Zehntes Kapitel

Vater und Sohn waren, von einem Reitknecht begleitet, durch eine

angenehme Gegend gekommen, als dieser, im Angesicht einer hohen Mauer,

die einen weiten Bezirk zu umschließen schien, stillehaltend,

bedeutete, sie möchten nun zu Fuße sich dem großen Tore nähern, weil

kein Pferd in diesen Kreis eingelassen würde. Sie zogen die Glocke,

das Tor eröffnete sich, ohne daß eine Menschengestalt sichtbar

geworden wäre, und sie gingen auf ein altes Gebäude los, das zwischen

uralten Stämmen von Buchen und Eichen ihnen entgegenschimmerte.

Wunderbar war es anzusehen, denn so alt es der Form nach schien, so

war es doch, als wenn Maurer und Steinmetzen soeben erst abgegangen

wären, dergestalt neu, vollständig und nett erschienen die Fugen wie

die ausgearbeiteten Verzierungen.

Der metallne, schwere Ring an einer wohlgeschnitzten Pforte lud sie

ein zu klopfen, welches Felix mutwillig etwas unsanft verrichtete;

auch diese Tür sprang auf, und sie fanden zunächst auf der Hausflur

ein Frauenzimmer sitzen von mittlerem Alter, am Stickrahmen mit einer

wohlgezeichneten Arbeit beschäftigt. Diese begrüßte sogleich die

Ankommenden als schon gemeldet und begann ein heiteres Lied zu singen,

worauf sogleich aus einer benachbarten Türe ein Frauenzimmer

heraustrat, das man für die Beschließerin und tätige Haushälterin,

nach den Anhängseln ihres Gürtels, ohne weiteres zu erkennen hatte.

Auch diese freundlich grüßend führte die Fremden eine Treppe hinauf

und eröffnete ihnen einen Saal, der sie ernsthaft ansprach, weit,

hoch, ringsum getäfelt, oben drüber eine Reihenfolge historischer

Schilderungen. Zwei Personen traten ihnen entgegen, ein jüngeres

Frauenzimmer und ein ältlicher Mann.

Jene hieß den Gast sogleich freimütig willkommen. "Sie sind", sagte

sie, "als einer der Unsern angemeldet. Wie soll ich Ihnen aber kurz

und gut den Gegenwärtigen vorstellen? Er ist unser Hausfreund im

schönsten und weitesten Sinne, bei Tage der belehrende Gesellschafter,

bei Nacht Astronom, und Arzt zu jeder Stunde."

"Und ich", versetzte dieser freundlich, "empfehle Ihnen dieses

Frauenzimmer als die bei Tage unermüdete Geschäftige, bei Nacht,

wenn's not tut, gleich bei der Hand, und immerfort die heiterste

Lebensbegleiterin."

Angela, so nannte man die durch Gestalt und Betragen einnehmende

Schöne, verkündigte sodann die Ankunft Makariens; ein grüner Vorhang

zog sich auf, und eine Ältliche, wunderwürdige Dame ward auf einem

Lehnsessel von zwei jungen, hübschen Mädchen hereingeschoben, wie von

zwei andern ein runder Tisch mit erwünschtem Frühstück. In einem

Winkel der ringsumher gehenden massiven eichenen Bänke waren Kissen

gelegt, darauf setzten sich die obigen dreie, Makarie in ihrem Sessel

gegen ihnen über. Felix verzehrte sein Frühstück stehend, im Saal

umherwandelnd und die ritterlichen Bilder über dem Getäfel neugierig

betrachtend.

Makarie sprach zu Wilhelm als einem Vertrauten, sie schien sich in

geistreicher Schilderung ihrer Verwandten zu erfreuen; es war, als

wenn sie die innere Natur eines jeden durch die ihn umgebende

individuelle Maske durchschaute. Die Personen, welche Wilhelm kannte,

standen wie verklärt vor seiner Seele, das einsichtige Wohlwollen der

unschätzbaren Frau hatte die Schale losgelöst und den gesunden Kern

veredelt und belebt.

Nachdem nun diese angenehmen Gegenstände durch die freundlichste

Behandlung erschöpft waren, sprach sie zu dem würdigen Gesellschafter:

"Sie werden von der Gegenwart dieses neuen Freundes nicht wiederum

Anlaß zu einer Entschuldigung finden und die versprochene

Unterhaltung abermals verspäten; er scheint von der Art, wohl auch

daran teilzunehmen."

Jener aber versetzte darauf: "Sie wissen, welche Schwierigkeit es

ist, sich über diese Gegenstände zu erklären, denn es ist von nichts

wenigerem als von dem Mißbrauch fürtrefflicher und weit auslangender

Mittel die Rede."

"Ich geb' es zu", versetzte Makarie, "denn man kommt in doppelte

Verlegenheit. Spricht man von Mißbrauch, so scheint man die Würde des

Mittels selbst anzutasten, denn es liegt ja immer noch in dem

Mißbrauch verborgen; spricht man von Mittel, so kann man kaum zugeben,

daß seine Gründlichkeit und Würde irgendeinen Mißbrauch zulasse.

Indessen, da wir unter uns sind, nichts festsetzen, nichts nach außen

wirken, sondern nur uns aufklären wollen, so kann das Gespräch immer

vorwärtsgehen."

"Doch müßten wir", versetzte der bedächtige Mann, "vorher anfragen,

ob unser neuer Freund auch Lust habe, an einer gewissermaßen abstrusen

Materie teilzunehmen, und ob er nicht vorzöge, in seinem Zimmer einer

nötigen Ruhe zu pflegen. Sollte wohl unsere Angelegenheit, außer dem

Zusammenhange, ohne Kenntnis, wie wir darauf gelangt, von ihm gern

und günstig aufgenommen werden?"

"Wenn ich das, was Sie gesagt haben, mir durch etwas Analoges

erklären möchte, so scheint es ungefähr der Fall zu sein, wenn man

die Heuchelei angreift und eines Angriffs auf die Religion

beschuldigt werden kann."

"Wir können die Analogie gelten lassen", versetzte der Hausfreund,

"denn es ist auch hier von einem Komplex mehrerer bedeutender

Menschen, von einer hohen Wissenschaft, von einer wichtigen Kunst und,

daß ich kurz sei, von der Mathematik die Rede."

"Ich habe", versetzte Wilhelm, "wenn ich auch über die fremdesten

Gegenstände sprechen hörte, mir immer etwas daraus nehmen können: denn

alles, was den einen Menschen interessiert, wird auch in dem andern

einen Anklang finden."

"Vorausgesetzt", sagte jener, "daß er sich eine gewisse Freiheit des

Geistes erworben habe; und da wir Ihnen dies zutrauen, so will ich

von meiner Seite wenigstens Ihrem Verharren nichts entgegenstellen."

"Was aber fangen wir mit Felix an?" fragte Makarie, "welcher, wie

ich sehe, mit der Betrachtung jener Bilder schon fertig ist und

einige Ungeduld merken läßt."

"Vergönnt mir, diesem Frauenzimmer etwas ins Ohr zu sagen",

versetzte Felix, raunte Angela etwas stille zu, die sich mit ihm

entfernte, bald aber lächelnd zurückkam, da denn der Hausfreund

folgendermaßen zu reden anfing.

"In solchen Fällen, wo man irgend eine Mißbilligung, einen Tadel,

auch nur ein Bedenken aussprechen soll, nehme ich nicht gern die

Initiative; ich suche mir eine Autorität, bei welcher ich mich

beruhigen kann, indem ich finde, daß mir ein anderer zur Seite steht.

Loben tu' ich ohne Bedenken, denn warum soll ich verschweigen, wenn

mir etwas zusagt? sollte es auch meine Beschränktheit ausdrücken, so

hab' ich mich deren nicht zu schämen; tadle ich aber, so kann mir

begegnen, daß ich etwas Fürtreffliches abweise, und dadurch zieh' ich

mir die Mißbilligung anderer zu, die es besser verstehen; ich muß mich

zurücknehmen, wenn ich aufgeklärt werde. Deswegen bring' ich hier

einiges Geschriebene, sogar übersetzungen mit: denn ich traue in

solchen Dingen meiner Nation so wenig als mir selbst; eine Zustimmung

aus der Ferne und Fremde scheint mir mehr Sicherheit zu geben." Er

fing nunmehr nach erhaltener Erlaubnis folgendermaßen zu lesen an.--

Wenn wir aber uns bewogen finden, diesen werten Mann nicht lesen zu

lassen, so werden es unsere Gönner wahrscheinlich geneigt aufnehmen,

denn was oben gegen das Verweilen Wilhelms bei dieser Unterhaltung

gesagt worden, gilt noch mehr in dem Falle, in welchem wir uns

befinden. Unsere Freunde haben einen Roman in die Hand genommen, und

wenn dieser hie und da schon mehr als billig didaktisch geworden, so

finden wir doch geraten, die Geduld unserer Wohlwollenden nicht noch

weiter auf die Probe zu stellen. Die Papiere, die uns vorliegen,

gedenken wir an einem andern Orte abdrucken zu lassen und fahren

diesmal im Geschichtlichen ohne weiteres fort, da wir selbst

ungeduldig sind, als obwaltende Rätsel endlich aufgeklärt zu sehen.

Enthalten können wir uns aber doch nicht, ferner einiges zu erwähnen,

was noch vor dem abendlichen Scheiden dieser edlen Gesellschaft zur

Sprache kam. Wilhelm, nachdem er jener Vorlesung aufmerksam zugehört,

äußerte ganz unbewunden: "Hier vernehme ich von großen Naturgaben,

Fähigkeiten und Fertigkeiten, und doch zuletzt, bei ihrer Anwendung,

manches Bedenken. Sollte ich mich darüber ins Kurze fassen, so würde

ich ausrufen: "Große Gedanken und ein reines Herz, das ist's, was wir

uns von Gott erbitten sollten!""

Diesen verständigen Worten Beifall gebend, löste die Versammlung

sich auf, der Astronom aber versprach, Wilhelm in dieser herrlichen,

klaren Nacht an den Wundern des gestirnten Himmels vollkommen

teilnehmen zu lassen.

Nach einigen Stunden ließ der Astronom seinen Gast die Treppen zur

Sternwarte sich hinaufwinden und zuletzt allein auf die völlig freie

Fläche eines runden, hohen Turmes heraustreten. Die heiterste Nacht,

von allen Sternen leuchtend und funkelnd, umgab den Schauenden,

welcher zum erstenmale das hohe Himmelsgewölbe in seiner ganzen

Herrlichkeit zu erblicken glaubte. Denn im gemeinen Leben,

abgerechnet die ungünstige Witterung, die uns so oft den Glanzraum

des Äthers verbirgt, hindern uns zu Hause bald Dächer und Giebel,

auswärts bald Wälder und Felsen, am meisten aber überall die inneren

Beunruhigungen des Gemüts, die, uns alle Umwelt mehr als Nebel und

Mißwetter zu verdüstern, sich hin und her bewegen.

Ergriffen und erstaunt hielt er sich beide Augen zu. Das Ungeheure

hört auf, erhaben zu sein, es überreicht unsre Fassungskraft, es

droht, uns zu vernichten. "Was bin ich denn gegen das All?" sprach

er zu seinem Geiste; "wie kann ich ihm gegenüber, wie kann ich in

seiner Mitte stehen?" Nach einem kurzen überdenken jedoch fuhr er

fort: "Das Resultat unsres heutigen Abends löst ja auch das Rätsel

des gegenwärtigen Augenblicks. Wie kann sich der Mensch gegen das

Unendliche stellen, als wenn er alle geistigen Kräfte, die nach

vielen Seiten hingezogen werden, in seinem Innersten, Tiefsten

versammelt, wenn er sich fragt: "Darfst du dich in der Mitte dieser

ewig lebendigen Ordnung auch nur denken, sobald sich nicht

gleichfalls in dir ein beharrlich Bewegtes, um einen reinen

Mittelpunkt kreisend, hervortut? Und selbst wenn es dir schwer würde,

diesen Mittelpunkt in deinem Busen aufzufinden, so würdest du ihn

daran erkennen, daß eine wohlwollende, wohltätige Wirkung von ihm

ausgeht und von ihm Zeugnis gibt."

Wer soll, wer kann aber auf sein vergangenes Leben zurückblicken,

ohne gewissermaßen irre zu werden, da er meistens finden wird, daß

sein Wollen richtig, sein Tun falsch, sein Begehren tadelhaft und

sein Erlangen dennoch erwünscht gewesen?

Wie oft hast du diese Gestirne leuchten gesehen, und haben sie dich

nicht jederzeit anders gefunden? sie aber sind immer dieselbigen und

sagen immer dasselbige: "Wir bezeichnen", wiederholten sie, "durch

unsern gesetzmäßigen Gang Tag und Stunde; frage dich auch, wie

verhältst du dich zu Tag und Stunde?"--Und so kann ich denn diesmal

antworten: "Des gegenwärtigen Verhältnisses hab' ich mich nicht zu

schämen, meine Absicht ist, einen edlen Familienkreis in allen seinen

Gliedern erwünscht verbunden herzustellen; der Weg ist bezeichnet.

Ich soll erforschen, was edle Seelen auseinanderhält, soll Hindernisse

wegräumen, von welcher Art sie auch seien." Dies darfst du vor

diesen himmlischen Heerscharen bekennen; achteten sie deiner, sie

würden zwar über deine Beschränktheit lächeln, aber sie ehrten gewiß

deinen Vorsatz und begünstigten dessen Erfüllung."

Bei diesen Worten oder Gedanken wendete er sich, umherzusehen, da

fiel ihm Jupiter in die Augen, das Glücksgestirn, so herrlich

leuchtend als je; er nahm das Omen als günstig auf und verharrte

freudig in diesem Anschauen eine Zeitlang.

Hierauf sogleich berief ihn der Astronom herabzukommen und ließ ihn

eben dieses Gestirn durch ein vollkommenes Fernrohr in bedeutender

Größe, begleitet von seinen Monden, als ein himmlisches Wunder

anschauen.

Als unser Freund lange darin versunken geblieben, wendete er sich um

und sprach zu dem Sternfreunde: "Ich weiß nicht, ob ich ihnen danken

soll, daß Sie mir dieses Gestirn so über alles Maß näher gerückt.

Als ich es vorhin sah, stand es im Verhältnis zu dem übrigen

Unzähligen des Himmels und zu mir selbst; jetzt aber tritt es in

meiner Einbildungskraft unverhältnismäßig hervor, und ich weiß nicht,

ob ich die übrigen Scharen gleicherweise heranzuführen wünschen sollte.

Sie werden mich einengen, mich beängstigen."

So erging sich unser Freund nach seiner Gewohnheit weiter, und es

kam bei dieser Gelegenheit manches Unerwartete zur Sprache. Auf

einiges Erwidern des Kunstverständigen versetzte Wilhelm: "Ich

begreife recht gut, daß es euch Himmelskundigen die größte Freude

gewähren muß, das ungeheure Weltall nach und nach so heranzuziehen,

wie ich hier den Planeten sah und sehe. Aber erlauben Sie mir, es

auszusprechen: ich habe im Leben überhaupt und im Durchschnitt

gefunden, daß diese Mittel, wodurch wir unsern Sinnen zu Hülfe kommen,

keine sittlich günstige Wirkung auf den Menschen ausüben. Wer durch

Brillen sieht, hält sich für klüger, als er ist, denn sein äußerer

Sinn wird dadurch mit seiner innern Urteilsfähigkeit außer

Gleichgewicht gesetzt; es gehört eine höhere Kultur dazu, deren nur

vorzügliche Menschen fähig sind, ihr Inneres, Wahres mit diesem von

außen herangerückten Falschen einigermaßen auszugleichen. Sooft ich

durch eine Brille sehe, bin ich ein anderer Mensch und gefalle mir

selbst nicht; ich sehe mehr, als ich sehen sollte, die schärfer

gesehene Welt harmoniert nicht mit meinem Innern, und ich lege die

Gläser geschwind wieder weg, wenn meine Neugierde, wie dieses oder

jenes in der Ferne beschaffen sein möchte, befriedigt ist."

Auf einige scherzhafte Bemerkungen des Astronomen fuhr Wilhelm fort:

"Wir werden diese Gläser so wenig als irgendein Maschinenwesen aus

der Welt bannen, aber dem Sittenbeobachter ist es wichtig, zu

erforschen und zu wissen, woher sich manches in die Menschheit

eingeschlichen hat, worüber man sich beklagt. So bin ich z. B.

überzeugt, daß die Gewohnheit, Annäherungsbrillen zu tragen, an dem

Dünkel unserer jungen Leute hauptsächlich schuld hat."

Unter diesen Gesprächen war die Nacht weit vorgerückt, worauf der im

Wachen bewährte Mann seinem jungen Freunde den Vorschlag tat, sich

auf dem Feldbette niederzulegen und einige Zeit zu schlafen, um

alsdann mit frischerem Blick die dem Aufgang der Sonne voreilende

Venus, welche eben heute in ihrem vollendeten Glanze zu erscheinen

verspräche, zu schauen und zu begrüßen.

Wilhelm, der sich bis auf den Augenblick recht straff und munter

erhalten hatte, fühlte auf diese Anmutung des wohlwollenden,

vorsorglichen Mannes sich wirklich erschöpft, er legte sich nieder

und war augenblicklich in den tiefsten Schlaf gesunken.

Geweckt von dem Sternkundigen sprang Wilhelm auf und eilte zum

Fenster: dort staunte, starrte er einen Augenblick, dann rief er

enthusiastisch: "Welche Herrlichkeit! welch ein Wunder!" Andere Worte

des Entzückens folgten, aber ihm blieb der Anblick immer ein Wunder,

ein großes Wunder.

"Daß Ihnen dieses liebenswürdige Gestirn, das heute in Fülle und

Herrlichkeit wie selten erscheint, überraschend entgegentreten würde,

konnt' ich voraussehen, aber das darf ich wohl aussprechen, ohne kalt

gescholten zu werden: kein Wunder seh' ich, durchaus kein Wunder!"

"Wie könnten Sie auch?" versetzte Wilhelm, "da ich es mitbringe, da

ich es in mir trage, da ich nicht weiß, wie mir geschieht. Lassen

Sie mich noch immer stumm und staunend hinblicken, sodann vernehmen

Sie!" Nach einer Pause fuhr er fort: "Ich lag sanft, aber tief

eingeschlafen, da fand ich mich in den gestrigen Saal versetzt, aber

allein. Der grüne Vorhang ging auf, Makariens Sessel bewegte sich

hervor, von selbst wie ein belebtes Wesen; er glänzte golden, ihre

Kleider schienen priesterlich, ihr Anblick leuchtete sanft; ich war

im Begriff, mich niederzuwerfen. Wolken entwickelten sich um ihre

Füße, steigend hoben sie flügelartig die heilige Gestalt empor, an

der Stelle ihres herrlichen Angesichtes sah ich zuletzt, zwischen

sich teilendem Gewölk, einen Stern blinken, der immer aufwärts

getragen wurde und durch das eröffnete Deckengewölbe sich mit dem

ganzen Sternhimmel vereinigte, der sich immer zu verbreiten und alles

zu umschließen schien. In dem Augenblick wecken Sie mich auf,

schlaftrunken taumle ich nach dem Fenster, den Stern noch lebhaft in

meinem Auge, und wie ich nun hinblicke der Morgenstern, von gleicher

Schönheit, obschon vielleicht nicht von gleicher strahlender

Herrlichkeit, wirklich vor mir! Dieser wirkliche, da droben

schwebende Stern setzte sich an die Stelle des geträumten, er zehrt

auf, was an dem erscheinenden Herrliches war, aber ich schaue doch

fort und fort, und Sie schauen ja mit mir, was eigentlich vor meinen

Augen zugleich mit dem Nebel des Schlafes hätte verschwinden sollen."

Der Astronom rief aus: "Wunder, ja Wunder! Sie wissen selbst nicht,

welche wundersame Rede Sie führten. Möge uns nur dies nicht auf den

Abschied der Herrlichen hindeuten, welcher früher oder später eine

solche Apotheose beschieden ist."

Den andern Morgen eilte Wilhelm, um seinen Felix aufzusuchen, der

sich früh ganz in der Stille weggeschlichen hatte, nach dem Garten,

den er zu seiner Verwunderung durch eine Anzahl Mädchen bearbeitet

sah; alle, wo nicht schön, doch keine häßlich, keine, die das

zwanzigste Jahr erreicht zu haben schien. Sie waren verschiedentlich

gekleidet, als verschiedenen Ortschaften angehörig, tätig, heiter

grüßend und fortarbeitend.

Ihm begegnete Angela, welche die Arbeit anzuordnen und zu beurteilen

auf und ab ging; ihr ließ der Gast seine Verwunderung über eine so

hübsche, lebenstätige Kolonie vermerken. "Diese", versetzte sie,

"stirbt nicht aus, ändert sich, aber bleibt immer dieselbe. Denn mit

dem zwanzigsten Jahr treten diese, so wie die sämtlichen

Bewohnerinnen unserer Stiftung, ins tätige Leben, meistens in den

Ehestand. Alle jungen Männer der Nachbarschaft, die sich eine

wackere Gattin wünschen, sind aufmerksam auf dasjenige, was sich bei

uns entwickelt. Auch sind unsre Zöglinge hier nicht etwan eingesperrt,

sie haben sich schon auf manchem Jahrmarkte umgesehen, sind gesehen

worden, gewünscht und verlobt; und so warten denn mehrere Familien

schon aufmerksam, wenn bei uns wieder Platz wird, um die Ihrigen

einzuführen." Nachdem diese Angelegenheit besprochen war, konnte der

Gast seiner neuen Freundin den Wunsch nicht bergen, das gestern abend

Vorgelesene nochmals durchzusehen. "Den Hauptsinn der Unterhaltung

habe ich gefaßt", sagte er; "nun möcht' ich aber auch das einzelne,

wovon die Rede war, näher kennen lernen."

"Diesen Wunsch", versetzte jene, "zu befriedigen, finde ich mich

glücklicherweise sogleich in dem Falle; das Verhältnis, das Ihnen so

schnell zu unserm Innersten gegeben ward, berechtigt mich, Ihnen zu

sagen, daß jene Papiere schon in meinen Händen und von mir nebst

andern Blättern sorgfältig aufgehoben werden. Meine Herrin", fuhr

sie fort, "ist von der Wichtigkeit des augenblicklichen Gesprächs

höchlich überzeugt; dabei gehe vorüber, sagt sie, was kein Buch

enthält, und doch wieder das Beste, was Bücher jemals enthalten haben.

Deshalb machte sie mir's zur Pflicht, einzelne gute Gedanken

aufzubewahren, die aus einem geistreichen Gespräch, wie Samenkörner

aus einer vielästigen Pflanze, hervorspringen. "Ist man treu", sagt

sie, "das Gegenwärtige festzuhalten, so wird man erst Freude an der

überlieferung haben, indem wir den besten Gedanken schon

ausgesprochen, das liebenswürdigste Gefühl schon ausgedrückt finden.

Hiedurch kommen wir zum Anschauen jener übereinstimmung, wozu der

Mensch berufen ist, wozu er sich oft wider seinen Willen finden muß,

da er sich gar zu gern einbildet, die Welt fange mit ihm von vorne an.

""

Angela fuhr fort, dem Gaste weiter zu vertrauen, daß dadurch ein

bedeutendes Archiv entstanden sei, woraus sie in schlaflosen Nächten

manchmal ein Blatt Makarien vorlese; bei welcher Gelegenheit denn

wieder auf eine merkwürdige Weise tausend Einzelnheiten

hervorspringen, eben als wenn eine Masse Quecksilber fällt und sich

nach allen Seiten hin in die vielfachsten unzähligen Kügelchen

zerteilt.

Auf seine Frage, inwiefern dieses Archiv als Geheimnis bewahrt werde,

eröffnete sie: daß allerdings nur die nächste Umgebung davon

Kenntnis habe, doch wolle sie es wohl verantworten und ihm, da er

Lust bezeige, sogleich einige Hefte vorlegen.

Unter diesem Gartengespräche waren sie gegen das Schloß gelangt, und

in die Zimmer eines Seitengebäudes eintretend, sagte sie lächelnd:

"Ich habe bei dieser Gelegenheit Ihnen noch ein Geheimnis zu

vertrauen, worauf Sie am wenigsten vorbereitet sind." Sie ließ ihn

darauf durch einen Vorhang in ein Kabinett hineinblicken, wo er,

freilich zu großer Verwunderung, seinen Felix schreibend an einem

Tische sitzen sah und sich nicht gleich diesen unerwarteten Fleiß

enträtseln konnte. Bald aber ward er belehrt, als Angela ihm

entdeckte, daß der Knabe jenen Augenblick seines Verschwindens hiezu

angewendet und erklärt, Schreiben und Reiten sei das einzige, wozu er

Lust habe.

Unser Freund ward sodann in ein Zimmer geführt, wo er in Schränken

ringsum viele wohlgeordnete Papiere zu sehen hatte. Rubriken mancher

Art deuteten auf den verschiedensten Inhalt, Einsicht und Ordnung

leuchtete hervor. Als nun Wilhelm solche Vorzüge pries, eignete das

Verdienst derselben Angela dem Hausfreunde zu; die Anlage nicht allein,

sondern auch in schwierigen Fällen die Einschaltung wisse er mit

eigener übersicht bestimmt zu leiten. Darauf suchte sie die gestern

vorgelesenen Manuskripte vor und vergönnte dem Begierigen, sich

derselben sowie alles übrigen zu bedienen und nicht nur Einsicht

davon, sondern auch Abschrift zu nehmen.

Hier nun mußte der Freund bescheiden zu Werke gehen, denn es fand

sich nur allzuviel Anziehendes und Wünschenswertes; besonders achtete

er die Hefte kurzer, kaum zusammenhängender Sätze höchst

schätzenswert. Resultate waren es, die, wenn wir nicht ihre

Veranlassung wissen, als paradox erscheinen, uns aber nötigen,

vermittelst eines umgekehrten Findens und Erfindens rückwärtszugehen

und uns die Filiation solcher Gedanken von weit her, von unten herauf

wo möglich zu vergegenwärtigen.

Auch dergleichen dürfen wir aus oben angeführten Ursachen keinen

Platz einräumen. Jedoch werden wir die erste sich darbietende

Gelegenheit nicht versäumen und am schicklichen Orte auch das hier

Gewonnene mit Auswahl darzubringen wissen.

Am dritten Tage morgens begab sich unser Freund zu Angela, und nicht

ohne einige Verlegenheit stand er vor ihr. "Heute soll ich scheiden",

sprach er, "und von der trefflichen Frau, bei der ich gestern den

ganzen Tag leider nicht vorgelassen worden, meine letzten Aufträge

erhalten. Hier nun liegt mir etwas auf dem Herzen, auf dem ganzen

innern Sinn, worüber ich aufgeklärt zu sein wünschte. Wenn es

möglich ist, so gönnen Sie mir diese Wohltat."

"Ich glaube Sie zu verstehen", sagte die Angenehme, "doch sprechen

Sie weiter."--"Ein wunderbarer Traum", fuhr er fort, "einige Worte

des ernsten Himmelskundigen, ein abgesondertes, verschlossenes Fach

in den zugänglichen Schränken, mit der Inschrift: "Makariens

Eigenheiten", diese Veranlassungen gesellen sich zu einer innern

Stimme, die mir zuruft, die Bemühung um jene Himmelslichter sei nicht

etwa nur eine wissenschaftliche Liebhaberei, ein Bestreben nach

Kenntnis des Sternenalls, vielmehr sei zu vermuten: es liege hier ein

ganz eigenes Verhältnis Makariens zu den Gestirnen verborgen, das zu

erkennen mir höchst wichtig sein müßte. Ich bin weder neugierig noch

zudringlich, aber dies ist ein so wissenswerter Fall für den

Geist--und Sinnforscher, daß ich mich nicht enthalten kann anzufragen:

ob man zu so vielem Vertrauen nicht auch noch dieses übermaß zu

vergönnen belieben möchte?"--"Dieses zu gewähren, bin ich berechtigt",

versetzte die Gefällige. "Ihr merkwürdiger Traum ist zwar Makarien

ein Geheimnis geblieben, aber ich habe mit dem Hausfreund Ihr

sonderbares geistiges Eingreifen, Ihr unvermutetes Erfassen der

tiefsten Geheimnisse betrachtet und überlegt, und wir dürfen uns

ermutigen, Sie weiterzuführen. Lassen Sie mich nun zuvörderst

gleichnisweise reden! Bei schwer begreiflichen Dingen tut man wohl,

sich auf diese Weise zu helfen.

Wie man von dem Dichter sagt, die Elemente der sichtlichen Welt

seien in seiner Natur innerlichst verborgen und hätten sich nur aus

ihm nach und nach zu entwickeln, daß ihm nichts in der Welt zum

Anschauen komme, was er nicht vorher in der Ahnung gelebt: ebenso sind,

wie es scheinen will, Makarien die Verhältnisse unsres Sonnensystems

von Anfang an, erst ruhend, sodann sich nach und nach entwickelnd,

fernerhin sich immer deutlicher belebend, gründlich eingeboren. Erst

litt sie an diesen Erscheinungen, dann vergnügte sie sich daran, und

mit den Jahren wuchs das Entzücken. Nicht eher jedoch kam sie

hierüber zur Einheit und Beruhigung, als bis sie den Beistand, den

Freund gewonnen hatte, dessen Verdienst Sie auch schon genugsam kennen

lernten.

Als Mathematiker und Philosoph ungläubig von Anfang, war er lange

zweifelhaft, ob diese Anschauung nicht etwa angelernt sei; denn

Makarie mußte gestehen, frühzeitig Unterricht in der Astronomie

genossen und sich leidenschaftlich damit beschäftigt zu haben.

Daneben berichtete sie aber auch: wie sie viele Jahre ihres Lebens

die innern Erscheinungen mit dem äußern Gewahrwerden zusammengehalten

und verglichen, aber niemals hierin eine übereinstimmung finden

können.

Der Wissende ließ sich hierauf dasjenige, was sie schaute, welches

ihr nur von Zeit zu Zeit ganz deutlich war, auf das genaueste

vortragen, stellte Berechnungen an und folgerte daraus, daß sie nicht

sowohl das ganze Sonnensystem in sich trage, sondern daß sie sich

vielmehr geistig als ein integrierender Teil darin bewege. Er verfuhr

nach dieser Voraussetzung, und seine Calculs wurden auf eine

unglaubliche Weise durch ihre Aussagen bestätigt.

So viel nur darf ich Ihnen diesmal vertrauen, und auch dieses

eröffne ich nur mit der dringenden Bitte, gegen niemanden hievon

irgendein Wort zu erwähnen. Denn sollte nicht jeder Verständige und

Vernünftige, bei dem reinsten Wohlwollen, dergleichen äußerungen für

Phantasien, für übelverstandene Erinnerungen eines früher

eingelernten Wissens halten und erklären? Die Familie selbst weiß

nichts Näheres hievon, diese geheimen Anschauungen, die entzückenden

Gesichte sind es, die bei den Ihrigen als Krankheit gelten, wodurch

sie augenblicklich gehindert sei, an der Welt und ihren Interessen

teilzunehmen. Dies, mein Freund, verwahren Sie im stillen und lassen

sich auch gegen Lenardo nichts merken."

Gegen Abend ward unser Wanderer Makarien nochmals vorgestellt; gar

manches anmutig Belehrende kam zur Sprache, davon wir nachstehendes

auswählen.

"Von Natur besitzen wir keinen Fehler, der nicht zur Tugend, keine

Tugend, die nicht zum Fehler werden könnte. Diese letzten sind

gerade die bedenklichsten. Zu dieser Betrachtung hat mir vorzüglich

der wunderbare Neffe Anlaß gegeben, der junge Mann, von dem Sie in der

Familie manches Seltsame gehört haben und den ich, wie die Meinigen

sagen, mehr als billig, schonend und liebend behandle.

Von Jugend auf entwickelte sich in ihm eine gewisse muntere,

technische Fertigkeit, der er sich ganz hingab und darin glücklich zu

mancher Kenntnis und Meisterschaft fortschritt. Späterhin war alles,

was er von Reisen nach Hause schickte, immer das Künstlichste,

Klügste, Feinste, Zarteste von Handarbeit, auf das Land hindeutend, wo

er sich eben befand und welches wir erraten sollten. Hieraus möchte

man schließen, daß er ein trockner, unteilnehmender, in

äußerlichkeiten befangener Mensch sei und bleibe; auch war er im

Gespräch zum Eingreifen an allgemeinen, sittlichen Betrachtungen nicht

aufgelegt, aber er besaß im stillen und geheimen einen wunderbar

feinen praktischen Takt des Guten und Bösen, des Löblichen und

Unlöblichen, daß ich ihn weder gegen Ältere noch jüngere, weder gegen

Obere noch Untere jemals habe fehlen sehen. Aber diese angeborne

Gewissenhaftigkeit, ungeregelt wie sie war, bildete sich im einzelnen

zu grillenhafter Schwäche; er mochte sogar sich Pflichten erfinden,

da wo sie nicht gefordert wurden, und sich ganz ohne Not irgendeinmal

als Schuldner bekennen.

Nach seinem ganzen Reiseverfahren, besonders aber nach den

Vorbereitungen zu seiner Wiederkunft, glaube ich, daß er wähnt,

früher ein weibliches Wesen unseres Kreises verletzt zu haben, deren

Schicksal ihn jetzt beunruhigt, wovon er sich befreit und erlöst

fühlen würde, sobald er vernehmen könnte, daß es ihr wohl gehe, und

das Weitere wird Angela mit Ihnen besprechen. Nehmen Sie

gegenwärtigen Brief und bereiten unsrer Familie ein glückliches

Zusammenfinden. Aufrichtig gestanden: ich wünschte, ihn auf dieser

Erde nochmals zu sehen und im Abscheiden ihn herzlich zu segnen."

Wilhelm Meisters Wanderjahre — Band 1 · 第 20 / 23 题