»O bitte, bitte lesen Sie« baten die Damen.

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Pfarre und Schule.

Eine Dorfgeschichte

von

Friedrich Gerstäcker.

Zweiter Band.

Leipzig,

Georg Wigand's Verlag.

1849.

Inhalt des zweiten Bandes.

Erstes Kapitel. Seite

Die Kaffeegesellschaft 1

Zweites Kapitel.

Plan und Gegenplan 47

Drittes Kapitel.

Marie und Sophie 61

Viertes Kapitel.

Die Wilddiebe 79

Fünftes Kapitel.

Das Gefängniß 96

Sechstes Kapitel.

Ein Republikaner 115

Siebentes Kapitel.

Wie es in Horneck aussah 134

Achtes Kapitel.

Das Geständniß 154

Neuntes Kapitel.

Die Schulvisitation 170

Zehntes Kapitel.

Die Verabredung 206

Elftes Kapitel.

Wahlert und Kraft 220

Zwölftes Kapitel.

Die Begegnung 251

Erstes Kapitel.

Die Kaffeegesellschaft.

Die kleine Gesellschaft bestand bis jetzt erst aus vier Personen, und

zwar aus der Frau Oberpostdirector von Gaulitz -- erst seit wenigen

Monaten vermählt -- aus des Pastors rosigem Töchterlein Sophie, und den

beiden Schwestern des Herrn Geheimeraths Seiffenberger aus der Residenz,

und das bis jetzt nur über Putz- und Modesachen geführte Gespräch hatte

schon einen recht erfreulichen Aufschwung genommen.

Indessen eilten aber, um den freundlichen kleinen Zirkel zu vermehren,

zwei andere Damen rasch dem Rittergute zu -- nämlich unsere alte

Bekannte »_Fräulein Schütte nebst Mutter_«, wie sie Poller bald darauf

so eigenthümlich als bezeichnend anmeldete.

»Aber Anna,« keuchte die Mutter endlich, die fortwährend ein nicht

unbeträchtliches Stück hinter ihrer flüchtigeren Tochter zurückgeblieben

war, »Du läufst ja, daß man gar nicht zu Athem kommen kann -- wenn Du so

rennen willst, so geh' allein, ich bin's nicht länger im Stande.«

»Komm nur, Mutter,« bat aber Anna, als jene, dem Wort die That folgen

lassend, wirklich stehen blieb, um nur einmal ordentlich Athem

zu schöpfen -- »es ist wahrhaftig schon drei Uhr vorbei, und

Oberpostdirectors sollen immer so früh Kaffee trinken -- die werden gar

nicht wissen, wo wir bleiben.«

Die Mutter setzte sich wieder langsam in Bewegung, und Anna, ihren

Schritt auch etwas mäßigend, daß sie an ihrer Seite blieb, fuhr --

augenscheinlich nur ihre bisherigen Gedanken laut aussprechend -- fort:

»Nein Mutter, ich kann mich gar nicht darüber zufrieden geben, daß sich

der alte Oberpostdirector doch noch hat von der jungen hübschen Frau

scheiden lassen, um das ungebildete Ding, seine Wirthschaftsmamsell,

zu heirathen -- das ist auch ein alter Sünder, der noch einmal, und

hoffentlich auf dieser Welt schon, wenn er es am wenigsten erwartet,

seinen Lohn kriegt. Na, die kann sich gratuliren, denn besser wie er

seine anderen Frauen behandelt hat, wird er's mit der auch nicht machen.

Ueberhaupt die _Frommen_, das ist so die rechte Art -- vor den Leuten

_beten_ sie, und zu Hause sind's nachher Tyrannen, und Gott weiß was für

Hallunken. -- Wenn ich nicht so neugierig wäre, zu sehen, wie sie sich

zusammen vertragen, ich käme _dem_ Herrn wahrhaftig mit keinem Fuße über

die Schwelle.«

»Hat denn seine Frau ihr jüngstes Kind wirklich hergeben müssen?« frug

die Mutter, und griff fast unwillkürlich nach der Tochter Arm, die eben

schon wieder in größeren Schritten vorauseilen wollte.

»Nun natürlich,« erwiederte diese, »weißt Du denn das nicht? Nicht

des Kindes wegen, denn das wird dem alten Geizhals wohl kaum am Herzen

liegen, aber der _Welt_ wegen -- der gute Mann, sollen die Leute sagen,

kann nicht ohne sein Kind leben -- was für eine Vaterliebe -- siehst Du

Mutter, ich wünsche keinem Menschen gern 'was Böses, aber wenn ich den

Schuft könnte hängen sehen --«

»Schrei nur nicht so,« sagte die Mutter, »Deine Stimme hört man so über

drei Straßen hinüber -- da oben steht wahrhaftig der Oberpostdirector am

Fenster.«

Und sich freundlich verbeugend und grüßend traten sie in's Haus, wo

ihnen Frau von Gaulitz mit höflichem Willkommen entgegen kam und sie

den anderen beiden Damen, Fräulein Melinde und Josephine Seiffenberger,

Töchter des Herrn Geheimenraths Seiffenberger, vorstellte.

Gegen diese beiden Damen verneigte sich Anna Schütte auf das

Förmlichste, dann flog sie aber, wie aus einer Pistole geschossen,

Sophie Scheidler um den Hals, nannte sie ihr liebes herziges Soph'chen

und rief, sich darauf im ganzen Zimmer umschauend:

»Nein aber, wie Sie reizend wohnen, Frau Oberpostdirector -- das ist zu

herrlich, zu göttlich -- ach, so einen Stuhl habe ich mir schon lange

gewünscht -- nein der ist doch zu wonnig -- und _die_ Aussicht -- ach

die Berge da im Hintergrunde -- das möcht' ich malen können -- und der

wunderschöne Flügel -- das ist wohl ein Bretschneider? -- spielen Sie

denn auch?«

Frau von Gaulitz wurde blutroth, antwortete aber nach kurzem Zögern:

»Ein Bischen -- nur sehr wenig -- aber bitte, wollen Sie nicht Platz

nehmen? -- Louise, schenk doch den Damen ein.«

»Den Augenblick, meine Gnädige,« sagte Anna, ließ sich vor dem

geöffneten Flügel nieder und griff einige Accorde -- »nein, was das

Instrument für einen reizenden Ton hat -- wundervoll.«

Und ohne vorherige Warnung legte sie sich plötzlich in die Tasten und

raspelte der auf's Aeußerste erstaunten Zuhörerschaft mit unzähligen

falschen Griffen -- armer Karl Maria -- Webers Aufforderung zum Tanz

herunter. Die beiden Geheimenrathstöchter und Frau von Gaulitz waren

auch über die Ausführung wirklich entzückt, lobten wenigstens das Spiel

auf das Angelegentlichste, und fragten nur, ob Fräulein Schütte nicht

auch singen könne.

»Nur wenig,« entschuldigte sich diese, »ich bin lange heiser gewesen,

und muß mich jetzt noch sehr schonen.«

»Nun _nach_ dem Kaffee erfreuen Sie uns vielleicht mit einem Liede,«

sagte der Oberpostdirector, der fest entschlossen war, _nach_ dem Kaffee

einige wichtige und unaufschiebbare Geschäfte zu haben.

Die Neuangekommenen nahmen nach dieser Wendung und auf nochmaliges

Nöthigen ihre Sitze ein. Fräulein Schütte erhielt den Platz zwischen den

beiden Geheimenrathstöchter und Freundschaft war auch bald unter diesen

dreien geschlossen. Im Anfange schweifte dabei das Gespräch, da man sich

ja doch nicht näher kannte, natürlich nur über allgemeine und

ziemlich gleichgültige Dinge hin, Wetter und Jahreszeit, beabsichtigte

Lustfahrten und die reizende Lage der hiesigen Gegend mußten den

Grundstoff liefern, zu dem die verschiedenen Parteien die Variationen

ausarbeiteten; nicht lange dauerte es aber, so fing es an, auf einzelne

Individuen oder Punkte seinen Stachel hinzulenken, und wurde dadurch,

wie sich das von selbst versteht, nur interessanter.

»Sie sind also voriges Jahr auch in Dresden gewesen?« frug Melinde auf

eine von Fräulein Schütte geäußerte Bemerkung.

»Ei ja wohl, beinahe fünf Monate, mein Fräulein -- es ist doch eine

herrliche Stadt -- und so billig -- nein Sie glauben gar nicht, wie

billig und doch angenehm man dort wohnen kann.«

»Wo haben Sie denn eigentlich gewohnt, es wundert mich, daß uns nie das

Vergnügen zu Theil geworden.«

»In der Pirnaischen Gasse, im Ploßfeld'schen Hause -- Sie kennen es

wohl?«

»Das Ploßfeld'sche Haus? -- ei gewiß, das ist dasselbe, Josephine, wo

früher Mehlheims wohnten.«

»Ach, _die_,« sagte Fräulein Josephine mit einem so bedeutungsvollen,

wenn auch etwas höhnischen Lächeln, daß es augenblicklich die

vollkommene Aufmerksamkeit der Familie Schütte erregte.

»Was sind das für Mehlheims?« frug Anna rasch.

»Kennen Sie die Mehlheims nicht?« sagte Fräulein Melinde erstaunt --

»Professor Mehlheims, die erst vor zwei Jahren von Breslau zu uns kamen?

-- Sie stammen aus Dresden.«

»Nein, von denen habe ich nie gehört«

»Hm, das wundert mich, lieber Gott, _sie_ ist eine Schwester der

Regierungsräthin Hertig -- _die_ kennen Sie doch.«

»_Hertig_? _Hertig_? Sind die etwa mit den Hertigs in Plauen verwandt?«

»Das weiß ich nicht, aber ihre Mutter war eine geborene Jähn, von

Assessor Jähn's die Tochter.«

»Ach, _die_ kenne ich ganz gut,« fiel hier die Frau Commerzienräthin

ein, »die haben uns einmal ein halbes Jahr lang schräg über gewohnt --

also mit denen sind die Mehlheims verwandt; aber was wollten Sie denn

vorhin erzählen?«

»O gar nichts von Bedeutung weiter,« sagte Melinde, »ich meine nur, sie

hatten alle Ursache aus _dem_ Logis zu ziehen, denn in _solchem_ Schmutz

und Unrath hätten sie doch nicht länger fortbestehen können.«

»Aber das begreif' ich gar nicht,« fiel hier der Oberpostdirector, der

sich bis dahin am Gespräch mit keiner Sylbe betheiligte, sondern nur

manchmal aus dem Fenster nach dem erwarteten Pastor geschaut hatte, ein

-- »gerade die Professorin Mehlheim ist als eine vortreffliche Frau und

gute Wirthin bekannt, und ich selbst bin schon oft bei ihnen gewesen,

und weiß, daß ich mich sogar über die dort herrschende Sauberkeit sehr

gefreut habe.«

»Lieber Herr Oberpostdirector,« fiel ihm hier die jüngste Fräulein

Seiffenberger in's Wort -- »Sie können sich darauf verlassen, bei

Mehlheims ist eine schauerliche Wirthschaft -- ich weiß das aus _ganz_

sicherer Quelle, und was die Professorin selber als Wirthschafterin

betrifft, so nehmen Sie mir das nicht übel, davon versteht sie gar

Nichts. Nein, die gelehrte Dame will sie gern spielen, den ganzen Tag

sitzt sie auf dem Sopha, und liest Bücher und Journale und draußen in

Küche und Speisekammer geht's drunter und drüber, und die Kinder dürfen

Alles herrichten, wie es ihnen gerade Spaß macht.«

»Unser Mädchen hat auch, ehe sie zu uns zog, bei Mehlheims gedient,«

sagte die Schwester, »und uns schöne Geschichten von dort erzählt -- den

Wein konnte sie nur so wie sie wollte aus dem Keller nehmen, da war sie

förmlich daran gewöhnt.«

»Aber die Mädchen reden auch manchmal mehr, als sie sollen und

verantworten können,« sagte Sophie Scheidler, »man darf wahrlich nicht

Alles glauben, was die sagen; ich weiß, was nur allein hier in Horneck

schon für häßliche Sachen aus solchem unbegründeten Nacherzählen

entstanden sind.«

»Nun _da_ kommen wir wieder auf _unser_ Kapitel, liebes Sophiechen,«

nickte ihr Anna zu -- »das weiß der liebe Gott, _die_ Noth, die man

mit den Dienstboten jetzt hat, ist entsetzlich -- unsere Rieke, das

ist soweit ein ganz gutes Mädchen, aber _das_ Klatschen -- das liebe

Mundwerk steht ihr den ganzen Tag nicht still, und schickt man sie gar

einmal aus, so kann man sich nur fest darauf gefaßt machen, daß sie in

der ersten Stunde _nicht_ wieder kommt.«

»Das machen sie _alle_ so,« nahm hier Fräulein Melinde die Sache auf,

»ich hatte einmal ein Mädchen, das durfte ich Abends gar nicht aus den

Augen lassen, und selbst im hellen Sonnenschein verging kaum ein Tag, wo

sie nicht irgend ein _Bruder_ aus der Provinz, manchmal Soldat, manchmal

Civil, besucht hätte. Und kein Fertigwerden mit ihr; zum Aufwasch

brauchte sie manchmal drei volle Stunden.«

»Nun ich dächte« fiel ihr hier Josephine in's Wort, »darin leistete

unsere jetzige auch etwas -- denken Sie sich, neulich Abends nach

dem Essen hatte sie Nichts mehr zu thun, als das Bißchen Messing und

Kupferzeug zu putzen, den Vorsaal und die Küche zu scheuern, und uns

noch eine Kleinigkeit von Taschentüchern und Kragen zu waschen, und

wissen Sie bis wie lange sie dabei das theure Oel verbrannt hat? -- bis

Morgens um zwei Uhr -- das ist denn doch wahrhaftig zum krank ärgern,

und da hilft auch kein Reden und Sagen.«

»Der muß es aber bei uns wie im Himmel sein,« nahm hier Fräulein Melinde

die Unterhaltung wieder auf, -- »denn vorher war sie bei der Frau

Hauptmann Kohlwitz in Dienst gewesen, und die sollen Dienstleute

wirklich wie die Sclaven behandeln.«

»Nun, den _Ruf_ hat sie wenigstens,« fügte, wenn das irgend noch nöthig

gewesen wäre, Fräulein Schütte als Bestätigung hinzu -- »wissen Sie,

meine Gnädige, -- ach, die Frau Oberpostdirector war ja nie in Dresden

-- wissen Sie, Fräulein Seiffenberger, wie der Hauptmann damals das

Duell mit dem alten Bergcommissar hatte -- ich war gerade in der Zeit

auf ein paar Tage zu Besuch oben, da kam eine gute Freundin von der Frau

Hauptmann manchmal zu uns, und die hat uns entsetzliche Geschichten von

ihr erzählt --«

»Und kleiden thut sich die Frau,« setzte Fräulein Josephine hinzu --

»das ist fabelhaft, man kann ihr doch recht gut nachrechnen, was

ihr Mann eigentlich zu verzehren hat, denn das Gerücht mit dem

amerikanischen Onkel war doch ein Bißchen gar zu plump, und sollte

wahrscheinlich die Gläubiger etwas geduldiger machen, -- und trotzdem

giebt sie allein mehr für seidene Kleider und Hüte aus, wie -- das

weiß ich aus ganz sicherer Quelle -- ihr monatliches Wirthschaftsgeld

beträgt.«

»Wissen Sie denn, wer jetzt -- erst etwa vor zwei Stunden, in Horneck

eingetroffen ist?« frug Fräulein Schütte plötzlich, aber mit leiser

Stimme, als ob sie irgend ein wichtiges Geheimniß mitzutheilen habe.

Die Frage verfehlte ihre Wirkung denn auch keineswegs, die Damen fuhren

blitzesschnell mit den Köpfen zusammen, und ein erstauntes »wer denn?«

lief durch die Reihe.

»Die Frau Ministerin von Herchenthal mit Mutter und Tochter?« rief

triumphirend Anna und ein erstauntes »ist es denn möglich?« war ihr

Lohn.

»Was muß aber da nur vorgegangen sein?« frug Fräulein Melinde rasch.

»Vorgegangen?« sagte Sophie Scheidler -- »weshalb soll da gerade etwas

vorgegangen sein; die Frau Ministerin -- ist seit drei Jahren jeden

Sommer herausgekommen.«

-- »Aber nicht mit der Mutter, mein Herz,« fiel ihr Anna Schütte rasch

in's Wort -- »nicht mit der Mutter und einem Reisewagen voll Koffer, als

ob sie ihre Winterquartiere beziehen wollten; und nicht Anfang April,

sondern Ende Mai, wenn die Tage _ganz_ warm und schön waren. Nein,

richtig ist die Sache nicht, darauf wollte ich mein Leben einsetzen.«

»Das geschieht ihr aber ganz recht« versicherte in's Blaue hinein und

ungewiß, auf was sich das »nicht richtig« eigentlich bezöge, Fräulein

Josephine und hielt der Wirthschaftsmamsell zum fünften Mal ihre Tasse

hin -- »einen solchen Hochmuth wie _die_ Leute gehabt haben -- nein das

ist ganz unglaublich; ich wünsche keinem Menschen etwas Böses, aber das

gesteh ich, das könnte mir ordentlich einen frohen Tag bereiten, wenn

ich erführe, daß es denen einmal nach Verdienst gegangen wäre.«

»Was will denn die aber auf dem Lande?« frug Melinde -- »von der

Wirthschaft versteht sie denn doch nicht _so_ viel. Kaskelts, die

dicht neben an gewohnt haben, und ihnen gerade in den Hof sehn konnten,

versicherten mich oft es sei wirklich traurig _wie_ es bei Denen zu gehe

-- einen Hasen haben sie einmal drei ganze Wochen vor dem Küchenfenster

hängen gehabt, bis er gar nicht mehr zu genießen war, denken Sie sich,

den hatten sie rein vergessen und was die allein den vier kleinen

Bologneser Hunden füttern, die sich die Frau Ministerin hält, davon

könnten zwei arme Menschen anständig leben. Das sollte denn doch

wahrhaftig nicht sein, und selbst in der theueren Zeit hat sie nicht

einen einzigen abgeschafft.«

Eine kurze Unterbrechung entstand hier durch das Eintreten des Pastors,

der übrigens keinen Theil an der Unterhaltung nahm, sondern sich mit

dem Oberpostdirector in die Ecke des Zimmers auf ein kleines Seitensopha

setzte, und dort mit diesem einiges sehr angelegentlich zu besprechen

schien. Das so interessante Gespräch der Damen wurde aber auch jetzt,

als ob sie die Gegenwart des geistlichen Herren scheuten, mit etwas

leiserer Stimme, sonst jedoch mit keineswegs vermindertem Eifer,

fortgesetzt. Die beiden liebenswürdigen Schwestern Seiffenberger

schienen sich übrigens der Unterhaltung mehr und mehr zu bemächtigen

und Fräulein Schütte wurde einsylbiger als man das sonst wohl von

ihr gewohnt war -- sie brannte nämlich darauf irgend ein brillantes

Gesangstück vorzutragen und hoffte bis jetzt nur noch immer auf

eine erneute Einladung als zündende Lunte -- obgleich sie im

entgegengesetzten Fall dennoch fest entschlossen war, von selber los zu

gehn.

Die Dämmerung brach indessen an, es wurde dunkel in dem, von ein paar

hohen Kastanienbäumen stark beschatteten Gemach -- der Oberpostdirector

und Pastor waren in ihrer düsteren Ecke kaum noch zu erkennen, ebenso

verschwammen Fräulein Schüttes Umrisse, die vom Tisch aufgestanden

-- leise zu dem Fortepiano geschwebt war und sich dort schwärmerisch

sinnend auf dem kleinen gestickten Sessel niedergelassen hatte, mit dem

fahlen Hintergrund der Tapete.

Da öffnete Poller die Thür, schaute herein und sagte:

»Der Herr Schriftsetzer Strohwisch wünschen die gnädige Frau zu

sprechen.«

»Schriftsetzer?« riefen Fräulein Melinde und Josephine wie aus

einem Athem -- »hahaha -- das ist göttlich -- das ist himmlisch --

Schrift_steller_ meinen Sie -- das ist eine reizende Verwechselung --

Herr Strohwisch ist humoristischer Schriftsteller -- das hätte sich ja

gar nicht besser treffen können, der liefert charmante Sachen.«

»Wird mir sehr angenehm sein« sagte, während aus der Ecke in der der

Oberpostdirector saß, ein leiser Seufzer emporstieg, Frau von Gaulitz

zum Bedienten gewandt. Dieser verschwand -- die Thür that sich auf

und herein trat, im schwarzen Frack und mit den unausweichbaren

papageigrünen Glacéhandschuhen, unter denen hervor ein Stück der derben,

fest zusammengepreßten blutrothen Hand sichtbar wurde, in großcarrirten

Unaussprechlichen, die Haare allem Anschein nach noch kürzer als

gewöhnlich geschnitten, ebenso die Nase, _wenn_ das möglich gewesen

wäre, noch stumpfer, die Augenbrauen noch mehr heraufgezogen, die Augen

noch stierer und größer, die Stirn noch schmaler, die weit abstehenden

Ohren noch feindlicher gegen einander gesinnt -- die Sporen noch

klirrender, die Reitpeitsche noch graciöser in der Hand, Feodor

Strohwisch, mit einem freundlichen Lächeln auf den breiten Zügen.

Die Begrüßung war kurz, Strohwisch schien nicht gewohnt lange

Complimente zu machen -- =ubi bene, ibi patria=, ob sich das =patria=

nun eben so wohl um ihn herum fühlte, galt ihm ziemlich gleich.

Fräulein Schütte hatte er übrigens in ihrer dunklen Ecke noch gar nicht

erkennen können, und selbst nach dem Sopha, auf dem die beiden Herren

saßen warf er, als diese sich aus ihrer Stellung nicht bewegten, einen

mistrauischen Blick, ohne jedoch im Stande zu sein, die Identität ihrer

Personen zu bestimmen.

Frau von Gaulitz wollte Licht bringen lassen, dem widersetzten sich aber

die beiden Damen Seiffenberger »o es war jetzt zu reizend, zu herrlich

hier in dem düsteren dämmernden Stübchen, -- wie schauerlich schön wehte

und rauschte die Kastanie draußen vor dem Fenster, und wie wunderhübsch

war das, daß man von einander nur die Umrisse der Gestalten, gar nicht

einmal die Gesichtszüge erkennen konnte.« Frau von Gaulitz fügte sich,

und Feodor Strohwisch wurde bald der Mittelpunkt des Gesprächs, indem

er den Faden der Unterhaltung, den bis dahin die Damen Seiffenberger und

Schütte in Händen gehalten, fast allein für sich usurpirte.

Vor allen Dingen berichtete er ziemlich ausführlich über den Zustand des

Wetters draußen, und gab seine Vermuthungen an, was er davon für morgen

erwarte, wunderte sich über das »famose« Frühjahr und versicherte der

älteste Mann in Horneck wisse sich, wie er das aus dessen eigenem Munde

vernommen, einer solchen Jahreszeit gar nicht zu erinnern.

»Denken Sie sich« fuhr er dann zur Bestätigung des Gesagten fort, »oben

in der Schenke sitzt Alles, bis noch zu diesem Augenblick, im Freien --

Anfang April -- das ist fabelhaft. -- Aber was mir da einfällt -- ich

habe eben drüben etwas gehört, das ich hier in Horneck wahrlich nicht

erwartet hätte.«

»Und das wäre?« frag Fräulein Melinde rasch.

»Eine Sängerin, wie ich sie selbst in den ersten Städten Europas

(Schäker -- die größte Stadt die er je gesehen, war Dresden) nicht

getroffen. Ein Mädchen -- zwar, allem Anschein nach in höchst

mittelmäßigen Umständen, auch etwas zu bleich und krankhaft von

Aussehn, um gerade schön genannt zu werden, aber eine Stimme -- famos --

glockenrein, und weich wie Sammet -- und eine Höhe! -- Sie sang zuerst

ein paar ernste Sachen -- recht brav, das muß man sagen; aber später

trug sie ein humoristisches Lied vor -- nein, meine Damen, ich habe nie

etwas Aehnliches gehört!«

»Aber warum erfährt man das erst jetzt?« frugen Melinde und Josephine

»warum giebt sie nicht irgend eine Matinee, ein Concert.« --

»Es ist liederliches Gesindel, das im Lande umherzieht« -- mischte sich

hier der Pastor in's Gespräch, und Feodor schnellte von seinem Sitze

auf, um sich nach der Ecke hin, aus welcher die Stimme tönte, zu

verbeugen -- »sie wollten auch heute, am Sonntag Morgen schon singen,

das hab ich mir aber verbeten; die Welt wird wahrlich immer schlimmer.

-- Das hätte einmal in einer früheren Zeit einem Christenmenschen

einfallen sollen, an einem Sonntag komische Lieder zu singen, -- er wäre

gesteinigt worden; jetzt findet man das aber ganz in der Ordnung.«

»Und es ist ein böses Zeichen für die gottesfürchtige Gesinnung des

Ortes,« pflichtete ihm hier der Oberpostdirector seufzend bei, »daß so

etwas auch in unserem Orte einzureißen scheint oder die Menschen nur

überhaupt Gefallen daran finden.«

»Bitte um Verzeihung, meine Herrn,« setzte sich aber hiergegen Feodor

Strohwisch -- der auch nach der zweiten Stimme hin seine Verneigung

gemacht, zur Wehr, denn das hieß seine Existenz zugleich angegriffen --

»von gemeiner Komik darf und kann hier nicht die Rede sein, der _Humor_

aber ist das Salz und die Würze des Lebens, und eben so wenig wie wir an

einem Sonntag das Salz entbehren mögen, eben so wenig ist das glaub ich,

mit dem Humor der Fall -- hahahahaha!«

Fräulein Schütte hatte sich auf die Tasten niedergebogen, um diese

besser erkennen zu können, legte dann die Finger einzeln aber

geräuschlos auf, und griff jetzt schwärmerisch einige Moll Accorde.

Einer von diesen klang nicht ganz rein und Feodor warf einen

mistrauischen Blick nach der, von geheimnißvollem Dämmerschein

umflossenen Gestalt hinüber, schien aber gegenwärtig auf ein viel

zu interessantes Kapitel gerathen zu sein, um davon so leicht wieder

abspringen zu können.

»Ist denn die Sängerin allein oder in Begleitung hier?« frug Sophie.

»Ein alter Mann, wahrscheinlich ihr Vater ist bei ihr« -- sagte Feodor,

»er trug einzelne Piecen sehr hübsch vor, und accompagnirte besonders

das letzte Lied reizend -- nun -- wo hab' ich es denn eigentlich -- hin

-- gesteckt? -- na das wäre ein schöner Spaß« -- Er befühlte sich am

ganzen Körper in immer größerer Hast, wie Einer, nach dem geschossen

ist, und der nur noch nicht recht weiß, ob ihm die Kugel in der Schulter

oder im Beine sitzt.

In dem Augenblick ging die Thüre auf, und Poller trat mit der großen

Schraubenlampe herein, die er mitten auf den Tisch stellte und zugleich

das Kaffeegeschirr mit fortnahm.

»Haben Sie etwas verloren?« frugen die beiden Fräulein Seiffenberger

besorgt.

»Bitte -- bemühen Sie sich nicht -- es muß sich schon wieder finden --

es war nur das humoristische Gedicht, das von dem Mädchen so wundervoll

vorgetragen wurde -- ich glaubte es wäre vielleicht für Sie interessant

zu -- ah, hier ist es -- nein doch nicht -- das ist etwas anderes --

nun das schadet Nichts -- hahahaha -- das ist auch ein so kleines

scherzhaftes Ding was ein _sehr_ guter Freund von mir gemacht hat --

prachtvoller Humor darin -- es kommt mir immer, wenn ich es so ansehe

vor, wie eine Schachtel voll Knallerbsen -- hahaha!«

»Hihihi« kicherten die beiden Fräulein Seiffenberger und die Frau

Oberpostdirectorin -- und die Mollaccorde wurden weicher und wehmüthiger

-- Feodor saß übrigens den Rücken dem Clavier zugewandt, und konnte

deshalb die Spielende nicht sehn.

»Ach bitte, tragen Sie uns etwas vor« bat Melinde.

»Ich habe schon einiges von Ihnen gelesen« setzte Josephine hinzu --

»nein, _zu_ reizend; todt könnte man sich darüber lachen -- >Possen aus

Nossen< war, glaub' ich, der Titel -- ist dieß auch von Ihnen?«

»Von mir? -- nein« -- lächelte Feodor verlegen, und eine eigenthümliche

Bescheidenheitsröthe verlieh seinem Antlitz etwas Zinnoberartiges --

»ein _sehr_ guter Freund von mir -- er ist noch -- er ist noch Dilettant

-- Sie -- Sie werden Nachsicht mit ihm haben müssen.«

»O bitte, bitte lesen Sie« baten die Damen.

»Aber es eignet sich in der That gar nicht zum Vorlesen« versicherte

Feodor -- »es sind nur einzelne, epigrammatisch gehaltene abgerissene

Strophen, ohne Zusammenhang -- es sollte -- wie mir mein Freund gesagt

hat, ein Versuch sein, einen Vers auf das ernsthafteste, tragischeste zu

beginnen, und dann urplötzlich ganz humoristisch zu schließen -- es ist

das eine ungeheuer schwere Aufgabe, und ich weiß wirklich nicht« --

»Oh bitte, bitte« -- lautete die einzige Antwort.

»Nun, wenn Sie denn nicht anders wollen, aber zürnen Sie mir nicht, wenn

ich Sie langweile -- ahem -- ahem!« --

»Wollen Sie sich die Lampe nicht etwas weiter hinübernehmen?« frug Frau

von Gaulitz.

»Oh ich danke, meine Gnädige -- ich kann herrlich hier sehen -- also

ahem -- wenn Sie denn Nachsicht mit mir haben wollen -- ahem:«

Feodor rückte noch einige Male räuspernd auf dem Stuhl herum, hielt

das Manuscript etwas gegen das Licht und begann dann mit ernster,

feierlicher Stimme, die ein ernsthaft schmachtender Blick nach des

Pastors Töchterchen hinüber aber Lügen strafte:

»Das Warum wird offenbar

Wenn die Todten auferstehen! -- --

Wer versetzt den Mantel muß,

Wenn es kalt, im Fracke gehn!«[1]

[1]: Diese und die nachstehenden Verse sind wörtlich einem kleinen

Liederbuche entnommen: »Faxen aus Sachsen, zweites Heft« Englische

Kunstanstalt von A. H. Payne in Leipzig.

»Hahaha.«

»Hahaha« lachten die Damen Seiffenberger und von Gaulitz und auch

Poller, der in der Thüre stehn geblieben war, verzog den breiten Mund

von einer Seite zur andern. Der humoristische Schriftsteller fuhr fort:

»Zwei Seelen und ein Gedanke

Zwei Herzen und ein Schlag -- --

Ich glaube Ritzebüttel

Ist kleiner doch als Prag.«

»Hahahaha -- sehr gut vortrefflich!«

»Wo Muth und Kraft in deutscher Seele flammen

Fehlt nicht das blanke Schwert beim Becherklang -- --

Rauch nie Cigarrn zwei Stück für einen Dreier

Sie machen sicher nur Gestank.«

»Sehr wahr -- sehr wahr« kicherten die Damen Seiffenberger -- Feodor

lächelte und fuhr fort:

»Alles war im Anfang gut auf Erden.

Alles wird durch Weisheit wieder gut --

Drum versäume ja nicht aufzukrämpeln

Deinen alten abgeschabten Hut.«

Ich will die Geduld des Lesers nicht durch noch mehr von diesen Versen

auf die Probe stellen. -- Die Damen, Fräulein Scheidler und Schütte

ausgenommen, amüsirten sich übrigens vortrefflich und riefen, als der

junge Mann das Gedicht seines _sehr_ guten Freundes beendigt, wie im

Chor: --

»O, das ist sehr drollig -- das ist allerliebst!«

»So abgerissen,« lachte Fräulein Josephine -- »erst glaubt man Wunder

was für ein ernster wehmüthiger Vers kommt, und dann schließt es so

pikant und reizend -- ha ha ha ha!«

»Der Ernst verleiht dem Humor gerade den höchsten Reiz,« versicherte

Feodor, während er das Gedicht in die Westentasche zurückschob. »So

hätten Sie nur zum Beispiel sehen sollen, mit welchem unerschütterlichen

Ernst das junge Mädchen heute mein -- das humoristische Lied sang -- es

war zu komisch, und ich -- ha wahrhaftig -- da ist es -- nun hab' ich es

doch in allen Taschen gesucht --«

Ein paar angeschlagene Accorde ließen den Sehnsuchtswalzer ahnen -- aber

kurz abgebrochen wurden sie, als ob ein furchtbarer Schmerz selbst jedes

Sehnen unterdrücke.

»Sie wollten uns ja ein Lied singen, mein Fräulein,« sagte aber jetzt

der Oberpostdirector, der nicht mit Unrecht eine Fortsetzung solch

literarischer Thätigkeit fürchtete.

»Ach ja, liebe Anna,« bat auch Sophie, zu ihr tretend, »Du kannst gewiß

irgend ein kleines Lied auswendig, singe nur etwas.«

Feodor hatte die zweite Auflage seiner Humoristik schon wieder zum

vollständigen Angriffe bereit, da aber die Bitte zum Singen auch von

einer der Damen, noch dazu von Fräulein Scheidler unterstützt wurde, so

konnte er dagegen doch nicht gut ankämpfen -- er legte das Papier vor

sich nieder, und nahm sein Taschentuch heraus.

»Ich weiß nicht -- meine Stimme ist heute so belegt,« sträubte sich

Anna, und Strohwisch fuhr bei den Lauten blitzesschnell herum -- _das_

war seine Hausgenossin mit ihrer gellenden Stimme -- ha, selbst bis

hierher verfolgte ihn sein Geschick.

»Es wird schon gehen,« ermunterte sie aufstehend der Oberpostdirector,

und schien nur eine günstige Gelegenheit abzuwarten, um das Zimmer zu

verlassen.

»Vielleicht könnten Sie uns irgend ein geistliches Lied singen?« schlug

mit gewinnendem Lächeln der Pastor vor.

Feodor war bei der Nachfrage nach einem Liede fast unwillkührlich wieder

mit der Hand an die Tasche gefahren, die aller Wahrscheinlichkeit

nach noch einen Schatz von solchen in ihren Falten barg, dieser letzte

Vorschlag ließ ihn aber in Verzweiflung davon abstehen. Weiteres

Ueberlegen half jedoch auch gar Nichts, denn Fräulein Schütte schien

plötzlich zu einem Entschluß gekommen zu sein; sie rückte sich

wenigstens den Stuhl zurecht -- präludirte ein wenig, und --

»Robert, Robert, mein Geliebter,

Mein Herz lebt nur -- lebt allein durch Dich«

schwoll mit steigender Bewegung durch die stillen Räume des Saales.

Die _Gnadenarie_ stöhnte Strohwisch leise vor sich hin, und sank

vernichtet in seinen Stuhl zurück. Und die Gnadenarie war es auch

wirklich, die Anna, trotz der belegten Stimme, in schmetternden

Tönen, bald einen Viertelton zu hoch, bald einen halben zu tief, aber

regelmäßig aus dem Tact, und fast bei jedem Satze stecken bleibend,

vortrug.

»Wenn ich nur meine Noten hätte,« entschuldigte sie sich fortwährend

dabei -- Feodor aber nahm gar keine Entschuldigung an -- bleich und

lautlos saß er am Tisch, und nur einmal flüsterte er leise mit unter der

Decke gefalteten Händen: »Ich leide unschuldig!«

Unten im Hof aber war es indessen lebhaft geworden, und der

Oberpostdirector an's Fenster getreten, wo er hinter den zur Seite

geschobenen Rouleaux hervor hinabsah. Dunkle Männergestalten schritten

dicht bei einander über den gelben Kies.

»Sie haben ihn,« sagte er, die Gesellschaft ganz vergessend, gegen den

Pastor gewandt, wenn aber auch Sophie Scheidler den Kopf wandte, so

schien doch sonst Niemand die Bemerkung gehört zu haben, der Pastor aber

verließ rasch mit dem Gutsherrn das Zimmer.

»Sie haben ihn?« flüsterte Sophie, und unwillkührlich überlief ein

kaltes Frösteln ihre Glieder -- »wen? -- großer Gott, wenn es möglich

wäre.«

Sie glitt rasch an's Fenster, und sah hinaus -- gegenüber, wo das kleine

Gebäude stand, in welchem zu Zeiten, obgleich sehr selten, Missethäter

eingesperrt wurden, standen eine kleine Gruppe Menschen, ihr Vater trat

mit dem Oberpostdirector eben zu ihnen; dieser gab einige Befehle.

»Das ist Tyrannei, und wird seine Strafe finden -- der Tag des Gerichts

ist nahe!« donnerte eine Stimme vom Hofe aus, daß sie selbst hinter

dem geschlossenen Fenster die Worte deutlich verstehen konnte. Auch

die Uebrigen mußten etwas davon vernommen haben, denn die Fräulein

Seiffenberger drehten sich rasch nach dem Fenster um, und Frau von

Gaulitz trat zu Sophien, um hinaus zu sehen. Nur Anna Schütte ließ sich

nicht stören.

»Wie? Dein Herz, wie? Dein Herz hat vergessen,

Was Du heiß, was Du heiß einst mir schwurst!«

tönte ihre gellende Stimme durch das ganze Haus; selbst die Mägde, die

eben mit den Aeschen, in denen sie ihre Abendsuppe geholt, aus der Küche

kamen, blieben erstaunt stehen, und horchten hinauf, »wem denn da oben

etwas fehle.« Feodor aber saß noch immer in dumpfes düsteres Brüten

versenkt.

Gleich darauf schloß sich die Thür wieder drüben, Schlüssel klapperten,

und der Oberpostdirector kam mit dem Pastor in das Haus zurück.

»Ach Gnade, Gnade für Dich selber, für Dich selber,

Und Gnade -- und Gnade, Gnade für mich -- Gnade -- Gnade -- Gnade

für mich!«

schloß Anna ihre schmetternde Bravourarie, und »herrlich!« »göttlich!«

riefen die Fräulein Seiffenberger wie aus einem Munde.

»Wirklich schön!« sagte Herr Strohwisch, und machte einen schwachen

Versuch zu applaudiren -- »sehr schön, mein Fräulein -- ich habe -- ich

habe auch schon früher das -- Vergnügen gehabt, Sie singen zu hören --«

Weitere Complimente wurden unnütz, denn Melinde wie Josephine gingen auf

Fräulein Schütte zu, preßten sie in die Arme, küßten sie, und nannten

sie einen »süßen melodischen Engel.«

Der Oberpostdirector trat mit dem Pastor in's Zimmer, »so will ich

Ihnen das andere kleine Gedicht noch vorlesen -- mit Musik macht es sich

freilich besser -- alle meine Gedichte sind fast componirt -- wundervoll

-- schön!«

»Um Gotteswillen, Vater, was ist da draußen eben geschehen?« frug aber

Sophie, die neue Kriegserklärung gar nicht beachtend, in Todesangst

ihren Vater, so wie dieser die Schwelle nur überschritten hatte.

»Nichts, mein Fräulein, beruhigen Sie sich,« nahm da Herr von Gaulitz

die Antwort auf -- »Nichts, was Sie ängstigen dürfte, im Gegentheil

etwas Freudiges -- wir haben den Burschen aufgespürt, der von der

Residenz aus steckbrieflich verfolgt ist, und Sie selber sogar gestern

im Walde angefallen hat.«

Sophie hatte eine Stuhllehne erfaßt, und es bedurfte aller ihrer

Geistesgegenwart, sich in diesem Augenblick nicht zu verrathen.

»Den haben Sie erwischt?« rief da Anna Schütte fröhlich dazwischen --

»Gott sei Dank, jetzt kann man doch wieder vor die Thüre gehen, ohne

fürchten zu müssen, angefallen zu werden. Was geschieht nun mit dem

erschrecklichen Menschen?«

»Aber er hat uns ja gar nicht angefallen!« betheuerte Sophie, denn

gewaltsam raffte sie sich zusammen, da sie recht gut fühlte, wie es

jetzt an der Zeit sei, dem Unglücklichen, was er auch sonst immer

verbrochen haben mochte, wenigstens von dieser Anklage zu reinigen --

»nur vom Waldrand her, wo er wahrscheinlich gesessen, trat er auf uns

zu, als ihn auch schon das Blei des Jägers traf -- und er ist -- er ist

verwundet.«

»Der klare Schrot wird ihm nicht viel gethan haben,« meinte der

Oberpostdirector; »das bleibt sich aber auch gleich, und es soll mir

seinetwegen lieb sein, wenn ihm das nicht härter in's Gewicht fällt. Ich

habe bei der Sache aber weiter Nichts zu thun, als daß ich ihn in die

Stadt an's Criminalgericht liefere, das mag nachher meinetwegen sehen,

was es mit ihm anfängt.«

»Was hat er denn eigentlich verbrochen?« frug Strohwisch, der seufzend

den Gedanken aufgab, heute noch und unter solchen Verhältnissen zum

Vorlesen zu kommen -- »hat er gestohlen?«

»Das kaum,« sagte von Gaulitz, »dem Ministerium scheint nur sehr viel

an seiner Gefangennehmung zu liegen, es muß wohl ein sehr gefährlicher

Mensch und Demagoge sein -- nun, wild genug sieht er aus, und es ist

mir lieb, daß wir ihn hinter Schloß und Riegel haben. Aber bitte, meine

Damen, setzen Sie sich doch, Sie brauchen sich wirklich nicht mehr zu

fürchten, -- er ist ganz unschädlich. -- Wir haben Sie gewiß in Ihrer

Arie gestört, mein Fräulein.«

»Ich hatte sie gerade beendet -- aber -- bester Herr Oberpostdirector,

könnte man den Menschen denn wohl einmal zu sehen bekommen? -- ich habe

noch nie einen ordentlichen Räuber --« sie zögerte einen Augenblick, und

der Pastor fuhr lächelnd fort --

-- »in aller Sicherheit hinter einem Gitter wie ein wildes Thier

betrachten können.«

»Aber Anna!« sagte Sophie vorwurfsvoll --

»Nun liebes Kind, ich weiß wirklich nicht, ob man mit einem solchen

Menschen Mitleiden zu haben braucht,« vertheidigte sich die junge Dame

-- »wenn Einer einmal erst _steckbrieflich_ verfolgt ist, dann _muß_ es

ein schlechter Mensch sein.«

»Bitt' um Verzeihung, mein Fräulein,« fiel hier Strohwisch ein -- »das

kann in jetziger Zeit dem Besten passiren: ein _sehr_ guter Freund von

mir hat einmal auf die politischen Steckbriefe ein Gedicht gemacht,

das --« er fing schon wieder an, in den Taschen zu suchen -- »das -- in

-- der -- That -- es wird Sie vielleicht -- vielleicht interessiren --«

Es klopfte in dem Augenblick stark an die Thür, und auf ein fast

unwillkührliches lautes »Herein« des Dichters, der jedoch erschreckt

danach zusammenfuhr, und »tausendmal« um Entschuldigung bat, öffnete

sich die Thür, und ein junger Mensch, der Bote, den Herr von Gaulitz

heute in die Stadt geschickt hatte, trat herein:

»Nehmen Se's nich vor ungut, Herr Oberpostdirecter,« sagte dieser, »daß

ich so g'rad hereinfalle, aber 's war keener nich von den Bedienten da,

und da dacht' ich, de Sache hätte Eile.«

»Nun, Christoph, was giebts?« frug der Gutsherr rasch -- »bringst Du

Briefe?«

»Ja, zwee -- eenen an den Herrn Oberpostdirecter, un eenen an den Herrn

Paster -- es sieht wild in der Stadt aus.«

»Was? -- Wie so?« sagte von Gaulitz, indem er an den Tisch trat und den

Brief erbrach.

»De Minister haben se fortgejeggt,« lachte der Bursche, »reene fort --

eben wie ich zum Thore 'naus wulle, gung der Spectakel los.«

»Um Gott,« fuhr der Oberpostdirector erschreckt auf -- »das wäre bös --«

»Ja, Se kennen sich druff verlassen, -- in der Schenke han ich's en ooch

schonst verzählt -- na, die fungen en scheenen Cravall an -- herr jes!«

Der Pastor hatte indessen seinen Brief ebenfalls geöffnet, von Gaulitz

bat ihn aber mit leiser Stimme, ihm auf sein Zimmer zu folgen, und

die beiden verließen nach nur kurzer, hastiger Entschuldigung die

Gesellschaft.

Auch Christoph wollte sich mit vielen Bücklingen entfernen, um seine

Neuigkeit wahrscheinlich im Dorfe weiter zu tragen, der kam aber schön

an. Die drei Damen Seiffenberger und Schütte nahmen ihn in die Mitte,

Strohwisch besetzte die Thür, und er mußte nun erzählen, bis er,

wie eine total ausgepreßte Citrone, der auch der letzte Tropfen Saft

genommen, trotz den gewaltigsten Anstrengungen nichts weiter mehr

herausgeben konnte. Erst dann überließen sie ihn, matt und erschöpft

seinem Schicksal.

»Herr Pastor,« sagte der Oberpostdirector indessen, als der Bediente

das Licht auf den Tisch gestellt, und das Zimmer verlassen hatte --

»die Sache in der Residenz scheint allerdings schlimm zu stehen, und die

Revolution auch in unser kleines Ländchen ihre Bahn gefunden zu haben;

nur von dem Sturz des Ministeriums las ich hier noch kein Wort -- ich

hoffe, der Bursche hat in all seiner Aufregung die Sache am Ende gar

schlimmer angesehen, als sie wirklich war.«

»Auch in meinem Briefe steht keine Sylbe davon,« versicherte der

Geistliche, -- »für mich aber ist hier eine sehr fatale Nachricht

enthalten. Denken Sie nur, unser Gefangener ist der Sohn unseres

Generalsuperintendenten Wahlert, der sich freilich, wie mir der

Hofprediger Bellmann hier schreibt, nach dessen letzten politischen

Umtrieben von ihm losgesagt, und ihm förmlich das Haus verboten hat --

aber, Du lieber Gott, Elternliebe läßt sich nicht so ohne Weiteres und

mit solchem jungen Menschen zu gleicher Zeit vor die Thüre setzen; die

bleibt zu Haus, und nagt und mahnt, und holt ihn am Ende doch

wieder herein. Der Generalsuperintendent ist, besonders bei Hofe,

außerordentlich einflußreich, und ich weiß in der That nicht, ob er es

uns später danken würde, dazu beigetragen zu haben, sein einziges Kind

aufzufangen.«

»Aber _freigeben_ kann ich ihn doch wahrhaftig auch nicht wieder,« sagte

von Gaulitz nach kurzem Ueberlegen, während er mit schnellen Schritten

und verschränkten Armen im Zimmer auf- und abgegangen war; »erstlich ist

mir das Sprengen des Ministeriums vollkommen unglaublich; wer weiß, was

der holzköpfige Bursche in der Stadt gehört und sich dabei in seinem

eigenen vernagelten Gehirn zusammengestellt hat -- und dann -- wirklich

den Fall gesetzt, es wäre dem so, wer bürgt mir nachher dafür, daß

die heute Gestürzten nicht morgen schon wieder die Zügel, und dann

sicherlich noch viel gewaltiger als vorher in Händen haben? -- Ich

kann, man mag mir nun sagen was man will, noch immer an keine wirkliche,

ordentliche Revolution glauben; der Geist des Militairs ist noch der

alte, und läßt man den Regierungen nur Zeit, daß sie sich ein wenig

von ihrem ersten Schreck erholen können, so werden sie sicherlich das

verlorene, oder hier und da fast muthwillig selber aufgegebene Terrain

bald wieder gewinnen. Deßhalb muß ich mir also den Rücken in jedem Fall

frei halten, und jetzt vor allen Dingen suchen, authentisch-officielle

Berichte über den wahren Stand der Dinge in der Residenz zu erhalten.

Daß den Ministern, wären sie wirklich gestürzt, Nichts daran liegen

würde, einen unruhigen Kopf mehr oder weniger unter Riegel zu wissen,

versteht sich wohl von selbst, sind sie aber _nicht_ gestürzt, und war

das ein bloßes, vielleicht absichtlich ausgesprengtes Gerücht, -- denn

die freie Presse leiht ja jetzt zu jeder Schändlichkeit bereitwillig die

Hände -- und hätt' ich mich dann verleiten lassen, den Gefangenen wieder

_frei zu geben_ -- so könnt' ich in schöne Verlegenheit hineingerathen.«

»Frei _geben_ dürften Sie ihn auf keinen Fall«, meinte der geistliche

Herr, der eine ganze Weile sinnend am Fenster gestanden und in die

dunkle Nacht hinausgeschaut hatte, sich jetzt aber plötzlich wieder

gegen den Gutsherrn wandte -- »wer würde Sie dagegen tadeln können, wenn

der Gefangene, durch die Hülfe irgend eines Anderen, vielleicht guten

Freundes, von hier _entwischte_.«

Von Gaulitz blieb vor dem Pastor stehen und sah ihn ein paar Minuten

forschend und scharf in die kleinen schwarzfunkelnden Augen,

schüttelte aber nach kurzem Ueberlegen mürrisch den Kopf, setzte seinen

unterbrochenen Spaziergang wieder fort Und sagte:

»Nein -- nein -- das geht nicht -- das geht wenigstens _jetzt_ noch

nicht -- erst muß ich die gewisse Bestätigung dieser Nachricht bekommen,

und mit _der_ -- werde ich wohl auch Instructionen über mein künftiges

Benehmen erhalten. Das alte Staatennetz ist viel zu vortrefflich und

dauerhaft gewebt, als daß es so mit einem Male, und schon bei dem ersten

gewaltsamen Ruck aus allen Fugen reißen sollte -- eine Masche kann

wohl manchmal nachgeben -- doch das läßt sich restauriren -- und die

ausgebesserten Stellen halten nachher gerade am Besten. Ich will ohne

Zögern einen zuverlässigen Boten in die Stadt zurückschicken; der kann

dann recht gut vor morgen früh wieder hier sein, und nachher weiß ich,

wie ich zu handeln, was ich zu thun habe, und woran ich bin.«

»Aber der General-Superintendent.«

»Es ist eine böse Geschichte -- aber ich kann's nicht ändern -- daß mir

auch das alberne Volk den Menschen gerade heute Abend einbringt -- das

verdank' ich Niemandem, als diesem Ohrwurm, dem Poller -- so lange

hat der Schuft gebohrt und spionirt und wieder gebohrt, bis ich mich

verlocken ließ. Ich weiß nicht, was ich jetzt darum gäbe, mit der ganzen

Sache gar Nichts zu thun gehabt zu haben. Doch zum Spioniren ist er gut,

und darum soll er mir auch ohne weiteres Zögern in die Stadt hinein.«

Der Oberpostdirector schritt rasch der Thüre zu, als ein wunderlich

murmelndes Geräusch sein Ohr traf, und ihn fest an die Stelle bannte --

auch der Pastor hob erschreckt den Kopf, trat zum Fenster und öffnete

schnell den Flügel.

Draußen wogte und tobte eine wilde, stürmende Menschenschaar in das

noch offen stehende Thor des Rittergutes herein, junge Bauerburschen und

Handarbeiter aus dem Dorfe, und an der Spitze des Zuges wer anders

als Doctor Levi, das gesinnungstüchtige Nordlicht der Freiheit mit

bis obenhin zugeknöpftem Rocke und fest und entschlossen in die Stirn

gedrücktem Hut.

»Hurrah -- Freiheit -- Freiheit oder'n Dot -- 'raus mit'n Gefangenen --

Postdirecter 'raus -- Hurrah -- Republik soll leben -- hoch!!! -- Hurrah

-- Postdirecter abdanken -- freien Schnaps -- hurrah -- alle eine Metze

Erdbirn' und zwee Pfund Fleesch -- hurrah den Gefangenen 'raus!«

Das waren die wildverworrenen Schreie und Ausrufungen, die von dem

Menschenhaufen zu den am Fenster Stehenden heraufdrangen. In demselben

Augenblicke glitt aber auch schon die bleiche, zum Tode entsetzte

Gestalt des jungen Poller in's Zimmer und rief, fast athemlos vor

innerer Angst und Aufregung:

»Sie kommen, Herr Oberpostdirector, sie kommen -- sie wollen ihn

wiederholen -- das ganze Dorf ist unten, und sie haben geschworen, sie

wollen das Schloß in Brand stecken, wenn sie'n nicht gleich mitkriegen.«

»Unsinn!« sagte Herr von Gaulitz, dem es, was auch seine sonstigen

Eigenschaften sein mochten, keineswegs an persönlichem Muth gebrach --

»Du bist eine Memme, daß Du gleich beim ersten Lärmschuß das Hasenpanier

ergreifst -- wer ist unten?«

»Das ganze Dorf!« rief der Erschrockene.

»Sind auch die Eisenbahnarbeiter vom Sellsberge dabei?«

»Es kriwwelt und wimmelt von lauter Gesindel.«

»Das ist ja gar nicht möglich,« sagte der Pastor, »Christoph hat

die Nachricht vor kaum einer Stunde mitgebracht und auf die hin ist

sicherlich erst die ganze Aufregung entstanden.«

»Herr Oberpostdirector!« rief in diesem Augenblicke der alte Poller, der

ohne Weiteres das Zimmer aufriß und herein prallte -- »Sie wollen mit

dem Herrn Oberpostdirector sprechen -- die ganze Gemeinde ist da.«

»Ist denn das ganze Haus verrückt geworden?« sagte der Herr von Gaulitz,

dem Alten rasch und zornig entgegen gehend -- »was ist das für eine

Manier, zu mir in's Zimmer zu kommen -- weiß er nicht besser, was sich

schickt?«

»Bitt' um Verzeihung, Ew. Gnaden -- aber -- das Volk -- der Schrecken --

Besorgniß um Ew. --« stotterte der Alte.

»Wer ist noch draußen auf dem Vorsaale?« unterbrach ihn der Gutsherr

rasch und heftig.

»Fritz -- der Jäger,« lautete die Antwort.

»Er soll hereinkommen -- schnell!«

Wenige Secunden später stand Fritz auf der Schwelle und sein monotones

»Zu Befehl Ew. Gnaden« -- machte den jetzt wieder hastig im Zimmer auf-

und abgehenden erst auf den Gerufenen aufmerksam. Er wandte sich nach

ihm um und frug:

»Wie steht's draußen, Fritz? -- Was sind das für Schaaren, die da

lärmend und schreiend auf mein Gut ziehen -- was wollen sie?«

»Sie scheinen's selber nicht so recht zu wissen,« lachte der junge Jäger

-- »der Doctor führt sie an und eigentlich wollen sie, glaube ich, den

Gefangenen befreien, die wirklichen Bauern aus dem Dorfe sind's aber

nicht -- eine Parthie junge Bursche meistens und Neugierige, sie wählen

unten gerade eine Deputation, um sie herauf zu schicken.«

»Ah gut -- laß sie kommen,« sagte der Herr von Gaulitz rasch -- »geh'

hinunter Fritz, und führe sie herauf zu mir -- Du bist doch wenigstens

noch vernünftig, und weißt was Du sprichst, das Volk hier scheint aber

das Bißchen Verstand vollendes verloren zu haben -- hinaus mit Euch --

halt da, Du, Karl -- Du wartest draußen, ich habe noch einen Auftrag für

Dich.«

Die beiden Poller glitten, zwischen Furcht vor ihrem Herrn und den

aufgebrachten Volkshaufen draußen schwankend (denn die Bewohner von

Horneck haßten sie, wie sie recht gut wußten, gründlich) aus dem

Zimmer. Fritz aber führte gleich darauf den Doctor Levi mit zwei anderen

»Vertrauensmännern«, dem Schneider aus dem Dorfe und dem Böttcher, in's

Zimmer, und Levi hielt denn auch, mit seiner ganzen liebenswürdigen

Bescheidenheit und ohne weitere Vorrede eine Ansprache an den

Rittergutsbesitzer, in der er diesen darauf aufmerksam machte, wie die

Tyrannei gestürzt und ihre Helfershelfer der Spreu gleich in alle Winde

»zerstiebt« wären, wie das souveraine Volk jetzt eine Weile selber

regieren wolle und ihn, den Reactionair auffordere, den Vorkämpfer

der Freiheit, den schändlich und heimtückisch gefangenen Wahlert,

augenblicklich wieder in Freiheit zu setzen. Sie -- die Deputation --

wären einstimmig vom Volke erwählt, das unten auf Antwort harre, und

den »Bayonetten« zum Trotz seine Foderung mit seinem Heldenblute

unterstützen wolle -- er rechne auf unbedingte Unterwerfung.

Der Pastor stand in der einen Fenstervertiefung und rieb sich

schmunzelnd die Hände -- der Sohn des General-Superintendenten wurde

frei und er selber damit jeder Verantwortlichkeit enthoben.

Pfarre und Schule: Eine Dorfgeschichte. Zweiter Band. · 第 1 / 12 段