durch eine Lampe erhellt, ein Ruhebett im Grunde.
(Egmont allein.)
Alter Freund! immer getreuer Schlaf, fliehst du mich auch, wie die
übrigen Freunde? Wie willig senktest du dich auf mein freies Haupt
herunter, und kühltest, wie ein schöner Myrtenkranz der Liebe, meine
Schläfe! Mitten unter Waffen, auf der Woge des Lebens, ruht' ich leicht
atmend, wie ein aufquellender Knabe, in deinen Armen. Wenn Stürme durch
Zweige und Blätter sausten, Ast und Wipfel sich knirrend bewegten, blieb
innerst doch der Kern des Herzens ungeregt. Was schüttelt dich nun? Was
erschüttert den festen, treuen Sinn? Ich fühl's, es ist der Klang der
Mordaxt, die an meiner Wurzel nascht. Noch steh' ich aufrecht, und ein
innrer Schauer durchfährt mich. Ja, sie überwindet, die verräterische
Gewalt; sie untergräbt den festen hohen Stamm, und eh' die Rinde dorrt,
stürzt krachend und zerschmetternd deine Krone.
Warum denn jetzt, der du so oft gewalt'ge Sorgen gleich Seifenblasen dir
vom Haupte weggewiesen, warum vermagst du nicht die Ahnung zu
verscheuchen, die tausendfach in dir sich auf und nieder treibt? Seit
wann begegnet der Tod dir fürchterlich, mit dessen wechselnden Bildern,
wie mit den übrigen Gestalten der gewohnten Erde, du gelassen
lebtest?--Auch ist er's nicht, der rasche Feind, dem die gesunde Brust
wetteifernd sich entgegensehnt; der Kerker ist's, des Grabes Vorbild, dem
Helden wie dem Feigen widerlich. Unleidlich ward mir's schon auf meinem
gepolsterten Stuhle, wenn in stattlicher Versammlung die Fürsten, was
leicht zu entscheiden war, mit wiederkehrenden Gesprächen überlegten, und
zwischen düstern Wänden eines Saals die Balken der Decke mich erdrückten.
Da eilt' ich fort, sobald es möglich war, und rasch aufs Pferd mit
tiefem Atemzuge. Und frisch hinaus, da wo wir hingehören! ins Feld, wo
aus der Erde dampfend jede nächste Wohlthat der Natur, und durch die
Himmel wehend alle Segen der Gestirne uns umwittern; wo wir, dem
erdgebornen Riesen gleich, von der Berührung unsrer Mutter kräftiger uns
in die Höhe reißen; wo wir die Menschheit ganz, und menschliche Begier in
allen Adern fühlen; wo das Verlangen, vorzudringen, zu besiegen, zu
erhaschen, seine Faust zu brauchen, zu besitzen, zu erobern, durch die
Seele des jungen Jägers glüht; wo der Soldat sein angebornes Recht auf
alle Welt mit raschem Schritt sich anmaßt, und in fürchterlicher Freiheit
wie ein Hagelwetter durch Wiese, Feld und Wald verderbend streicht, und
keine Grenzen kennt, die Menschenhand gezogen.
Du bist nur Bild, Erinnerungstraum des Glücks, das ich so lang besessen;
wo hat dich das Geschick verräterisch hingeführt? Versagt es dir, den
nie gescheuten Tod im Angesicht der Sonne rasch zu gönnen, um dir des
Grabes Vorgeschmack im ekeln Moder zu bereiten? Wie haucht er mich aus
diesen Steinen widrig an! Schon starrt das Leben; vor dem Ruhebette wie
vor dem Grabe scheut der Fuß.--
O Sorge! Sorge! die du vor der Zeit den Mord beginnst, laß ab!--Seit
wann ist Egmont denn allein, so ganz allein in dieser Welt? Dich macht
der Zweifel hilflos, nicht das Glück. Ist die Gerechtigkeit des Königs,
der du lebenslang vertrautest, ist der Regentin Freundschaft, die fast,
du darfst es dir gestehn, fast Liebe war, sind sie auf einmal, wie ein
glänzend Feuerbild der Nacht, verschwunden, und lassen dich allein auf
dunkelm Pfad zurück? Wird an der Spitzedeiner Freunde Oranien nicht
wagend sinnen? Wird nicht ein Volk sich sammeln und mit anschwellender
Gewalt den alten Freund erretten?
O haltet, Mauern, die ihr mich einschließt, so vieler Geister
wohlgemeintes Drängen nicht von mir ab; und welcher Mut aus meinen Augen
sonst sich über sie ergoß, der kehre nun aus ihren Herzen in meines
wieder. O ja, sie rühren sich zu Tausenden! sie kommen! stehen mir zur
Seite! Ihr frommer Wunsch eilt dringend zu dem Himmel, er bittet um ein
Wunder. Und steigt zu meiner Rettung nicht ein Engel nieder, so seh' ich
sie nach Lanz' und Schwertern greifen. Die Thore spalten sich, die
Gitter springen, die Mauer stürzt vor ihren Händen ein, und der Freiheit
des einbrechenden Tages steigt Egmont fröhlich entgegen. Wie manch
bekannt Gesicht empfängt mich jauchzend! Ach, Klärchen, wärst du Mann,
so säh' ich dich gewiß auch hier zuerst, und dankte dir, was einem Könige
zu danken hart ist, Freiheit.
Klärchens Haus.
Klärchen (kommt mit einer Lampe und einem Glas Wasser aus der Kammer; sie
setzt das Glas auf den Tisch und tritt ans Fenster).
Brackenburg? Seid Ihr's? Was hört' ich denn? Noch niemand? Es war
niemand! Ich will die Lampe ins Fenster setzen, daß er sieht, ich wache
noch, ich warte noch auf ihn. Er hat mir Nachricht versprochen.
Nachricht? Entsetzliche Gewißheit!--Egmont verurteilt!--Welch Gericht
darf ihn fordern? und sie verdammen ihn! Der König verdammt ihn? oder
der Herzog? Und die Regentin entzieht sich! Oranien zaudert, und alle
seine Freunde!--Ist dies die Welt, von deren Wankelmut, Unzuverlässigkeit
ich viel gehört und nichts empfunden habe? Ist dies die Welt?--Wer wäre
bös genug, den Teuern anzufeinden? Wäre Bosheit mächtig genug, den
allgemein Erkannten schnell zu stürzen? Doch ist es so--es ist!--O
Egmont, sicher hielt ich dich vor Gott und Menschen, wie in meinen Armen!
Was war ich dir? Du hast mich dein genannt, mein ganzes Leben widmete
ich deinem Leben.--Was bin ich nun? Vergebens streck' ich nach der
Schlinge, die dich faßt, die Hand aus. Du hilflos, und ich frei!--Hier
ist der Schlüssel zu meiner Thür. An meiner Willkür hängt mein Gehen und
mein Kommen, und dir bin ich zu nichts!--O, bindet mich, damit ich nicht
verzweifle; und werft mich in den tiefsten Kerker, daß ich das Haupt an
feuchte Mauern schlage, nach Freiheit winsle, träume, wie ich ihm helfen
wollte, wenn Fesseln mich nicht lähmten, wie ich ihm helfen würde!--Nun
bin ich frei! Und in der Freiheit liegt die Angst der Ohnmacht.--Mir
selbst bewußt, nicht fähig, ein Glied nach seiner Hilfe zu rühren. Ach
leider, auch der kleine Teil von deinem Wesen, dein Klärchen, ist wie du
gefangen, und regt getrennt im Todeskrampfe nur die letzten Kräfte.--Ich
höre schleichen, husten--Brackenburg--er ist's!--Elender, guter Mann,
dein Schicksal bleibt sich immer gleich; dein Liebchen öffnet dir die
nächtliche Thür, und ach! zu welch unseliger Zusammenkunft!
(Brackenburg tritt auf.)
Klärchen. Du kommst so bleich und schüchtern, Brackenburg! was ist's?
Brackenburg. Durch Umwege und Gefahren such' ich dich auf. Die großen
Straßen sind besetzt; durch Gäßchen und durch Winkel hab' ich mich zu dir
gestohlen.
Klärchen. Erzähl', wie ist's?
Brackenburg (indem er sich setzt). Ach, Kläre, laß mich weinen. Ich
liebt' ihn nicht. Er war der reiche Mann und lockte des Armen einziges
Schaf zur bessern Weide herüber. Ich hab' ihn nie verflucht; Gott hat
mich treu geschaffen und weich. In Schmerzen floß mein Leben von mir
nieder, und zu verschmachten hofft' ich jeden Tag.
Klärchen. Vergiß das, Brackenburg! Vergiß dich selbst! Sprich mir von
ihm! Ist's wahr? Ist er verurteilt?
Brackenburg. Er ist's! Ich weiß es ganz genau.
Klärchen. Und lebt noch?
Brackenburg. Ja, er lebt noch.
Klärchen. Wie willst du das versichern?--Die Tyrannei ermordet in der
Nacht den Herrlichen! vor allen Augen verborgen fließt sein Blut.
Ängstlich im Schlafe liegt das betäubte Volk, und träumt von Rettung,
träumt ihres ohnmächtigen Wunsches Erfüllung; indes, unwillig über uns,
sein Geist die Welt verläßt. Er ist dahin!--Täusche mich nicht! dich
nicht!
Brackenburg. Nein, gewiß, er lebt!--Und leider! es bereitet der Spanier
dem Volke, das er zertreten will, ein fürchterliches Schauspiel,
gewaltsam jedes Herz, das nach Freiheit sich regt, auf ewig zu
zerknirschen.
Klärchen. Fahre fort und sprich gelassen auch mein Todesurteil aus! Ich
wandle den seligen Gefilden schon näher und näher, mir weht der Trost aus
jenen Gegenden des Friedens schon herüber. Sag' an.
Brackenburg. Ich konnt' es an den Wachen merken, aus Reden, die bald da,
bald dorten fielen, daß auf dem Markte geheimnisvoll ein Schrecknis
zubereitet werde. Ich schlich durch Seitenwege, durch bekannte Gänge
nach meines Vettern Hause, und sah aus einem Hinterfenster nach dem
Markte.--Es wehten Fackeln in einem weiten Kreise spanischer Soldaten hin
und wieder. Ich schärfte mein ungewohntes Auge, und aus der Nacht stieg
mir ein schwarzes Gerüst entgegen, geräumig, hoch; mir grauste vor dem
Anblick. Geschäftig waren viele rings umher bemüht, was noch von
Holzwerk weiß und sichtbar war, mit schwarzem Tuch einhüllend zu
verkleiden. Die Treppen deckten sie zuletzt auch schwarz, ich sah es
wohl. Sie schienen die Weihe eines gräßlichen Opfers vorbereitend zu
begehn. Ein weißes Kruzifix, das durch die Nacht wie Silber blinkte,
ward an der einen Seite hoch aufgesteckt. Ich sah, und sah die
schreckliche Gewißheit immer gewisser. Noch wankten Fackeln hie und da
herum; allmählich wichen sie und erloschen. Auf einmal war die
scheußliche Geburt der Nacht in ihrer Mutter Schoß zurückgekehrt.
Klärchen. Still Brackenburg! Nun still! Laß diese Hülle auf meiner
Seele ruhn. Verschwunden sind die Gespenster, und du, holde Nacht, leih'
deinen Mantel der Erde, die in sich gärt; sie trägt nicht länger die
abscheuliche Last, reißt ihre tiefen Spalten grausend auf und knirscht
das Mordgerüst hinunter. Und irgend einen Engel sendet der Gott, den sie
zum Zeugen ihrer Wut geschändet; vor des Boten heiliger Berührung lösen
sich Riegel und Bande, und er umgießt den Freund mit mildem Schimmer; er
führt ihn durch die Nacht zur Freiheit sanft und still. Und auch mein
Weg geht heimlich in dieser Dunkelheit, ihm zu begegnen.
Brackenburg (sie aufhaltend). Mein Kind, wohin? was wagst du?
Klärchen. Leise, Lieber, daß niemand erwache! daß wir uns selbst nicht
wecken! Kennst du dies Fläschchen, Brackenburg? Ich nahm dir's scherzend,
als du mit übereiltem Tod oft ungeduldig drohtest.--Und nun, mein Freund--