Regentin. Und ich kenne sie inwendig und auswendig. Sie möchten's gern
gesäubert und gekehrt haben: und weil sie selbst nicht zugreifen, so
findet ein jeder Vertrauen, der mit dem Besen in der Hand kommt. O, mir
ist's, als wenn ich den König und sein Conseil auf dieser Tapete gewirkt
sähe.
Machiavell. So lebhaft?
Regentin. Es fehlt kein Zug. Es sind gute Menschen drunter. Der
ehrliche Rodrich, der so erfahren und mäßig ist, nicht zu hoch will und
doch nichts fallen läßt, der gerade Alonzo, der fleißige Freneda, der
feste Las Vargas und noch einige, die mitgehen, wenn die gute Partei
mächtig wird. Da sitzt aber der hohläugige Toledaner mit der ehrnen
Stirne und dem tiefen Feuerblick, murmelt zwischen den Zähnen von
Weibergüte, unzeitigem Nachgeben, und daß Frauen wohl von zugerittenen
Pferden sich tragen lassen, selbst aber schlechte Stallmeister sind, und
solche Späße, die ich ehemals von den politischen Herren habe mit
durchhören müssen.
Machiavell. Ihr habt zu dem Gemälde einen guten Farbentopf gewählt.
Regentin. Gesteht nur, Machiavell: In meiner ganzen Schattierung, aus
der ich allenfalls malen könnte, ist kein Ton so gelbbraun, gallenschwarz,
wie Albas Gesichtsfarbe, und als die Farbe, aus der er malt. Jeder ist
bei ihm gleich ein Gotteslästerer, ein Majestätsschänder; denn aus
diesem Kapitel kann man sie alle sogleich rädern, pfählen, vierteilen und
verbrennen.--Das Gute, was ich hier gethan habe, sieht gewiß in der Ferne
wie nichts aus, eben weil's gut ist.--Da hängt er sich an jeden Mutwillen,
der vorbei ist, erinnert an jede Unruhe, die gestillt ist; und es wird
dem Könige vor den Augen so voll Meuterei, Aufruhr und Tollkühnheit, daß
er sich vorstellt, sie fräßen sich hier einander auf, wenn eine flüchtig
vorübergehende Ungezogenheit eines rohen Volks bei uns lange vergessen
ist. Da faßt er einen recht herzlichen Haß auf die armen Leute; sie
kommen ihm abscheulich, ja wie Tiere und Ungeheuer vor; er sieht sich
nach Feuer und Schwert um, und wähnt, so bändige man Menschen.
Machiavell. Ihr scheint mir zu heftig, Ihr nehmt die Sache zu hoch.
Bleibt Ihr nicht Regentin?
Regentin. Das kenn' ich. Er wird eine Instruktion bringen.--Ich bin in
Staatsgeschäften alt genug geworden, um zu wissen, wie man einen
verdrängt, ohne ihm seine Bestallung zu nehmen.--Erst wird er eine
Instruktion bringen, die wird unbestimmt und schief sein; er wird um sich
greifen, denn er hat die Gewalt; und wenn ich mich beklage, wird er eine
geheime Instruktion vorschützen; wenn ich sie sehen will, wird er mich
herumziehen; wenn ich darauf bestehe, wird er mir ein Papier zeigen, das
ganz was anders enthält; und wenn ich mich da nicht beruhige, gar nicht
mehr thun, als wenn ich redete.--Indes wird er, was ich fürchte, gethan,
und was ich wünsche, weit abwärts gelenkt haben.
Machiavell. Ich wollt', ich könnt' Euch widersprechen.
Regentin. Was ich mit unsäglicher Geduld beruhigte, wird er durch Härte
und Grausamkeiten wieder aufhetzen; ich werde vor meinen Augen mein Werk
verloren sehen, und überdies noch seine Schuld zu tragen haben.
Machiavell. Erwarten's Eure Hoheit.
Regentin. So viel Gewalt hab' ich über mich, um stille zu sein. Laß ihn
kommen; ich werde ihm mit der besten Art Platz machen, eh' er mich
verdrängt.
Machiavell. So rasch diesen wichtigen Schritt?
Regentin. Schwerer, als du denkst. Wer zu herrschen gewohnt ist, wer's
hergebracht hat, daß jeden Tag das Schicksal von Tausenden in seiner Hand
liegt, steigt vom Throne wie ins Grab. Aber besser so, als einem
Gespenste gleich unter den Lebenden bleiben und mit hohlem Ansehn einen
Platz behaupten wollen, den ihm ein anderer abgeerbt hat und nun besitzt
und genießt.
Klärchens Wohnung.
Klärchen. Mutter.
Mutter. So eine Liebe wie Brackenburgs hab' ich nie gesehen; ich glaubte,
sie sei nur in Heldengeschichten.
Klärchen (geht in der Stube auf und ab, ein Lied zwischen den Lippen
summend).
Glücklich allein
Ist die Seele, die liebt.
Mutter. Er vermutet deinen Umgang mit Egmont; und ich glaube, wenn du
ihm ein wenig freundlich thätest, wenn du wolltest, er heiratete dich
noch.
Klärchen (singt).
Freudvoll
Und leidvoll,
Gedankenvoll sein;
Langen
Und bangen
In schwebender Pein;
Himmelhoch jauchzend,
Zum Tode betrübt;
Glücklich allein
Ist die Seele, die liebt.
Mutter. Laß das Heiopopeio.
Klärchen. Scheltet mir's nicht; es ist ein kräftig Lied. Hab' ich doch
schon manchmal ein großes Kind damit schlafen gewiegt.
Mutter. Du hast doch nichts im Kopfe als deine Liebe. Vergäßest du nur
nicht alles über das eine. Den Brackenburg solltest du in Ehren halten,
sag' ich dir. Er kann dich noch einmal glücklich machen.
Klärchen. Er?
Mutter. O ja! es kommt eine Zeit!--Ihr Kinder seht nichts voraus und
überhorcht unsre Erfahrungen. Die Jugend und die schöne Liebe, alles hat
sein Ende; und es kommt eine Zeit, wo man Gott dankt, wenn man irgendwo
unterkriechen kann.
Klärchen (schaudert, schweigt und fährt auf). Mutter, laßt die Zeit
kommen wie den Tod. Dran vorzudenken ist schreckhaft!--Und wenn er kommt!
Wenn wir müssen--dann--wollen wir uns gebärden, wie wir können.--Egmont,
ich dich entbehren!--(In Thänen.) Nein, es ist nicht möglich, nicht
möglich.
(Egmont in einem Reitermantel, den Hut ins Gesicht gedrückt.)
Egmont. Klärchen!
Klärchen (thut einen Schrei, fährt zurück). Egmont! (Sie eilt auf ihn
zu.) Egmont! (Sie umarmt ihn, und ruht an ihm.) O du Guter, Lieber,
Süßer! Kommst du? bist du da?
Egmont. Guten Abend, Mutter!
Mutter. Gott grüß' Euch, edler Herr! Meine Kleine ist fast vergangen,
daß Ihr so lang ausbleibt; sie hat wieder den ganzen Tag von Euch geredet
und gesungen.
Egmont. Ihr gebt mir doch ein Nachtessen?
Mutter. Zu viel Gnade. Wenn wir nur etwas hätten.
Klärchen. Freilich! Seid nur ruhig, Mutter; ich habe schon alles darauf
eingerichtet, ich habe etwas zubereitet. Verratet mich nicht, Mutter!
Mutter. Schmal genug.
Klärchen. Wartet nur! Und dann denk' ich: wenn er bei mir ist, hab' ich
gar keinen Hunger; da sollte er auch keinen großen Appetit haben, wenn
ich bei ihm bin.
Egmont. Meinst du?
Klärchen (stampft mit dem Fuße, und kehrt sich unwillig um).
Egmont. Wie ist dir?
Klärchen. Wie seid Ihr heute so kalt! Ihr habt mir noch keinen Kuß
angeboten. Warum habt Ihr die Arme in den Mantel gewickelt, wie ein
Wochenkind? Ziemt keinem Soldaten noch Liebhaber, die Arme eingewickelt
zu haben.
Egmont. Zu Zeiten, Liebchen, zu Zeiten. Wenn der Soldat auf der Lauer
steht und dem Feinde etwas ablisten möchte, da nimmt er sich zusammen,
faßt sich selbst in seine Arme und kaut seinen Anschlag reif. Und ein
Liebhaber--
Mutter. Wollt Ihr Euch nicht setzen? es Euch nicht bequem machen? Ich
muß in die Küche; Klärchen denkt an nichts, wenn Ihr da seid. Ihr müßt
fürlieb nehmen.