Oranien. Wir haben nicht für den leisesten Fußtritt Platz mehr; der
Abgrund liegt hart vor uns.
Egmont. Ist des Königs Gunst ein so schmaler Grund?
Oranien. So schmal nicht, aber schlüpfrig.
Egmont. Bei Gott! man thut ihm unrecht. Ich mag nicht leiden, daß man
unwürdig von ihm denkt! Er ist Karls Sohn und keiner Niedrigkeit fähig.
Oranien. Die Könige thun nichts Niedriges.
Egmont. Man sollte ihn kennen lernen,
Oranien. Eben diese Kenntnis rät uns, eine gefährliche Probe nicht
abzuwarten.
Egmont. Keine Probe ist gefährlich, zu der man Mut hat.
Oranien. Du wirst aufgebracht, Egmont.
Egmont. Ich muß mit meinen Augen sehen.
Oranien. O, sähst du diesmal nur mit den meinigen! Freund, weil du sie
offen hast, glaubst du, du siehst. Ich gehe! Warte du Albas Ankunft ab,
und Gott sei bei dir! Vielleicht rettet dich mein Weigern. Vielleicht,
daß der Drache nichts zu fangen glaubt, wenn er uns nicht beide auf
einmal verschlingt. Vielleicht zögert er, um seinen Anschlag sicherer
auszuführen; und vielleicht siehest du indes die Sache in ihrer wahren
Gestalt. Aber dann schnell! schnell! Rette! rette dich!--Leb' wohl!
--Laß deiner Aufmerksamkeit nichts entgehen: wie viel Mannschaft er
mitbringt, wie er die Stadt besetzt, was für Macht die Regentin behält,
wie deine Freunde gefaßt sind. Gieb mir Nachricht--Egmont--
Egmont. Was willst du?
Oranien (ihn bei der Hand fassend). Laß dich überreden! Geh mit!
Egmont. Wie? Thränen, Oranien?
Oranien. Einen Verlornen zu beweinen, ist auch männlich.
Egmont. Du wähnst mich verloren?
Oranien. Du bist's. Bedenke! Dir bleibt nur eine kurze Frist. Leb'
wohl! (Ab.)
Egmont. (allein). Daß andrer Menschen Gedanken solchen Einfluß auf uns
haben! Mir wär' es nie eingekommen; und dieser Mann trägt seine
Sorglichkeit in mich herüber.--Weg!--Das ist ein fremder Tropfen in
meinem Blute. Gute Natur, wirf ihn wieder heraus! Und von meiner Stirne
die sinnenden Runzeln wegzubaden, giebt es ja wohl noch ein freundlich
Mittel.
Dritter Aufzug.
Palast der Regentin.
Margarete von Parma.
Regentin. Ich hätte mir's vermuten sollen. Ha! Wenn man in Mühe und
Arbeit vor sich hinlebt, denkt man immer, man thue das Möglichste; und
der von weitem zusieht und befiehlt, glaubt, er verlange nur das Mögliche.
--O die Könige!--Ich hätte nicht geglaubt, daß es mich so verdrießen
könnte. Es ist so schön zu herrschen!--Und abzudanken?--Ich weiß nicht,
wie mein Vater es konnte; aber ich will es auch.
(Machiavell erscheint im Grunde.)
Regentin. Tretet näher, Machiavell. Ich denke hier über den Brief
meines Bruders.
Machiavell. Ich darf wissen, was er enthält?
Regentin. So viel zärtliche Aufmerksamkeit für mich, als Sorgfalt für
seine Staaten. Er rühmt die Standhaftigkeit, den Fleiß und die Treue,
womit ich bisher für die Rechte Seiner Majestät in diesen Landen gewacht
habe. Er bedauert mich, daß mir das unbändige Volk so viel zu schaffen
mache. Er ist von der Tiefe meiner Einsichten so vollkommen überzeugt,
mit der Klugheit meines Betragens so außerordentlich zufrieden, daß ich
fast sagen muß, der Brief ist für einen König zu schön geschrieben, für
einen Bruder gewiß.
Machiavell. Es ist nicht das erste Mal, daß er Euch seine gerechte
Zufriedenheit bezeigt.
Regentin. Aber das erste Mal, daß es rednerische Figur ist.
Machiavell. Ich versteh' Euch nicht.
Regentin. Ihr werdet.--Denn er meint, nach diesem Eingange: ohne
Mannschaft, ohne eine kleine Armee werde ich immer hier eine üble Figur
spielen. Wir hätten, sagt er, unrecht gethan, auf die Klagen der
Einwohner unsre Soldaten aus den Provinzen zu ziehen. Eine Besatzung,
meint er, die dem Bürger auf dem Nacken lastet, verbiete ihm durch ihre
Schwere, große Sprünge zu machen.
Machiavell. Es würde die Gemüter äußerst aufbringen.
Regentin. Der König meint aber, hörst du?--Er meint, daß ein tüchtiger
General, so einer, der gar keine Raison annimmt, gar bald mit Volk und
Adel, Bürgern und Bauern fertig werden könne;--und schickt deswegen mit
einem starken Heere--den Herzog von Alba.
Machiavell. Alba?
Regentin. Du wunderst dich?
Machiavell. Ihr sagt: er schickt. Er fragt wohl, ob er schicken soll?
Regentin. Der König fragt nicht; er schickt.
Machiavell. So werdet Ihr einen erfahrnen Krieger in Euren Diensten
haben.
Regentin. In meinen Diensten? Rede g'rad' heraus, Machiavell.
Machiavell. Ich möcht' Euch nicht vorgreifen.
Regentin. Und ich möchte mich verstellen. Es ist mir empfindlich, sehr
empfindlich. Ich wollte lieber, mein Bruder sagte, wie er's denkt, als
daß er förmliche Episteln unterschreibt, die ein Staatssekretär aufsetzt.