Doctor Levi aber, wie Pastor Scheidler, schienen sich Beide in ihren

Berechnungen sowohl, wie in der Person des Gutsherrn etwas getäuscht

zu haben -- so rasch war dieser nicht eingeschüchtert und auch

Menschenkenner genug, um an den noch scheu und unschlüssig dastehenden

Gestalten der übrigen Deputationsmitglieder zu erkennen, wie der Geist

des Aufruhrs sich nur für den Augenblick kaum weiter erstrecke als

auf die Unverschämtheit des Doctor Levi, der, wie er früher ganz

uneigennützig die »Emancipation« der Juden gepredigt, jetzt plötzlich

ein weiteres Feld für seine Rednergabe fand und der gewöhnlichen

Redeweise nach, »in deutscher Politik machte«. Diesen daher keines

Blickes oder Wortes würdigend, schritt der Oberpostdirector auf den

Schneider und Böttcher zu und sagte, sie bei ihren Namen anredend:

»Schickt Euch das ganze Dorf, Merzbach und Hantlich, oder seid Ihr

nur auf eigene Veranlassung oder Aufreizung dieses -- Menschen zu mir

gekommen?«

»Herr Oberpostdirector!« rief der Beleidigte.

»Ruhig Herr,« sagte aber dieser mit so unerschrockener und finsterer

Autorität, daß dem Böttcher und Schneider nur noch unbehaglicher zu

Muthe wurde und der erstere endlich mit artigem Tone sagte:

»Die Leute im Dorfe meinen, Herr Oberpostdirector, Sie könnten den armen

Teufel nun wohl wieder laufen lassen, der unter der vorigen Regierung

'was verbrochen hätte, denn wir kriegten nun doch wohl andere Herren

Minister, die --«

»Das Volk _fordert_ seine Befreiung!« schrie Levi, fuhr aber erschreckt

zurück, als sich der Gutsherr rasch nach ihm umwandte, ihn vorn an der

Brust faßte, und ausrief --

»Wenn die Einwohner von Horneck etwas verlangen, so werden sie einen

solchen Quacksalber nicht zu mir schicken, geschieht das aber doch, so

hat sich der auch so ordentlich und anständig zu betragen, wie es -- an

seiner Stelle -- ein Einwohner aus dem Dorfe gethan haben würde -- sonst

werde ich andere Maßregeln mit ihm ergreifen.«

»Das ist Hand an einen Gesandten des Volks gelegt!« schrie der Doctor

entrüstet und auch wohl in etwas um seine eigene Sicherheit besorgt,

»ich protestire hiermit feierlichst gegen --«

»Fritz!« rief der Gutsherr dazwischen -- »hinaus aus meinem Zimmer mit

dem Menschen!«

»-- Gegen jede Gewaltthat, die nicht an mir, sondern an dem souverainen

Volke geschieht, und ich verwahre mich im Voraus gegen --«

Er konnte seine Rede nicht mehr vollenden; Fritz, der den fatalen

Menschen aus mehr als einem Grunde nicht leiden mochte (denn er war in

letzter Zeit besonders viel um die Schulwohnung geschlichen und hatte

das arme Lieschen schon mehrmals mit seiner zudringlichen Freundlichkeit

gequält) faßte ihn einfach, trotz alles Sträubens, beim Kragen und

verschwand mit ihm ruhig aus der Thür.

Die übrigen beiden Deputirten wußten indessen gar nicht, wie sie sich

bei der Sache verhalten sollten, denn von der Unverletzlichkeit

eines Gesandten oder Deputirten hatten sie bis dahin einen nur höchst

unvollkommenen Begriff, der denn auch durch das, was eben erst vor ihren

leiblichen Augen geschah, keineswegs verstärkt oder bestätigt werden

konnte. Herr von Gaulitz trat aber, ohne ihnen lange Zeit zum Ueberlegen

zu lassen, rasch auf sie zu, und redete sie nun mit so freundlichen und

artigen Worten an, daß sie die Behandlung ihres Wortführers ganz darüber

vergaßen.

Er versicherte ihnen, daß der Gefangene nicht auf Befehl der Minister,

sondern dem _Gesetze_ nach verhaftet, und vorher auch _durch_ das Gesetz

steckbrieflich verfolgt wäre -- daß ferner das Gesetz doch fortbestehen

müsse, ob sie nun dies oder ein anderes Ministerium hätten -- versprach

ihnen aber auch, noch in dieser Nacht einen Boten nach der Residenz zu

schicken und dort anfragen zu lassen, was der Eingebrachte verbrochen

habe -- sei dies dann nur politischer Natur, so gebe er ihnen die

heiligste Versicherung, daß er augenblicklich in Freiheit gesetzt, und

jedem beliebigen Verlangen, daß sie also an ihn stellen könnten, dadurch

auch genügt werden würde. Uebrigens sei die Nachricht von der Abdankung

des Ministeriums keineswegs gegründet, und sie könnten die Folgen leicht

selber ermessen, die, im anderen Falle, aus einem gesetzlosen Auftreten

von ihrer Seite entstehen möchten.

Die beiden Männer fanden das ganz vernünftig -- sie hätten eben so

gesprochen, wenn sie Herr von Gaulitz gewesen wären -- der Doctor war

überhaupt ein Krakehler, der ihnen nur vorgelogen hatte, was dem armen

Gefangenen Alles geschehen solle -- der Herr von Gaulitz möchte es nicht

»vor übel nehmen«, daß sie so frei gewesen wären, bei ihm anzufragen --

sie wollten's den Leuten unten schon sagen, wer recht hätte und wie die

Sache eigentlich stände.

Und damit gedachten sie sich höflich grüßend zurückzuziehen -- von

Gaulitz war aber nicht der Mann, einen einmal gewonnenen Vortheil

unverfolgt aufzugeben -- eine Flasche mit Wein und Gläser standen

auf dem Ecktische -- ein paar freundliche Worte von ihm nöthigten die

Beiden, nur noch einen Augenblick zu warten -- rasch war eingeschenkt

und fünf Minuten später verließen der Schneider und Böttcher das Zimmer

und waren entzückt über ihren Gutsherrn.

»Nein, was das für ein Mann ist«, flüsterte der Schneider, als sie,

von dem Bedienten geleitet, die breite Treppe hinabstiegen -- »ich soll

morgen mit meinem Maas hinaufkommen.«

»Und wegen der Brauereiarbeit hat er schon mit dem Brauer das Nöthige

besprochen«, versicherte schmunzelnd der Böttcher -- »die Kröte von

einem Doctor fängt doch überall Krawall an.«

Draußen vor der Thüre erwartete sie übrigens noch ein ziemlich

stürmischer Auftritt -- der Doctor hatte die unten Versammelten durch

die Erzählung dessen, was ihm geschehen sei, in nicht geringe Aufregung

versetzt, und einen wirklichen Sturm auf das Haus konnte nur die

Erscheinung der beiden anderen Deputirten verhindern. Mit dieser änderte

sich aber auch freilich der Stand der Dinge um ein Bedeutendes --

die beiden Männer berichteten, wie sie empfangen seien und welche

Versicherungen man ihnen gewährt hätte -- klagten über den Doctor, der

gegen den Gutsherrn aufgetreten wäre, als ob er einen Holzhacker vor

sich habe, setzten hinzu, der Herr Oberpostdirector wisse es auch ganz

bestimmt, daß die Nachricht mit dem Ministerium gar nicht wahr wäre,

und nur, wenn der Gefangene gestohlen oder sonst ein fürchterliches

Verbrechen begangen hätte, dann sollte er in die Stadt geliefert, sonst

aber augenblicklich wieder auf freien Fuß gesetzt werden.

Ein donnerndes Hurrah, das man dem Gutsherrn brachte, war die Antwort;

die rasenden Demonstrationen des auf's Aeußerste empörten Doctors

wurden nicht weiter beachtet, ja dieser sogar, als er später eben in

der Schenke seine Absicht mit Gewalt durchsetzen wollte und durch

Schimpfwörter die Bauerburschen reizte, von diesen gefaßt, geprügelt und

hinausgeworfen.

Zweites Kapitel.

Plan und Gegenplan.

Die Nacht war ruhig vorüber gegangen und Horneck lag so friedlich in

dem Purpurglanz der heiter und rein aufsteigenden Sonne, als ob keine

Leidenschaften in ihm getobt hätten, kein lodernder Funke in seine

gemüthliche Stille geschleudert wäre der nun heimlich und versteckt

fortglimmen mußte, bis ihn die Zeit -- und wie bald vielleicht zu

prasselnder Flamme emporfachen sollte.

Auf dem Gute herrschte übrigens keineswegs solche Ruhe, sondern

eher belebte eine eigenthümliche, ganz ungewöhnliche Regsamkeit

die Herrenwohnung und die daran stoßenden Bedientenstuben. Der

Oberpostdirector selbst hatte den ganzen Morgen geschrieben und

gesiegelt und der junge Poller war noch in der Nacht wieder in die

Stadt geschickt, von wo her er mit Tagesanbruch auf weißschäumendem

Roß zurückkehrte, und zugleich mit einer Depesche der Regierung die

Nachricht brachte, es sei das beabsichtigte Militair wirklich nach

Sockwitz gelegt und der Nachbarstaat auch für den schlimmsten Fall um

weitere Hülfe angesprochen worden.

Der Inhalt der Depesche lautete übrigens wie die Sachen jetzt standen,

nichts weniger als erbaulich.

Das Ministerium stand noch und jenes Gerücht vom verflossenen Abend

bezog sich nur auf eine Demonstration -- respektive Katzenmusik -- die

man den Ministern als Mistrauensvotum gebracht, und wobei der Ruf laut

geworden, daß sie zum Besten des Landes abdanken sollten, die Aufregung

in der Stadt schien aber eine solche bedenkliche Höhe erreicht zu haben,

daß es blos eines Anlasses es bedurfte, um den Ausbruch unvermeidlich zu

machen. In der That fehlte es auch nur an einer _Persönlichkeit_, um

dem allgemeinen Strom der Gährung sein richtiges Bett anzuweisen und ihn

dorthin zu lenken, wo er dem alten Systeme verderblich werden _mußte_

-- die fehlte aber bis jetzt in der Residenz; es war keiner unter den

Männern, die sich bis dahin zu Volksrednern aufgeschwungen hatten, denen

das Volk auch mit jenem blinden zuversichtlichen Vertrauen geglaubt

hätte, das unumgänglich nöthig dazu ist, eine Masse zu begeistern und im

wilden Todesverachtenden Sturm mit fortzureißen. Die Kraft lag noch

in der weiten Menge zersplittert und wenig Gefahr drohte von den

zerstreuten Pöbelhaufen.

Ein solcher Führer aber, wie er diesen Massen gerade fehlte, um sie

zu dem gefährlichen Feind zu machen, der dem Absolutismus die trotzige

Stirn geboten, wäre eben dieser Wahlert gewesen, den jetzt ein

tückischer Zufall der Horneckschen Gerichtsbarkeit in die Hände

gespielt; es mußte deshalb aber auch dem Ministerium, das ein rauher

Wind hätte umstoßen können, besonders daran liegen, gerade _diesen_

Menschen unschädlich zu machen und deshalb lautete auch der Befehl, den

der Oberpostdirector in der durch Erpressen gesandten Depesche erhielt,

so bestimmt und unumgehbar, den Gefangenen ohne weiteres Zögern

und unter sicherer Bedeckung an das nächst gelegene, in Sockwitz

bezeichnete, Militairpiket, spätestens bis zum nächsten Abend

abzuliefern. Um Aufregung zu vermeiden, wollte man nicht gern Soldaten

nach Horneck hineinschicken, und der Transport des Gefangenen sollte

deshalb am liebsten in einer Kutsche bewerkstelligt werden.

Das wie und weshalb war Alles klar genug angegeben, aber wie stand es

nachher in Horneck selbst? Würden sich die Bewohner des kleinen Ortes,

denen der Gutsherr gestern Abend erst das feste Versprechen gegeben

hatte, den Gefangenen _nicht_ auszuliefern, bis seine Schuld als grobes

Verbrechen auch wirklich erwiesen wäre, damit begnügen, und ließ

sich nicht im Gegentheil erwarten, daß die Befolgung der erhaltenen

Instruktionen gerade für den Gutsherrn von sehr fatalen Folgen sein

konnte?

Der Herr von Gaulitz saß hier in einer recht unbequemen Klemme und

sah auch in der That keinen Ausweg, der ihn hätte beide ihm drohende

Schwierigkeiten gleich glücklich vermeiden lassen. Lieferte er den

Verhafteten aus, so zog er sich den Haß eines großen Theils des Dorfes

zu und in der jetzigen Zeit, wo die Leute doch einmal aufgeregt waren,

und überall in der Nachbarschaft das böse Beispiel vor sich hatten,

ließ es sich gar nicht bestimmen, wie weit das später führen würde

und könnte. Lieferte er ihn aber _nicht_ aus, oder ließ er ihn gar

entkommen, so war auch Nichts wahrscheinlicher, als daß er für

die Folgen zu haften hätte, die daraus entstünden -- und welch

fürchterlicher Art konnten diese Folgen sein -- der fromme

Oberpostdirector schauderte, wenn er daran dachte -- Anarchie im ganzen

Lande -- den Rittergutsbesitzer »fortgejagt« wie der »gemeine Mann«

in seiner politischen Unschuld meinte, die Königreiche zu Stücken

geschlagen, und in _ein_ großes deutsches Reich geschmolzen, kurz

alles Bestehende umgedreht und durchgeschüttelt, wodurch alles

Nicht-Bestehende natürlich oben hin kommen mußte, und eine

Convulsion, in welcher die Gesetzlichkeit vernichtet und die Masse der

»gutgesinnten« Staatsbürger, was gar nicht ausbleiben konnte, zum Besten

der schlechteren, d. h. ärmeren, ruinirt wurde.

Es blieb, wie die Sachen einmal standen, wirklich keine Wahl, denn

hiergegen erschien der Zorn der Hornecker, und vielleicht noch dazu

eines nur kleinen Theils, gering -- vielleicht ließen sich aber

auch selbst diese noch beschwichtigen, und davon überzeugen, daß die

Gefangenhaltung des gefährlichen Menschen selbst zu ihrem eigenen Nutzen

mit geschehen sei und sich in ihren segensreichen Folgen offenbaren

werde. Jedenfalls blieb der Versuch statthaft, und im _aller_schlimmsten

Fall -- ei da lag ja in Sockwitz Militair und zum »Schutz des

Eigenthums« konnte das leicht und rasch heran beordert werden.

Herr von Gaulitz hatte seinen Entschluß gefaßt; noch heute -- und sobald

die einbrechende Nacht des Gefangenen Transport begünstigen konnte,

sollte er fort -- aber selbst der Geistliche durfte Nichts davon

erfahren, denn wer weiß, welche Schritte dieser gethan hätte, um seines

General-Superintendenten Sohn zu befreien, oder doch wenigstens jeden

Schein der Mitwirkung von seinen Schultern abzuwälzen -- der jetzt --

und Herr von Gaulitz schien auch deshalb gar nicht böse zu sein, -- noch

jedenfalls darauf lastete. -- Die nöthigen Vorkehrungen zu treffen war

also das einzige was ihm vor der Hand übrig blieb, und diese auszuführen

rief er den alten Poller zu sich in seine Studierstube und gab ihm dort

die nöthigen Aufträge und Befehle.

* * * * *

Hatte sich aber auch am letzten Abend das Dorf mit der vom

Rittergutsbesitzer erhaltene Auskunft hinsichtlich des Gefangenen

begnügt, und war selbst Levi, der sonst stereotype »Vorkämpfer der

Freiheit« wie er sich selber nannte, durch die erlittene Mishandlung

außer Stand gesetzt augenblicklich für die gute Sache zu wirken, ja

vielleicht auch -- und wer hätte ihm das verdenken können, beleidigt ob

solchen Undanks des souverainen Volkes, so lebte doch noch ein Wesen in

Horneck, das mit thätigem Eifer nach dem Schicksal des jetzt wirklich

Bedrohten forschte, und zu seiner Rettung selbst entschlossen schien das

Aeußerste zu wagen.

Es war dieß aber Niemand Anderes, als die Tochter des armen alten

Musikanten Meier, die bekannter mit den Leuten auf dem Gut, besonders

mit dem Charakter des Gutsbesitzers selbst war, als es sich von der

armen Tochter eines herumziehenden Spielmanns hätte erwarten lassen

sollen. Sie wußte aber auch deshalb, in wie gefährlichen Händen der

Unglückliche wäre und daß sie keine Zeit mehr zu versäumen habe, seinem

Schicksal nachzuforschen.

Ein Vorwand, auf das Gut hinunter zu gehn, wäre allerdings leicht

gefunden gewesen; sie sah sich mit ihrer Existenz überhaupt einzig

und allein auf weibliche Arbeiten angewiesen, und hätte leicht eine

Entschuldigung gehabt, zu diesem Zweck die Damen des Rittergutes

aufzusuchen. Dennoch zögerte sie in eigentlicher Scheu, den Schritt zu

thun, ja mied sogar, als sie am nächsten Morgen dort unten vorüber ging,

die Nähe des Gutes; als sie Pferdegetrappel hinter sich hörte. Sie trat

zur Seite und warf fast unwillkürlich den Blick zurück -- es war der

Oberpostdirector, der rasch, und ohne auf sie niederzusehn, an

ihr vorüber und zwar in das Dorf hineinsprengte, und wie von einem

plötzlichen Entschluß bestimmt blieb sie stehn, zögerte sinnend

einen Augenblick, schien noch zu schwanken, und kehrte dann, raschen

Schrittes, den Weg zurück, den sie eben gekommen, bog links, die erst

gemiedene Straße in das Schloß selbst hinein und betrat, immer noch

wie furchtsam, aber doch nicht unschlüssig mehr, die herrschaftliche

Wohnung. Welche Mühe sie sich aber auch gab, die ersehnten Erkundigungen

einzuziehen, es gelang ihr nicht. -- Herr von Gaulitz hatte entweder

seine Pläne sehr geheim gehalten, oder die arme Fremde fand, selbst bei

der Dienerschaft, die sich sonst freundlich genug gegen sie betrug, kein

Zutrauen. Auch die gnädige Frau, die sie endlich um Arbeit ansprach,

schien ihre versteckten Fragen nicht zu verstehn, und hielt sie dabei

mit rasch herbeigeholter Arbeit und verschiedenen Aufträgen weit länger

zurück, als sie überhaupt beabsichtigt haben mochte, im Schloß zu

weilen.

Da wurden unten, auf dem Pflaster, die klappernden Hufe des

rückkehrenden Oberpostdirectors laut -- Marie wollte sich rasch

entfernen -- ehe sie aber einen schicklichen Vorwand fand, hörte sie im

nächsten Zimmer eine Thür aufgehn und eine heftige Stimme rief:

»Ich sage Dir, Poller, die Kutsche _muß_ bis heut Abend neun Uhr fertig

sein und angespannt im Hofe stehn -- Du haftest mir dafür; und jetzt

fort -- keinen Widerspruch weiter -- ich will den Burschen noch in

dieser Nacht aus meinen vier Pfählen haben, sonst stürmen sie am Ende

das Nest und stecken es mir über dem Kopfe an. Nimm die alten Glieder

ein wenig zusammen, und rühre Dich.«

In dem Augenblick wurde die Thüre aufgerissen, Herr von Gaulitz trat

hastig herein und wollte durch das Zimmer seiner Frau gehn, als er

nur eben noch sah, wie sich die Gestalt der Fremden rasch aus der

gegenüberliegenden Thür entfernte.

»Was für ein Frauenzimmer war das?« frug der gestrenge Herr, indem er,

den finsteren Blick auf seine Frau geheftet stehen blieb -- »was wollte

sie hier, und was hat sie da zu horchen?«

»Es ist das arme unglückliche Geschöpf, von dem uns Herr Doctor

Strohwisch gestern Abend erzählte,« erwiederte schüchtern seine Frau --

»das arme Kind kam heut Morgen zu mir, mich um Arbeit zu bitten, und

da ich gerade viel auszubessern und nachzusehen habe, versprach ich ihr

Arbeit. Sie hatte die Thür schon in der Hand als Du hereintratst.«

»Ja -- aber sie ging nicht -- sie horchte wahrscheinlich nach dem, was

ich in der Nebenstube sprach,« brummte in augenscheinlich höchst

übler Laune der Herr Oberpostdirector. »Sonderbare Leute suchst Du

Dir übrigens zu Deiner Beschäftigung aus -- ich sollte doch wenigstens

erwarten können, daß Du Dir anständig gekleidete und reinliche Menschen

in's Haus nähmst -- aber Gott bewahre.«

»Du hättest nur sehen sollen, wie sauber sie ging,« unterbrach ihn Frau

von Gaulitz, »wie sorgfältig war ihr Haar gekämmt und geflochten -- wie

schneeweiß der kleine zerrissene Kragen, den sie um den Hals trug, und

ihre Hände sahen ebenfalls fein und zierlich aus -- das arme Kind muß

jedenfalls früher einmal bessere Verhältnisse gesehen haben.«

»Ach was -- Unsinn!« polterte der Oberpostdirector, dem es an einer

Gelegenheit fehlte, seinem Unmuth Raum zu geben, so daß er sie endlich

vom Zaune brach, -- »Gesindel ist's, das sich hier schon seit ein

paar Tagen im Dorfe herumtreibt, und das ich durch den Gerichtsdiener

wahrscheinlich schon morgen werde wieder hinausschaffen lassen --

Lumpenpack ist's, das in die Häuser schleicht, um sich eine Gelegenheit

zum Stehlen auszusuchen. Und auf mich hörst Du dabei gar nicht -- wie

oft hab' ich Dir schon gesagt, Dich nicht mit solchem Pack einzulassen,

aber Du scheinst ein ordentliches Wohlgefallen daran zu finden, nicht

nur meine Wünsche zu vernachlässigen, sondern Dir auch nach wie vor die

möglichst schlechteste Gesellschaft auszuwählen. Dadurch wirst Du Dein

eigenes Benehmen wahrhaftig nicht bessern, und nur ein klein wenig mehr

Manieren annehmen, und mit solchen Vorbildern mag ich es dann nur ganz

aufgeben, eine Frau heranzubilden, die den Kreisen, in die ich sie

hineinzog, wenigstens keine _Schande_ macht, und das ist doch beim

Himmel das Bescheidenste, was ich in aller Welt verlangen kann.«

»Aber bester Gaulitz!«

»Ach was -- das Bitten und Weinen hilft mir Nichts! Wie hast Du Dich

gestern Abend wieder betragen, es war ja doch ein Schimpf und eine

Schande, und ich habe mich selbst vor dem Pastor bis in meine innerste

Seele hinein geschämt.«

»Aber was hab' ich denn in aller Welt gethan?« bat zitternd und

hocherröthend die Frau.

»Was Du gethan hast?« wiederholte der Zürnende, der sich jetzt einmal in

das rechte Gleis hineingearbeitet hatte, »gar Nichts hast Du gethan,

und das ist es gerade was mich so ärgert -- wie ein Stock hast Du da

gesessen und kein Wort gesprochen, und nur manchmal laut aufgelacht,

wenn der -- Strohwisch seine faden unanständigen Reime vorlas; wenn

Du Dich in gebildeten Kreisen bewegen willst, so mußt Du Dir auch Mühe

geben zu lernen, wie man sich in solchen bewegt. Hier auf dem Lande

möcht' es noch gehen, denn gewöhnlich wird hier nicht jeder Schritt und

Tritt so beobachtet, wie in der Residenz, aber gerade gestern war es mir

um so fataler, da diese alten Schachteln, diese Geheimenraths-Fräuleins

Seiffenberger Deine Beschreibung haarklein in ihre wässrigen

Theegesellschaften hineinbringen -- ich sah recht gut, wie sie Dich

immer von der Seite betrachteten, dann zusammen flüsterten und mit

einander lachten.«

»Lieber Gaulitz,« bat die Frau.

»Sei ruhig und ärgere mich nicht jetzt auch noch mit Deinem Wimmern und

Winseln!« rief ihr Gatte, »daß mich doch der« -- -- Er brach plötzlich

ab -- riß die Thür auf, verließ das Zimmer und warf sie hinter sich mit

wilder Gewalt in's Schloß zurück.

Seine Frau schlich auf's Sopha, sank in die eine Ecke desselben, und

barg ihr Gesicht schluchzend in den Händen.

* * * * *

Marie verließ langsam und sinnend den Hof. Die wenigen Worte, die sie

von des Gutsherrn Lippen gehört, gingen ihr im Kopfe herum, und es war

kaum möglich, daß sie noch eine andere Bedeutung haben konnten, als

die eine -- »die Kutsche muß bis heute Abend neun Uhr fertig sein und

angespannt im Hofe stehen -- ich will den Burschen noch in dieser Nacht

aus meinen vier Pfählen haben, sonst stürmen sie am Ende das Nest, und

stecken es mir über dem Kopfe an!«

Wie mit feurigen Buchstaben waren ihr die Sätze in das Hirn eingebrannt.

Wahlert gefangen -- noch in dieser Nacht den Gerichten überliefert. --

Was, um Gott, konnte der Unglückselige nur so Entsetzliches verbrochen

haben? -- Aber das durfte nicht geschehen -- nimmer, so lange sie noch

Kraft zum Denken -- Kraft zum Handeln behielt.

Langsam war sie den Weg hinangeschritten, der zur Pfarrerwohnung führte,

-- dabei mußte sie an des Stellmachers Werkstätte vorüber, und dort --

ein eigenes wunderliches Gefühl von Schreck und Freude durchzuckte ihren

Körper -- dort stand die Kutsche, und der Meister war mit Gesellen

und Lehrburschen emsig beschäftigt, neue Speichen in eins der arg

mitgenommenen Hinterräder zu setzen, und die sonst schadhaften Stellen

wieder auszubessern. -- Also hatte sie recht gehört, -- in diesem

Fuhrwerk sollte der Gefangene seinen Henkern ausgeliefert werden, und

doch -- doch war es den Männern von Horneck gestern versprochen worden,

den Eingebrachten, wenn er nicht ein schweres und bösartiges Verbrechen

begangen hätte -- ohne Weiteres in Freiheit zu setzen.

Großer allmächtiger Gott -- wie ihr das Herz schlug vor Angst und

Zagen -- wenn nun -- wenn sie nun den Wagen so hätte wieder beschädigen

können, daß es unmöglich gewesen wäre, ihn zu gebrauchen? -- Oder wenn

sie jetzt hinauf ins Dorf ging, und den Bauern die Nachricht brachte,

daß der Gutsherr sein ihnen verpfändetes Wort im Begriff stehe zu

brechen -- oder wenn sie gar den Herrn von Gaulitz um Erbarmen -- Hilf

Himmel, wie ihr die tollen wirren Gedanken im Kopfe herum sausten und

schwirrten, und es ihr unmöglich machten, zu einem festen geregelten

Entschluß zu kommen -- fast ihrer unbewußt und mechanisch verfolgte

sie den Weg, den sie früher zu gehen beabsichtigt, und stieg zur Pfarre

hinauf, von deren Fenstern ihr die funkelnden Strahlen der Sonne warm

und glühend entgegenspiegelten.

Drittes Kapitel.

Marie und Sophie.

Herr Pastor Scheidler saß daheim in seiner Wohnstube, und in dem

breitlehnigen, weich gepolsterten Armstuhle, der zwischen dem Ofen und

Fenster in warmer, und doch dem Lichte nicht abgeschlossener Nische

stand. Nicht weit von ihm entfernt, an dem Fenster, das nach dem

gegenüber liegenden kleinen Friedhof hinausschaute, hatte Sophie, des

Pastors ältestes Töchterlein, ihren Nähtisch stehen, säumte neues,

selbst gesponnenes Tischzeug, oder besserte die Wäsche aus, die unsere

alte Bekannte Rieke -- oder auch _Grethe_, wie sie der Pastor noch

ziemlich hartnäckig nannte, da ihr letztes Mädchen Grethe geheißen --

eben in dem weißgescheuerten Korbe hereingeschafft hatte.

»Aber Vater, was hast Du nur«, brach endlich Sophie das lange, lange

Schweigen, denn Vater wie Tochter schienen sich an diesem Morgen beide

ihren Gedanken vollständig überlassen zu haben, da keines mit dem

anderen, wohl seit einer guten halben Stunde, auch nur ein einziges Wort

gesprochen -- »Du starrst so still und finster vor Dich hin, ist Dir

etwas Unangenehmes widerfahren?«

Pfarre und Schule: Eine Dorfgeschichte. Zweiter Band. · 第 2 / 12 段