da Wahlert, und ergriff die bittend gegen ihn ausgestreckte, sich seinem
Drucke nicht entziehende Hand -- »kennen Sie mein Vergehen, so sind Sie
auch selber im Stande, zu verstehen, was mich bedroht. -- Man hat eine
Correspondenz aufgefangen, die ich mit Frankreich unterhalten, von dort
her unsere deutschen Brüder zu Hülfe zu rufen und die fröhliche rothe
Fahne der Republik auf Deutschlands Berge zu pflanzen. In diesem
Augenblicke haben die Freunde vielleicht schon einen Einfall in Baden
gewagt, oder stehen wenigstens in Waffen an der Grenze, ich aber, der
jetzt hier wirken und schaffen sollte, daß auch wir, die wir unter dem
Drucke der Tyrannei geschmachtet, denen die treue Bruderhand reichen,
die Heerd und Arbeit verlassen haben, uns zu Hülfe zu eilen, ich bin
hier von Kerkermauern umschlossen und kann, darf nicht hinaus in's
Freie.«
»Und glauben Sie, daß nach diesem Vergehen Gefahr -- vielleicht Ihr
Leben bedroht?«
»Mein Leben? -- ich fürchte kaum -- allerdings sind die Beweise gegen
mich klar genug und dem alten Regime wäre das Aeußerste zuzutrauen, wo
es ja auch vielleicht die eigene Erhaltung gilt --«
»Dann fliehen Sie -- fliehen Sie, so rasch Sie können, und verlassen Sie
Deutschland so lange noch der Frieden nicht wieder hergestellt ist, und
die Gemüther sich beruhigt haben -- ich wußte den Schließer zu gewinnen
-- er dankt mir Alles, was er auf dieser Welt besitzt, und will selbst
seine Stelle daran setzen, mir zu dienen -- fort -- fliehen Sie so lange
Ihnen noch Zeit dazu vergönnt ist, hält erst der Morgen vor der Thür, wo
Ihnen jedenfalls Bedeckung mitgegeben wird, dann ist es zu spät und Sie
sind verloren.«
»Und soll ich, ein flüchtiger, mit Steckbriefen verfolgter Verbrecher
diesen Ort verlassen? Soll ich das einzige Land meiden, wo ich bis jetzt
gekannt bin, wo ich wirken und das gute Werk fördern kann? -- Soll ich
meinen Feinden die Freude machen, daß sie mich wie einen entsprungenen
Sträfling für vogelfrei erklären und auf mich fahnden lassen dürfen.
Lebte noch Recht und Gerechtigkeit, so müßte das Volk mit eisernem Arm
meinen Kerker brechen, und auf seinen Schultern den in's Freie tragen,
der mit Herz und Kopf sich ihm allein geweiht, so aber schlafen sie
selbst noch in der Residenz, das Ministerium, dem Millionen fluchen,
steht fest und unerschüttert, und seine Macht ist noch wie vorher
unge--«
Er schwieg plötzlich, denn ein kleines Paket fiel schwer aber weich
durch die Gitterstäbe des offenen Fensters auf die Kleien in's Zimmer.
Wahlert wie Sophie standen mehrere Secunden still und regungslos, und
deutlich konnten sie dabei hören, wie sich draußen Jemand leise aber
rasch entfernte.
»Was war das?« flüsterte der Gefangene endlich und hob das Päckchen vom
Boden auf -- »kommt das von Freundeshand?«
Rasch löste er den Faden, der es umschlossen hielt -- es enthielt
zwei starke Feilen, einen Geldbeutel, einen kleinen Brief, ein dünnes
Wachsstöckchen und eine schmale Schachtel Zündhölzchen. Leise nannte er
die Artikel, als er sie einzeln betastete und in seine Tasche schob --
nur den Brief und das Feuerzeug behielt er noch in der Hand.
»Dürft' ich es wagen, Licht zu machen,« flüsterte er, »so könnte ich
wenigstens lesen, was mir mein unbekannter freundlicher Helfer schreibt
-- doch halt -- geh' ich hier dicht an die Wand unter das Fenster,
so kann man den Schein von außen unmöglich erkennen, oder wird doch
wenigstens glauben, daß mein Gefängnißwärter einmal bei mir sei.«
Rasch trat er an den bezeichneten Platz, bog sich so weit als möglich
über, öffnete den kleinen zusammengefalteten Zettel, zündete dann
eines der Streichhölzchen an, und las bei dem mattflackernden Schein
desselben:
»Fliehen Sie so rasch und schnell Sie können -- um neun Uhr ist es zu
spät -- sind Sie in Freiheit, so verbrennen Sie diese Zeilen. Scheidler
-- Pastor.«
»Mein Vater!« rief Sophie erstaunt.
»Hm,« murmelte Wahlert, als er das verlöschte Schwefelholz auf die Erde
warf und Feuerzeug wie Brief in die Tasche schob -- »der Geistliche des
Orts interessirt sich für mich, den Republikaner? -- Verdanke ich das
meiner Gesinnung oder meiner -- Geburt.«
»Das Ministerium sollte gestürzt werden,« rief da Sophie, der es ein
schmerzliches Gefühl war, daß der Mann, der sich selbst so uneigennützig
für Andere geopfert, gerade diese Ursache, und ach, mit viel Grund, in
ihres Vaters Handlungsweise suchen sollte -- »er wird seinem Freunde,
dem Gutsherrn und Gerichtshalter, die unangenehme Nothwendigkeit
ersparen wollen, seine Pflicht zu thun -- überhaupt scheint auch wieder,
aus einer mir unbekannten Ursache, das Dorf in Aufregung zu sein; als
ich hierher eilte, standen eine Menge Menschen vor der Schenke, und der
Diaconus war kaum im Stande, den wilden tobenden Lärm in Schranken zu
halten.«
»Das Ministerium gestürzt? Das Dorf in Aufregung?« rief da Wahlert und
richtete sich plötzlich rasch und fröhlich empor -- »hei mein Volk, da
schlägt der Freiheit Stunde, und hast Du so die Ketten der Lethargie
abgeschüttelt, dann brauch ich auch nicht wie ein schuldbewußter feiger
Missethäter zu entfliehen.«
»Mamsell Sophiechen!« rief in diesem Augenblicke draußen vor der Thür
die warnende Stimme des alten Voigt -- »Mamsell Sophiechen, was Sie thun
wollen, thun Sie schnell -- oben im Dorfe ist ein merkwürdiger Spektakel
und eben ist die Kutsche in's Gut gebracht. Wenn Sie noch lange machen,
können Sie am Ende selbst nicht mehr heraus.«
»Herr Wahlert,« flüsterte Sophie in Todesangst -- »bauen Sie nicht --
trotzen Sie nicht auf die Menge, auf die Bauern von Horneck. -- Für
politische Größe haben sie keinen Sinn -- wo ihr materieller
Nutzen nicht in's Spiel kommt, wo sie nicht einen wirklichen leicht
begreiflichen Vortheil zu erringen hoffen, sind es die entsetzlichsten
Egoisten -- und ein Nutzen, wie _die_ ihn im Stande sind zu verstehen,
kann ihnen aus Ihrer Befreiung nicht erwachsen. Als sie sich neulich
zusammenrotteten, bedurfte es nur weniger Worte des Gutsherrn, den Sturm
zu beschwören -- der Doctor Levi, der sich ihrer Gleichgültigkeit
mit Gewalt entgegenstemmen wollte, wurde mißhandelt, und die heutigen
Zeitungen melden, wie die Bewohner der Residenz sich schon wieder
den Verfügungen der Residenz unterzuordnen scheinen, wonach es denn
wahrscheinlich wäre, daß sich die Minister am Ende doch noch hielten.
O fliehen Sie, fliehen Sie, wenn nicht um sich zu retten, doch um
des Volkes willen, dem Ihr Streben gilt -- fliehen Sie, ohne einen
Augenblick weiteren Zögerns -- die Minuten schwinden in rasender
Schnelle und bald, o Gott, wie bald könnte es zu spät sein.«
»_Zu spät_, allerdings ein bedeutungsvolles Wort,« lächelte Wahlert,
»aber nicht für mich -- ist das alte Reich der Residenz aus seinen Fugen
gerüttelt, ja, wäre es selbst einmal noch nicht vollkommen gestürzt,
dann wird es dieser Oberpostdirector wahrlich nicht wagen, mich irgend
einem Gericht zu überliefern; ja, thäte er es, er fände keins, das sich
in diesem Augenblicke seinen Anforderungen fügte -- nein, kocht und
gährt es schon hier in dem stillen Orte, dann ist auch kein Zweifel
mehr, daß des Volkes freier Sinn den Mann, der seinethalben hier in
Banden liegt, mit kräftig muthiger Hand befreien wird. Ein Gewaltstreich
muß aber erst, und zwar vom Volke aus, geschehen sein, ehe die Flamme
des Aufruhrs sich erheben und furchtbar vorwärts schießen kann über das
weite Land -- unser Vaterland ist nun einmal zerstückelt und in jedem
kleinen Theile desselben muß leider die Revolution auf's Neue geboren
werden -- _unsere_ Aufgabe aber ist es dann, das junge, seiner kaum
bewußte Kind in Blitzesschnelle zum Riesen heranzubilden, und auf seinen
Schultern lagern wir nachher in sicherer Ruhe, wenn seine Keule unter
und neben uns die Throne zu Boden schmettert und nur unser Geist die
gigantische Kraft des Kolosses zu leiten braucht.«
»Sie tödten mich und sich mit diesem starren Trotz,« bat die Jungfrau
-- »Sie kennen den Gutsherrn nicht, dessen boshaft trotziger Geist
das Aeußerste daran setzen würde, seinen einmal ausgesprochenen Willen
durchzuführen -- verlassen Sie nur jetzt wenigstens den Hof -- um
_meinet_willen, Wahlert -- wenn nicht um Ihret-, nicht um Ihres alten
Vaters willen --«
»Sophie,« flüsterte der junge Mann, und das wilde, unzähmbare Herz, das
bei der früheren Nachricht vom Sturz des Ministeriums schon tausend und
tausend kühne und luftige Pläne gebaut, zitterte vor dem weichen Tone
dieser sanften Stimme und beugte sich der holden Angst des süßen Kindes
-- denn diese Angst füllte ja die reine heilige Brust für ihn -- für ihn
lebte die schlanke Gestalt und schmiegte sich zagend, verzweifelnd an
sein Herz, als er den Arm mit leisem beschwichtigenden Trost um ihre
Achseln legte.
»Sophie,« flüsterte er endlich und drückte einen Kuß auf ihre bleiche
Stirn -- »Sie schaffen mir den Kerker zu einem Himmel um, und machen
mir die Stunde, die, ehe Sie kamen, meine trübste war, zu einem seeligen
Augenblick. Ich glaubte, ich wäre stark und mein einmal gefaßter
Entschluß nicht mehr zu ändern -- ich bin aber nur wie ein schwankendes
Rohr, das ein Hauch ihrer Lippen bewegen kann. -- Gut, ich will fliehen,
süßes Kind, will Ihrem Rathe folgen, so mit Gott denn und seiner
kräftigen Hülfe. Er wird ein freies wackeres Volk nicht verlassen, und
wenn er seine _Engel_ schickt, kann seine Hand nicht irre leiten. So
leben Sie denn wohl -- zum zweiten Male wohl, wo Sie mir als rettender
Schutzgeist erscheinen und möge Germania's Fylgia die That Dir lohnen,
die Du an einem ihrer treuesten Söhne gethan. Schütz Dich Gott, mein
süßes Kind.«
Mit fieberhafter Angst hatte Sophie indessen mehr und mehr der Thüre
zugedrängt, denn ihr scharfes Ohr vernahm draußen Klänge, die ihr das
Blut in den Adern erstarren machten -- das Rasseln eines leichten Wagens
wurde laut -- Rosse stampften, und dicht vor der Thür des Hauses hielt
er an.
»Großer allmächtiger Gott, es ist zu spät,« stöhnte die Jungfrau, und
nur Wahlert's Arm hielt sie in diesem Augenblicke aufrecht, daß sie
nicht vor Angst und Schmerz zusammenbrach.
Ein lautes Klopfen an der Thür bestätigte ihre Worte.
»Hallo da --« rief eine Stimme, die sie bald an den gellenden Tönen als
die des jungen Poller erkannte -- »hallo, Voigt -- seid Ihr schon zu
Bett? -- Aufgemacht! -- Droben im Dorfe ist der blanke Satan wieder
los!«
Die kleine Thüre des Gefängnisses öffnete sich zu gleicher Zeit und das
bestürzte Gesicht des alten Voigt wurde drinnen sichtbar.
»Sehn Sie, wie ich Sie nicht umsonst gewarnt habe, Mamsell,« rief er mit
bitterer Angst im Ton, aber zu leisem Flüstern unterdrückter Stimme --
»jetzt nur fort und in meine Stube, sonst Gnade mir und Ihnen der liebe
Herr Gott.« Und ohne eine weitere Antwort des armen Kindes abzuwarten,
ergriff er ihren Arm und zog sie rasch durch die geöffnete Thür nach
seiner Stube hinüber.
»Aber was wird aus _ihm_?« bat mit leisem Flehen die Jungfrau -- »wenn
er nur durch Euer Fenster --«
»Jetzt, wo die Gerichtsdiener vor dem Hause stehen?« zischte in
unbegrenztem Erstaunen der Greis -- »na, weiter fehlte mir gar Nichts.«
»Hallo da, Voigt!« schrie die piepige Stimme noch einmal draußen, und
ungeduldiger als vorher -- »was zum Teufel hast Du da drinn zu flüstern
und zu fispern -- aufgemacht -- der Herr Oberpostdirector kommt eben
die Treppe drüben herunter und der -- ich dächte, Du wüßtest das, wartet
nicht gern lang.«
»Fort -- fort -- jetzt ist's zu spät!« flüsterte der alte Voigt
und schob das zitternde Mädchen ohne Weiteres in seine Stube, deren
Schlüssel er abzog, drückte die Gefängnißthüre in's Schloß und öffnete
dann rasch den anderen Eingang.
Er stellte sich hier schlaftrunken, als ob er eben erst erwacht und von
seinem Lager aufgesprungen wäre, die Männer dort nahmen aber gar keine
weitere Notiz von ihm -- mit einigen kräftigen Flüchen, daß er sie so
lange hatte warten lassen, traten sie in den Gang, ließen sich, auf
Befehl des Herrn von Gaulitz selber, der in diesem Augenblicke ebenfalls
am äußeren Eingang erschien, die Gefängnißthüre öffnen, und führten
gleich darauf den Gefangenen heraus an den Wagenschlag.
Wahlert warf hier den Blick im Kreis herum, und der warnenden Worte des
holden Pastorkindes gedenkend, schien er im ersten Moment gar nicht übel
Lust zu haben, einen Versuch zu machen, ob er nicht das Freie gewinnen,
oder doch wenigstens die Leute aus dem Dorfe dadurch herbeiziehen
und vielleicht einen Aufruhr zu seinen Gunsten anfachen könne, die
Gerichtsbeamten aber, die ihn umstanden, sahen zu entschlossen und
kräftig aus, um ihm auch nur die geringste Hoffnung auf günstigen Erfolg
zu geben -- das große Thor war dabei ebenfalls noch verschlossen, und
der dabei stehende Wächter harrte erst des Zeichens, es zu öffnen und
dem Wagen den Durchgang zu gestatten, während in das kleinere eben
mehrere Ackerknechte hereinkamen und ihm auch da die Flucht abschnitten.
Rasch trat er da zum Schlag und hob den einen Fuß, um hineinzusteigen --
nur noch einmal wandte er den Kopf und frug den Oberpostdirector, der in
diesem Augenblicke dicht neben ihm stand:
»Und wo führen Sie mich hin?«
»Werdet's schon noch zeitig genug erfahren!« lautete aber die barsche
Antwort, die beiden Gerichtsdiener schoben ihn in den Wagen und sprangen
selbst nach, der Schlag flog zu, der Kutscher, der schon oben auf
dem Bocke saß, knallte mit der Peitsche -- auf knarrte das Thor, die
rüstigen Rosse zogen an und mit Windesschnelle rasselte die leichte
Karosse, von den kräftigen Thieren gezogen, über den Plan hinaus, den
Berg aufwärts.
Sechstes Kapitel.
Ein Republikaner.
Müllers Friede und Krautsch waren, wie schon früher erwähnt, nach der
Rauschenmühle gegangen, um dort den Aerger über die verlornen Hasen, wie
das fatale Gefühl gar bald vielleicht wegen Wilddiebstahls vor Gericht
geladen zu werden, in spirituosen Getränken zu ersäufen. Dort fanden
sie Gesellschaft genug, und auch solche, die gern mit ihnen in ein
und dasselbe Horn stieß; der wachsende Grimm, der dadurch immer
neue Nahrung, nirgends aber einen Widerstand fand, reizte die tollen
Burschen, von dem übermäßig genossenen Kartoffelbrandtwein kräftig
dabei unterstützt, zu immer größerem Uebermuth. Der Zorn, der Anfangs in
allgemeinem Fluchen und Schwören seinen Ausbruch gefunden, lenkte
sich in eine bestimmtere Bahn, und zwar gegen die Jäger und den
Rittergutsbesitzer. Der alte Holke war schon manchem von diesen
trotzigen Gesellen störend bei ungesetzlichem Forst- oder Wildfrevel in
den Weg getreten; kaum Einer befand sich hier, der nicht schon entweder
einmal vier oder sechs Wochen gesessen, oder schwere Strafe hatte zahlen
müssen, und als endlich Einer im wilden Rausch den Vorschlag machte,
noch einmal wie neulich, hinunter auf's Gut zu ziehn und den Herrn von
Gaulitz aufzufordern, seine beiden Jäger zu entlassen, stimmte die
Masse jubelnd ein, und man vereinigte sich nur noch darin, erst in
der Hornecker Schenke die Gleichgesinnten aufzufordern, sich ihnen
anzuschließen.
Etwa funfzehn junge Burschen marschirten solcher Art mit ihren Flaschen
in der Linken und großentheils tüchtigen Knitteln in der rechten Faust,
Horneck zu, und wurden hier mit Jubel von einer nicht geringen Zahl zu
jedem Exceß Bereiter empfangen. Diese, die noch immer den Anhang des
=Dr.= Levi bildeten, rückten den würdigen kleinen Mann denn auch ohne
Zögern vor's Quartier, und forderten ihn auf, noch einmal ihr Führer und
Sprecher zu sein. Der kleine Doctor mochte aber doch wohl ein Haar darin
gefunden haben, sich an die Spitze der Hornecker Bauern zu stellen --
Hornecker Fäuste hatten ihm wenigstens viel zu nachdrücklich zu verstehn
gegeben, was sie sich unter der _Freiheit_ dächten. Ueberdieß war auch
noch das Gerücht zu ihm gedrungen in Sockwitz liege Militair, und
er wollte es deshalb wahrscheinlich nicht darauf ankommen lassen,
vielleicht ebenfalls als Rädelsführer aufgegriffen und dahin abgeliefert
zu werden. »Die Aristokraten leisteten noch zu vielen Widerstand,
_Horneck war noch nicht reif für männliche That_,« und Levi's Fenster
blieb dunkel, seine Thüre verschlossen, als von unten herauf der laute
Ruf nach ihm an sein Ohr drang.
Längere Zeit stürmte und lärmte indeß die Menge vor dem kleinen Haus
und durch Neugierige vermehrt war die Schaar schon zu einem nicht
unbeträchtlichen Haufen angewachsen; diesem fehlte aber ein Führer,
Jemand, der die Ordnunglosen hätte leiten und zu einem bestimmten Ziel
hinführen können. Viele schrien eben nur, weil sie sich selber gern
wollten einmal schreien hören, Andere standen ganz erstaunt und
wunderten sich, daß noch immer kein Gerichtsdiener kam, der sie sammt
und sonders einsteckte, und befanden sich dabei fortwährend auf dem
Sprung, um bei erstem Anzeichen irgend einer Gefahr ungesäumt ihr Heil
in der Flucht zu suchen. Auch in den benachbarten Straßen vertheilten
sich schon Einzelne und die drohende Fackel des Aufruhrs schien auch
dießmal für Horneck ruhig und unschädlich verlöschen zu sollen.
* * * * *
Als Marie die Pfarre verlassen hatte, kehrte sie in die kleine enge
Wohnung zurück, die ihr Vater für sie Beide der Ersparniß wegen in
Horneck gemiethet hatte -- aber auch hier litt es sie nicht lange --
draußen, draußen entschied sich jetzt das Schicksal eines Mannes, an
dem ihr Herz mit all seinen geheimsten und innersten Fasern hing, und
draußen mußte sie sein, sollte sie nicht hier in den eng umschlossenen
Räumen vor Qual und innerer Seelenangst vergehen. Aber auch nicht oben
im Dorfe ließ es ihr Ruhe; mit der Dämmerung schlich sie wieder hinunter
zum Hof und wußte sich endlich in dem Wagenschuppen, hinter dort
aufgeschichteten Reisigbündeln zu verbergen, von wo aus sie das dicht
vor ihr liegende Gefängniß wie die Thüre des Herrnhauses zugleich und
vollkommen übersehen konnte.
Von dort aus erkannte sie des Pastors Tochter, die im dunkeln Gewande in
die Thür des Gefängnisses schlüpfte; von Gefühlen gefoltert, die ihr das
Blut in rasender entsetzlicher Schnelle durch die Adern jagten, harrte
sie in ihrem Versteck der Rückkunft des Mädchens, der Rettung des
Gefangenen -- ihr war auch der helle Schein nicht entgangen, der, wenn
auch nur für einen Augenblick, den inneren Steinfries des begitterten
Fensters erhellte -- die Minuten wurden ihr zu langsam hinschwindenden
Stunden und immer noch zögerten die Unseligen -- zögerten, wo der
nächste Moment ihr Verderben besiegeln konnte.
Da -- heiliger Gott wie ihr das Herz schlug vor Angst und Schrecken, da
rollte die leichte Kutsche des Herrn von Gaulitz, durch des Stellmachers
Gesellen geschoben, in den Hof -- hinten aus dem Stallgebäude wurden die
Pferde vorgeführt, um eingespannt zu werden -- Gerichtsdiener erschienen
-- an dem Herrenhaus blieben sie kurze Zeit plaudernd stehn -- _noch_
war es möglich -- wenn er jetzt herauskam und im Schatten des Gebäudes
-- gerad' an dem Schuppen vorbei, hingeschlichen wäre, hätte er das Thor
erreichen können, ehe man ihn vermißte und einmal im Freien brauchte er
nicht zu fürchten in der Nacht eingeholt zu werden. -- Jetzt gingen
die Männer auf die Gefängnißthüre zu -- ha -- ein dunkler Schatten
-- Heiland der Welt es war zu spät -- jener Schatten gehörte der
schleichenden tückischen Gestalt des jungen Poller -- dem feilen
Werkzeug des zu Allem fähigen Gutsherrn -- er pochte an die Thüre, und
das Schicksal Wahlerts war entschieden.
»Zu spät,« stöhnte sie, und barg einen Augenblick das Antlitz in den
Händen, dann aber, wie von einem jähen Gedanken durchzuckt, fuhr sie
empor, glitt aus ihrem Versteck hervor, warf noch einen scheuen Blick
nach der Gruppe zurück, die jetzt die Thüre, hinter welcher Wahlert
gefangen saß, fast umzingelt hielt, und floh raschen Laufes in das Dorf
hinauf und der Stelle zu, von woher noch immer einzelne Laute der durch
die Straße lärmenden Schaar zu ihr hernieder tönten.
Die Straße, in der Doctor Levi wohnte, kam eben ein Schwarm jubelnd
und »ein freies Leben führen wir« singend herunter -- an der Spitze war
Krautsch und Müllers Gottfried -- Beide angetrunken und Beide wieder im
Begriff, zur Schenke zurück zu ziehen, und sich dort bei einem »frischen
Glas« zu bereden, was jetzt weiter zu thun sei.
Diesen trat Marie mit den bleichen erregten Zügen in den Weg, und
des vor der ungewöhnlichen Erscheinung zurückschreckenden Müllers Arm
ergreifend, rief sie ihnen mit strenger befehlender Stimme zu:
»Seid Ihr _Männer_, daß Ihr Einen, der nur gelebt hat, um Euer Wohl zu
sichern, aus Eurer Mitte heraus den Henkersknechten überliefern laßt?
-- Unten aus dem Schloßhof wird in diesem Augenblick der Gefangene
im verschlossenen Wagen fortgeschafft, um einem Militaircommando in
Sockwitz überliefert zu werden -- kein Verbrechen hat er begangen,
als daß er den Arbeiter und den gedrückten Proletarier vertrat, kein
Verbrechen als das, ein Feind der Faulenzer in den Städten und der
Fürsten auf ihren schimmernden Thronen sich genannt zu haben, und wenige
Knechte der Polizei können ihn heraus holen, selbst aus Eurer Mitte.«
»Es ist schändlich -- es ist niederträchtig!« schallte von mehreren
Lippen der Marien jetzt Umdrängenden -- »das sollte man nicht leiden!«
»Nein,« sagte der Müller mit lallender Zunge -- »Hol mich der Deibel,
ich wollte ich hätte die Kerle hier.«
»Nachens wullen mer nunger!« fiel da Krautsch mit Autorität in die Rede
-- »un da soll 'en der Bese das Licht haalen.«
»Nachher ist es _zu spät_ --« bat Marie mit flehender Stimme -- »nur
wenige Secunden noch, und der Wagen passirt jene Straße dort, der
einzige Platz, wo Ihr im Stande wäret ihn aufzuhalten -- _den_
Augenblick versäumt, und Ihr selber habt den gemordet, der Euer einziger
Retter sein könnte.«
»Eenzige Retter?« knurrte Krautsch, und wollte das Mädchen bei Seite
drängen -- »wird nich gleich in's Gras beißen -- weg da Mamsell -- jetzt
missen mer erscht in die Schänke, un sähn wie mer Holkens Fritze fangen
-- där Hund is der erschte, der dran glooben muß -- Gott verdamm' mich.«
»Ja -- den Jäger müssen mer haben,« bestätigten ein paar Andere --
»uffhängen wullen mern -- un hernachens sull er die Flinte widder 'raus
gäben, die er Krautschen abgenommen hat.«
»Der Jäger Fritz?« rief Marie, und ein glücklicher Gedanke schoß ihr
durch's Hirn -- »_der_ ist im Wagen mit dem Gefangenen -- der soll ihn
gerade Euren Feinden überliefern -- beim ewigen Gott! dort kommt er
schon die Straße herauf -- rasch, oder er entgeht Euch und Eurer Rache.«
»Der Jäger in _der_ Kutsche dringe?« schrien die Bauern, und schauten
nach dem ziemlich langsam den gerade hier etwas steilen Weg herauf
kommenden Fuhrwerk.
»Den soll a Gäwitter verschlahn!« rief Krautsch, und schwang seinen
riesigen Prügel -- »hurrah!« und ohne eine weitere Antwort abzuwarten,
ja ohne nur nachzusehen, ob ihm die Uebrigen seiner Begleiter folgten,
warf er sich in trunkenem tollkühnen Muthe dem Wagen entgegen, und fiel
mit lautem und gellenden Jubelgeschrei den Pferden in die Zügel. --
Die Uebrigen stürmten jetzt auch heran, und die Pferde, scheu gemacht,
schreckten zurück; dadurch wurde aber der Wagen seitwärts abgeschoben,
die linken Räder kamen auf höheren Boden als die rechten standen, und
die Kutsche, die sich einige Secunden auf den ersten balancirte, schlug
dermaßen um, daß sie im Anfange förmlich auf die Decke zu stehen kam,
und nur erst, als die Federn der einen Seite zusammenbrachen, wieder
zurück auf die Flanke fiel.
Die Schaar, durch das plötzliche Gelingen dieser ersten Gewaltthat
noch mehr gereizt, und durch den, von wilder Rachlust beseelten Bauer
angefeuert, warf sich jetzt mit Blitzesschnelle auf den Kutschenschlag,
und riß die darin Befindlichen hervor.
Armer Fritz, wie wäre es Dir ergangen, hätten Dich Deine trunkenen
Feinde in diesem Augenblick in ihre Gewalt bekommen -- wer weiß, zu
welcher rohen Gewaltthat die Rotte reif gewesen, denn der Bauer hat sich
bis jetzt und bei solchen Gelegenheiten, was auch sonst sein Charakter
seien mochte, fast stets wilder noch als die reißende Bestie des Waldes
gezeigt. Hier aber sollte ihnen keine Gelegenheit geboten werden, ihre
Wuth wenigstens an dem ersehenen Opfer auszulassen; Fritz war schon vor
Dunkelwerden und gleich nach der Anzeige der ertappten Wilddiebe mit
seinem Vater über die Rausche zurückgefahren, und nur zwei bleiche, zum
Tod erschreckte, und durch den Sturz halb betäubte Gerichtsdiener zogen
sie aus dem aufgerissenen Wagenschlag heraus.