Ferdinand (zu Egmont). Es ist ein schönes Pferd, das Eure Leute gebracht
haben, Euch abzuholen.
Egmont. Es ist nicht das schlimmste. Ich hab' es schon eine Weile; ich
denk' es wegzugeben. Wenn es Euch gefällt, so werden wir vielleicht des
Handels einig.
Ferdinand. Gut, wir wollen sehn.
Alba (winkt seinem Sohne, der sich in den Grund zurückzieht).
Egmont. Lebt wohl! entlaßt mich; denn ich wüßte, bei Gott! nicht mehr
zu sagen.
Alba. Glücklich hat dich der Zufall verhindert, deinen Sinn noch weiter
zu verraten. Unvorsichtig entwickelst du die Falten deines Herzens, und
klagst dich selbst weit strenger an, als ein Widersacher gehässig thun
könnte.
Egmont. Dieser Vorwurf rührt mich nicht; ich kenne mich selbst genug,
und weiß, wie ich dem König angehöre; weit mehr als viele, die in seinem
Dienst sich selber dienen. Ungern scheid' ich aus diesem Streite, ohne
ihn beigelegt zu sehen, und wünsche nur, daß uns der Dienst des Herrn,
das Wohl des Landes bald vereinigen möge. Es wirkt vielleicht ein
wiederholtes Gespräch, die Gegenwart der übrigen Fürsten, die heute
fehlen, in einem glücklichem Augenblick, was heut' unmöglich scheint.
Mit dieser Hoffnung entfern' ich mich.
Alba (der zugleich seinem Sohn Ferdinand ein Zeichen gibt). Halt, Egmont!
--Deinen Degen!--(Die Mitteltür öffnet sich: man sieht die Galerie mit
Wache besetzt die unbeweglich bleibt.)
Egmont (der staunend eine Weile geschwiegen). Dies war die Absicht? Dazu
hast du mich berufen? (Nach dem Degen greifend, als wenn er sich
verteidigen wollte). Bin ich denn wehrlos?
Alba. Der König befiehlt's, du bist mein Gefangener. (Zugleich treten
von beiden Seiten Gewaffnete herein.)
Egmont (nach einer Stille). Der König?--Oranien! Oranien! (Nach einer
Pause, seinen Degen hingebend). So nimm ihn! Er hat weit öfter des
Königs Sache verteidigt, als diese Brust beschützt. (Er geht durch die
Mitteltür ab; die Gewaffneten, die im Zimmer sind, folgen ihm; ingleichen
Albas Sohn. Alba bleibt stehen. Der Vorhang fällt.)
Fünfter Aufzug.
Straße. Dämmerung.
Klärchen. Brackenburg. Bürger.
Brackenburg. Liebchen, um Gottes willen, was nimmst du vor?
Klärchen. Komm mit, Brackenburg! Du mußt die Menschen nicht kennen; wir
befreien ihn gewiß. Denn was gleicht ihrer Liebe zu ihm? Jeder fühlt,
ich schwör' es, in sich die brennende Begier, ihn zu retten, die Gefahr
von einem kostbaren Leben abzuwenden, und dem Freiesten die Freiheit
wiederzugeben. Komm! Es fehlt nur an der Stimme, die sie zusammenruft.
In ihrer Seele lebt noch ganz frisch, was sie ihm schuldig sind; und daß
sein mächtiger Arm allein von ihnen das Verderben abhält, wissen sie. Um
seinet--und ihretwillen müssen sie alles wagen. Und was wagen wir? Zum
höchsten unser Leben, das zu erhalten nicht der Mühe wert ist, wenn er
umkommt.
Brackenburg. Unglückliche! du siehst nicht die Gewalt, die uns mit
ehernen Banden gefesselt hat.
Klärchen. Sie scheint mir nicht unüberwindlich. Laß uns nicht lang
vergebliche Worte wechseln. Hier kommen von den alten, redlichen,
wackern Männern! Hört, Freunde! Nachbarn, hört!--Sagt, wie ist es mit
Egmont?
Zimmermeister. Was will das Kind? Laß sie schweigen!
Klärchen. Tretet näher, daß wir sachte reden, bis wir einig sind und
stärker. Wir dürfen nicht einen Augenblick versäumen! Die freche
Tyrannei, die es wagt, ihn zu fesseln, zuckt schon den Dolch, ihn zu
ermorden. O Freunde! mit jedem Schritt der Dämmerung werd' ich
ängstlicher. Ich fürchte diese Nacht. Kommt! wir wollen uns teilen; mit
schnellem Lauf von Quartier zu Quartier rufen wir die Bürger heraus. Ein
jeder greife zu seinen alten Waffen. Auf dem Markte treffen wir uns
wieder, und unser Strom reißt einen jeden mit sich fort. Die Feinde
sehen sich umringt und überschwemmt, und sind erdrückt. Was kann uns
eine Handvoll Knechte widerstehen? Und er in unsrer Mitte kehrt zurück,
sieht sich befreit, und kann uns einmal danken, uns, die wir ihm so tief
verschuldet worden. Er sieht vielleicht--gewiß, er sieht das Morgenrot
am freien Himmel wieder.
Zimmermeister. Wie ist dir, Mädchen?
Klärchen. Könnt ihr mich mißverstehn? Vom Grafen sprech' ich! Ich
spreche von Egmont.
Jetter. Nennt den Namen nicht! Er ist tödlich.
Klärchen. Den Namen nicht! Wie? Nicht diesen Namen? Wer nennt ihn
nicht bei jeder Gelegenheit? Wo steht er nicht geschrieben? In diesen
Sternen hab' ich oft mit allen seinen Lettern ihn gelesen. Nicht nennen?
Was soll das? Freunde! Gute, teure Nachbarn, ihr träumt; besinnt euch.
Seht mich nicht so starr und ängstlich an! Blickt nicht schüchtern hie
und da beiseite. Ich ruf' euch ja nur zu, was jeder wünscht. Ist meine
Stimme nicht eures Herzens eigne Stimme? Wer würfe sich in dieser bangen
Nacht, eh' er sein unruhvolles Bette besteigt, nicht auf die Kniee, ihn
mit ernstlichem Gebet vom Himmel zu erringen? Fragt euch einander! frage
jeder sich selbst! und wer spricht mir nicht nach: "Egmonts Freiheit
oder den Tod!"
Jetter. Gott bewahr' uns! Da giebt's ein Unglück.
Klärchen. Bleibt! Bleibt und drückt euch nicht vor seinem Namen weg,
dem ihr euch sonst so froh entgegen drängtet!--Wenn der Ruf ihn
ankündigte, wenn es hieß: "Egmont kommt! Er kommt von Gent!" da hielten
die Bewohner der Straßen sich glücklich, durch die er reiten mußte. Und
wenn ihr seine Pferde schallen hörtet, warf jeder seine Arbeit hin, und
über die bekümmerten Gesichter, die ihr durchs Fenster stecktet, fuhr wie
ein Sonnenstrahl von seinem Angesichte ein Blick der Freude und Hoffnung.
Da hobt ihr eure Kinder auf der Thürschwelle in die Höhe und deutetet
ihnen: "Sieh, das ist Egmont, der größte da! Er ist's! Er ist's, von
dem ihr bessere Zeiten, als eure armen Väter lebten, einst zu erwarten
habt." Laßt eure Kinder nicht dereinst euch fragen: "Wo ist er hin? Wo
sind die Zeiten hin, die ihr verspracht?"--Und so wechseln wir Worte,
sind müßig, verraten ihn!
Soest. Schämt Euch, Brackenburg! Laßt sie nicht gewähren! Steuert dem
Unheil!
Brackenburg. Liebes Klärchen! wir wollen gehen! Was wird die Mutter
sagen? Vielleicht--
Klärchen. Meinst du, ich sei ein Kind, oder wahnsinnig? Was kann
vielleicht?--Von dieser schrecklichen Gewißheit bringst du mich mit
keiner Hoffnung weg.--Ihr sollt mich hören, und ihr werdet; denn ich
seh's, ihr seid bestürzt, und könnt euch selbst in euerm Busen nicht
wiederfinden. Laßt durch die gegenwärtige Gefahr nur einen Blick in das
Vergangene dringen, das kurz Vergangene. Wendet eure Gedanken nach der
Zukunft! Könnt ihr denn leben? Werdet ihr, wenn er zu Grunde geht?
Mit seinem Atem flieht der letzte Hauch der Freiheit. Was war er euch?
Für wen übergab er sich der dringendsten Gefahr? Seine Wunden flossen
und heilten nur für euch. Die große Seele, die euch alle trug,
beschränkt ein Kerker, und Schauer tückischen Mordes schweben um sie
her. Er denkt vielleicht an euch, er hofft auf euch, er, der nur zu
geben, nur zu erfüllen gewohnt war.
Zimmermeister. Gevatter, kommt.
Klärchen. Und ich habe nicht Arme, nicht Mark, wie ihr; doch hab' ich,
was euch allen eben fehlt, Mut und Verachtung der Gefahr. Könnt' euch
mein Atem doch entzünden! könnt' ich an meinen Busen drückend euch
erwärmen und beleben! Kommt! In eurer Mitte will ich gehen!--Wie eine
Fahne wehrlos ein edles Heer von Kriegern wehend anführt, so soll mein
Geist um eure Häupter flammen, und Liebe und Mut das schwankende,
zerstreute Volk zu einem fürchterlichen Heer vereinigen.
Jetter. Schaff' sie beiseite, sie dauert mich.
(Bürger ab.)
Brackenburg. Klärchen! siehst du nicht, wo wir sind?
Klärchen. Wo? Unter dem Himmel, der so oft sich herrlicher zu wölben
schien, wenn der Edle unter ihm herging. Aus diesen Fenstern haben sie
herausgesehn, vier, fünf Köpfe über einander; an diesen Thüren haben sie
gescharrt und genickt, wenn er auf die Memmen herabsah. O, ich hatte sie
so lieb, wie sie ihn ehrten! Wäre er Tyrann gewesen, möchten sie immer
vor seinem Falle seitwärts gehn. Aber sie liebten ihn!--O ihr Hände, die
ihr an die Mützen grifft, zum Schwert könnt ihr nicht
greifen--Brackenburg, und wir?--Schelten wir sie?--Diese Arme, die ihn so
oft fest hielten, was thun sie für ihn?--List hat in der Welt so viel
erreicht.--Du kennst Wege und Stege, kennst das alte Schloß. Es ist
nichts unmöglich, gieb mir einen Anschlag.
Brackenburg. Wenn wir nach Hause gingen.
Klärchen. Gut.
Brackenburg. Dort an der Ecke seh' ich Albas Wache; laß doch die Stimme
der Vernunft dir zu Herzen dringen. Hältst du mich für feig? Glaubst du
nicht, daß ich um deinetwillen sterben könnte? Hier sind wir beide toll,
ich so gut wie du. Siehst du nicht das Unmögliche? Wenn du dich faßtest!
Du bist außer dir.
Klärchen. Außer mir! Abscheulich! Brackenburg, ihr seid außer euch.
Da ihr laut den Helden verehrtet, ihn Freund und Schutz und Hoffnung
nanntet, ihm Vivat rieft, wenn er kam; da stand ich in meinem Winkel,
schob das Fenster halb auf, verbarg mich lauschend, und das Herz schlug
mir höher als euch allen. Jetzt schlägt mir's wieder höher als euch
allen! Ihr verbergt euch, da es not ist, verleugnet ihn und fühlt nicht,
daß ihr untergeht, wenn er verdirbt.
Brackenburg. Komm nach Hause.
Klärchen. Nach Hause?
Brackenburg. Besinne dich nur! Sieh dich um! Dies sind die Straßen,
die du nur sonntäglich betratst, durch die du sittsam nach der Kirche
gingst, wo du übertrieben ehrbar zürntest, wenn ich mit einem
freundlichen grüßenden Wort mich zu dir gesellte. Du stehst und redest,
handelst vor den Augen der offnen Welt; besinne dich, Liebe! Wozu hilft
es uns?
Klärchen. Nach Hause! Ja, ich besinne mich. Komm, Brackenburg, nach
Hause! Weißt du, wo meine Heimat ist? (Ab.)