Andere (widersetzen sich und rufen). Bist du auch ein Spanier?
Ein anderer. Was? den Ehrenmann?
Ein anderer. Den Gelahrten?
(Sie fallen den Seifensieder an.)
Zimmermeister. Ums Himmels willen, ruht! (Andere mischen sich in den
Streit.)
Zimmermeister. Bürger, was soll das?
(Buben pfeifen, werfen mit Steinen, hetzen Hunde an, Bürger stehn und
gaffen, Volk läuft zu, andere gehn gelassen auf und ab, andere treiben
allerlei Schalkspossen, schreien und jubilieren.)
Andere. Freiheit und Privilegien! Privilegien und Freiheit!
(Egmont tritt auf mit Begleitung.)
Egmont. Ruhig! Ruhig, Leute! Was gibt's? Ruhe! Bringt sie aus
einander!
Zimmermeister. Gnädiger Herr, Ihr kommt wie ein Engel des Himmels.
Stille! seht ihr nichts? Graf Egmont! Dem Grafen Egmont Reverenz!
Egmont. Auch hier? Was fangt ihr an? Bürger gegen Bürger! Hält sogar
die Nähe unsrer königlichen Regentin diesen Unsinn nicht zurück? Geht
aus einander, geht an euer Gewerbe. Es ist ein übles Zeichen, wenn ihr
an Werktagen feiert. Was war's?
(Der Tumult stillt sich nach und nach, und alle stehen um ihn herum.)
Zimmermeister. Sie schlagen sich um ihre Privilegien.
Egmont. Die sie noch mutwillig zertrümmern werden--Und wer seid Ihr?
Ihr scheint mir rechtliche Leute.
Zimmermeister. Das ist unser Bestreben.
Egmont. Eures Zeichens?
Zimmermeister. Zimmermann und Zunftmeister.
Egmont. Und Ihr?
Soest. Krämer.
Egmont. Ihr?
Jetter. Schneider.
Egmont. Ich erinnere mich, Ihr habt mit an den Livreen für meine Leute
gearbeitet. Euer Name ist Jetter.
Jetter. Gnade, daß Ihr Euch dessen erinnert.
Egmont. Ich vergesse niemanden leicht, den ich einmal gesehen und
gesprochen habe.--Was an euch ist, Ruhe zu erhalten, Leute, das thut; ihr
seid übel genug angeschrieben. Reizt den König nicht mehr, er hat
zuletzt doch die Gewalt in Händen. Ein ordentlicher Bürger, der sich
ehrlich und fleißig nährt, hat überall soviel Freiheit, als er braucht.
Zimmermeister. Ach wohl! das ist eben unsre Not! Die Tagdiebe, die
Söffer, die Faulenzer, mit Euer Gnaden Verlaub, die stänkern aus
Langerweile, und scharren aus Hunger nach Privilegien, und lügen den
Neugierigen und Leichtgläubigen was vor, und um eine Kanne Bier bezahlt
zu kriegen, fangen sie Händel an, die viel tausend Menschen unglücklich
machen. Das ist ihnen eben recht. Wir halten unsre Häuser und Kasten zu
gut verwahrt; da möchten sie gern uns mit Feuerbränden davon treiben.
Egmont. Allen Beistand sollt ihr finden; es sind Maßregeln genommen, dem
Übel kräftig zu begegnen. Steht fest gegen die fremde Lehre und glaubt
nicht, durch Aufruhr befestige man Privilegien. Bleibt zu Hause; leidet
nicht, daß sie sich auf den Straßen rotten. Vernünftige Leute können
viel thun.
(Indessen hat sich der größte Haufe verlaufen.)
Zimmermeister. Danken Euer Excellenz, danken für die gute Meinung!
Alles, was an uns liegt. (Egmont ab.) Ein gnädiger Herr! der echte
Niederländer! Gar so nichts Spanisches.
Jetter. Hätten wir ihn nur zum Regenten! Man folgt' ihm gerne.
Soest. Das läßt der König wohl sein. Den Platz besetzt er immer mit den
Seinigen.
Jetter. Hast du das Kleid gesehen? Das war nach der neuesten Art, nach
spanischem Schnitt.
Zimmermeister. Ein schöner Herr!
Jetter. Sein Hals wär' ein rechtes Fressen für einen Scharfrichter.
Soest. Bist du toll? Was kommt dir ein?
Jetter. Dumm genug, daß einem so etwas einfällt.--Es ist mir nun so.
Wenn ich einen schönen langen Hals sehe, muß ich gleich wider Willen
denken: der ist gut köpfen.--Die verfluchten Exekutionen! man kriegt
sie nicht aus dem Sinne. Wenn die Bursche schwimmen und ich seh' einen
nackten Buckel, gleich fallen sie mir zu Dutzenden ein, die ich habe mit
Ruten streichen sehen. Begegnet mir ein rechter Wanst, mein' ich, den
säh' ich schon am Pfahl braten. Des Nachts im Traume zwickt mich's an
allen Gliedern; man wird eben keine Stunde froh. Jede Lustbarkeit, jeden
Spaß hab' ich bald vergessen; die fürchterlichen Gestalten sind mir wie
vor die Stirne gebrannt.
Egmonts Wohnung.
(Sekretär an einem Tische mit Papieren, er steht unruhig auf.)
Sekretär. Er kommt immer nicht! und ich warte schon zwei Stunden, die
Feder in der Hand, die Papiere vor mir; und eben heute möcht' ich gern so
zeitig fort. Es brennt mir unter den Sohlen! Ich kann vor Ungeduld kaum
bleiben. "Sei auf die Stunde da," befahl er mir noch, ehe er wegging;
nun kommt er nicht. Es ist so viel zu thun, ich werde vor Mitternacht
nicht fertig. Freilich sieht er einem auch einmal durch die Finger.
Doch hielt' ich's besser, wenn er strenge wäre und ließe einen auch
wieder zur bestimmten Zeit. Man könnte sich einrichten. Von der
Regentin ist er nun schon zwei Stunden weg; wer weiß, wen er unterwegs
angefaßt hat.
(Egmont tritt auf.)
Egmont. Wie sieht's aus?
Sekretär. Ich bin bereit, und drei Boten warten.
Egmont. Ich bin dir wohl zu lang geblieben; du machst ein verdrießlich
Gesicht.
Sekretär. Eurem Befehl zu gehorchen, wart' ich schon lange. Hier sind
die Papiere.
Egmont. Donna Elvira wird böse auf mich werden, wenn sie hört, daß ich
dich abgehalten habe.
Sekretär. Ihr scherzt.
Egmont. Nein, nein. Schäme dich nicht. Du zeigst einen guten Geschmack.
Sie ist hübsch; und es ist mir ganz recht, daß du auf dem Schlosse eine
Freundin hast. Was sagen die Briefe?
Sekretär. Mancherlei, und wenig Erfreuliches.
Egmont. Da ist gut, daß wir die Freude zu Hause haben und sie nicht von
auswärts zu erwarten brauchen. Ist viel gekommen?
Sekretär. Genug, und drei Boten warten.
Egmont. Sag' an! das Nötigste.
Sekretär. Es ist alles nötig.
Egmont. Eins nach dem andern, nur geschwind!
Sekretär. Hauptmann Breda schickt die Relation, was weiter in Gent und
der umliegenden Gegend vorgefallen. Der Tumult hat sich meistens gelegt.
--
Egmont. Er schreibt wohl noch von einzelnen Ungezogenheiten und
Tollkühnheiten?
Sekretär. Ja! Es kommt noch manches vor.
Egmont. Verschone mich damit.
Sekretär. Noch sechs sind eingezogen worden, die bei Verwich das
Marienbild umgerissen haben. Er fragt an, ob er sie auch wie die andern
soll hängen lassen.
Egmont. Ich bin des Hängens müde. Man soll sie durchpeitschen, und sie
mögen gehen.
Sekretär. Es sind zwei Weiber dabei; soll er die auch durchpeitschen?
Egmont. Die mag er verwarnen und laufen lassen.
Sekretär. Brink von Bredas Kompagnie will heiraten. Der Hauptmann hofft,
Ihr werdet's ihm abschlagen. Es sind so viele Weiber bei dem Haufen,
schreibt er, daß, wenn wir ausziehen, es keinem Soldatenmarsch, sondern
einem Zigeuner-Geschleppe ähnlich sehen wird.
Egmont. Dem mag's noch hingehen! Es ist ein schöner junger Kerl; er bat
mich noch gar dringend, eh' ich wegging. Aber nun soll's keinem mehr
gestattet sein, so leid mir's thut, den armen Teufeln, die ohnedies
geplagt genug sind, ihren besten Spaß zu versagen.
Sekretär. Zwei von Euern Leuten, Seter und Hart, haben einem Mädel,
einer Wirtstochter, übel mitgespielt. Sie kriegten sie allein, und die
Dirne konnte sich ihrer nicht erwehren.
Egmont. Wenn es ein ehrlich Mädchen ist, und sie haben Gewalt gebraucht,
so soll er sie drei Tage hinter einander mit Ruten streichen lassen, und
wenn sie etwas besitzen, soll er so viel davon einziehen, daß dem Mädchen
eine Ausstattung gereicht werden kann.
Sekretär. Einer von den fremden Lehrern ist heimlich durch Comines
gegangen und entdeckt worden. Er schwört, er sei im Begriff, nach
Frankreich zu gehen. Nach dem Befehl soll er enthauptet werden.
Egmont. Sie sollen ihn in der Stille an die Grenze bringen und ihm
versichern, daß er das zweite Mal nicht so wegkommt.
Sekretär. Ein Brief von Euerm Einnehmer. Er schreibt: es komme wenig
Geld ein, er könne auf die Woche die verlangte Summe schwerlich schicken;
der Tumult habe in alles die größte Konfusion gebracht.
Egmont. Das Geld muß herbei! er mag sehen, wie er es zusammenbringt.
Sekretär. Er sagt: er werde sein Möglichstes thun, und wolle endlich den
Raymond, der Euch so lange schuldig ist, verklagen und in Verhaft nehmen
lassen.
Egmont. Der hat ja versprochen zu bezahlen.
Sekretär. Das letzte Mal setzte er sich selbst vierzehn Tage.
Egmont. So gebe man ihm noch vierzehn Tage; und dann mag er gegen ihn
verfahren.
Sekretär. Ihr thut wohl. Es ist nicht Unvermögen; es ist böser Wille.
Er macht gewiß Ernst, wenn er sieht, Ihr spaßt nicht.--Ferner sagt der
Einnehmer: er wolle den alten Soldaten, den Witwen und einigen andern,
denen Ihr Gnadengehalte gebt, die Gebühr einen halben Monat zurückhalten;
man könne indessen Rat schaffen; sie möchten sich einrichten.
Egmont. Was ist da einzurichten? Die Leute brauchen das Geld nötiger
als ich. Das soll er bleiben lassen.
Sekretär. Woher befehlt Ihr denn, daß er das Geld nehmen soll?
Egmont. Darauf mag er denken; es ist ihm im vorigen Briefe schon gesagt.
Sekretär. Deswegen thut er die Vorschläge.
Egmont. Die taugen nicht; er soll auf was anders sinnen. Er soll
Vorschläge thun, die annehmlich sind, und vor allem soll er das Geld
schaffen.
Sekretär. Ich habe den Brief des Grafen Oliva wieder hieher gelegt.
Verzeiht, daß ich Euch daran erinnere. Der alte Herr verdient vor allen
andern eine ausführliche Antwort. Ihr wolltet ihm selbst schreiben.
Gewiß, er liebt Euch wie ein Vater.
Egmont. Ich komme nicht dazu. Und unter vielem Verhaßten ist mir das
Schreiben das Verhaßteste. Du machst meine Hand ja so gut nach, schreib'
in meinem Namen. Ich erwarte Oranien. Ich komme nicht dazu, und wünschte
selbst, daß ihm auf seine Bedenklichkeiten was recht Beruhigendes
geschrieben würde.
Sekretär. Sagt mir nur ungefähr Eure Meinung; ich will die Antwort schon
aufsetzen und sie Euch vorlegen. Geschrieben soll sie werden, daß sie
vor Gericht für Eure Hand gelten kann.
Egmont. Gieb mir den Brief. (Nachdem er hineingesehen.) Guter ehrlicher
Alter! Warst du in deiner Jugend auch wohl so bedächtig? Erstiegst du
nie einen Wall? Bliebst du in der Schlacht, wo es die Klugheit anrät,
hinten?--Der treue Sorgliche! Er will mein Leben und mein Glück, und
fühlt nicht, daß der schon tot ist, der um seiner Sicherheit willen lebt.
--Schreib' ihm, er möge unbesorgt sein; ich handle, wie ich soll, ich
werde mich schon wahren: sein Ansehn bei Hofe soll er zu meinen Gunsten
brauchen und meines vollkommnen Dankes gewiß sein.
Sekretär. Nichts weiter? O, er erwartet mehr.
Egmont. Was soll ich mehr sagen? Willst du mehr Worte machen, so
steht's bei dir. Es dreht sich immer um den einen Punkt: ich soll leben,
wie ich nicht leben mag. Daß ich fröhlich bin, die Sachen leicht nehme,
rasch lebe, das ist mein Glück; und ich vertausch' es nicht gegen die
Sicherheit eines Totengewölbes. Ich habe nun zu der spanischen Lebensart
nicht einen Blutstropfen in meinen Adern, nicht Lust, meine Schritte nach
der neuen bedächtigen Hof-kadenz zu mustern. Leb' ich nur, um auf's
Leben zu denken? Soll ich den gegenwärtigen Augenblick nicht genießen,
damit ich des folgenden gewiß sei? Und diesen wieder mit Sorgen und
Grillen verzehren?
Sekretär. Ich bitt' Euch, Herr, seid nicht so harsch und rauh gegen den
guten Mann. Ihr seid ja sonst gegen alle freundlich. Sagt mir ein
gefällig Wort, das den edeln Freund beruhige. Seht, wie sorgfältig er
ist, wie leis' er Euch berührt.
Egmont. Und doch berührt er immer diese Saite. Er weiß von alters her,
wie verhaßt mir diese Ermahnungen sind; sie machen nur irre, sie helfen
nichts. Und wenn ich ein Nachtwandler wäre, und auf dem gefährlichen
Gipfel eines Hauses spazierte, ist es freundschaftlich, mich beim Namen
zu rufen und mich zu warnen, zu wecken und zu töten? Laßt jeden seines
Pfades gehn; er mag sich wahren.
Sekretär. Es ziemt Euch, nicht zu sorgen; aber wer Euch kennt und liebt
--
Egmont (in den Brief sehend). Da bringt er wieder die alten Märchen auf,
was wir an einem Abend in leichtem Übermut der Geselligkeit und des
Weins getrieben und gesprochen, und was man daraus für Folgen und Beweise
durchs ganze Königreich gezogen und geschleppt habe.--Nun gut! wir haben
Schellenkappen, Narrenkutten auf unsrer Diener Ärmel sticken lassen, und
haben diese tolle Zierde nachher in ein Bündel Pfeile verwandelt; ein
noch gefährlicher Symbol für alle, die deuten wollen, wo nichts zu deuten
ist. Wir haben die und jene Thorheit in einem lustigen Augenblick
empfangen gleich und geboren; sind schuld, daß eine ganze edle Schar mit
Bettelsäcken und mit einem selbstgewählten Unnamen dem Könige seine
Pflicht mit spottender Demut ins Gedächtnis rief; sind schuld--was ist's
nun weiter? Ist ein Fastnachtsspiel gleich Hochverrat? Sind uns die
kurzen bunten Lumpen zu mißgönnen, die ein jugendlicher Mut, eine
angefrischte Phantasie um unsers Lebens arme Blöße hängen mag? Wenn ihr
das Leben gar zu ernsthaft nehmt, was ist denn dran? Wenn uns der Morgen
nicht zu neuen Freuden weckt, am Abend uns keine Lust zu hoffen übrig
bleibt, ist's wohl des An- und Ausziehens wert? Scheint mir die Sonne
heut', um das zu überlegen, was gestern war? und um zu raten, zu
verbinden, was nicht zu erraten, nicht zu verbinden ist, das Schicksal
eines kommenden Tages? Schenke mir diese Betrachtungen; wir wollen sie
Schülern und Höflingen überlassen. Die mögen sinnen und aussinnen,
wandeln und schleichen, gelangen wohin sie können, erschleichen, was sie
können.--Kannst du von allem diesem etwas brauchen, daß deine Epistel
kein Buch wird, so ist mir's recht. Dem guten Alten scheint alles viel
zu wichtig. So drückt ein Freund, der lang unsre Hand gehalten, sie
stärker noch einmal, wenn er sie lassen will.
Sekretär. Verzeiht mir! Es wird dem Fußgänger schwindlig, der einen
Mann mit rasselnder Eile daher fahren sieht.
Egmont. Kind! Kind! nicht weiter! Wie von unsichtbaren Geistern
gepeitscht, gehen die Sonnenpferde der Zeit mit unsers Schicksals
leichtem Wagen durch; und uns bleibt nichts, als mutig gefaßt die Zügel
festzuhalten, und bald rechts, bald links, vom Steine hier, vom Sturze da,
die Räder wegzulenken. Wohin es geht, wer weiß es? Erinnert er sich
doch kaum, woher er kam!
Sekretär. Herr! Herr!
Egmont. Ich stehe hoch, und kann und muß noch höher steigen; ich fühle
mir Hoffnung, Mut und Kraft. Noch hab' ich meines Wachstums Gipfel nicht
erreicht; und steh' ich droben einst, so will ich fest, nicht ängstlich
stehn. Soll ich fallen, so mag ein Donnerschlag, ein Sturmwind, ja ein
selbst verfehlter Schritt mich abwärts in die Tiefe stürzen; da lieg' ich
mit viel Tausenden. Ich habe nie verschmäht, mit meinen guten
Kriegsgesellen um kleinen Gewinst das blutige Los zu werfen; und sollt'
ich knickern, wenn's um den ganzen freien Wert des Lebens geht?
Sekretär. O Herr! Ihr wißt nicht, was für Worte Ihr sprecht! Gott
erhalt' Euch!
Egmont. Nimm deine Papiere zusammen. Oranien kommt. Fertige aus, was
am nötigsten ist, daß die Boten fortkommen, eh' die Thore geschlossen
werden. Das andere hat Zeit. Den Brief an den Grafen laß bis morgen;
versäume nicht, Elviren zu besuchen, und grüße sie von mir.--Horche, wie
sich die Regentin befindet; sie soll nicht wohl sein, ob sie's gleich
verbirgt. (Sekretär ab.)
(Oranien kommt.)
Egmont. Willkommen, Oranien. Ihr scheint mir nicht ganz frei.
Oranien. Was sagt Ihr zu unsrer Unterhaltung mit der Regentin?
Egmont. Ich fand in ihrer Art uns aufzunehmen nichts Außerordentliches.
Ich habe sie schon öfter so gesehen. Sie schien mir nicht ganz wohl.
Oranien. Merktet Ihr nicht, daß sie zurückhaltender war? Erst wollte
sie unser Betragen bei dem neuen Aufruhr des Pöbels gelassen billigen;
nachher merkte sie an, was sich doch auch für ein falsches Licht darauf
werfen lasse; wich dann mit dem Gespräche zu ihrem alten gewöhnlichen
Diskurs: daß man ihre liebevolle, gute Art, ihre Freundschaft zu uns
Niederländern nie genug erkannt, zu leicht behandelt habe, daß nichts
einen erwünschten Ausgang nehmen wolle, daß sie am Ende wohl müde werden,
der König sich zu andern Maßregeln entschließen müsse. Habt Ihr das
gehört?
Egmont. Nicht alles; ich dachte unterdessen an was anders. Sie ist ein
Weib, guter Oranien, und die möchten immer gern, daß sich alles unter ihr
sanftes Joch gelassen schmiegte, daß jeder Herkules die Löwenhaut ablegte
und ihren Kunkelhof vermehrte; daß, weil sie friedlich gesinnt sind, die
Gärung, die ein Volk ergreift, der Sturm, den mächtige Nebenbuhler gegen
einander erregen, sich durch ein freundlich Wort beilegen ließe, und die
widrigsten Elemente sich zu ihren Füßen in sanfter Eintracht vereinigten.
Das ist ihr Fall; und da sie es dahin nicht bringen kann, so hat sie
keinen Weg, als launisch zu werden, sich über Undankbarkeit, Unweisheit
zu beklagen, mit schrecklichen Aussichten in die Zukunft zu drohen, und
zu drohen, daß sie--fortgehn will.
Oranien. Glaubt Ihr dasmal nicht, daß sie ihre Drohung erfüllt?
Egmont. Nimmermehr! Wie oft habe ich sie schon reisefertig gesehn! Wo
will sie denn hin? Hier Statthalterin, Königin; glaubst du, daß sie es
unterhalten wird, am Hofe ihres Bruders unbedeutende Tage abzuhaspeln?
oder nach Italien zu gehen und sich in alten Familienverhältnissen
herumzuschleppen?
Oranien. Man hält sie dieser Entschließung nicht fähig, weil Ihr sie
habt zaudern, weil Ihr sie habt zurücktreten sehn; dennoch liegt's wohl
in ihr; neue Umstände treiben sie zu dem lang verzögerten Entschluß.
Wenn sie ginge? und der König schickte einen andern?
Egmont. Nun, der würde kommen, und würde eben auch zu thun finden. Mit
großen Planen, Projekten und Gedanken würde er kommen, wie er alles
zurecht rücken, unterwerfen und zusammenhalten wolle; und würde heut' mit
dieser Kleinigkeit, morgen mit einer andern zu thun haben, übermorgen
jene Hindernis finden, einen Monat mit Entwürfen, einen andern mit
Verdruß über fehlgeschlagne Unternehmen, ein halb Jahr in Sorgen über
eine einzige Provinz zubringen. Auch ihm wird die Zeit vergehn, der Kopf
schwindeln, und die Dinge wie zuvor ihren Gang halten, daß er, statt
weite Meere nach einer vorgezogenen Linie zu durchsegeln, Gott danken mag,
wenn er sein Schiff in diesem Sturme vom Felsen hält.
Oranien. Wenn man nun aber dem König zu einem Versuch riete?
Egmont. Der wäre?
Oranien. Zu sehen, was der Rumpf ohne Haupt anfinge.
Egmont. Wie?
Oranien. Egmont, ich trage viele Jahre her alle unsere Verhältnisse am
Herzen, ich stehe immer wie über einem Schachspiele und halte keinen Zug
des Gegners für unbedeutend; und wie müßige Menschen mit der größten
Sorgfalt sich um die Geheimnisse der Natur bekümmern, so halt' ich es für
Pflicht, für Beruf eines Fürsten, die Gesinnungen, die Ratschläge aller
Parteien zu kennen. Ich habe Ursach', einen Ausbruch zu befürchten. Der
König hat lange nach gewissen Grundsätzen gehandelt; er sieht, daß er
damit nicht auskommt; was ist wahrscheinlicher, als daß er es auf einem
andern Wege versucht?
Egmont. Ich glaub's nicht. Wenn man alt wird und hat so viel versucht,
und es will in der Welt nie zur Ordnung kommen, muß man es endlich wohl
genug haben.
Oranien. Eins hat er noch nicht versucht.
Egmont. Nun?
Oranien. Das Volk zu schonen und die Fürsten zu verderben.
Egmont. Wie viele haben das schon lange gefürchtet. Es ist keine Sorge.
Oranien. Sonst war's Sorge; nach und nach ist mir's Vermutung, zuletzt
Gewißheit geworden.
Egmont. Und hat der König treuere Diener als uns?
Oranien. Wir dienen ihm auf unsere Art; und unter einander können wir
gestehen, daß wir des Königs Rechte und die unsrigen wohl abzuwägen
wissen.
Egmont. Wer thut's nicht? Wir sind ihm unterthan und gewärtig in dem,
was ihm zukommt.
Oranien. Wenn er sich nun aber mehr zuschriebe und Treulosigkeit nennte,
was wir heißen, auf unsere Rechte halten?
Egmont. Wir werden uns verteidigen können. Er rufe die Ritter des
Vließes zusammen, wir wollen uns richten lassen.
Oranien. Und was wäre ein Urteil vor der Untersuchung? eine Strafe vor
dem Urteil?
Egmont. Eine Ungerechtigkeit, der sich Philipp nie schuldig machen wird;
und eine Thorheit, die ich ihm und seinen Räten nicht zutraue.
Oranien. Und wenn sie nun ungerecht und thöricht wären?
Egmont. Nein, Oranien, es ist nicht möglich. Wer sollte wagen, Hand an
uns zu legen?--Uns gefangen zu nehmen, wär' ein verlornes und fruchtloses
Unternehmen. Nein, sie wagen nicht, das Panier der Tyrannei so hoch
aufzustecken. Der Windhauch, der diese Nachricht über's Land brächte,
würde ein ungeheures Feuer zusammentreiben. Und wo hinaus wollten sie?
Richten und verdammen kann nicht der König allein; und wollten sie
meuchelmörderisch an unser Leben?--Sie können nicht wollen. Ein
schrecklicher Bund würde in einem Augenblick das Volk vereinigen. Haß
und ewige Trennung vom spanischen Namen würde sich gewaltsam erklären.
Oranien. Die Flamme wütete dann über unserm Grabe, und das Blut unsrer
Feinde flösse zum leeren Sühnopfer. Laß uns denken, Egmont.
Egmont. Wie sollten sie aber?
Oranien. Alba ist unterwegs.
Egmont. Ich glaub's nicht.
Oranien. Ich weiß es.
Egmont. Die Regentin wollte nichts wissen.
Oranien. Um desto mehr bin ich überzeugt. Die Regentin wird ihm Platz
machen. Seinen Mordsinn kenn' ich, und ein Heer bringt er mit.
Egmont. Aufs neue die Provinzen zu belästigen? Das Volk wird höchst
schwierig werden.
Oranien. Man wird sich der Häupter versichern.
Egmont. Nein! Nein!
Oranien. Laß uns gehen, jeder in seine Provinz. Dort wollen wir uns
verstärken; mit offner Gewalt fängt er nicht an.
Egmont. Müssen wir ihn nicht begrüßen, wenn er kommt?
Oranien. Wir zögern.
Egmont. Und wenn er uns im Namen des Königs bei seiner Ankunft fordert?
Oranien. Suchen wir Ausflüchte.
Egmont. Und wenn er dringt?
Oranien. Entschuldigen wir uns.
Egmont. Und wenn er darauf besteht?
Oranien. Kommen wir um so weniger.
Egmont. Und der Krieg ist erklärt, und wir sind die Rebellen. Oranien,
laß dich nicht durch Klugheit verführen; ich weiß, daß Furcht dich nicht
weichen macht. Bedenke den Schritt.
Oranien. Ich hab' ihn bedacht.
Egmont. Bedenke, wenn du dich irrst, woran du schuld bist: an dem
verderblichsten Kriege, der je ein Land verwüstet hat. Dein Weigern ist
das Signal, das die Provinzen mit einmal zu den Waffen ruft, das jede
Grausamkeit rechtfertigt, wozu Spanien von jeher nur gern den Vorwand
gehascht hat. Was wir lange mühselig gestillt haben, wirst du mit einem
Winke zur schrecklichsten Verwirrung aufhetzen. Denk' an die Städte, die
Edeln, das Volk, an die Handlung, den Feldbau, die Gewerbe! und denke
die Verwüstung, den Mord!--Ruhig sieht der Soldat wohl im Felde seinen
Kameraden neben sich hinfallen; aber den Fluß herunter werden dir die
Leichen der Bürger, der Kinder, der Jungfrauen entgegenschwimmen, daß du
mit Entsetzen dastehst, und nicht mehr weißt, wessen Sache du verteidigst,
da die zu Grunde gehen, für deren Freiheit du die Waffen ergriffst. Und
wie wird dir's sein, wenn du dir still sagen mußt: Für meine Sicherheit
ergriff ich sie.
Oranien. Wir sind nicht einzelne Menschen, Egmont. Ziemt es sich, uns
für Tausende hinzugeben, so ziemt es sich auch, uns für Tausende zu
schonen.
Egmont. Wer sich schont, muß sich selbst verdächtig werden.
Oranien. Wer sich kennt, kann sicher vor- und rückwärts gehen.
Egmont. Das Übel, das du fürchtest, wird gewiß durch deine That.
Oranien. Es ist klug und kühn, dem unvermeidlichen Übel entgegenzugehn.