Alba. Silva!
Silva. Hier bin ich.
Alba. Alles, was ich von jeher an dir geschätzt habe, Mut,
Entschlossenheit, unaufhaltsames Ausführen, das zeige heut'.
Silva. Ich danke Euch, daß Ihr mir Gelegenheit gebt, zu zeigen, daß ich
der Alte bin.
Alba. Sobald die Fürsten bei mir eingetreten sind, dann eile gleich,
Egmonts Geheimschreiber gefangen zu nehmen. Du hast alle Anstalten
gemacht, die übrigen, welche bezeichnet sind, zu fahen?
Silva. Vertraue auf uns. Ihr Schicksal wird sie, wie eine
wohlberechnete Sonnenfinsternis, pünktlich und schrecklich treffen.
Alba. Hast du sie genau beobachten lassen?
Silva. Alle; den Egmont vor andern. Er ist der einzige, der, seit du
hier bist, sein Betragen nicht geändert hat. Den ganzen Tag von einem
Pferd aufs andere, ladet Gäste, ist immer lustig und unterhaltend bei
Tafel, würfelt, schießt und schleicht nachts zum Liebchen. Die andern
haben dagegen eine merkliche Pause in ihrer Lebensart gemacht; sie
bleiben bei sich; vor ihrer Thüre sieht's aus, als wenn ein Kranker im
Hause wäre.
Alba. Drum rasch! eh' sie uns wider Willen genesen.
Silva. Ich stelle sie. Auf deinen Befehl überhäufen wir sie mit
dienstfertigen Ehren. Ihnen graut's; politisch geben sie uns einen
ängstlichen Dank, fühlen, das Rätlichste sei, zu entfliehen. Keiner wagt
einen Schritt, sie zaudern, können sich nicht vereinigen; und einzeln
etwas Kühnes zu thun, hält sie der Gemeingeist ab. Sie möchten gern sich
jedem Verdacht entziehen, und machen sich immer verdächtiger. Schon seh'
ich mit Freuden deinen ganzen Anschlag ausgeführt.
Alba. Ich freue mich nur über das Geschehene, und auch über das nicht
leicht; denn es bleibt stets noch übrig, was uns zu denken und zu sorgen
gibt. Das Glück ist eigensinnig, oft das Gemeine, das Nichtswürdige zu
adeln und wohlüberlegte Taten mit einem gemeinen Ausgang zu entehren.
Verweile, bis die Fürsten kommen; dann gieb Gomez die Ordre, die Straßen
zu besetzen, und eile selbst, Egmonts Schreiber und die übrigen gefangen
zu nehmen, die dir bezeichnet sind. Ist es gethan, so komm hierher und
meld' es meinem Sohne, daß er mir in den Rat die Nachricht bringe.
Silva. Ich hoffe diesen Abend vor dir stehn zu dürfen.
Alba (geht nach seinem Sohne, der bisher in der Galerie gestanden).
Silva. Ich traue mir es nicht zu sagen; aber meine Hoffnung schwankt.
Ich fürchte, es wird nicht werden, wie er denkt. Ich sehe Geister vor
mir, die still und sinnend auf schwarzen Schalen das Geschick der Fürsten
und vieler Tausende wägen. Langsam wankt das Zünglein auf und ab; tief
scheinen die Richter zu sinnen; zuletzt sinkt diese Schale, steigt jene,
angehaucht vom Eigensinn des Schicksals, und entschieden ist's. (Ab.)
Alba (mit Ferdinand hervortretend). Wie fandst du die Stadt?
Ferdinand. Es hat sich alles gegeben. Ich ritt, als wie zum
Zeitvertreib, Straß' auf, Straß' ab. Eure wohlverteilten Wachen halten
die Furcht so angespannt, daß sie sich nicht zu lispeln untersteht. Die
Stadt sieht einem Felde ähnlich, wenn das Gewitter von weitem leuchtet:
man erblickt keinen Vogel, kein Tier, als das eilend nach einem Schutzorte
schlüpft.
Alba. Ist dir nichts weiter begegnet?
Ferdinand. Egmont kam mit einigen auf den Markt geritten; wir grüßten
uns; er hatte ein rohes Pferd, das ich ihm loben mußte. "Laßt uns eilen,
Pferde zuzureiten; wir werden sie bald brauchen!" rief er mir entgegen.
Er werde mich noch heute wiedersehn, sagte er, und komme auf Euer
Verlangen, mit Euch zu ratschlagen.
Alba. Er wird dich wiedersehn.
Ferdinand. Unter allen Rittern, die ich hier kenne, gefällt er mir am
besten. Es scheint, wir werden Freunde sein.
Alba. Du bist noch immer zu schnell und wenig behutsam; immer erkenn'
ich in dir den Leichtsinn deiner Mutter, der mir sie unbedingt in die
Arme lieferte. Zu mancher gefährlichen Verbindung lud dich der Anschein
voreilig ein.
Ferdinand. Euer Wille findet mich bildsam.
Alba. Ich vergebe deinem jungen Blute dies leichtsinnige Wohlwollen,
diese unachtsame Fröhlichkeit. Nur vergiß nicht, zu welchem Werke ich
gesandt bin, und welchen Teil ich dir dran geben möchte.
Ferdinand. Erinnert mich, und schont mich nicht, wo Ihr es nötig haltet.
Alba (nach einer Pause). Mein Sohn!
Ferdinand. Mein Vater!
Alba. Die Fürsten kommen bald, Oranien und Egmont kommen. Es ist nicht
Mißtrauen, daß ich dir erst jetzt entdecke, was geschehen soll. Sie
werden nicht wieder von hinnen gehn.
Ferdinand. Was sinnst du?
Alba. Es ist beschlossen, sie festzuhalten.--Du erstaunst! Was du zu
thun hast, höre; die Ursachen sollst du wissen, wenn es geschehn ist.
Jetzt bleibt keine Zeit, sie auszulegen. Mit dir allein wünscht' ich das
Größte, das Geheimste zu besprechen; ein starkes Band hält uns
zusammengefesselt; du bist mir wert und lieb; auf dich möcht' ich alles
häufen. Nicht die Gewohnheit zu gehorchen allein möcht' ich dir
einprägen; auch den Sinn, auszudenken, zu befehlen, auszuführen wünscht'
ich in dir fortzupflanzen; dir ein großes Erbteil, dem Könige den
brauchbarsten Diener zu hinterlassen; dich mit dem Besten, was ich habe,
auszustatten, daß du dich nicht schämen dürfest, unter deine Brüder zu
treten.
Ferdinand. Was werd' ich dir nicht für diese Liebe schuldig, die du mir
allein zuwendest, indem ein ganzes Reich vor dir zittert.
Alba. Nun höre, was zu thun ist. Sobald die Fürsten eingetreten sind,
wird jeder Zugang zum Palaste besetzt. Dazu hat Gomez die Ordre. Silva
wird eilen, Egmonts Schreiber mit den Verdächtigsten gefangen zu nehmen.
Du hältst die Wache am Thore und in den Höfen in Ordnung. Vor allen
Dingen besetze diese Zimmer hierneben mit den sichersten Leuten; dann
warte auf der Galerie, bis Silva wiederkommt, und bringe mir irgend ein
unbedeutend Blatt herein, zum Zeichen, daß sein Auftrag ausgerichtet ist.
Dann bleib' im Vorsaale, bis Oranien weggeht; folg' ihm; ich halte
Egmont hier, als ob ich ihm noch was zu sagen hätte. Am Ende der Galerie
fordre Oraniens Degen, rufe die Wache an, verwahre schnell den
gefährlichsten Mann; und ich fasse Egmont hier.
Ferdinand. Ich gehorche, mein Vater. Zum erstenmal mit schwerem Herzen
und mit Sorge.
Alba. Ich verzeihe dir's; es ist der erste große Tag, den du erlebst.
(Silva tritt herein.)
Silva. Ein Bote von Antwerpen. Hier ist Oraniens Brief! Er kommt nicht.
Alba. Sagt' es der Bote?
Silva. Nein, mir sagt's das Herz.
Alba. Aus dir spricht mein böser Genius. (Nachdem er den Brief gelesen,
winkt er beiden, und sie ziehen sich in die Galerie zurück. Er bleibt
allein auf dem Vorderteile.) Er kommt nicht! Bis auf den letzten
Augenblick verschiebt er, sich zu erklären. Er wagt es, nicht zu kommen!
So war denn diesmal wider Vermuten der Kluge klug genug, nicht klug zu
sein!--Es rückt die Uhr! Noch einen kleinen Weg des Seigers, und ein
großes Werk ist gethan oder versäumt, unwiederbringlich versäumt; denn es
ist weder nachzuholen, noch zu verheimlichen. Längst hatt' ich alles
reiflich abgewogen und mir auch diesen Fall gedacht, mir festgesetzt, was
auch in diesem Falle zu thun sei; und jetzt, da es zu thun ist, wehr' ich
mir kaum, daß nicht das Für und Wider mir aufs neue durch die Seele
schwankt.--Ist's rätlich, die andern zu fangen, wenn er mir
entgeht?--Schieb' ich es auf, und lass' Egmont mit den Seinigen, mit so
vielen entschlüpfen, die nun, vielleicht nur heute noch, in meinen Händen
sind? So zwingt dich das Geschick denn auch, du Unbezwinglicher? Wie
lang gedacht! Wie wohl bereitet! Wie groß, wie schön der Plan! Wie nah
die Hoffnung ihrem Ziele! Und nun im Augenblick des Entscheidens bist du
zwischen zwei Übel gestellt; wie in einen Lostopf greifst du in die
dunkle Zukunft; was du fassest, ist noch zugerollt, dir unbewußt, sei's
Treffer oder Fehler! (Er wird aufmerksam, wie einer, der etwas hört, und
tritt ans Fenster.) Er ist es! Egmont!--Trug dich dein Pferd so leicht
herein, und scheute vor dem Blutgeruche nicht und vor dem Geiste mit dem
blanken Schwert, der an der Pforte dich empfängt?--Steig ab!--So bist du
mit dem einen Fuß im Grab! und so mit beiden!--Ja, streichl' es nur,
und klopfe für seinen mutigen Dienst zum letztenmale den Nacken ihm.--Und
mir bleibt keine Wahl. In der Verblendung, wie hier Egmont naht, kann er
dir nicht zum zweitenmal sich liefern!--Hört!
Ferdinand und Silva (treten eilig herbei).
Alba. Ihr thut, was ich befahl; ich ändre meinen Willen nicht. Ich
halte, wie es gehn will, Egmont auf, bis du mir von Silva die Nachricht
gebracht hast. Dann bleib' in der Nähe. Auch dir raubt das Geschick das
große Verdienst, des Königs größten Feind mit eigener Hand gefangen zu
haben. (Zu Silva.) Eile! (Zu Ferdinand.) Geh ihm entgegen! (Alba
bleibt einige Augenblicke allein und geht schweigend auf und ab.)
(Egmont tritt auf.)
Egmont. Ich komme, die Befehle des Königs zu vernehmen, zu hören,
welchen Dienst er von unserer Treue verlangt, die ihm ewig ergeben bleibt.
Alba. Er wünscht vor allen Dingen Euern Rat zu hören.
Egmont. Über welchen Gegenstand? Kommt Oranien auch? Ich vermutete ihn
hier.
Alba. Mir thut es leid, daß er uns eben in dieser wichtigen Stunde fehlt.
Euern Rat, Eure Meinung wünscht der König, wie diese Staaten wieder zu
befriedigen. Ja, er hofft, Ihr werdet kräftig mitwirken, diese Unruhen
zu stillen und die Ordnung der Provinzen völlig und dauerhaft zu gründen.
Egmont. Ihr könnt besser wissen als ich, daß schon alles genug beruhigt
ist, ja noch mehr beruhigt war, eh' die Erscheinung der neuen Soldaten
wieder mit Furcht und Sorge die Gemüter bewegte.
Alba. Ihr scheint andeuten zu wollen, das Rätlichste sei gewesen, wenn
der König mich gar nicht in den Fall gesetzt hätte, Euch zu fragen.
Egmont. Verzeiht! Ob der König das Heer hätte schicken sollen, ob nicht
vielmehr die Macht seiner majestätischen Gegenwart allein stärker gewirkt
hätte, ist meine Sache nicht zu beurteilen. Das Heer ist da, er nicht.
Wir aber müßten sehr undankbar, sehr vergessen sein, wenn wir uns nicht
erinnerten, was wir der Regentin schuldig sind. Bekennen wir! Sie
brachte durch ihr so kluges als tapferes Betragen die Aufrührer mit
Gewalt und Ansehn, mit Überredung und List zur Ruhe und führte zum
Erstaunen der Welt ein rebellisches Volk in wenigen Monaten zu seiner
Pflicht zurück.
Alba. Ich leugne es nicht. Der Tumult ist gestillt, und jeder scheint
in die Grenzen des Gehorsams zurückgebannt. Aber hängt es nicht von
eines jeden Willkür ab, sie zu verlassen? Wer will das Volk hindern,
loszubrechen? Wo ist die Macht, sie abzuhalten? Wer bürgt uns, daß sie
sich ferner treu und unterthänig zeigen werden? Ihr guter Wille ist
alles Pfand, das wir haben.
Egmont. Und ist der gute Wille eines Volks nicht das sicherste, das
edelste Pfand? Bei Gott! Wann darf sich ein König sicherer halten, als
wenn sie alle für einen, einer für alle stehn? Sicherer gegen innere und
äußere Feinde?
Alba. Wir werden uns doch nicht überreden sollen, daß es jetzt hier so
steht?
Egmont. Der König schreibe einen General-Pardon aus, er beruhige die
Gemüter; und bald wird man sehen, wie Treue und Liebe mit dem Zutrauen
wieder zurückkehrt.
Alba. Und jeder, der die Majestät des Königs, der das Heiligtum der
Religion geschändet, ginge frei und ledig hin und wieder! Lebte den
andern zum bereiten Beispiel, daß ungeheure Verbrechen straflos sind?
Egmont. Und ist ein Verbrechen des Unsinns, der Trunkenheit nicht eher
zu entschuldigen, als grausam zu bestrafen? Besonders, wo so sichre
Hoffnung, wo Gewißheit ist, daß die Übel nicht wiederkehren werden?
Waren Könige darum nicht sicherer? Werden sie nicht von Welt und
Nachwelt gepriesen, die eine Beleidigung ihrer Würde vergeben, bedauern,
verachten konnten? Werden sie nicht eben deswegen Gott gleich gehalten,
der viel zu groß ist, als daß an ihn jede Lästerung reichen sollte?
Alba. Und eben darum soll der König für die Würde Gottes und der
Religion, wir sollen für das Ansehn des Königs streiten. Was der Obere
abzulehnen verschmäht, ist unsere Pflicht zu rächen. Ungestraft soll,
wenn ich rate, kein Schuldiger sich freuen,
Egmont. Glaubst du, daß du sie alle erreichen wirst? Hört man nicht
täglich, daß die Furcht sie hie und dahin, sie aus dem Lande treibt? Die
Reichsten werden ihre Güter, sich, ihre Kinder und Freunde flüchten; der
Arme wird seine nützlichen Hände dem Nachbar zubringen.
Alba. Sie werden, wenn man sie nicht verhindern kann. Darum verlangt
der König Rat und That von jedem Fürsten, Ernst von jedem Statthalter;
nicht nur Erzählung, wie es ist, was werden könnte, wenn man alles gehen
ließe, wie's geht. Einem großen Übel zusehen, sich mit Hoffnung
schmeicheln, der Zeit vertrauen, etwa einmal drein schlagen, wie im
Fastnachtsspiel, daß es klatscht und man doch etwas zu thun scheint, wenn
man nichts thun möchte: heißt das nicht, sich verdächtig machen, als sehe
man dem Aufruhr mit Vergnügen zu, den man nicht erregen, wohl aber hegen
möchte?
Egmont (im Begriff aufzufahren, nimmt sich zusammen, und spricht nach
einer kleinen Pause gesetzt). Nicht jede Absicht ist offenbar, und
manches Mannes Absicht ist zu mißdeuten. Muß man doch auch von allen
Seiten hören: es sei des Königs Absicht weniger, die Provinzen nach
einförmigen und klaren Gesetzen zu regieren, die Majestät der Religion zu
sichern und einen allgemeinen Frieden seinem Volke zu geben, als vielmehr
sie unbedingt zu unterjochen, sie ihrer alten Rechte zu berauben, sich
Meister von ihren Besitztümern zu machen, die schönen Rechte des Adels
einzuschränken, um derentwillen der Edle allein ihm dienen, ihm Leib und
Leben widmen mag. Die Religion, sagt man, sei nur ein prächtiger Teppich,
hinter dem man jeden gefährlichen Anschlag nur desto leichter ausdenkt.
Das Volk liegt auf den Knieen, betet die heiligen gewirkten Zeichen an,
und hinten lauscht der Vogelsteller, der sie berücken will.
Alba. Das muß ich von dir hören?
Egmont. Nicht meine Gesinnungen! Nur was bald hier, bald da, von Großen
und von Kleinen, Klugen und Thoren gesprochen, laut verbreitet wird. Die
Niederländer fürchten ein doppeltes Joch, und wer bürgt ihnen für ihre
Freiheit?
Alba. Freiheit? Ein schönes Wort, wer's recht verstände. Was wollen
sie für Freiheit? Was ist des Freiesten Freiheit?--Recht zu thun!--und
daran wird sie der König nicht hindern. Nein! nein! sie glauben sich
nicht frei, wenn sie sich nicht selbst und andern schaden können. Wäre
es nicht besser, abzudanken, als ein solches Volk zu regieren? Wenn
auswärtige Feinde drängen, an die kein Bürger denkt, der mit dem Nächsten
nur beschäftigt ist, und der König verlangt Beistand, dann werden sie
uneins unter sich, und verschwören sich gleichsam mit ihren Feinden. Weit
besser ist's, sie einzuengen, daß man sie wie Kinder halten, wie Kinder
zu ihrem Besten leiten kann. Glaube nur, ein Volk wird nicht alt, nicht
klug; ein Volk bleibt immer kindisch.
Egmont. Wie selten kommt ein König zu Verstand! Und sollen sich viele
nicht lieber vielen vertrauen als einem? und nicht einmal dem einen,
sondern den wenigen des einen, dem Volke, das an den Blicken seines Herrn
altert. Das hat wohl allein das Recht, klug zu werden.
Alba. Vielleicht eben darum, weil es sich nicht selbst überlassen ist.
Egmont. Und darum niemand gern sich selbst überlassen möchte. Man thue,
was man will; ich habe auf deine Frage geantwortet und wiederhole: Es
geht nicht! Es kann nicht gehen! Ich kenne meine Landsleute. Es sind
Männer, wert, Gottes Boden zu betreten; ein jeder rund für sich, ein
kleiner König, fest, rührig, fähig, treu, an alten Sitten hangend.
Schwer ist's, ihr Zutrauen zu verdienen; leicht, zu erhalten. Starr und
fest! Zu drücken sind sie; nicht zu unterdrücken.
Alba (der sich indes einigemal umgesehen hat). Solltest du das alles in
des Königs Gegenwart wiederholen?
Egmont. Desto schlimmer, wenn mich seine Gegenwart abschreckte! Desto
besser für ihn, für sein Volk, wenn er mir Mut machte, wenn er mir
Zutrauen einflößte, noch weit mehr zu sagen.
Alba. Was nützlich ist, kann ich hören, wie er.
Egmont. Ich würde ihm sagen: Leicht kann der Hirt eine ganze Herde
Schafe vor sich hintreiben, der Stier zieht seinen Pflug ohne Widerstand;
aber dem edeln Pferde, das du reiten willst, mußt du seine Gedanken
ablernen, du mußt nichts Unkluges, nichts unklug von ihm verlangen.
Darum wünscht der Bürger, seine alte Verfassung zu behalten, von seinen
Landsleuten regiert zu sein, weil er weiß, wie er geführt wird, weil er
von ihnen Uneigennutz, Teilnehmung an seinem Schicksal hoffen kann.
Alba. Und sollte der Regent nicht Macht haben, dieses alte Herkommen zu
verändern? Und sollte nicht eben dies sein schönstes Vorrecht sein? Was
ist bleibend auf dieser Welt? Und sollte eine Staatseinrichtung bleiben
können? Muß nicht in einer Zeitfolge jedes Verhältnis sich verändern,
und eben darum eine alte Verfassung die Ursache von tausend Übeln werden,
weil sie den gegenwärtigen Zustand des Volkes nicht umfaßt? Ich fürchte,
diese alten Rechte sind darum so angenehm, weil sie Schlupfwinkel bilden,
in welchen der Kluge, der Mächtige, zum Schaden des Volks, zum Schaden
des Ganzen, sich verbergen oder durchschleichen kann.
Egmont. Und diese willkürlichen Veränderungen, diese unbeschränkten
Eingriffe der höchsten Gewalt, sind sie nicht Vorboten, daß einer thun
will, was Tausende nicht thun sollen? Er will sich allein frei machen,
um jeden seiner Wünsche befriedigen, jeden seiner Gedanken ausführen zu
können. Und wenn wir uns ihm, einem guten, weisen Könige, ganz
vertrauten, sagt er uns für seine Nachkommen gut? daß keiner ohne
Rücksicht, ohne Schonung regieren werde? Wer rettet uns alsdann von
völliger Willkür, wenn er uns seine Diener, seine Nächsten sendet, die
ohne Kenntnis des Landes und seiner Bedürfnisse nach Belieben schalten
und walten, keinen Widerstand finden, und sich von jeder Verantwortung
frei wissen?
Alba (der sich indes wieder umgesehen hat). Es ist nichts natürlicher,
als daß ein König durch sich zu herrschen gedenkt, und denen seine
Befehle am liebsten aufträgt, die ihn am besten verstehen, verstehen
wollen, die seinen Willen unbedingt ausrichten.
Egmont. Und eben so natürlich ist's, daß der Bürger von dem regiert sein
will, der mit ihm geboren und erzogen ist, der gleichen Begriff mit ihm
von Recht und Unrecht gefaßt hat, den er als seinen Bruder ansehen kann.
Alba. Und doch hat der Adel mit diesen seinen Brüdern sehr ungleich
geteilt.
Egmont. Das ist vor Jahrhunderten geschehen, und wird jetzt ohne Neid
geduldet. Würden aber neue Menschen ohne Not gesendet, die sich zum
zweitenmale auf Unkosten der Nation bereichern wollten, sähe man sich
einer strengen, kühnen, unbedingten Habsucht ausgesetzt, das würde eine
Gärung machen, die sich nicht leicht in sich selbst auflöste.
Alba. Du sagst mir, was ich nicht hören sollte; auch ich bin fremd.
Egmont. Daß ich dir's sage, zeigt dir, daß ich dich nicht meine.
Alba. Und auch so wünscht' ich es nicht von dir zu hören. Der König
sandte mich mit Hoffnung, daß ich hier den Beistand des Adels finden
würde. Der König will seinen Willen. Der König hat nach tiefer
Überlegung gesehen, was dem Volke frommt; es kann nicht bleiben und gehen
wie bisher. Des Königs Absicht ist, sie selbst zu ihrem eignen Besten
einzuschränken, ihr eigenes Heil, wenn's sein muß, ihnen aufzudringen,
die schädlichen Bürger aufzuopfern, damit die übrigen Ruhe finden, des
Glücks einer weisen Regierung genießen können. Dies ist sein Entschluß;
diesen dem Adel kund zu machen, habe ich Befehl; und Rat verlang' ich in
seinem Namen, wie es zu thun sei, nicht was; denn das hat er beschlossen.
Egmont. Leider rechtfertigen deine Worte die Furcht des Volks, die
allgemeine Furcht! So hat er denn beschlossen, was kein Fürst
beschließen sollte. Die Kraft seines Volks, ihr Gemüt, den Begriff, den
sie von sich selbst haben, will er schwächen, niederdrücken, zerstören,
um sie bequem regieren zu können. Er will den innern Kern ihrer
Eigenheit verderben; gewiß in der Absicht, sie glücklicher zu machen. Er
will sie vernichten, damit sie etwas werden, ein ander Etwas. O, wenn
seine Absicht gut ist, so wird sie mißgeleitet! Nicht dem Könige
widersetzt man sich; man stellt sich nur dem Könige entgegen, der, einen
falschen Weg zu wandeln, die ersten unglücklichen Schritte macht.
Alba. Wie du gesinnt bist, scheint es ein vergeblicher Versuch, uns
vereinigen zu wollen. Du denkst gering vom Könige und verächtlich von
seinen Räten, wenn du zweifelst, das alles sei nicht schon gedacht,
geprüft, gewogen worden. Ich habe keinen Auftrag, jedes Für und Wider
noch einmal durchzugehen. Gehorsam fordre ich von dem Volke--und von
euch, ihr Ersten, Edelsten, Rat und That, als Bürgen dieser unbedingten
Pflicht.
Egmont. Fordre unsre Häupter, so ist es auf einmal gethan. Ob sich der
Nacken diesem Joche biegen, ob er sich vor dem Beile ducken soll, kann
einer edeln Seele gleich sein. Umsonst hab' ich so viel gesprochen; die
Luft hab' ich erschüttert, weiter nichts gewonnen.
(Ferdinand kommt.)
Ferdinand. Verzeiht, daß ich euer Gespräch unterbreche. Hier ist ein
Brief, dessen Überbringer die Antwort dringend macht.