umtobte, und ihm zujauchzte und jubelte, suchten die anderen noch in
voller Wuth nach dem Jäger, den ihnen der Fremden List versprochen
hatte -- und die einmal zur Gewaltthat Getriebenen wären auch jetzt fast
weiter gegangen, denn ein Opfer, schien es, wollten sie haben, und die
Mißhandlung der unglücklichen Diener der Gerechtigkeit, die ihnen gerade
in die Hände gefallen, wäre kaum genügend gewesen.
»Auf's Schloß hinunger!« rief da eine Stimme -- »da stäckt der Jiager --
brännt dem Lump der Härrschaft doch das ganze Näst iberm Schädel ab!«
»Auf's Schloß, auf's Schloß!« tobten die Rasenden, und wilde Drohungen
und Schmähreden über die Wortbrüchigkeit des Gutsherrn, über den Druck
unter dem sie geschmachtet, über Jäger und Beamte wurden laut -- nach
Bränden schrie ein Theil, nach Brechstangen und Aexten ein anderer;
aus den nächsten Häusern wurden schon die verlangten Werkzeuge
herbeigeschleppt, und die wüthende Schaar wälzte sich langsam, aber mit
jedem Schritt anwachsend, und mit dem lauten Gebrüll »_die Republik soll
leben_!« den Hügel hinunter und dem Schlosse zu.
Um den Befreiten hatte man sich nach dem ersten Jubelruf kaum noch
mehr gekümmert, und dieser fühlte sich jetzt von einer weiblichen Hand
ergriffen, die ihn mitten aus dem Gedränge heraus auf die Seite zog.
»Eilen Sie in die Stadt!« sprach dabei eine Stimme, vor der er wie von
einem jähen Schlag getroffen zusammenzuckte -- »noch steht der alte
Staat, aber das Volk ist in Gährung, nur an einem Kopfe fehlt es zu
klugen Rathschlägen, nur an einem Arme, das Banner der Freiheit voran
in die Reihen der Feinde zu tragen. Heute Nachmittag erst ist wieder
ein Bote aus der Stadt zurückgekehrt -- auf allen Lippen ist dort
_Ihr_ Name, ein neues Ministerium zu bilden und das Reich zu retten vor
Untergang und Verderben -- fort, in Ihren Händen liegt jetzt das Wohl
des Landes -- treten Sie dort frei und unerschrocken auf, und Ihre
Feinde, die jetzt noch mächtig sind, sinken in den Staub. -- Wirken Sie
wie bisher für die Armen, und das Volk wird Sie segnen!«
»_Marie_« -- sagte Wahlert mit tiefer schmerzlicher Rührung im Ton,
und wandte leise das bleiche leidende Angesicht des Mädchens gegen den
hellen Sternenschein -- »Du _hier_ und -- also? -- Meine arme Marie.«
Des alten Musikanten Tochter zitterte an allen Gliedern, auf einen
Augenblick stand sie wie unschlüssig zögernd, dann aber rief sie, rasch
sich sammelnd, »fort, fort!« -- und wandte das Angesicht wieder ab von
dem verrätherischen Schein -- »die Rasenden stürmen unten das Schloß,
und Ihr Name darf nicht mit der Mitwissenschaft dieses Frevels befleckt
sein -- vielleicht wäre es sogar noch möglich, sie zurück zu halten -- o
eilen Sie, eilen Sie um Ihret- -- um -- Sophiens willen.«
»Sophie? -- Ha -- wie kommt der Name auf Deine Lippen?« frug Wahlert
mehr erstaunt als erschreckt.
»Sie ist unten im Schloß!« sagte eintönig Marie.
»Die Hand der Bauern wird sich nicht gegen ihres Pastors Tochter
erheben,« rief Wahlert rasch, »aber wie dem auch sei, Du hast recht,
das Entsetzliche darf nicht geschehen, nicht Mord noch Brand die Bahn
bezeichnen, die der Freiheit Spuren hinterlassen. -- Dank Dir für den
Wink, und auf jetzt, einem freien herrlichen Ziel entgegen.«
Mit flüchtigen Sätzen flog er den Hügel hinab der Stelle zu, von wo
wüstes Toben und Geschrei zu ihm herüberdrang, und eben im günstigen
Augenblick kam er, um die entfesselte Wuth der Rasenden zu zähmen, die
sich im wilden Ansturm über den friedlichen Hof ergießen wollte.
Das Schloß des Thores war gesprengt, und mit lautem Jubelruf schwang
Krautsch, der Führer der Schaar eine gewichtige Brechstange um das
bloße, von wirrem struppigen Haar umflatterte Haupt, als Wahlerts
Riesenstimme, die mit dem kräftigen Wohlklange ihres Organs den
leisesten Schall seiner Worte schon über Tausende von gespannten
Zuhörern hingesandt, sein dröhnendes »_Halt_« zwischen die Massen
donnerte.
Wie von einem Zauber gebannt blieben sie stehen, und aller Blicke
wandten sich der kühnen edlen Gestalt zu, die sich rasch auf die niedere
Mauer des dicht an das Schloß stoßenden Obstgartens schwang.
»Zurück, Ihr Männer von Horneck!« rief der Mann, und sein Arm streckte
sich aus über die lautlos zu ihm aufschauende Rotte -- »zurück! -- wollt
Ihr Mord und Verwüstung tragen in ein friedliches Haus, und die Kraft
die Euch gegeben ward zum ersten Mal, wo Ihr sie fühlt in Eurem Arm,
nicht nützen, sondern gleich mit schmachvoller That _entweihen_? Der
Republik bringt Ihr ein freudiges Hoch, und während das Wort über die
Lippe klingt, schändet Eure Hand den Namen, den der Lufthauch noch
nicht entführt. Heilig sei Euch das Eigenthum -- gegen den Arm, der das
Schwert wider Euch geführt, nicht wider das Schwert selber braucht Eure
Kraft -- die Wurzel reißt aus dem Boden, die jene giftigen Schößlinge
getrieben, nicht die Schößlinge schneidet ab, denn mit jedem Frühling
würden ihr neue entwuchern. Fest zusammen steht wie _ein_ Mann, wie
_ein_ Herz, aber macht nicht wahr was Eure Feinde von Euch sagen,
daß gerade Ihr es wäret, die unter Republik und Freiheit nur Mord und
Plünderung verständen, daß gerade Ihr es wäret, die, blind und taub
gegen jedes ruhige Wort, nur dem wie wild gewordenen Stiere folgten,
der Euch zu roher gesetzloser That den blutigen Feuerbrand voraus
trüge. Macht zu Schanden die Lügen und Verläumdungen, die jene heimlich
bohrende Reaction gegen Euch ersonnen und ausgestreut, daß Ihr nicht
reif wäret, ein freies Volk zu sein, nicht reif zu menschlichen Rechten
und Gerechtsamen, nicht reif zu selbstständigem Handeln und Regieren --
machet die Lügen zu Schanden, Ihr bedürftet einer strengen starken Hand,
die Euch den Zügel fest und eisern im Gebiß erhielte, wenn Ihr nicht,
wie das ungebändigte Roß, toll und rücksichtslos über die Felder toben
und Saat und Erndte in den Boden hineinstampfen und verwüsten solltet.«
»Zeigt, daß Ihr wirkliche Republikaner seid -- stellt jenen schmähenden
Lügenzungen den kalten besonnenen Mannes-Ernst und Stolz entgegen, aber
weicht auch zurück vor einer That, die Euern Namen mit Schmach bedecken
und Euere Feinde triumphiren lassen würde -- gönnt ihnen die Freude
nicht, Euch schwach gesehen zu haben, gebt ihnen nicht die Waffen gegen
Euch selbst, durch solche That in die Hände. Verachtung dem, der Euch
bisher in starrem Joch gehalten -- Verachtung dem, der bisher sich nicht
entblödete, der Henkersknecht eines schurkischen Systems zu sein, das
nur, wie ein künstliches Maschinenwerk, die Kraft des Einzelnen
nicht aufkommen ließ, und ihn, hob er sich dennoch, unter die tausend
geschäftigen, wirbelnden, schwirrenden Räder warf -- aber dorthin die
Stirn gerichtet, dorthin die Lanzen eingelegt, dorthin den Geist und
Arm gestählt zu freiem Wort und freierer That, wo die Hand ruht, die
bis jetzt den Mechanismus dieser furchtbaren Räder gelenkt -- gegen
die Wurzel den Streich geführt, und kommt dann die Zeit, wo Deutschland
Eueres Armes bedarf, dann Freunde, dann Brüder heran zum fröhlichen
Siegeslied, zum schönen Waffentanz, und gebe dann Gott, daß er mir
erlaubt, Euch, Mitbürger unseres schönen herrlichen Vaterlandes, das
schwarz-roth-goldene Banner in luftigem Windeswehen und vom scharfen
Stahl geschützt, voran zu tragen.«
»Zu Hause jetzt mit Euch, ihr Leute, zu Hause, und bald, bald hoff' ich,
grüßen wir uns wieder im freien _einigen_ Reich.«
Ein laut donnernder stürmischer Beifallsruf folgte den Worten des
Redners, und zu ihm hin drängte die Menge nach der Mauer hinüber,
dem aber wollte er entgehen. Rasch sprang er hier herunter und wollte
unbemerkt an den Gartenmauern und Häusern in das Dorf hinein schlüpfen,
um von da aus die große, nach der Residenz führende Hauptstraße zu
erreichen, als ein kleiner Bursche seinen Arm ergriff und ihm zuwinkte,
seitab durch die Obstbäume, die den schmalen Weg begrenzten, zu folgen.
Da die Richtung ungefähr die rechte war, säumte er auch nicht, und
befand sich bald auf einem Fußweg, der ihn durch eine hier an das Dorf
stoßende kleine Lichtung nach wenigen hundert Schritten schon auf die
weiß in die Dunkelheit hinein schimmernde Chaussee brachte.
Dort an einem Kirschbaum stand ein ungesatteltes Pferd angebunden,
weiter aber war Niemand zu sehen, und der kleine Junge sagte lachend:
»So -- nu setzt üch uff, un immer grad naus, un denn kennt är nich
fählen.«
»Aber wem ist das Pferd?« frug Wahlert erstaunt.
»S'is vun der Herrschaft,« kicherte der Kleine, »aber das macht nischt;
wenn er an's Thor kimmt, läßt er'n Rappen widder loofen un vor Morgen is
der lange im Stall.«
Es war augenscheinlich eines der Pferde, die ihn seinem Kerker hatten
entgegenführen sollen, und jetzt stand es hier, bestimmt, ihn zu
Freiheit und Ehre zu tragen -- der Wechsel schien überraschend und
Wahlert konnte, besonders nach der letzten Versicherung des Knaben,
daß das Pferd seinem Eigenthümer keinesfalls verloren gehen würde, der
Versuchung nicht widerstehen. Als ein gewandter Reiter schwang er
sich rasch auf des geduldigen Thieres Rücken, dem Knaben ein kleines
Geldstück zuwerfend, drückte er seinem Gaul die Schenkel in die Flanken,
und fort klapperten in luftiger Schnelle über die harte stubengleiche
Chaussee die Hufe des munteren Renners, als er den kühnen nächtlichen
Reiter seinem Ziele entgegentrug.
In Horneck verlief sich indessen die Menge nicht sogleich, als es nach
dem ersten Eindruck der Rede wohl den Anschein hatte; die Gemüther
waren zu erregt, um sobald in das alte Bett ruhigen Gleichmuths
zurückzukehren; aber der unbändige Zorn, der ihren Geist noch vor
wenigen Minuten zu wilder, gefährlicher That getrieben, war beschworen
-- der Ruf an ihr Ehrgefühl hatte seine segensreiche Wirkung nicht
verfehlt. Aber Luft mußte die Stimmung haben, Luft auf eine oder die
andere Art -- war's nicht im Bösen, so doch im Guten, und Krautsch
selbst, dem der starke Trank jetzt mehr und mehr den Sinn verwirrte,
brachte das erste gemüthliche Lebehoch auf Herrn von Gaulitz aus.
Einmal im Zug und die Bahn schien leicht gefunden -- an demselben Abend
bekamen noch -- zu seinem nicht geringen Schrecken -- der Pastor, der
Schulze, der Wirth und die mißhandelten Flurschützen, die man in ihre
Wohnungen geschafft hatte, jeder eine unbestimmte Anzahl von Vivats, ja
selbst auf die Jäger hätte sich dieses Wohlwollen ausgedehnt; das Haus
derselben lag aber leider am anderen Ufer der Rausche und der Fluß
selbst zu weit von der Schenke ab, nach der sich die jetzt vollkommen
harmlose Schaar in später Nachtstunde noch zurückzog, dort einen
sogenannten »Schlaftrunk« nahm, und dann, höchst zufrieden mit dem
genossenen Abend, die eigene Heimath -- so gut das eben ging --
aufsuchte.
Siebentes Kapitel.
Wie es in Horneck aussah.
Acht Monate waren seit den, im letzten Kapitel berührten Umständen
verflossen; in Deutschland hatte es in loderndem Freiheitsmuth gekocht
und gegährt, und an allen Orten und Enden waren die züngelnden Flammen
vorgebrochen. An allen Orten und Enden standen aber jetzt auch die
Fürsten wieder bereit, die für das ganze so morsche, und doch noch
nicht zusammengebrochene Staatsgebäude schon kaum mehr gefährliche
Feuersbrunst, wo sie sich nur zeigen würde, mit vollen kältenden
Wasserfluthen zu empfangen und zu unterdrücken. -- _Die_ Gluth, welche,
auf einen Punkt concentrirt eine Welt hätte zusammenschmettern müssen,
knisterte und knatterte jetzt in nutzlosen Sprühteufeln und Raketen
zwischen den Füßen der lächelnd zuschauenden Potentaten herum und die
Revolution lag, wie ein verwundeter Leu -- furchtbar noch in ihrem
Tod und der Erinnerung an die Kraft, die einst diesen jetzt machtlosen
Körper belebt, mit ausquellenden Adern sterbend am Boden.
Sterbend? -- und tagte nicht noch in Frankfurt am Main das deutsche
Parlament? -- saßen nicht dort noch die Männer des Volks, die eben aus
der Revolution hervorgegangenen Vertreter des deutschen Vaterlandes
zusammen, und schmiedeten sie nicht noch rüstig fort an den künftigen
deutschen Rechten eines einigen Reiches?
Ja, die _Vertreter_ des Volkes saßen noch zusammen, und der Sturm und
Kanonendonner von Wien, und die tausend und tausend blinkenden Bayonette
Berlins waren nicht im Stande gewesen einen direkten Einfluß auf den
ruhigen Geist einer Versammlung zu üben, die den besten Saft und Mark
von Deutschlands treusten Herzen in sich schloß, wo aber war das Volk
selber, das einige deutsche Volk, das seine Gesandten nach der alten
Reichsstadt geschickt hatte und aus ihren Händen ihr künftiges Heil
erwartete? Von ehrgeizigen tollen Hitzköpfen an allen Orten erregt und
aufgewühlt, riß es auf der einen Seite nieder, während auf der anderen
gebaut wurde. Gewissenlose Menschen, meist in Verhältnissen lebend, in
denen sie, bei einem Umsturz alles Bestehenden, nie etwas verlieren und
immer nur gewinnen konnten; herumziehende politische Comödianten, die
von Stadt zu Stadt reisten und in Volksversammlungen -- und Gott weiß
es, was Alles unter _Volks_versammlungen verstanden wird -- die Jugend
mit ihren tausend und tausendmal wiederholten und wiedergekäuten Phrasen
aufreizten, Subjekte, die »im Großen nichts verrichten konnten und es
nun im Kleinen anfingen,« machten die so heiß von Deutschland ersehnte
und endlich so herrlich realisirte Hoffnung des deutschen Parlamentes
zum Kinderspott. Kaum sahen sie ihre aus der Majorität der Wähler
hervorgegangenen Gesandten eingesetzt, als sie in machtlosem Ingrimm,
nicht selber mit da oben tagen zu können, an dem Gebäude zu rütteln
anfingen, das erst eben errichtet worden. Anstatt jetzt wie _ein_
Mann zusammenzustehn und den Beschluß der Männer, die das Wohl des
Vaterlandes nach besten Kräften berathen sollten, mit ihren eigenen
Leibern zu schützen, wenn etwa die Reaction sich gegen die, schon durch
diese Wahl bewiesene Souverainetät des Volkes auflehnen sollte, damit
die Vertreter der Nation auch Vertrauen faßten zur deutschen Stärke
und Einigkeit, wiegelten sie die rohe ungebildete Masse gegen sie auf,
verdächtigten ihre Beschlüsse, oft noch ehe sie ausgesprochen worden,
reizten zu Mistrauensadressen, die von Leuten mit unterschrieben wurden,
denen es bis jetzt noch nicht einmal klar geworden, was eigentlich
die Männer in Frankfurt sollten, riefen, das Werk überstürzend, die
Gleichgesinnten zu einem neuen Parlamente auf, säten also Haß und
Unfrieden und verlangten Heil und Segen davon zu erndten.
War es den in ihren Grundvesten schon erschütterten Thronen da zu
verdenken, daß sie, in der Uneinigkeit der Völker die eigene Macht
wieder zu befestigen suchten? und wurden ihnen nicht gerade von den
blind und wahnsinnig sich überstürzenden Demokraten die schon fast
verlorenen Zügel selber, ja ohne nöthigen Versuch einer Reaction, wieder
in die Hand gedrückt?
Die wenigen ehrgeizigen gewissenlosen oder auch blinden Menschen,
die entweder nicht sehen wollten, daß Deutschland noch nicht reif zur
Selbstregierung sei, und daß es an intellektuellen Kräften fehle, das
Ruder einer Republik fest und sicher durch den Sturm der bewegten Zeiten
zu führen, oder die selbst verblendet genug waren, sich für fähig
zu halten, das siegestrunkene, aber unselbstständige Staatsschiff zu
leiten, oder die endlich, welche wirklich mit treuem und ehrlichem
Herzen für eine große deutsche Republik geschwärmt, und in all ihrem
Dichten und Träumen nur nicht bedacht hatten, daß man zu einer Republik
auch Republikaner bedürfe, reizten das Volk, das unter Selbstregierung
nur Freiheit von Steuern und Gesetzen verstand, zu wilden und durch
Worte nicht mehr zu bändigenden Schritten an. In Versammlungen, wo die
gewöhnlichen und alltäglichen Phrasen ihnen nicht schmeichelten, sie
nicht freie und zu jeder Regierungsform reife Menschen nannten, wurde
jedes parlamentarische Gesetz mit Füßen getreten, die Freiheit der
Wahlen selbst durch Terrorismus beschränkt, den Abgeordneten der
Ständekammern, die frech genug waren nach eigenem besten Gewissen
handeln zu wollen, mit allem gedroht, was nur versprach, eine Wirkung
auf etwas zaghafte Gemüther auszuüben. Kurz ein so verworrener Zustand
trat ein, daß selbst ein großer Theil der früheren Freiheitsschwärmer,
wenigstens alle die, welche nur etwas kälteres Blut besaßen,
zurückschraken, wenn sie bedachten, daß sie mit diesen Horden _einen_
Weg gehen sollten, und die ungeheuere Zahl der ruhigen Bürger, die bis
dahin einem Fortschritt keineswegs abgeneigt gewesen, und sicherlich für
eine höchst liberale Vertretung ihrer selbst gestimmt hätten, plötzlich
in Todesangst gerade zum Extrem übergingen, um jetzt, da sie glaubten,
daß es noch eine Wahl für sie gäbe, lieber den alten, wenn auch faulen
Zustand zurückzuführen wünschten, ehe sie solche Menschen an der Spitze
einer nicht _Regierung_, sondern _Zerrüttung_ Deutschlands sähen.
Berlin war in Belagerungszustand erklärt und die Nationalversammlung
aufgelöst worden; vom Stephansthurm zu Wien flatterte die schwarzgelbe
Fahne und Fürst Windisch-Grätz durfte es wagen, sogar ein Mitglied der
für unverletzlich erklärten Nationalversammlung Frankfurt's hinzurichten
-- bedarf es eines weiteren Commentars, um den Zustand Deutschlands zu
schildern?
»Die Reaction hat für den Augenblick gesiegt und der neue Frühling
muß uns auch eine neue, aber blutigere Siegespalme bringen« riefen
zähneknirschend die Democraten, oder die, die sich Democraten nannten --
denn _der_ Name ist leider Gottes in letzter Zeit wahrhaft gemishandelt
worden. --
»Der Anarchie sind die Hände gebunden,« schmunzelten auf der
anderen Seite die platt gesichtigen schwänzelnden Hofmenschen, die
Speichellecker der Fürsten und sogenannten Großen -- »ein gesetzlicher
Zustand ist zurückgekehrt« -- und Adressen reichten sie ein an
die Generäle, die das Machtschwert in den Händen hielten, den
Belagerungszustand nur noch ja und um Gotteswillen ein wenig zu
verlängern, oder wenn es anginge, viel zu verlängern -- vielleicht --
o süßer Gedanke -- ihn ganz fortbestehen zu lassen -- o wie wohl sich
dieses knechtische Geschmeiß unter dem Schutze der Kanonen fühlte.
Und der jungen Freiheit wurden indessen die Flügel beschnitten, Presse
und Vereinsrecht beschränkt und die wenigen Errungenschaften des
Frühlings verkümmert und gekürzt; das Volk aber wüthete indessen gegen
sich selbst und brach seine Kraft in unnützem schimpflichen Streit und
Unfrieden.
So stand es in Deutschland -- aber auch in Horneck, der kleinen, in
mancher Hinsicht für sich abgeschlossenen Welt, hatte sich Vieles
verändert. »Was seine äußere politische Gestaltung nämlich betraf, so
war auch Horneck,« wie der Pastor nämlich mit wohlwollendem Lächeln
meinte, »in höchst merkwürdiger Weise mit der Zeit fortgeschritten,«
und diese »würdige Weise« bestand denn auch allerdings in _einer_
»Errungenschaft« -- die sie aber gern schon wieder los gewesen wären und
diversen anderen »Versprochenschaften«, nach einem neueren, durch die
Zeit gebornen Ausdruck.
Die Errungenschaft war der Communalgardendienst, denn nach den
verschiedenen tumultuarischen Auftritten vor dem Schlosse, ja besonders
der gewaltsamen Befreiung des Gefangenen wegen, hatte Herr von Gaulitz
der Gemeinde angezeigt, daß er, »zum Schutz des Eigenthums« Militair
requiriren werde. Dagegen war aber Doctor Levi mit aller Kraft seiner
lispelnden Beredtsamkeit aufgetreten -- der Schrei »Volksbewaffnung«
ging damals durch das Land, und »Volksbewaffnung« mußte auch den
Bewohnern von Horneck werden -- es war das ein _Recht_, was sie zu
_fodern_, keine Gunst, die sie zu erbitten hatten, und Militair --
verweigerte das Dorf.
Die Rede gefiel den Bauern ungemein, denen an der Einquartierung
aus mehr als einem Grunde gar nichts gelegen war, sie foderten
Volksbewaffnung und erhielten sie mit der Vorausbedingung, »daß sie dann
auch für die Ruhe des Ortes haften müßten«, was, wie die Bauern meinten,
sich von selbst verstände.
Doctor Levi meinte aber gerade das Gegentheil, für die Ruhe eines Ortes
könne keine Gemeinde haften, denn man wisse gar nicht, was jeder Tag
für neue Ereignisse gebären möge, die gerade Unruhe im wahren Sinne des
Wortes verlangten, und da sei ein solch' gegebenes Versprechen nachher
etwas sehr Unpolitisches. So schön er aber auch diese seine Ansicht
motivirte, so blieb er doch damit in einer höchst bedeutenden Minorität
und die Bürgerwehr wurde in Horneck, dem Grundsatze nach, daß alle
Bürger im Staate einander gleich, also auch gleich berechtigt seien zum
Besten und Schutz ihres Vaterlandes Waffen zu tragen, organisirt. Um
übrigens wahrscheinlich den Grundsatz der Gleichheit besser ausführen
zu können, theilte sich die kleine Gemeinde, die ohnedies kaum _eine_
ordentliche und vollzählige Compagnie stellen konnte, in _zwei_, weil
die _Bauern_ und _Häusler_ (solche, die kein Bauerngut haben, sondern
nur, gewöhnlich vom Gut gepachtet, ein Haus bewohnen) doch unmöglich
Seite an Seite in Reih und Glied stehen konnten. Es machte sich dabei
wie zufällig, daß die Bauern, die »mit vieren fuhren«, den ersten,
die hingegen, die nur mit zwei Pferden fahren konnten, den zweiten Zug
bildeten, die Offiziersstellen bekamen natürlich solche anvertraut, die,
wenn sie das Commando auch noch nicht verstanden, doch angesehene Leute
im Dorfe waren, und ihrer Compagnie keine Schande machten. Sie hätten
wohl einen unter sich gehabt, der sich zum Hauptmann ganz vortrefflich
geeignet hätte, es war das ein alter gedienter Soldat, der die Feldzüge
von Dreizehn als Corporal mitgemacht, und das Commando aus dem Grunde
verstand, das war aber leider ein ganz armer Schlucker, der keine Hufe
Landes besaß, und deshalb mußte allerdings von ihm abgesehen werden.
Doctor Levi hatte übrigens später Horneck verlassen, um dem
Demokratencongreß in Berlin beizuwohnen, war aber vorher noch nach Wien
gegangen, und dort im Belagerungszustand verschollen, wenigstens drang
keine Kunde von ihm nach Horneck.
Den Verlust hätten die Hornecker nun allerdings verschmerzen können, ein
weit schmerzlicherer stand ihnen aber in der Versetzung ihres Diaconus
bevor, dem Pastor Scheidler, aus »Wohlwollen für den Diaconus«, wie er
selber sagte, eigentlich aber wohl aus einem anderen Grunde, eine kleine
Pfarre in einem ganz abgelegenen Winkel des Rauschenthales verschafft
hatte. Der Diaconus war nämlich, um die Sache gleich beim rechten Ende
anzufassen, für die Bauern in Horneck ein klein bischen zu gescheut,
und -- denn das allein wäre kein Fehler gewesen, wenn er es nur gut
zu benutzen verstand -- als Hauptmißgriff zu _offen_ mit den Leuten.
»Denken Sie sich nur, Herr von Gaulitz,« hatte der durch solche
Unvorsichtigkeit auf's Höchste bestürzte Geistliche einst zum
Gutsbesitzer gesagt, »der Mensch (er meinte den Diaconus) kommt neulich
mit einigen Bauern zusammen, die fragen ihn, nach ihrer albernen Weise
>auf's Gewissen<, was es mit der Trennung der Schule von der Kirche für
eine Bewandtniß habe, und ob es wahr sei, daß die Kinder dann gar
keinen Religionsunterricht mehr kriegten und »so« aufwüchsen, und
der Leichtsinnige redet ihnen das nicht allein gänzlich aus, sondern
vertheidigt auch noch die Trennung -- ja was sage ich Trennung -- das
Auseinanderreißen der beiden so innig verbundenen Institute -- ja Herr
von Gaulitz, versichert den holzköpfigen Bauern gar, daß ihre Kinder
dann eine bessere Erziehung bekommen würden, weil der Mann, der sie
lehrte, frei seinem eigenen Plane folgen könne, von den Kindern, wenn er
sich Achtung und Liebe zu verschaffen wüßte, auch wirklich geachtet und
geliebt würde, und nicht der untergeordnete Diener des Geistlichen, wie
das jetzt für den ganzen Stand eine wahre Schmach gewesen, mehr sei. --
Der Mensch ist wahnsinnig, denn er wüthet gegen das eigene Fleisch und
Blut.«
Der Herr von Gaulitz lächelte jedoch damals und erwiederte nur ruhig:
»Mein lieber Pastor, _derlei_ Sachen kennen wir besser; der Diaconus ist
jetzt noch ein sehr freisinniger, vielleicht ein für seinen Stand etwas
zu freisinniger Mann, aber das giebt sich, Herr Pastor, das giebt sich
-- nur ein halbes Jahr Pastor und die Saiten haben einen ganz anderen
Klang.«