber Hennig,« erwiederte ihm hierauf der Pastor -- »Sie haben ein
Versehen gemacht, das Ihnen, fürchte ich, nicht so leicht vergeben
werden wird, als Sie jetzt zu denken scheinen -- der Herr Superintendent
fuhr in äußerster Entrüstung fort, und -- es thut mir leid, es sagen zu
müssen -- er hatte in der That recht.«
»Herr Pastor.«
»Ja ja, lieber Hennig, ich habe sonst, wie Sie recht gut wissen, nur
sehr wenig gegen die Art einzuwenden, wie Sie Ihre Schule halten
-- _gar_ nichts dabei gegen Ihren eignen Fleiß und Eifer, die
Unaufmerksamkeit Ihrer Classe war aber heute wirklich auffallend, und
ich kann es dem Herrn Superintendenten gar nicht verdenken, daß er ein
paar tadelnde Worte darüber sprach, ja ich glaube, es ist sogar, was er
gethan, nur seine Pflicht und Schuldigkeit gewesen.«
»Herr Pastor,« nahm da Hennig ernst und ruhig das Wort, »ich glaube,
daß Sie es gut mit der Schule -- und auch mit _mir_ meinen; ich will es
wenigstens hoffen, denn ich habe gerade Ihnen noch nie Gelegenheit zum
Gegentheil gegeben. Das Herz in der Brust thut Einem aber weh, wenn
man sich nun das ganze Jahr in der Schule müht und quält, seine besten
Kräfte, seine besten Lebensjahre daran wendet, etwas Tüchtiges und
Ordentliches aus den Kindern zu ziehen -- wenn man den richtigen
Saamen in ihre Seele gelegt, und dafür auch deren leiseste fernste
Seelen_kräfte_ kennen gelernt hat, und nun einen Mann hereinkommen
sieht, den Gott -- Sie verzeihen mir den Ausdruck -- zufällig zum
Superintendenten gemacht, der von der Schule nur wenig, von der
Behandlung der Kinder gar Nichts versteht, seine eigenen selbstsüchtigen
Ansichten mit herein bringt, überall anstößt, von den Kindern heimlich
ausgelacht wird, da sie, bei den Blößen, die er giebt, bald durchschauen
müssen, was eigentlich hinter ihm steckt, und der denn doch Macht
und Gewalt genug hat, gerade den, den die Schüler am höchsten achten
sollten, ihren Lehrer, in den Staub nieder zu treten und zu vernichten.
Gerade der _Uebermuth_, Herr Pastor, ist es, der endlich selbst einem
armen Dorfschulmeister hat den Nacken heben, und das unerträgliche Joch
fühlen lassen, und _das muß_ abgeschüttelt werden, Herr Pastor, oder
nicht allein _wir_, das wäre das wenigste, und Deutschland brauchte
nicht zu trauern, nein, die ganze künftige Generation geht zu Grunde,
und muß zu Grunde gehen. Der Fluch komme dann auf die Häupter derer, die
es verschuldet.«
»Daß die Kinder unaufmerksam wurden,« fuhr er nach einer Pause von
wenigen Secunden fort, »ist kein Wunder -- sie waren abgespannt -- der
Religionsunterricht vorher, dann die Verstandesübungen, dann wieder
Religionsunterricht, wo soll da die Aufmerksamkeit herkommen? Danach
aber fragt der Superintendent nicht -- wie sein Wort die Dienste des
Lehrers fesseln kann, glaubt er auch den Geist der Kinder in der Hand
zu haben; der aber ist leicht und fröhlich, und wenn ihn die Krause auch
schrecken kann, fassen und unterdrücken wird sie ihn nur langsam und
nur -- nach einem systematischen Mordplan -- dem er endlich unterliegen
muß.«
»Sie gebrauchen etwas starke Ausdrücke, lieber Hennig, aber ich will
das Ihrer jetzigen Aufregung zu Gute halten, und Ihnen einen Vorschlag
machen, der vielleicht nicht allein die ganze eben vorgefallene
Geschichte mit dem Herrn Superintendenten, und zwar selbst bei diesem
in Vergessenheit bringt, sondern Ihnen auch von wesentlichem Nutzen sein
kann. Ich wenigstens weiß nichts auf der Welt, was ich Ihnen abschlagen
könnte, wenn Sie nur dieß eine Mal diesem, meinem Rathe folgen wollten.«
»Und der wäre?« sagte Hennig aufmerksam werdend und gespannt -- »ich
habe doch sonst in allen Stücken, Herr Pastor, gerade Ihrem Rathe so
gern und willig Folge geleistet.«
»Ja -- allerdings -- in _fast_ allen Stücken -- nur in dem einen nicht,
und doch könnte gerade dieses eben jetzt die Folge recht böser und
unangenehmer Folgen für Sie sein -- Sie verstehen was ich meine?«
Der Lehrer nickte traurig und schweigend mit dem Kopfe, und sagte
endlich, nachdem er lange und sinnend vor sich niedergestarrt:
»Aus dem Herzen soll ich all' meine Hoffnung, mein festes heiliges
Vertrauen auf eine Zukunft reißen, elend und arm soll ich, mich selbst
verachtend, dastehen in der Welt, und -- dafür wollen Sie ein hastig
gesprochenes Wort vergessen, und mir wieder gnädige -- _Herren_ sein.«
»Herr Hennig!«
»Zürnen Sie mir nicht, Herr Pastor, daß ich nicht anders handle, als ich
es eben thue -- wäre ich _hier_ schwankend, wer bürgte Ihnen dann dafür,
daß ich in meinem Eifer, in meiner Liebe zu den mir anvertrauten
Kindern nicht auch schwankend würde? Lassen Sie mich auf meiner Bahn
fortschreiten, und Alles über mich ergehen, was da ergehen soll -- ich
fürchte überdieß, daß ich den Leidenskelch noch nicht _geleert_. -- Mag
der Herr Superintendent sein Aeußerstes thun, was jedenfalls geschehen
wird, wenn ich ihm nicht morgen spätestens zu Füßen falle und um
Verzeihung bitte -- mag er die Blitze des Consistoriums auf mich herab
beschwören, ich bleibe meinen Ansichten treu, und gerade _Sie_, Herr
Pastor, zu dessen _besten_ Eigenschaften seltne Charakterfestigkeit
gehört, werden mir darüber am wenigsten zürnen dürfen.«
»Ich weiß nicht recht,« sagte der geistliche Herr, keinesfalls mit
dem Resultat zufrieden, und halb verlegen lächelnd, »ob die >beste
Eigenschaft< eine Schmeichelei oder eine -- Grobheit für mich sein soll,
will sie jedoch im besten Sinne nehmen. Damit kommen Sie übrigens nicht
durch, Hennig -- damit kommen Sie nicht durch. -- Wenn ein vernünftiger
Mensch mit dem Kopfe absolut durch eine Wand fahren will, so prüft
er wenigstens vorher, ob sie aus Stein oder Lehm besteht, und ist
das erstere der Fall, so giebt er es auf -- oder er ist eben kein
vernünftiger Mann mehr. Sie, lieber Hennig, wollen mit dem Kopfe durch
eine solide Steinwand brechen, erlauben Sie mir aber die Bemerkung, daß
der Stein doch noch etwas härter ist, als Ihr Kopf, und das Resultat
kann da, nach allen Gesetzen der gesunden Vernunft, auch nicht im
Mindesten mehr zweifelhaft sein. Ich meine es gut mit Ihnen, und würde
Ihre Beförderung zu einer besseren Stelle mit Freuden gesehen haben,
stoßen Sie aber jede Hand, die Ihnen Hülfe bietet, gewaltsam von sich,
so wundern Sie sich auch nicht, wenn sich Ihr Schicksal, wenigstens
nicht in nächster Zeit so günstig gestalten sollte, als Sie es
vielleicht wünschen. Ich will Sie jetzt mit Ihren Gedanken allein lassen
-- überlegen Sie sich noch einmal, was ich Ihnen gesagt -- auch nicht
einmal ein Zugeständniß verlange ich dann von Ihnen, nur Ihr Betragen,
nur Ihre ganze Handlungsweise mag mir in nächster Zeit beweisen, ob
Sie zur Vernunft gekommen sind, ob Sie den Versuch mit der Mauer noch
wirklich machen wollen.«
Er verließ die Schule, und Hennig stand in dem öden, leeren Raum allein.
Zehntes Kapitel.
Die Verabredung.
Der Abend brach an, die Sonne sank hinter den glühenden Gipfeln der
Bäume in ihr rosenbestreutes Bett und hier und da funkelte einer
der klaren blitzenden Sterne nach dem andern von dem mattblauen
Himmelsgewölbe nieder.
Auf dem Hofe des Rittergutes zu Horneck sah es ziemlich still und leer
aus, die Knechte waren noch in der Schenke oben, oder saßen in der
Gesindestube -- die Mägde melkten die Kühe, um recht bald fertig zu
sein, und den Tanz nachher nicht zu versäumen, und die Brennerei und
andere Gebäude standen fest verschlossen. Nur im Zimmer der Herrschaft
brannte helles Licht und eine laute Stimme schallte manchmal von
dort herüber über den stillen Hof, daß Eines oder das andere vom
vorübergehenden Gesinde wohl einen Augenblick stehen blieb, zuhorchte,
dann mit dem Kopfe schüttelte und weiter ging.
Die breite steinerne Treppe, die, von zwei Seiten und in der Mitte
zusammenlaufend, zur Eingangsthüre der herrschaftlichen Wohnung
hinaufführte, stieg jetzt ein Mann hinauf, der wohl schon eine
Viertelstunde unten im Schatten der Kastanien gestanden und der Stimme
gelauscht hatte. Er blieb auch auf den Stufen noch einige Male stehen,
und schien überhaupt gar nicht so recht entschlossen, ob er weiter gehen
oder vielleicht gar lieber wieder umkehren solle. Endlich entschied er
sich aber doch wohl für das erstere, sprang schnell die noch wenigen
Stufen hinauf, öffnete rasch die Thüre und sah gerade wie von dem
Schlüsselloch links -- nach derselben Stube hinein, aus der das laute
Sprechen tönte, eine dunkle Gestalt blitzesschnell zurück und der in die
Gesindestuben niederlaufenden Treppe zufuhr.