Jetter. Es ist unter uns ausgemacht, daß jeder--

Buyck. Ich bin fremd und König, und achte eure Gesetze und Herkommen

nicht.

Jetter. Du bist ja ärger als der Spanier; der hat sie uns doch bisher

lassen müssen.

Ruysum. Was?

Soest (laut). Er will uns gastieren; er will nicht haben, daß wir

zusammenlegen und der König nur das Doppelte zahlt.

Ruysum. Laßt ihn! doch ohne Präjudiz! Das ist auch seines Herrn Art,

splendid zu sein und es laufen zu lassen, wo es gedeiht. (Sie bringen

Wein.)

Alle. Ihro Majestät Wohl! Hoch!

Jetter (zu Buyck). Versteht sich, Eure Majestät.

Buyck. Danke von Herzen, wenn's doch so sein soll.

Soest. Wohl! Denn unserer spanischen Majestät Gesundheit trinkt nicht

leicht ein Niederländer von Herzen.

Ruysum. Wer?

Soest (laut). Philipps des Zweiten, Königs in Spanien.

Ruysum. Unser allergnädigster König und Herr! Gott geb' ihm langes

Leben.

Soest. Hattet Ihr seinen Herrn Vater, Karl den Fünften, nicht lieber?

Ruysum. Gott tröst' ihn! Das war ein Herr! Er hatte die Hand über dem

ganzen Erdboden, und war euch alles in allem; und wenn er euch begegnete,

so grüßt' er euch, wie ein Nachbar den andern; und wenn ihr erschrocken

wart, wußt' er mit so guter Manier--Ja, versteht mich--Er ging aus, ritt

aus, wie's ihm einkam, gar mit wenig Leuten. Haben wir doch alle geweint,

wie er seinem Sohn das Regiment hier abtrat--sagt' ich, versteht

mich--der ist schon anders, der ist majestätischer.

Jetter. Er ließ sich nicht sehen, da er hier war, als in Prunk und

königlichem Staate. Er spricht wenig, sagen die Leute.

Soest. Es ist kein Herr für uns Niederländer. Unsre Fürsten müssen froh

und frei sein wie wir, leben und leben lassen. Wir wollen nicht

verachtet noch gedruckt sein, so gutherzige Narren wir auch sind.

Jetter. Der König, denk' ich, wäre wohl ein gnädiger Herr, wenn er nur

bessere Ratgeber hätte.

Soest. Nein, nein! Er hat kein Gemüt gegen uns Niederländer, sein Herz

ist dem Volke nicht geneigt, er liebt uns nicht; wie können wir ihn

wieder lieben? Warum ist alle Welt dem Grafen Egmont so hold? Warum

trügen wir ihn alle auf den Händen? Weil man ihm ansieht, daß er uns

wohl will; weil ihm die Fröhlichkeit, das freie Leben, die gute Meinung

aus den Augen sieht; weil er nichts besitzt, das er dem Dürftigen nicht

mitteilte, auch dem, der's nicht bedarf. Laßt den Grafen Egmont leben!

Buyck, an Euch ist's, die erste Gesundheit zu bringen! Bringt Eures

Herrn Gesundheit aus.

Buyck. Von ganzer Seele denn: Graf Egmont hoch!

Ruysum. Überwinder bei St. Quintin!

Buyck. Dem Helden von Gravelingen!

Alle. Hoch!

Ruysum. St. Quintin war meine letzte Schlacht. Ich konnte kaum mehr

fort, kaum die schwere Büchse mehr schleppen. Hab' ich doch den

Franzosen noch eins auf den Pelz gebrennt, und da kriegt' ich zum

Abschied noch einen Streifschuß ans rechte Bein.

Buyck. Gravelingen! Freunde! da ging's frisch! Den Sieg haben wir

allein. Brannten und sengten die welschen Hunde nicht durch ganz

Flandern? Aber ich mein', wir trafen sie! Ihre alten handfesten Kerle

hielten lange wider, und wir drängten und schossen und hieben, daß sie

die Mäuler verzerrten und ihre Linien zuckten. Da ward Egmont das Pferd

unter dem Leibe niedergeschossen, und wir stritten lange hinüber herüber,

Mann für Mann, Pferd gegen Pferd, Haufe mit Haufe, auf dem breiten

flachen Sand an der See hin. Auf einmal kam's, wie vom Himmel herunter,

von der Mündung des Flusses, bav! bau! immer mit Kanonen in die

Franzosen drein. Es waren Engländer, die unter dem Admiral Malin von

ungefähr von Dünkirchen her vorbeifuhren. Zwar viel halfen sie uns nicht;

sie konnten nur mit den kleinsten Schiffen herbei, und das nicht nah

genug; schossen auch wohl unter uns--Es that doch gut! Es brach die

Welschen und hob unsern Mut. Da ging's! Rick! rack! herüber, hinüber!

Alles tot geschlagen, alles ins Wasser gesprengt. Und die Kerle

ersoffen, wie sie das Wasser schmeckten; und was wir Holländer waren,

gerad hinten drein. Uns, die wir beidlebig sind, ward erst wohl im

Wasser, wie den Fröschen; und immer die Feinde im Fluß zusammengehauen,

weggeschossen wie die Enten. Was nun noch durchbrach, schlugen euch auf

der Flucht die Bauerweiber mit Hacken und Mistgabeln tot. Mußte doch die

welsche Majestät gleich das Pfötchen reichen und Friede machen. Und den

Frieden seid ihr uns schuldig, dem großen Egmont schuldig.

Alle. Hoch! dem großen Egmont hoch! und abermal hoch! und abermal

hoch!

Jetter. Hätte man uns den statt der Margarete von Parma zum Regenten

gesetzt!

Soest. Nicht so! Wahr bleibt wahr! Ich lasse mir Margareten nicht

schelten. Nun ist's an mir. Es lebe unsre gnäd'ge Frau!

Alle. Sie lebe!

Soest. Wahrlich, treffliche Weiber sind in dem Hause. Die Regentin lebe!

Jetter. Klug ist sie, und mäßig in allem, was sie thut; hielte sie's nur

nicht so steif und fest mit den Pfaffen. Sie ist doch auch mit schuld,

daß wir die vierzehn neuen Bischofsmützen im Lande haben. Wozu die nur

sollen? Nicht wahr, daß man Fremde in die guten Stellen einschieben kann,

wo sonst Äbte aus den Kapiteln gewählt wurden? Und wir sollen glauben,

es sei um der Religion willen. Ja, es hat sich. An drei Bischöfen

hatten wir genug: da ging's ehrlich und ordentlich zu. Nun muß doch auch

jeder thun, als ob er nötig wäre; und da setzt's allen Augenblick Verdruß

und Händel. Und je mehr ihr das Ding rüttelt und schüttelt, desto trüber

wird's. (Sie trinken.)

Soest. Das war nun des Königs Wille; sie kann nichts davon, noch dazu

thun.

Jetter. Da sollen wir nun die neuen Psalmen nicht singen. Sie sind

wahrlich gar schön in Reimen gesetzt, und haben recht erbauliche Weisen.

Die sollen wir nicht singen; aber Schelmenlieder, soviel wir wollen. Und

warum? Es seien Ketzereien drin, sagen sie, und Sachen, Gott weiß. Ich

hab' ihrer doch auch gesungen; es ist jetzt was Neues, ich hab' nichts

drin gesehen.

Buyck. Ich wollte sie fragen! In unsrer Provinz singen wir, was wir

wollen. Das macht, daß Graf Egmont unser Statthalter ist; der fragt nach

so etwas nicht.--In Gent, Ypern, durch ganz Flandern singt sie, wer

Belieben hat. (Laut.) Es ist ja wohl nichts unschuldiger, als ein

geistlich Lied? Nicht wahr, Vater?

Ruysum. Ei wohl! Es ist ja ein Gottesdienst, eine Erbauung.

Jetter. Sie sagen aber, es sei nicht auf die rechte Art, nicht auf ihre

Art; und gefährlich ist's doch immer, da läßt man's lieber sein. Die

Inquisitionsdiener schleichen herum und passen auf; mancher ehrliche Mann

ist schon unglücklich geworden! Der Gewissenszwang fehlte noch! Da ich

nicht thun darf, was ich möchte, können sie mich doch denken und singen

lassen, was ich will.

Soest. Die Inquisition kommt nicht auf. Wir sind nicht gemacht, wie die

Spanier, unser Gewissen tyrannisieren zu lassen. Und der Adel muß auch

beizeiten suchen, ihr die Flügel zu beschneiden.

Jetter. Es ist sehr fatal. Wenn's den lieben Leuten einfällt, in mein

Haus zu stürmen, und ich sitz' an meiner Arbeit und summe just einen

französischen Psalm und denke nichts dabei, weder Gutes noch Böses; ich

summe ihn aber, weil er mir in der Kehle ist; gleich bin ich ein Ketzer

und werde eingesteckt. Oder ich gehe über Land, und bleibe bei einem

Haufen Volks stehen, das einem neuen Prediger zuhört, einem von denen,

die aus Deutschland gekommen sind; auf der Stelle heiß' ich ein Rebell

und komme in Gefahr, meinen Kopf zu verlieren. Habt ihr je einen

predigen hören?

Soest. Wackre Leute. Neulich hört' ich einen auf dem Felde vor tausend

und tausend Menschen sprechen. Das war ein ander Geköch, als wenn unsre

auf der Kanzel herumtrommeln und die Leute mit lateinischen Brocken

erwürgen. Der sprach von der Leber weg; sagte, wie sie uns bisher hätten

bei der Nase herumgeführt, uns in der Dummheit erhalten, und wie wir mehr

Erleuchtung haben könnten.--Und das bewies er euch alles aus der Bibel.

Jetter. Da mag doch auch was dran sein. Ich sagt's immer selbst, und

grübelte so über die Sache nach. Mir ist's lang im Kopf herumgegangen.

Buyck. Es läuft ihnen auch alles Volk nach.

Soest. Das glaub' ich, wo man was Gutes hören kann und was Neues.

Jetter. Und was ist's denn nun? Man kann ja einen jeden predigen lassen

nach seiner Weise.

Buyck. Frisch, ihr Herren! Über dem Schwätzen vergeßt ihr den Wein und

Oranien.

Jetter. Den nicht zu vergessen! Das ist ein rechter Wall: wenn man nur

an ihn denkt, meint man gleich, man könne sich hinter ihn verstecken, und

der Teufel brächte einen nicht hervor. Hoch! Wilhelm von Oranien, hoch!

Alle. Hoch! hoch!

Soest. Nun, Alter, bring' auch deine Gesundheit.

Ruysum. Alte Soldaten! Alle Soldaten! Es lebe der Krieg!

Buyck. Bravo, Alter! Alle Soldaten! Es lebe der Krieg!

Jetter. Krieg! Krieg! Wißt ihr auch, was ihr ruft? Daß es euch leicht

vom Munde geht, ist wohl natürlich; wie lumpig aber unser einem dabei zu

Mute ist, kann ich nicht sagen. Das ganze Jahr das Getrommel zu hören,

und nichts zu hören, als wie da ein Haufen gezogen kommt und dort ein

andrer, wie sie über einen Hügel kamen und bei einer Mühle hielten,

wieviel da geblieben sind, wieviel dort, und wie sie sich drängen, und

einer gewinnt, der andere verliert, ohne daß man sein Tage begreift, wer

was gewinnt oder verliert. Wie eine Stadt eingenommen wird, die Bürger

ermordet werden, und wie's den armen Weibern, den unschuldigen Kindern

ergeht. Das ist eine Not und Angst, man denkt jeden Augenblick: "Da

kommen sie! Es geht uns auch so."

Soest. Drum muß auch ein Bürger immer in Waffen geübt sein.

Jetter. Ja, es übt sich, wer Frau und Kinder hat. Und doch hör' ich

noch lieber von Soldaten, als ich sie sehe.

Buyck. Das sollt' ich übel nehmen.

Jetter. Auf Euch ist's nicht gesagt, Landsmann. Wie wir die spanischen

Besatzungen los waren, holten wir wieder Atem.

Soest. Gelt! die lagen dir am schwersten auf?

Jetter. Vexier Er sich.

Soest. Die hatten scharfe Einquartierung bei dir.

Jetter. Halt dein Maul.

Soest. Sie hatten ihn vertrieben aus der Küche, dem Keller, der

Stube--dem Bette. (Sie lachen.)

Jetter. Du bist ein Tropf.

Buyck. Friede, ihr Herren! Muß der Soldat Friede rufen?--Nun, da ihr

von uns nichts hören wollt, nun bringt auch eure Gesundheit aus, eine

bürgerliche Gesundheit.

Jetter. Dazu sind wir bereit! Sicherheit und Ruhe!

Soest. Ordnung und Freiheit!

Buyck. Brav! das sind auch wir zufrieden.

(Sie stoßen an und wiederholen fröhlich die Worte, doch so, daß jeder ein

anders ausruft, und es eine Art Kanon wird. Der Alte horcht und fällt

endlich auch mit ein.)

Alle. Sicherheit und Ruhe! Ordnung und Freiheit!

Palast der Regentin.

Margarete von Parma in Jagdkleidern. Hofleute. Pagen. Bediente.

Regentin. Ihr stellt das Jagen ab, ich werde heut' nicht reiten. Sagt

Machiavellen, er soll zu mir kommen. (Alle gehen ab.) Der Gedanke an

diese schrecklichen Begebenheiten läßt mir keine Ruhe! Nichts kann mich

ergötzen, nichts mich zerstreuen; immer sind diese Bilder, diese Sorgen

vor mir. Nun wird der König sagen, dies sei'n die Folgen meiner Güte,

meiner Nachsicht; und doch sagt mir mein Gewissen jeden Augenblick, das

Rätlichste, das Beste gethan zu haben. Sollte ich früher mit dem Sturme

des Grimmes diese Flammen anfachen und umhertreiben? Ich hoffte sie zu

umstellen, sie in sich selbst zu verschütten. Ja, was ich mir selbst

sage, was ich wohl weiß, entschuldigt mich vor mir selbst; aber wie wird

es mein Bruder aufnehmen? Denn, ist es zu leugnen? Der Übermut der

fremden Lehrer hat sich täglich erhöht; sie haben unser Heiligtum

gelästert, die stumpfen Sinne des Pöbels zerrüttet und den Schwindelgeist

unter sie gebannt. Unreine Geister haben sich unter die Aufrührer

gemischt, und schreckliche Thaten sind geschehen, die zu denken

schauderhaft ist und die ich nun einzeln nach Hofe zu berichten habe,

schnell und einzeln, damit mir der allgemeine Ruf nicht zuvorkomme, damit

der König nicht denke, man wolle noch mehr verheimlichen. Ich sehe kein

Mittel, weder strenges noch gelindes, dem Übel zu steuern. O was sind wir

Großen auf der Woge der Menschheit? Wir glauben sie zu beherrschen, und

sie treibt uns auf und nieder, hin und her.

(Machiavell tritt auf.)

Regentin. Sind die Briefe an den König aufgesetzt?

Machiavell. In einer Stunde werdet Ihr sie unterschreiben können.

Regentin. Habt Ihr den Bericht ausführlich genug gemacht?

Machiavell. Ausführlich und umständlich, wie es der König liebt. Ich

erzähle, wie zuerst um St. Omer die bilderstürmerische Wut sich zeigt.

Wie eine rasende Menge, mit Stäben, Beilen, Hämmern, Leitern, Stricken

versehen, von wenig Bewaffneten begleitet, erst Kapellen, Kirchen und

Klöster anfallen, die Andächtigen verjagen, die verschlossenen Pforten

aufbrechen, alles umkehren, die Altäre niederreißen, die Statuen der

Heiligen zerschlagen, alle Gemälde verderben, alles, was sie nur

Geweihtes, Geheiligtes antreffen, zerschmettern, zerreißen, zertreten.

Wie sich der Haufe unterwegs vermehrt, die Einwohner von Ypern ihnen die

Thore eröffnen. Wie sie den Dom mit unglaublicher Schnelle verwüsten,

die Bibliothek des Bischofs verbrennen. Wie eine große Menge Volks, von

gleichem Unsinn ergriffen, sich über Menin, Comines, Verwich, Lille

verbreitet, nirgend Widerstand findet, und wie fast durch ganz Flandern

in einem Augenblicke die ungeheure Verschwörung sich erklärt und

ausgeführt ist.

Regentin. Ach, wie ergreift mich aufs neue der Schmerz bei deiner

Wiederholung! Und die Furcht gesellt sich dazu, das Übel werde nur

größer und größer werden. Sagt mir Eure Gedanken, Machiavell!

Machiavell. Verzeihen Eure Hoheit, meine Gedanken sehen Grillen so

ähnlich; und wenn Ihr auch immer mit meinen Diensten zufrieden wart, habt

Ihr doch selten meinem Rat folgen mögen. Ihr sagtet oft im Scherze: "Du

siehst zu weit, Machiavell! Du solltest Geschichtschreiber sein. Wer

handelt, muß fürs Nächste sorgen." Und doch, habe ich diese Geschichte

nicht voraus erzählt? Hab' ich nicht alles voraus gesehen?

Regentin. Ich sehe auch viel voraus, ohne es ändern zu können.

Machiavell. Ein Wort für tausend: Ihr unterdrückt die neue Lehre nicht!

Laßt sie gelten, sondert sie von den Rechtgläubigen, gebt ihnen Kirchen,

faßt sie in die bürgerliche Ordnung, schränkt sie ein; und so habt Ihr

die Aufrührer auf einmal zur Ruhe gebracht. Jede andern Mittel sind

vergeblich, und Ihr verheert das Land.

Regentin. Hast du vergessen, mit welchem Abscheu mein Bruder selbst die

Frage verwarf, ob man die neue Lehre dulden könne? Weißt du nicht, wie

er mir in jedem Briefe die Erhaltung des wahren Glaubens aufs eifrigste

empfiehlt? daß er Ruhe und Einigkeit auf Kosten der Religion nicht

hergestellt wissen will? Hält er nicht selbst in den Provinzen Spione,

die wir nicht kennen, um zu erfahren, wer sich zu der neuen Meinung

hinüberneigt? Hat er nicht zu unsrer Verwunderung uns diesen und jenen

genannt, der sich in unsrer Nähe heimlich der Ketzerei schuldig machte?

Befiehlt er nicht Strenge und Schärfe? Und ich soll gelind sein? Ich

soll Vorschläge thun, daß er nachsehe, daß er dulde? Würde ich nicht

alles Vertrauen, allen Glauben bei ihm verlieren?

Machiavell. Ich weiß wohl; der König befiehlt, er läßt Euch seine

Absichten wissen. Ihr sollt Ruhe und Friede wieder herstellen durch ein

Mittel, das die Gemüter noch mehr erbittert, das den Krieg unvermeidlich

an allen Enden anblasen wird. Bedenkt, was Ihr thut! Die größten

Kaufleute sind angesteckt, der Adel, das Volk, die Soldaten. Was hilft

es, auf seinen Gedanken beharren, wenn sich um uns alles ändert? Möchte

doch ein guter Geist Philippen eingeben, daß es einem Könige anständiger

ist, Bürger zweierlei Glaubens zu regieren, als sie durch einander

aufzureiben.

Regentin. Solch ein Wort nie wieder! Ich weiß wohl, daß Politik selten

Treu' und Glauben halten kann, daß sie Offenheit, Gutherzigkeit,

Nachgiebigkeit aus unsern Herzen ausschließt. In weltlichen Geschäften

ist das leider nur zu wahr; sollen wir aber auch mit Gott spielen, wie

unter einander? Sollen wir gleichgültig gegen unsere bewährte Lehre sein,

für die so viele ihr Leben aufgeopfert haben? Die sollten wir hingeben

an hergelaufne, ungewisse, sich selbst widersprechende Neuerungen?

Machiavell. Denkt nur deswegen nicht übler von mir.

Regentin. Ich kenne dich und deine Treue, und weiß, daß einer ein

ehrlicher und verständiger Mann sein kann, wenn er gleich den nächsten,

besten Weg zum Heil seiner Seele verfehlt hat. Es sind noch andere,

Machiavell, Männer, die ich schätzen und tadeln muß.

Machiavell. Wen bezeichnet Ihr mir?

Regentin. Ich kann es gestehen, daß mir Egmont heute einen recht

innerlichen, tiefen Verdruß erregte.

Machiavell. Durch welches Betragen?

Regentin. Durch sein gewöhnliches, durch Gleichgültigkeit und Leichtsinn.

Ich erhielt die schreckliche Botschaft, eben als ich, von vielen und

ihm begleitet, aus der Kirche ging. Ich hielt meinen Schmerz nicht an,

ich beklagte mich laut und rief, indem ich mich zu ihm wendete: "Seht,

was in Eurer Provinz entsteht! Das duldet Ihr, Graf, von dem der König

sich alles versprach?"

Machiavell. Und was antwortete er?

Regentin. Als wenn es nichts, als wenn es eine Nebensache wäre,

versetzte er: Wären nur erst die Niederländer über ihre Verfassung

beruhigt! Das übrige würde sich leicht geben.

Machiavell. Vielleicht hat er wahrer als klug und fromm gesprochen. Wie

soll Zutrauen entstehen und bleiben, wenn der Niederländer sieht, daß es

mehr um seine Besitztümer als um sein Wohl, um seiner Seele Heil zu thun

ist? Haben die neuen Bischöfe mehr Seelen gerettet als fette Pfründen

geschmaust, und sind es nicht meist Fremde? Noch werden alle

Statthalterschaften mit Niederländern besetzt; lassen sich es die Spanier

nicht zu deutlich merken, daß sie die größte, unwiderstehlichste Begierde

nach diesen Stellen empfinden? Will ein Volk nicht lieber nach seiner

Art von den Seinigen regieret werden, als von Fremden, die erst im Lande

sich wieder Besitztümer auf Unkosten aller zu erwerben suchen, die einen

fremden Maßstab mitbringen und unfreundlich und ohne Teilnehmung

herrschen?

Regentin. Du stellst dich auf die Seite der Gegner.

Machiavell. Mit dem Herzen gewiß nicht; und wollte, ich könnte mit dem

Verstande ganz auf der unsrigen sein.

Regentin. Wenn du so willst, so thät' es not, ich träte ihnen meine

Regentschaft ab; denn Egmont und Oranien machten sich große Hoffnung,

diesen Platz einzunehmen. Damals waren sie Gegner; jetzt sind sie gegen

mich verbunden, sind Freunde, unzertrennliche Freunde geworden.

Machiavell. Ein gefährliches Paar.

Regentin. Soll ich aufrichtig reden, ich fürchte Oranien, und ich

fürchte für Egmont. Oranien sinnt nichts Gutes, seine Gedanken reichen

in die Ferne, er ist heimlich, scheint alles anzunehmen, widerspricht nie,

und in tiefster Ehrfurcht, mit größter Vorsicht thut er, was ihm beliebt.

Machiavell. Recht im Gegenteil geht Egmont einen freien Schritt, als

wenn die Welt ihm gehörte.

Regentin. Er trägt das Haupt so hoch, als wenn die Hand der Majestät

nicht über ihm schwebte.

Machiavell. Die Augen des Volks sind alle nach ihm gerichtet, und die

Herzen hängen an ihm.

Regentin. Nie hat er einen Schein vermieden; als wenn niemand

Rechenschaft von ihm zu fordern hätte. Noch trägt er den Namen Egmont.

Graf Egmont freut ihn sich nennen zu hören; als wollte er nicht vergessen,

daß seine Vorfahren Besitzer von Geldern waren. Warum nennt er sich

nicht Prinz von Gaure, wie es ihm zukommt? Warum thut er das? Will er

erloschne Rechte wieder geltend machen?

Machiavell. Ich halte ihn für einen treuen Diener des Königs.

Regentin. Wenn er wollte, wie verdient könnte er sich um die Regierung

machen, anstatt daß er uns schon, ohne sich zu nutzen, unsäglichen

Verdruß gemacht hat. Seine Gesellschaften, Gastmahle und Gelage haben

den Adel mehr verbunden und verknüpft als die gefährlichsten heimlichen

Zusammenkünfte. Mit seinen Gesundheiten haben die Gäste einen dauernden

Rausch, einen nie sich verziehenden Schwindel geschöpft. Wie oft setzt

er durch seine Scherzreden die Gemüter des Volks in Bewegung, und wie

stutzte der Pöbel über die neuen Livreen, über die thörichten Abzeichen

der Bedienten!

Machiavell. Ich bin überzeugt, es war ohne Absicht.

Regentin. Schlimm genug. Wie ich sage: er schadet uns und nützt sich

nicht. Er nimmt das Ernstliche scherzhaft, und wir, um nicht müßig und

nachlässig zu scheinen, müssen das Scherzhafte ernstlich nehmen. So

hetzt eins das andre; und was man abzuwenden sucht, das macht sich erst

recht. Er ist gefährlicher als ein entschiednes Haupt einer Verschwörung;

und ich müßte mich sehr irren, wenn man ihm bei Hofe nicht alles gedenkt.

Ich kann nicht leugnen, es vergeht wenig Zeit, daß er mich nicht

empfindlich, sehr empfindlich macht.

Machiavell. Er scheint mir in allem nach seinem Gewissen zu handeln.

Regentin. Sein Gewissen hat einen gefälligen Spiegel. Sein Betragen ist

oft beleidigend. Er sieht oft aus, als wenn er in der völligen

Überzeugung lebe, er sei Herr, und wolle es uns nur aus Gefälligkeit

nicht fühlen lassen, wolle uns so gerade nicht zum Lande hinausjagen; es

werde sich schon geben.

Machiavell. Ich bitte Euch, legt seine Offenheit, sein glückliches Blut,

das alles Wichtige leicht behandelt, nicht zu gefährlich aus. Ihr schadet

nur ihm und Euch.

Regentin. Ich lege nichts aus; ich spreche nur von den unvermeidlichen

Folgen, und ich kenne ihn. Sein niederländischer Adel und sein golden

Vließ vor der Brust stärken sein Vertrauen, seine Kühnheit. Beides kann

ihn vor einem schnellen, willkürlichen Unmut des Königs schützen.

Untersuch' es genau; an dem ganzen Unglück, das Flandern trifft, ist er

doch nur allein schuld. Er hat zuerst den fremden Lehrern nachgesehn,

hat's so genau nicht genommen, und vielleicht sich heimlich gefreut, daß

wir etwas zu schaffen hatten. Laß mich nur! Was ich auf dem Herzen habe,

soll bei dieser Gelegenheit davon. Und ich will die Pfeile nicht

umsonst verschießen; ich weiß, wo er empfindlich ist. Er ist auch

empfindlich.

Machiavell. Habt Ihr den Rat zusammenberufen lassen? Kommt Oranien

auch?

Regentin. Ich habe nach Antwerpen um ihn geschickt. Ich will ihnen die

Last der Verantwortung nahe genug zuwälzen; sie sollen sich mit mir dem

Übel ernstlich entgegensetzen oder sich auch als Rebellen erklären. Eile,

daß die Briefe fertig werden, und bringe mir sie zur Unterschrift. Dann

sende schnell den bewährten Vaska nach Madrid; er ist unermüdet und treu;

daß mein Bruder zuerst durch ihn die Nachricht erfahre, daß der Ruf ihn

nicht übereile. Ich will ihn selbst noch sprechen, eh' er abgeht.

Machiavell. Eure Befehle sollen schnell und genau befolgt werden.

Bürgerhaus.

Klare. Klarens Mutter. Brackenburg.

Klare. Wollt Ihr mir nicht das Garn halten, Brackenburg?

Brackenburg. Ich bitt' Euch, verschont mich, Klärchen.

Klare. Was habt Ihr wieder? Warum versagt Ihr mir diesen kleinen

Liebesdienst?

Brackenburg. Ihr bannt mich mit dem Zwirn so fest vor Euch hin, ich kann

Euern Augen nicht ausweichen.

Klare. Grillen! kommt und haltet!

Mutter (im Sessel strickend). Singt doch eins! Brackenburg sekundiert

so hübsch. Sonst wart ihr lustig, und ich hatte immer was zu lachen.

Brackenburg. Sonst.

Klare. Wir wollen singen.

Brackenburg. Was Ihr wollt.

Klare. Nur hübsch munter und frisch weg! Es ist ein Soldatenliedchen,

mein Leibstück.

(Sie wickelt Garn und singt mit Brackenburg.)

Die Trommel gerühret!

Das Pfeifchen gespielt!

Mein Liebster gewaffnet

Dem Haufen befiehlt,

Die Lanze hoch führet,

Die Leute regieret.

Wie klopft mir das Herze!

Wie wallt mir das Blut!

O hätt' ich ein Wämslein

Und Hosen und Hut!

Ich folgt' ihm zum Thor 'naus

Mit mutigem Schritt,

Ging' durch die Provinzen,

Ging' überall mit.

Die Feinde schon weichen,

Wir schießen darein!

Welch Glück sondergleichen,

Ein Mannsbild zu sein!

(Brackenburg hat unter dem Singen Klärchen oft angesehen; zuletzt bleibt

ihm die Stimme stocken, die Thränen kommen ihm in die Augen, er läßt den

Strang fallen und geht ans Fenster. Klärchen singt das Lied allein aus,

die Mutter winkt ihr halb unwillig, sie steht auf, geht einige Schritte

nach ihm hin, kehrt halb unschlüssig wieder um und setzt sich.)

Mutter. Was giebt's auf der Gasse, Brackenburg? Ich höre marschieren.

Brackenburg. Es ist die Leibwache der Regentin.

Klare. Um diese Stunde? Was soll das bedeuten? (Sie steht auf und geht

an das Fenster zu Brackenburg.) Das ist nicht die tägliche Wache, das

sind weit mehr! Fast alle ihre Haufen. O Brackenburg, geht! hört einmal,

was es giebt? Es muß etwas Besonderes sein. Geht, guter Brackenburg,

thut mir den Gefallen.

Brackenburg. Ich gehe! Ich bin gleich wieder da! (Er reicht ihr

abgehend die Hand; sie gibt ihm die ihrige.)

Mutter. Du schickst ihn schon wieder weg.

Klare. Ich bin neugierig. Und auch, verdenkt mir's nicht, seine

Gegenwart thut mir weh. Ich weiß immer nicht, wie ich mich gegen ihn

betragen soll. Ich habe Unrecht gegen ihn, und mich nagt's am Herzen,

daß er es so lebendig fühlt.--Kann ich's doch nicht ändern!

Mutter. Es ist ein so treuer Bursche.

Klare. Ich kann's auch nicht lassen, ich muß ihm freundlich begegnen.

Meine Hand drückt sich oft unversehens zu, wenn die seine mich so leise,

so liebevoll anfaßt. Ich mache mir Vorwürfe, daß ich ihn betrüge, daß

ich in seinem Herzen eine vergebliche Hoffnung nähre. Ich bin übel dran.

Weiß Gott, ich betrüg' ihn nicht. Ich will nicht, daß er hoffen soll,

und ich kann ihn doch nicht verzweifeln lassen.

Mutter. Das ist nicht gut.

Klare. Ich hatte ihn gern und will ihm auch noch wohl in der Seele. Ich

hätte ihn heiraten können, und glaube, ich war nie in ihn verliebt.

Mutter. Glücklich wärst du immer mit ihm gewesen.

Klare. Wäre versorgt und hätte ein ruhiges Leben.

Mutter. Und das ist alles durch deine Schuld verscherzt.

Klare. Ich bin in einer wunderlichen Lage. Wenn ich so nachdenke, wie

es gegangen ist, weiß ich's wohl und weiß es nicht. Und dann darf ich

Egmont nur wieder ansehen, wird mir alles sehr begreiflich, ja, wäre mir

weit mehr begreiflich. Ach, was ist's ein Mann! Alle Provinzen beten

ihn an, und ich in seinem Arm sollte nicht das glücklichste Geschöpf von

der Welt sein?

Mutter. Wie wird's in der Zukunft werden?

Klare. Ach, ich frage nur, ob er mich liebt; und ob er mich liebt, ist

das eine Frage?

Mutter. Man hat nichts als Herzensangst mit seinen Kindern. Wie das

ausgehen wird? Immer Sorge und Kummer! Es geht nicht gut aus! Du hast

dich unglücklich gemacht! mich unglücklich gemacht.

Klare (gelassen). Ihr ließet es doch im Anfange.

Mutter. Leider war ich zu gut, bin immer zu gut.

Klare. Wenn Egmont vorbeiritt und ich ans Fenster lief, schaltet Ihr

mich da? Tratet Ihr nicht selbst ans Fenster? Wenn er heraufsah,

lächelte, nickte, mich grüßte, war es Euch zuwider? Fandet Ihr Euch

nicht selbst in Eurer Tochter geehrt?

Mutter. Mache mir noch Vorwürfe.

Klare (gerührt). Wenn er nun öfter die Straße kam und wir wohl fühlten,

daß er um meinetwillen den Weg machte, bemerktet Ihr's nicht selbst mit

heimlicher Freude? Rieft Ihr mich ab, wenn ich hinter den Scheiben stand

und ihn erwartete?

Mutter. Dachte ich, daß es so weit kommen sollte?

Klare (mit stockender Stimme und zurückgehaltenen Thränen). Und wie er

uns abends, in den Mantel eingehüllt, bei der Lampe überraschte, wer war

geschäftig, ihn zu empfangen, da ich auf meinem Stuhl wie angekettet und

staunend sitzen blieb?

Mutter. Und konnte ich fürchten, daß diese unglückliche Liebe das kluge

Klärchen so bald hinreißen würde? Ich muß es nun tragen, daß meine

Tochter--

Klare (mit ausbrechenden Thränen). Mutter! Ihr wollt's nun! Ihr habt

Eure Freude, mich zu ängstigen.

Mutter (weinend). Weine noch gar! mache mich noch elender durch deine

Betrübnis! Ist mir's nicht Kummer genug, daß meine einzige Tochter ein

verworfenes Geschöpf ist?

Klare (aufstehend und kalt). Verworfen? Egmonts Geliebte verworfen?--

Welche Fürstin neidete nicht das arme Klärchen um den Platz an seinem

Herzen! O Mutter--meine Mutter, so redetet Ihr sonst nicht. Liebe

Mutter, seid gut! Das Volk, was das denkt, die Nachbarinnen, was die

murmeln--Diese Stube, dieses kleine Haus ist ein Himmel, seit Egmonts

Liebe drin wohnt.

Mutter. Man muß ihm hold sein! das ist wahr. Er ist immer so

freundlich, frei und offen.

Klare. Es ist keine falsche Ader an ihm. Seht, Mutter, und er ist doch

der große Egmont. Und wenn er zu mir kommt, wie er so lieb ist, so gut!

wie er mir seinen Stand, seine Tapferkeit gerne verbärge! wie er um mich

besorgt ist! so nur Mensch, nur Freund, nur Liebster.

Mutter. Kommt er wohl heute?

Klare. Habt Ihr mich nicht oft ans Fenster gehen sehn? Habt Ihr nicht

bemerkt, wie ich horche, wenn's an der Thür rauscht? Ob ich schon weiß,

daß er vor Nacht nicht kommt, vermut' ich ihn doch jeden Augenblick, von

morgens an, wenn ich aufstehe. Wär' ich nur ein Bube und könnte immer mit

ihm gehen, zu Hufe und überall hin! Könnt' ihm die Fahne nachtragen in

der Schlacht!--

Mutter. Du warst immer so ein Springinsfeld; als ein kleines Kind schon,

bald toll, bald nachdenklich. Ziehst du dich nicht

ein wenig besser an?

Klare. Vielleicht, Mutter! wenn ich Langeweile habe.--Gestern, denkt,

gingen von seinen Leuten vorbei und sangen Lobliedchen auf ihn.

Wenigstens war sein Name in den Liedern; das übrige konnt' ich nicht

verstehn. Das Herz schlug mir bis an den Hals.--Ich hätte sie gern

zurückgerufen, wenn ich mich nicht geschämt hätte.

Mutter, Nimm dich in acht! Dein heftiges Wesen verdirbt noch alles; du

verrätst dich offenbar vor den Leuten. Wie neulich bei dem Vetter, wie

du den Holzschnitt und die Beschreibung fandst und mit einem Schrei

riefst: Graf Egmont!--Ich ward feuerrot.

Klare. Hätt' ich nicht schreien sollen? Es war die Schlacht bei

Gravelingen; und ich finde oben im Bilde den Buchstaben C. und suche

unten in der Beschreibung C. Steht da: "Graf Egmont, dem das Pferd unter

dem Leibe totgeschossen wird." Mich überlief's--und hernach mußt ich

lachen über den holzgeschnitzten Egmont, der so groß war als der Turm von

Gravelingen gleich dabei und die englischen Schiffe an der Seite.--Wenn

ich mich manchmal erinnere, wie ich mir sonst eine Schlacht vorgestellt,

und was ich mir als Mädchen für ein Bild vom Grafen Egmont machte, wenn

sie von ihm erzählten, und von allen Grafen und Fürsten--und wie mir's

jetzt ist!

(Brackenburg kommt.)

Klare. Wie stehts?

Brackenburg. Man weiß nichts Gewisses. In Flandern soll neuerdings ein

Tumult entstanden sein; die Regentin soll besorgen, er möchte sich hieher

verbreiten. Das Schloß ist stark besetzt, die Bürger sind zahlreich an

den Thoren, das Volk summt in den Gassen.--Ich will nur schnell zu meinem

alten Vater. (Als wollt' er gehen.)

Klare. Sieht man Euch morgen? Ich will mich ein wenig anziehen. Der

Vetter kommt, und ich sehe gar zu liederlich aus. Helft mir einen

Augenblick, Mutter.--Nehmt das Buch mit, Brackenburg, und bringt mir

wieder so eine Historie.

Mutter. Lebt wohl!

Brackenburg (seine Hand reichend). Eure Hand!

Klare (ihre Hand versagend). Wenn Ihr wiederkommt.

(Mutter und Tochter ab.)

Brackenburg (allein). Ich hatte mir vorgenommen, gerade wieder

fortzugehn, und da sie es dafür aufnimmt und mich gehen läßt, möcht' ich

rasend werden.--Unglücklicher! und dich rührt deines Vaterlandes

Geschick nicht? der wachsende Tumult nicht?--und gleich ist dir

Landsmann oder Spanier, und wer regiert und wer Recht hat?--War ich doch

ein andrer Junge als Schulknabe!--Wenn da ein Exerzitium aufgegeben war:

"Brutus' Rede für die Freiheit, zur Übung der Redekunst"; da war doch

immer Fritz der erste, und der Rektor sagte: wenn's nur ordentlicher wäre,

nur nicht alles so über einander gestolpert.--Damals kocht' es und trieb!

--Jetzt schlepp' ich mich an den Augen des Mädchens so hin. Kann ich sie

doch nicht lassen! Kann sie mich doch nicht lieben!--Ach--Nein--Sie--Sie

kann mich nicht ganz verworfen haben.--Nicht ganz--und halb und nichts!

--Ich duld' es nicht länger!--Sollte es wahr sein, was mir ein Freund

neulich ins Ohr sagte? daß sie nachts einen Mann heimlich zu sich

einläßt, da sie mich züchtig immer vor Abend aus dem Hause treibt. Nein,

es ist nicht wahr, es ist eine Lüge, eine schändliche verleumderische

Lüge! Klärchen ist so unschuldig, als ich unglücklich bin.--Sie hat

mich verworfen, hat mich von ihrem Herzen gestoßen--Und ich soll so

fortleben? Ich duld', ich duld' es nicht.--Schon wird mein Vaterland von

innerm Zwiste heftiger bewegt, und ich sterbe unter dem Getümmel nur ab!

Ich duld' es nicht!--Wenn die Trompete klingt, ein Schuß fällt, mir

fährt's durch Mark und Bein! Ach, es reizt mich nicht, es fordert mich

nicht, auch mit einzugreifen, mit zu retten, zu wagen.--Elender,

schimpflicher Zustand! Es ist besser, ich end' auf einmal. Neulich

stürzt' ich mich ins Wasser, ich sank--aber die geängstete Natur war

stärker; ich fühlte, daß ich schwimmen konnte, und rettete mich wider

Willen.--Könnt' ich der Zeiten vergessen, da sie mich liebte, mich zu

lieben schien!--Warum hat mir's Mark und Bein durchdrungen, das Glück?

Warum haben mir diese Hoffnungen allen Genuß des Lebens aufgezehrt, indem

sie mir ein Paradies von weitem zeigten?--Und jener erste Kuß! Jener

einzige!--Hier (die Hand auf den Tisch legend), hier waren wir

allein--sie war immer gut und freundlich gegen mich gewesen--da schien

sie sich zu erweichen--sie sah mich an--alle Sinnen gingen mir um, und

ich fühlte ihre Lippen auf den meinigen.--Und--und nun?--Stirb, Armer!

Was zauderst du? (Er zieht ein Fläschchen aus der Tasche.) Ich will dich

nicht umsonst aus meines Bruders Doktorkästchen gestohlen haben,

heilsames Gift! Du sollst mir dieses Bangen, diese Schwindel, diese

Todesschweiße auf einmal verschlingen und lösen.

Zweiter Aufzug.

Platz in Brüssel.

Jetter und ein Zimmermeister treten zusammen.

Zimmermeister. Sagt' ich's nicht voraus? Noch vor acht Tagen auf der

Zunft sagt' ich, es würde schwere Händel geben.

Jetter. Ist's denn wahr, daß sie die Kirchen in Flandern geplündert

haben?

Zimmermeister. Ganz und gar zu Grunde gerichtet haben sie Kirchen und

Kapellen. Nichts als die vier nackten Wände haben sie stehen lassen.

Lauter Lumpengesindel! Und das macht unsre gute Sache schlimm. Wir

hätten eher, in der Ordnung, und standhaft, unsere Gerechtsame der

Regentin vortragen und drauf halten sollen. Reden wir jetzt, versammeln

wir uns jetzt, so heißt es, wir gesellen uns zu den Aufwieglern.

Jetter. Ja, so denkt jeder zuerst: was sollst du mit deiner Nase voran?

Hängt doch der Hals gar nah damit zusammen.

Zimmermeister. Mir ist's bange, wenn's einmal unter dem Pack zu lärmen

anfängt, unter dem Volk, das nichts zu verlieren hat. Die brauchen das

zum Vorwande, worauf wir uns auch berufen müssen, und bringen das Land in

Unglück. (Soest tritt dazu.)

Soest. Guten Tag, ihr Herrn! Was giebt's Neues? Ist's wahr, daß die

Bilderstürmer gerade hierher ihren Lauf nehmen?

Zimmermeister. Hier sollen sie nichts anrühren.

Soest. Es trat ein Soldat bei mir ein, Tobak zu kaufen; den fragt' ich

aus. Die Regentin, so eine wackre, kluge Frau sie bleibt, diesmal ist

sie außer Fassung. Es muß sehr arg sein, daß sie sich so geradezu hinter

ihre Wache versteckt. Die Burg ist scharf besetzt. Man meint sogar, sie

wolle aus der Stadt flüchten.

Zimmermeister. Hinaus soll sie nicht! Ihre Gegenwart beschützt uns, und

wir wollen ihr mehr Sicherheit verschaffen als ihre Stutzbärte. Und wenn

sie uns unsere Rechte und Freiheiten aufrecht erhält, so wollen wir sie

auf den Händen tragen.

(Seifensieder tritt dazu.)

Seifensieder. Garstige Händel! Üble Händel! Es wird unruhig und geht

schief aus!--Hütet euch, daß ihr stille bleibt, daß man euch nicht auch

für Aufwiegler hält.

Soest. Da kommen die sieben Weisen aus Griechenland.

Seifensieder. Ich weiß, da sind viele, die es heimlich mit den

Calvinisten halten, die auf die Bischöfe lästern, die den König nicht

scheuen. Aber ein treuer Unterthan, ein aufrichtiger Katholike--

(Es gesellt sich nach und nach allerlei Volk zu ihnen und horcht.)

(Vansen tritt dazu.)

Vansen. Gott grüß' euch Herren! Was Neues?

Zimmermeister. Gebt euch mit dem nicht ab, das ist ein schlechter Kerl.

Jetter. Ist es nicht der Schreiber beim Doktor Wiets?

Zimmermeister. Er hat schon viele Herren gehabt. Erst war er Schreiber,

und wie ihn ein Patron nach dem andern fortjagte, Schelmstreiche halber,

pfuscht er jetzt Notaren und Advokaten ins Handwerk, und ist ein

Branntweinzapf.

(Es kommt mehr Volk zusammen und steht truppweise.)

Vansen. Ihr seid auch versammelt, steckt die Köpfe zusammen. Es ist

immer redenswert,

Soest. Ich denk' auch.

Vansen. Wenn jetzt einer oder der andere Herz hätte, und einer oder der

andere den Kopf dazu, wir könnten die spanischen Ketten auf einmal

sprengen.

Soest. Herre! So müßt Ihr nicht reden. Wir haben dem König geschworen.

Vansen. Und der König uns. Merkt das.

Jetter. Das läßt sich hören! Sagt Eure Meinung!

Einige andere. Horch, der versteht's! Der hat Pfiffe.

Vansen. Ich hatte einen alten Patron, der besaß Pergamente und Briefe

von uralten Stiftungen, Kontrakten und Gerechtigkeiten; er hielt auf die

rarsten Bücher. In einem stand unsere ganze Verfassung: wie uns

Niederländer zuerst einzelne Fürsten regierten, alles nach hergebrachten

Rechten, Privilegien und Gewohnheiten; wie unsre Vorfahren alle Ehrfurcht

für ihren Fürsten gehabt, wenn er sie regiert, wie er sollte; und wie sie

sich gleich vorsahen, wenn er über die Schnur hauen wollte. Die Staaten

waren gleich hinterdrein; denn jede Provinz, so klein sie war, hatte ihre

Staaten, ihre Landstände.

Zimmermeister. Haltet Euer Maul! das weiß man lange! Ein jeder

rechtschaffene Bürger ist, so viel er braucht, von der Verfassung

unterrichtet.

Jetter. Laßt ihn reden; man erfährt immer etwas mehr.

Soest. Er hat ganz recht.

Mehrere. Erzählt! erzählt! So was hört man

nicht alle Tage.

Vansen. So seid ihr Bürgersleute! Ihr lebt nur so in den Tag hin; und

wie ihr euer Gewerb von euern Eltern überkommen habt, so laßt ihr auch

das Regiment über euch schalten und walten, wie es kann und mag. Ihr

fragt nicht nach dem Herkommen, nach der Historie, nach dem Recht eines

Regenten; und über das Versäumnis haben euch die Spanier das Netz über

die Ohren gezogen.

Soest. Wer denkt da dran? Wenn einer nur das tägliche Brot hat!

Jetter. Verflucht! Warum tritt auch keiner in Zeiten auf und sagt einem

so etwas?

Vansen. Ich sag' es euch jetzt. Der König in Spanien, der die Provinzen

durch gut Glück zusammen besitzt, darf doch nicht drin schalten und

walten, anders als die kleinen Fürsten, die sie ehemals einzeln besaßen.

Begreift ihr das?

Jetter. Erklärt's uns.

Vansen. Es ist so klar als die Sonne. Müßt ihr nicht nach euern

Landrechten gerichtet werden? Woher käme das?

Ein Bürger. Wahrlich.

Vansen. Hat der Brüsseler nicht ein ander Recht als der Antwerper? der

Antwerper als der Genter? Woher käme denn das?

Anderer Bürger. Bei Gott!

Vansen. Aber, wenn ihr's so fortlaufen laßt, wird man's euch bald anders

weisen. Pfui! Was Karl der Kühne, Friedrich der Krieger, Karl der

Fünfte nicht konnten, das thut nun Philipp durch ein Weib.

Soest. Ja, ja! Die alten Fürsten haben's auch schon probiert.

Vansen. Freilich!--Unsere Vorfahren paßten auf. Wie sie einem Herrn

gram wurden, fingen sie ihm etwa seinen Sohn und Erben weg, hielten ihn

bei sich, und gaben ihn nur auf die besten Bedingungen heraus. Unsere

Väter waren Leute! Die wußten was ihnen nütz war! Die wußten etwas zu

fassen und fest zu setzen! Rechte Männer! Dafür sind aber auch unsere

Privilegien so deutlich, unsere Freiheiten so versichert.

Seifensieder. Was sprecht Ihr von Freiheiten?

Das Volk. Von unsern Freiheiten, von unsern Privilegien! Erzählt noch

was von unsern Privilegien!

Vansen. Wir Brabanter besonders, obgleich alle Provinzen ihre Vorteile

haben, wir sind am herrlichsten versehen. Ich habe alles gelesen.

Soest. Sagt an.

Jetter. Laßt hören.

Ein Bürger. Ich bitt' Euch.

Vansen. Erstlich steht geschrieben: Der Herzog von Brabant soll uns ein

guter und getreuer Herr sein.

Soest. Gut! Steht das so?

Jetter. Getreu? Ist das wahr?

Vansen. Wie ich euch sage. Er ist uns verpflichtet, wie wir ihm.

Zweitens: Er soll keine Macht oder eignen Willen an uns beweisen, merken

lassen, oder gedenken zu gestatten, auf keinerlei Weise.

Jetter. Schön! Schön! nicht beweisen.

Soest. Nicht merken lassen.

Ein anderer. Und nicht gedenken zu gestatten! Das ist der Hauptpunkt.

Niemanden gestatten, auf keinerlei Weise.

Vansen. Mit ausdrücklichen Worten.

Jetter. Schafft uns das Buch.

Ein Bürger. Ja, wir müssen's haben.

Andere. Das Buch! das Buch!

Ein anderer. Wir wollen zu der Regentin gehen mit dem Buche.

Ein anderer. Ihr sollt das Wort führen, Herr Doktor.

Seifensieder. O die Tröpfe!

Andere. Noch etwas aus dem Buche!

Seifensieder. Ich schlage ihm die Zähne in den Hals, wenn er noch ein

Wort sagt.

Das Volk. Wir wollen sehen, wer ihm etwas thut. Sagt uns was von den

Privilegien! Haben wir noch mehr Privilegien?

Vansen. Mancherlei, und sehr gute, sehr heilsame. Da steht auch: Der

Landsherr soll den geistlichen Stand nicht verbessern oder mehren, ohne

Verwilligung des Adels und der Stände! Merkt das! Auch den Staat des

Landes nicht verändern.

Soest. Ist das so?

Vansen. Ich will's euch geschrieben zeigen von zwei-, dreihundert Jahren

her.

Bürger. Und wir leiden die neuen Bischöfe? Der Adel muß uns schützen,

wir fangen Händel an!

Andere. Und wir lassen uns von der Inquisition ins Bockshorn jagen?

Vansen. Das ist eure Schuld.

Das Volk. Wir haben noch Egmont! noch Oranien! Die sorgen für unser

Bestes.

Vansen. Eure Brüder in Flandern haben das gute Werk angefangen.

Egmont(#2146) · 第 6 / 16 题