Vater und Sohn waren, von einem Reitknecht begleitet, durch eine
angenehme Gegend gekommen, als dieser, im Angesicht einer hohen Mauer,
die einen weiten Bezirk zu umschließen schien, stillehaltend,
bedeutete, sie möchten nun zu Fuße sich dem großen Tore nähern, weil
kein Pferd in diesen Kreis eingelassen würde. Sie zogen die Glocke,
das Tor eröffnete sich, ohne daß eine Menschengestalt sichtbar
geworden wäre, und sie gingen auf ein altes Gebäude los, das zwischen
uralten Stämmen von Buchen und Eichen ihnen entgegenschimmerte.
Wunderbar war es anzusehen, denn so alt es der Form nach schien, so
war es doch, als wenn Maurer und Steinmetzen soeben erst abgegangen
wären, dergestalt neu, vollständig und nett erschienen die Fugen wie
die ausgearbeiteten Verzierungen.
Der metallne, schwere Ring an einer wohlgeschnitzten Pforte lud sie
ein zu klopfen, welches Felix mutwillig etwas unsanft verrichtete;
auch diese Tür sprang auf, und sie fanden zunächst auf der Hausflur
ein Frauenzimmer sitzen von mittlerem Alter, am Stickrahmen mit einer
wohlgezeichneten Arbeit beschäftigt. Diese begrüßte sogleich die
Ankommenden als schon gemeldet und begann ein heiteres Lied zu singen,
worauf sogleich aus einer benachbarten Türe ein Frauenzimmer
heraustrat, das man für die Beschließerin und tätige Haushälterin,
nach den Anhängseln ihres Gürtels, ohne weiteres zu erkennen hatte.
Auch diese freundlich grüßend führte die Fremden eine Treppe hinauf
und eröffnete ihnen einen Saal, der sie ernsthaft ansprach, weit,
hoch, ringsum getäfelt, oben drüber eine Reihenfolge historischer
Schilderungen. Zwei Personen traten ihnen entgegen, ein jüngeres
Frauenzimmer und ein ältlicher Mann.
Jene hieß den Gast sogleich freimütig willkommen. "Sie sind", sagte
sie, "als einer der Unsern angemeldet. Wie soll ich Ihnen aber kurz
und gut den Gegenwärtigen vorstellen? Er ist unser Hausfreund im
schönsten und weitesten Sinne, bei Tage der belehrende Gesellschafter,
bei Nacht Astronom, und Arzt zu jeder Stunde."
"Und ich", versetzte dieser freundlich, "empfehle Ihnen dieses
Frauenzimmer als die bei Tage unermüdete Geschäftige, bei Nacht,
wenn's not tut, gleich bei der Hand, und immerfort die heiterste
Lebensbegleiterin."
Angela, so nannte man die durch Gestalt und Betragen einnehmende
Schöne, verkündigte sodann die Ankunft Makariens; ein grüner Vorhang
zog sich auf, und eine Ältliche, wunderwürdige Dame ward auf einem
Lehnsessel von zwei jungen, hübschen Mädchen hereingeschoben, wie von
zwei andern ein runder Tisch mit erwünschtem Frühstück. In einem
Winkel der ringsumher gehenden massiven eichenen Bänke waren Kissen
gelegt, darauf setzten sich die obigen dreie, Makarie in ihrem Sessel
gegen ihnen über. Felix verzehrte sein Frühstück stehend, im Saal
umherwandelnd und die ritterlichen Bilder über dem Getäfel neugierig
betrachtend.
Makarie sprach zu Wilhelm als einem Vertrauten, sie schien sich in
geistreicher Schilderung ihrer Verwandten zu erfreuen; es war, als
wenn sie die innere Natur eines jeden durch die ihn umgebende
individuelle Maske durchschaute. Die Personen, welche Wilhelm kannte,
standen wie verklärt vor seiner Seele, das einsichtige Wohlwollen der
unschätzbaren Frau hatte die Schale losgelöst und den gesunden Kern
veredelt und belebt.
Nachdem nun diese angenehmen Gegenstände durch die freundlichste
Behandlung erschöpft waren, sprach sie zu dem würdigen Gesellschafter:
"Sie werden von der Gegenwart dieses neuen Freundes nicht wiederum
Anlaß zu einer Entschuldigung finden und die versprochene
Unterhaltung abermals verspäten; er scheint von der Art, wohl auch
daran teilzunehmen."
Jener aber versetzte darauf: "Sie wissen, welche Schwierigkeit es
ist, sich über diese Gegenstände zu erklären, denn es ist von nichts
wenigerem als von dem Mißbrauch fürtrefflicher und weit auslangender
Mittel die Rede."
"Ich geb' es zu", versetzte Makarie, "denn man kommt in doppelte
Verlegenheit. Spricht man von Mißbrauch, so scheint man die Würde des
Mittels selbst anzutasten, denn es liegt ja immer noch in dem
Mißbrauch verborgen; spricht man von Mittel, so kann man kaum zugeben,
daß seine Gründlichkeit und Würde irgendeinen Mißbrauch zulasse.
Indessen, da wir unter uns sind, nichts festsetzen, nichts nach außen
wirken, sondern nur uns aufklären wollen, so kann das Gespräch immer
vorwärtsgehen."
"Doch müßten wir", versetzte der bedächtige Mann, "vorher anfragen,
ob unser neuer Freund auch Lust habe, an einer gewissermaßen abstrusen
Materie teilzunehmen, und ob er nicht vorzöge, in seinem Zimmer einer
nötigen Ruhe zu pflegen. Sollte wohl unsere Angelegenheit, außer dem
Zusammenhange, ohne Kenntnis, wie wir darauf gelangt, von ihm gern
und günstig aufgenommen werden?"
"Wenn ich das, was Sie gesagt haben, mir durch etwas Analoges
erklären möchte, so scheint es ungefähr der Fall zu sein, wenn man
die Heuchelei angreift und eines Angriffs auf die Religion
beschuldigt werden kann."
"Wir können die Analogie gelten lassen", versetzte der Hausfreund,
"denn es ist auch hier von einem Komplex mehrerer bedeutender
Menschen, von einer hohen Wissenschaft, von einer wichtigen Kunst und,
daß ich kurz sei, von der Mathematik die Rede."
"Ich habe", versetzte Wilhelm, "wenn ich auch über die fremdesten
Gegenstände sprechen hörte, mir immer etwas daraus nehmen können: denn
alles, was den einen Menschen interessiert, wird auch in dem andern
einen Anklang finden."
"Vorausgesetzt", sagte jener, "daß er sich eine gewisse Freiheit des
Geistes erworben habe; und da wir Ihnen dies zutrauen, so will ich
von meiner Seite wenigstens Ihrem Verharren nichts entgegenstellen."
"Was aber fangen wir mit Felix an?" fragte Makarie, "welcher, wie
ich sehe, mit der Betrachtung jener Bilder schon fertig ist und
einige Ungeduld merken läßt."
"Vergönnt mir, diesem Frauenzimmer etwas ins Ohr zu sagen",
versetzte Felix, raunte Angela etwas stille zu, die sich mit ihm
entfernte, bald aber lächelnd zurückkam, da denn der Hausfreund
folgendermaßen zu reden anfing.
"In solchen Fällen, wo man irgend eine Mißbilligung, einen Tadel,
auch nur ein Bedenken aussprechen soll, nehme ich nicht gern die
Initiative; ich suche mir eine Autorität, bei welcher ich mich
beruhigen kann, indem ich finde, daß mir ein anderer zur Seite steht.
Loben tu' ich ohne Bedenken, denn warum soll ich verschweigen, wenn
mir etwas zusagt? sollte es auch meine Beschränktheit ausdrücken, so
hab' ich mich deren nicht zu schämen; tadle ich aber, so kann mir
begegnen, daß ich etwas Fürtreffliches abweise, und dadurch zieh' ich
mir die Mißbilligung anderer zu, die es besser verstehen; ich muß mich
zurücknehmen, wenn ich aufgeklärt werde. Deswegen bring' ich hier
einiges Geschriebene, sogar übersetzungen mit: denn ich traue in
solchen Dingen meiner Nation so wenig als mir selbst; eine Zustimmung
aus der Ferne und Fremde scheint mir mehr Sicherheit zu geben." Er
fing nunmehr nach erhaltener Erlaubnis folgendermaßen zu lesen an.--
Wenn wir aber uns bewogen finden, diesen werten Mann nicht lesen zu
lassen, so werden es unsere Gönner wahrscheinlich geneigt aufnehmen,
denn was oben gegen das Verweilen Wilhelms bei dieser Unterhaltung
gesagt worden, gilt noch mehr in dem Falle, in welchem wir uns
befinden. Unsere Freunde haben einen Roman in die Hand genommen, und
wenn dieser hie und da schon mehr als billig didaktisch geworden, so
finden wir doch geraten, die Geduld unserer Wohlwollenden nicht noch
weiter auf die Probe zu stellen. Die Papiere, die uns vorliegen,
gedenken wir an einem andern Orte abdrucken zu lassen und fahren
diesmal im Geschichtlichen ohne weiteres fort, da wir selbst
ungeduldig sind, als obwaltende Rätsel endlich aufgeklärt zu sehen.
Enthalten können wir uns aber doch nicht, ferner einiges zu erwähnen,
was noch vor dem abendlichen Scheiden dieser edlen Gesellschaft zur
Sprache kam. Wilhelm, nachdem er jener Vorlesung aufmerksam zugehört,
äußerte ganz unbewunden: "Hier vernehme ich von großen Naturgaben,
Fähigkeiten und Fertigkeiten, und doch zuletzt, bei ihrer Anwendung,
manches Bedenken. Sollte ich mich darüber ins Kurze fassen, so würde
ich ausrufen: "Große Gedanken und ein reines Herz, das ist's, was wir
uns von Gott erbitten sollten!""
Diesen verständigen Worten Beifall gebend, löste die Versammlung
sich auf, der Astronom aber versprach, Wilhelm in dieser herrlichen,
klaren Nacht an den Wundern des gestirnten Himmels vollkommen
teilnehmen zu lassen.
Nach einigen Stunden ließ der Astronom seinen Gast die Treppen zur
Sternwarte sich hinaufwinden und zuletzt allein auf die völlig freie
Fläche eines runden, hohen Turmes heraustreten. Die heiterste Nacht,
von allen Sternen leuchtend und funkelnd, umgab den Schauenden,
welcher zum erstenmale das hohe Himmelsgewölbe in seiner ganzen
Herrlichkeit zu erblicken glaubte. Denn im gemeinen Leben,
abgerechnet die ungünstige Witterung, die uns so oft den Glanzraum
des Äthers verbirgt, hindern uns zu Hause bald Dächer und Giebel,
auswärts bald Wälder und Felsen, am meisten aber überall die inneren
Beunruhigungen des Gemüts, die, uns alle Umwelt mehr als Nebel und
Mißwetter zu verdüstern, sich hin und her bewegen.
Ergriffen und erstaunt hielt er sich beide Augen zu. Das Ungeheure
hört auf, erhaben zu sein, es überreicht unsre Fassungskraft, es
droht, uns zu vernichten. "Was bin ich denn gegen das All?" sprach
er zu seinem Geiste; "wie kann ich ihm gegenüber, wie kann ich in
seiner Mitte stehen?" Nach einem kurzen überdenken jedoch fuhr er
fort: "Das Resultat unsres heutigen Abends löst ja auch das Rätsel
des gegenwärtigen Augenblicks. Wie kann sich der Mensch gegen das
Unendliche stellen, als wenn er alle geistigen Kräfte, die nach
vielen Seiten hingezogen werden, in seinem Innersten, Tiefsten
versammelt, wenn er sich fragt: "Darfst du dich in der Mitte dieser
ewig lebendigen Ordnung auch nur denken, sobald sich nicht
gleichfalls in dir ein beharrlich Bewegtes, um einen reinen
Mittelpunkt kreisend, hervortut? Und selbst wenn es dir schwer würde,
diesen Mittelpunkt in deinem Busen aufzufinden, so würdest du ihn
daran erkennen, daß eine wohlwollende, wohltätige Wirkung von ihm
ausgeht und von ihm Zeugnis gibt."
Wer soll, wer kann aber auf sein vergangenes Leben zurückblicken,
ohne gewissermaßen irre zu werden, da er meistens finden wird, daß
sein Wollen richtig, sein Tun falsch, sein Begehren tadelhaft und
sein Erlangen dennoch erwünscht gewesen?
Wie oft hast du diese Gestirne leuchten gesehen, und haben sie dich
nicht jederzeit anders gefunden? sie aber sind immer dieselbigen und
sagen immer dasselbige: "Wir bezeichnen", wiederholten sie, "durch
unsern gesetzmäßigen Gang Tag und Stunde; frage dich auch, wie
verhältst du dich zu Tag und Stunde?"--Und so kann ich denn diesmal
antworten: "Des gegenwärtigen Verhältnisses hab' ich mich nicht zu
schämen, meine Absicht ist, einen edlen Familienkreis in allen seinen
Gliedern erwünscht verbunden herzustellen; der Weg ist bezeichnet.
Ich soll erforschen, was edle Seelen auseinanderhält, soll Hindernisse
wegräumen, von welcher Art sie auch seien." Dies darfst du vor
diesen himmlischen Heerscharen bekennen; achteten sie deiner, sie
würden zwar über deine Beschränktheit lächeln, aber sie ehrten gewiß
deinen Vorsatz und begünstigten dessen Erfüllung."
Bei diesen Worten oder Gedanken wendete er sich, umherzusehen, da
fiel ihm Jupiter in die Augen, das Glücksgestirn, so herrlich
leuchtend als je; er nahm das Omen als günstig auf und verharrte
freudig in diesem Anschauen eine Zeitlang.
Hierauf sogleich berief ihn der Astronom herabzukommen und ließ ihn
eben dieses Gestirn durch ein vollkommenes Fernrohr in bedeutender
Größe, begleitet von seinen Monden, als ein himmlisches Wunder
anschauen.
Als unser Freund lange darin versunken geblieben, wendete er sich um
und sprach zu dem Sternfreunde: "Ich weiß nicht, ob ich ihnen danken
soll, daß Sie mir dieses Gestirn so über alles Maß näher gerückt.
Als ich es vorhin sah, stand es im Verhältnis zu dem übrigen
Unzähligen des Himmels und zu mir selbst; jetzt aber tritt es in
meiner Einbildungskraft unverhältnismäßig hervor, und ich weiß nicht,
ob ich die übrigen Scharen gleicherweise heranzuführen wünschen sollte.
Sie werden mich einengen, mich beängstigen."
So erging sich unser Freund nach seiner Gewohnheit weiter, und es
kam bei dieser Gelegenheit manches Unerwartete zur Sprache. Auf
einiges Erwidern des Kunstverständigen versetzte Wilhelm: "Ich
begreife recht gut, daß es euch Himmelskundigen die größte Freude
gewähren muß, das ungeheure Weltall nach und nach so heranzuziehen,
wie ich hier den Planeten sah und sehe. Aber erlauben Sie mir, es
auszusprechen: ich habe im Leben überhaupt und im Durchschnitt
gefunden, daß diese Mittel, wodurch wir unsern Sinnen zu Hülfe kommen,
keine sittlich günstige Wirkung auf den Menschen ausüben. Wer durch
Brillen sieht, hält sich für klüger, als er ist, denn sein äußerer
Sinn wird dadurch mit seiner innern Urteilsfähigkeit außer
Gleichgewicht gesetzt; es gehört eine höhere Kultur dazu, deren nur
vorzügliche Menschen fähig sind, ihr Inneres, Wahres mit diesem von
außen herangerückten Falschen einigermaßen auszugleichen. Sooft ich
durch eine Brille sehe, bin ich ein anderer Mensch und gefalle mir
selbst nicht; ich sehe mehr, als ich sehen sollte, die schärfer
gesehene Welt harmoniert nicht mit meinem Innern, und ich lege die
Gläser geschwind wieder weg, wenn meine Neugierde, wie dieses oder
jenes in der Ferne beschaffen sein möchte, befriedigt ist."
Auf einige scherzhafte Bemerkungen des Astronomen fuhr Wilhelm fort:
"Wir werden diese Gläser so wenig als irgendein Maschinenwesen aus
der Welt bannen, aber dem Sittenbeobachter ist es wichtig, zu
erforschen und zu wissen, woher sich manches in die Menschheit
eingeschlichen hat, worüber man sich beklagt. So bin ich z. B.
überzeugt, daß die Gewohnheit, Annäherungsbrillen zu tragen, an dem
Dünkel unserer jungen Leute hauptsächlich schuld hat."
Unter diesen Gesprächen war die Nacht weit vorgerückt, worauf der im
Wachen bewährte Mann seinem jungen Freunde den Vorschlag tat, sich
auf dem Feldbette niederzulegen und einige Zeit zu schlafen, um
alsdann mit frischerem Blick die dem Aufgang der Sonne voreilende
Venus, welche eben heute in ihrem vollendeten Glanze zu erscheinen
verspräche, zu schauen und zu begrüßen.
Wilhelm, der sich bis auf den Augenblick recht straff und munter
erhalten hatte, fühlte auf diese Anmutung des wohlwollenden,
vorsorglichen Mannes sich wirklich erschöpft, er legte sich nieder
und war augenblicklich in den tiefsten Schlaf gesunken.
Geweckt von dem Sternkundigen sprang Wilhelm auf und eilte zum
Fenster: dort staunte, starrte er einen Augenblick, dann rief er
enthusiastisch: "Welche Herrlichkeit! welch ein Wunder!" Andere Worte
des Entzückens folgten, aber ihm blieb der Anblick immer ein Wunder,
ein großes Wunder.
"Daß Ihnen dieses liebenswürdige Gestirn, das heute in Fülle und
Herrlichkeit wie selten erscheint, überraschend entgegentreten würde,
konnt' ich voraussehen, aber das darf ich wohl aussprechen, ohne kalt
gescholten zu werden: kein Wunder seh' ich, durchaus kein Wunder!"
"Wie könnten Sie auch?" versetzte Wilhelm, "da ich es mitbringe, da
ich es in mir trage, da ich nicht weiß, wie mir geschieht. Lassen
Sie mich noch immer stumm und staunend hinblicken, sodann vernehmen
Sie!" Nach einer Pause fuhr er fort: "Ich lag sanft, aber tief
eingeschlafen, da fand ich mich in den gestrigen Saal versetzt, aber
allein. Der grüne Vorhang ging auf, Makariens Sessel bewegte sich
hervor, von selbst wie ein belebtes Wesen; er glänzte golden, ihre
Kleider schienen priesterlich, ihr Anblick leuchtete sanft; ich war
im Begriff, mich niederzuwerfen. Wolken entwickelten sich um ihre
Füße, steigend hoben sie flügelartig die heilige Gestalt empor, an
der Stelle ihres herrlichen Angesichtes sah ich zuletzt, zwischen
sich teilendem Gewölk, einen Stern blinken, der immer aufwärts
getragen wurde und durch das eröffnete Deckengewölbe sich mit dem
ganzen Sternhimmel vereinigte, der sich immer zu verbreiten und alles
zu umschließen schien. In dem Augenblick wecken Sie mich auf,
schlaftrunken taumle ich nach dem Fenster, den Stern noch lebhaft in
meinem Auge, und wie ich nun hinblicke der Morgenstern, von gleicher
Schönheit, obschon vielleicht nicht von gleicher strahlender
Herrlichkeit, wirklich vor mir! Dieser wirkliche, da droben
schwebende Stern setzte sich an die Stelle des geträumten, er zehrt
auf, was an dem erscheinenden Herrliches war, aber ich schaue doch
fort und fort, und Sie schauen ja mit mir, was eigentlich vor meinen
Augen zugleich mit dem Nebel des Schlafes hätte verschwinden sollen."
Der Astronom rief aus: "Wunder, ja Wunder! Sie wissen selbst nicht,
welche wundersame Rede Sie führten. Möge uns nur dies nicht auf den
Abschied der Herrlichen hindeuten, welcher früher oder später eine
solche Apotheose beschieden ist."
Den andern Morgen eilte Wilhelm, um seinen Felix aufzusuchen, der
sich früh ganz in der Stille weggeschlichen hatte, nach dem Garten,
den er zu seiner Verwunderung durch eine Anzahl Mädchen bearbeitet
sah; alle, wo nicht schön, doch keine häßlich, keine, die das
zwanzigste Jahr erreicht zu haben schien. Sie waren verschiedentlich
gekleidet, als verschiedenen Ortschaften angehörig, tätig, heiter
grüßend und fortarbeitend.
Ihm begegnete Angela, welche die Arbeit anzuordnen und zu beurteilen
auf und ab ging; ihr ließ der Gast seine Verwunderung über eine so
hübsche, lebenstätige Kolonie vermerken. "Diese", versetzte sie,
"stirbt nicht aus, ändert sich, aber bleibt immer dieselbe. Denn mit
dem zwanzigsten Jahr treten diese, so wie die sämtlichen
Bewohnerinnen unserer Stiftung, ins tätige Leben, meistens in den
Ehestand. Alle jungen Männer der Nachbarschaft, die sich eine
wackere Gattin wünschen, sind aufmerksam auf dasjenige, was sich bei
uns entwickelt. Auch sind unsre Zöglinge hier nicht etwan eingesperrt,
sie haben sich schon auf manchem Jahrmarkte umgesehen, sind gesehen
worden, gewünscht und verlobt; und so warten denn mehrere Familien
schon aufmerksam, wenn bei uns wieder Platz wird, um die Ihrigen
einzuführen." Nachdem diese Angelegenheit besprochen war, konnte der
Gast seiner neuen Freundin den Wunsch nicht bergen, das gestern abend
Vorgelesene nochmals durchzusehen. "Den Hauptsinn der Unterhaltung
habe ich gefaßt", sagte er; "nun möcht' ich aber auch das einzelne,
wovon die Rede war, näher kennen lernen."
"Diesen Wunsch", versetzte jene, "zu befriedigen, finde ich mich
glücklicherweise sogleich in dem Falle; das Verhältnis, das Ihnen so
schnell zu unserm Innersten gegeben ward, berechtigt mich, Ihnen zu
sagen, daß jene Papiere schon in meinen Händen und von mir nebst
andern Blättern sorgfältig aufgehoben werden. Meine Herrin", fuhr
sie fort, "ist von der Wichtigkeit des augenblicklichen Gesprächs
höchlich überzeugt; dabei gehe vorüber, sagt sie, was kein Buch
enthält, und doch wieder das Beste, was Bücher jemals enthalten haben.
Deshalb machte sie mir's zur Pflicht, einzelne gute Gedanken
aufzubewahren, die aus einem geistreichen Gespräch, wie Samenkörner
aus einer vielästigen Pflanze, hervorspringen. "Ist man treu", sagt
sie, "das Gegenwärtige festzuhalten, so wird man erst Freude an der
überlieferung haben, indem wir den besten Gedanken schon
ausgesprochen, das liebenswürdigste Gefühl schon ausgedrückt finden.
Hiedurch kommen wir zum Anschauen jener übereinstimmung, wozu der
Mensch berufen ist, wozu er sich oft wider seinen Willen finden muß,
da er sich gar zu gern einbildet, die Welt fange mit ihm von vorne an.
""
Angela fuhr fort, dem Gaste weiter zu vertrauen, daß dadurch ein
bedeutendes Archiv entstanden sei, woraus sie in schlaflosen Nächten
manchmal ein Blatt Makarien vorlese; bei welcher Gelegenheit denn
wieder auf eine merkwürdige Weise tausend Einzelnheiten
hervorspringen, eben als wenn eine Masse Quecksilber fällt und sich
nach allen Seiten hin in die vielfachsten unzähligen Kügelchen
zerteilt.
Auf seine Frage, inwiefern dieses Archiv als Geheimnis bewahrt werde,
eröffnete sie: daß allerdings nur die nächste Umgebung davon
Kenntnis habe, doch wolle sie es wohl verantworten und ihm, da er
Lust bezeige, sogleich einige Hefte vorlegen.
Unter diesem Gartengespräche waren sie gegen das Schloß gelangt, und
in die Zimmer eines Seitengebäudes eintretend, sagte sie lächelnd:
"Ich habe bei dieser Gelegenheit Ihnen noch ein Geheimnis zu
vertrauen, worauf Sie am wenigsten vorbereitet sind." Sie ließ ihn
darauf durch einen Vorhang in ein Kabinett hineinblicken, wo er,
freilich zu großer Verwunderung, seinen Felix schreibend an einem
Tische sitzen sah und sich nicht gleich diesen unerwarteten Fleiß
enträtseln konnte. Bald aber ward er belehrt, als Angela ihm
entdeckte, daß der Knabe jenen Augenblick seines Verschwindens hiezu
angewendet und erklärt, Schreiben und Reiten sei das einzige, wozu er
Lust habe.
Unser Freund ward sodann in ein Zimmer geführt, wo er in Schränken
ringsum viele wohlgeordnete Papiere zu sehen hatte. Rubriken mancher
Art deuteten auf den verschiedensten Inhalt, Einsicht und Ordnung
leuchtete hervor. Als nun Wilhelm solche Vorzüge pries, eignete das
Verdienst derselben Angela dem Hausfreunde zu; die Anlage nicht allein,
sondern auch in schwierigen Fällen die Einschaltung wisse er mit
eigener übersicht bestimmt zu leiten. Darauf suchte sie die gestern
vorgelesenen Manuskripte vor und vergönnte dem Begierigen, sich
derselben sowie alles übrigen zu bedienen und nicht nur Einsicht
davon, sondern auch Abschrift zu nehmen.
Hier nun mußte der Freund bescheiden zu Werke gehen, denn es fand
sich nur allzuviel Anziehendes und Wünschenswertes; besonders achtete
er die Hefte kurzer, kaum zusammenhängender Sätze höchst
schätzenswert. Resultate waren es, die, wenn wir nicht ihre
Veranlassung wissen, als paradox erscheinen, uns aber nötigen,
vermittelst eines umgekehrten Findens und Erfindens rückwärtszugehen
und uns die Filiation solcher Gedanken von weit her, von unten herauf
wo möglich zu vergegenwärtigen.
Auch dergleichen dürfen wir aus oben angeführten Ursachen keinen
Platz einräumen. Jedoch werden wir die erste sich darbietende
Gelegenheit nicht versäumen und am schicklichen Orte auch das hier
Gewonnene mit Auswahl darzubringen wissen.
Am dritten Tage morgens begab sich unser Freund zu Angela, und nicht
ohne einige Verlegenheit stand er vor ihr. "Heute soll ich scheiden",
sprach er, "und von der trefflichen Frau, bei der ich gestern den
ganzen Tag leider nicht vorgelassen worden, meine letzten Aufträge
erhalten. Hier nun liegt mir etwas auf dem Herzen, auf dem ganzen
innern Sinn, worüber ich aufgeklärt zu sein wünschte. Wenn es
möglich ist, so gönnen Sie mir diese Wohltat."
"Ich glaube Sie zu verstehen", sagte die Angenehme, "doch sprechen
Sie weiter."--"Ein wunderbarer Traum", fuhr er fort, "einige Worte
des ernsten Himmelskundigen, ein abgesondertes, verschlossenes Fach
in den zugänglichen Schränken, mit der Inschrift: "Makariens
Eigenheiten", diese Veranlassungen gesellen sich zu einer innern
Stimme, die mir zuruft, die Bemühung um jene Himmelslichter sei nicht
etwa nur eine wissenschaftliche Liebhaberei, ein Bestreben nach
Kenntnis des Sternenalls, vielmehr sei zu vermuten: es liege hier ein
ganz eigenes Verhältnis Makariens zu den Gestirnen verborgen, das zu
erkennen mir höchst wichtig sein müßte. Ich bin weder neugierig noch
zudringlich, aber dies ist ein so wissenswerter Fall für den
Geist--und Sinnforscher, daß ich mich nicht enthalten kann anzufragen:
ob man zu so vielem Vertrauen nicht auch noch dieses übermaß zu
vergönnen belieben möchte?"--"Dieses zu gewähren, bin ich berechtigt",
versetzte die Gefällige. "Ihr merkwürdiger Traum ist zwar Makarien
ein Geheimnis geblieben, aber ich habe mit dem Hausfreund Ihr
sonderbares geistiges Eingreifen, Ihr unvermutetes Erfassen der
tiefsten Geheimnisse betrachtet und überlegt, und wir dürfen uns
ermutigen, Sie weiterzuführen. Lassen Sie mich nun zuvörderst
gleichnisweise reden! Bei schwer begreiflichen Dingen tut man wohl,
sich auf diese Weise zu helfen.
Wie man von dem Dichter sagt, die Elemente der sichtlichen Welt
seien in seiner Natur innerlichst verborgen und hätten sich nur aus
ihm nach und nach zu entwickeln, daß ihm nichts in der Welt zum
Anschauen komme, was er nicht vorher in der Ahnung gelebt: ebenso sind,
wie es scheinen will, Makarien die Verhältnisse unsres Sonnensystems
von Anfang an, erst ruhend, sodann sich nach und nach entwickelnd,
fernerhin sich immer deutlicher belebend, gründlich eingeboren. Erst
litt sie an diesen Erscheinungen, dann vergnügte sie sich daran, und
mit den Jahren wuchs das Entzücken. Nicht eher jedoch kam sie
hierüber zur Einheit und Beruhigung, als bis sie den Beistand, den
Freund gewonnen hatte, dessen Verdienst Sie auch schon genugsam kennen
lernten.
Als Mathematiker und Philosoph ungläubig von Anfang, war er lange
zweifelhaft, ob diese Anschauung nicht etwa angelernt sei; denn
Makarie mußte gestehen, frühzeitig Unterricht in der Astronomie
genossen und sich leidenschaftlich damit beschäftigt zu haben.
Daneben berichtete sie aber auch: wie sie viele Jahre ihres Lebens
die innern Erscheinungen mit dem äußern Gewahrwerden zusammengehalten
und verglichen, aber niemals hierin eine übereinstimmung finden
können.
Der Wissende ließ sich hierauf dasjenige, was sie schaute, welches
ihr nur von Zeit zu Zeit ganz deutlich war, auf das genaueste
vortragen, stellte Berechnungen an und folgerte daraus, daß sie nicht
sowohl das ganze Sonnensystem in sich trage, sondern daß sie sich
vielmehr geistig als ein integrierender Teil darin bewege. Er verfuhr
nach dieser Voraussetzung, und seine Calculs wurden auf eine
unglaubliche Weise durch ihre Aussagen bestätigt.
So viel nur darf ich Ihnen diesmal vertrauen, und auch dieses
eröffne ich nur mit der dringenden Bitte, gegen niemanden hievon
irgendein Wort zu erwähnen. Denn sollte nicht jeder Verständige und
Vernünftige, bei dem reinsten Wohlwollen, dergleichen äußerungen für
Phantasien, für übelverstandene Erinnerungen eines früher
eingelernten Wissens halten und erklären? Die Familie selbst weiß
nichts Näheres hievon, diese geheimen Anschauungen, die entzückenden
Gesichte sind es, die bei den Ihrigen als Krankheit gelten, wodurch
sie augenblicklich gehindert sei, an der Welt und ihren Interessen
teilzunehmen. Dies, mein Freund, verwahren Sie im stillen und lassen
sich auch gegen Lenardo nichts merken."
Gegen Abend ward unser Wanderer Makarien nochmals vorgestellt; gar
manches anmutig Belehrende kam zur Sprache, davon wir nachstehendes
auswählen.
"Von Natur besitzen wir keinen Fehler, der nicht zur Tugend, keine
Tugend, die nicht zum Fehler werden könnte. Diese letzten sind
gerade die bedenklichsten. Zu dieser Betrachtung hat mir vorzüglich
der wunderbare Neffe Anlaß gegeben, der junge Mann, von dem Sie in der
Familie manches Seltsame gehört haben und den ich, wie die Meinigen
sagen, mehr als billig, schonend und liebend behandle.
Von Jugend auf entwickelte sich in ihm eine gewisse muntere,
technische Fertigkeit, der er sich ganz hingab und darin glücklich zu
mancher Kenntnis und Meisterschaft fortschritt. Späterhin war alles,
was er von Reisen nach Hause schickte, immer das Künstlichste,
Klügste, Feinste, Zarteste von Handarbeit, auf das Land hindeutend, wo
er sich eben befand und welches wir erraten sollten. Hieraus möchte
man schließen, daß er ein trockner, unteilnehmender, in
äußerlichkeiten befangener Mensch sei und bleibe; auch war er im
Gespräch zum Eingreifen an allgemeinen, sittlichen Betrachtungen nicht
aufgelegt, aber er besaß im stillen und geheimen einen wunderbar
feinen praktischen Takt des Guten und Bösen, des Löblichen und
Unlöblichen, daß ich ihn weder gegen Ältere noch jüngere, weder gegen
Obere noch Untere jemals habe fehlen sehen. Aber diese angeborne
Gewissenhaftigkeit, ungeregelt wie sie war, bildete sich im einzelnen
zu grillenhafter Schwäche; er mochte sogar sich Pflichten erfinden,
da wo sie nicht gefordert wurden, und sich ganz ohne Not irgendeinmal
als Schuldner bekennen.
Nach seinem ganzen Reiseverfahren, besonders aber nach den
Vorbereitungen zu seiner Wiederkunft, glaube ich, daß er wähnt,
früher ein weibliches Wesen unseres Kreises verletzt zu haben, deren
Schicksal ihn jetzt beunruhigt, wovon er sich befreit und erlöst
fühlen würde, sobald er vernehmen könnte, daß es ihr wohl gehe, und
das Weitere wird Angela mit Ihnen besprechen. Nehmen Sie
gegenwärtigen Brief und bereiten unsrer Familie ein glückliches
Zusammenfinden. Aufrichtig gestanden: ich wünschte, ihn auf dieser
Erde nochmals zu sehen und im Abscheiden ihn herzlich zu segnen."