Lucidor. Jetzt aber, liebe Schwägerin!--

Julie. Nicht wahr, jetzt "lieb", da Sie mich los sind.

Lucidor. Nur ein Wort! Auf Ihnen lastet eine schwere

Verantwortlichkeit; was sollte der Händedruck, da Sie meine

überschreckliche Stellung kannten und fühlen mußten? So gründlich

Boshaftes ist mir in der Welt noch nichts vorgekommen.

Julie. Danken Sie Gott, nun wär's abgebüßt, alles ist verziehen.

Ich wollte Sie nicht, das ist wahr, aber daß Sie mich ganz und gar

nicht wollten, das verzeiht kein Mädchen, und dieser Händedruck war,

merken Sie sich's! für den Schalk. Ich gestehe, es war schalkischer

als billig, und ich verzeihe mir nur, indem ich Ihnen vergebe, und so

sei denn alles vergeben und vergessen! Hier meine Hand.

Er schlug ein, sie rief: "Da sind wir schon wieder! in unserm Park

schon wieder, und so geht's bald um die weite Welt und auch wohl

zurück; wir treffen uns wieder."

Sie waren vor dem Gartensaal schon angelangt, er schien leer; die

Gesellschaft hatte sich, im Unbehagen, die Tafelzeit überlang

verschoben zu sehen, zum Spazieren bewegt. Antoni aber und Lucinde

traten hervor. Julie warf sich aus dem Wagen ihrem Freund entgegen,

sie dankte in einer herzlichen Umarmung und enthielt sich nicht der

freudigsten Tränen. Des edlen Mannes Wange rötete sich, seine Züge

traten entfaltet hervor, sein Auge blickte feucht, und ein schöner,

bedeutender Jüngling erschien aus der Hülle.

Und so zogen beide Paare zur Gesellschaft, mit Gefühlen, die der

schönste Traum nicht zu geben vermochte.

Wilhelm Meisters Wanderjahre — Band 1 · 第 19 / 23 题