»Glaub' es,« tönte die fröhliche Antwort, »denn es kommt mir selbst

überraschend genug, und so will ich es Ihnen denn rund heraus und

einfach sagen, aber -- vorher die Hand darauf, Sie sprechen zu keinem

Menschen mit einer Sterbenssylbe davon?«

Marie reichte ihr schweigend die Hand.

»Nun denn, wissen Sie, was ich bin? -- Ich bin Braut -- nun Herr Gott,

was erschrecken Sie denn so, das ist doch Nichts so Erschreckliches?«

»Nein -- in der That nicht,« erwiederte Marie mit erzwungenem Lächeln

-- »da wünsche ich -- wünsche ich Ihnen recht herzliches Glück -- recht

herzlichen Segen. Aber -- mit wem?«

»Mit wem? nun mit Wahlert --«

»O!« rief Marie, und sprang rasch nach dem Fenster, an dessen Gesims sie

sich festhielt.

»Was ist da?« frug Sophie und folgte ihr -- »was gab es da?«

»Das Kind dort -- wäre -- wäre beinahe unter den Wagen gekommen --

das unvorsichtige,« sagte Marie und deutete, während es sich wie ein

schwarzer Flor um ihre Augen zog, nach der Straße hinunter.

»Welches? Der Knabe da?« frug erstaunt Sophie -- »nun seh' Einer den

kleinen kecken Kerl an, da steht er noch ganz ruhig und schaut hinter

dem Wagen her, als ob gar Nichts vorgefallen wäre -- aber ich habe Ihr

Versprechen, Marie?«

»Ich will schweigen wie das Grab,« erwiederte die Arme.

»Aber nur nicht so ernst -- der Brautstand ist eine fröhliche Zeit,

und da muß man auch fröhliche Gesichter um sich haben. Also mit meinem

Brautkleide lassen Sie mich nicht sitzen, morgen komm ich wieder

herunter und da wollen wir das Nähere darüber besprechen -- oder Sie

kommen zu mir herauf. -- Ach ja, liebe Marie -- nicht wahr Sie kommen?

Sie haben den Doctor Wahlert ja auch schon früher gesehen und sich

selbst für ihn interessirt, weil er die Rechte des armen Mannes so

vertrat.«

»Aber Wahlert,« sagte Marie endlich gesammelt, und mit fester, jedoch

noch immer leiser, fast furchtsamer Stimme, als ob sie sich scheue,

selbst den Namen des, ach so heiß geliebten Mannes auszusprechen --

»Doctor Wahlert war ja von seinem Vater, dem Generalsuperintendenten,

verstossen -- der Vater hatte sich losgesagt von dem Sohne, und wollte

ihn nicht wiedersehen, bis er seine politische Meinung geändert habe,

und _hat_ er das gethan?«

»Ei bewahre, mein liebes Kind,« erwiederte ihr freundlich Sophie, »das

thut er nie, doch müde ist er geworden des nutzlosen Ankämpfens gegen

Menschen, die, wie er uns gestern sagte, aus ihren Schreibstuben

heraus oder hinter der Hobelbank vorgesprungen sind, und nun blind in's

Geschirr hinein politisiren, und alle befehlen, aber keiner gehorchen

wolle -- müde ist er's, für ein Volk zu kämpfen, das nicht einmal selbst

den eignen Arm zu seinem Schutze erheben will und in einem kleinen Theil

ihn unterstützt, in einem anderen ihn anfeindet. Ja seine eignen Freunde

sind gegen ihn aufgetreten, weil er nicht die Republik mit Bürgerblut

beginnen wollte, sondern sie auf den Volkswillen zu gründen strebte. Er

wird ganz traurig, wenn er nur von unseren Verhältnissen reden hört, und

will jetzt nach Amerika auswandern.«

»Nach Amerika,« flüsterte leise Marie.

»Sein Vater hat ihm selber den Vorschlag gemacht, den er mit Freuden

ergriff -- denken Sie sich nur, Marie -- ich gehe mit nach Amerika --

hätten _Sie_ dazu den Muth?«

Marie konnte sich nicht mehr helfen, sie barg das Antlitz in den Händen

und lehnte sich, um nicht zu stürzen, an das Fensterbret.

»Nun _so_ fürchterlich ist es auch nicht auf der See,« lachte aber

Sophie, die in ihrer Fröhlichkeit die Bewegung des armen Mädchens, das

sie unbewußt mit furchtbaren Martern quälte, gar nicht verstand -- »aber

ich stehe hier und plaudere, wo ich schon lange wieder oben sein sollte,

sein Sie nicht böse, Marie -- aber lieber Himmel, Sie sind wirklich

krank -- sehn Sie nur, wie blaß -- nein ich schicke Ihnen das Kleid

herunter, und dann schneiden wir es hier zusammen zu. Adieu Marie -- auf

ein frohes Wiedersehn.«

Sie sprang, noch einen Gruß zurückwinkend, die steile dunkle Treppe

flüchtig hinab, und Marie blieb in dem kalten leeren Gemach still und

allein zurück.

Neuntes Kapitel.

Die Schulvisitation.

Die erste Morgen- und Religionsstunde des Freitag Vormittags war eben

vorüber, die Kinder bekamen eine kurze Rastzeit verstattet, um sich

erst ein wenig zu sammeln, und die untere Klasse mußte dann in dem einen

Theil der Stube still und ruhig auf ihren Plätzen sitzen und

zuhören, während der Lehrer mit der ersten seinen zweiten Unterricht,

Verstandesübungen, vornahm. Hennig brachte diese Stunde stets nach dem

Religionsunterricht, da er diesem, den Schulgesetzen zu Folge, eine

volle Stunde zu widmen verpflichtet war, Kinder aber, die noch das

eigentliche Wesen Gottes -- das wenn wir ihn, den Allliebenden, erst

einmal im eigenen Herzen erkennen lernen, uns mit einem so heiligen,

süßen aber auch stolzen Gefühl durchschauert -- nicht selbst begreifen

und empfinden können, sondern nur dadurch in einer gewissen Scheu und

Ehrfurcht gehalten werden, daß man ihnen sagt, Gott habe sie erschaffen

und sähe Alles was sie Gutes und Uebles thäten, fühlen darin allerdings,

sobald ihnen die Gottheit vorgeführt wird, und die Aufforderung zum

Gebet zu ihm den Allmächtigen an sie ergeht, einen gewissen Reiz, ja

ich will sogar zugeben, ein ahnungsvolles Leben -- eine volle Stunde ist

aber der Lehrer wohl selten im Stande, sie aufmerksam und gespannt auf

das zu erhalten, was sie immer nur _glauben_, nie _begreifen_ können,

und der zu sehr erregte Geist erschlafft.

Zweckmäßig dennoch dünkte ihm eine freiere Unterrichtsstunde, auf die

sich die Kinder jedesmal freuten, und der sie sich mit aller Liebe und

Aufmerksamkeit hingaben. Hennig sprach hierin nämlich von allerlei, was

entweder aus Geschichte und Geographie zufällig zur Sprache kam,

oder sonst in das wirkliche Leben eingriff, und that dann Kreuz- und

Querfragen an die Kinder, die sie ihm nach besten Kräften beantworten

mußten. Allerdings kam da oft wunderliches Zeug genug zur Sprache,

denn viele der Knaben waren mit einer so hartnäckigen und fabelhaften

Dummheit gesegnet, daß, wenn nur irgend Wahrheit in Sprichwörtern liegt,

ihnen ihr künftiges Glück in der Welt gar nicht hätte entgehen können;

oft lag aber auch ein tiefer, ich möchte sagen instinktartiger Sinn in

anscheinend verkehrten Antworten, und anstatt dann, wenn sie nicht auf

die Fragen paßten, darüber hinzugehn, wie das leider fast stets von

den Schullehrern geschieht, ging er vielmehr selbst auf die Sache ein,

forschte nach der Ursache, die den Knaben zu solcher Antwort geführt und

berichtigte oder ermunterte, wie es nun gerade der Fall verlangte.

Eine Störung trat übrigens, gerade vor dem Beginn der Stunde ein, ein

Bauer trat in die Schulstube, und schleppte seinen Jungen, einen dicken,

runden, schmutzigen, vierschrötigen, blondhaarigen und blauäugigen,

etwa fünf Jahr alten Bengel, der sich verschämt und ängstlich an seine

Rockschöße klammerte, und mit Händen und Füßen gegen jede Bildung

und Cultur auf das Entschiedenste anstrampelte, hinter sich her zum

Schulmeister hin, faßte seinen Jungen ohne weitere Umstände beim Kragen,

stellte ihn mit dem verdrossenen und verweinten Gesicht ruhig vor den

Schulmeister hin und sagte:

»Hiar, Schulmeester -- hiar bring ich main Aelsten, der Bängel hat

sich schonst lange gäwinscht in die Schule zu kummen -- macht mer was

Gescheit's aus'em -- ufgenummen hat'en der Herr Paster schunst -- er is

nur noch en Bischen verschreckt.«

»Schon gut, Schönel« sagte Hennig, »ich will mein Bestes versuchen --

komm Kind, fürchte Dich nicht, es geschieht Dir Nichts -- sei brav

und setze Dich da drüben auf die Bank -- komm -- sieh mir einmal in's

Gesicht.«

»Ich will aber niche!« heulte der Junge.

Die anderen lachten. --

»S'is en Wetterbängel« grinste der Vater, und freute sich

augenscheinlich über die Charakterfestigkeit seines Sohnes -- »kumm,

Gottlob -- stiah uff sunst krichste 'ne Schälle, daß de Dich rimm und

rimm driahst.«

Gottlob schien sich jedoch auf seine Unverletzlichkeit zu verlassen,

er zog, da er doch mit einem Beine, seines Schwerpunktes wegen, auf der

Erde bleiben mußte, das andere bis ans Knie herauf, drückte sich selber,

so weit die breite Faust seines Vaters das zuließ, hinunter, und deckte

sich das Gesicht mit dem linken Arm und Ellenbogen.

»Kriate!« sagte sein Vater und hielt die angedrohte Schelle, der sein

Sohn auch nicht die mindeste Blöße gab, zurück, schüttelte denselben

aber mit solcher Kraft, daß ihm alle Glieder am Leibe zitterten, und

in diesem Augenblick wirklich nur noch die engen drallen Kleider, die

lederne Hose und blaue Jacke, die kleinen Gelenke zusammen zu halten

schienen. Gottlob mußte übrigens an derlei Behandlung schon gewöhnt

sein, denn er verblieb, wie aus Blei gegossen in seiner Stellung, und

biß nur die Zähne recht fest auf einander, als ob er fürchtete, daß ihm

die aus dem Munde fliegen könnten. Hennig legte sich endlich ins Mittel,

nahm den Jungen seinem väterlichen Freund und Schützer ab, und trug ihn

mehr als er ihn führte auf eine Bank. Dort setzte er ihn hin, redete ihm

zu, ein guter Junge und hübsch artig zu sein, und versicherte ihn, daß

er in dem Fall auch nicht das Mindeste von ihm zu fürchten habe.

»So is's rächt, Schulmeester,« sagte der Bauer, und schaute wohlgefällig

auf seinen heulend dasitzenden Jungen hin -- »er werd sich's schonst

märken, denn _Märks_ hot er,« und er machte dabei die Bewegung einer

Maulschelle, ging dann auf seinen Zögling zu, drückte ihm ein riesiges

Butterbrod, das er eingewickelt in der Rocktasche getragen, in die Hand,

klopfte ihm freundlich auf den Kopf, versprach ihm auf den Mittag Klöse,

wobei die übrigen Jungen einen neidischen Blick auf den Glücklichen

warfen, und verließ das Zimmer.

Gottlob blieb von da an still und regungslos, aber auch ohne den Kopf

aus dem Arm zu nehmen, auf seinem Platz sitzen, und Hennig ließ das

gern geschehen, da er sich doch erst, wie er meinte, an die _Schulluft_

gewöhnen müsse.

Die bis dahin durch diese Unterbrechung gestörte Stunde begann jetzt

damit, daß der Lehrer einige Fragen aus der biblischen Geschichte an die

Ersten der Klasse that, und sie darauf hinzuleiten suchte, wie Manches,

was uns jetzt sonderbar oder vielleicht lächerlich in den alten

Gebräuchen und Handlungen vorkomme, durch damalige Verhältnisse bedingt,

und dem dortigen Land und Klima anpassend gewesen wäre. Die Antworten,

die er freilich manchmal auf seine Fragen erhielt, lauteten oft komisch

genug, die Kinder gewöhnten sich aber doch daran, ihnen fern liegende

Sachen zu bedenken, und fingen dabei auch nach und nach an einzusehen,

daß die Leute in der biblischen Geschichte, die sie sich eigentlich

wie lauter Heilige und höchst merkwürdige Wesen gedacht, doch auch nur

Menschen mit Tugenden und Fehlern, wie es jetzt deren auch gab, gewesen

wären.

Als er so die erste Klasse eine Zeitlang geübt, wandte er sich auch an

die Kleineren, und überraschte diese plötzlich mit der, etwas aus der

Luft gegriffenen Frage:

»Hört einmal, Ihr da drüben, -- Noah hatte drei Söhne, Sem, Ham und

Japhet, das wißt Ihr doch?«

»Ja,« lautete die einstimmige, schnell bereite Antwort.

»Nun gut -- also wer war nun der Vater von Noahs drei Söhnen -- eben von

den Sem, Ham und Japhet?«

Die Jungen sahen sich verlegen unter einander an -- schwiegen aber.

»Was? -- Ihr habt Euch nicht einmal so viel aus der biblischen

Geschichte gemerkt, die wir Euch jetzt eine volle halbe Stunde

vorgepredigt haben,« sagte Hennig lächelnd -- »nun, wartet einmal, ich

will Euch die Sache mit einem Beispiele klarmachen. Unseren Nachbar, den

Bauer Schultze, kennt Ihr doch Alle mit einander, wie heißt der? --«

»Gottlieb Schultze.«

»Nun gut, der hat, wie Ihr wißt, drei große erwachsene Söhne, den

Friedrich, den Jürgen und den Caspar; wer ist also der Vater von

Friedrich, Jörge und Caspar Schultze?«

»Gottlieb Schultze,« schrie die ganze kleine Klasse wild und stürmisch

durch einander --

»Seht Ihr wohl? Das war recht geantwortet; nun wollen wir uns also

wieder zur ersten Frage wenden -- Noah hatte drei Söhne, und zwar Sem,

Ham und Japhet -- wer war also nun der Vater von _Noah's_ drei Söhnen?«

»Gottlieb Schultze!« jubelte der ganze Chor wieder in wilder und lauter

Freude, den Nagel jetzt voll und prächtig auf den Kopf getroffen zu

haben.

Ein allgemeines Gelächter der ersten Klasse folgte dieser Antwort, die

Kleinen saßen verdutzt, und Gottlieb Schönel, der natürlich glaubte, die

ganze Klasse hätte weiter Nichts zu thun, als sich um ihn zu bekümmern,

und das Lachen gelte auch nur einzig und allein seiner kleinen Person,

rückte verdrossen auf seinem Sitz herum, und fing von Neuem an zu

heulen.

Die biblische Geschichte hatte durch diese Antwort übrigens einen

entschiedenen Stoß bekommen, denn Noahs oder seiner ganzen Familie Name

durfte z. B. gar nicht mehr erwähnt werden, ohne daß die halbe Klasse

anfing zu kichern, und die andere Hälfte gerade so aussah, als ob sie

sämmtlich den bedeutendsten Theil ihres Frühstücks darum gegeben hätte,

wenn sie nur einmal so recht von Herzen herausplatzen könnte.

Der Lehrer sprang deshalb auf etwas ganz anderes, und zwar den jetzigen

Zustand über, in welchem sich in Deutschland die arbeitende Klasse

befände, entwickelte darin, wie Arbeit überhaupt nothwendig sei, die

menschliche Gesellschaft unter sich zusammen zu halten, und bewies den

Kindern, daß Jeder im Staat, vom König herab bis zum unbedeutendsten

Gänsejungen -- Gottlob bezog das wieder auf sich, und zog ein nettes

Register -- einen gewissen Theil und eine bestimmte Arbeit, die auch

wieder ihrerseits den Andern zu gute käme, verrichten müßte. Er ließ nun

abwechselnd die Knaben auch ihrerseits die Gründe angeben, weshalb

sie glaubten, daß es nöthig und nützlich für sie sei, zu arbeiten, und

weshalb es besonders schon das Billigkeitsgefühl verlange, ebenfalls

etwas für andere zu thun, da Andere doch unausgesetzt für uns selber

beschäftigt wären.

Die Knaben schienen das im Anfang nicht recht begreifen zu wollen, es

war ihnen unklar, wie sie, besonders aus Billigkeitsgefühl für Andere,

zum Beispiel Holz hacken sollten. Hennig aber fuhr fort:

»Arbeitet denn Euer Vater nicht, um einen Euch allgemein bekannten Fall

zu setzen, fortwährend für Euch, daß Ihr Speise, Trank und Kleidung

habt? -- Ist es deshalb nicht recht und billig, daß Ihr auch für ihn

mit Hand anlegt, und Alles thut, was in Euren Kräften steht, ihm wieder

dafür zu helfen? Arbeitet nicht auch z. B. der Schneider für Dich,

Christian?«

»Ja,« sagte der Junge, und schlenkerte dabei vergnügt mit den Beinen.

»Gut, also versteht es sich von selbst, daß Du für ihn, oder andere

Menschen, die es bedürfen, ein Gleiches thust; es ist dies das Band,

wodurch die menschliche Gesellschaft mit einander verbunden wird, und im

Stande ist, als ein geselliges Ganzes zu existiren.«

»So arbeitet also auch der Schuhmacher für Dich, Leberecht?«

»Ne!« grinste Leberecht, und verzog das Maul von einem Ohre bis zum

anderen. -- Die Anderen lachten laut auf.

»Nein? -- und weshalb nicht?« frag Hennig, selber lächelnd --

»Vater hot' en de letzten Stiebeln noch nich bezahlt.«

Hennig mußte sich Mühe geben ernsthaft zu bleiben, bewies aber auch dem

Knaben dadurch gleich um so verständlicher, daß nun sein Vater ebenfalls

für den Schuhmacher arbeiten müsse, bis er mit dem, was er leiste,

einen gleichen Werth dessen erreicht habe, was für ihn oder seinen Sohn

geleistet worden.

Gottlob hatte indessen mehrere Male, zur nicht geringen Belustigung der

übrigen Schuljugend, versucht heimlich zu desertiren, fand aber, auf

einen Wink des Lehrers, die beiden schmalen Pässe, die zur Stubenthür

führten, stets so stark vertheidigt, daß an einen gewaltsamen Durchbruch

gar nicht zu denken war. Auf seine Bank zuletzt ganz ernsthaft

hingewiesen und jetzt sogar, wenn er gar nicht gehorchen wolle, mit

einer Züchtigung bedroht, saß er eine Weile still und verdrossen da,

ließ die Unterlippe bis weit auf's Kinn herunter hängen, wischte sich

den thränenfeuchten Schmutz auf eine immer bedenklichere Weise im

Gesicht herum und presste das »Butterbrod,« dessen papierne Hülle

schon lange heruntergefallen, so fest zusammen, daß es weit

auseinanderklaffte, und vor Schmerz das inwendig aufgestrichene

Pflaumenmuß (der Name _Butterbrod_ war nämlich, obgleich all' die

Mußbrödte so genannt wurden, nur eine Schmeichelei) preiszugeben schien.

Endlich mußte er aber zu einem Entschluß gekommen sein; er stand auf,

sah sich ein paar Mal mit wildem schüchternen Blick im Kreise um,

ging dann in einer Art verzweifelten Trotzes auf den, lächelnd zu ihm

niederschauenden Lehrer zu, blieb vor ihm stehen, hielt ihm sein Brod

entgegen, und sagte weinerlich aber ziemlich laut:

»Hier, Herr Hennig -- hier hast De meine Bemme, aber laß mich giahn.«

Armer Gottlob, auch selbst dieser Versuch der Bestechung gelang Dir

nicht, Du wurdest fürchterlich ausgelacht und mußtest auf einem kleinen

Bänkchen links am Fenster den übrigen Theil der Morgenstunde ruhig und

schweigsam mit ausharren.

Wieder mit seinen Fragen wechselnd, kam Hennig jetzt auch auf die

Bewegung der Erde um ihre eigene Axe und um die Sonne herum zu sprechen,

und darüber waren denn freilich die Begriffe der Knaben noch sehr

verworren. Er wollte ihnen das allerdings damit beweisen, daß er

anführte, wie ein in einen Reif gestelltes Glas Wasser ebenfalls um

den Kopf geschwenkt werden könne, ohne einen einzigen Tropfen Wasser

zu verlieren, ein paar der Knaben hatten das aber schon versucht und

meinten, sie hätten das Glas mit dem Wasser durch die Fensterscheibe

»geschlengert«. Er mußte es ihnen -- und hierfür fing sich auch Gottlob

an zu interessiren -- endlich vormachen, und wie er das bewiesen, frug

er den ihm nächst Sitzenden, woher seiner Meinung nach das Drehen der

Erde herrühre.

Müller saß mäuschenstill, antwortete keine Sylbe und starrte nur in

eifrigem Nachdenken stier vor sich nieder. --

»Nun, Müller, was glaubst Du, ist die Ursache, daß sich die Erde dreht?«

frug der Lehrer noch einmal.

»Hahaha,« sagte der endlich -- »ich wißt's wohl.«

»Nun heraus mit der Sprache; wenn Du's weißt, brauchst Du Dich doch

nicht zu scheuen, es zu sagen? Also was dreht die Erde?«

»Das Wasser« -- erwiederte verschämt der Knabe.

»Hm,« erwiederte ihm Hennig lächelnd, während die anderen Schüler

hochaufhorchten, als ob ihnen jetzt auf einmal ein großes Geheimniß klar

geworden wäre -- »das klingt gar nicht so übel, und Du hast das _für_

Dich, daß Dir hier im Dorfe wohl kaum einer den Gegenbeweis würde

liefern können. Was aber hat Dich auf den Gedanken gebracht, und wie

willst Du mir für diese Vermuthung einen Grund angeben?«

»Ih nu siahn Se, Herr Hennig --« sagte der Junge und sah verschämt vor

sich nieder, »unsere Rausche, die fließt gerade su, wie mein Vater sin

Mühlwehr, un das treibt ooch en Rad, wo's driber hinleeft. -- Nu leeft

doch die Rausche über de Erde hin un Sie han uns neilich verzehlt, daß

es noch veele greßere Flisse gebe, un daß das Meer ooch so flesse wie de

Rausche, nur daß man's draußen nich so siahn kennte, un da -- da han ich

mir gedacht, das triebe de Iharde.« (Erde.)

»Die Erklärung ist allerdings gar nicht so übel,« erwiederte ihm Hennig,

»dennoch aber nicht richtig, denn --«

Die Thüre wurde in diesem Augenblicke aufgerissen und einer der Schüler,

der vor wenigen Minuten darum gebeten hatte, einmal herausgehen zu

dürfen, stürzte wieder herein und schrie mit verdutztem und erschrecktem

Gesicht:

»Der Härr Suprindent un der Härr Paster!«

Die Jungen fuhren sämmtlich wie durch einen elektrischen Schlag

getroffen, von ihren Sitzen in die Höhe, des Lehrers donnerndes

»_Ruhe_!« bannte sie aber bald wieder auf ihre Plätze nieder, und

der, der mit solcher Nichtachtung jeder Sitte und jeden Respects

hereingebrochen war, mußte zu seinem Entsetzen und gerade in solchem

entscheidenden Augenblicke auf dem Strafplatze neben dem Ofen stehen

bleiben.

Im gleichen Angenblicke ging aber die Thüre auf und der Superintendent,

welchem die gewöhnliche Schulinspection oblag, trat mit dem, sonst so

ernsten und stolzen, jetzt aber auf einmal ungemein freundlichen und

geschmeidigen Pastor in's Schulzimmer. Er grüßte den Schullehrer höchst

herablassend, aber nur mit etwas vornehmem Kopfnicken, winkte den

Kindern, die sich erst niedergesetzt, und die, wie aus der Pistole

geschossen, von ihren Sitzen wieder emporfuhren und in den gewöhnlichen

monotonen Lauten ihr »Guten Morgen Härr Suprindent!« -- und dann nach

kaum athemlanger Pause in demselben Tone »guten Morgen Härr Paster!«

riefen, freundlich sich niederzulassen, und sagte dann, die Hand

gegen den von seinem niederen Katheder herunter tretenden Schullehrer

schwenkend, ziemlich ernst:

»Fahren Sie fort, Herr Hennig -- lassen Sie sich nicht stören rrrrrr.«

-- Der Herr Superintendent schnarrten ein wenig hinter jedem Satze und

die Jungen hätten gern gelacht, nur der Respect und die übergroße Angst

verboten das.

»Die Stunde ist beendet, Herr Superintendent,« erwiederte aber Hennig,

»ich glaube sogar, daß ich schon einige Minuten darüber gehalten habe.«

»Ah -- und was ist Ihre nächste Lection? -- dürft' ich um Ihren

Unterrichtsplan bitten -- rrrrr?«

»Mit Vergnügen,« sagte Hennig, schob den schrägen Deckel seines

Schreibpultes empor, nahm ein zusammengelegtes Papier heraus und übergab

es dem frommen Herrn.

»Hm -- gut -- nicht übel -- hm -- ja -- Verstandesübungen --

Verstandesübungen rrrrrrr -- Verstandesübungen -- die haben Sie ja

_alle_ Tage, und Religionsstunden nur eins, zwei, drei, vier Mal --

etwas ungleich vertheilt, Herr Hennig, etwas ungleich vertheilt -- Sie

ändern das vielleicht -- rrrrrre!«

Hennig biß sich auf die Lippen, erwiederte aber Nichts. --

»Sie haben also jetzt Schreibestunde?«

Der Lehrer verneigte sich.

»Bitte, dürft' ich Sie einmal um die Schreibebücher ersuchen -- ah, da

kommen sie schon; sehr schön, mein Knabe -- leg' sie nur daher -- wie

heißt Du -- rrrrrrr?«

»Iche?« -- lautete die Gegenfrage als Antwort.

»Ja, Du.«

»Berner's Christoff.«

»Hm -- gut -- das ist die erste Klasse, nicht wahr -- rrrrrr? -- hm, hm,

hm, das sieht nicht zum Besten, hm, hm -- sehr flüchtig geschrieben

-- hm -- sehr flüchtig, und gar nicht sauber -- rrrrrrrr! -- hm -- wem

gehört denn das Buch hier -- rrrrr? -- Hans Müller? -- Hans Müller, komm

einmal her zu mir! -- wer hat denn hier den Kleks auf die Zeile

gemacht, he -- rrrrrr? -- und wer denn da, rrrrrrrr? -- und wer denn da,

rrrrrrrrrrrr? -- Hans Müller, stell' Dich einmal dahinter an den Ofen zu

dem anderen bösen Knaben, und bleib da stehen, bis ich wieder fort bin,

rrrrrr -- und wie ist das geschrieben -- rrrrrrr? -- sieht das nicht

aus, als ob die Hühner und Gänse darauf herumgekrappelt hätten, he --

rrrrrrrr?«

Hans Müller stand wie aus den Wolken gefallen -- Herr Hennig hatte ihn

bis jetzt vor allen Uebrigen, gerade seines Schreibens wegen, immer

gelobt und ausgezeichnet, und jetzt --

»Nun wird es -- he?« -- fuhr ihn da der gestrenge Herr Superintendent an

-- »Herr Hennig, ich muß gestehen, daß ich mehr Gehorsam in ihrer Schule

erwartet hätte, rrrrrrr -- wir haben noch keine Emancipation Herrrrrrrr,

daß wir jetzt schon oben hinausthäten, als ob wir alleiniger Meister in

der Schule wären, rrrrrr -- noch keine Emancipation Herr Hennig, noch

keine Emancipation, und werden sie auch, mit Gottes Hülfe, im Leben

nicht kriegen -- rrrrrr. -- Hm -- das sieht etwas besser aus, aber auch

eine unbestimmte flüchtige Hand -- keine Methode -- keine Methode -- muß

besser werden, viel besser werden, hm, hm, hm rrrrrrrrr.«

Pfarre und Schule: Eine Dorfgeschichte. Zweiter Band. · 第 8 / 12 段