Der Vater antwortete eine Zeit lang nicht, und es war, als wenn er

eben bei sich überlege, ob er der Tochter auch das, was ihn eigentlich

drücke, mittheilen solle und könne -- endlich schien er aber doch zu

einem Entschlusse gekommen, rückte sich das schwarze Käppchen zurecht,

wechselte seine Stellung vom linken auf den rechten Ellbogen, und

sagte, zur Tochter gewandt, die über ihre Arbeit hinüber seinem Blicke

begegnete.

»Du magst's auch wissen, was mir im Kopfe herum geht -- hast vielleicht

einen guten Rath für mich, wenn's Dich auch selber nicht groß

interessiren kann.«

»Nun Väterchen?« sagte die Tochter gespannt.

»Du weißt, daß sie gestern einen Gefangenen eingebracht haben.«

Sophie ließ ihre Arbeit in den Schooß sinken und hätte sie ihr Vater

in diesem Augenblicke angesehen, so mußte er bemerken, was für eine

Veränderung bei der bloßen Erwähnung jenes Mannes in ihren Zügen vorging

-- so aber haftete sein Blick schon wieder brütend an dem Sonnenstrahle,

der in die Stube zwischen dem am Fenster hinaufschlängelnden Epheu

hereinfiel und in den fliegenden feinen Staubkörnern allerlei

wolkenartige Gestalten bildete --

»Ja,« flüsterte die Tochter.

»Der Gefangene,« fuhr der alte Pastor fort, »ein junger hitz- und

tollköpfiger Bursche, voll überspannter Pläne und Leidenschaften ist der

einzige Sohn unseres General-Superintendenten.«

»Ist es möglich?« rief Sophie erstaunt und überrascht.

»Ja -- es ist allerdings eine wunderliche Geschichte,« bestätigte der

Vater, »aber nichtsdestoweniger wahr und mir um so fataler, da der

General-Superintendent weiß, auf welch' vertrautem Fuße ich mit dem

hiesigen Gutsherrn und Gerichtshalter stehe, und -- welchen Einfluß ich

bis jetzt auf ihn ausgeübt. Ich habe den Oberpostdirector aber in meinem

ganzen Leben noch nicht so starrköpfig und eigensinnig gefunden, wie

gerade in diesem Falle; allen meinen vernünftigen Vorstellungen leiht er

ein taubes Ohr und ich komme in der That in die äußerste Verlegenheit,

wenn er den jungen Menschen wirklich den Gerichten überliefert und einer

Strafe preisgiebt, die er sicherlich verdient hat, deren selbst nur

theilweise Ursache ich aber doch unter keiner Bedingung sein möchte --

ich wollte lieber den König als den General-Superintendenten zum Feinde

haben.«

»Aber er wird ihn nicht ausliefern,« sagte Sophie, und der Ton ihrer

Stimme, der Blick, den sie dabei auf ihren Vater heftete, das Alles

verrieth, wie sie dennoch das Gegentheil von dem fürchtete, was ihre

Lippen sprachen -- »er hat es ja erst gestern Abend noch den Leuten aus

dem Dorfe, die bei ihm waren, versprochen -- er wird nicht wortbrüchig

werden, ei denke doch Vater, wie er immer die Bibelsprüche im Munde

führt, und oft schon, daß ich es mit eigenen Ohren gehört, zu Leuten,

die sich wegen irgend etwas verschworen, sagte: >Eure Rede sei ja ja und

nein nein, und was darüber ist, das ist von Uebel< -- er dürfte ja nicht

einmal seiner eigenen Rede so entgegenhandeln.«

Der Pastor schüttelte, als wenn er an solche Gründe nicht so recht

glauben wolle, den Kopf, stand aber endlich auf und sagte:

»Ich werde den heutigen Tag noch abwarten, bis dahin muß sich auch der

Zustand in der Residenz entschieden haben und dann -- was will die Dirne

da draußen -- die Grethe läßt mir doch auch Jeden herein, das ist ein

Wettermädel.«

»Ach, lieber Vater, das muß die Sängerin -- die Tochter des alten

Musikanten sein!« rief Sophie, rasch von ihrem Sitze aufstehend -- »Herr

Hennig hat uns heute Morgen bei der Zeichnenstunde von ihr erzählt -- Du

lieber Gott, wie elend und ärmlich sie aussieht -- das arme Mädchen --

und die Kleider, wie abgetragen -- was sie nur wollen mag.«

»Ein Almosen,« sagte der Vater mürrisch -- »derlei Volk will Nichts

als Almosen, darauf kannst Du Dich verlassen -- ich gehe jetzt in mein

Zimmer hinauf, um noch ein paar Briefe zu schreiben -- halt' Dich mit

der Dirne nicht lange auf, und schicke sie nur zur Mutter in die Küche

-- die wird sie schon abfertigen.«

Der Pastor stieg langsam die Stufen hinauf und Sophie öffnete indessen

der Fremden, die nur einmal schüchtern angeklopft hatte und dann

geduldig harrend vor der Pforte stehen blieb, die Thür.

Die Tochter des armen Musikanten war aber keineswegs, wie der Geistliche

so lieblos geurtheilt, hierhergekommen, ein Almosen zu erbitten, nur

Arbeit wollte sie, Arbeit im Hause des Wohlstandes, um das karge Leben

nothdürftig zu fristen und dem Vater, dem es Mühe kostete, allein durch

die Welt zu kommen, nicht auch noch zur Last zu fallen. Ihre Sprache

war dabei edel und bescheiden und das ganze Wesen und Benehmen der

Unglücklichen machte einen so tiefen und wehmüthigen Eindruck auf das

weiche Herz der Jungfrau, daß sie sich lang und freundlich mit ihr

unterhielt, ihr endlich Arbeit versprach und in der Stube Brod und eine

Tasse Warmbier anbot, »weil es gerade dastand«, wie sie sagte, im Grunde

aber, weil die Augen des armen Kindes so glanzlos und tief in ihren

Höhlen lagen, daß sie sich des Gedankens nicht erwehren konnte, das

Mädchen habe heute noch keine Nahrung zu sich genommen, und hungere, sei

aber zu stolz, selbst das zu erbitten, was der erschöpfte Körper, sollte

er nicht erliegen, bedurfte.

Marie hatte sich im Anfange der freundlichen Sorge fast theilnahmlos

hingegeben, wie aber die süße Blume, die dem starren und stürmischen

Nordwest still doch hartnäckig getrotzt und die Blüthe fest und

krampfhaft jeder äußeren Gewalt verschlossen hielt, ihren duftenden

Kelch rasch und sehnend dem milden wärmenden Sonnenstrahle öffnet, und

über den linden Kuß des Zephyrs die thauige Freudenthräne weint, so

schmolz endlich die zarte Schonung, die in jedem der an sie gerichteten

Worte lag und sich selbst in den Gaben zeigte, die Sophien's Hand ihr

bot, jene Rinde um das in Leiden gestählte, erstarrte Herz. Wohl

kämpfte sie noch eine Zeit lang gegen jede Schwäche an, die ihren kalten

resignirenden Ernst zu bewältigen drohte, und als sie fühlte, wie ihr

die verrätherischen Thränen in die Augen traten, wandte sie sich ab und

suchte die perlenden Zeugen des Schmerzes vor dem forschenden Blicke

Sophiens zu verheimlichen.

Reines und heiliges Mitleid sieht aber scharf, wo es helfen und heilen

kann, und Sophie glaubte gar bald den Kummer errathen zu haben, der

in der Brust der Fremden so fest verschlossen, aber deshalb wohl noch

mächtiger und erschütternder geruht hatte, weil ihr keine Seele lebte,

der sie ihr Leiden anvertrauen konnte.

»Marie,« sagte sie nach einer ziemlich langen Pause, und ergriff des

Mädchens Hand -- »Marie -- fehlt Ihnen etwas, das in meinen Kräften

stünde, Ihnen zu verschaffen?«

Die Leidende blieb eine ganze Weile stumm und regungslos stehen, dann

schüttelte sie leise den Kopf.

»Marie --« fuhr des Pastors Tochter schüchtern fort -- »ich meine es gut

mit Ihnen -- ich meine es wahrlich gut mit Ihnen -- wenn ich nur wüßte

was -- was Ihnen fehlte. -- Sie sind -- Sie sind nicht glücklich.«

Ein zweites leises Schütteln sollte wieder die einzige Antwort sein, und

noch weiter ab drehte sie das bleiche Angesicht, aber nicht länger ließ

sich der also heraufbeschworene Schmerz bewältigen -- stärker und immer

stärker drängte er herauf aus dem vollen, o so übervollen Herzen und

endlich -- endlich brach er sich mit unwiderstehlicher Gewalt in wildem,

aber nicht linderndem Thränenstrom die stürmische Bahn, denn nicht

freiwillige Thränen waren es, die den heißen Augenhöhlen entquollen und

sie konnten deshalb das Herz auch nicht erleichtern und das Uebermaß der

aufgehäuften Fluth drängte sie in's Freie, daß die Gefäße, die sie bis

jetzt gehalten nicht vor der gährenden Kraft zerbersten und zertrümmern

sollten.

Aber die starre Hülle, die ihr Inneres umschlossen, schien ebenfalls mit

den vordringenden Thränen gefallen zu sein; ihre Gestalt zitterte, die

Hand, die Sophie in diesem Augenblick ergriff, bebte wie im Fieberfrost,

und rasch und plötzlich -- dem aufblitzenden Gedanken gehorchend, wandte

sie sich, barg ihr Antlitz auf der Hand der erschreckten Jungfrau -- und

schluchzte laut.

»Marie« flüsterte diese, »mein armes armes Kind, was kann ich für Sie

thun -- womit Ihnen helfen -- sind Sie in so großer Noth? -- ach ich

will gern --« sie schwieg; denn plötzlich fiel ihr ein, daß sie ja erst

am vorgestrigen Abend ihre ganze kleine Baarschaft weggeschenkt hatte

und nicht einmal im Stande war auch nur ein Almosen zu geben -- »ja --

mein Vater wird -- er _muß_ helfen,« fuhr sie, rasch sich sammelnd,

fort »mein Vater ist auch gut und mildthätig, nur zu viel hat er aber in

letzterer Zeit geben müssen und dadurch erscheint er manchmal härter --

weinen Sie nicht mehr, liebe Marie, wenn Sie hier in Horneck bleiben,

können Sie sich darauf verlassen, daß ich Alles thun werde, was in

meinen Kräften steht, Ihnen zu helfen und beizustehn.«

»Ich bin es überzeugt« flüsterte die Fremde mit einem innigen Händedruck

-- »Sie sind gut und freundlich -- aber -- verzeihen Sie den Ausbruch

eines Schmerzes, den Sie, eben durch Ihre Güte selbst hervorgerufen

-- es war das erste _herzliche_ Wort, was ich seit langer langer Zeit

gehört, und wenn es auch wohl, o so unendlich wohl that, und so süß und

tröstend in meine Seele klang, so beschwor es doch wieder Bilder herauf,

die besser, o weit besser in tiefster Seele begraben geblieben wären.«

»Sehn Sie« suchte Sophie jetzt die Leidende zu trösten und zu

zerstreuen; »wenn Sie hier wohnen bleiben und mit der Nadel gut

umzugehen wissen, so kann sich Ihr Leben vielleicht noch ganz glücklich

gestalten. Besonders im Sommer hat es uns bis jetzt immer an Näherinnen

gefehlt, denn die Stadtleute, die hier herausziehn, brauchen viel neue

Kleider und zerreißen sich die alten fortwährend an aufgestellten Eggen,

Dornhecken, Disteln und andern ländlichen >Unbequemlichkeiten,< wie

sie's nennen. Ich will Sie Schüttens empfehlen -- die kommen überall

herum und Sie können sich darauf verlassen, daß Sie _dann_ in kurzer

Zeit bekannt und was noch viel besser sein wird, auch beschäftigt sind.«

»Wie freundlich Sie sind« sagte, mit herzlichem Dank im Blick, die

Fremde -- »Sie sollen auch sehn, ich werde sicherlich Alles thun, was in

meinen Kräften steht, Ihr gütiges Fürwort zu verdienen; jetzt aber haben

Sie mir auch Muth gemacht Ihnen ganz zu vertrauen und -- eine Bitte

ist es -- eine Frage vielmehr, die ich mit aller Kraft meiner schwachen

Beredsamkeit an Ihr Herz legen möchte, daß Sie dieselbe bei Ihren Herrn

Vater befürworten möchten.«

»Und die lautet?«

»Sie betrifft nicht mich selbst« sagte Marie und schaute dabei mit dem

jetzt von einem eigenen Feuer belebten, aber sonst festen und ruhigen

Blick in das Auge der Jungfrau -- »sondern einen Unglücklichen, der

durch eine eigene Verkettung von Umständen gerade in diesem Augenblick

so nothwendig der Hülfe fremder Menschen bedarf, denn seine Freunde --

waren zu schwach ihm zu helfen.«

»Und wer ist es?« frug Sophie, Mariens Hand ergreifend -- »wenn ich nur

zu helfen vermag, es soll gewiß mit inniger Freude geschehen -- gewiß

Ihr Vater?«

»Nein -- nicht der -- nicht jetzt wenigstens, sondern ein Fremder --

jener Unglückliche, der gestern Abend gefangen auf das Schloß -- aber

um Gott -- was ist Ihnen? -- Sie werden todtenbleich -- Sie -- -- Sie

_kennen_ ihn?«

»Ich? -- ja -- Sie haben doch wohl von unserem Begegnen im Walde

gehört,« sagte des Pastors Tochter rasch gefasst und sich mit Gewalt

sammelnd -- »er sollte uns räuberisch angefallen haben, hieß es im

Dorfe, und der dazu kommende Jäger verwundete noch außerdem den armen

Menschen. -- Mir hat es recht von Herzen leid gethan, daß das um

meinetwegen geschehen war und -- es geht mir jedesmal wie ein Stich

durch die Seele, wenn ich an jenen Tag denke. -- Doch, wie kann ich ihm

helfen -- was kann mein Vater für ihn thun -- wie -- ja -- wer ist er

eigentlich, und -- welchen Antheil nehmen _Sie_ an seinem Schicksal?«

Der Fremden forschender Blick hatte fest und unverwandt auf der

Sprechenden geruht -- erst jetzt senkte sie ihn, und antwortete

seufzend:

»Welchen Theil ich an seinem Schicksal nehme? -- Er ist unglücklich --

unglücklich, weil er den _Armen_ zu nützen suchte, und mit freier und

kühner Rede gegen Macht und Reichthum auftrat. Er selbst stammt von

achtbaren Eltern -- sein Vater ist Generalsuperintendent und ein reicher

angesehener Mann; deshalb aber hassen die Großen des Reichs diesen

Vorkämpfer der Freiheit so aus Herzensgrund, weil sie ihm nicht den

Vorwurf machen können, Mangel und Noth oder ein verfehltes Leben

habe ihn zu seiner politischen Meinung getrieben; deshalb sind sie

wahrscheinlich so eifrig bemüht, ihn gefangen zu halten, weil sein

Beispiel nicht ein zündender Strahl werden soll, der das Verderben bis

in die Mitte der Gewaltigen schleudert, und den Thron stürzen könnte,

der dem Heile des Volkes den Weg zur Freiheit sperrte. Für das

Proletariat wirkte er mit allen Kräften, deren er fähig war, diesem eine

menschliche Stellung unter den Menschen einzuräumen, die Aufgabe hatte

er sich gestellt. Sollen die Armen da nicht an ihm hängen, die, denen er

sein ganzes Leben, seine ganze Existenz geopfert? -- Sollten _sie_ ihn

in der Noth verlassen, da er nur um sie in Noth gekommen?«

Sophie lauschte schweigend, mit halb weggewandtem Kopfe, aber mit

freudigem Lächeln auf den lieben Zügen den Worten, die ihr so hold und

süß klangen, weil sie das Lob des -- sie wagte den Gedanken noch nicht

auszudenken, aber ein Gefühl war es, das sie ergriff, als ob sie in

sonniger Morgenstunde den feierlich erhebenden Tönen der Orgel lausche

und die Seele ihr von des Chorals Accorden getragen, höher und höher

hinauf zu dem lichten Dom des Allliebenden emporschwebe.

Marie verwandte keinen Blick von ihr, und ein eigenthümlicher Ausdruck

von Spannung, Erstaunen und Zweifel lag dabei in den Zügen der Fremden.

Endlich brach Sophie wieder das Schweigen und sagte leise:

»Und droht dem Manne Gefahr?«

»Ja,« war die rasche Antwort des Mädchens, deren ganzes Streben sich

bei der Frage wieder blitzesschnell auf das eine fest und treu gehaltene

Ziel geheftet -- »ja -- noch in dieser Nacht.«

»In dieser Nacht?« rief Sophie erschreckt, und ihre Wangen färbte ein

höheres Roth, als sie sich so scharf und forschend beobachtet sah --

»aber wie wäre das möglich -- der Oberpostdirector --«

»Ist ein Schurke,« erwiederte eintönig die Fremde -- »und Niemand kennt

das vielleicht besser als ich -- doch wie dem auch sei, er wäre zu Allem

fähig, wo es den eigenen Nutzen oder Vortheil gilt, und ich weiß, daß

sein Plan dahin geht, den Gefangenen heute Abend um neun Uhr an das

nächste Militairpiket wahrscheinlich abzuliefern. Das zu vereiteln ist

vielleicht nur ihr Herr Vater im Stande -- er ist Geistlicher des Ortes

-- seine Pflicht als solcher geböte ihm schon, ein Menschenleben zu

retten, wenn es in seiner Macht steht -- sein Herz wird aber diese

Pflicht zu einer doppelten machen, -- wenn nicht gar -- Mitleid für den

Sohn seines Vorgesetzten -- er kann dem Gefühl den Namen geben, und

kein Mensch wird ihn tadeln dürfen, wenn er seine Stimme auch zu Gunsten

eines Mannes erhob, den das Gericht verfehmt hatte und dessen Spuren die

Häscher, wie der Jäger dem wilden Thiere, folgten.«

»Und noch in dieser Nacht? -- Aber der Gutsherr hat ja versprochen ihn

in Freiheit zu setzen, sobald er nicht ein schweres Verbrechen begangen

-- erst muß er hören, was der Unglückliche gefehlt, -- eher darf er

nicht richten; und ihn jetzt, in dieser Zeit ausliefern, wäre so gut wie

ein Richterspruch.«

»Der Herr von Gaulitz hat schon Vieles versprochen aber Lüge ist sein

Lächeln, und teuflische Hinterlist sein Wort -- aus der Bibel citirt

er die Sprüche Jesu, aber schwarz ist das Herz, das unter der

gleißnerischen Zunge schlägt.«

»Doch vielleicht -- vielleicht ist es ja nicht einmal so gefährlich,«

sagte Sophie plötzlich, und ein Hoffnungsstrahl durchglühte dabei ihre

Seele -- »wer weiß denn ob sie ihn, wie die Sachen jetzt stehen, nicht

augenblicklich wieder freilassen, so wie er die Residenz betritt, --

möglicher Weise ist es viel besser, er wird dorthin abgeliefert.«

»Sie haben recht,« antwortete das Mädchen, und ihr Blick suchte

mit ängstlicher Gier den Ausdruck der ihr halb abgewandten Züge zu

erforschen -- »_vielleicht_ lassen sie ihn frei, und so mag denn der

Gutsherr seinen Willen haben -- man kann das wenigstens glauben, und --

fällt es anders aus -- wird er vielleicht gar -- doch nein, das wäre ja

nur eine Möglichkeit, und die -- haben wir nicht voraussehen können.«

Sophie hatte in peinliches Sinnen versenkt dagestanden -- die Worte des

Mädchens schnitten ihr wie Messer in die Seele, und immer klarer wurde

sie sich bewußt, daß auf Hülfe, wenn einmal in den Händen des wirklichen

Gerichts, nicht mehr zu hoffen sei, und eine Rettung des Unglücklichen

von hier jedenfalls ausgehen müsse. Aber wie -- der Kopf schwindelte

ihr von all' dem Sinnen und Denken -- überall unübersteigliche

Schwierigkeiten, überall gehemmt und beschränkt, und die Zeit mit

jeder Secunde dem entscheidenden Momente rasch, furchtbar rasch

entgegenstrebend.

»Nein -- nein« sagte sie endlich, mit halblauter Stimme -- sie schien in

diesem Augenblick die Gegenwart der Fremden ganz vergessen zu haben --

»es darf nicht sein -- darf nicht geschehn? -- aber wie es verhüten?

-- mein Vater muß da helfen. Ja, Marie -- Sie haben recht« fuhr sie da

plötzlich laut, und sich der Gegenwart der Fremden erinnernd fort.

»Mein Vater ist gut -- er wird nicht zugeben, daß ein armer Verfolgter

ungerecht leiden soll -- selbst wenn er nicht der Sohn eines ihm

befreundeten Mannes wäre, -- ich will mit ihm sprechen -- verlaß Dich

auf mich, was in meinen -- was in seinen Kräften steht, wird er thun

und meine Schuld soll es sein, wenn ich die Sache nicht mit Bitten

unterstütze -- sind Sie nun zufrieden gestellt, Marie?«

Sophie hatte ihre ganze Fassung wiedererlangt, und streckte mit milder

Freundlichkeit dem erfreuten Schützling die Hand entgegen, Marie

begegnete ihrem Blick, schaute ihr lange lange in das blaue seelenvolle

Auge, ergriff dann die gebotene Rechte, preßte einen heißen innigen

Kuß darauf und verließ plötzlich und ohne eine Sylbe noch zu erwiedern,

Zimmer und Haus.

Sophie war allerdings über dieses schnelle Abschiednehmen etwas

erstaunt, andere Gedanken drängten ihr aber in das zum Zerspringen volle

Herz, und ohne weiteres Zögern suchte sie vor allen Dingen ihren

Vater auf, von dem sie ja wußte, daß er die Befreiung des Sohnes des

Generalsuperintendenten selbst wünsche und setzte diesen von dem eben

Gehörten in Kenntniß.

Hierin hatte sie sich auch nicht getäuscht; ihr Vater schien durch

die Botschaft, an deren wirkliche Genauigkeit er nur noch immer nicht

glauben wollte, sehr beunruhigt, verlangte dann, allein gelassen zu

werden, schritt lange in seinem Studierzimmer auf und ab, und ging

endlich, mit der Bemerkung, man möge nicht auf ihn mit dem Essen warten,

wenn er etwa zur rechten Zeit nicht zurück sein sollte, auf das Gut

hinunter.

Aber schon lange vor Essenszeit kehrte er, und zwar in anscheinend

höchst übler Laune, heim -- allen Fragen Sophiens wich er dabei aus;

versicherte erst, den Gutsherrn gar nicht getroffen zu haben, sagte

dann, er sei ihm unterwegs begegnet und nicht im Stande gewesen,

ausführlich mit ihm zu sprechen, weshalb er auch gegen Abend noch einmal

hinuntergehen wolle, und schloß sich dann gleich nach Tische in sein

Zimmer ein, das er auch nicht eher wieder verließ, als bis die Sonne

schon hinter den goldglühenden Schwarzholzsaum versunken war und die

Abendglocke ihre letzten zitternden Klänge als Gruß dem scheidenden

Tagesgestirn nachgesendet hatte.

Viertes Kapitel.

Die Wilddiebe.

Ehe wir aber dem Pastor Scheidler auf seinem Abendgange weiter folgen,

müssen wir uns noch einmal, um die Nachmittagszeit des nämlichen Tages

auf das Hornecker Feld und zwar auf den östlich vom Dorfe liegenden

Landstrich begeben, den dort, wie wir schon gesehen haben, einige

ziemlich tief in den Hügelhang eingeschnittene Schluchten durchzogen,

während hinter diesen wieder die Gegend flacher und der Boden niedriger,

aber auch fruchtbarer wurde, und einzelne breite Rapsflächen theils

mit frisch umgehackten Sturzen, theils mit noch unberührt daliegenden

Weizenstoppeln abwechselten.

An der Ostseite der letzten schmalen Schlucht, dicht unter den Büschen,

die hier schon ziemlich hoch den Rain überragten und die Gesichter der

Niederung zugewandt, deren breite Fläche vom Fuße der flachen Hügel

auslief, saßen drei in die gewöhnliche Bauerntracht gekleidete Bursche,

und schienen eben ihr Frühstück oder Mittagsessen beendet zu haben, denn

der Eine, der Müllerbursche aus der Rauschenmühle, wickelte ein übrig

gebliebenes Stück Brod und Käse in das blaubaumwollene Tuch ein, das

zwischen ihnen auf der Erde ausgebreitet gewesen, steckte es in die

Tasche und griff nach einer neben ihm liegenden einläufigen alten

rostigen Muskete mit Feuerschloß, deren Pfanne er sorgfältig prüfte,

frisches Pulver aufschüttete, das Gewehr dann auf seine Knie legte und

mit selbstzufriedenem Lächeln sagte:

»So, nun kann's wieder losgehen -- ich hab' nichts dawider -- wenn wir

nur noch einen kriegten, daß Jeder seinen Hasen mit zu Hause nehmen

könnte. -- Hol's der Henker, 's ist doch beinahe zu viel Arbeit um so

einen Bissen Fleisch; seit Tagesanbruch liegen wir nun draußen, und erst

zwei lumpige Stück; denn von den vieren, die ich angeflickt habe, werden

wir wohl nichts weiter zu sehen kriegen -- der zweite ärgert mich, das

war ein ausgezeichneter Schuß.«

»He he he,« lachte der eine Bauerbursche, »der schlengerte das eene

Hingerbeen nich schlecht hin un widder. Aber wie kunnte die Krete noch

auskratzen -- das sach emal kurjos aus, wie Krautsch hinger em her den

Rain nungersterzte. Aber -- weiter derfen mer wohl nich an's Dorf nan,

denn sunst kennten se uns knallen hiaren.«

»Dunnerwatter!« fiel ihm hier Krautsch, ein anderer Bursche aus

demselben Dorfe in's Wort -- »un was wärsch, wenn se's hiarten? -- Laß

Fritze Holken nur raus kommen, dem wullten mer heeme leichten, der sille

an uns denken -- das Aas das. -- Härrje, was ich vor ne Bosheet uf den

Grienrock hawe; wenn mer nur erscht de Volksbewaffnung kreihn, wie's uns

der Docter versprochen hat -- aber hernagens!«

»Habt Ihr denn die beiden Hasen gut versteckt?« frug jetzt der

Müllerbursche, der die einzige Flinte trug, seine Begleiter, und

stand, die Flur rings überschauend, von seinem Lagerplatze auf -- »vor

Dunkelwerden können wir mit dem Wild doch nicht gut in's Dorf hinein.«

»Die stäcken dort in den Bischern, wo das hohe Gras schteiht -- die sin

so gut verschteckt, die fingen mer selwer kaum widder. Aber wo wollen

mer denn nu jagen? noch emal durch'n Raps? -- do sitzt noch eener

drinn.«

»Nein, ich dächte, wir trieben eimal die kleine Schlucht hier selber

ab,« sagte der Müllerbursche Gottfried Wensche oder »Friede«, wie ihn

die anderen Beiden kurzweg nannten, »in dem dichten Grase und unter den

Brombeeren liegen sie unmenschlich gerne, und wenn ich mich oben an die

Spitze stelle und Ihr blos durchgeht und klappert, so fährt gewiß

noch so ein Braunpelz heraus, und dem will ich's besser auf die Ohren

brennen, als dem letzten.«

»Gut, dann wull'n mer hier nunger giahn,« sagte Krautsch, drückte sich

den alten Hut in die Stirn und hob seinen Treiberstock auf -- »hernagens

klappern mer von ungen heruff.«

Die beiden Bauerburschen schlenderten, während Müllers Friede oben an

der Schluchtspitze seinen Platz nahm, von wo er rechts und links am

Buschrand hin schießen konnte, draußen auf dem Sturze an der Ostseite

der Schlucht hinunter.

An der Westseite hin glitten aber zu gleicher Zeit die Gestalten des

alten und jungen Holke, die Flinten auf dem Rücken, den Hund an der

Leine, und als sie eine Stelle erreicht, wo ein kleiner Graben, eine Art

Wasserfurche, von den Feldern aus in die Schlucht hineinführte,

folgten sie dieser und sahen sich bald von dichten Büschen und steilen

Seitenwänden der »Delle« vollkommen gedeckt.

»Wär's nicht besser, Vater, wir warteten, bis sie wieder schössen,«

flüsterte der Fritz, und zog den Hund an sich, der rechts in die Büsche

hineinwindete, »wenn wir wenigstens gerade aus bis an den Rand gehen,

können wir die ganzen Felder übersehen.«

Pfarre und Schule: Eine Dorfgeschichte. Zweiter Band. · 第 3 / 12 段