Nach diesem Vorfalle versteht es sich übrigens von selbst, daß der

Pastor Scheidler aus allen Kräften dahin wirkte, den Diaconus, der ihm

auch die Zeitungen viel zu radical, ja nach seiner Meinung sich selbst

zum Republikanismus hinneigend, auslegte, aus Horneck fortzubringen.

Die geheimen Conduitenlisten, die er mehr als regelmäßig an das hohe

Consistorium einsandte, gaben ihm dazu die beste Gelegenheit. In der

aufgeregten Zeit, wo gerade das hohe Consistorium überhaupt, von jeder

Seite her den ersten Schlag erwartete, und fortwährend auf dem Sprunge

stand, sich in seine ursprünglichen Bestandtheile aufzulösen, gehörte

eben auch nur ein Wink, eine Andeutung dazu, um dessen guten Willen und

Hülfe im höchsten Grade zu erwerben, und der Diaconus fand sich bald,

allerdings als selbstständiger Pfarrer, aber auf einem so ärmlichen,

traurigen Winkelchen der Erde, daß es selbst seinen, gewiß bescheidenen

Erwartungen nicht entsprach und er einer geraumen Zeit bedurfte, sich

nur nothdürftig daran zu gewöhnen.

Eine andere in Horneck vorgefallene Aenderung aber, eine höchst

traurige, hatte in der Schule selbst stattgefunden, und zwar nicht für

die Schule, sondern für den armen, in ihrem Dienst ergrauten Lehrer

derselben, den alten Papa Kleinholz. Der Geist hätte in dem alten Manne

vielleicht noch mit den unbedeutenden Beschäftigungen, die ihm oblagen,

wie Buchstabiren und Lesen Schritt gehalten, aber der Körper, durch

Mangel und Noth geschwächt, von den dürftigen Kleidern nicht einmal

warm gehalten, und in der dunstigen Schulstube, die ihm zum steten

Aufenthalte dienen mußte, endlich ganz untergraben, hielt nicht mehr

aus.

Er wurde bettlägerig und so krank, daß durch die stete Transpiration des

Leidenden der Aufenthalt unten in der Schulstube selbst für die Kinder

unangenehm, ja sogar schädlich werden mußte, und Hennig sah endlich

kein anderes Mittel, als daß er selbst dem alten Manne sein kleines

Dachkämmerchen einräumte und hinunter in die dunstige Schulstube zog.

Zwar erholte sich Papa Kleinholz, wohl am meisten durch Lieschens

aufopfernde und unermüdliche Sorgfalt und Pflege, nach einiger Zeit in

etwas, so daß sein Zustand wenigstens nicht mehr als lebensgefährlich

gelten konnte, aber an Schulehalten war nicht zu denken -- der böse

Husten ließ ihn keine zehn Worte hinter einander sprechen; anstrengen

oder ärgern durfte er sich nun gar nicht -- und Schulmeister sein und

sich _nicht_ ärgern, zwei unmöglich von einander zu trennende Sachen!

Eine Weile ließ das der Pastor geschehen, und Hennig nahm sich mit so

warmem Eifer der Schule an, daß die Eltern nicht über Vernachlässigung

ihrer Kinder klagen durften, da die Arbeiten jetzt ganz auf _eines_

Lehrers Schultern ruhten, wo früher, wenn auch nur dem Namen nach, zwei

gewaltet und gelehrt hatten; nach einem halben Jahre aber durfte

der Geistliche, wie er meinte, dem hohen Consistorium nicht länger

verheimlichen, daß Vater Kleinholz unfähig geworden sei, dem schweren

Amt eines Schullehrers mit Erfolg vorzustehen, und deshalb -- o wie

dem alten armen Lehrer das Herz zuckte, als er das so lange gefürchtete

Schreckenswort ausgesprochen hörte -- _emeritirt_ werden müßte. --

Emeritirt, mit einem Dritttheil seines Gehalts und -- sieben Kindern --

acht Personen, unter denen sieben kräftig und gesund waren, und Tag

für Tag ihre richtigen Portionen Essen verlangten, wenn sie eben nicht

geradezu hungern sollten, von _fünfzig_ Thalern jährlich zu ernähren --

der Gedanke kam ihm furchtbar vor, und er barg das bleiche Haupt in den

spärlichen Kissen, und schluchzte wie ein kleines unglückseliges Kind.

»Das also ist Dein Lohn, Du armer alter Mann -- seit sieben und vierzig

Jahren hast Du Dich nach besten Kräften und Gewissen für die Kinder

abgearbeitet und gemüht -- bist Du nicht im Stande gewesen, das

zu leisten, was man von einem Manne, der die Jugend zu wackeren

selbstbewußten Staatsbürgern heranziehen sollte, vielleicht berechtigt

sein durfte zu erwarten, so kann nicht Dir die Schuld dafür beigemessen

werden, sondern denen, in deren Interesse es in früherer Zeit gelegen,

das Volk in Unwissenheit und Knechtschaft aufwachsen zu lassen, _Du_

thatest Dein Möglichstes, Du hast Dir Nichts, Nichts auf der weiten

Gotteswelt vorzuwerfen, Du hast Kummer und Noth die langen langen Jahre

hindurch, immer wachsend mit jedem neugeborenen Kind, und zu größter

Höhe anschwellend bei der Mutter Tod, ohne Murren, ohne ein einziges

hartes beschuldigendes Wort gegen die, welche den Gehalt der Lehrer

unter den eines Ackerknechtes stellten, ertragen und nur jetzt, jetzt,

da Deinem bleichen vom Kummer durchfurchteten Antlitz auch noch die

scharfe Dornenkrone des letzten Entsetzlichen in die Stirn gedrückt

wird, da bricht Dir der Schmerz das arme gequälte und zum Zerspringen

volle Herz und Du klagst nicht das Schicksal -- nicht die Tyrannei der

Menschen an, nein Du beklagst nur Dein und der Deinen Loos und bist

unsäglich elend.«

Hennig, der in des alten Mannes Stelle eingetreten war, that allerdings

was nur in seinen Kräften stand, um dessen Lage zu erleichtern, ja

überließ sogar dem alten Manne einen großen Theil dessen, was er selbst

mehr bekam, so wenig das auch immer sein mußte; er selbst hatte jetzt

aber auch mehr Auslagen, denn seine Kleider, die bis dahin ausgereicht,

wurden alt, und er mußte sich neue schaffen, da ihm der Pastor schon

mehr als einmal zu verstehen gegeben hatte, der Bauer halte etwas

darauf, daß sein Schulmeister einen anständigen Rock trage und seinem

Dorf keine Schande mache. Allerdings erwiederte er darauf, »wenn der

Bauer das will, weshalb giebt er denn auch nicht dem, der seine Kinder

zu ordentlichen rechtlichen Menschen heranbilden soll, so viel, daß

es ihm möglich ist, den Magen auch nur einen Tag über dem Rücken zu

vergessen?« Er änderte damit aber Nichts, und da ihm selber daran lag,

nicht gerade abgerissen in der Pfarre zu erscheinen, mußte er endlich

wohl in den saueren Apfel beißen, und sich in die für seine Casse

erschöpfende Auslage fügen. Nichts destoweniger ließ er den alten

greisen Schullehrer nicht hungern, das Verhältniß zwischen ihnen bestand

nach wie vor, und wären die theuren Medicinen nicht gewesen, so hätte

Hennig der wirklich Sohnesstelle am kranken Kleinholz vertrat, diesen

selbst durch die schwere Winterszeit glücklich durchgeschleppt, so aber

reichten selbst die vereinigten Kräfte Beider nicht aus -- des alten

Mannes karges Stückchen Gnadenbrod war schon auf ein Vierteljahr vorher

verzehrt, selbst Hennig einige Thaler in Schulden hineingerathen, und

der emeritirte Lehrer sah sich endlich, so ungern er das auch that,

dazu gezwungen, um eine Unterstützung, d. h. um eine Erhöhung seiner

sogenannten Pension einzukommen, wenn er nicht in Noth und Elend

vergehen wollte.

Er baute dabei seine feste unerschütterte Hoffnung auf den »Herrn Pastor

Scheidler« -- der hatte ihn ja früher oft und oft versichert, er werde

wenn er, der Schulmeister, später einmal nicht mehr so recht fort könne,

schon Alles thun was in seinen, des Herrn Pastors Scheidler, Kräften

läge, ihn zu unterstützen, und die Zeit war jetzt wirklich und in vollem

Maaße gekommen. Er konnte nicht allein nicht mehr recht fort, sondern

lag sogar ganz und gar, und gab es jemals eine Periode, wo er der

Unterstützung von Seiten des Geistlichen bedurfte, so schien das die

jetzige.

Er reichte deshalb sein Bittgesuch bei diesem ein, kroch selber, mehr

als er ging, auf die Pfarre hinüber, um die Bevorwortung desselben dem

Herrn Pastor noch einmal recht dringend an's Herz zu legen, und sank an

dem Abend, zwar erschöpfter als je, aber auch nicht wenig beruhigt von

dem gütigen Empfang und Wort seines Vorgesetzten, zum ersten Mal seit

langer Zeit wieder mit fast freudiger Hoffnung auf sein Lager nieder.

Was Hennig selbst betraf, so hatte er sich, besonders in letzterer Zeit

ungemein eifrig mit der neuen Gestaltung der Schule beschäftigt, und

Lieschen, die doch recht gut wußte, wie er Pastors Sophiechen so recht

aus innerster Seele liebe, konnte sich gar nicht genug darüber wundern,

daß der Schulmeister, wie Hennig jetzt, als in diese Würde eingetreten,

schlichtweg hieß, nur allem Anschein nach darauf los arbeitete, sich den

Vater seiner Liebsten zum ingrimmigsten Feind zu machen. Das war, das

allerwenigste gesagt, nicht im mindesten politisch von ihm, und er hätte

das seiner Liebsten schon nicht zu Leide thun dürfen.

In der That hatte Lieschen, von ihrem Standpunkt aus, vollkommen recht

und Hennig selber fühlte, wie er sich dadurch ein späteres Hinderniß mit

eigenen Händen aufbaue, ein anderes, weit gewaltigeres mußte aber erst

hinweggeräumt werden, und dann hoffte er auch dieses, als das viel

unbedeutendere mit fröhlichem Herzen zu beseitigen. Wie die Verhältnisse

_jetzt_ nämlich standen, blieb es sich, in Bezug auf seine Aussicht,

Pastors liebliches Töchterlein je als sein liebes Weib nicht in _diese_

Schulwohnung, aber doch wohl in eine bessere Stellung einzuführen,

ganz gleich, ob ihm der _Vater_ gewogen war oder nicht, denn an eine

Verbindung seiner Tochter mit _nur_ einem Schulmeister dachte dieser

so wenig wie das Mädchen wahrscheinlich selbst, das, wenn es den

jungen Mann auch wirklich gern sah, doch viel zu genau die ärmlichen,

drückenden, _abhängigen_ Verhältnisse kannte, in denen ein deutscher

Schullehrer zu leben gezwungen sei, um irgend eine Neigung zu spüren,

eine _solche_ Existenz je mit ihm zu theilen. Ja, Hennig hätte ihr das,

wäre sie selbst dazu geneigt gewesen, nicht einmal zumuthen, es

nicht einmal dulden mögen, und seinem schönen Ziel, der Schule eine

unabhängige Gestalt zu gewinnen und den Lehrerstand zu heben, lag jetzt

noch ein neuer, ihn zu voller Aufopferung treibender Beweggrund unter,

da er mit diesem auch vielleicht die Hoffnung seines eigenen Herzens

erreichen konnte. Stand er erst einmal als unabhängiger Lehrer, mit

liberalem und zum Leben genügenden Gehalt nicht mehr unter, sondern

neben dem Geistlichen, -- war ihm die Jungfrau selber dann nur nicht

abgeneigt -- (und grüßte sie _ihn_ nicht gerade immer so freundlich wie

_keinen_ weiter im ganzen Orte?), so vergaß der Pastor auch bald den

Unwillen, den er jetzt nur über das _Streben_ des Lehrers fühlte, und

sicherlich nicht auf das _Errungene_ ausgedehnt hätte.

Daß Sophie einen Fremden, ja gar den Flüchtling liebe, aus dessen Händen

er sie einst selber befreit, konnte er dabei natürlich nicht ahnen,

still und unberührt stand der Stern noch für ihn am Himmel seines

Glücks, und jeder Abend, der ihn träumend auf seinem Lager fand, schloß

ihm die müden Lider mit dem leisen, hoffenden Gebet -- Sophie!

Achtes Kapitel.

Das Geständniß.

Nöthig möchte es jetzt sein, einen, wenn auch nur flüchtigen Blick auf

das Leben Wahlerts, den wir zuletzt bei seiner glücklichen Flucht aus

den Händen des Gerichts gesehen, zu werfen.

Marie hatte ganz recht gehabt, als sie ihn damals in der Stunde der

Befreiung zugerufen, »nur an einem Kopf zu klugen Rathschlägen, fehle es

in der Residenz, nur an einem Arm, das Banner der Freiheit voran, in die

Reihen der Feinde zu tragen« -- seiner Ankunft, seines donnernden Wortes

hatte es nur bedurft und das Volk, das schon von außen angeregt, und

in Gährung gehalten war, brach aus in _einem_ gewaltigen und deshalb

fürchterlichen, weil fester geregelten Sturm. Das Ministerium fiel und

Männer des Volks wurden jauchzend auf dessen Schultern zu dem erledigten

Ehrenposten getragen.

Wahlert besonders hatte man vor Allen im Auge, die Stellung eines

Ministerpräsidenten auszufüllen, dieser aber weigerte sich das Amt, das

ihn in seiner schwierigen Verantwortung an den einzigen Ort fesseln und

seine ganze Thätigkeit auf dieß eine kleine Land concentriren würde,

anzunehmen. Wohl war er von schönster Hoffnung für ein einiges freies

Vaterland beseelt, wohl hielt er seine Landsleute für eben so reif und

tüchtig wie Frankreichs heißblütigeres Volk, im jetzt zusammenberufenen

deutschen Parlament die Souverainetät derer zu erklären, die man

bis dahin gewagt hatte, _Unterthanen_ zu nennen, und die -- das viel

schlimmere, es wirklich gewesen waren, aber dennoch konnte er sich nicht

verhehlen, daß der bei weitem größte Theil der Anregung noch zu sehr und

unausgesetzt bedürfe, während wiederum eine kleine Schaar, wie ein paar

rennlustige Pferde, das Zeichen zum Auslauf gar nicht erwarten konnten

und nur in einem fort Zaum und Halter zersprengten, Seil und Markpfahl

niederwarfen, und an Mähne und Nüstern zurückgehalten werden wollten, um

nur nicht in ihrem blinden unverständigen Eifer da zu verderben, wo sie

zu nützen, da einzustürzen, wo sie zu bauen suchten.

Kaum sah er also die Dinge in der Residenz wieder einen geordneten

ruhigen Gang gehn -- denn Frieden mußte im Reiche herrschen, bis die

Nationalversammlung in Frankfurt das Wort gesprochen, das die Throne

stürzen und die acht und dreißig Scepter mit einem Schlage zerbrechen

sollte -- so zog er auf seinen fröhlichen Pilgerflug durch das Land

aus, nicht um die Einheit des deutschen Volkes zu befördern, denn dessen

bedurfte es nicht mehr -- es fühlten Alle, daß nur in Einigkeit ihre

Kraft lag, -- sondern immer mehr zu befestigen und mit jener heiligen

Liebe für das Vaterland zu beseligen, die sie freudig für dieses selbst

das eigene Leben opfern ließe.

Eine Zeitlang hörte man Nichts mehr von ihm in Horneck, einmal hieß es

nur, er sei in Wien gewesen, habe dort auf den Barrikaden der äußeren

Vorstädte gegen die schwärmenden Kroatenhaufen gekämpft und wäre dann,

als die Truppen in die Stadt eingezogen, mit Lebensgefahr zwar, aber

doch glücklich nach Berlin entkommen -- das Gerücht hatte wenigstens

in der Pfarre -- vielleicht nach einem Brief aus der Residenz -- seinen

Ursprung gefunden. Jetzt waren wieder wohl zwei volle Monate vergangen

und der Mann, der damals die stillen Bewohner von Horneck zum ersten Mal

ein wenig aus ihrer Lethargie emporgerüttelt hatte, schien vergessen.

Vergessen? -- ja, von der großen Menge vielleicht, vor deren Augen

Wahlert, wie ein leuchtender Strahl nur einmal vorüber gezuckt und dann

verschwunden war, zwei Herzen aber schlugen in Horneck, für die keine

Stunde des langen, langsam schwindenden Tages verging, an dem sie nicht

still und sehnend seiner gedacht und nicht gebeten hätten, daß Gott sein

theures liebes Haupt beschützen möge.

So vollkommen eines jene beiden Wesen aber auch in diesem einen Gefühl,

dieser heimlichen, heiligen Liebe für den Fernen sein mochten, so

verschieden gestellt waren sie in jeder andern Hinsicht des Lebens, und

Sophie, des Pfarrers Töchterlein, hatte noch nie auch nur eine Sylbe

gegen Marie, des armen Musikanten Tochter, von dem erwähnt, was sie

doch, o wie gern, in das Herz einer wirklichen Freundin ausgeschüttet

hätte. Und dennoch war Marie fast täglich in ihres Vaters Hause, wo

besonders in letzter Zeit viel für die Kinder zu nähen und arbeiten

gewesen, dennoch schien Sophie in jeder anderen Hinsicht volles

Vertrauen zu dem armen leidenden Mädchen gefaßt zu haben, und behandelte

sie eher wie eine Verwandte als eine Fremde, die eine Lohnarbeit bei

ihr gesucht und gefunden. Nur in diesem Punkte blieb ihr Mund gegen das

ernste, so wehmüthig schauende Kind verschlossen, denn seit jenem

Tag, an welchem eben Marie ihr die Kunde von der drohenden Gefahr des

Geliebten gebracht, war es ordentlich, als ob eine ihr selbst unbewußte

Scheu sie hindere, auch nur den Namen Wahlerts vor ihr auszusprechen.

Marie, die sich, ihrem äußeren Aussehn nach, etwas wohler zu befinden

schien als früher, und auch durch Sophiens Hülfe anständiger gekleidet

ging, brach das Schweigen über den Abwesenden eben so wenig; kein Wort

kam, selbst jenen Abend betreffend, über ihre Lippen und was die Herzen

in ihrer stillen Tiefe auch bergen mochten, der Mund gab dem Gefühle

keine Worte.

In den letzten Tagen des November 1848 war es, daß die beiden Mädchen

auch einmal wieder zusammensaßen und an einem warmen Rock für Sophiens

Mutter nähten, denn das Haidekraut blühte gar so schön und roth draußen,

und das kündete strenge Kälte, der man doch wenigstens begegnen mußte;

als der Pastor plötzlich mit einem Brief in der Hand in's Zimmer trat,

und der Tochter ankündigte, daß er Nachricht von dem jungen Wahlert, dem

Sohn des Herrn Generalsuperintendenten erhalten habe -- es gehe ihm gut,

und er hoffe bald Horneck wieder zu sehn -- er bemerkte gleich darauf

die Fremde, brach kurz ab, ging zu seiner Tochter hin an's Fenster

und verließ mit dieser, die es aber wohl vermied ihr Antlitz Marien

zuzuwenden, das Zimmer.

Marie ließ die Hände in den Schooß sinken, saß mehrere Minuten mit

todtenbleichen erregten Zügen da, und starrte still und schweigend vor

sich nieder.

»Er kehrt nach _Horneck_ zurück!« flüsterte sie endlich leise mit kaum

sich bewegenden Lippen -- »nach Horneck wo« -- sie brach plötzlich ab,

barg nach kurzem Sinnen das Antlitz in den Händen und gab sich mit so

peinlicher Spannung ihren Gedanken hin, daß man, wie ihr das Herz auch

laut und stürmisch schlug, kaum doch ihr Athmen bemerken konnte, hätte

nicht das Zittern ihres ganzen Körpers ihr Leben verrathen, die Gestalt

selbst mußte einer todten regungslosen Statue gleichen.

Endlich schien es, als ob sie sich gewaltsam zu sammeln suche -- sie

stand auf, legte ihre Arbeit auf den Stuhl, auf dem sie gesessen, und

trat an das Fenster, das auf den stillen Friedhof hinausschaute.

»Weshalb quäle ich mich denn eigentlich immer und immer wieder nur mit

meiner eigenen unbegründeten Furcht,« flüsterte sie endlich und strich

sich die Hand fest und schnell über die bleiche, marmorkalte Stirn --

»Furcht! -- und darf ich da auch noch _fürchten_? ist mir denn überhaupt

auch nur eine _Hoffnung_ geblieben? -- Er erschrak, als er damals meine

Stimme hörte -- er verachtet die -- Dirne.« -- Sie schauderte zusammen,

und dicht an die Scheibe gepreßt, daß ihr Hauch das Glas deckte, fuhr

sie nach kurzer Pause fort -- »Soll ich hier sein Wiederkehren erwarten?

-- Darf er mich -- darf er mich gerade in diesem Hause? -- und warum

nicht?« sagte sie plötzlich laut, und richtete sich schnell und fast

stolz empor -- »klang seine Stimme nicht weich und liebend, als er mich

mit dem alten traulichen _Du_ anredete, und mich _seine_ arme Marie

nannte? -- o heiliger Gott, wie gern wäre ich ihm damals an's Herz

gesunken und hätte gerufen Franz, Franz, Du hast mir böses schmerzliches

Unrecht gethan -- unglücklich ist Deine Marie, aber schuldig nie -- nie

-- die Angst um ihn erstickte damals jedes Gefühl für mich selbst -- ich

weiß nicht einmal mehr, was ich sprach -- Sophiens Name --«.

Ihre Hand fuhr krampfhaft nach dem Herzen und ein kurzer schmerzlicher

Husten zwang sie, sich niederzusetzen.

Ehe sie sich vollkommen erholte, trat der Pastor wieder ein, und wollte,

als er den Husten hörte, das Zimmer wieder verlassen, Marie bezwang

sich aber gewaltsam, der geistliche Herr kam näher, ließ sich, ohne

das Mädchen, das still ihre Arbeit aufnahm, weiter zu beachten, auf dem

Sopha nieder und las die Zeitung.

Von diesem Tage an fühlte sich Marie wieder unwohler wie vorher; als

sie Abends ihre ärmliche Heimath erreichte, bekam sie einen leichten

Fieberanfall und mußte am nächsten Tage das Bett hüten; der Vater, der

in der Woche doch nichts zu thun hatte, und nur Sonntag Abends mit in

der Schenke zum Tanze aufspielte, that ihr die kleinen Handreichungen,

deren sie etwa bedurfte, kochte das frugale Mahl, eine einfache

Kartoffelsuppe, und ließ sie dann mit sich und ihren Gedanken allein,

bis er Abends nach zehn Uhr aus der Schenke, wo er so lange bei einem

Glase einfachen Bieres gesessen, zurückkehrte.

Drei Tage vergingen so, und im Dorfe wurde es bald bekannt, daß der

Doctor Wahlert, derselbe, den die Wilddiebe damals aus der Kutsche

gerissen und befreit hatten, und von dem nachher so entsetzlich viel

in der Zeitung gestanden, wieder nach Horneck gekommen sei und in der

Pfarre wohne. Marie war schon um vieles wohler, ging aber doch noch

nicht zu ihrer Arbeit hinauf -- der Vater stellte sie mehrmals deshalb

zur Rede, sie gab aber ausweichende Antworten, schützte noch peinlichen

Kopfschmerz vor und blieb.

So brach der vierte Morgen an -- es war der letzte Tag im November und

ein Donnerstag; das helle Tagesgestirn schien still und feierlich in

das ärmliche Gemach des alten Musikanten, und neben dem Fenster, auf

dem einzigen hölzernen Stuhle, der in der Stube stand, saß Marie, und

schaute träumend nach den gegenüberliegenden grauen Strohdächern einer

langen Reihe alter, halbverfallener Scheunen hinüber, als es plötzlich

rasch und lebhaft an die Thüre pochte, und sich diese, selbst vor dem

einladenden »Herein«, schnell öffnete.

»Fräulein Scheidler!« rief das Mädchen, überrascht von ihrem Stuhle

aufstehend.

»Hab' ich Sie doch beinahe gar nicht gefunden, liebe Marie!« sagte

Sophie, freundlich ihre Hand ergreifend, »Wie geht es Ihnen? -- Sie

sehen viel besser, ordentlich roth und wohl aus -- warum haben Sie sich

so lange nicht bei uns sehen lassen? Sie waren doch nicht ernstlich

krank? -- Ach, ich wäre so gern schon früher einmal herüber gekommen,

aber -- aber wir haben Besuch im Hause, und da giebt es so viel zu thun,

so viel zu besorgen, daß man wirklich manchmal gar nicht weiß, wo Einem

der Kopf steht.«

»Ich hörte eben, daß sie Besuch hätten,« sagte Marie leise, »und

fürchtete eben zu stören, auch --«

»O nicht im Mindesten, gutes Kind,« unterbrach sie rasch und erröthend

das liebe Mädchen, »wir -- wir werden Ihre Hülfe überdies vielleicht

recht bald und ziemlich bedeutend in Anspruch nehmen -- ich habe einige

recht nothwendige Arbeiten vor.«

»Ich bin wirklich unwohl gewesen,« fuhr Marie, den Antrag zu vermeiden

suchend, fort -- »so unwohl, daß ich fürchte, kurze Zeit wohl noch der

Ruhe pflegen zu müssen, ehe ich es wieder wagen darf, eine bedeutendere

Arbeit zu unternehmen.«

»O Sie dürfen mich nicht im Stiche lassen,« bat Sophie -- »ja nicht,

liebe gute Marie, ich habe ganz fest auf Sie gerechnet -- nicht wahr,

Sie machen es möglich? --«

»Könnte ich da nicht vielleicht« -- sagte Marie zögernd -- »die Arbeit

zu mir in's Haus bekommen? -- Vielleicht ging es hier.«

»Aber Sie haben da -- Sie haben da gar keine Bequemlichkeit«, erwiederte

Sophie, und warf einen halb scheuen, halb mitleidigen Blick in dem

kleinen, leeren, unbehaglichen Gemach umher. --

»Ich kann mich hier niederlegen, wenn mich das Sitzen angreift,«

entgegnete das Mädchen -- »ich bin ungestörter -- und werde schneller

arbeiten.«

»Nun gut, wir wollen uns darüber nicht streiten,« beruhigte sie Sophie

-- »machen Sie das, wie Sie wollen, liebes Kind -- aber -- kann ich

Ihnen nicht vielleicht mit irgend etwas --«

»Ich danke Ihnen herzlich,« unterbrach sie, ihre freundliche Meinung

verstehend, Marie, »ich habe, durch Ihre Güte, für jetzt Alles, was wir

brauchen -- und das ist genug -- Ihnen geht es gut jetzt -- Sie sehen

recht wohl und fröhlich aus.«

»Mir geht es _recht_ gut, liebe Marie, ich danke Ihnen,« sagte Sophie

freudig -- »mein Leben scheint sich auch ganz gut und glücklich zu

gestalten -- das wenigstens, was meinen Himmel bis jetzt getrübt, ist

verschwunden.«

»So?« frug mißtrauisch und schnell des Musikanten Tochter -- »plötzlich

verschwunden? --«

»Seit gestern,« erwiederte fröhlich lächelnd Sophie auf die Frage --

»rathen Sie einmal, Marie, was ich jetzt bin?«

»Was Sie jetzt sind?« wiederholte erstaunt und mit stockenden

Herzschlägen Marie -- »was Sie jetzt sind? ich begreife die Frage

nicht?«

»Nun, die ist doch einfach genug,« lachte Sophie -- »blos was ich

bin, sollen Sie rathen, und rathen deshalb, weil Sie's eben noch nicht

wissen.«

»Nun denn, des Herrn Pastor --«

»Ach lari fari,« unterbrach sie scherzend die Jungfrau -- »das will ich

nicht wissen, mehr -- höher hinauf.«

»Höher hinauf -- die Wohlthäterin des halben Dorfes.«

Sophiens Hand lag im Nu auf des Mädchens Lippen.

»Das ist gegen die Abrede,« rief sie rasch, »ordentlich gerathen, aber

höher hinauf.«

»Ich bin es nicht im Stande,« sagte Marie mit leiser, eintöniger Stimme.

Pfarre und Schule: Eine Dorfgeschichte. Zweiter Band. · 第 7 / 12 段